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  • NAH AM WASSER GEBAUT

    Man muss sie einfach lieben, die deutsche Sprache. Sie wirkt eigentlich eher kantig und zackig („Achtung!“, Halt!“), verfügt aber doch über viele wunderbare Sprachbilder. Eines macht sich nun das Theater Kollektiv Die soziale Fiktion zu eigen: „Nah am Wasser gebaut“ sind Menschen, die leicht in Tränen ausbrechen - aber auch viele Städte und Stadtviertel, die entsprechende Gefühle bei uns auslösen. Wie beides zusammenpasst bzw. zusammengehört? Das haben wir uns angeschaut. Um alle Oldenburg-Fans gleich zu beruhigen: Nein, unsere Stadt ist nicht der Grund, warum manche von uns zur Traurigkeit neigen. Jedenfalls nicht im Speziellen. Es gibt aber auch hier durchaus Orte, Konstellationen und Situationen, die uns negativ fühlen lassen. Wir begegnen ihnen mehr oder weniger regelmäßig, manchmal ganz plötzlich und unerwartet, manchmal ohne es bewusst zu bemerken bzw. zuordnen zu können. Das Problem ist nicht die Stadt an sich, sondern die Art und Weise, wie wir sie heute gestalten - und die Gefühle, die das in uns auslöst. Wir alle kennen die menschlichen Silhouetten, die in den großen Plänen der Architekt:innen auftauchen. Render Ghosts nennt man sie. Scheinbar zufrieden und zielgerichtet leben sie in den Welten, die für sie erschaffen wurden. Gefühle? Sind untergeordnet, falls überhaupt vorhanden. Aber wie geht es uns - den realen Menschen - eigentlich im öffentlichen Raum? Was fühlen wir, wenn wir uns durch Beton- und Steinwüsten bewegen, flankiert von genormter Natur? Tut das gut? Oder fehlt uns was? Eine spannende Frage - deren Beantwortung angesichts ihrer Bedeutung viel zu kurz kommt. GASTSPIEL DIE SOZIALE FIKTION / FREISCHWIMMEN NAH AM WASSER GEBAUT DONNERSTAG, 20. OKTOBER, 20 UHR (TICKETS) FREITAG, 21. OKTOBER, 20 UHR (TICKETS) THEATER WREDE + KLÄVEMANNSTRAßE 16 26122 OLDENBURG Nichts ist sicher Da die Stadtplanung auf Funktionalität ausgerichtet ist, sich um diese Belange mithin wenig kümmert, übernimmt einmal mehr die Kultur. In diesem Fall: Die soziale Fiktion. Das Hildesheimer Kollektiv gründet für diesen Theaterabend einen Un–Sicherheitsdienst: Die INSECURITY hat es sich zur Aufgabe gemacht, „negative“ Gefühle wie Angst, Erschöpfung und Einsamkeit sichtbar zu machen. Ihr Ziel: Die als individuell und privat empfundenen Gefühle sollen in die Öffentlichkeit – raus aus den eigenen vier Wänden, raus auf die Straße, rein ins gesellschaftliche Bewusstsein. Die INSECURITY kennt nicht die Lösung, aber das Problem – und soll ein Geheimnis lüften, von dem alle wissen, über das aber niemand spricht. Die Soziale Fiktion setzt in „Nah am Wasser gebaut“ seine Beschäftigung mit der gesellschaftlichen Dimension von Gefühlen fort. Das Publikum ist eingeladen zu einer Mischung aus Werbe-Veranstaltung, Agit-Pop und Theater mit offenem Ende. Genialer Einfall Theater lässt hier einmal mehr die Grenzen der Unterhaltung hinter sich. Es beobachtet uns und die Welt, in der wir leben. Es registriert unsere Verhaltensweisen und erkennt Zusammenhänge. Es stellt Fragen und begibt sich auf die Suche nach Antworten. Und all das scheint auch nötig zu sein. Denn längst erschaffen wir uns Umgebungen, die bei genauerem Hinsehen im Grunde wenig lebenswert erscheinen. Das Besondere: Diesem Gastspiel ging vor zwei Wochen eine Talkshow voraus, die das Thema mit regionalen Akteuren zusammen mit dem Publikum vorab besprochen hat. Das wirkt vielleicht erstmal ungewöhnlich, aber eigentlich muss man stattdessen eher fragen, was für ein genialer Einfall das ist. Der zusätzliche Kontext bereichert beide Formate, das Thema wird intensiv beleuchtet und besprochen. Wer Lust auf innovatives, kreatives und wichtiges Theater hat, kann kaum besser bedient werden. Diese Doppel-Termine sind ohne Zweifel eine Bereicherung der Theaterlandschaft. Impulse und Akzente Das theater wrede + setzt damit seine neue Abendgestaltung fort. Unter dem Titel “Stage Mates“ möchte man die eigene Bühne verstärkt für freie Ensembles öffnen und damit auch für neue Impulse und Akzente. Das ist natürlich ein Experiment, schließlich haben auswärtige Kollektive keine Lobby in der Stadt, das Publikum muss also ad hoc gewonnen werden. Allerdings bietet dieser Ansatz die große Chance, Neues zu entdecken, ohne den Aufwand einer Reise auf sich zu nehmen. Der entscheidende Nachteil ist also gleichzeitig der entscheidende Vorteil: Wir wissen nicht, was uns erwartet. Wir kennen die Beteiligten nicht, wir wissen nicht, wie sie agieren. Die Frage ist: was löst das bei uns aus? Skepsis? Zweifel? Zurückhaltung? Oder vielleicht Neugier? Aufregung? Sogar Vorfreude? Alles ist möglich, alles wäre verständlich. Man findet es aber nur raus, wenn man hingeht und eintaucht. Und spätestens dann dürfte etwaige Zurückhaltung kein Thema mehr sein. Die Welt mit anderen Augen Zumal sich jetzt schon abzeichnet, dass nicht gerade gefällig-seichte Unterhaltung im Mittelpunkt steht, sondern große gesellschaftliche Themen. Die Formate weichen dabei recht stark von traditionellen Schauspielformaten ab, sind manchmal regelrecht experimenteller Natur. Aber das ist absolut kein Nachteil, sondern ein Vorteil. Denn sie bieten letztlich - um mal im Bild zu bleiben - einen kognitives Spielfeld an. Letztlich spielt es keine Rolle, ob du nah am Wasser gebaut bist oder nicht: Es lohnt sich, die eigenen Emotionen genau zu beobachten und zu hinterfragen. Das wird umso einfacher, wenn diese Reflexion theatralisch inszeniert und in einen spannenden Theaterabend eingebettet wird. Wagt also den Selbstversuch - uns seht die Welt mit anderen Augen.

  • KOLUMNE: AB JETZT WIE IMMER?

    Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Spielzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie unter www.staatstheater.de. Oder: hier. Ist das schon Normalität? In den letzten Wochen sind alle Oldenburger Theater nach und nach in die neue Spielzeit gestartet. Von der festlichen Gala über gefühlte Premieren und beliebte Klassiker bis zum Gastspiel war alles dabei, was sich das Kulturherz wünscht. Hatte Christian Firmbach doch Recht, als er im Frühsommer mit großer Vorfreude auf die kommenden Spielzeit – aber dennoch bewusst überspitzt – das Ende der Pandemie ausrief? Das lässt sich nicht eindeutig sagen, aber er befindet sich inzwischen in guter Gesellschaft. Zuletzt erklärte US-Präsident Joe Biden exakt dasselbe – ohne irgendwelche Ironie. Das neue Motto lautet: „Mit dem Virus leben“. Und ohne die Befürchtungen der Vorsichtigen zu überhören, scheint das der praktikabelste Weg zu sein, um nicht einige der wichtigsten Bereiche unseres Lebens weiter zu gefährden. Und dazu zählt die Kultur tatsächlich, trotz dominierender Themen wie Krieg, Klima- und Energiekrise. Was die Pandemie mit uns als Menschen – nicht in einem gesundheitlichen, sondern in einem emotionalen Sinne – gemacht hat, vermag noch niemand zu sagen. Die Rückkehr zu uns selbst Aber kommt es Ihnen nicht manchmal auch komisch vor, wie Sie auf bestimmte Dinge reagieren? Zögerlicher? Skeptischer? Ich stelle bei mir durchaus Veränderungen fest. Die müssen nichts mit Corona zu tun haben, haben sie aber wahrscheinlich doch. Ich bin überzeugt davon, dass es in unseren Leben Brüche gegeben hat, die wir erst noch wieder kitten müssen. Die Normalität mag faktisch schon wieder da sein. Die Frage ist nur: Sind wir schon bereit dafür? Und eine Antwort darauf gibt es auch schon: Die einen mehr, die anderen weniger. Es wird noch dauern, bis der zwischenzeitlich gerissene Faden zwischen Publikum und Kultur wieder seine alte Stärke hat. Mit dem Virus zu leben bedeutet letztlich auch, zu uns selbst zurückzukehren. Dorthin, wo – und wie – wir waren, bevor sich im März 2020 alles veränderte. Damals waren wir Oldenburger:innen ein interessiertes, aufgeschlossenes, aktives Kulturpublikum. Das sind wir nach wie vor; wir müssen diese Eigenschaft hier und da nur wieder freilegen. Dabei sind wir auch ein Stück weit gefordert. So gesund es war, sich in den letzten zwei Jahren zurückzuziehen, so ungesund wäre es, für immer damit fortzufahren. Es ist vertretbar zu sagen, dass man der Kultur – und damit sich selbst – eine Chance auf Alltag geben sollte. Übrigens: Wie sich die Lage im Sommer dieses Jahres für die Oldenburger Theater darstellte, können Sie im großen „Corona-Check“ auf dem Kulturschnack lesen. Neue Lust auf Normalität Die Kulturszene hat jedenfalls vorgelegt und bietet uns – wie immer, möchte man fast ergänzen – ein aufregendes Programm. Über die Premieren des Staatstheaters können sie auf diesen Seiten einiges lesen. Schon die Plakate, die man derzeit an den Ausfallstraßen sieht, machen ungeheuer Lust darauf, das Theater wieder in den persönlichen Alltag zu holen. Das gilt aber auch für viele anderen Institutionen und Akteure, die erstmals wieder mit einer gefühlten Planungssicherheit in eine Spielzeit starten. Ich freue mich zum Beispiel auf die Dö!-Konzertreihe der Kulturetage, die in ganz neues Format nach Oldenburg bringt. Aber auch die Island Begegnungen werden spannende Einblicke geben und der Start des Technical Ballroom in der Exerzierhalle ist jetzt schon dick im Kalender markiert. Ist das schon Normalität? Ich würde sagen; Ja. Vielleicht noch nicht ganz die alte, aber immerhin eine neue – und das ist ein guter Anfang.

  • RANDOM CONTENT: THE DEAD LOVE

    Es ist Herbst und sie geht wieder los: Die Diskussion über Corona, Fallzahlen, Absagen. Aber wisst ihr noch, wie es damals war, als die Pandemie in unser Leben trat? Als plötzlich nichts mehr ging und selbst das Einfachste kompliziert - oder sogar unmöglich - wurde? Erinnert ihr euch, wie sich das anfühlte? Was das mit euch gemacht habt? Und wie ihr darüber gedacht habt? Ich gebe zu: ich hab da gewisse Schwierigkeiten. Obwohl der März 2020 gerade zweieinhalb Jahre her ist, fühlt es sich an, als seien zweieinhalb Dekaden vergangen. Ich weiß nicht genau, woran das liegt - an einer schleichenden Zersetzung meines Gehirns oder an einem ausgeklügelten Schutzmechanismus meiner Psyche? Oder war mir das alles gar nicht wichtig genug und ich hab's mir einfach nicht gemerkt? „Feeling one tenth of my brain at capacity. I miss my friends, and I miss how it used to be.“ Nein, ich denke, letzteres können wir streichen. Aber woran auch immer es liegt, es spielt zum Glück keine große Rolle. Recht früh in der Pandemie habe ich nämlich etwas entdeckt habe, das meine Gedanken sehr genau widergespiegelt hat - und jederzeit abrufbar ist. „Nailed it“, hab ich damals gedacht. Und genau das denke ich heute auch. Hymne oder Shitty Grunge? Was das war? Die australische Band The Dead Love hat mitten in der Pandemie einen Song veröffentlicht, an dem einfach alles stimmte. Natürlich die Lyrics, aber die Musik hat die Message eben perfekt transportiert: Ein schleppendes Tempo, symbolisch für die erzwungene Entschleunigung, eine melancholische Grundstimmung, im Chorus aber mit der Energie des Eingesperrten, der den Ausbruch will. “Shitty Grunge“ nennt die Band ihren Stil selbstironisch - wohl wissend, dass er sehr viel mehr ist als das. Für mich ist „My Friends“ jedenfalls die Hymne der Pandemie und die Erinnerung daran, wie sich das anfühlte, was es mit mir gemacht hat und wie ich darüber gedacht habe. „Feeling like an animal bred in captivity Don't know what day it is, but it's killing me (It's killing me)“ Krise als Katalysator? Ist es tatsächlich so, dass Krisen die Kreativität triggern? Ist es wahr, dass man einschneidende Momente selbst erleben muss, um sie künstlerisch mitreißend umzusetzen? Ganz ehrlich: Ich hab keine Ahnung. Und wenn dem so ist, dann hätte ich lieber auf diesen Song verzichtet. Aber diese Gedankenspiele sind müßig, denn alles ist, wie es ist. Und deshalb freue ich, dass aus der Pandemie zumindest dieser Song hervorging. Can we both agree? I miss my friends, and I miss how it used to be (I miss my friends, and I miss how it used to be) Es stimmt zwar: Es ist Herbst und die Diskussion um Corona geht wieder los. Das war vollkommen unvermeidbar. Schließlich lieben wir Deutschen unsere Krisen und stürzen uns mit Hingabe in sie hinein. Etwas anderes stimmt aber auch: Die Dramatik ist eine andere. Wir sperren uns nicht mehr ein, wir leben mit Corona. Ich halte das für die einzig richtige Entscheidung und freue mich darüber. Sehr. Und deshalb ist es gut, dass die Gefühle von damals nur noch eine Erinnerung sind - die man auf Wunsch reaktivieren kann, wenn man den passenden Song hört.

  • EMAILS VON BJÖRK

    Es klingt kurios: Da schreiben sich die isländische Künstlerin Björk und der amerikanische Literaturwissenschaftler und Philosoph Timothy Morton ein paar Emails - und diese Konversation wird danach zur Kunst? Ja, tatsächlich: Die beiden tauschten sich im Vorfeld einer Björk-Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art aus - und die Unterhaltung wurde Bestandteil der Ausstellung und des dazugehörigen Buchs „Archives“. Was das alles mit Oldenburg zu tun hat? So einiges, wie wir erfahren haben. Würde man in einer Umfrage herausfinden wollen, wer der berühmteste Mensch aus Island ist, was wäre wohl das Ergebnis? Kulturschnack-Leser:innen würden vielleicht Jon Gnarr nennen, Historiker:innen natürlich Leif Eriksen, einige Fußballfans womöglich Eidur Gudjohnsen, aber die allermeisten dürften für Björk votieren. Nicht von ungefähr: Die eigenwillige Künstlerin bewegte sich immer seit dem Beginn ihrer Kariere in den frühen Neunzigern gekonnt im Grenzbereich zwischen Avantgarde und Pop. Obwohl sie auf diese Weise weltweit über 20 Millionen Tonträger verkaufte, blieb sie zu jedem Zeitpunkt rätselhaft genug, um nicht von der globalen Vermarktungsmaschinerie verbraucht zu werden. Im Gegenteil: Björk macht stets ihr eigenes „Ding“, widmete sich selbstbewusst ihrer Kunst - und etwaiger Erfolg war kollateraler Natur, das heißt er war nicht explizit gewollt, aber akzeptiert. Das Publikum schrieb diese nonchalante Eigenwilligkeit niemals gänzlich ihrer Person zu, sondern immer auch ihrem Herkunftsland: Island. Denn dort scheint eine stimulierende Atmosphäre zu herrschen, die nicht nur viele Künstler:innen hervorbringt, sondern eben auch herausragende Kunstwerke. Die Alleinlage im Nordatlantik hat sicherlich einige Nachteile - aber eben auch den Vorteil, sich sehr fokussiert mit den Fragen beschäftigen zu können, die einen bewegen. Björk ist das beste Beispiel dafür. I: Kontraste Und so ist es auch kein Zufall gewesen, dass es im Jahr 2014 zu einem regen Email-Austauch zwischen Björk und dem amerikanischen Philosophen Timothy Morton kam. Beide eint ein intensiver und emotionaler, gleichzeitig aber forschender und analytischer Blick auf die Welt; beide sind aber auch auf der Suche nach einer gewissen Leichtigkeit im Umgang damit. Dabei ergibt sich ein ähnliches Spannungsverhältnis wie jenes zischen Avantgarde und Pop - also eines, das Björk durchaus zu beherrschen weiß. Dass beide aus verschiedenen, mitunter gegensätzlich wirkenden Disziplinen kommen, macht ihren Austausch naturgemäß noch spannender: Wie fühlt es die Kunst, wie versteht es die Philosophie? Im Laufe ihrer Unterhaltung beschäftigen sich die beiden durchaus auch mit Alltäglichkeiten, vor allem aber mit großen Fragen zu Gesellschaft und Zusammenleben, zur Welt und ihrer Zukunft; und all das zwar intelligent, aber überraschend offen, locker und unterhaltsam. Aber wie setzt man solch eine Konversation in ein Kunstprojekt um? Das Museum of Modern Art hat es sich im Jahr 2015 vergleichsweise leicht gemacht: Die Texte blieben Texte und wurden zu Bestandteilen von Ausstellung und Buch. Doch mit dem New Yorker Ansatz gibt sich Oldenburg nicht zufrieden, die Kulturetage geht mit ihrer Inszenierung des ungewöhnlichen. Stoffs eine Schritt weiter als das MoMA. In „Björk meets Timothy“ wird nicht nur abgebildet, hier wir weiterentwickelt - und so entstand eine szenische Lesung mit neuen inhaltlichen Akzenten. BJÖRK MEETS TIMOTHY ODER: KÖNNEN KUNST UND PHILOSOPHIE UNSEREN PLANETEN RETTEN? SAMSTAG, 1. OKTOBER, 20 UHR (TICKETS) SONNTAG, 2. OKTOBER, 20 UHR (TICKETS) SAMSTAG, 8. OKTOBER, 20 UHR (TICKETS) SONNTAG, 9. OKTOBER, 20 UHR (TICKETS) TREFFPUNKT: KULTURETAGE BAHNHOFSTRAßE 11 26122 OLDENBURG II: Erweckungen Zunächst musste man natürlich die nie als Theaterstück gedachten Texte zum Leben erwecken, ihnen also eine theatralische Dimension verleihen. Wie muss sich das vorstellen? Sind Emails von Björk etwa so interessant, dass man sie ohne weiteres auf die Bühne bringen kann? Oder kommt sie vielleicht höchstselbst zur Premiere? Genau das haben wir Markus Weiß gefragt. Der muss es wissen, denn er führt die Regie bei diesem Stück. „Nein, weder Björk noch Timothy Morton treten auf“, zerstreut er allerdings sogleich jede Hoffnungen auf eine große Überraschung. Dennoch macht er neugierig: „Die Texte werden von Schauspieler*innen gelesen, welche Personen verkörpern, die in einer anderen Zeit und in einer ungewöhnlichen Umgebung leben. Diese Menschen bringen ihr Leben und ihre Beziehung mit in den Briefdialog.“ Es gibt also durchaus kreative Abweichungen vom Ausgangsmaterial - und da kommen noch mehr. Eine wichtige Rolle spielt nämlich auch der Reisebegleiter Anton Tausendwassa, der in der Lage ist, durch die Zeiten zu reisen und die Menschen dabei mitzunehmen. „Theater lebt vom Spiel, der Atmosphäre und vom Bühnenbild“, stellt Markus fest. „Das ist hier unbedingter Teil der inszenierten Lesung.“ Aber wie steht es um die Inhalte? Wenn sich eine bisweilen exzentrische Künstlerin mit einem bekannten Philosophen austauscht, ist das für die Allgemeinheit überhaupt noch verständlichen? „Oh ja“, stimmt Markus zu, “es ist tatsächlich eine sehr komplexe Konversation über Kunst, Musik, Ökologie, das Anthropozän und über Hoffnung in der Apokalypse.“ Doch gleichzeitig gibt er Entwarnung, was das Verständnis angeht: „Es ist eben auch ein durchaus humorvolles Miteinander.“ Es muss sich also niemand Sorgen machen. Die Zuschauer:innen erwartet eine spannende, inszenierte Lesung an einem interessanten Ort der Vergangenheit und Zukunft mit Musik und Gesang. „Und es ist wieder ein Stationstheater“, ergänzt Markus. „Die Zuschauer*innen sind mit den Protagonisten, die in verschiedenen Kulissen lesen und spielen, unterwegs.“ III: Ortswechsel Eine großes Geheimnis ist bisher noch der Ort des Geschehens. Nach den „Visionen“ ist dies nun schon das zweite Projekt, das nicht auf der angestammten Bühne im Bahnhofsviertel realisiert wird. Hat das Theater k etwa Fernweh? Markus winkt ab: „Es ist nicht das Fernweh, das uns nach draußen treibt. Die Etage ist schon immer gerne mit bestimmten Stücken an besondere Orte gegangen; an Orte, zu denen die wenigsten Zuschauer einen Zugang haben“, erklärt er die Philosophie. Eine Lesung der Texte hätte man auch im Studio machen können, aber dann wäre es eben eine Lesung gewesen. „Wir wollten etwas anderes und trauen uns Anfang Oktober mit den Zuschauer*innen nach draußen. Es ist eine unbekannter Text an einem unbekannten Ort.“ Aber welcher ist es denn nun? Dass die Oldenburger:innen ein Faible für die raren Lost Places in der Stadt haben, zeigten schon unsere Vorab-Berichte über den GleisPark und Ein außergewöhnliches Ereignis: Beide wurden vielfach geklickt. Markus will mit der Sprache aber noch nicht rausrücken. Stattdessen macht er mit einer Umschreibung sehr neugierig: „Wir haben den betreffenden Ort aus zwei Gründen gewählt", erzählt er. „Die Inszenierung ist Teil der Island-Begegnungen. Und für viele Menschen ist Island das Ideal der heilen Welt, worauf Björk auch in einer Mail zu spechen kommt. Unser Ort setzt dieser heilen Welt eine andere entgegen.“ Man darf also gespannt sein, was sich Markus und sein Team haben einfallen lassen. „Außerdem können wir dort auf unsere Vergangenheit treffen und zugleich einen Blick in die Zukunft wagen“, fährt Markus fort. „Mit ein bisschen Theatermagie und Phantasie hoffen wir, den Gästen ein mögliches Zukunftsszenario zu zeigen.“ Dass der Ort geheim bleibe, sei Teil der Reise ins Ungewisse. Markus war einen Vergleich: „Theater ist wie Leben: man weiß nicht, wo es hingeht.“ IV: Begegnungen Die Kulturetage engagiert sich jetzt schon zum wiederholten Mal bei der Begegnungen-Reihe des städtischen Kulturbüros. Warum eigentlich? “Es stimmt, wir waren schon Teil der Begegnungen mit Polen und England“, erinnert sich Markus Weiß. Die Kulturetage werde gern von der Stadt angefragt, zu diesem Format einen theatralen Beitrag zu leisten. „Die Begegnungen erweitern natürlich auch unseren Horizont und wir werden auf Themen aufmerksam, die uns sonst nicht untergekommen wären. Der Mail-Wechsel hätte ohne diese Begegnungen wahrscheinlich keinen Einzug ins Theaterleben gefunden.“ Anno 1993: Der Song Human Behavior von Björk „Debut“-Album lief damals auf MTV rauf und runter - und wirkt im Nachhinein durchaus programmatisch. Doch zum Glück hat er das. „Björk meets Timothy“ ist mit Sicherheit nicht der naheliegendste Stoff, um sich dem Phänomen Island anzunähern. Er bedient nur wenig Klischees und erfüllt nicht unseren Wunsch nach ungetrübter Idylle. Doch das ist kein Manko, das ist eine Qualität. Die vielschichtige Persönlichkeit Björk ist zwar eine Ausnahmeerscheinung, sie steht aber doch stellvertretend für den hohen Stellenwert künstlerischen Denkens und Handlelns in der isländischen Gesellschaft. Dass dort auch die Kultur Beiträge zur Lösung gesellschaftlicher oder politischer Aufgaben liefert, haben wir schon von Jon Gnarr erfahren. Dieses Prinzip erfährt hier eine Fortsetzung - und ist mindestens ebenso unterhaltsam wie das Hotel Volkswagen. Und außerdem bekommt man nicht alle Tage Emails von Björk! Wie der Zufall so will, erscheint Björks neues Album „Fossora“ in diesen Tagen, nämlich am 30. September. Physisch bestellen kann man es hier.

  • ZAHLTAG: DER RING

    In diesen Tagen wird der komplette „Ring des Nibelungen“-Zyklus von Richard Wagner letztmalig in Oldenburg aufgeführt. Wer sich die vier Aufführungen vollständig anhört, braucht nicht nur belastbares Sitzfleisch, sondern auch austrainierte Ohrmuscheln - denn es gibt nicht weniger als 16 Stunden Musik zu hören. Über fünf Jahre hinweg hat das Oldenburgische Staatstheater den Zyklus aufgebaut, sukzessive wanderten seine vier Elemente „Rheingold“, „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ in das Programm der letzten Spielzeiten. Frühere Versuche, die vollständige Tetralogie in Oldenburg auf die Bühne zu bringen, waren nie erfolgreich gewesen. Pünktlich zum hundertsten Jubiläum der Opernsparte gelang es dem Team um Generalintendant Christian Firmbach, Generalmusikdirektor Hendrik Vestmann und Regisseur Paul Esterhazy jedoch. Im Juli und September dieses Jahres wurde der vollständige Zyklus endlich aufgeführt. „Ursprünglich war das schon für 2020 geplant, die Corona-Pandemie sorgte aber für zwei Jahre Verspätung“, erklärt Pressesprecherin Ulrike Wisler die große Zeitspanne zwischen der ersten Premiere im Frühjahr 2017 und dem letzten Vorhang im Herbst 2022. Nach insgesamt nur drei kompletten Aufführungen über zwölf Abende ist am Samstag, den 1. Oktober, endgültig Schluss. Warum gibt es keine weiteren Vorstellungen? „Ich fürchte, das würden Haus und Mitarbeiter:innen kräftemäßig nicht überstehen“, gewährt uns Ulrike einen kleinen Blick hinter die Kulissen. Zwar mit einem Augenzwinkern - aber auch mit einer gewissen Überzeugung. RICHARD WAGNER DER RING DES NIBELUNGEN SIEGFRIED MITTWOCH, 28. SEPTEMBER, 17 UHR (TICKETS) GÖTTERDÄMMERUNG SAMSTAG, 1. OKTOBER, 17 UHR (TICKETS) OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER THEATERWALL 28 26122 OLDENBURG Epische Dimensionen Und wer weiß, vielleicht ist auch dem Publikum nicht viel mehr zuzumuten? Der Ring ist tatsächlich eine Art Olymp der Oper. Um sich Dimensionen vor Augen zu führen, hilft es ja immer, wenn man den einen oder anderen Vergleich bemüht. In 16 Stunden könnte man zum Beispiel... ungefähr 26 Mal das legendäre „Revolver“-Album der Beatles durchhören. etwa 480 Trailer zu aktuellen Kinofilmen anschauen über 200 Beiträge auf dem Kulturschnack lesen ungefähr 20 Punk-Konzerte live erleben oder von Oldenburg bis nach Amsterdam laufen, wenn man das Tempo von Marathon-Weltrekordler Eliud Kipchoge hat. Große Emotionen Keine Frage: Der 1. Oldenburger Ring war, ist und bleibt ein Projekt der Superlative. Das betraf den Aufwand und die Anforderungen für alle Beteiligten. 16 Stunden Oper wollen schließlich erstmal einstudiert und geprobt werden. Das betraf aber auch die unvorhersehbaren Herausforderungen im Kontext zur Pandemie. Es ging dabei nicht nur um vergebliche Proben und Änderungen der Spielpläne. Es ging auch um unzählige Krankheitsfälle und zwischenzeitlich beendete Engagements. „Das war tatsächlich nervenaufreibend“, erinnerte sich Ulrike an turbulente und frustrierende Zeiten zurück. All das musste kommentiert, kompensiert, korrigiert werden. Und deshalb lässt sich in diesem Moment jede Gefühlsregung im Team des Staatstheaters nachvollziehen: Unendliche Freude, dass der Ring-Zyklus doch noch aufgeführt werden konnte und begeisterte Reaktionen erhielt. Aber Freude auch darüber, dass dieses Großprojekt nun endlich erfolgreich abgeschlossen ist. Letzte Chancen Wer jetzt denkt: „Oh mein Gott, ich habe etwas Epochales verpasst!“, hätte zwar Recht. Doch es gibt noch eine letzte Möglichkeit, dieses Versäumnis zu korrigieren: Für die Vorstellungen am Mittwoch, den 28. September, und Samstag, den 1. Oktober, sind noch wenige Restplätze vorhanden. Der Nachteil: Es sind größtenteils Stehplätze. Das belastet die Füße. Der Vorteil: Es sind größtenteils Stehplätze. Das entlastet das Gesäß. Auf jeden Fall verabschiedet sich mit dem Ring etwas Großes aus der Stadt. Etwas, das es in dieser Form zum ersten Mal gab und das es - so viel Realismus sei erlaubt - lange Zeit nicht wieder geben wird. Wer von nun an 16 Stunden Musik hören mag, muss Alternativen suchen. Also entweder die Lieblingsplatte in Dauerschleife - oder aber all die anderen wunderbaren Veranstaltungen im Oldenburger Kulturprogramm. Die sind jeweils für sich vielleicht nicht ganz so episch - gemeinsam ergeben sie aber auch: etwas Großes! Wer etwas mehr Gefühl für den „Ring“ bekommen möchte, sollte sich unbedingt dieses feine Video des Staatstheaters anschauen.

  • NIX PREDIGT! PREACHER SLAM!

    Diesen Mittwoch verwandelt sich die Tiefgarage des Forum St.Peter erneut zur Veranstaltungslocation der besonderen Art! Denn der Preacher Slam findet dort in zweiter Auflage statt. Doch warum Garage? Warum Slam? Wir haben nachgefragt! 2. OLDENBURGER PREACHER SLAM MITTWOCH , 28.09.2022 19:00 UHR TIEFGARAGE - FORUM ST. PETER PETERSTR. 22 - 26 26121 OLDENBURG EINTRITT KOSTENFREI GETRÄNKE GEGEN SPENDE Irgendwie schöpft man ja unweigerlich verdacht. Eine kirchliche Einrichtung veranstaltet einen Poetry Slam und nennt ihn dann Preacher Slam? Da muss doch was faul sein. Nein, ganz im Gegenteil, hier weht überraschend frischer Wind! Denn wer denkt, dass hier einfach einer regulären, katholischen Messe mal eben auf die Schnelle zur Tarnung ein modern klingender Anstrich verpasst wurde, bei dem man am Ende doch bitte direkt sein Glaubensbekenntnis an Ort und Stelle abgeben soll, der täuscht sich. Denn in der Tiefgarage des Forum St. Peter hat sich, entstanden durch die Umstände einer Pandemie, ein Format entwickelt, das dem klassischen Poetry Slam, wie man ihn für gewöhnlich kennt, eine weitere, neue Facette hinzufügt. Über Workshops erarbeiten Amateure und Interessierte im Vorfeld des Slams, gemeinsam mit Leuten vom Fach qualitative, bedeutungsvolle Inhalte. Jeder gibt hier zu einem Thema, das gänzlich zur eigenen Wahl steht sein persönliches Bekenntnis ab. Das macht das ganze besonders spannend, weil nicht abzusehen ist, was genau am Ende auf der Bühne zu sehen und zu hören sein wird. Wir haben haben uns mit Benedikt Feldhaus, dem Leiter des Forum St. Peter am Ort des Geschehens getroffen und ihn zur Veranstaltung noch ein wenig genauer ausgefragt ... Hi Benedikt! Vielen Dank, dass du dir für uns die Zeit genommen hast. Erzähl doch mal was es genau mit dem Preacher Slam auf sich hat? ... und wie beziehungsweise warum ist der Preacher Slam hier im Forum St. Peter entstanden? Gibt oder gab es hier in irgendeiner Form bereits Erfahrungen mit dieser Kunstform? Die Örtlichkeit ist ja wirklich eine Besondere, gerade für euch als kirchliche Einrichtung. Wie kam es dazu, dass der Preacher Slam hier in der Tiefgarage des Forum St.Peter stattfindet? Wer wird denn aber auf der Bühne zu sehen sein? Verfolgt ihr da ein bestimmtes Konzept? Kann denn auch wirklich jeder zum Preacher Slam kommen? Also auch Leute, die wirklich keinerlei Kontakt zu kirchlichen Einrichtungen haben und den gegebenenfalls auch nicht in Zukunft wollen? Oder muss ich Kirchenmitglied sein?

  • WER IST JON GNARR?

    Oldenburg rückt in diesen Tagen dichter an den Nordpol. Aber keine Sorge, das betrifft nicht die Tektonik, sondern nur die Temperaturen und die Themen. Vom 20. September bis zum 24. November dreht sich in der Stadt vieles um Island. Die kleine Insel im hohen Norden ist Partnerland der diesjährigen „Begegnungen“. Sie gewähren uns tiefe Einblick in die Kultur und die Mentalität des Landes und führen überaus spannende Gäste nach Oldenburg. Wie etwa: Jon Gnarr. Es ist ein nasskalter Montagmorgen in Oldenburg. Enthusiastische Ideen, Jon Gnarr unter freiem Himmel zu interviewen, zerschlagen sich im frühherbstlichen Nieselregen. Umso einladender wirkt dann aber das Setting für unser Gespräch in seinem Hotel am Waffenplatz: Bequeme Couches, gedämpftes Licht - und ein gutgelaunter Gast. Der isländische Schriftsteller ist erst tags zuvor aus Island angereist, scheint aber bereits angekommen. Der Ort ist aus ein weiteren Grund passend: Im Rahmen der „Begegnungen“ wird es in der Alten Maschinenhalle am Pferdemarkt eine szenische Lesung von Jon Gnarrs provokantem Erfolgsstück „Hotel Volkswagen“ geben. Wenn sich ein heißer Kaffee am VW-Bulli von Käthe Kaffee witterungsbedingt schon nicht realisieren lässt - dann ist dies zweifellos die nächstbeste Lösung. Bevor wir mit Jon über sein Stück sprechen (siehe grauer Kasten), wollen wir aber mehr über ihn erfahren. Du hast sowieso noch nie von ihm gehört? Keine Sorge: Das geht einigen so. Island steht bei uns eben nicht gerade im Fokus der tagtäglichen Berichterstattung - was die Bedeutung eines Formats wie die „Begegnungen“ noch unterstreicht. In seinem Heimatland ist Jon jedenfalls eine Art Superstar. Aber selbst wer ihn kennt, fragt sich manchmal: Wer ist Jon Gnarr? Wir sind es gewohnt, Menschen auf eine wesentliche Eigenschaft zu reduzieren, oft auf den Beruf. Wenn sich jemand dieser einfachen Kategorisierung entzieht, dann erscheint uns das schon beinahe frech. Wenn dem so ist, dann gehört Jon Gnarr zu den frechsten. Wer ihn flüchtig googelt, bekommt höchst spannende Ergebnisse ausgeworfen. Jon Gnarr war nicht nur Schulabbrecher, Punkrocker, Autor, Taxifahrer, Moderator, Schauspieler, Comedian und Creative Director - sondern darüber hinaus auch Mitbegründer der politischen Partei Besti flokkurinn („Die beste Partei“) und von 2010 bis 2014 Bürgermeister der isländischen Hauptstadt Reykjavik. Kunstprojekt Realpolitik Vor allem letzteres weckt das Interesse der Öffentlichkeit bis heute. Der starke Kontrast der anderen Stationen seiner Vita zu diesem verantwortungsvollen Amt macht die Menschen neugierig. Übrigens auch die Presse: „Der Clown im Rathaus“ titelte der Deutschlandfunk seinerzeit, der Spiegel erwartete - hihi - einen “Staats-Streich“ und der Tagesspiegel wunderte sich über den „Komischen Bürgermeister von Reykjavik“. Da ist es kein Wunder, dass die Suchmaschine zu diesen vier Jahren im Leben von Jon Gnarr mehr Ergebnisse ausspuckt als zu all den anderen Tätigkeiten und Eigenschaften. Stört das seine Künstlerseele? „Es ist auf jeden Fall unproportional“, findet Jon. Als er damals Bürgermeister wurde, habe er nicht die geringste internationale Aufmerksamkeit erwartet, doch es kam anders. „Wahrscheinlich liegt es an der Universalität der Geschichte“, mutmaßt er. „Ein Außenseiter gewinnt gegen das Establishment - das zieht immer!“ Man muss diese Episode kennen, um den Menschen Jon Gnarr und seine Motivation zu verstehen. Auf den ersten Blick sahen Partei und Kandidatur aus wir ein großer Witz; schließlich war Jon Gnarr schon damals als erfolgreicher Comedian eine nationale Berühmtheit. Und tatsächlich: In ihren Anfängen war die Kampagne nicht ernst gemeint. Es war ein Versuch, Theater und Realität miteinander zu verschränken. „Warum soll Schauspiel nur auf der Bühne stattfinden?“ fragt Jon. „Wir wollten es überall zeigen - in der Politik, in den Medien!“ Er habe sich dabei sogar streng an „Das Manifest des Surrealismus“ von André Breton gehalten, in dem der Franzose bereits 1924 erklärte, wie man Wahlen gewinnt. Und es funktionierte: Die Zustimmung stieg. Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwammen an dieser Stelle also wunschgemäß. Die Sache mit der Verantwortung Aber ähnlich wie beim deutschen Gegenstück „Die PARTEI“ mischte sich auch ein gewisser Ernst in die Komik. „Wir haben den Menschen zunächst alles versprochen, was sie wollten - weil von Anfang an klar war, dass wir alle Versprechen brechen würden“, erinnert sich Jon. Dazu gehörten zum Beispiel Gratishandtücher in Schwimmbädern, aber auch ein drogenfreies Parlament bis 2020 und öffentliche statt geheime Bestechung. Im Laufe der Kampagne wurde jedoch zunehmend klarer, dass sich immer mehr Leute für die „Beste Partei“ engagierten, dass die Wähler:innen immer mehr Gefallen daran fanden - und dass der angestrebte Posten Verantwortung bedeutet, die man bereit sein müsse zu tragen. Deshalb war der Moment des Wahlerfolgs zweischneidig: Als feststand, dass Jon mit 35 Prozent der Stimmen ins Rathaus einziehen würde, bedeutete das eine 180-Grad-Wendung für ihn. „In meinem ganzen beruflichen Leben habe ich eigentlich immer versucht, möglichst unverantwortlich zu sein“, muss Jon über die Ironie lachen. „Und dann stehe ich plötzlich an der Spitze von 135.000 Menschen.“ Was in Island noch mehr bedeutet als hier, schließlich ist dies mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung von 366.000 Einwohner:innen. Multiple Identitäten Für deutsche Ohren klingt diese Wendung vermutlich noch unglaublicher als für andere. Wir sortieren öffentliche Personen gern in Schubladen ein - und lassen sie dort. Dass Mario Barth oder Chris Tall einmal Bundeskanzler werden, gehört jedenfalls nicht zu den wahrscheinlichsten Zukunftszenarien. Ist die Mentalität in Island etwa eine andere? „Wer in Island leben möchte, muss sehr flexibel sein“, blickt Jon auf die Kultur seines Heimatlandes. „Du kannst zum Beispiel über das Wetter lamentieren, aber du kannst es nicht ändern. Also passt du dich besser an.“ Was für das Wetter gilt, das trifft auch auf die isländische Gesellschaft zu. „Wir sind nicht so viele Menschen auf der Insel. Alle werden gebraucht. Und so übernimmst du in deinem Leben eben mehrere Rollen.“ Letztlich seien alle Isländer:innen auch Autor:innen, Poet:innen und Musiker:innen, bis hin zum Präsidenten der Zentralbank. Das sei typisch und liege vielleicht auch daran, dass man vor der Einführung von Linienflügen von Island aus kaum irgendwo hin konnte, mutmaßt Jon. „Man musste sich das Leben, das sich andere durch Reisen erschließen, vor Ort kreieren", stellt er fest. Zu diesem Prinzip gehöre es auch, Menschen die Chance zu eröffnen, sich neu zu erfinden. So seien einige ehemalige Häftlinge zu hervorragenden Buchautoren geworden - und ehemalige Comedians zu Bürgermeistern. Letzteres war dabei sicherlich das größere Experiment. Schließlich übernahm der Politikneuling Jon Gnarr das Amt inmitten der größten Krise in Islands Geschichte. Das Land und seine Hauptstadt waren in Folge der globalen Finanzkrise 2008/2009 quasi bankrott. Entsprechend aufgewühlt war die Stimmung in der Bevölkerung: Es gab tägliche Proteste vor den Parlamentsgebäuden, die Achtung vor der Politik war auf einen historischen Tiefpunkt gesunken. Als sei die Aufgabe nicht sowieso schon groß genug gewesen, musste also auch noch ein Volk befriedet werden. Demokratie ist kein Punk Zwei Jahre habe er gebraucht, um sich an den Politikbertieb zu gewöhnen: an die starren Mechanismen, an die Anfeindungen der Gegner:innen, an die Trägheit von Demokratie. „Wir mussten erstmal lernen, dass all unsere Ideen nur das waren: Ideen“, beschreibt Jon seinen persönlichen Reality Check. „Unsere Art zu handeln funktionierte dort einfach nicht. Wir konnten nicht einfach unser Ding machen, alle mussten gehört werden. Demokratie ist super, aber nicht gerade Punk.“ Und dennoch gab es erstaunliche Parallelen zwischen dem Kultur- und Politikbetrieb: „In beiden Fällen ist Vertrauen ein ganz wichtiger Faktor“, ordnet Jon ein. Wenn er eine TV-Aufzeichnung habe und der Tontechniker sage, der Ton sei okay, dann glaube er ihm das. „Warum soll ich ihm nicht trauen?“ fragt Jon das Offensichtliche. Genauso habe er in Politik und Verwaltung verfahren. Die vielen Mitarbeiter:innen waren anfangs nicht unbedingt auf seiner Seite, aber er habe sie machen lassen. Das sei wichtig gewesen, um gegenseitiges Vertrauen wachsen zu lassen und einige seiner Ideen schließlich doch realisieren zu können. Genau wie bei seinen Tätigkeiten im Kultursektor zählten Aufrichtigkeit und Authentizität. Dadurch sei es trotz der Gegensätze zwischen seiner „Besten Partei“ und dem Establishment letztlich zu einer produktiven Zusammenarbeit gekommen. Und so kristallisierte sich heraus, dass der Comedian Jon Gnarr auf diesem wichtigen Posten inmitten der größten Krise in Islands Geschichte nicht die denkbar schlechteste Wahl war, sondern die beste. „Das Vertrauen in die Politik war völlig verloren gegangen“ erinnert sich Jon. „Durch meine Bekanntheit - und durch meine nahbare Art - glaubten die Menschen aber, mich zu kennen. Sie fühlten sich plötzlich viel dichter dran an der Regierung. Das hat beide Seiten ein Stück weit versöhnt.“ Auch die Ergebnisse konnten sich sehen lassen: Schulden wurden abgebaut, ein Masterplan für Reykjavik verabschiedet. Und so titelte die Welt zum Ende der Amtszeit ein wenig fassungslos „Clowns sind einfach die besseren Politiker“. Kurz mal die Welt ändern Nach seiner Amtszeit veröffentlichte Jon seine Erfahrungen, Erkenntnisse und Erlebnisse - wie sollte es anders sein? - in Form eines Buches. Der überaus selbstbewusste Untertitel „Wie ich einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte“ ging allerdings nicht auf ihn zurück, sondern auf den Verlag. Jon hatte ganz andere Sorgen: „Ich litte damals an einer posttraumatischen Belastungsstörung“, berichtet er. Die vier Jahre im Politikbetrieb werden im Nachhinein zwar als Glücksfall für die isländische Politik bewertet, sie waren jedoch ein enorme mentale Bürde für den Freigeist Jon Gnarr. Und dann? Ging es zurück zu seinem früheren Leben? Ja - und nein. Zunächst lehrte Jon an der Universität von Houston, Texas das Schreiben von Stücken und Drehbüchern. Er brauchte diese Auszeit in der Exklave. Danach aber packte ihn das Bühnenfieber wieder und das scheint ihm gut zu tun. An diesem verregneten Nachmittag in Oldenburg wirkt Jon Gnarr mit sich selbst im Reinen. Er hat seinen Frieden gemacht mit seiner Zeit als „Clown im Rathaus“, die alles andere als lustig war - die in der isländischen Politik aber wichtige Veränderungen hinterließ. Und nicht nur dort. „Im Nachhinein bin ich am meisten stolz darauf, dass ich andere junge Menschen inspiriert habe, in die Politik zu gehen“, blickt Jon zurück. Er habe zeigen können, dass es andere Wege gibt, als lange Lehrjahre in den etablierten Parteien. Das auffälligste Beispiel ist sicherlich der ukrainische Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj. Bei einem persönlichen Treffen habe der ihm erzählt, dass er von Gnarr inspiriert worden sei, für das Amt zu kandidieren. Mit Boris Johnson und Beppe Grillo gibt es aber auch weniger gelungene Beispiel aus dieser Kategorie. „Ich bekomme immer noch Mails aus ganz Europa, in denen Leute mich nach Tipps fragen“, erzählt Jon mit einer Mischung aus Stolz und Ungläubigkeit. Fortsetzung folgt!? Aktuell hat er mit seiner politischen Phase abgeschlossen und freut sich, bei kritischen Nachfragen zu solchen Themen endlich wieder ein knackiges „F**k off!“ entgegen zu dürfen, wenn ihm danach ist. Da schimmert der frühere Punk durch. Ob es aber tatsächlich schon einen Schlussstrich unter der Politkarriere gibt, sei allerdings dahingestellt. Jon: „Ich weiß nicht genau warum, aber manchmal träume ich davon, im Parlament zu sitzen und die Dinge wirklich zu verändern.“ Darauf sollte sich Island besser vorbereiten. Denn bei diesem Mann weiß man nie so genau: Wer ist Jon Gnarr - und was wird er noch sein?

  • NUTZE DIE NACHT

    Sie ist ein Klassiker des Veranstaltungskalenders, ein Höhepunkt für alle Ausstellungshäuser: Die Nacht der Museen. Sie bietet eine attraktive Mischung aus speziellem Programm für diesem Anlass und dem regulären Angebot der beteiligten Museen. So bekommen sie eine wunderbare Gelegenheit zu zeigen - oder in Erinnerung zu rufen - was ihren Reiz ausmacht. Und das Publikum? Kommt in Scharen. Im Grunde ist es paradox: Die meisten Museen haben umfangreiche Öffnungszeiten, nach Feierabend oder am Wochenende könnte man einen Besuch bequem in den persönlichen Tagesablauf integrieren. Doch zwischen Alltag, Termine, Verpflichtungen kommt immer alles anders als man denkt. Und häufig eben auch: Auf Kosten eines Museumsbesuchs. Offenbar ist es so, dass wir Impulse brauchen, die uns aus unserem gewohnten Rhythmus bringen. Man könnte sagen: Wir müssen aus dem Takt geraten, um aus der Reihe zu tanzen. Und genau das gelingt uns durch aufwändig inszenierte Veranstaltungen wie der Nacht der Museen. Sie bieten uns die nötigen Reize, um zu sagen: Jetzt aber! Und manchmal hat man das Gefühl, dass es auch für die beteiligten Museen ein willkommener Anlass ist, sich selbst mit anderen Augen zu betrachten und ihre Geschichte einmal anders zu erzählen. Immer wieder glänzen sie mit besonderen Aktionen und Variationen, die den Besuch selbst für eingefleischte Fans des Hauses lohnenswert machen. DIE NACHT DER MUSEEN - SONDERAUSGABE - MIT: EDITH-RUSS-HAUS FÜR MEDIENKUNST HISTORISCHE VILLEN DES STADTMUSEUMS HORST-JANSSEN-MUSEUM OLDENBURGER COMPUTERMUSEUM OLDENBURGER KUNSTVEREIN PULVERTURM SAMSTAG, 24. SEPTEMBER, 14-24 UHR EINTRITT FREI! DETAILLIERTES PROGRAMM ACHTUNG: DIE LANDESMUSEEN SIND NICHT GEÖFFNET. Alles voll? Alles gut! Aber warum gehen die Menschen ausgerechnet dann ins Museum, wenn alle anderen auch dort sind? Eigentlich spricht alles dagegen: Die Werke kann man nicht ungestört betrachten, gelegentlich gibt's sogar Gedrängel. Eigentlich. Doch die Wahrheit sieht ganz anders aus: Gerade die Gemeinschaft, diese Menge an Menschen, stört das Erlebnis nicht etwa, sondern bereichert es. Und das ist auch schon das Stichwort: Erlebnis. Genau dazu wird ein Museumsbesuch, wenn er aus den üblichen Normen und Gewohnheiten ausbricht, besonderes Programm bietet und die Massen anlockt. Nicht zuletzt zeigt sich auch hier, was wir in den letzten zwei Jahren schon unzählig oft feststellen durften oder mussten: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er genießt es, sich mit anderen zu treffen, auszutauschen - oder sich auch nur am gleichen Ort aufzuhalten. Davon abgesehen scheinen Museen außerhlab der üblichen Öffnungszeiten einen besonderen Reiz auszuüben. Anders ist der - äußerst pragmatisch betitelte - Kinoerfolg von „Nachts im Museum“ nicht zu erklären. Gut, ganz so abenteuerlich dürfte es am 24. September in Oldenburg nicht werden, aber in die Richtung geht's! Die Museen haben abwechslungsreiches Programm mit Führungen für Kinder und Erwachsene, Workshops, Mitmach-Aktionen, Live-Musik und spannenden Einblicken in die Ausstellungen vorbereitet. Es ist eine unsägliche Plattitüde, aber in diesem Fall stimmt sie: Da ist für jeden was dabei! Möge die Nacht mit euch sein Die Nacht der Museen ist ein großes Spektakel, das einmal pro Jahr die allgemeine Aufmerksamkeit zurecht auf die Museen lenkt. Das ist wichtig, denn in postpandemischen Zeiten haben es vor allem jene Kultur-Veranstaltungen schwer, die über einen längeren Zeitraum verfügbar sind - wie etwa eine Ausstellung. Sie werden bei der Wahl der Tages- oder Abendgestaltung viel zu oft übersehen, weil stattdessen einmalige Events wahrgenommen werden. Der nächtliche Museumsbesuch hat aber auch einen ganz eigenen Wert. Zum einen hat er sich wegen der vielen Aktionen der beteiligten Häuser schon längst zu einem Format entwickelt, das für alle interessant ist - selbst für bekennende Museumsmuffel. Denn in dieser Nacht ist der Zugang einfacher spielerischer, leichter, lustvoller. Das Spektakel für die Sinne, das Schwimmen im großen Strom - all das macht die Nacht Nacht der Museen zu einer Nacht für die Menschen. Selbst wenn jemand immer nur diesen einen Tag nutzt, um die Museen zu besuchen, ist das etwas wert. Manche jedoch lassen sich nicht nur vom bunten Treiben inspirieren, sondern von den Museen selbst. Und sie kehren zu zurück, wenn der Trubel sich gelegt hat, um die Exponate nochmal in Ruhe anzusehen. Und dabei stellen sie vielleicht fest, dass der Besuch sich durchaus bequem in den persönlichen Tagesablauf integrieren lässt. Denn nutzen kann man nicht nur die Nacht, sondern auch den Tag.

  • BEI ANRUF SCHNACK: ALVA GEHRMANN

    Rund um die diesjährigen Begegnungen findet ein spannendes und abwechslungsreiches Programm statt. Für alle Oldenburgerinnen und Oldenburger wahrscheinlich eine der spannendsten Fragen: wie sind sie denn nun so, die Isländer? Alva Gehrmann hat die Anworten! ALVA GEHRMANN - ALLES GANZ ISI UMBAUBAR STAU 25-27 26122 OLDENBURG SA. 24.09.2022 - 20:30 (EINLASS: 20:00) EINTRITT: 6 EURO (ERMÄSSIGT 4 EURO) KARTENRESERVIERUNG: www.umbaubar.net Sie essen Blutwursttorten und vergammelten Hai, ernennen einen Rockstar zum Gesundheitsminister, entwerfen knallbunte Kunsthaarpavillons und treffen sich am liebsten in 40 Grad heißen Quellen. Zugegeben: Isländer sind ein wenig merkwürdig, aber auch liebenswert. Und man kann einiges von ihnen lernen. Denn sie trauen sich, jede noch so verrückte Idee auszuprobieren. Können Sie also auch für uns mit dieser Einstellung eine Inspiration sein? Alva Gehrmann erzählt in „Alles ganz Isi – Isländische Lebenskunst für Anfänger und Fortgeschrittene“ vom Alltag auf der einsamen Insel im Nordatlantik, der alles ist, nur nicht langweilig. Sie zeigt, wie sich Tatendrang und Kreativität ganz leicht im eigenen Leben umsetzen lassen – sei es im Beruf, in der Familie, in der Liebe und beim Überwinden von großen oder kleinen Krisen. Seit 15 Jahren reist die freiberufliche Journalistin von Berlin, Oslo und Reykjavík aus bis in die entlegenen Winkel Nordeuropas und ist zwar längst noch nicht so seetauglich wie die Isländer, aber immerhin so abenteuerlustig. Es darf sich also auf eine unterhaltsame Lesung mit Videos, Fotos und einem kleinen Quiz gefreut werden! Ob der 1.Preis dabei Gammelhai ist? Findet es heraus! Island in Wort aber auch Bild Doch nicht nur ist Alva zu den Begegnungen hier in Oldenburg und erzählt uns vom Leben auf Island, nein, sie ist sogar für Oldenburg in ihrer zweiten Wahlheimat Island erneut unterwegs gewesen, um einen Video-Blog zu produzieren! Wir können also direkt nach ihren persönlichen Erzählungen und einer schönen Feier zu isländischer Musik aus der Umbaubar nach Hause spazieren und dort regelmäßig in die Welt der Nordeuropäer eintauchen. Unter anderem philosophiert sie mit Architektin Olga im Pool über die Bedeutung der Hot Pots, der Umweltaktivist und preisgekrönte Autor Andri Snær Magnason erzählt ihr am windigen Strand eine Familiengeschichte und die beliebte Schriftstellerin Auður Jónsdóttir legt ihr im Café spontan die Tarot-Karten. Die folgenden werden im Zeitraum der Island Begegnungen regelmäßig auf dem YouTube-Kanal der Stadt Oldenburg erscheinen.

  • ERKENNTNISSE AUS DEM KULTURAUSSCHUSS

    Nachdem ihr bereits Montag in unserer Ankündigung vorab erfahren konntet, was es mit dem Kulturausschuss auf sich hat und was dieses Mal auf der Tagesordnung Platz fand, war es gestern dann soweit: Kevin hat sich das Ganze für euch live angeschaut und lässt euch heute an seinen persönlichen Eindrücken teilhaben. Erkenntnis 01: Das Stadtmuseum kommuniziert im großen Stil Inzwischen wissen es natürlich so gut wie alle und auch bei uns wurde dieser Fakt bereits mehrfach beschrieben: ein Gebäude, ein wirkliches Museum, eine Fläche an der die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Stadtmuseums wirken können, existiert aktuell nicht. Würde das Stadtmuseum diesen Fakt einfach hinnehmen, würde es also für die Menschen der Stadt schlichtweg nicht mehr existieren und im schlimmsten Falle in Vergessenheit geraten. Darüber ist sich das Stadtmuseum auch selbst im Klaren, weshalb es seit Beginn der Schließzeit immer wieder mit tollen Aktionen, medialen Projekten, Pop-Ups und Veranstaltungen im Stadtbild präsent ist. So schafft es zum einen sehr hohe Transparenz über das Bauvorhaben, andererseits existiert das Museum auf diese Weise auch ohne dafür ein Gebäude zu benötigen und überbrückt so die Zeit meisterhaft und schafft Vorfreude auf das, was uns beim neuen Museum erwarten wird! Dass das Museum also nach Außen kommuniziert ist also eigentlich nichts Neues, doch überrascht das Team des Museums immer wieder mit neuen Ideen, die Öffentlichkeit an dem Prozess der Entstehung teilhaben zu lassen und dabei auch einen Blick hinter die Kulissen zu gewähren. Da wären als frische Ergänzungen der eigene Podcast „Museum findet statt“, der gleich zwei Formate bereit hält, einmal die „Kaffeepause“, in der man das Team des Museums und ihre Arbeit näher kennenlernen kann, zum anderen die „Stadtgeschichte(n)“, bei denen Persönlichkeiten Oldenburgs aus ihrem Leben und ihrem Blickwinkel auf unsere Stadt berichten. Als weiteres Highlight wurde im Ausschuss die frisch veröffentlichte, erste Ausgabe des Magazins des Stadtmuseums vorgestellt. Bis zur Eröffnung des Gebäudes wird im halbjährlichen Turnus eine Ausgabe erscheinen, die jeweils immer einen anderen Blickwinkel und Aspekt des Gebäudebaus beleuchtet. Zum Start setzt sich die erste Ausgabe deshalb logischerweise mit dem „Anfangen“ auseinander. Gerade der Blick hinter die Kulissen scheine, so berichtet es Steffen Wiegmann, der Leiter des Stadtmuseums, den Leuten zu gefallen und zu interessieren. Deshalb plane man auch in der Bauphase Projekt, bei dem die Leute direkt am Ort des Geschehens im wahrsten Sinne einen Blick hinter den Bauzaun erhalten können! Erkenntnis 02: Die Kostenexplosion trifft alle Bereiche unseres Lebens Doch leider gibt es (nicht nur) rund um das Stadtmuseum auch unerfreulichere Nachrichten, die jedoch eigentlich nicht verwundern. Denn natürlich bleibt auch dieses Bauprojekt, das natürlich aufgrund seiner Größe zu Recht im Rampenlicht steht, nicht unberührt von den aktuellen Kostenexplosionen für Baumaterialien wie beispielsweise Rohstoffe. Eine konkrete Aussage dazu, auf welchen Betrag sich diese Steigerung der Kosten am Ende summieren wird, dazu wollte niemand am gestrigen Abend eine konkrete Aussagen machen. Denn sie wäre auch reine Spekulation, weil in der aktuellen Lage niemand absehen kann, welche Entwicklungen uns noch bevorstehen. Diese Ungewissheit und auch die Angst vor den extrem steigenden Kosten treibt natürlich auch die Kulturszene selbst um. An mehreren Stellen wird die Sorge vor dem, was uns diesen Herbst und Winter erwartet angemerkt, vorgebracht und betont. Hier sind es gerade die beratenden Mitglieder des Ausschusses, die auch Richtung Politik die Bitte formulieren, dass dieser Punkt unbedingt weiter Beachtung findet, da er die Szene nicht nur bei uns sondern deutschlandweit umtreibt und vor große Herausforderungen stellen wird. Erkenntnis 03: Transparenz ist immer wichtig Nicht nur bei einem Bauvorhaben wie dem Stadtmuseum ist es immer gut für die nötige Klarheit zu sorgen, sondern auch bei allen anderen Prozessen, gerade als Stadtverwaltung, weshalb die Neuausrichtung der Förderrichtlinie Kultur in eine ganz ähnliche Kerbe schlägt. Mit der Richtlinie will man bei der Vergabe institutioneller Förderungen an Kultureinrichtungen, also vertraglich zugesicherter, regelmäßiger und projektunabhängiger finanzieller Gelder dafür sorgen, dass auch Außenstehende klar erkennen können, weshalb eine Einrichtung gefördert wird und wurde. Abseits eindeutiger Kriterien wird es eine Art Beirat geben, der Empfehlungen aussprechen wird, die dann vom Ausschuss beschlossen werden können. Da man hier etwas schaffen möchte, das wirklich von nachhaltigem Bestand ist, geht es natürlich auch um die kleinen Feinheiten in den einzelnen Formulierungen und den Vorgängen. Diese letzten Feinheiten wird die Stadtverwaltung, gemeinsam mit der Politik aber auch in engem Austausch mit der Kulturszene und ihren Einrichtungen in den kommenden Monaten weiter final ausarbeiten, um im Bestfall zum Ende des Jahres bereits eine finale Richtlinie vorliegen zu haben. Erkenntnis 04: Uns wird nicht langweilig werden Als letzter großer Punkt des Ausschusses stand das MACH|WERK auf dem Plan. Wieder einmal wurden tolle Projekte eingereicht und heute war es an der Zeit, dass der Ausschuss die Wahl darüber traf, welche Ideen für eine letztendliche Förderung ausgewählt werden. Auch wenn diese finale Auswahl unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, steht für uns schon jetzt fest, dass am Ende dieses Vorgangs, nach der offiziellen Verkündung und der finalen Umsetzung eine Vielzahl toller Projekte auf uns alle warten, über die es ebenso spannende Geschichten zu erzählen geben wird, die ihr dann mit großer Sicherheit bei uns hören, lesen und sehen können werdet! Erkenntnis 05: Der Kulturausschuss ist für Überraschungen gut An dieser Stelle sei der fünfte Punkt für eine kurze Anekdote vom Rande des eigentlichen Geschehens genutzt. Denn da sitzt man als Besucher des Kulturausschusses nichtsahnend im Publikum, lauscht dem munteren Treiben und wird plötzlich zum Motiv künstlerischer Aktivitäten und in einem Portrait festgehalten. Wir vermuten, soetwas passiert nicht alle Tage im Kulturausschuss, doch es ist passiert! Ein Besuch ist also nicht nur informativ und man erlebt die Prozesse die hinter der Kultur oft notwendig sind aus nächster Nähe, sondern er ist auch immer für eine Überraschung zu haben. ;-)

  • TYPISCH FILMFEST!

    Wenn man ins Kino geht, ist der Ablauf eigentlich klar: Man schaut einen Film und strickt eventuell etwas Programm drumrum. EINEN Film. Nicht zwei oder drei. Beim Internationalen Filmfest ist dieses Prinzip komplett ausgehebelt. Zwar strickt man auch hier Programm, doch das ist auf enge Zeitfenster begrenzt. Denn in diesen fünf Tagen im September schaut man eben nicht nur einen Film pro Tag, sondern tatsächlich: zwei oder drei. Für die Fans ist es immer ein großer Moment: Wenn man zum ersten Mal das Programmheft in den Händen hält, schlägt das Herz höher. Das hat zwei Gründe: Zum einen ist man neugierig, was in diesem Jahr laufen wird und das wird dort ausführlich beschrieben. Noch aufregender ist aber der Timetable im Mittelteil. Aus der Tabelle, die klar aufgliedert, was wann wo läuft, wird schnell eine Mischung aus Fahrplan und Landkarte. Durch die persönliche Filmauswahl kristallisiert sich heraus, wie der Abend verlaufen wird. Zumindest in Grundzügen. Denn vor Überraschungen ist man beim Internationalen Filmfest Oldenburg niemals sicher. Wir haben uns beispielhaft für euch in einen Filmfest-Tag und eine Filmfest-Nacht gestürzt. Und ob Zufall oder nicht: Beides war ziemlich repräsentativ. Mit einer Ausnahme: Normalerweise hat das Filmfest schöne Herbsttage abonniert. Dieses Mal hat es gegossen. Aber letztlich ist das ja bestes Kinowetter. FREITAG, 16:30 UHR CHAGUO KEN 2022 | 100 Min. | OmeU | International Premiere Director: Ravi Karmalker ,Vincent Mbaya Cast: Nyokabi Macharia, Nick Kwach Den Anfang unserer Tour macht „Chaguo“, der bereits durch seine Herkunft auffällt: Es ist ein kenianischer Film, der die Wahlen thematisiert, die im August diesen Jahres im ostafrikanischen Staat stattgefunden haben. Genaueres zur Handlung erfahrt ihr hier, den Trailer findet ihr hier. Initiatorin des Projekts war übrigens Dr. Annette Schwandner, die Ehefrau des früheren Oldenburger Oberbürgermeisters Prof. Dr. Gerd Schwandner. Die beiden leben mittlerweile in der kenianischen Hauptstadt Nairobi, da Annette Schwandner dort das Auslandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung leitet. Aber zum Film: Das Besondere an ihm war nicht etwa der raubeinige Indie-Spirit. Weder das Konzept noch die Umsetzung waren besonders gewagt, schroff oder ungewöhnlich. Ganz im Gegenteil: Rein technisch wirkte der Film wie hochwertiges TV-Material, das Mittwochabends in der ARD laufen könnte. Klingt unspektakulär? Ja, schon, aber trotzdem beginnen an dieser Stelle schon die Überraschungen. Denn erstens bewegt sich der Film absolut auf westlichem Niveau. Da sind keine Unterschiede zu Zentraleuropa oder den USA auszumachen. Und zweitens gilt das so ähnlich auch für die Ausstattung und die Drehorte des Films. Wenn man hätte tippen müssen, an welchem Ort der Film spielt, wären wohl die wenigsten auf Nairobi gekommen. Es hätte auch eine amerikanische Großstadt sein können. Szene für Szene werden hier also Vorurteile und Klischees widerlegt. So richtig überraschend - im Sinne von: lehrreich - ist aber vor allem der Inhalt des Films. Bei den Wahlen ins vielen afrikanischen Staaten spielt nämlich die Stammeszugehörigkeit nach wir vor eine große Rolle; so groß, dass sie sogar lebensgefährlich werden kann. Tribalismus nennt man das und es ist bis heute ein großes Problem, das immer wieder zu Unruhen führt. Eine zentrale Rolle spielen außerdem die Familien. Selbst bei Erwachsenen gehört es dazu, dass man vor jeder großen Entscheidung seine Eltern um Rat fragt; auch dann, wenn man längst nicht mehr bei ihnen lebt. Genauso wichtig sind die Ratschläge der Kirchen. Sie mischen sich, wie Annette Schwandner erzählt, auch in die Wahlen ein und lassen sich von Kandidaten für Empfehlungen kaufen. Vor diesem Hintergrund ist es beinahe ein Wunder, dass die diesjährigen Wahlen erstmals weitgehend ohne Ausschreitungen abliefen. Wer weiß? Vielleicht hat „Chaguo“ einen kleinen Teil beigetragen. FREITAG, 19:00 UHR LINOLEUM USA 2022 | 101 Min. | OV | International Premiere Director: Colin West Cast: Jim Gaffigan, Rhea Seehorn, Katelyn Nacon, Gabriel Rush Würde man diesen Artikel dramaturgisch möglichst spannungsvoll inszenieren wollen, müsste dieser Film eigentlich am Ende kommen. Denn eines steht schon an diesem Freitagabend fest: Mit diesem Film haben wir einen Höhepunkt des diesjährigen Filmfestes erlebt. Bei „Linoleum“ handelt es sich sogar um einen besten Filme, die wir hier in den letzten Jahren gesehen haben. Aber der Reihe nach. Zunächst legten weder der unprätentiöse Titel noch das Bildmaterial (s.o.) nahe, dass das Werk von US-Regisseur Colin West absolut fantastisch sein würde. Spannender waren da schon die Hinweise auf die Story, die durchaus schon nahelegten, dass man es nicht mit einem ganz gewöhnlichen Streifen zu tun haben würde. Und genau so war es auch. Herausragende Darsteller:innen bewegen sich durch eine Handlung, die zunächst beinahe alltäglich erscheint, die sich aber durch verdichtende Vorzeichen langsam verändert und einen unheilvollen Verlauf zu nehmen scheint. Colin gibt uns aber vorab mit auf den Weg: Nicht ablenken lassen, mehr als andere ist es ein Liebesfilm. Die Mechanik des Films ist eigentlich altbekannt: Eine vermeintliche Idylle wird auf rätselhafte Weise gestört. Im Laufe des Film arbeiten sich beim Protagonisten:innen gemeinsam mit dem Publikum zur Auflösung vor. Häufig ist dabei Übersinnliches oder Außerirdisches im Spiel, bei „Linoleum“ trotz vieler Raumfahrt-Referenzen allerdings nicht. Und genau deshalb gelingt die Auflösung hier so wundervoll, aufregend, anrührend und überraschend, dass uns beinahe die Worte dafür fehlen. Ist bereits die gesamte Handlung des Film stark gespielt und erzählt, überragt das Ende nochmal alles andere haushoch. Man wird mitgerissen in einem Sog aus ganz großen Themen, Emotionen und einem Feuerwerk an Aha-Momenten. „Mindfuck“ nennen die Amerikaner das und, ja, so fühlt es ich auch an. FREITAG, 21:30 UHR THE BLACK GUELPH IRE 2022 | 125 Min. | OmeU | World Premiere Director: John Connors Cast: Graham Earley, Paul Roe, Tony Doyle, Denise Mc Dermott Echte Filmfestfans werden ahnen, was jetzt kommt. Denn nach dem konventionell angelegten Film aus einem eher ungewöhnlichen Land, das uns viel über selbiges verrät und dem Indie-Überfilm, der uns Kraft und Zauber des unabhängigen Kinos vor Augen führt, fehlt noch ein typischer Vertreter des Repertoires: Der harte Szenefilm. Damit sind nicht etwas Splatter- und Gore-Streifen gemeint, die früher gern in der Midnite Xpress-Reihe liefen, heute aber eher selten sind. Nein, hart sind vor allem jene Filme, die uns tief reinziehen in ein soziales Milieu, das noch ganz andere Probleme hat als eine erhöhte Heizkostenabrechnung. Und anders als die gängigen Blockbuster-Produktionen wird hier nicht alles von berühmten Hauptdarsteller:innen oder abenteuerlichen Entwicklungen überlagert, die vom Elend ablenken würde. Nein, wir sind direkt mit ihm konfrontiert. Im Fall von „The Black Guelph“ scheint es zunächst um eine Milieustudie zu gehen. Junge Leute, Alkohol, Drogen, Dealen, Brutalität: Es ist eine Mischung, wie wir sie auch aus den Pariser Banlieues kennen, aus Compton oder der Bronx. Doch das ist nur ein Teil des Ganzen; und zwar der kleinere. Das größere Thema ist der Missbrauch Minderjähriger durch die katholische Kirche und örtliche Autoritäten in der irischen Provinz, der bis vor elf Jahren von der Justiz gedeckt wurde - und dessen Erbe sich wir ein Krebsgeschwür durch Generationen von Nachkommen frisst. Genauere Eindrücke bekommt ihr hier oder im Trailer. Der Film nimmt sich sehr viel Zeit, uns ganz nah ranzulassen an die Ausweglosigkeit seiner Protagonisten. Jeder will sich verändern, keiner schafft es. Es ist ein bemerkenswerter Kontrast, als nach dem Film das gutgelaunte, freundliche Team zum Q&A nach vorne kommt, das Publikum aber noch fix und fertig ist von dem, was es zuvor gesehen hat. (Letztlich war es sogar so beeindruckt, dass es Bestnoten vergab: Wie am Sonntagabend verkündet wurde, gewann „The Black Guelph“ den German Independence Award 2022.) Das klingt negativ? Ist es aber ganz und gar nicht! Es ist nötig, sich so intensiv mit solchen Themen zu beschäftigen, denn sonst tangieren sie uns nicht. Und lassen wir uns nicht tangieren, ändert sich viel zu lange viel zu wenig. Dass Oldenburg dieses starke Regiedebüt des irischen Schauspielers John Conners in einer Weltpremiere sehen darf - also noch vor dem irischen Publikum - ist ein Beleg dafür, dass dieses Filmfest eine hohe Bedeutung hat. Wir dürfen dankbar dafür sein. SAMSTAG, 1:10 UHR THE SECRET PARTY D 2022 | 300 Min. | OV | World Premiere Director: Torsten Neumann Cast: Everyone else Für manche ist sie der heimliche Höhepunkt des Internationalen Filmfestes, für andere einfach eine weitere von vielen Partys. Fest steht aber, dass die Secret Party am Freitag einigermaßen legendär ist, weil sie immer auf eine ungewöhnliche Location setzt, an der man sonst nicht feiern könnte, die sich aber als absolut geeignet dazu herausstellt. Und so durften wir schon in leerstehenden Tiefgaragen, Grundschulen, Gefängnissen, Polizeistationen, Kinos, Hotels, Knabenschulen, Feuerwehren und anderen ungenutzten Häusern feiern - und jedes Mal war es auf eine andere Weise ziemlich cool. Wo die Party dieses Mal war? Sagen wir nicht, ist doch geheim. Aber es ging ziemlich die Post ab.

  • (KEIN) KINDERKRAM

    Am 20. September ist der Weltkindertag. In 146 Ländern der Erde wird er gefeiert, auch in Deutschland. Dort übrigens vor allem in Thüringen, denn in diesem Bundesland ist er ein gesetzlicher Feiertag. Irgendwas muss also dran sein. Nur was? Und was hat das mit Kultur zu tun? Klare Antwort: Erstmal nur wenig, aber letztlich sehr viel. Wir beginnen mit einem Bekenntnis. Wenn man ein neues Kulturportal aufbaut - und es vielleicht „Kulturschnack“ nennt - dann denkt man viel über Rubriken und Formate nach, über Design und Marke. Natürlich diskutiert man auch über Zielgruppen und deren Ansprache. Aber geben wir es freimütig zu: Kinder gehörten dabei nicht zu unseren ersten Adressaten. Das allerdings hat wenig mit einer bewussten oder unbewussten Haltung zu tun, sondern viel mehr mit dem Prinzip "First things first“. Zunächst ging es um eine allgemeine Ansprachen für alle. Ausdifferenzierungen in irgendwelche Richtungen waren zunächst nicht geplant. Absolut auf Augenhöhe Und dennoch war unausgesprochen von Anfang an klar: Kinder spielen bei uns eine Rolle! Und zwar: gleichberechtigt mit den Erwachsenen. Das heißt: Wir bauen keine kunterbunte Kleckser-Kategorie auf, um zu demonstrieren, dass es nun aber wirklich, wirklich um Kinder geht. Nein, die Beiträge über sie - und Projekte, die sie betreffen - stehen in einer Reihe mit allen anderen. Weil wir glauben, dass sie genau dort hingehören. Warum? Man muss an dieser Stelle Sätze aufschreiben, die eigentlich total banal sind, aber trotzdem immer wieder in Vergessenheit geraten: Kinder sind unsere Zukunft. Sie müssen sich mit dem rumschlagen, was wir ihnen hinterlassen. Und sie haben dabei (nur) die Möglichkeiten, die wir ihnen geben. Na dann viel Erfolg, ne? Behält man das im Kopf - was könnte man anderes tun, als sie ernst zu nehmen? Als ihnen zuzuhören, wenn sie etwas sagen. Als ihnen Chancen einzuräumen - und zu respektieren, was sie daraus machen? Wir sind in dieser Hinsicht ganz sicher nicht perfekt. Aber wir geben uns Mühe, genau das zu tun. An dieser Stelle ein Shout out an Thüringen: Mit dem 20. September haben sie dort einen sehr geeigneten Termin zum Feiertag erklärt. Daran werden wir denken am 31. Oktober. Da geht noch mehr Natürlich macht es Sinn, Beiträge über und für Kinder besonders zu kennzeichnen. Schließlich gibt es ja Fälle, in denen man genau das - und nur das - sucht. Deswegen werden wir in Zukunft sicher eine Filterfunktion einbauen. Trotzdem bleiben wir dabei: Kultur für Kinder - und von Kindern - darf durchaus auf Augenhöhe mit unserer ach-so-elaborierten Erwachsenen-Sicht auf die Dinge stehen. Denn wie Kinder die Welt interpretieren, mag im Vergleich zwar einfacher sein - dafür aber auch kreativer, lustvoller, fantasiereicher, unbekümmerter, gutgläubiger. Und all das kann uns, die wir in verkrusteten Strukturen denken und handeln, nur gut tun. Darüber hinaus entwickeln Kinder und Jugendliche auch ganz eigene Kunstformen, die wir Erwachsenen niemals ganz nachvollziehen können (und deshalb gern als Kinderkram abtun). Das ist eine ganz eigene Spielart der Kultur, die aus anderen Voraussetzungen eigene Ergebnisse kreiert. Sind die weniger kenntnisreich, ausgebildet, reflektiert? Mag sein. Aber hat das Einfluss auf die Qualität? Nicht unbedingt. Beziehungsweise: wahrscheinlich überhaupt nicht, weil es schlicht eigene Maßstäbe gibt. Und deswegen bleiben Kinder und Jugendliche nicht nur als Zielgruppe, sondern auch als Künstler:innen überaus spannend. Fromme Worte? Ja, aber immerhin mit Taten untermauert. In den letzten Wochen und Monaten haben wir über schon einiges über Kinder- und Jugendtheater geschrieben, sogar mehrmals, und wir haben Institutionen vorgestellt, die sich insbesondere der Zielgruppe Kinder widmen und wir haben dem Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ sehr viel Raum gegeben. Selbst bei Street Art Festivals haben wir geschaut, was der Nachwuchs macht. Und natürlich hatten wir am Zukunftstag auch jemanden zu Gast. Klar: Da geht noch mehr. Geht es immer. Aber eines ist hoffentlich deutlich geworden: Kinderkram ist für uns kein Kinderkram - sondern eine Herzenssache. Infantilisten an die Macht Bisher waren Begriffe wir Kinderkram und Infantilismus eher abwertend konnotiert. Als könne von den Jüngsten nicht viel Kluges kommen. Wir sehen das anders. Der „Zauber der Jugend“ ist mehr als ein Selbstzweck, wir können gesamtgesellschaftlich davon profitieren. Auf dem Kulturschnack werden wir Projekte von und mit Kindern und Jugendlichen weiterhin aufgreifen wie alle anderen auch. Und wenn uns jemand fragt, werden wir jederzeit davon berichten, wie wichtig uns das ist. Weil die Kinder die Künstler:innen und Kulturkonsument:innen von morgen sind; vor allem aber, weil ihre Meinungen, Gedanken und Hoffnungen wichtig sind - für uns alle. Sind wir deshalb Infantilisten? Vielleicht. Aber das sind wir gern, denn die müssen an die Macht.

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