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  • ROCK GEGEN RECHTS 2026

    Der letzte Abend im April hat einen großen Vorteil: Man hat am Tag danach frei. Deshalb eröffnen sich allerhand Möglichkeiten, etwas Feines mit seiner Zeit anzufangen. Und während die einen ziellos durch den Abend schweifen, haben die anderen ein ganz klares Ziel: Den Schlossplatz. Denn dort heißt es zum 25. Mal: Rock gegen Rechts. Kämpferisch: Trotz der klaren Symbolik geht es (mindestens) genau so sehr um Musik (Grafik: Rock gegen Rechts) Eigentlich ist der Titel dieser Veranstaltung eine klare Sache: Rock gegen Rechts - da weiß man, was man kriegt. Und dennoch wirft er Fragen auf. Was ist das nun: Konzert? Demo? Was überwiegt und was ist nur Beiwerk? Die klare Antwort lautet: Nichts von beidem. So richtig voneinander trennen kann man das nämlich nicht. Keineswegs handelt es sich um eine reine Demonstration, auf der die Musik nur als akustische Untermalung läuft. Auch sollen die Bands keine knallharten Statements zum Motto des Abends abgeben (tun sie aber manchmal doch ganz gern). Vollkommen unpolitisch ist die Bühne bei „Rock gegen Rechts“ aber auch nicht. Die Bands müssen zwar über keine explizite politische Agenda verfügen, aber sie sollten einen klaren moralischen Kompass haben. Deshalb: keine Chance für solche Jungs! Zum Glück findet man in der Region genügend Bands, die alle Kriterien erfüllen. Und das heißt: Sie passen (A) inhaltlich ins Konzept, weil sie eine Haltung haben und zeigen - und sie haben B) musikalisch einiges drauf, machen live richtig viel Spaß oder beides gleichzeitig. ROCK GEGEN RECHTS MIT: KAFVKA | MARDERSCHADEN | MIEZE | QUEER-FEMINISTISCHER CHOR DIENSTAG, 30. APRIL, 19 UHR SCHLOSSPLATZ OLDENBURG EINTRITT FREI! Bedenken über Bord Im Grunde müsste man all das eigentlich gar nicht mehr erklären. In diesem Jahr findet Rock gegen Rechts bereits zum 25. Mal statt, wie immer exzellent organisiert von der DGB-Jugend Oldenburg-Ostfriesland, wahrscheinlich wieder mit etwa zweitausend Besucher:innen. Das heißt: seit einem Vierteljahrhundert läuft das Spektakel schon - da müssten es ja mittlerweile alle knapp 180.000 Oldenburger:innen kennen. Oder? Entspannte Stimmung: Rock gegen Rechts hat zwar eine klar Haltung, aufgheizte Protestatmosphäre sucht man auf dem Schlossplatz aber vergeblich. (Bild: Kulturschnack) Nein, leider nicht, zumindest nicht aus eigener Anschauung. Womöglich liegt es am Titel der Veranstaltung: Der ist zwar genau richtig, weil er exakt beschreibt, was man bekommt. Er schreckt jedoch bestimmte Bevölkerungsgruppen ab. Nämlich jene, die mit Rock nichts am Hut haben - und jene, die nicht unbedingt politisch Position beziehen wollen. Deswegen an dieser Stelle unser Appell: Schmeißt alle Bedenken über Bord und kommt am 30. April auf den Schlossplatz, Der Abend zeichnet sich nämlich durch eine besondere Stimmung aus, weil er sehr viel richtig macht. Denn obwohl er bereits im Titel eine klare Aussage trifft, ist die Atmosphäre freundlich, integrativ, angenehm. Dass mit Kafvka (Rap/Rock aus Berlin), Marderschaden (Punkrock aus Oldenburg) und Mieze (Rock aus Oldenburg) drei richtig gute Bands - und zwei davon aus der direkten Nachbarschaft - auf der Bühne stehen, macht den Abend richtig rund. Neugierig? Kein Problem: weiter unten gibt's eine Playlist! KAFVKA BEI ROCK GEGEN RECHTS ​ ZUM JUBILÄUM EIN COUP Nein, Kafvka sind nicht Kraftklub. Ganz so berühmt wie ihre Kollegen aus Chemnitz sind die Berliner nicht, auch wenn sie musikalisch in ähnlichen Gefilden unterwegs sind. Dennoch ist das Quartett eine große Nummer für Rock gegen Rechts in Oldenburg. Zum einen bringt die Band Erfahrung von Festivals wie Hurricane, Deichbrand und Rock am Ring mit - zum anderen ist sie für den vielleicht größten Demo-Hit Deutschlands verantwortlich. Wir haben mit Sänger/Rapper Jonas Kakoschke über den Auftritt in Oldenburg und vieles mehr gesprochen. Headliner von Rock gegen Rechts 2026 in Oldenburg: Die Berliner Band Kafvka.(Bild: Fernanda Augen) Ihr spielt in Oldenburg bei Rock gegen Rechts. Lag das zufällig auf einer Tour-Route oder war es euch ein Anliegen, das zu supporten? Es ist kein Zufall. Wir wurden angefragt und haben gemeinsam entschieden, dass wir das wichtig finden und auf jeden Fall machen wollen. Wir spielen unsere Musik auch gern auf riesigen Festivalbühnen, wo es auch ums Partymachen geht. Aber uns ist auch weiterhin wichtig, politische Veranstaltungen wie „Rock gegen Rechts“ zu unterstützen. Im Fall von Oldenburg kommt noch hinzu, dass wir fast genau ein Jahr nach dem Tod von Lorenz  dort sein werden. Wir hoffen natürlich, dass seine Familie und die Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“ auf der Veranstaltung präsent sein werden, um an diese schreckliche Tat zu erinnern und gemeinsam um Lorenz zu trauern. Das volle Interview mit Jonas lest ihr hier ! Niemand ist unrockbar Ach, du magst gar keinen Rock? Das ist okay. Dann appellieren wir einfach - wie immer an solch einer Stelle - an deine Neugier. Uns geht es jedenfalls immer wieder so, dass wir Veranstaltungen ganz großartig finden, wenn wir uns voll darauf einlassen - auch wenn sie nicht unseren persönlichen Geschmack widerspiegeln. Mit diesem einfachen Experiment verlässt man seine eigene kleine Blase bzw. seine musikalische Komfortzone und wird mit einer neuen Erfahrung belohnt - ganz egal, wie man sie im Nachhinein beurteilt. Letztlich kann sowieso nichts passieren, schließlich gibt es einen Act ganz ohne Gitarre: Der Queer-feministische Chor Oldenburg ist in diesem Jahr erstmals als Special Guest mit dabei - und das nur ein Jahr nach der Gründung! Nachdem die letzten drei Jahre der Oldenburger Kneipenchor mit Rocksongs von Acts wie blink-182 und The Offspring begesistert hat, darf man jetzt auf das Repertoire des Queer-Feministischen Chores gespannt sein. Wir sind es jedenfalls! Bei Musik gilt: Hören ist besser als lesen. Deshalb gibt's hier die Kostproben der diesjährigen Acts! Folgt euren Ohren Letztlich darf man sowieso fragen: Was soll schiefgehen? Rock gegen Rechts ist ein Open Air Live-Konzert im wunderbaren Ambiente des Schlossplatzes, mit tollen lokalen Bands, erstklassiger kulinarischer Versorgung und einer positiven politischen Botschaft. Mehr kann man an einem einzigen Abend gar nicht erwarten. Ihr braucht also nicht ziellos umherzuschwirren, auf der Suche nach dem ultimativen Ziel. Ihr findet es ganz einfach, im Herzen der Stadt. Ihr braucht nur euren Ohren zu folgen. Dort ist alles bereitet für einen großartigen Abend. Schließlich sind zwei Dinge frei: Der Eintritt - und der Tag danach!

  • KAFVKA: HEADLINER MIT HALTUNG

    Nicht nur beim Kulturschnack gingen die Augenbrauen und Mundwinkel hoch, als der Headliner für die 25. Auflage von Rock gegen Rechts in Oldenburg bekannt gegeben wurde. Mit der Verpflichtung der Berliner Rap-/Rock-Band Kafvka ist zweifellos ein Coup gelungen. Nicht nur, weil die Band bundesweit eine hohe Bekanntheit genießt, sondern weil sie gleichzeitig inhaltlich perfekt passt. Denn auch wenn die Musik der Band sich kaum kategorisieren lässt, machen sie seit ihrer Gründung auf jeden Fall eines: Rock gegen Rechts. Der Eindruck täuscht: Bei Kafvka gibt es auch nach dreizehn Jahren als Band keinerlei Ermüdungserscheinungen. Alessio, Jonas, Philipp und Sascha haben nach wie vor Bock - vielleicht auch, weil sie Musik mit Haltung verbinden?. (Bild: Fernanda Augel) Kafvka trafen einen Nerv. Als die Band 2013 gegründet wurde, war die erste große Crossover-Welle mit deutschen Texten und harten Gitarren a la Such a Surge zwar längst Geschichte. Doch dank megapopulärer Acts wie Kraftklub (deren Debüt im Jahr zuvor erschien) war die Kombination von Gitarre und Sprechgesang wieder angesagt. Nach einer erfolgreichen Proberaum-EP folgte im April 2016 Kafvkas Debütalbum „Hände hoch!“ - und ein gewisser Hype. Sänger/Rapper Jonas Kakoschke gelang es, die Ambivalenz des Alltags perfekt in Worte zu fassen, die harten Riffs verliehen den Messages den nötigen Druck. Die Band selbst ging mit der Aufmerksamkeit ironisch um und textete: „ Bei uns läuft, Alter, bei uns läuft Wenn das so weitergeht, sind wir der neue Shit auf Deutsch Wir haben alles, was man braucht als eine Band Wir haben alles, alles außer Fans!“ Dass die Band so schnell durchstartete, war nie geplant, allerdings auch kein Zufall. Die energiegeladene Mischung aus Rap, Rock und zunehmend auch elektronischen Sounds passt gleichermaßen auf die Tanzfläche wie auf die Barrikade. Bestes Beispiel: die Anti-Hymne „Alle hassen Nazis“, die inzwischen zum festen Soundtrack für entsprechende Demos und Proteste geworden ist. Von Anfang an standen Kafvka für klare Kante, harte Riffs und fette Beats: Ihre deutschsprachigen Texte sind direkt, politisch und selten zimperlich – es geht um soziale Ungleichheit, Rassismus und alles, was im Alltag so schiefläuft. Viele Menschen konnten das gut nachvollziehen, andere lernten sogar etwas dabei - zum Bespiel, warum man einen AntiRa-Workshop braucht , wenn man glaubt, dass man keinen AntiRa-Workshop braucht. Vier gewinnt: Kafvka haben bisher vier Longplayer veröffentlicht: „Hände Hoch“, „2084“, „Paroli“ und „Kaputt“. (Bilder: Kafvka) Zwischen Bühnen und Barrikaden Musikalisch fühlen sich Kafvka irgendwo zwischen Clubnacht und Protestzug zuhause: treibende Bässe, eingängige Hooks und eine ordentliche Portion Wut im Bauch. Dabei bleibt der Ton trotz aller Ernsthaftigkeit oft ironisch und mit einem Augenzwinkern versehen. Das Ergebnis ist ein Sound, der nicht nur gehört, sondern auch gespürt werden will – laut, unbequem und ziemlich tanzbar. Konkrete Chart-Platzierungen sind anders als etwa bei Kraftklub bisher ausgeblieben. Kafvkas Erfolg spielt sich stärker im Independent- und Live-Bereich ab als im Mainstream. Ihre Releases wurden vor allem in der alternativen Szene gefeiert und haben ihnen - anders als anfänglich vermutet - eine treue Fanbase eingebracht, auch durch starke Präsenz auf Streaming-Plattformen und in Subkultur-Medien. Oft genug waren Kafvka auch kurz davor, die Schwelle zum kommerziellen Erfolg zu überschreiten. Songs wie „Tanz deinen Schmerz weg“ oder „ Das Ende der Welt “ könnten im Radio laufen - wären die Texte leichter verdaulich. Letztlich waren Kafvka stets zu kantig, ihre Anliegen zu wichtig, ihre Haltung zu klar, um der ganz großen Masse zu gefallen. Eigentlich ein Popsong: „Tanz deinen Schmerz weg“ deutet auf dem 2021er Album „Paroli“ eine elektronischere Ausrichtung der Band an. Kafvka: Rock gegen Rechts Und so feiern Kafvka ihre Erfolge vor allem auf den Konzertbühnen. Die Band war schon auf vielen bekannten Festivals vertreten, darunter das Fusion Festival , Rock am Ring , Hurricane und Deichbrand aber auch auf vielen kleineren bis mittelgroßen Indie-Festivals im deutschsprachigen Raum. Nun reiht sich Oldenburg mit „ Rock gegen Rechts “ in diesen Reihe ein. Was hat Kafvka hierhergeführt? Was erwarten sie von ihrem Auftritt? Und warum ist die Band überhaupt politisch? Darüber haben wir uns Sänger/Rapper Jonas unterhalten. Ihr wart von Anfang an eine politische Band bzw. habt Politik thematisiert. War das eine bewusste Entscheidung? Durch Flüchtlingsarbeit politisiert: Rapper Jonas Kakoschke. (Bild: Fernanda Augel) Wir haben uns nicht als explizit politische Band gegründet, wir wollten einfach Musik machen zusammen. Aber durch meine eigene Politisierung wurden auch meine Texte immer politischer und wir als Menschen auch. So waren unsere Texte eigentlich schon immer irgendwie politisch, wurden aber eindeutiger mit der Zeit. Unser erster explizit politischer Song war 2014 „ Lampedusa “. Warum ist euch das wichtig? Wir haben uns nie gesagt „Hey komm wir machen jetzt nur noch politische Musik“, sondern es war eine organische Entwicklung. Durch meine politische Arbeit mit geflüchteten Menschen ab 2014 kam ich immer mehr in Kontakt mit Menschen, die zur Flucht gezwungen waren und von Rassismus betroffen sind. Ich reflektierte immer mehr meine eigene Positionierung und damit verbundene Privilegien und die negative Rolle Deutschlands und Europas in der Welt. Dies trieb meine Politisierung voran, was wiederum meine Texte mehr und mehr prägte. Welche Macht hat denn Musik? Was kann sie bewirken? Wir sehen unsere Musik zum einen als eine Form von Bildungsarbeit, eine Möglichkeit Menschen zu erreichen, die vielleicht noch nicht so sehr politisiert sind. Musik kann ein Agitationsinstrument sein, indem sie zum Nachdenken und Reflektieren anregt. Gleichzeitig ist sie – vor allem in Form von Konzerten – auch ein Ventil, für uns und für die Menschen im Publikum, den Weltschmerz gemeinsam wegzutanzen. Das wahrscheinlich wichtigste ist, dass unsere Musik für Menschen, die durch ihr Umfeld das Gefühl haben allein zu sein mit ihrer Weltanschauung, ein wichtiges Zeichen bekommen, dass sie eben nicht allein sind. 1,8 Millionen Aufrufe: Ausgerechnet mit dem bewusst provokanten Song „Alle hassen Nazis“ gelang Kafvka ein Hit, der sie bundesweit bekannt machte. (Video: Kafvka) Viele kennen Euch wegen des Songs „Alle hassen Nazis“. Ist das cool oder nervt das auch manchmal? Nein, nein, das ist cool. Nervig wäre, wenn alle uns nur durch einen unpolitischen belanglosen Radiosong kennen würden! ( lacht ) Wir lieben den Song nach wie vor und durch seine Bekanntheit haben wir das Privileg, weiterhin unabhängig Musik machen zu können und mittlerweile so viele Menschen zu erreichen. Wie ist es, wenn man politische Songs live spielt? Wenn man neben der Musik also auch ein Anliegen hat? Entsteht da eine spezielle Energie? Definitiv. Ich sehe in den Augen der Menschen bei unseren Shows viele Emotionen und wir spiegeln und heilen uns gegenseitig, würde ich behaupten. Es gibt auf unseren Konzerten auch oft Menschen die weinen, weil sie die Texte so sehr treffen. Es ist sehr intim, so etwas bei Menschen auszulösen. Das zeigt uns aber auch immer wieder, dass wir nicht allein sind mit unseren Emotionen und Träumen von einer besseren Welt. Großer Name: Der breiten Masse mögen Kafvka nicht. bekannt sein, unter Festivalfans gelten sie wegen ihrer mitreißenden Live-Show aber längt als absolutes Pflichtprogramm. (Bild: Danny Kötter) Ihr spielt in Oldenburg bei Rock gegen Rechts. Lag das zufällig auf einer Tour-Route oder war es euch ein Anliegen, das zu supporten? Es ist kein Zufall. Wir wurden angefragt und haben gemeinsam entschieden, dass wir das wichtig finden und auf jeden Fall machen wollen. Wir spielen unsere Musik auch gern auf riesigen Festivalbühnen, wo es auch ums Partymachen geht. Aber uns ist auch weiterhin wichtig, politische Veranstaltungen wie „Rock gegen Rechts“ zu unterstützen. Im Fall von Oldenburg kommt noch hinzu, dass wir fast genau ein Jahr nach dem Tod von Lorenz dort sein werden. Wir hoffen natürlich, dass seine Familie und die Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“ auf der Veranstaltung präsent sein werden, um an diese schreckliche Tat zu erinnern und gemeinsam um Lorenz zu trauern. Im Oldenburger Stadtrat vereinen Bündnis 90/Die Grünen und die SPD etwa zwei Drittel der Stimmen auf sich. Fährt man als Band in so eine Stadt mit einem anderen Gefühl als in eine, wo die AfD die Hälfte der Stimmen erreicht? Oft wissen wir das gar nicht so genau – außer in Extremfällen. In der Vergangenheit haben wir auch in richtigen „Nazidörfern“ wie Schnellroda oder Jamel gespielt. Es ist schon ein weirdes Gefühl, dort „Alle hassen Nazis“ zu spielen, wenn ein paar hundert Meter entfernt ein-, zweihundert Hardcore-Nazis in einer Kneipe sitzen und niemand weiß, ob die gleich noch in Laune sind, die Veranstaltung auseinander zu nehmen. Aber auch etablierte Parteien stehen ja mittlerweile zumindest auf Bundesebene in Teilen für eine Politik, die wir kritisieren. Unmenschliche Politik ist leider nicht nur bei der AfD zu finden. Zugänglich: Kafvka schreiben weiterhin keine kommerziellen Pop-Nummern. Trotzdem - oder gerade deswegen? - erreicht die Band auch viele Menschen, die sonst andere Sounds hören. Was ist denn wichtiger: diejenigen zu bestätigen, die auf der „richtigen“ Seite sind? Oder diejenigen zu konfrontieren, die „zu weit rechts“ stehen. Beides ist wichtig. Wie ist die Resonanz bei regulären Festivals mit gemischtem Publikum? Eher zustimmend? Oder bekommt man auch mal Pfiffe für provokante Aussagen? In unseren Anfangsjahren, als alles noch sehr viel kleiner war, kam es schon zu Buhrufen und es flogen auch mal Becher. Mittlerweile sind die Bühnen meistens groß genug, als dass sowas nicht mehr akustisch bei uns ankommt. ( lacht ) Würdet ihr aus kommerziellen Gründen auch mal auf Messages verzichten? Auf keinen Fall. Wir versuchen sowieso, bei allen Musik betreffenden Entscheidungen möglichst wenig über kommerzielle Verwertbarkeit nachzudenken, sondern auf unser Bauchgefühl zu hören. Da wir unser eigenes Label und Management sind, gibt es auch niemanden, der oder die uns da reinreden kann. Große Bühne: Kafka definieren ihren Erfolg nicht über Chartplatzierungen, sondern vor allem über spektakuläre Live-Erlebnisse zwischen Club und Festival. (Bild: Danny Kötter) Für eine bessere Welt Musikalisch sind Kafvka schwer zu fassen. Die Mischung aus Rap und Rock schlicht als Crossover anzutun, reicht nicht aus. Dazu gehen die Berliner zu oft in Grenzbereiche zu anderen Genres und wagen dort Experimente. Dennoch bleiben diese beiden Elemente - Rap und Rock - natürlich der Kern der Musik. Und weil die Band sie barrikadentauglich verpackt, wird es zum Jubiläum von„Rock gegen Rechts“ einen spektakulären Headliner geben, den man besser nicht verpassen sollte. Das steht bereits fest. Was das Ganze mehr als nur abrundet, ist die Haltung der Band. Glaubhafter als Kafvka kann man politische und gesellschaftliche Themen kaum formulieren. Hier geht es zwar auch um Protest, gleichzteitig aber um mehr. Kafvka kämpfen für eine bessere, menschlichere Welt - nicht nur in großen Maßstäben, sondern auch in den Details des Alltags. Allein das wäre unbedingt zu honorieren. Wenn die Botschaft zusätzlich noch so gut klingt, und nicht nur in den Kopf, sondern auch ins Herz und in die Beine geht - dann gibt es keine Ausreden mehr. Wir sehen uns auf dem Schlossplatz!

  • BLAU KANN AUCH WÜTEND SEIN

    „Warum dominiert immer nur eine Farbe pro Bild?“ – das ist die Frage, die Gunhild Tuschen sehr oft hört. Ihre Antwort: „Weil jede Farbe ihren eigenen Raum braucht.“ In der BBK-Galerie Oldenburg sieht man, was sie meint. Da hängt ein Bild nur in leuchtendem Gelb. Gegenüber zwei in kräftigem Rot-Orange. Und daneben drei Großformate in Preußischblau. Jede Farbe für sich. Kaum Mischungen auf der Leinwand und doch sieht man Bewegung und spannende Nuancen. Preußischblau in all seinen Facetten: Gunhild Tuschen kratzt, schichtet und „schmatzt“ mit der Farbe. (Bild:Kulturschnack) Und falls ihr jetzt denkt: „Moderne Kunst? Ist nicht so meins“ – gebt den Bildern fünf Minuten. Ohne Kunstgeschichte, ohne Theorie. Einfach nur hinschauen. Vielleicht passiert dann genau das, was Gunhild Tuschen will: Ihr fühlt, statt zu denken. Eine Leinwand voller Blau An den Wänden der BBK-Galerie hängen derzeit leuchtende Bilder in Kadmiumgelb-Zitrone, in Chromoxidgrün und weitere in Preußischblau. Nicht das freundliche Himmelblau aus dem Aquarellkasten, auch nicht das knallige Cyan aus dem Drucker, sondern ein Blau, das viele Facetten hat und manchmal auch fast schwarz sein kann. Mal satt, mal tief, mal durchscheinend. Manche Bilder schimmern wie Wasser. Andere wirken wie Kraterlandschaften. Wieder andere sehen aus, als hätte jemand mit bloßen Händen in nasse Farbe gegriffen und Spuren hinterlassen. Die Künstlerin heißt Gunhild Tuschen und sie entführt uns in der BBK-Galerie gerade in ihre Welt aus hundert Schattierungen einzelner Farben. Warum nur eine Farbe? Blau kann viele Emotionen wecken: Gunhild Tuschens Ausstellung in der BBK-Galerie Oldenburg. Bis 3. Mai, Eintritt frei. (Bild: Kulturschnack) Die erste Frage, die man sich stellen mag: Warum beschränkt sich jemand freiwillig auf eine einzige Farbe? Gunhild Tuschen hat in einem Interview einst verraten: „Es schmeckt so schön. Ich gehe gerne mit den Händen rein.“ Preußischblau ist für sie kein Konzept. Es ist ein Material, es hat etwas Sinnliches, das „schmatzt“, wenn man es aufträgt. Etwas, in das man eintauchen will – „genauso wie in feuchte Erde oder Schlamm“, sagt sie selbst. Dieser tiefdunkle Blauton wirkt in ihren Bildern sehr kraftvoll und ist doch an manchen Stellen so durchlässig, dass man die darunterliegende Leinwand erahnen kann. Andere Stellen sind extrem deckend, fast schwarz. Wieder andere wurden sichtlich mit dem Spachtel bearbeitet: Die Künstlerin trägt die Farbe großzügig auf, manchmal kratzt sie sie wieder aus, zieht feine Linien. Die Farbe zeigt hundert Gesichter, aber es ist immer dasselbe Pigment aus derselben Tube. Genau darin liegt für Tuschen die Freiheit: Wer sich auf einen Farbton konzentriert, entdeckt die ganze Bandbreite. Was nach Einschränkung aussieht, wird für sie zur großen Freiheit. GUNHILD TUSCHEN: ZUFÄLLIG SIND WIR GEWORFEN – WENIG TRENNT UNS BIS 3. MAI 2026 BBK-GALERIE PETERSTRASSE 1 26121 OLDENBURG DI-DO: 14-17 UHR SO: 11-14 UHR KOSTENFREI Eine Farbe mit Geschichte Preußischblau hat eine verrückte Geschichte. 1706 wollte jemand in Berlin eigentlich etwas ganz anderes herstellen und heraus kam: dieses Blau. Eines der ersten Pigmente, das nicht aus Steinen oder Pflanzen gewonnen wurde, sondern im Labor entstand. Seitdem heißt es auch Berliner Blau oder Pariser Blau und wurde in der Malerei genauso eingesetzt wie in der Textilfärbung. Aber – und jetzt wird es wild – Preußischblau hat auch eine ganz andere Funktion. Es wird als Medikament eingesetzt. Arbeiter:innen in Kernkraftwerken bekommen es, um radioaktive Stoffe wie Thallium und Cäsium aus dem Körper zu binden. Die gleiche Farbe, die hier an der Wand hängt, zieht Strahlung aus Menschen? Die gleiche Farbe, mit der Tuschen malt, rettet Leben? Ja. Genau dieselbe. Gunhild Tuschen weiß das natürlich und es ist kein Zufall, dass sie ausgerechnet diese Farbe gewählt hat. Und jetzt fragt ihr euch vielleicht: Muss ich das alles wissen, um die Bilder zu verstehen? Nein. Tuschen malt nicht für Leute, die Kunstgeschichte oder Chemie studiert haben. Sie malt für alle, die gerne hinsehen und das Gefühl kennen, dass die Welt manchmal einfach zu viel ist. „Wir wissen, dass wir die Welt zerstören und machen trotzdem weiter“ Ihre Werkreihe mit Preußischblau hat einen politischen Unterton. Die Bilder tragen den Zusatz im Titel „Was sind wir Menschen dumm“. Es geht dabei darum, dass wir wissen, dass wir die Welt zerstören, dass wir die Zusammenhänge längst kennen und trotzdem machen wir – sehenden Auges – weiter. Jeden Tag dieselben Wiederholungen. Das ärgert Tuschen. Daher wollen ihre Werke nicht nur schön sein. Sie zeigen ein stückweit Wut, Ohnmacht und Energie, die einen Weg nach draußen sucht. Dieser Weg führt über den Spachtel. Denn Tuschen malt nicht nur – sie arbeitet. Sie kratzt in die Farbe, zieht sie übers Bild, schichtet sie übereinander. Manchmal wird es weich und fein. Manchmal grob und scharfkantig. Und manchmal kratzt sie so heftig, dass wir spüren: Hier muss etwas raus, das sich nicht in Worte fassen lässt. Die Gesten in ihren Bildern sind Spuren von Bewegung, Körperlichkeit und von dem, was der Ausstellungstitel andeutet: „Zufällig sind wir geworfen – wenig trennt uns.“ Es geht um den Körper, um Bewegung, um Dinge, die man nicht erklären, sondern nur fühlen kann. Wenn Künstler:innen sich beschränken Ist das eigentlich eine neue Idee, sich auf der Leinwand vor allem einer Farbe zu widmen? Nein, die Kunstgeschichte liefert uns verschiedene Beispiele, wo das ähnlich ist. Yves Klein , der französische Künstler, malte in den 1950er-Jahren nur mit einer Farbe: einem speziellen Ultramarin-Blau, das er „International Klein Blue“ nannte und sogar patentieren ließ. Seine einfarbigen Leinwände sollten das Unendliche zeigen, etwas Unsichtbares sichtbar machen. Glatt wie ein Spiegel. Spirituell. Fast schon meditativ. Gunhild Tuschen ist das genaue Gegenteil. Ihr Blau ist nicht glatt. Es ist aufgeraut, gestisch, prozesshaft. Wo Yves Klein das Kosmische suchte, forscht Tuschen eher nach dem Körperlichen. Yves Klein entwickelte diese Farbe mit dem Pariser Farbenhändler Edouard Adam. Das Geheimnis: ein spezielles Bindemittel, das das Blau maximal intensiv hält. Registriert 1960, jedoch nie patentiert. (Bild: Wikimedia Commons) Ein anderes Beispiel: Anish Kapoor , der sich die exklusiven Rechte an Vantablack gesichert hat – dem schwärzesten Schwarz, das je entwickelt wurde. Kein anderer Künstler darf es benutzen. Das sorgte für Ärger in der Kunstwelt (und für eine witzige Gegenbewegung: Der Künstler Stuart Semple entwickelte das „pinkeste Pink“ und verbot Kapoor ausdrücklich, es zu kaufen). Gunhild Tuschen steht nun in der Reihe dieser Künstler, jedoch macht sie es auf ihre Weise. Ihr Preußischblau ist kein patentiertes Wunder. Es ist eine Tube Farbe von einem bestimmten Hersteller, „dessen Konsistenz und Farbintensität die Qualität hat, die ich haben möchte“, sagt sie. Kein großer Mythos. Nur Farbe, Leinwand und ihre Hände. Bilder, die weiterleben Gunhild Tuschens Werk hat noch eine andere Facette, die faszinierend ist: Sie macht sogenannte „Repaintings“ – Bilder, die sie vor Jahren begonnen und später wieder hervorgeholt hat. Ein Werk von 2009 wird 2024 nochmal auf die Staffelei gestellt. Neue Schichten kommen drauf. Alte Linien bleiben stehen, doch das Bild lebt weiter. Das ist keine Korrektur. Es ist eher so, als würde die Künstlerin von 2009 mit der Künstlerin von 2024 reden. Über Farbe. Ohne Worte. In Oldenburg kennen wir das von Franz Radziwill , dem berühmten Maler aus Dangast. Auch er hat seine Bilder über Jahrzehnte hinweg immer wieder übermalt. Manche Werke tragen Schichten aus verschiedenen Lebensphasen. Bei Radziwill war es allerdings oft Unzufriedenheit – er wollte das Bild gern „besser“ machen. Bei Tuschen ist es anders. Sie will nichts verbessern. Sie will sehen, was passiert, wenn Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen. Was wir mitnehmen Schon im Flur beginnt Gunhild Tuschens Farbwelt: Hier in Chromoxidgrün – erdig, bewegt, lebendig. (Bild: Kulturschnack) „Zufällig sind wir geworfen – wenig trennt uns“ klingt als Titel der Ausstellung erst einmal abstrakt. Doch sobald man vor den Bildern steht, ergibt er Sinn. Die Farben sind ausdrucksstark, jede Leinwand ist irgendwie anders, aber so pulsierend voller Leben. Mal zart, mal brutal. Mal durchlässig, mal deckend. Mal ruhig, mal aufgewühlt. Dazwischen: ein weiter Raum zum Innehalten. Gunhild Tuschen zeigt: Weniger ist manchmal mehr. Wer sich auf eine Farbe konzentriert, sieht mehr, nicht weniger. Wer alles haben will, verliert sich. Wer sich fokussiert, geht vielmehr in die Tiefe. Die Bilder hängen noch bis 3. Mai in der BBK-Galerie. Geht einfach hin, schaut ein paar Minuten, lasst die Farben wirken. Preußischblau schmeckt wirklich schön.

  • GLOBETALES: FERNWEH GANZ NAH

    Es lässt sich trefflich darüber streiten, was Kultur ist und was nicht. Die Haltungen zu dieser Frage hängen eng damit zusammen, wie eng oder wie weit man diesen Begriff fasst. Das Globetales-Festival gehört sicher nicht in die Kategorie Hochkultur. Aber dennoch wollen wir euch dieses Ereignis ans Herz legen. Denn zum einen performen die Redner auf der Bühne, zum anderen werden ihre Vorträge von Foto-Workshops, einer Kunst-Ausstellung und einem Musikact begleitet. Und sowieso: Fernweh? Immer ein Thema. Auch für uns! Fremde Welten: Selbst die größten Weltenbummler werden die Antarktis wahrscheinlich nie sehen. Wir können ihr jetzt ganz bequem im Oldenburger Core begegnen. (Bild: Michael Trautmann) Ein spärlich beleuchteter Raum, nur etwas Sonnenlicht fällt durch die Vorhänge. Eine Frau und ein Mann liegen auf einem Bett, halten sich gegenseitig im Arm, ein intimer Moment. Schließlich fragt sie: „Do you know what Fernweh is?“ Seine Antwort kommt schnell: „I have no idea.“ Daraufhin erklärt sie: „It' s German for a deep longing to be somewhere else, for faraway places and the unknown“. Und mit diesem Satz schwingt die Frage: Was wäre, wenn wir woanders wären, als wir sind? Es ist kein Zufall, dass dieser Dialog hier auf Englisch erscheint, Er stammt nämlich aus der ultraharten US-amerikanischen Biker-Serie „ Mayans M.C. “ - ein eher ungewöhnliches Szenario für einen Dialog über das deutsche Wort Fernweh. Umso mehr zeigt dieses Beispiel, wie sehr dieser schmerzhaft-schöne Begriff internationale Karriere gemacht hat - und wie einzigartig er zu sein scheint. Im Oldenburger Core gibt es nun die Gelegenheit, sich ganz intensiv mit diesem Gefühl zu beschäftigen und tief in ferne Welten einzutauchen. Dort findet nämlich das Reise-Vortrags-Festival „ GlobeTales “ statt und lädt uns alle dazu ein, unser Fernweh hier vor Ort zu stillen. GLOBETALES DAS REISE-VORTRAGS-FESTIVAL FÜR ABENTEUER UND REISEN SAMSTAG, 18. APRIL 2026 12 BIS 22 UHR CORE OLDENBURG HEILIGENGEISTSTRßE 6-8 26122 OLDENBURG Zwischen Abenteuer und Alltag Der Begriff Festival ist in unserer Alltagskultur allgegenwärtig. Gefühltermaßen trägt jede Veranstaltung, die mehr als zwei Acts bietet und länger als zwei Stunden dauert, diese Bezeichnung. Das hat zur Folge, dass die Zahl an Festivals kaum noch zu überblicken ist. Trotzdem gibt es immer noch Raum für Innovationen und Nischen für neue Ideen. Eine solche hat Michael Trautmann gefunden - und mit dem ersten Reise-Vortrags-Festival „GlobeTales“ besetzt. In seinem Element: Organisator Michael Trautmann vor der Neumayer III-Station im ewigen Eis der Antarktis. (Bild: Michael Trautmann) Michael weiß, wovon er spricht. Nicht nur, weil er zu Corona-Zeiten mit dem Fahrrad nach Marokko wollte (und schließlich in Portugal gelandet ist) oder acht Monate in Australien verbrachte. Seine intensivsten Erfahrungen machte er woanders - nämlich als Elektroingenieur auf der Neumayer III-Forschungsstation in der Antarktis. In einer Gruppe von gerade einmal neun Personen überwinterte er dort, vollkommen abgeschnitten von der Außenwelt. Eine maximal intensive Erfahrung - mit der er zu einem gefragten Speaker und Podcast-Gast  geworden ist, und die ihn auch zum GlobeTales-Festival inspirierte. Wir haben mit Michael gesprochen, was ihn zum Reisen motiviert - und warum man auch etwas davon hat, wenn andere davon erzählen. Der Reiz des Unbekannten Michael, Du bist sehr viel unterwegs und warst schon an vielen außergewöhnlichen Orten. Was zieht dich dorthin? Mich zieht vor allem die Neugier auf Unbekanntes dorthin. Ich bin sehr abenteuerlustig und möchte Dinge sehen, die ich so in meinem Leben noch nie gesehen habe. Besonders reizen mich Orte und Erfahrungen, die ein bisschen extremer sind und die viele andere vielleicht nie erleben oder gar nicht erleben wollen. Dazu kommt die Schönheit der Natur. Zu sehen, was die Erde alles bereithält, fasziniert mich jedes Mal aufs Neue. Genau das löst in mir oft dieses Gefühl aus: Wow, das möchte ich unbedingt machen. Wer hat schon Lust, sich für ein Jahr in der Antarktis in Isolation einzuschließen? Für viele klingt das eher abschreckend. Für mich sind genau solche Expeditionen und Reisen aber unglaublich faszinierend. Dafür schlägt einfach mein Herz. Fremde Welten: Fotos können meist nur ein Teil der Faszination transportieren. Zusammen mit guten Geschichten machen sie Reisen aber lebendig. (Bild: Kulturschnack) Reisen heißt, die gewohnte Komfortzone zu verlassen. Muss man dafür ein bestimmter Typ sein? Oder hätte jeder was davon? Ich war früher selbst jemand, dem es nicht leicht gefallen ist, die Komfortzone zu verlassen. Gerade als ich das erste Mal länger unterwegs war, hatte ich auch Respekt davor. Das war damals in Australien. Am Ende war ich acht Monate dort, aber am Anfang wusste ich gar nicht, wie lange es wirklich werden würde. Die Wohnung und den Job kündigen, sich von Familie und Freund:innen verabschieden und Sicherheiten aufgeben: Das sind große Hürden. Damals war ich genauso unsicher wie viele andere, die so einen Schritt noch nie gemacht haben. Heute ist es für mich viel selbstverständlicher geworden, aus der Komfortzone rauszugehen. Und ich kann wirklich sagen: Es lohnt sich. Es macht Spaß, es erweitert den Horizont und man wächst daran. GlobeTales: Das Festival für Fernweh Wie entstand die Idee für ein Festival? Die Idee für das GlobeTales Festival in Oldenburg ist aus meinen eigenen Reisevorträgen heraus entstanden. Ich werde immer wieder für Vorträge über die Antarktis gebucht und hatte schon länger Lust, solche Veranstaltungen auch selbst zu organisieren. Im letzten Jahr war ich mit meinem Vortrag „ 70 Wochen Antarktis“  deutschlandweit unterwegs und habe gemerkt, wie viel Freude mir das macht. Irgendwann kam dann der Wunsch auf, auch anderen Reisenden eine Bühne zu geben. Menschen, die außergewöhnliche Reisen gemacht haben und ihre Erfahrungen teilen möchten. Genau daraus ist die Festivalidee entstanden. Ich wollte einen Ort schaffen, an dem Menschen zuhören, staunen, mitreisen und sich inspirieren lassen können. Zweitausend Kilometer: Die Erlebnispädagogin und Buchautorin Johanna Geils wanderte von Zypern zum Nordkap - nur eine von vielen weiteren Reisen. (Bild: Johanna Geils)   Wie würdest du das Angebot in eigenen Worten beschreiben? Was erwartet die Besucher:innen? Ein Tag voller Reisen, Abenteuer und Eindrücke aus ganz unterschiedlichen Welten. Es geht um besondere Orte, extreme Erfahrungen, aber auch um die Schönheit und Faszination des Unterwegsseins. In meinem Vortrag über die Antarktis geht es zum Beispiel darum, wie ich überhaupt in die Antarktis gekommen bin, was das Leben dort mit einem macht, welche Schattenseiten es gibt, aber natürlich auch, wie unfassbar schön diese Welt ist. Mit Pinguinen, Polarlichtern und Landschaften, die sich anfühlen, als wäre man auf einem fremden Planeten. Vor Ort gibt es außerdem die Möglichkeit, echte Polaranzüge anzuprobieren. Insgesamt stehen sechs Anzüge in verschiedenen Größen für Kinder und Erwachsene bereit. Dazu kommen die weiteren Vorträge von Johanna Geils und Ansgar Lenzen , die auf ganz andere Weise außergewöhnlich sind. Etwa Johannas Tour von Zypern bis zum Nordkap mit einer Hängematte zum Schlafen oder Ansgars Reise nach Ecuador mit seinen vier völlig unterschiedlichen Welten und einer beeindruckenden Tierwelt. Am Ende ist es ein Tag zum Zurücklehnen, Staunen und Inspirieren lassen. Und zum Abschluss gibt es dann auch noch Livemusik. Faszinierend: Beim Reise-Vortrags-Festival geht es nach Ecuador, von Zypern ans Nordkap und natürlich in die Antarktis. Hier gibt es erste Eindrücke. (Bilder: Michael Trautmann, Johanna Geils, Anskar Lenzen) Hunderttausend Augenblicke Die Erfahrungen und Erlebnisse auf Reisen sind sehr intensiv. Man sieht sie, fühlt sie, riecht sie. Wie erzählt man darüber? Das ist tatsächlich eine spannende Frage. Wie erzählt man zum Beispiel, wie die Antarktis riecht? Und wie fühlt sie sich an? Vor allem extrem kalt. Bei minus 50 Grad draußen zu stehen, ist etwas, das man kaum wirklich greifen kann, wenn man es nicht erlebt hat. Deshalb erzähle ich in meinen Vorträgen immer über persönliche Erlebnisse und eigene Geschichten. So nehme ich die Menschen ein Stück mit in diese Welt hinein. Bilder und Videos helfen dann dabei, das Ganze noch greifbarer zu machen. Ich glaube, dadurch wird vielen erst richtig bewusst, wie extrem so ein Leben dort eigentlich ist. Nicht nur wegen der Temperaturen, sondern auch wegen der Isolation, der kleinen Gruppe und der Tatsache, dass man über Monate nicht einfach weg kann. Dieses Zusammenspiel aus Erzählung, Bildern und Videos macht es möglich, solche Erfahrungen überhaupt zu vermitteln. Wie wichtig ist die Fotografie auf solch ungewöhnlichen Reisen? Fotos spielen eine sehr große Rolle. Meine Vorträge leben stark von ihnen, weil sie die Geschichten noch greifbarer und lebendiger machen. Dazu kommt, dass hinter vielen Bildern auch sehr viel Arbeit steckt. Ich habe in der Antarktis über 100.000 Fotos gemacht und sehr viel Zeit investiert, um einzigartige Momente festzuhalten. Das Besondere ist auch: Viele dieser Aufnahmen gab es so vorher noch nicht. Niemand hat genau diesen Moment vorher auf diese Weise festgehalten. An der Neumayer Station überwintern pro Jahr nur neun Personen. Insgesamt waren es über all die Jahre nur vergleichsweise wenige Menschen, und nicht jeder fotografiert intensiv. Dadurch hatte ich die Chance, Motive und Situationen festzuhalten, die in dieser Form wirklich selten sind. Genau das macht die Fotos für mich und auch für die Vorträge so wertvoll. Trifft einen Nerv: Anskar Lenzen verbindet Umweltaktivismus mit Fotografie. Auf Instagram folgen ihm über 150.000 Menschen. (Bild: Ansgar Lenzen) Was werden die Menschen von der Veranstaltung mitnehmen? Sollen alle direkt danach aufbrechen oder kann man sein Fernweh auch mit einem Vortrag stillen? Ich glaube, man kann sein Fernweh durch einen Vortrag zumindest ein Stück weit stillen. Gleichzeitig soll so ein Festival aber vor allem inspirieren. Mir geht es selbst oft so: Wenn ich einen guten Reisevortrag höre, dann löst das etwas in mir aus. Es weckt Reiselust, neue Ideen und manchmal auch den Mut, den ersten Schritt in ein neues Abenteuer zu gehen. Man denkt plötzlich: Darüber habe ich noch nie so nachgedacht. Oder: Vielleicht sollte ich es einfach mal machen. Ich glaube, das ist bei jedem ein bisschen unterschiedlich. Ich bin mir sicher, dass so ein Festival Lust auf mehr macht. Auf neue Gedanken, neue Perspektiven und vielleicht auch auf die eigene nächste Reise. GlobeTales: Ferne Orte, fußläufig entfernt Letztlich spielt es keine Rolle, ob das Fernweh wie ein ewiges Feuer in uns lodert und wir sogar beim intimen Pillow Talk darüber reden oder ob wir Oldenburg für den Nabel der Welt halten und nirgendwo anders hinwollen. Wenn Reise-Abenteuer so attraktiv aufbereitet werden wie beim GlobeTales-Festival, werden sie niemanden kalt lassen. Die einen werden sich an jene Orten träumen, von denen sie gerade hören, und insgeheim schon Reisepläne schmieden. Die anderen sind vielleicht froh, dass sie sich die Strapazen ersparen können und fühlen sich hier vor Ort umso wohler. Doch alle haben etwas davon, sich intensiv mit fernen Orten auseinanderzusetzen - und sei es, um zu lernen, wie Alltag abseits der gewohnten Pfade aussehen kann. Krönender Abschluss: Zum Ausklang des ersten Reise-Vortrags-Festivals steht Majanko auf der Bühne, vielen bekannt von The Voice of Germany. (Bild: Majanko) Die eigenen Horizonte erweitern: Das klappt am besten, wenn man tatsächlich selbst unterwegs ist. Mit dem GlobeTales Festival kommt man dieser Erfahrung aber näher als je zuvor, ohne dafür auch nur eine Nacht auf einer fremde Matratze schlafen zu müssen. Ob Inspiration für Reiseabenteuer oder Kurzurlaub im Kopf: Der kurze Weg ins Core wird sich lohnen - nicht zuletzt, weil das Globetales-Festival dank Ausstellung, Workshops und Musikact eben doch Kultur ist. In diesem Sinne: Gute Reise!

  • ACOUSTIC SESSION: FILIZ-SOFIE

    Zum Auftakt der zweiten Staffel starten wir direkt mit einem waschechten Highlight. Filiz-Sofie ist der beste Beweis dafür, dass es sich immer lohnt, seinem inneren Drang nach kreativem Ausdruck nachzugeben. Nach Anfängen im deutschsprachigen Pop zeigt sie bei den Kulturschnack Acoustic Sessions nun erstmals, in welche Richtung sie sich, gemeinsam mit ihrer Band, künstlerisch weiterentwickeln möchte. Vorhang auf, los geht's! Blicken wir der Realität ins Auge. Kultur spielt nicht in jedem Haushalt eine präsente Rolle. Das prallgefüllte Bücherregal, das Klavier im Wohnzimmer oder der Museumsbesuch - alles überhaupt keine Selbstverständlichkeit. Umso schöner sind dann jedoch die Geschichten, in denen sich Menschen, aus völlig intrinsischen Motiven heraus, auf den Weg machen, sich diese Welt selbst zu erschließen. Filiz-Sofie ist einer dieser Menschen. Von Kindesbeinen empfand die 26-jährige Oldenburgerin für das Singen eine große Begeisterung, obwohl sie weder in den Genuss einer musikalischen Früherziehung kam noch sonderlich viel anderweitig von Musik umgeben war. „Ich habe tatsächlich gar keinen musikalischen Background [...], aber ich habe irgendwann einfach entschieden, dass ich gerne singen möchte.“ Ihren bisher größten Auftritt hatte Filiz-Sofie auf der SAIL in Bremerhaven. Foto: Robert Hirschmann Wie sie bereits früh bemerkte, fand sie für jede Lebenslage und jedes noch so nuancierte Gefühl, immer wieder den passenden Song, der darüber hinaus auch oftmals genau das für sie zum Ausdruck bringen konnte, was in ihr zum jeweiligen Zeitpunkt vorging. Dieses Gefühl wollte auch sie in anderen Menschen auslösen können. Von diesem Moment an gab es für Filiz-Sofie jedenfalls kein Zurückblicken mehr und auf erste Schritte im Chor folgten schon bald die ersten Gesangs- und Gitarrenstunden. Noch nie habe sie seitdem wehmütig darauf zurückgeblickt, nicht bereits von Haus aus auf einen musikalischen Weg geführt worden zu sein. Ganz im Gegenteil begreift sie diesen Umstand rückblickend eher als Vorteil und findet hierfür ein treffendes Beispiel: „Ich habe mal an einem Bandworkshop teilgenommen, bei dem alle Musikerinnen und Musiker ihr Instrument verlassen und dafür ein anderes spielen sollten, in dem sie eben nicht Experte waren. Diese Herangehensweise hat uns dabei geholfen viel kreativer zu sein und neue Dinge auszuprobieren.“ An der Schwelle So entwickelte sich über die Jahre hinweg eine eigenständige Künstlerin mit konkreter Vision, ehrlichen Texten und Geschichten, die vielleicht nicht zwangsläufig immer auf eigenen Erfahrungen basieren müssen aber stets einen wahren, persönlichen Kern enthalten, wie sie selbst erzählt. Dass sie sich dabei trotzdem auch immer wieder den Raum nimmt, Neues auszuprobieren ist für Filiz-Sofie eine Selbstverständlichkeit geblieben. Spannenderweise fallen die Kulturschnack Acoustic Sessions nun genau an die Schwelle zu einem wichtigen Entwicklungsschritt in ihrer Ausrichtung als Künstlerin. Während sich ihre erste EP mit dem Titel „Flashbacks“ noch deutlich im Deutsch-Pop verorten ließ, zeigt Filiz-Sofie mit ihrer Performance bei den Acoustic Sessions erstmals eine neue Facette ihres Schaffens, die sich stärker an Elementen des Folks bedient. Die erste Blüte dessen hört auf den Titel „Wer bist du?“. Fragt man nach ihren aktuellen, persönlichen Inspirationen, dann fallen Namen wie Gracie Abrams, Sadie Jean, Madeline Juno oder Julia Michaels. Zu diesem Schritt passt ebenfalls, dass sie inzwischen auch nicht mehr allein auf der Bühne steht, sondern von der eigenen Band unterstützt wird. „Ich habe irgendwann gemerkt, dass es live einfach viel mehr Spaß macht und natürlich auch besser klingt mit einer Band zu spielen. In den Live-Versionen bauen wir dann auch gerne Gitarrensolos oder andere Kleinigkeiten in die Songs ein, die dem Ganzen nochmal das gewisse Etwas geben. Generell fühle ich mich wohler auf der Bühne, wenn ich die Band um mich herum habe ." Grund dafür könnte sein, dass hinter der Konstellation keinerlei Kalkül steckte, sondern - ganz im Gegenteil - die Band auf natürliche Art und Weise immer weiter angewachsen sei. „Zuerst habe ich nur zusammen mit meinem Gitarristen Max kleinere Auftritte gespielt. Irgendwann hat Max dann seinen Kindheitsfreund Kai mitgebracht, der Bass und Piano spielt. Kai wiederum hat irgendwann über Bekannte Kajsa kennengelernt, die er einfach mal zum Proben mitgebracht hat. So haben wir uns alle gefunden. " Eine Person reicht Für Filiz-Sofie sei es gerade im Live-Kontext die Reduktion auf Gitarre, Keyboard und Cajón, die wie eine Art Verstärker oder Spotlight das Licht der Aufmerksamkeit nochmal deutlich auf die Message eines Songs richte, was ihr gerade bei einem Titel wie „ Wer bist du " besonders am Herzen liege. Die Wahl, welchen Song sie im Rahmen der Kulturschnack Acoustic Sessions performen wollen würden, war also schnell getroffen. Viel zu oft habe sie in der Vergangenheit Menschen dabei zugesehen, wie sie Dinge tun, einfach nur weil die Gesellschaft es von ihnen erwartet und ihre eigenen Träume dabei auf der Strecke bleiben. In einer Mischung aus Melancholie und einer gezielt eingestreuten Prise Optimismus formuliert der Song aus dieser Beobachtung jedoch keinen Vorwurf, sondern spendet Verständnis und motiviert dazu, sich selbst zu hinterfragen. „Wenn sich auch nur eine Person beim Hören meiner Musik ein bisschen weniger allein fühlt, habe ich meine Aufgabe als Songwriterin erfüllt. " Foto: Kulturschnack / Connor McBriarty Jungen Musikerinnen und Musikern möchte sie unbedingt mit auf den Weg geben, einfach den ersten Schritt zu wagen. Denn wenn man immer auf den richtigen Moment warte, verpasse man womöglich wichtige Chancen. „Ich habe am Anfang auch Videos hochgeladen, die ich heute absolut nicht mehr gut finde. Aber es war wichtig, damit anzufangen und weiterzumachen. Und Kunst sollte sowieso niemals perfekt sein, dann wär sie nämlich langweilig. " Womit wir am Ende wieder beim Reiz einer Acoustic Session angelangt wären. Die bewusste Reduktion sowie der Mut zum Imperfekten schaffen eine Unmittelbarkeit und Nähe, die schlichtweg berührt. Filiz-Sofie und ihre Band sind der beste Beweis dafür und könnten somit kein schönerer Auftakt zu dieser zweiten Staffel sein. Wenn ihr nun direkt mehr von Filiz-Sofie hören möchtet, geht's über die nachfolgenden Links direkt für euch weiter!

  • ACOUSTIC SESSIONS: STAFFEL 02

    Endlich geht es wieder los. Nach der erfolgreichen ersten Staffel geht nun die zweite Auflage der Kulturschnack Acoustic Sessions an den Start und präsentiert erneut sechs musikalische Juwelen unserer Region, die jeweils einen ausgewählten Song im intimen Unplugged-Gewand performen. Auch diesmal lautete dabei das Motto: „Hunte statt Hudson, Bümmerstede statt Brooklyn“. Hier erfahrt ihr den offiziellen Starttermin! Lost-Place-Ästhetik pur. Foto: Kulturschnack / Connor McBriarty Bereits nach Staffel 01 der Kulturschnack Acoustic Sessions sollte allen Zuschauerinnen und Zuschauern klar gewesen sein, dass große Musik nicht zwingend aus den Metropolen dieser Welt entspringen muss. Das großstädtische Etikett von London, Berlin oder Los Angeles sagt noch lange nichts über die letztliche Qualität aus und manchmal reicht bereits der Blick vor die eigene Haustür, um zu merken wie viel Talent, Kreativität und künstlerische Qualität hier in Oldenburg ihr zu Hause haben. Doch wenn wir ehrlich zu uns sind, schenken wir den Bands von nebenan im Alltag viel zu selten unser Gehör. Als wolle man nicht wahrhaben, dass die Stars von morgen direkt aus unserer Nachbarschaft kommen könnten. Dabei braucht es inzwischen weder große Tonstudios, noch riesige Infrastrukturen, um Musik auf höchstem Niveau sowohl zu produzieren, als auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ein Kinderzimmer, ein USB Mikrofon und ein viraler TikTok-Clip können heutzutage Karrieren aus dem Nichts gen Himmel sprießen lassen. Ein kleiner Reminder Wieder erwarten euch vielfältige Performances. Foto: Kulturschnack / Connor McBriarty Natürlich bedeutet das nicht, dass wir uns nicht alle auch weiterhin die tägliche Dosis unserer liebsten internationalen Musikerinnen und Musiker verabreichen sollten. Doch das eine schließt das andere nicht aus. Eher soll die Reihe der Acoustic Sessions als ein kleiner Reminder verstanden werden, auch nach den noch nicht allseits bekannten Stimmen Ausschau zu halten. Schließlich liegt ein besonderer Reiz darin, sich auf musikalische Schatzsuche zu begeben und etwas noch vor allen anderen für sich zu entdecken - ganz gleich ob wir später sagen können „Ich kannte die schon bevor sie groß wurden!" oder sie vielleicht ein persönlicher Geheimtipp bleiben. Auch in Runde zwei der Kulturschnack Acoustic Sessions bleiben wir deshalb dem bewährten Rezept treu und spannen ganz gezielt einen weiten Bogen, der sich von Solokünstlerinnen und –künstlern bis zu mehrköpfigen Bands erstreckt, die mal mit Rap und Gitarre, mal mit poetischen Songtexten oder feinfühligen Arrangements aufwarten. Die Performances sind auf das Wesentliche reduziert und lassen Raum für individuelle Handschriften, Nuancen und Zwischentöne, die abseits der makellosen Glätte steriler Studioaufnahmen einen ganz eigenen Charakter entwickeln. Ein Hangar wird zur Bühne Zu dieser besonderen Stimmung trägt jedoch nicht nur die Musik bei. Schon bei den Planungen der damaligen ersten Staffel war für uns klar, dass auch dem Ort eine bedeutende Rolle zu Teil werden sollte. Denn jeder Raum bringt eine bestimmte Atmosphäre mit sich und erzählt eine Geschichte, die unmittelbar Einfluss auf das nimmt, was am Ende in künstlerischer Hinsicht entsteht. Deshalb verstehen wir die Acoustic Sessions auch als Gelegenheit, nicht nur in musikalischer, sondern auch räumlicher Hinsicht Perlen zu präsentieren, die man in dieser Form vielleicht noch nicht kannte oder wahrgenommen hat. Für die Dreharbeiten zur zweiten Staffel hat es uns diesmal in einen ehemaligen Flugzeughangar auf dem Gelände des Fliegerhorsts verschlagen. Ein Areal, das stark im Zeichen des Wandels steht und sowohl mit jeder Menge Vergangenheit aufgeladen ist als auch die Zukunft bereits erahnen lässt, wodurch es den entstandenen Musikvideos gelingt, ebenso ein Stück Stadtgeschichte nachhaltig zu konservieren. Der industrielle Charme, die weitläufige Fläche und die omnipräsente Lost-Place-Ästhetik verleihen den Aufnahmen darüber hinaus eine einzigartige Charakteristik, die über die reine Musik hinausgeht und den roten Faden durch alle Sessions hinweg bildet. Für musikalische Schätze, die direkt vor unserer Haustüre liegen. Foto: Kulturschnack / Connor McBriarty Doch wann geht's denn nun los? Achtung, Trommelwirbel ... Die zweite Staffel der Kulturschnack Acoustic Sessions startet bereits diesen Freitag, 10. April 2026. Den Auftakt wird die Musikerin Filiz-Sofie mit ihrer Band und einer besonderen Interpretation des Songs "Wer bist du" geben. Im Anschluss erscheint alle zwei Wochen jeweils eine weitere Session. Zu finden sind diese natürlich hier bei uns auf www.kulturschnack.de , inklusive zahlreicher Informationen und Insights zu den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern, die wir euch auf diese Weise noch ein Stückchen näher bringen möchten, als es ihrer Musik ohnehin bereits gelingt. Abschließend möchten wir uns natürlich noch ganz herzlich bei allen Acts für Ihr Vertrauen in das Konzept und ihre wunderbaren Beiträge bedanken. Darüber hinaus gilt unser Dank ebenso dem Produktionsteam rund um Connor McBriarty (Regie, Produktion, Schnitt & Grade) und Nikita Lünnemann (Kamera) sowie dem Fachdienst Projekt Fliegerhorst der Stadt Oldenburg, der uns ermöglicht hat, diesen besonderen Ort Teil der Sessions werden zu lassen.

  • ZWISCHEN ASANA UND AUSSTELLUNG

    Sonntagnachmittag im Prinzenpalais: An den Wänden hängen Birkenlandschaften von Hans am Ende aus dem 19. Jahrhundert. Heinrich Vogelers Worpswede-Idylle strahlt unweit davon in leuchtenden Farben. Draußen das historische Oldenburg, drinnen eine Künstlerkolonie, die vor über hundert Jahren davon träumte, Kunst und Leben zu vereinen. Und mittendrin: Menschen auf Yogamatten. Vanessa Reis führt durch Asanas im Landesmuseum. Die Atmung verlangsamt sich, der Blick weitet sich – auch auf die Gemälde drumherum. (Bild: Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg) Sie atmen. Sie dehnen sich. Sie meditieren zwischen Stuckdecken und Gemälden, die Entschleunigung schon im Pinselstrich tragen. Zwei Stunden lang. 16 Euro Teilnahmegebühr. Am Ende rollen sie die Matten wieder ein, ziehen ihre Schuhe an und gehen. Die Frage ist: Gehen sie nach Hause oder ins nächste Ausstellungszimmer? Schauen sie sich die Birken jetzt genauer an? Oder war das Museum nur ein schöner Rahmen für eine Yoga-Stunde? Das Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg ist nicht allein. Yoga im Museum ist ein internationales Phänomen. Das Brooklyn Museum lockt 300 bis 400 Menschen in seinen Beaux-Arts Court. Das Rubin Museum in New York verbindet Himalaya-Kunst mit Atemübungen. Der Louvre lud ebenfalls schon zu Fitnesskursen zwischen den Alten Meistern ein. Das Versprechen klingt verlockend: Schwellenangst abbauen, neue Zielgruppen erreichen und so das Museum als Wohlfühlort etablieren. Wer einmal da war, kommt vielleicht wieder – diesmal für die Ausstellung. Nur: Muss das überhaupt sein? Zahlen und Barrieren Ben Hickey, Kurator am Hilliard Art Museum in Louisiana , freut sich über sein Yoga-Programm: Es bringe Erstbesucher ins Haus. Viele davon kämen inzwischen regelmäßig, allerdings nur für die Yoga-Stunden. Moment. Regelmäßig, aber nur fürs Yoga? Ist das problematisch? Um das zu beantworten, lohnt sich ein Blick darauf, wer überhaupt ins Museum kommt und wer nicht. Die Forschung zu Nicht-Besucher:innen ist tatsächlich ernüchternd: 60% der erwachsenen Bevölkerung besuchen keine Museen. Viele von ihnen geben zwar vor, es zu wollen, verstecken aber eigentlich eine negative Meinung. Die Soziologin Elisabeth Noelle-Neumann nannte das die „ Spiral of Silence “ : Weil Museumsbesuche als gesellschaftlich erwünscht gelten, sagen Menschen nicht laut, dass sie Museen meiden. Oha! Wir vom Kulturschnack hoffen aber, dass wir euch zu dem ein oder anderen Museumsbesuch inspirieren konnten. Doch manchmal, da machen wir uns nichts vor, fühlen sich Museen wie ein Elfenbeinturm an, zu dem man einfach nicht den Schlüssel finden mag. Oft entsteht der Eindruck, dass man Vorwissen mitbringen sollte und wer sich nicht sicher ist, wie man ein Kunstwerk „ richtig “  betrachtet, bleibt lieber draußen. Hier können alternative Formate tatsächlich helfen: Yoga , Barocktanz , Zeichenkurse. Sie alle sollen zeigen, dass das Museum offen ist für dich und deine Interessen. Egal, ob du Kunstgeschichte studiert hast oder einfach nur einen Sonntagsspaziergang durch einen Skulpturenpark machen möchtest. Was zählt eigentlich als Museumsbesuch? Dehnung und Betrachtung: Vanessa Reis möchte beides verbinden. (Bild: Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg) Wenn die Antwort „Zeit mit Kunst verbringen“ lautet, dann schneiden Yoga-Gäste richtig gut ab. Denn wer beim Yoga im Prinzenpalais ist, verbringt mehr Zeit mit Hans am Endes Birken als die meisten, die „nur“ wegen der Kunst kommen. Die Werke umgeben die Menschen und vielleicht braucht es manchmal gar keine Führung, keinen Audioguide, keine Vermittlung – vielleicht reicht es hin und wieder, dass sie einfach da sind. Das Idealbild vom Museumsbesuch – konzentriert vor einem Gemälde stehen, lesen, verstehen, weitergehen – ist vielleicht gar nicht so ideal. Museen waren schon immer mehr als reine Wissensvermittlung. Sie sind Orte der Ruhe, des Rückzugs aus dem Alltag. Beide brauchen Raum. Beide brauchen Ruhe. Beide laden ein, den Blick nach innen zu richten – stehend vor einem Gemälde genauso wie in der Krieger-Pose. Wenn ein Museum beschließt, Yoga-Kurse anzubieten, dann sollte es das als das begreifen, was Museum heute sein kann: ein Ort, der Menschen auf verschiedene Weisen empfängt. Das heißt nicht, dass jedes Museum zum außergewöhnlichen Veranstaltungsort werden sollte oder dass Entspannung wichtiger ist als Vermittlung. Aber es bedeutet: Beides hat seinen Platz. YOGA IM MUSEUM 26. APRIL 2026 LANDESMUSEUM KUNST & KULTUR DAMM 1 26135 OLDENBURG 16 BIS 18 UHR TEILNAHME: 16 EURO Wenn der Ort mitspielt Sicher macht es einen Unterschied, wie Yoga ins Museum integriert wird. Vanessa Reis zum Beispiel, die in Oldenburg Yoga und Meditation in Museen anbietet, ist gleichzeitig Kunsthistorikerin. Sie führt nicht nur durch Atemübungen, sondern auch durch Ausstellungen. Wer bei ihr Yoga macht, bekommt die Brücke mitgeliefert: vom Körper zur Kunst. Das ist keine Yoga-Stunde, die zufällig im Museum stattfindet, sondern vielmehr Kunstvermittlung aus einer anderen Perspektive. „ Bridgerton “ -Fans lieben die Tanzkurse im Oldenburger Schloss. (Bild: Sven Adelaide) Ein Format, das auch richtig gut funktioniert, ist der Barock Tanzworkshop im Oldenburger Schloss . Dort, wo früher tatsächlich Menuett getanzt wurde, lernen nun wir die Schrittabfolgen. In genau jenen historischen Räumlichkeiten, in denen diese Tänze zum Alltag gehörten. Wer danach „ Bridgerton “  schaut, sieht nicht nur schöne Kostüme, sondern versteht plötzlich den gesellschaftlichen Code hinter jeder Verbeugung. Das funktioniert, weil der Ort selbst Teil des Erlebnisses ist. Es geht darum, den Raum zum Mitspieler zu machen – nicht zur Kulisse. Die Kunst schafft Atmosphäre, begleitet still und ist mehr als Dekoration. Manchmal braucht es dafür gar nicht viel. Eine halbe Stunde früher kommen dürfen, um die Gemälde anzuschauen. Oder danach noch bleiben können, wenn die Ruhe im Raum nachwirkt. Eine kurze Einführung vor der Yoga-Stunde – nicht über Atemtechniken, sondern über die Sammlung und die Künstler:innen, die ausgestellt sind. Für diejenigen, die gern mehr wissen möchten, könnte jemand vom Vermittlungsteam da sein. Oder: Das Museum versteht sich selbst als Ort, der verschiedene Zugänge zulässt. Yoga ist dann nicht „das Format für die, die sonst nicht kommen", sondern ein Format, das zeigt: Hier geht es um mehr als das bloße Lernen. Hier geht es um Erfahrung. Wo hört Museum auf, wo fängt Event an? Aber es gibt auch Grenzen. 2017 schrieb das Magazin Artsy  kritisch über den Fitness-Boom in Museen: Es bestehe die Gefahr, dass Institutionen ihre traditionelle Rolle als Orte stiller Betrachtung verlieren. Die Sorge war: Der Druck, „produktiv“ zu sein, dringt selbst in Räume ein, die eigentlich dem zweckfreien Schauen gewidmet sind. Da ist etwas dran. Natürlich passt nicht jedes Event ins Museum und auch nicht jede Kooperationsanfrage muss angenommen werden. Die Frage ist also: Wo liegt das Gleichgewicht? Vielleicht hier: Wenn Yoga im Museum dazu führt, dass Menschen den Raum anders wahrnehmen – langsamer, aufmerksamer, offener – dann ist es eine Bereicherung. Wenn es dazu führt, dass das Museum nur noch Hintergrund ist, austauschbar, beliebig, dann wird es zum Problem. Daher muss jedes Museum für sich entscheiden: Was wollen wir sein? Für wen öffnen wir uns? Und wie weit gehen wir? Manche Yogis schauen sich nach dem Kurs um, entdecken ein Gemälde, kommen beim nächsten Mal auch für die Ausstellung. Oder sie kommen weiterhin nur fürs Yoga, aber mit einem anderen Gefühl für den Ort, die Atmosphäre und die Kunst. Hans am Ende brachte Worpswedes Birken nach Oldenburg – neblig, entschleunigt, naturverbunden. Heute dienen sie als Kulisse für Yoga-Stunden. (Bild: Sven Adelaide) Hier liegt der feine Unterschied: nicht zwischen Menschen, die Yoga machen, und Menschen, die Kunst ansehen. Sondern zwischen einem Museum, das Programme nebeneinander stellt und einem, das versteht, dass beides zusammengehören kann. Am Ende ist die Frage vermutlich nicht, ob jemand zwischen Birkenlandschaften den Herabschauenden Hund übt oder vor den Landschaften das Objektschild studiert. Die Frage ist: Lädt das Museum dazu ein, beides als gleichwertig zu begreifen? Denn wenn es das tut, öffnen sich Türen – für alle.

  • KULTUR GEGEN RASSISMUS

    In einer Zeit, in der sich öffentliche Debatten immer schneller verhärten, in denen Stimmen lauter werden, die uns von einem „Wir” und einem „Die” erzählen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt spalten wollen, braucht es umso dringender Menschen und Initiativen, die klarmachen: das lassen wir nicht zu! Glücklicherweise gibt es zahlreiche davon in unserer Stadt und genau hier setzen die Oldenburger Wochen gegen Rassimus an. Sie zeigen dabei nicht nur klare Haltung, sondern machen ebenso deutlich, dass die Kraft der Kunst und Kultur einen wichtigen Beitrag zu erfolgreicher Antirassismusarbeit leisten kann - und unbedingt leisten sollte. Grafik: Stadt Oldenburg OLDENBURGER WOCHEN GEGEN RASSIMUS 18. BIS 27. MÄRZ 2026 ZUM VOLLSTÄNDIGEN PROGRAMM HIER KLICKEN Denn für eine Stadt wie Oldenburg ist ein unbedingtes Engagement gegen jede Form von Ausgrenzung und Herabsetzung anderer Menschen nichts Optionales. Sie ist zentraler Schlüssel eines funktionierenden, demokratischen Gemeinwesens, in dem wir alle die Freiheit und die Würde für unser Leben finden, die uns das Gesetz verspricht. Der Staat, aber auch wir alle im Einzelnen sind an dieses Versprechen gebunden und deshalb sollten wir uns hierzu positionieren und die Rechte von Minderheiten ausdrücklich stärken. Gerade jetzt ist das wieder von höchster Bedeutung. Denn wenn wir als Gesellschaft als Ganzes nicht zu diesen Worten stehen, sind sie am Ende auch nichts wert. Allein laut Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt wurden im Jahr 2024 täglich durchschnittlich zwölf Menschen in Deutschland Opfer von rechts, rassistisch oder antisemitisch motivierter Gewalt. Mehr als die Hälfte aller Angriffe basierte auf rassistischen Motiven. So könnte es also nicht passender sein, dass sich die Stadt Oldenburg abseits ihres bereits existierenden Engagements nun erstmalig an den Wochen gegen Rassismus mit einem umfassenden Programm beteiligt und auf diesem Wege ihre Solidarität öffentlich mit allen Betroffenen bekundet. Über mehrere Tage hinweg bündeln sich Formate diverser Kooperationspartner, von Dialogen, Filmen bis zu Lesungen, Ausstellungen und Gesprächsräumen, die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sowohl auf individueller, struktureller aber auch institutioneller Ebene thematisieren. Zudem finden die Wochen dabei rund um den internationalen Tag gegen Rassismus am 21. März statt und das Programm wird als feierlicher Abschluss mit der Verleihung des Oldenburger Integrationspreises gekürt. Bereits seit 2010, also inzwischen zum 16. Mal, vergibt ihn die Stadt am 27. März als eine öffentliche Anerkennung der Projekte, Einrichtungen und Menschen, die hier in unserer Stadt Brücken bauen, Zugänge ermöglichen und ein solidarisches Miteinander Wirklichkeit werden lassen. Zeitgleich geht mit der Verleihung und dem zugehörigen Antirassismus Festival in der Kulturetage auch der Abschluss der Wochen gegen Rassismus einher, der nochmals den Charakter und Grundgedanken unterstreicht: eine Mischung aus Musik, Poetry Slam, Film und Tanz schafft eine Atmosphäre, die ganz im Zeichen des Austauschs, Kultur und eines Gefühls der Gemeinsamkeit steht. Der Schlüssel zum Verständnis Dass hinsichtlich der Planung und Ausgestaltung des Programms der Wochen gegen Rassismus sowohl der Fachdienst Integration als auch das Kulturbüro der Stadt Oldenburg miteinander kooperierten, kann nur als folgerichtig gesehen werden. Denn wie schon Gesine Geppert in unserem erst kürzlich erschienen Artikel zur Diskursgewitter Veranstaltungsreihe der Sparte 7 festgehalten hat, beinhaltet Kultur schließlich immer auch eine gesellschaftspolitische Komponente. Egal, ob seichte Unterhaltung oder tiefgründige, intellektuelle Auseinandersetzung - in jeder kreativen und künstlerischen Arbeit reflektieren sich die Bedürfnisse, Wünsche und Gedanken derjenigen, die diese verantworten und somit immer das Spiegelbild eines gesellschaftlichen Zustands sind. Das besondere dabei ist jedoch: Kultur kann es gelingen, einen Zugang auch zu den Menschen zu finden, die ein klassischer Vortrag womöglich nicht erreicht. Plakat: Real Fiction Filmverleih Wenn etwa ein Dokumentarfilm wie „Der Kuaför aus der Keupstraße", der am 23. März im cine k zu sehen sein wird, die Folgen des Nagelbombenanschlags des sogenannten NSU auf den Friseursalon von Özcan Y. aus der Perspektive der Betroffenen erzählt, wird Geschichte nicht mehr nur als eine abstrakte Information oder als reines Wissen wahrgenommen, sondern als persönliche Erfahrungen, die uns bis ins Mark erschüttern. Wir können selbst nachempfinden, wie Menschen ohne wirkliche Anhaltspunkte kriminalisiert werden und das entwickeln, worum es am Ende wirklich geht: ein echtes Verständnis für die Lebenswirklichkeiten von Menschen, die allein aufgrund von Merkmalen wie ihrem Aussehen oder ihrer Abstammung diskriminiert werden. Die im Anschluss an den Film stattfindende Gesprächsrunde mit der Initiative "Keupstraße ist überall" bietet darüber hinaus die Möglichkeit, das Gesehene gemeinsam einzuordnen und im Kontext der darüber liegenden, größeren Zusammenhänge zu betrachten. Darin liegt eine besondere Qualität. Denn wo es dem Film gelingt, bereits einen emotionalen Zugang zu schaffen, geht das Gespräch einen Schritt weiter und trifft hierdurch im Idealfall auf wissbegierige, offene Ohren. Wer erzählt & wer gehört wird Foto: Kulturschnack Die zusammengestellten Formate des Programms hinterfragen, wessen Geschichten eigentlich überhaupt Gehör finden und welchen im Gegensatz dazu kaum bis keine Beachtung geschenkt wird. Wie schon Autorin und Podcasterin Josephine Apraku bei der Eröffnungsveranstaltung im Kulturzentrum PFL festhielt, gehe es vor allem auch darum, Zugänge für Menschen zu schaffen, die vom System bisher ausgeschlossen werden. Eine Frage, die uns alle angehe und eben nicht nur in der Position des Selbstbetroffenseins. Rassismus zeige sich nicht nur in aktiven Handlungsformen und - egal ob positiv oder negativ - hätten auch Absichten nichts damit zutun, ob und inwiefern rassistische oder anderweitig diskriminierende Strukturen vorherrschen können. Wie jedoch trotzdem marginalisierte Narrative in den Mittelpunkt gerückt werden können, zeigt die Veranstaltung der „Lebendigen Bibliothek", an der sich am 21. März von 15 bis 17 Uhr an drei Woyton Standorten beteiligt werden kann, ganz wunderbar. Was darunter zu verstehen ist? Im Grunde folgt das Format der Idee einer klassischen Bibliothek, nur dass hier eben keine gedruckten Bücher, sondern gelebte Geschichten von Angesicht zu Angesicht „entliehen" werden. Menschen stellen sich mit ihren persönlichen Biografien für Gespräche zur Verfügung, die dann für einen begrenzten Zeitraum „gelesen" werden können. Für etwa 45 Minuten entsteht ein direkter Austausch, in dem Integrationslots*innen und ihre Tandempartner*innen erzählen, wie sie zueinander gefunden haben und was sie miteinander verbindet. Und wo, wenn nicht in einem Café lässt es sich bei einer kostenfreien Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen wirklich ins Gespräch kommen. Diese alltägliche, ungezwungene Atmosphäre macht es deutlich leichter, Hemmschwellen abzubauen und in echte Unterhaltungen einzutreten, die sich eben nicht inszeniert anfühlen, sondern natürlich, offen und auf Augenhöhe. Millimeter für Millimeter Halten wir also fest: Kulturelle Zugänge sind deshalb innerhalb der Oldenburger Wochen gegen Rassismus und darüber hinaus unverzichtbar, weil rassistische Denkmuster immer auch mit bestimmten Vorurteilen, Bildern und Erzählungen einhergehen, die teilweise tief in den Wurzeln unserer Gesellschaft feststecken. Kultur kann diese Muster nicht nur aufbrechen und sichtbar machen, sondern neue Erzählungen schaffen, den Diskurs verändern und Millimeter für Millimeter gegen jede Form der Menschenfeindlichkeit anarbeiten. Alles mit dem Ziel, einer Stadtgesellschaft näher zu kommen, die genauer hinschaut, differenzierter denkt, bereit ist sich zu verändern und sich ihrer gemeinsamen Verantwortung bewusst wird und vor allem bleibt.

  • STAATSAKT #13: FRANKENSTEIN

    Das Oldenburgische Staatstheater ist das Flaggschiff der Oldenburger Kulturlandschaft. Sein Output allein würde unsere Stadt schon zu einer Theatermetropole machen. Um halbwegs den Überblick zu behalten, gibt es nun den Kulturschnack Staatsakt. Hier treffen wir uns mit den Akteur:innen und sprechen mit ihnen über Premieren, Projekte, Persönliches. Das ist Theater - im Rampenlicht und hinter den Kulissen! Bewegendes Musical: „Next to Normal“ widerlegt eindrucksvoll das Klischee, dass es diesem Genre an Tiefe fehlen könnte. (Bilder: Stephan Walzl, Kulturschnack) In der Literaturgeschichte gibt es nur wenige Werke, deren Titel und grobe Inhalte ausnahmslos alle kennen, vollkommen unabhängig von Alter, Interessen und Bildung. Zu diesen raren Exemplaren gehört ohne jeden Zweifel Mary Shelley 's „ Frankenstein “ aus dem Jahre 1818. Die dramatische Geschichte eines jungen Wissenschaftlers, der aus Leichenteilen eine menschenähnliche Kreatur erschafft und zum Leben erweckt, ist längst Teil des kollektiven menschliches Gedächtnisses geworden. Spätestes mit der ikonischen Darstellung durch Boris Karloff in der Verfilmung von 1931 ist das Werk auch visuell in der Populärkultur angekommen. Während diese Grundzüge der Gesichte tatsächlich den meisten vertraut sind, gilt dies viel weniger für ihren weiteren Verlauf, ihre tieferen Ebenen, Gedanken und Anliegen. Grund genug, das Debütwerk der damals erst 20-jährigen Autorin im Oldenburgischen Staatstheater auf die Bühne zu bringen und dabei bewusst nah am historischen Original zu bleiben. Warum selbst echte Shelley-Fans Überraschungen erleben werden, wie man als Mensch zum Monster wird und was das mit Jivamukti Yoga zu tun hat? Das hat uns Hauptdarstellerin Esther Berkel  im KULTURSCHNACK STAATSAKT   NR. 13  verraten. OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER FRANKENSTEIN SA 21.3. 20:00 UHR KARTEN FR 17.4. 20:00 UHR KARTEN SO 19.4. 18:30 UHR KARTEN DO 23.4. 20:00 UHR KARTEN SO 26.4. 18:30 UHR KARTEN MI 6.5. 20:00 UHR KARTEN SA 9.5. 20:00 UHR KARTEN MO 25.5. 18:30 UHR KARTEN MI 27.5. 20:00 UHR KARTEN DI 2.6. 20:00 UHR KARTEN SO 14.6. 15:30 UHR KARTEN KLEINES HAUS THEATERWALL 19 26122 OLDENBURG D R E I Z E H N T E R S T A A T S A K T E R S T E R A U F T R I T T Ein kleines, etwas unscheinbares Foyer auf Höhe des Parketts, gelegen auf der Ostseite eines Theaters. Einige Jalousien vor den raumhohen Fenstern sind heruntergelassen, um die tief stehende Wintersonne etwas abzuschirmen. Die Türen zum benachbarten Theatersaal sind geöffnet, auf der Bühne wird die Beleuchtung für ein Theaterstück diskutiert. Zwei Kulturredakteure positionieren Sitzmöbel und Kameras, um möglichst viel Theateratmosphäre einzufangen. Bestens gelaunt trifft schließlich auch der Gast ein. Shades of Red: Es ist purer Zufall, aber die Gesprächspartner:innen un das Setting ergänzten sich farblich ganz hervorragend. (Bild: Kulturschnack) THORSTEN Esther, Du bist am Oldenburgischen Staatstheater aktuell in „ Frankenstein “ zu sehen, einem wahren Klassiker der Literaturgeschichte. Viele werden ihn kennen, manche vielleicht auch nicht. Kannst du kurz skizzieren, worum es geht? ESTHER „ Frankenstein “ von Mary Shelley eine Schauergeschichte. Es geht um Viktor Frankenstein, der ein Geschöpf aus Leichenteilen erschafft und diese Kreatur zum Leben erweckt. Der Stoff ist eigentlich sehr bekannt. Aber viele Leute heutzutage kennen eher irgendwelche Interpretationen, weil es schon so alt ist – und nicht das Original. Und wir bleiben tatsächlich sehr treu am Original. THORSTEN: Es ist tatsächlich sehr alt, nämlich von 1818. Warum gehört es auch zweihundert Jahre später noch auf den Spielplan? ESTHER: Ich kannte das Original tatsächlich auch nicht. Als ich es dann gelesen habe, dachte ich: Das ist erschreckend aktuell. Es geht ja darum, wie man mit Andersartigkeit umgeht. Also wie man Menschen behandelt, die aus verschiedenen Gründen anders sind. Heute gibt es ja viele Formen von Diskriminierung – sei es Rassismus, Sexismus, Homophobie oder anderes. Und die Frage ist immer noch: Wie gehen wir damit um? Die Andersartigkeit ist etwas, was uns Menschen über die Jahrhunderte begleitet – und der Umgang damit. Wie verhalte ich mich, wenn jemand anders ist? Und was macht das mit dem Umfeld? Welche Wechselwirkungen entstehen daraus? Abwechslungsreich: Die Bilderstrecke zeigt, dass „Frankenstein“ keineswegs nur düster ist, sondern zwischen verschiedenen Stimmungspolen pendelt. (Bilder: Stephan Walzl) THORSTEN Was ist denn für dich die große Stärke des Stücks? Was gelingt ihm besonders gut? ESTHER Ich finde den Text sehr berührend. Es ist ja eine Schauergeschichte, aber gleichzeitig unfassbar traurig – und zwar auf eine Art, die einen wirklich mitnimmt. Ich habe wirklich Rotz und Wasser geheult, als ich den Roman gelesen habe. Ich hoffe, dass wir dieses Gefühl transportieren können. Es hat auch etwas Kathartisches: Man geht einmal durch diese Tiefen und taucht dann wieder auf - das ist ohne Zweifel eine Stärke des Stücks. Außerdem ist es wahnsinnig spannend. Man denkt ständig: Jetzt kann es wirklich nicht mehr schlimmer kommen. Und dann kommt es doch noch schlimmer. Und dann noch einmal. Das ist schon krass, wie konsequent diese Geschichte bleibt. THORSTEN Klingt gerade, als wäre es schwer auszuhalten. Ist das so? ESTHER Nein, ich glaube nicht. Es gibt auch Momente, die witzig sind oder in denen man sich besonders gut mit den Figuren identifizieren kann. Das verschafft Leichtigkeit. Aber ich denke schon, dass es traurig wird. Außerordentlich vielseitig: Genau wie das Stück „Next to Normal“ zeigt auch Femke Soetenga während unseres Gesprächs vieles Facette ihrer Persönlichkeit - aber vor allem heitere. (Bilder: Kulturschnack) THORSTEN  Du hast gerade schon gesagt, ihr seid relativ nah am Original geblieben. Aber ihr setzt mit eurer Interpretation natürlich auch eigene Akzente. Was gefällt dir an eurer Herangehensweise am besten? ESTHER  Zum Beispiel, dass wir mit Erwartungen spielen. Die Kreatur wird von mir gespielt und Viktor Frankenstein ebenfalls von einer Frau. Dadurch ergeben sich andere Spielweisen, als wenn es zwei Männer wären. Außerdem mag ich unsere Regisseurin sehr, weil sie sehr umfassend arbeitet. Sie versucht auf verschiedenen Ebenen Bilder zu schaffen – nicht nur über den Text. Da geht es auch ins Absurde, über Sound und Atmosphäre. Es wird einfach sehr viel genutzt, und das mag ich sehr. THORSTEN  Du hast es gerade schon gesagt, aber es ist tatsächlich überraschend: Du spielst die Elisabeth, aber auch die Kreatur. Auf einer Skala von 1 bis 10 – wie cool findest du das, so eine Rolle zu spielen? ESTHER  Zehn! (lacht) Eigentlich eher zwanzig. Ich bin unfassbar glücklich darüber. Es macht wahnsinnig Spaß und es ist eine große Ehre, diese Rolle spielen zu dürfen – gerade als junge Frau. STARKES THEATERPROGRAMM DIE GROßE VIELFALT Mit dem KULTURSCHNACK STAATSAKT starten wir ein regelmäßiges Interview-Format mit dem Oldenburgischen Staatstheater. Ihr fragt euch, warum wir das tun? Nun: Dafür gibt es genau 188 Gründe. Viel drin: Das Spielzeitheft 25/26 des Oldenburgischen Staatstheaters. Das ist nämlich die Zahl der Seiten des aktuellen Spielzeitheftes  des Oldenburgischen Staatstheaters. Es ist prall gefüllt mit dem äußerst facetten- und variantenreichen Programm der insgesamt sieben Sparten. So gibt es in der kommenden Spielzeit 3 Uraufführungen und 31 Premieren, dazu 19 Wiederaufnahmen und unzählige weitere Attraktionen. Und selbst das ist noch nicht alles. Zwischen und außerhalb von Oper, Schauspiel oder Konzert finden viele weitere Projekte statt. Das Staatstheater schreibt weiter an seiner eigenen Geschichte - und damit auch jener der Stadt. Angesichts dieser Opulenz haben wir uns dazu entschieden, dem Staatstheater regelmäßig einen Besuch abzustatten. Gemeinsam suchen wir nach spannenden Gästen, Themen und Geschichten für den KULTURSCHNACK STAATSAKT . Was ihr davon habt? Einen spannenden Einblick in die Theaterwelt und mehr Informationen darüber, was die Menschen dort bewegt.  THORSTEN   Hand aufs Herz: Als du damals auf der Schauspielschule warst, hast du jemals daran gedacht, so eine Rolle zu spielen? Oder warst du eher „Team Prinzessin“? ESTHER  Nein, „Team Prinzessin“ war ich nicht. Ich mache sehr viel Sport und brauche das irgendwie auch. Ich habe früher eher Figuren wie Gollum aus  „ Herr der Ringe “  oder Dobby aus „Harry Potter “  nachgespielt. Da gibt es dann doch Überschneidungen. Hulk würde ich aber nicht spielen – das wäre, glaube ich, nicht meine Stärke. THORSTEN   Ich höre immer wieder von Schauspielerinnen und Schauspielern, dass sie die Herausforderung suchen. Ist diese Rolle eine Herausforderung für dich? Dramatik: In „Frankenstein“ geht es um die ganz großen Thermen. (Bild: Stephan Walzl) ESTHER  Ja, auf vielen Ebenen. Einmal, weil ich eine Figur spiele, die nicht menschlich ist – aber ich bin ein Mensch. Allles, was ich anbiete, ist menschlich. Das hat schon mal mein Gehirn auf links gedreht. Schließlich fragt man sich: Was macht denn eine Kreatur, die nicht menschlich ist? Also versucht man, verschiedene Sachen anzubieten, die seltsam sind – man muss ja erstmal Ideen entwickeln! Und dann ist es natürlich auch eine Herausforderung, mit diesem Körper umzugehen, der ja doch irgendwo menschlich ist, und diese tiefen Emotionen zuzulassen, die letztlich auch sehr menschlich sind. Das dann mit etwas Fremden, Andersartigem zu verbinden , ist eine große Herausforderung - bis heute. THORSTEN   Ich hatte mich schon gefragt, wie man sich auf so eine Rolle vorbereitet. Man kann ja nicht am lebenden Beispiel irgendetwas nachempfinden... ESTHER Genau. Und man braucht Vertrauen – in die Menschen, die zuschauen. Ich glaube, ich habe anfangs auch wahnsinnig schlechte Sachen gespielt, weil man sich einfach nur treiben lässt und irgendwie über die Bühne stolpert. ( lacht ) Ich hatte zum Beispiel die Tendenz, so ein „Monster-Klischee“ a la Quasimodo zu spielen. Man geht da schnell in eine gebückte Haltung und verstellt die Stimme. Wir haben dann irgendwann aufgehört, von einem Monster zu sprechen, weil das sehr negativ konnotiert ist. Stattdessen nennen wir es lieber Geschöpf oder Kreatur. Ich habe jedenfalls gemerkt: Wenn ich gleich Stimme oder Körper übertreibe, wirkt das unehrlich. Ich suche nach einer Wahrhaftigkeit in diesem verschobenen Körper. Die Gefühle sind echt, auch Stimme und Sprache. Nur der Körper ist irgendwie anders. THORSTEN Bist du generell jemand, der mit Komfortzonen nicht viel anfangen kann und gerne die Herausforderung sucht? ESTHER  Ja, schon. Natürlich gibt es Tage, an denen das leichter fällt als an anderen. Aber grundsätzlich ist es immer spannender, aus der Komfortzone rauszugehen. Packend: Die Atmosphäre von „Frankenstein“ unter der Regie von Maja Delinić lässt ich am besten mit einem Trailer erfassen. (Video: Oldenburgisches Staatstheater) THORSTEN  Nun läuft „ Frankenstein “  eine ganz schön lange Zeit, rund vier Monate. Wie geht einem das als Schauspielerin in so einer langen Phase: Wächst einem die Figur immer weiter ans Herz oder geht sie einem irgendwann auf die Nerven? ESTHER  Beides. Einerseits wächst mir die Figur ans Herz, weil ich sie immer mehr kennenlerne. Gerade der körperliche Aspekt entwickelt sich weiter. Wie reagiert die Kreatur wann? Wann schützt sie sich? Die Kreatur wird im Stück geboren und lernt unglaublich schnell. Diese Entwicklung versuchen wir zu zeigen. Andererseits ist die Geschichte so traurig und die Themen so tiefgründig, dass sie mich auch privat berühren. Wenn man Emotionen spielt, unterscheidet der Körper ja nicht, ob sie gespielt sind oder echt. Für den Körper ist alles echt. Und das merke ich einfach. THORSTEN  Du nimmst das also tatsächlich mit nach Hause? ESTHER  Auf körperlicher Ebene schon. Natürlich sage ich: Die Probe ist fertig, ich bin raus aus der Rolle. Aber wenn ich zwei Stunden lang geschrien habe – aus Schmerz, aus Wut, aus Verzweiflung – hat das körperliche Konsequenzen: Erschöpfung, Heiserkeit, Müdigkeit oder eine Rest-Trauer, die bleibt. Dann muss ich einmal schlafen und dann ist es wieder weg. Aber ja, das nimmt man mit. Alles andere als monströs: Esther verbringt viel Zeit in der Maske, um sich in Frankensteins Kreatur zu verwandeln. (Bild: Kulturschnack) THORSTEN Verändert sich eine Rolle im Laufe der Aufführungen noch? ESTHER  Es gibt immer Veränderungen. Bis zur Premiere ist man meistens nicht mit allem zufrieden und muss Prioritäten setzen. Manche Momente sind besonders wichtig, andere lässt man zwangsläufig ein bisschen fallen, weil einfach wenig Zeit ist. Dann probiert man weiter aus. Manchmal hat man es mehr, manchmal weniger. Im besten Fall merkt man das als Zuschauer nicht. Aber ich würde sagen, Produktionen wachsen mit der Zeit. THORSTEN  Ich habe auch schon gehört, dass man sich manchmal selbst beim Spielen beobachtet. ESTHER Ja, das ist das Schlimmste! ( lacht ) Vor allem als Kreatur. Wenn ich verschiedenen Dinge ausprobiere – ob ich am Boden krieche oder an einem Gitter hänge – dann denkt man sich manchmal: Was machst du da eigentlich gerade? Dann ist es vorbei. Deshalb vertraue ich dem Team total, wenn sie sagen: „Das sieht nicht so gut aus, lass es.“ Oder: „Cool, geh da mal weiter.“ THORSTEN  Was glaubst du, wie das Publikum aus „Frankenstein “  rausgeht? ESTHER  Im besten Fall hat es die Leute berührt und vielleicht auch wütend gemacht über den Umgang miteinander. Vor allem über den Umgang zwischen Viktor und dem Geschöpf; ich hoffe aber, dass die Leute auf einer tieferen Ebene etwas mitnehmen. Es kann natürlich auch sein, dass manche sagen: Das war mir jetzt zu deep, zu dark. Einige wollen einfach witzige Sachen sehen, um unterhalten zu werden – weil die Welt schon schlimm genug ist. Und dafür ist „Frankenstein “ eher nicht geeignet . In vielen Rollen zu sehen: Esther Berkel in „Stolz und Vorurteil (oder so)“, „Die Schöne und das Biest“, „Der Sturm“ und „Piratenrepubik“ (v.o.l.n.u.r.) (Bilder: Stephan Walzl) THORSTEN   Noch mal zu dir: Du bist in dieser Spielzeit schon in vielen unterschiedlichen Rollen zu sehen gewesen – unter anderem als Frauke Stein in der Piratenrepublik , als Trinculo in Der Sturm oder als Cécile in Die Schöne und das Biest . In allen Rollen bringst du große Spielfreude mit. Hat man als Profi wirklich noch so viel Spaß auf der Bühne? ESTHER  Ja, ich habe schon Spaß. Ich bin natürlich erst zwei Jahre im Beruf – vielleicht ändert sich das, aber ich hoffe nicht. ( lacht ) Aber ich denke: Wenn es keinen Spaß mehr macht, hat es keinen Sinn mehr. THORSTEN  Mein Eindruck war, dass in den Figuren auch immer ein bisschen Esther steckt. Trifft das zu? ESTHER  Man versucht ja immer zu fragen: Was möchte ich mit dieser Rolle sagen? Manchmal überschneidet sich das mit der Figur, manchmal nicht. Wenn ich einen Satz ganz nah zu mir rannehme, wird er immer anders sein als bei einer anderen Person. Insofern ist da natürlich eine Färbung drin. Große Gefühle „Frankenstein“ ist ein intensives, mitreißendes Theatererlebnis. (Bild: Stephan Walzl) THORSTEN  Ist das bewusst oder eher unbewusst? ESTHER  Ich versuche schon, dass es für mich passt. Sonst komme ich nicht in einen Flow. Ich muss die Figur von innen heraus verstehen. Natürlich gibt es Regieanweisungen, aber wenn ich merke, dass etwas ergibt für mich keinen Sinn ergibt, dann spreche ich das an. Man ist ja ein Team und verfolgt gemeinsam eine Botschaft. Aber ich muss die Figur so gestalten, dass ich darauf surfen kann.  Sonst hat es keinen Sinn. Und da sind wir wieder beim Spaß: Man muss Dinge finden, auf die man sich freut. Etwas, wo ich morgens in die Probe gehe und denke: Geil, das probiere ich jetzt aus. Bei mir war das zum Beispiel – kleiner Spoiler – dass ich unbedingt einmal fliegen wollte. Also wirklich hochgehoben werden. Und das habe ich geschafft, in diese Produktion einzubauen. Später habe ich eine Flugprobe. Da steht sogar im Plan: „Flugprobe Esther Berkel“. Das ist einfach ein Berufsziel, das ich erreicht habe. ( lacht ) THORSTEN  Du bist nicht nur auf der Bühen vielseitig, sondern auch abseits davon. Du hast dein Psychologiestudium abgeschlossen und noch eine Yogalehrerinnen-Ausbildung gemacht. Jetzt bist du Schauspielerin. Was kommt als Nächstes? Ikone: Boris Karloff lieferte die bekannteste Interpretation von Frankensteins Kreatur. Spoiler: Esthers Version unterscheidet sich deutlich davon. (Bild: Wikipedia Commons) ESTHER  Ich mache noch eine Yoga-Lehrerinnen-Ausbildung, im Jivamukti -Yoga. Das ist ein spezieller Yoga-Stil. Das bereichert mich auch im Beruf, weil ich den Körper wieder zu einem Nullpunkt bringen kann und dann neu in eine Figur einsteigen kann. Die Psychologie hilft nicht so sehr. Sie ist sehr analytisch und betrachtet von außen. Schauspiel ist eher von innen heraus. THORSTEN  Gibt es eigentlich etwas, das du nie spielen wollen würdest? ESTHER  Mir fällt keine konkrete Rolle ein, aber Klischees interessieren mich wenig. Also die junge Frau, die nur geschlagen wird und nicht zu Wort kommt – das reizt mich nicht. Wenn ich keinen Sinn darin sehe, problematische Inhalte zu reproduzieren, habe ich wenig Interesse. THORSTEN  Und die Gegenfrage: Gibt es eine Traumrolle? ESTHER  Tausende! ( lacht ) Ich liebe zum Beispiel Wicked , das Musical. Ich bin nicht die geborene Sängerin, aber solche kitschigen Geschichten finde ich toll. Ein bisschen Kitsch ist immer gut. Mein Traumrolle wäre aber wahrscheinlich Ismene, die kleine Schwester von Antigone . Das ist eine Figur, die ich irgendwann einmal spielen möchte. THORSTEN  Darauf sind wir schon gespannt. Aber jetzt freuen wir uns erstmal auf „Frankenstein“ mit Esther Berkel. Vielen Dank für das Gespräch! Gute Stimmung: „Frankenstein“ mag kein Feelgood-Theaterstück sein, das Gespräch darüber hat allen Beteiligten aber viel Spaß gemacht. (Bild: Kulturschnack) Altbekanntes neu entdecken Das erzählerische Grundgerüst von „Frankenstein“ dürften tatsächlich die allermeisten Menschen kennen. Unabhängig von den jeweiligen zeitgeschichtlichen Kontexten und Trends bewegte die Geschichte um die künstlich geschaffene Kreatur, das Entstehen ihres eigenen Gefühlslebens und die Herausforderung, mit der Andersartigkeit umzugehen, unzählige Leser:innen, Theater- und Kinobesucher:innen in aller Welt. Auch im Jahr 2026 hat Mary Shelleys Werk nichts von seiner Faszination und Intensität eingebüßt. Im Gegenteil: Was Regisseurin Maja Delinić und Dramaturgin Elisabeth Kerschbaumer in Oldenburg auf die Bühne bringen, sollte man gesehen haben. Nicht nur, weil „Frankenstein“ auf der persönlichen „Must-see“-Liste stehen sollte, sondern weil die Inszenierung am Staatstheater mit den großartigen Hauptdarstellerinnen Esther Berkel und Julia Friede eindrucksvoll zeigt, welches Potenzial der ursprüngliche Stoff hat, ohne ihn allzu sehr zu verfremden - und dass 1818 und 2026 in mancher Hinsicht näher beieinander liegen als man denkt.

  • IM DISKURSGEWITTER

    Das Oldenburgische Staatstheater hat viel zu bieten. Insgesamt sieben Sparten sorgen für extrem viel Abwechslung zwischen anspruchsvoller Hochkultur, gefälliger Unterhaltung und wilden Experimenten. Doch es gibt noch mehr zu entdecken. Nämlich: Haltung und Meinung. Um sie zu transportieren, bietet das Haus auch Formate, die nicht direkt wie Theater wirken, aber trotzdem untrennbar mit ihm verbunden sind - wie das Diskursgewitter. Wir haben mit Sparte 7-Leiterin Gesine Geppert darüber gesprochen, warum Theater sich einmischen muss. Aussicht auf Diskursgewitter? Ganz so dramatisch geht es bei den Veranstaltungen der Sparte 7 nicht zu. Dafür haben sie eine längere Wirkung als ein Wolkenbruch. (Bild: Kulturschnack) Die Abläufe im Theater folgen in der Regel einem bestimmten Muster: Das Publikum nimmt seinen Platz ein, der Vorhang hebt und senkt sich irgendwann wieder und dann gibt's den verdienten Applaus. Auch wenn an diesem jahrhundertealten Prozedere nicht falsch ist, machen hin und wieder auch etwas Abwechslung und die eine oder andere Überraschung Spaß. Am Oldenburgischen Staatstheater ist dafür vor allem die Sparte 7 zuständig. Sie ist eine Art Reallabor für Experimente, die über das Theater im engeren Sinn - und auch über dessen räumlichen Grenzen - hinausgehen. „Überschrieben sind wir mit der 'Demokratisierung vom Theater'“, erklärt Leiterin Gesine Geppert. Damit sei die Verknüpfung der Institution Theater mit der Stadtgesellschaft gemeint. „Wir wollen ein Raum sein, der offen ist für all die Interessen von Menschen aus der Stadt und der Region – ebenso wie für die Interessen und Ideen von Kolleg:innen am Staatstheater.“ Man könnte fast sagen: eine theatralische Spielwiese - und läge gar nicht so falsch, wenn damit ein Ort gemeint ist, an dem alles möglich zu sein scheint. DISKURSGEWITTER: CULTURAL EQUALITY ODER: WARUM BRAUCHT ES NEUE FORMEN DER FEMINISTISCHEN SICHTBARKEIT? 6. März, 20 UHR EXHALLE JOHANNISSTRAßE 6 26121 OLDENBURG DISKURSGEWITTER: RASSISMUS UND POLIZEI? 20 MÄRZ, 18;30 UHR VOLKSHOCHSCHULE OLDENBURG KARLSTRAßE 25 26123 OLDENBURG Ohne Schwellen, ohne Schnörkel Bei diesem Ansatz geht es auch darum, möglichst leicht zugängliche, verständliche, aber trotzdem wertvolle Angebote zu machen und damit Menschen anzusprechen, die normalerweise vielleicht nicht ins Theater gehen würden. „Wir haben bewusst niedrige Preise und versuchen, auch kostenfreie Veranstaltungen anzubieten“, erklärt Gesine. „Wir machen Veranstaltungen auch sehr gerne außerhalb des Kulturbetriebs, um die Leute dort abzuholen, wo sie sind – zum Beispiel im öffentlichen Raum. Und wir haben ganz viele Kooperationen in die Stadt hinein, mit Vereinen, mit Einzelpersonen. Das heißt: Die Art, wie wir arbeiten, ist schon der erste Schritt in die Communities oder auf die Menschen zu.“ Kontrolliertes Chaos: Gesines Büro deutet dezent an, dass bei der Sparte 7 vieles anders läuft als im regulären Spielbetrieb. (Bild: Kulturschnack) Die Sparte 7 mache zwar einiges anders als viele es von einem Staatstheater erwarten würden, eine bewusste Abnabelung passiere allerdings nicht, versichert Gesine: „Wir sind schon überall als Staatstheater erkennbar. Aber wir möchten die Menschen erreichen, ohne ihnen das Gefühl zu geben, wir treten mit großem hochkulturellen Anspruch auf sie zu.“ Dieser niedrigschwellge Ansatz ist so erfolgreich, dass manche Besucher:innen nur zu Formaten der Sparte 7 kommen, weil sie eher den subkulturellen und partizipativen Teil spannend finden. Für andere hingegen sind die lockeren Formate der ideale Einstieg, um anschließend auch mal ins Kleine oder Große Haus zu schnuppern - und genau das sei auch erwünscht, betont Gesine: „Es ist total schön zu sehen, wenn Menschen, die über uns Kontakt mit dem Programm des Staatstheaters haben, sich auch für die anderen Angebote zu interessieren. Vorhersage: Diskursgewitter Neben vielen spielerischen Formaten wie die legendären Bingo- und Karaoke -Abende oder die Open Stage gehört zu den Angeboten der Sparte 7 auch das Diskursgewitter - übrigens schon von Anfang an. „Das Diskursgewitter ist unser ältestes Format, das aber jedes Mal neu mit Leben gefüllt wird. Im Grunde bedeutet es, dass wir uns diskursiv mit Themen auseinandersetzen wollen.“ Ursprünglich seien die Themen für die Diskursgewitter aus den Produktionen des Oldenburgischen Staatstheaters entstanden „Zu einer Stückentstehung gehören bei uns immer umfangreiche Recherchen und Interviews, von denen man oft nur einen kleinen Teil auf der Bühne abbilden kann. Die Idee war, diese vertiefenden Ebenen in Diskursgewittern zu besprechen.“ Inzwischen gibt es ganz viele verschiedene Formen: diskursive Lesungen, Panels, Talk-Veranstaltungen, teilweise Vorträge. Das Ziel ist – wie bei allen Produktionen der Sparte 7 – möglichst partizipativ zu sein. „Wir wollen keine klassischen Frontalvorträge mit fünf Minuten Diskussion am Ende, sondern den Raum so gut es geht öffnen, sodass alle Besucher*innen eingeladen sind, sich zu beteiligen, mitzudiskutieren oder an Abstimmungsformaten teilzunehmen.“ Gut besucht: Nicht nur unter Theater-oder Sparte 7-Fans hat sich herumgesprochen, dass dich ein Besuch bim Diskursgewitter immer lohnt. (Bild: Oldb. Staatstheater) Man kann es sich lebhaft vorstellen Bei der Entwicklung eines Theaterstücks muss von den spannenden Recherche-Ergebnissen deutlich mehr verworfen werden als eingebaut werden kann. So viele spannende Informationen, Hintergründe und Kontexte - für nichts!? Durch das Diskursgewitter können die Themen nicht nur wieder aufgegriffen, sondern vertieft und von verschiedenen Seiten beleuchtet werden. Doch auch wenn die Stücke als Inspirationsquelle dienten, sind die Veranstaltungen des Diskursgewitters nie inszeniert und folgen keiner festen Dramturgie. Warum ist dieses Format an einem Theater trotzdem genau richtig aufgehoben? „Theater ist ein Imaginationsraum, in dem gesellschafts-politische Ereignisse diskutiert und Zukunftsvisionen ausgehandelt werden können“, erklärt Gesine. „Es kann ein Trial-and-Error-Raum sein – auch für gesellschaftspolitische Situationen. Deswegen finde ich es wichtig, auch diese Metaebene zu haben: Inhalte zu diskutieren, das eigene Handeln als Theatermenschen zu reflektieren und uns selbst zur Diskussion zu stellen. In meinem Verständnis ist das ein wichtiger Teil unseres Auftrags als Theater. Ein klassischer Theaterraum ist oft gar nicht so durchlässig. Genau deshalb braucht es solche Formate.“ In the Middle of Things: Für Gesine ist Theater eine Leidenschaft, die keinen festen Strukturen und Stundenplänen folgt. (Bilder: Kulturschnack) Talkformate: Mehr als Unterhaltung Bei so viel Inhaltsstärke stellt sich die Frage, ob das Diskursgewitter denn überhaupt noch Unterhaltung ist - oder schon etwas ganz anderes. Gesine möchte sich nicht entscheiden: „Es ist beides. Wenn es eine Lesung ist, ist es natürlich eine eher klassische Form von Unterhaltung. Und auch kontroverse Diskussionen haben einen gewissen Unterhaltungswert – zumindest insofern, als man im besten Fall mit neuen Ideen und Denkanstößen nach Hause geht. Man könnte sagen: Wenn man gut angeregt wird, war man auf eine gewisse Art auch gut unterhalten.“ Allerdings mit dem entscheidenden Bonus, dass nicht alles vorbei ist, wenn der Vorhang fällt. Man nimmt die Informationen und Inspirationen des Abends mit nach Hause und lässt sie im Kopf nachhallen - manchmal sogar dauerhaft. PODCAST MIT DER SPARTE 7 THEATER FÜR ALLE Damals noch zu zweit: Verena Katz (links) ist inzwischen nicht mehr Teil der Sparte 7, Gesine ist nach wie vor die Leiterin. (Video: Kulturschnack) Zum Jahreswechsel 24/25 sprachen wir in Folge 27 unseres Podcasts ausführlich mit Gesine Geppert und Verena Katz von der Sparte 7 des Oldenburgischen Staatstheaters. Um das Diskursgewitter ging es damals nicht, wohl aber um die Philosophie, Herangehensweise und Ziele des Reallabors für theatralische Experimente. Hört unbedingt rein, wenn ihr etwas tiefer in die wichtige Arbeit der Sparte 7 eintauchen wollt. Während die Inspirationen für die Diskursgewitter anfangs fast ausschließlich aus den Stücken am Staatstheater stammten, nimmt Gesine inzwischen vielfach auch Impulse aus anderen Quellen auf. „Wir haben veschiedene Kooperationspartner:innen, mit denen wir gemeinsam schauen, welche Themen gerade spannend sind und welchen Fokus wir legen.“ Ein Beispiel dafür sei die Kooperation mit dem Center for Migration, Education and Cultural Studies ( CMC ) der Universität Oldenburg, das ihre Ringvorlesung gemeinsam gemeinsam mit der Sparte 7 geplant und als Diskursgewitter angeboten hat. Das habe so gut funktioniert, dass bereits die nächsten gemeinsamen Termine geplant würden. Gleichzeitig kann der Anstoß auch weiterhin aus dem eigenen Hause kommen: „Es braucht immer einen Impuls – etwa wenn ein Team sagt: Dieses Thema hat uns besonders gereizt, da möchten wir tiefer einsteigen. Dann beginnen wir gemeinsam zu planen.“ Nicht inszeniert, trotzdem attraktiv: Die Realität ist häufig genauso spannend wie die Zuspitzungen des Theaters. (Bild: Staatstheater) Dass die Zahl der möglichen Themen durch die vielen Zusammenarbeiten weiter in die Höhe schnellt, ist Fluch und Segen zugleich, findet Gesine. „Mit der Kooperationsstelle Kirche und Gesellschaft haben wir eine ganze Ideen-Schublade“, lacht sie. „Jedes Gespräch bringt neue Themen hervor. Ein Ranking fällt da wirklich schwer.“ Gleichzeitig gebe es keine Inhalte, die Gesine kategorisch ausschließen würde: „Bei manchen Themen müsste man sehr sorgfältig überlegen, wie man den Diskurs gestaltet und wen man einlädt. Es hängt immer von der Perspektive und den Fragen ab.“ Es bleibt also bei der Wettervorhersage: Sonnig - mit Aussicht auf Diskursgewitter. In den Austausch gehen Eine Frage stellt sich bei alledem natürlich: Warum muss sich ein Theater überhaupt einmischen? „Es muss natürlich nicht“, findet Gesine. „Aber Theater ist – wie alle Kulturinstitutionen – Teil der Stadtgesellschaft. Wir können uns gar nicht frei machen von gesellschaftlichen Diskursen und Entwicklungen.“ Wenn man auf Film- oder Theatergeschichte zurückblicke, könne man immer eine gesellschaftliche Ebene ablesen – in Rollenbildern, Normen, Themen. Das gelte für Shakespeare genauso wie für Italo-Western und auch für heutige Produktionen. „Kultur hat immer eine gesellschaftspolitische Ebene. Deshalb finde ich es wichtig, sich bewusst damit auseinanderzusetzen und sie nicht zu negieren. Gerade bei der Sparte 7 gibt es diese zweite Ebene des Austauschs mit der Stadt. Themen werden an uns herangetragen, und daraus entstehen Formate. Ich glaube, wir können gar nicht anders, als gesellschaftspolitisch zu sein.“ Aber kann sich Theater an dieser Stelle auch eine Haltung und Meinung erlauben? Oder muss es alle Inhalte stets ausgewogen und neutral darstellen? Gesine reagiert mit einer Gegenfrage: „Kann man überhaupt neutral sein? Ich glaube nicht. Man bringt immer Perspektiven, Einflüsse und kulturpolitische Kontexte mit.“ Ihrer Ansicht nach wäre eine komplett neutrale Position erstens langweilig und zweitens unmöglich. „Wir sind immer ein Resonanzraum dessen, was um uns geschieht“, ist Gesine überzeugt - und dementsprechend stets gefärbt von Eindrücken und Erfahrungen. Cat Content: Das „Diskursgewitter“ setzt eher nicht auf niedliche Katzenvideos - die Veranstaltungen werden dennoch mit diesem hübschen Bild angekündigt. (Bild: Gesine Geppert) Entertainment trifft Empowerment Um der gesellschaftlichen Relevanz der Themen gerecht zu werden, spielt die Beteiligung des Publikums bei der Sparte 7 immer eine wichtige Rolle. Im Rahmen des Diskursgewitters kommt es zu einem Austausch von Gedanken und Argumenten, die Grenzen zwischen Podium und Auditorium verschwimmen ganz bewusst - schließlich betreffen die Inhalte alle Anwesenden. „Es gibt immer eine partizipative Ebene“, betont Gesine. „Natürlich gibt es Impulse, aber das Ziel ist der Austausch. Vielleicht nimmt man sogar etwas mit, das man am nächsten Tag direkt umsetzen kann.“ Es geht also auch um die Befähigung, selbst etwas zu tun, zu verändern, zu bewirken. „Empowerment heißt auch, Menschen die Möglichkeit zu geben, sich Räume zu erobern und Inhalte mitzugestalten. Das ist oft der erste Schritt, bevor überhaupt ein künstlerisches Produkt entsteht.“ Theater im klassischen Sinne gibt es nicht beim Diskursgewitter und damit auch nicht die typischen Abläufe, die damit einhergehen. Wer krachend komische „Tür auf, Tür zu“-Spektakel liebt, wird hier wahrscheinlich nicht glücklich. Oder... vielleicht doch? Die Chancen stehen gut, denn der rote Faden des Formats ist die gesellschaftliche Relevanz. Anders als vielleicht ein Stück aus Shakespeares Feder betreffen die Themen alle - mal ganz direkt, mal ganz sublim. Deshalb solltet ihr es nicht verpassen, wenn die Sparte 7 zum Diskursgewitter bittet - selbst wenn draußen gerade die Sonne scheint.

  • HÄNDE DRECKIG, HERZ GLÜCKLICH: TAG DER DRUCKKUNST

    Canva-Vorlage aussuchen, Text anpassen, Download-Button klicken – fertig ist das Poster innerhalb von drei Minuten. Ganz ohne Dreck unter den Fingernägeln. Funktioniert einwandfrei. Dennoch stehen am 15. März Menschen in Oldenburg vor einer hundert Jahre alten Druckerpresse und machen alles von Hand, mit echter Farbe, Papier und der großen Frage: Wird es so, wie ich es mir vorstelle? Willkommen beim Tag der Druckkunst! Ohne Automatik, nur mit Handarbeit. Am Tag der Druckkunst wird gedruckt wie vor hundert Jahren – mit Farbe, Papier und dem Moment der Spannung beim Abziehen des Blattes. (Bild: Kulturschnack) Warum ausgerechnet jetzt? Die Frage ist berechtigt: Warum sollte man 2026 noch Kupferplatten ätzen, wenn man in wenigen Sekunden ein KI-Bild generieren kann? Die Antwort liegt vielleicht gerade darin. Druckkunst ist das Gegenprogramm zur digitalen Welt. Sie riecht nach satter Farbe und Leinöl, hinterlässt Spuren im Papier, die sich anders anfühlen als glatter Digitaldruck. Sie überrascht, weil jeder Abzug ein bisschen anders wird, selbst wenn wir dieselbe Platte benutzen. Mal deckender, mal lasierter. Mal scharf konturiert, mal leicht verwischt. Das ist keine nostalgische Spielerei. Es ist eine Renaissance des Handwerks, die gerade überall passiert: Vinyl-Verkäufe erreichen Rekordwerte, analoge Kameras sind wieder gefragt, klassische Druckereien schießen in Großstädten aus dem Boden. Siebdruck-Workshops sind ausgebucht, Kunstbuchläden boomen mit handgedruckten Magazinen. Es kommt das Gefühl auf, dass viele genug von austauschbaren Canva-Templates und KI-generierten Bildern haben. Sie wollen wieder etwas schaffen, das nicht so einfach mit Copy-Paste reproduzierbar ist. Oldenburg und die Kunst der Linie Wenn es eine Stadt gibt, die Druckkunst ernst nimmt, dann Oldenburg. Nicht zuletzt wegen Horst Janssen . Er, das kann man sagen, war besessen von Drucktechniken. Radierung, Holzschnitt, Lithografie – er beherrschte sie alle und trieb sie an ihre Grenzen. Janssen ritzte Linien in Metallplatten, die so gestochen fein   waren, dass man beim Betrachten seiner Arbeiten glaubt, er hätte mit einer Nadelspitze geritzt. Seine Holzschnitte dagegen sind kraftvoll, expressiv, manchmal brutal direkt. Was Janssen so besonders macht: Er hat Druckkunst nicht als Reproduktionstechnik verstanden, sondern als eigenständige Kunstform. Jede Platte war ein Experiment. Jeder Print ein Unikat, auch bei mehrfachem Abzug. Er hat gezeigt, dass Druckkunst mehr kann als ein Original vervielfältigen. Sie kann etwas schaffen, das nur im Druck so funktioniert. Und genau deshalb passt es perfekt, dass das Horst-Janssen-Museum  am Tag der Druckkunst  seine Türen öffnet und zeigt: Wir präsentieren nichts, das verstaubt ist, sondern lebendige Tradition. TAG DER DRUCKKUNST 15. März 2026 HORST JANSSEN MUSEUM AM STADTMUSEUM 4-8 26121 OLDENBURG 15 BIS 18 UHR EINTRITT: FREI Tag der Druckkunst: UNESCO-Kulturerbe wird gefeiert Am 15. März 2018 wurden die traditionellen Drucktechniken zum immateriellen UNESCO-Kulturerbe erklärt. Seitdem ist der 15. März der bundesweite Tag der Druckkunst. Ein Tag, an dem Museen, Werkstätten, Kunstvereine und Ateliers zeigen: Dieses Handwerk lebt. Immaterielles Kulturerbe – das klingt erst mal sperrig. Aber es bedeutet: Drucktechniken wie Radierung, Holzschnitt, Lithografie sind nicht nur alte Handwerksmethoden, sondern Wissen, das weitergegeben werden muss. Fähigkeiten, die man nicht in einem YouTube-Tutorial lernt, sondern nur durch Machen, Ausprobieren, Scheitern und nochmal machen. Der Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler ruft jedes Jahr dazu auf, dieses Erbe sichtbar zu machen. Von den traditionellen Techniken bis zur experimentellen Druckkunst. Von der Kartoffelstempel-Werkstatt für Kinder bis zur Meisterklasse an der historischen Presse. Und Oldenburg macht mit! Was passiert am 15. März im Horst-Janssen-Museum? Das Horst-Janssen-Museum lädt von 15 bis 18 Uhr nicht nur zum Gucken, sondern zum Mitmachen ein. An der historischen Frielinghauspresse kann man dem Oldenburger Künstler Helmut Feldmann über die Schulter schauen. Feldmann arbeitet dabei an einer Druckerpresse, bei der noch mit Muskelkraft das angefeuchtete Papier auf die eingefärbte Platte gepresst wird. Nach dem Abziehen kommt der Moment der Wahrheit: Ist es etwas geworden? Der Künstler zeigt, wie die Platte vorbereitet, Farbe aufgetragen und dann als Druck abgezogen wird. Fragen sind dabei ausdrücklich erwünscht. Wie lange dauert es zum Beispiel so einen Druck herzustellen? Warum genau diese Farbe? Was passiert eigentlich, wenn's schiefgeht? Das Schöne: Hier erleben wir den ganzen Prozess. Von der leeren Platte bis zum fertigen Druck. Die Frielinghauspresse hat unzählige Drucke produziert und funktioniert noch heute. Am 15. März ist sie wieder im Einsatz: Helmut Feldmann druckt mit Techniken, die schon Horst Janssen perfektioniert hat. ( Bild: Andrey Gradetchliev) Auf Ebene 2 gibt es eine Mitmach-Station zum Stempeln. Klingt simpel? Stimmt. Und genau deshalb ist es der perfekte Einstieg in die Welt der Druckkunst. Man schneidet aus Moosgummi eigene Stempel, probiert aus, was passiert, wenn man verschiedene Formen kombiniert, sie übereinander und nebeneinander auf verschiedene Materialien walzt. Dabei gilt, dass es kein Richtig oder Falsch gibt. Nur Ausprobieren zählt. Dann passiert nämlich etwas: Die Schultern entspannen sich. Die Stirn wird glatt. Die Hände kommen ins Tun. Drucken hat durch den Rhythmus und die Wiederholung manchmal etwas beruhigend Entschleunigendes. Um 15.30 Uhr startet eine 30-minütige Führung mit dem Kunstvermittler Dirk Meyer zu den Drucktechniken von Horst Janssen. Hier wird gezeigt, wie Janssen gearbeitet hat, welche Werkzeuge er nutzte, warum manche seiner Radierungen aussehen wie Zeichnungen – und andere wie kleine Explosionen. Um 17 Uhr gibt es eine weitere Führung – diesmal zu Christoph Niemann. Niemann ist der moderne Star-Illustrator, der gerade im Museum ausgestellt wird . Seine Arbeiten sehen völlig anders aus als Janssens – klar, reduziert, oft digital. Aber: Auch Niemann nutzt Drucktechniken und die Führung zeigt, wie sich Druckkunst von Janssen bis heute entwickelt hat. Zwei Führungen, zwei Generationen, eine Technik. Das ist der Bogen, den das Museum am Tag der Druckkunst schlägt. Und das Beste: Der Eintritt ist frei. Einfach vorbeikommen, reinschnuppern, ausprobieren.   Wo kann man in Oldenburg sonst noch drucken? Oldenburg hat eine lebendige Druckkunst-Szene. Für Einsteiger lohnt es sich bei der Volkshochschule (Karlstraße 25) vorbei zu schauen. Hier gibt es regelmäßig Linoldruck-Kurse, in denen man lernt, wie Post- und Grußkarten mit selbst geschnitzten Linolplatten entstehen. Linoldruck ist generell ideal für den Anfang. Das Material ist günstig, die Werkzeuge überschaubar und die Ergebnisse sind schnell sichtbar. Am Ende hat man einen Stapel selbst gepresster Karten zum Verschenken. Dabei arbeitet die VHS mit Dozent:innen aus der Praxis. Also Menschen, die ihr Handwerk lieben und weitergeben wollen. Ein Blattmuster in sattem Blau – entstanden mit Walze, Farbe und einem geschnitzten Holzstempel. Was erhaben ist, wird eingefärbt und aufs Papier gebracht. (Bild: Kulturschnack) Wer direkt von Künstler:innen lernen möchte, ist bei der Werkschule (Rosenstraße 41) gut aufgehoben. Der Fokus liegt auf künstlerischer Praxis mit professionellen Künstler:innen. Wer nicht nur schnuppern, sondern richtig einsteigen möchte, ist hier genau richtig. Ein Geheimtipp liegt kurz vor den Toren Oldenburgs: Die Druckwerkstatt Craftschöpferey  in Ganderkesee-Schierbrok (Schierbroker Mühlenweg 11, 27777 Ganderkesee). Hier gibt es eine professionelle Ausstattung für Siebdruck, Linolschnitt, Monotypie, Cyanotypie und mehr. Das Besondere: Die Werkstatt arbeitet lösemittelfrei und umweltbewusst, mit kleinen Gruppen (maximal 6 Personen) und viel Raum zum Experimentieren. Freitags ist offene Werkstatt und am 15. März 2026 – zum Tag der Druckkunst – gibt es viele Stationen zum Ausprobieren. Ihr studiert in Oldenburg? Dann habt ihr Zugang zur Werkstatt für Druckgrafik am Institut für Kunst und visuelle Kultur der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Dort stehen traditionelle Andruckwalzen, Hochdruckpressen, Radierpressen und Siebdruck-Equipment zur Verfügung. Die Werkstatt ist einmal wöchentlich für Studierende geöffnet. Übrigens: Im Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg (Schloss) läuft noch bis zum 21. Juni 2026 die Ausstellung „Plakat-Kunst aus dem Landesmuseum“ – Künstlerplakate in Verbindung mit Grafik und Druckkunst. Passt perfekt, um sich inspirieren zu lassen, bevor man selbst an der Presse steht. Also, warum nicht mal ausprobieren? Am 15. März haben wir die Chance, Druckkunst live zu erleben. Nicht als fertiges Bild an der Wand, sondern als handwerklichen Prozess. Als etwas, das entsteht, während wir zuschauen oder uns sogar selbst die Finger mit Druckerfarbe schmutzig machen. Dafür muss niemand ein Kunst-Profi sein, besonderes Talent mitbringen oder die Farbenlehre beherrschen. Wir dürfen einfach neugierig sein. Und vielleicht verstehen wir dann, warum Menschen 2026 immer noch staunend vor einer alten Druckerpresse stehen und sagen: „Digitale Grafik-Tools sind toll. Aber das hier? Diese satten Farben, das geprägte Papier und der Geruch nach frischer Druckfarbe – das ist echt.“

  • IM KREATIVEN LIEGT DIE KRAFT

    Reden wir nicht um den heißen Brei: die Zukunftsaussichten sahen vermutlich schon mal deutlich rosiger aus. Zwischen Pandemie-Erfahrungen, ständiger Klimakrise und Kriegen, sehen sich gerade die Jüngsten unserer Gesellschaft heute vor allem mit einer Welt aus Unsicherheiten konfrontiert. Umso wichtiger, dass es Menschen wie Daniela Conrady gibt, die mit dem digitalen Kunstprojekt „be creative" einen Raum schafft in dem Kinder und Jugendliche ihre Gedanken, Gefühle und Perspektiven völlig frei zum Ausdruck bringen und präsentieren können - ohne Wettbewerbsgedanken, sondern mit jeder Menge Wertschätzung. Weshalb das so wichtig ist, erfahrt ihr in diesem Interview. Wenn es um Kinder oder Jugendliche geht, wird oft von „unserer Zukunft" gesprochen. Kurioserweise kommt aber genau diese Stimme regelmäßig und fatalerweise viel zu kurz, wenn es um die zahlreichen Krisen unserer Zeit geht. Und das obwohl genau diese Generation von den damit einhergehenden Folgen am intensivsten betroffen sein wird. Sie werden es sein, die ausbaden müssen, was vorherige Generationen ihnen eingebrockt haben. Und das ist nicht viel weniger als die existenzielle Bedrohung der Menschheit. Doch viele der Sorgen, Forderungen, Gedanken und Hoffnungen bleiben in der letztlichen gesellschaftspolitischen Ausgestaltung der Lebenswelt von morgen unberücksichtigt, während sich stattdessen verzweifelt ans Gestern geklammert wird. Doch Daniela Conrady möchte das so nicht hinnehmen. Sie lädt alle jungen Menschen dazu ein, sich kreativ mit der Frage auseinanderzusetzen, was sie wirklich glücklich macht. Auf ihrer Website www.becreative-projekt.de können Kinder und Jugendliche bis zum 15. Mai in jeder erdenklichen, kreativen Ausdrucksform persönliche Arbeiten zum Begriff "Glück" einreichen und damit allen Interessierten zeigen, was sie im Alltag - allen Widrigkeiten zum Trotz - bestärkt und ihnen Kraft gibt. Dabei entsteht nicht nur eine umfassende, digitale Ausstellung, sondern fast beiläufig auch ein künstlerisches Soziogramm, ein Stimmungsbarometer junger Menschen unserer Region. Und genau hierin liegt ein ungemeiner Wert, dem wir unsere volle Aufmerksamkeit schenken sollten. Daniela, wie würdest du die Idee hinter „be creative“ beschreiben und was soll das Projekt bewirken? Wir wollen Gedanken und Gefühle junger Menschen sichtbar machen und ihnen Wertschätzung und Anerkennung entgegenbringen. Unsere Kinder leben in einer Welt der Multikrisen und haben immer noch mit den Auswirkungen der Pandemie zu kämpfen. Es strömt so viel auf sie ein. Weil es einfach viele Dinge gibt, die ihnen Sorgen bereiten und Angst machen können, lenken wir den Fokus ganz bewusst auf etwas Positives, nämlich das Thema „Glück“. Und weil Kunst bewiesenermaßen die mentale Gesundheit fördert, haben wir uns für eine künstlerische Aufbereitung und eine digitale Ausstellung entschieden. be creative stellt die schönen Dinge des Lebens in den Mittelpunkt und hilft dabei, sie zu erkennen.   Foto: Daniela Conrady Wir wollen wissen, was junge Menschen glücklich macht! Ist es eine Begegnung, ein liebes Wort, eine Umarmung, Zeit mit Freunden oder der Familie, der Sport, die Natur, ein gutes Buch, Musik machen oder hören oder einfach nur chillen? Manchmal ist es gar nicht so einfach, herauszufinden, was einen wirklich glücklich macht. Also, kurz innehalten, in sich hineinhören, überlegen und das Ergebnis in einem Kunstwerk gestalten. Und ganz sicher macht auch die Umsetzung der eigenen Gedanken in einen Beitrag glücklich – und stolz, wenn dieser später veröffentlicht wird. Übrigens ist be creative kein Wettbewerb. Jedes, wirklich jedes, eingereichte Kunstwerk wird in der digitalen Ausstellung gezeigt und erfährt so Wertschätzung. Einzige Voraussetzung ist eine ausgefüllte Datenschutzerklärung. Was hat dich zu einem solchen Projekt motiviert? Spielt da ein persönlicher Hintergrund mit hinein? Ich habe vier Kinder. In meinem Alltag dreht sich fast alles um sie (lacht). Früher war ich als Lesemama unterwegs, habe Kinderkirche mitgestaltet und Klassenausflüge organisiert. Heute schreibe ich Kinderbücher und organisiere eben Projekte wie be creative , weil mir Kinder einfach am Herzen liegen. Und ich kann beim Malen am besten abschalten, da lag die Idee für ein Kunstprojekt nahe. Du hast bereits - mitten in der damaligen Pandemie - ein ähnliches Projekt unter dem Titel „ CoronaCreativ “ umgesetzt. Warum hast du dich nun für eine neue Auflage entschieden und gerade zum aktuellen Zeitpunkt das Thema „Glück“ gewählt? CoronaCreativ war sehr erfolgreich. Es haben über 300 junge Menschen teilgenommen und ganz unglaublich tolle Kunstwerke eingereicht, die bis heute in der digitalen Ausstellung zu sehen sind. Sie macht immer noch sichtbar, was Kinder und Jugendliche in der Pandemie bewegt und belastet hat. Sie haben so einen Raum bekommen, um ihre Gefühle zu zeigen – über die Stadtgrenzen hinaus. Kreativität hilft dabei, Dinge klarer zu sehen, weil man sich gedanklich mit ihnen auseinandersetzt. Zwar ist die Pandemie vorbei, aber es gibt durch die Klimakrise, den Ukraine- und nun auch noch den Iran-Krieg viele Unsicherheiten, die Kinder und Jugendliche umtreiben. Wir wollen die Aufmerksamkeit bewusst auf etwas Positives lenken. So ist das Thema „Glück“ entstanden. Die Idee, wieder ein Kunstprojekt auf die Beine zu stellen, schwirrte mir schon lange im Kopf herum. Aber manchmal will „gut Ding eben Weile haben" und nun ist be creative am Start. Selbst Klaas Heufer-Umlauf ließ es sich nicht nehmen für die Vernissage des damaligen Projekts eine Grußbotschaft beizusteuern. Quelle: YouTube / CoronaCreativ Wie schon das Vorgängerprojekt, ist „be creative“ ein digitales Projekt und offen für ganz unterschiedliche Ausdrucksformen der jeweiligen Kinder. Warum habt ihr euch, auf Basis der bereits gemachten Erfahrungen, erneut für einen solchen niedrigschwelligen Zugang entschieden? Wir wollen möglichst viele junge Menschen ansprechen, weil wir glauben, dass es gut ist, darüber nachzudenken, was Glück bedeutet. Aber nicht jeder malt gerne. Deshalb ist dies kein Malwettbewerb, sondern ein Kunstprojekt, bei dem der Kreativität keine Grenzen gesetzt sind.   So kann jede und jeder Teilnehmende das tun, was sie oder er am liebsten macht – malen, gestalten, fotografieren, filmen, musizieren, singen, schreiben. So entsteht ein bunter Strauß ganz unterschiedlicher, individueller Kunstwerke und Ausdrucksformen. Zur Corona-Zeit war das Digitale ein einfacher Weg Distanzen zu überbrücken und das Gefühl von Gemeinsamkeit zu schaffen. Welche Vorteile hat dieser digitale Ansatz, deiner Ansicht nach, im Kontrast zu einem analogen Ausstellungserlebnis auch heute noch? Eine Ausstellung, die keine räumlichen Grenzen kennt. Screenshot: Website CoronaCreativ Eine digitale Ausstellung hat einige entscheidende Vorteile. Ganz egal, wie viele Beiträge eingereicht werden, wir können alle zeigen. Jedes Kunstwerk bekommt seinen Platz und erhält Wahrnehmung und Anerkennung. Eine analoge Ausstellung ist räumlich begrenzt, dann müssten wir womöglich eine Auswahl treffen und das widerspräche unserem Ansatz. Außerdem können viel mehr Menschen die Kunstwerke anschauen, ohne dafür extra nach Oldenburg reisen zu müssen. Also können auch Freunde und Verwandte der kleinen und großen Künstlerinnen und Künstler, die vielleicht nicht hier in der Region leben, die Ausstellung besuchen und daran teilhaben. Last but not least zeigen alle Teilnehmenden so der ganzen Welt, was sie glücklich macht. Denn die Ausstellung ist öffentlich zugänglich. Also: niedrigschwellig in alle Richtungen. Was waren denn rückblickend eure Erkenntnisse, die ihr aus der Vielzahl an Arbeiten und Positionen bei der Erstauflage ziehen konntet, hinsichtlich der Gedankenwelt der jungen Beteiligten?    CoronaCreativ hat damals nachhaltig verdeutlicht, wie sich die jungen Menschen in der Pandemie wirklich gefühlt haben. Besonders wurde dabei die Einsamkeit und Perspektivlosigkeit durch Schulschließungen und Kontakteinschränkungen in den eingereichten Tagebucheinträgen und Objekten sichtbar. Wenn du dir wünschen könntest, was ein solches Projekt bei den Kindern und Jugendlichen bewirkt, was wäre dein Wunsch oder deine Hoffnung? Ich wünsche mir, dass die jungen Menschen durch be creative angeregt werden, darüber nachzudenken, was ihnen wichtig ist und welche – vielleicht kleinen – Dinge sie im Alltag glücklich machen. ... und was bedeutet Glück für dich ganz persönlich? Mein größtes Glück ist meine Familie und dass ich Projekte wie dieses, die mir am Herzen liegen, umsetzen darf. Ansonsten bin ich glücklich, wenn mir der Nordseewind bei einem langen Spaziergang um die Nase weht und wenn ich kreativ sein kann. Vielen Dank für das Gespräch!

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