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KAFVKA: HEADLINER MIT HALTUNG

  • vor 6 Stunden
  • 7 Min. Lesezeit

Nicht nur beim Kulturschnack gingen die Augenbrauen und Mundwinkel hoch, als der Headliner für die 25. Auflage von Rock gegen Rechts in Oldenburg bekannt gegeben wurde. Mit der Verpflichtung der Berliner Rap-/Rock-Band Kafvka ist zweifellos ein Coup gelungen. Nicht nur, weil die Band bundesweit eine hohe Bekanntheit genießt, sondern weil sie gleichzeitig inhaltlich perfekt passt. Denn auch wenn die Musik der Band sich kaum kategorisieren lässt, machen sie seit ihrer Gründung auf jeden Fall eines: Rock gegen Rechts.



Die Berliner'Band Kafvka, die in Oldenburg bei Rock gegen Rechts spielt.
Der Eindruck täuscht: Bei Kafvka gibt es auch nach dreizehn Jahren als Band keinerlei Ermüdungserscheinungen. Alessio, Jonas, Philipp und Sascha haben nach wie vor Bock - vielleicht auch, weil sie Musik mit Haltung verbinden?. (Bild: Fernanda Augel)

Kafvka trafen einen Nerv. Als die Band 2013 gegründet wurde, war die erste große Crossover-Welle mit deutschen Texten und harten Gitarren a la Such a Surge zwar längst Geschichte. Doch dank megapopulärer Acts wie Kraftklub (deren Debüt im Jahr zuvor erschien) war die Kombination von Gitarre und Sprechgesang wieder angesagt. Nach einer erfolgreichen Proberaum-EP folgte im April 2016 Kafvkas Debütalbum „Hände hoch!“ - und ein gewisser Hype. Sänger/Rapper Jonas Kakoschke gelang es, die Ambivalenz des Alltags perfekt in Worte zu fassen, die harten Riffs verliehen den Messages den nötigen Druck. Die Band selbst ging mit der Aufmerksamkeit ironisch um und textete:


Bei uns läuft, Alter, bei uns läuft

Wenn das so weitergeht, sind wir der neue Shit auf Deutsch

Wir haben alles, was man braucht als eine Band

Wir haben alles, alles außer Fans!“


Dass die Band so schnell durchstartete, war nie geplant, allerdings auch kein Zufall. Die energiegeladene Mischung aus Rap, Rock und zunehmend auch elektronischen Sounds passt gleichermaßen auf die Tanzfläche wie auf die Barrikade. Bestes Beispiel: die Anti-Hymne „Alle hassen Nazis“, die inzwischen zum festen Soundtrack für entsprechende Demos und Proteste geworden ist. Von Anfang an standen Kafvka für klare Kante, harte Riffs und fette Beats: Ihre deutschsprachigen Texte sind direkt, politisch und selten zimperlich – es geht um soziale Ungleichheit, Rassismus und alles, was im Alltag so schiefläuft. Viele Menschen konnten das gut nachvollziehen, andere lernten sogar etwas dabei - zum Bespiel, warum man einen AntiRa-Workshop braucht, wenn man glaubt, dass man keinen AntiRa-Workshop braucht.



Vier gewinnt: Kafvka haben bisher vier Longplayer veröffentlicht: „Hände Hoch“, „2084“, „Paroli“ und „Kaputt“. (Bilder: Kafvka)


Zwischen Bühnen und Barrikaden


Musikalisch fühlen sich Kafvka irgendwo zwischen Clubnacht und Protestzug zuhause: treibende Bässe, eingängige Hooks und eine ordentliche Portion Wut im Bauch. Dabei bleibt der Ton trotz aller Ernsthaftigkeit oft ironisch und mit einem Augenzwinkern versehen. Das Ergebnis ist ein Sound, der nicht nur gehört, sondern auch gespürt werden will – laut, unbequem und ziemlich tanzbar.


Konkrete Chart-Platzierungen sind anders als etwa bei Kraftklub bisher ausgeblieben. Kafvkas Erfolg spielt sich stärker im Independent- und Live-Bereich ab als im Mainstream. Ihre Releases wurden vor allem in der alternativen Szene gefeiert und haben ihnen - anders als anfänglich vermutet - eine treue Fanbase eingebracht, auch durch starke Präsenz auf Streaming-Plattformen und in Subkultur-Medien. Oft genug waren Kafvka auch kurz davor, die Schwelle zum kommerziellen Erfolg zu überschreiten. Songs wie „Tanz deinen Schmerz weg“ oder „Das Ende der Welt“ könnten im Radio laufen - wären die Texte leichter verdaulich. Letztlich waren Kafvka stets zu kantig, ihre Anliegen zu wichtig, ihre Haltung zu klar, um der ganz großen Masse zu gefallen.



Eigentlich ein Popsong: „Tanz deinen Schmerz weg“ deutet auf dem 2021er Album „Paroli“ eine elektronischere Ausrichtung der Band an.


Kafvka: Rock gegen Rechts


Und so feiern Kafvka ihre Erfolge vor allem auf den Konzertbühnen. Die Band war schon auf vielen bekannten Festivals vertreten, darunter das Fusion Festival, Rock am Ring, Hurricane und Deichbrand aber auch auf vielen kleineren bis mittelgroßen Indie-Festivals im deutschsprachigen Raum. Nun reiht sich Oldenburg mit „Rock gegen Rechts“ in diesen Reihe ein. Was hat Kafvka hierhergeführt? Was erwarten sie von ihrem Auftritt? Und warum ist die Band überhaupt politisch? Darüber haben wir uns Sänger/Rapper Jonas unterhalten.


Ihr wart von Anfang an eine politische Band bzw. habt Politik thematisiert. War das eine bewusste Entscheidung?

Jonas Kakoschke, Sänger und Rapper der Berliner Band Kafvka, die in Oldenburg bei Rock gegen Rechts auftritt.
Durch Flüchtlingsarbeit politisiert: Rapper Jonas Kakoschke. (Bild: Fernanda Augel)

Wir haben uns nicht als explizit politische Band gegründet, wir wollten einfach Musik machen zusammen. Aber durch meine eigene Politisierung wurden auch meine Texte immer politischer und wir als Menschen auch. So waren unsere Texte eigentlich schon immer irgendwie politisch, wurden aber eindeutiger mit der Zeit. Unser erster explizit politischer Song war 2014 „Lampedusa“.


Warum ist euch das wichtig?


Wir haben uns nie gesagt „Hey komm wir machen jetzt nur noch politische Musik“, sondern es war eine organische Entwicklung. Durch meine politische Arbeit mit geflüchteten Menschen ab 2014 kam ich immer mehr in Kontakt mit Menschen, die zur Flucht gezwungen waren und von Rassismus betroffen sind. Ich reflektierte immer mehr meine eigene Positionierung und damit verbundene Privilegien und die negative Rolle Deutschlands und Europas in der Welt. Dies trieb meine Politisierung voran, was wiederum meine Texte mehr und mehr prägte.


Welche Macht hat denn Musik? Was kann sie bewirken?


Wir sehen unsere Musik zum einen als eine Form von Bildungsarbeit, eine Möglichkeit Menschen zu erreichen, die vielleicht noch nicht so sehr politisiert sind. Musik kann ein Agitationsinstrument sein, indem sie zum Nachdenken und Reflektieren anregt. Gleichzeitig ist sie – vor allem in Form von Konzerten – auch ein Ventil, für uns und für die Menschen im Publikum, den Weltschmerz gemeinsam wegzutanzen. Das wahrscheinlich wichtigste ist, dass unsere Musik für Menschen, die durch ihr Umfeld das Gefühl haben allein zu sein mit ihrer Weltanschauung, ein wichtiges Zeichen bekommen, dass sie eben nicht allein sind.



1,8 Millionen Aufrufe: Ausgerechnet mit dem bewusst provokanten Song „Alle hassen Nazis“ gelang Kafvka ein Hit, der sie bundesweit bekannt machte. (Video: Kafvka)

Viele kennen Euch wegen des Songs „Alle hassen Nazis“. Ist das cool oder nervt das auch manchmal?


Nein, nein, das ist cool. Nervig wäre, wenn alle uns nur durch einen unpolitischen belanglosen Radiosong kennen würden! (lacht) Wir lieben den Song nach wie vor und durch seine Bekanntheit haben wir das Privileg, weiterhin unabhängig Musik machen zu können und mittlerweile so viele Menschen zu erreichen.


Wie ist es, wenn man politische Songs live spielt? Wenn man neben der Musik also auch ein Anliegen hat? Entsteht da eine spezielle Energie?


Definitiv. Ich sehe in den Augen der Menschen bei unseren Shows viele Emotionen und wir spiegeln und heilen uns gegenseitig, würde ich behaupten.


Es gibt auf unseren Konzerten auch oft Menschen die weinen, weil sie die Texte so sehr treffen. Es ist sehr intim, so etwas bei Menschen auszulösen. Das zeigt uns aber auch immer wieder, dass wir nicht allein sind mit unseren Emotionen und Träumen von einer besseren Welt.

Die Berliner'Band Kafvka, die in Oldenburg bei Rock gegen Rechts spielt,  auf einer Konzertbühne.
Großer Name: Der breiten Masse mögen Kafvka nicht. bekannt sein, unter Festivalfans gelten sie wegen ihrer mitreißenden Live-Show aber längt als absolutes Pflichtprogramm. (Bild: Danny Kötter)


Ihr spielt in Oldenburg bei Rock gegen Rechts. Lag das zufällig auf einer Tour-Route oder war es euch ein Anliegen, das zu supporten?


Es ist kein Zufall. Wir wurden angefragt und haben gemeinsam entschieden, dass wir das wichtig finden und auf jeden Fall machen wollen. Wir spielen unsere Musik auch gern auf riesigen Festivalbühnen, wo es auch ums Partymachen geht. Aber uns ist auch weiterhin wichtig, politische Veranstaltungen wie „Rock gegen Rechts“ zu unterstützen. Im Fall von Oldenburg kommt noch hinzu, dass wir fast genau ein Jahr nach dem Tod von Lorenz dort sein werden. Wir hoffen natürlich, dass seine Familie und die Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“ auf der Veranstaltung präsent sein werden, um an diese schreckliche Tat zu erinnern und gemeinsam um Lorenz zu trauern.


Im Oldenburger Stadtrat vereinen Bündnis 90/Die Grünen und die SPD etwa zwei Drittel der Stimmen auf sich. Fährt man als Band in so eine Stadt mit einem anderen Gefühl als in eine, wo die AfD die Hälfte der Stimmen erreicht?


Oft wissen wir das gar nicht so genau – außer in Extremfällen. In der Vergangenheit haben wir auch in richtigen „Nazidörfern“ wie Schnellroda oder Jamel gespielt. Es ist schon ein weirdes Gefühl, dort „Alle hassen Nazis“ zu spielen, wenn ein paar hundert Meter entfernt ein-, zweihundert Hardcore-Nazis in einer Kneipe sitzen und niemand weiß, ob die gleich noch in Laune sind, die Veranstaltung auseinander zu nehmen. Aber auch etablierte Parteien stehen ja mittlerweile zumindest auf Bundesebene in Teilen für eine Politik, die wir kritisieren. Unmenschliche Politik ist leider nicht nur bei der AfD zu finden.



Zugänglich: Kafvka schreiben weiterhin keine kommerziellen Pop-Nummern. Trotzdem - oder gerade deswegen? - erreicht die Band auch viele Menschen, die sonst andere Sounds hören.

Was ist denn wichtiger: diejenigen zu bestätigen, die auf der „richtigen“ Seite sind? Oder diejenigen zu konfrontieren, die „zu weit rechts“ stehen.


Beides ist wichtig.


Wie ist die Resonanz bei regulären Festivals mit gemischtem Publikum? Eher zustimmend? Oder bekommt man auch mal Pfiffe für provokante Aussagen?


In unseren Anfangsjahren, als alles noch sehr viel kleiner war, kam es schon zu Buhrufen und es flogen auch mal Becher. Mittlerweile sind die Bühnen meistens groß genug, als dass sowas nicht mehr akustisch bei uns ankommt. (lacht)


Würdet ihr aus kommerziellen Gründen auch mal auf Messages verzichten?


Auf keinen Fall. Wir versuchen sowieso, bei allen Musik betreffenden Entscheidungen möglichst wenig über kommerzielle Verwertbarkeit nachzudenken, sondern auf unser Bauchgefühl zu hören. Da wir unser eigenes Label und Management sind, gibt es auch niemanden, der oder die uns da reinreden kann.



Die Berliner'Band Kafvka, die in Oldenburg bei Rock gegen Rechts spielt,  auf einer Konzertbühne.
Große Bühne: Kafka definieren ihren Erfolg nicht über Chartplatzierungen, sondern vor allem über spektakuläre Live-Erlebnisse zwischen Club und Festival. (Bild: Danny Kötter)

Für eine bessere Welt


Musikalisch sind Kafvka schwer zu fassen. Die Mischung aus Rap und Rock schlicht als Crossover anzutun, reicht nicht aus. Dazu gehen die Berliner zu oft in Grenzbereiche zu anderen Genres und wagen dort Experimente. Dennoch bleiben diese beiden Elemente - Rap und Rock - natürlich der Kern der Musik. Und weil die Band sie barrikadentauglich verpackt, wird es zum Jubiläum von„Rock gegen Rechts“ einen spektakulären Headliner geben, den man besser nicht verpassen sollte. Das steht bereits fest.


Was das Ganze mehr als nur abrundet, ist die Haltung der Band. Glaubhafter als Kafvka kann man politische und gesellschaftliche Themen kaum formulieren. Hier geht es zwar auch um Protest, gleichzteitig aber um mehr. Kafvka kämpfen für eine bessere, menschlichere Welt - nicht nur in großen Maßstäben, sondern auch in den Details des Alltags. Allein das wäre unbedingt zu honorieren. Wenn die Botschaft zusätzlich noch so gut klingt, und nicht nur in den Kopf, sondern auch ins Herz und in die Beine geht - dann gibt es keine Ausreden mehr. Wir sehen uns auf dem Schlossplatz!


 
 
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