ACOUSTIC SESSION: ORASA
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Es gibt Pop-Songs, deren simple Hooks ohne Umwege ins Ohr gehen, die sich aber schnell abnutzen und dann zu einer regelrechten Plage werden. Und es gibt das Gegenteil davon: wahre Sound-Landschaften, die sich aufbauen und entfalten, deren Reiz sich manchmal erst nach dem zweiten Hören offenbart und denen es um sehr viel mehr zu gehen scheint als nur um einen catchy Chorus. Diese Disziplin beherrschen nur wenige so gut wie die Oldenburger Indie-/Alternative-Rocker orasa.
Bandnamen sind normalerweise kein guter Indikator, um die jeweilige Musik einzuordnen. Oft entstehen sie aus Zufällen, manchmal sind sie gar nicht ernst gemeint, bleiben am Ende aber trotzdem hängen - schöne Grüße an die Butthole Surfers. Die Oldenburger Band orasa hat sich etwas tiefere Gedanken gemacht. Wer das Wort bei seiner Lieblings-KI eingibt, erhält nämlich erstmal nur vage Hinweise darauf, dass es sich dabei um einen Vor- oder Nachnamen handeln könnte. Tatsächlich ist die Geschichte aber eine andere.
Das Wort orasa stammt aus dem Filipino und steht für die Zeit oder für eine Sanduhr. Das ist in doppeltem Sinne philosophisch: Einerseits durch den Blick in einen fremden Sprach- und Kulturraum am anderen Ende der Welt - andererseits durch die Symbolik der Vergänglichkeit und das Verrinnen der Zeit. Der Bandname orasa ist kein Zufall oder Scherz, denn genau diese Tiefgründigkeit hört man der Musik auch an. Aber: Catchy ist sie trotzdem!

ORASA: IN VIELFALT VEREINT
Kennen gelernt haben sich die fünf „orasas“ Yannick, Simon, Lukas, Cedric und David während ihres Musikstudiums an der Carl von Ossietzky Universität, die Bandgründung erfolgte im Jahr 2019. Von Anfang an war klar, dass es nicht darum gehen würde, kompakte Pop-Songs zu schreiben - und bis heute fällt es den Musikern schwer, ihren Sound zu kategorisieren. „Wir sind alle unterschiedlich musikalisch sozialisiert und diese verschiedenen Prägungen haben einen großen Einfluss auf unseren Sound“, erklärt Simon. „Wegen diesen vielen Facetten fällt es uns schwer, ein Genre zu nennen, welches unsere Musik am besten widerspiegelt. Am ehesten ordnen wir unsere Musik dem Genre Alternative Rock/Pop zu.“
Damit hat man eine Orientierung, mehr allerdings auch nicht. Denn die Schublade „Alternative“ gehört sicher zu den größeren des Musikgeschäfts. Wenn man damit allerdings verbindet, dass die betreffende Band etwas anders als die meisten anderen klingen muss, dann liegt man damit schon sehr richtig. orasa machen dabei nichts revolutionär anders als andere Bands mit der klassischen Kombination aus Schlagzeug, Bass, Gitarre, Keyboard und Gesang. Feine Unterschiedee gibt es jedoch - und die sind es, die orasas Musik so besonders machen. Am auffälligsten: der mehrstimmige Gesang. Wo andere Künstler:innen vielleicht mal Vocals doppeln oder Background-Sänger:innen zulassen, setzen orasa bewusst auf drei Sänger - ein Seltenheit, die das Klangbild bereits sehr breit macht.

Aber da ist ja noch die Musik. Schon seit der Einleitung ist klar, dass orasa keine 08/15-Popnummern schreiben. Aber was tun sie stattdessen? Es scheint, als stellen sie nicht eine Hook in den Mittelpunkt, sondern ein Gefühl - und um diese Emotion herum entsteht der Song. Das hat zur Folge, dass die Musik von orasa sehr eigenständig und eindringlich wirkt, dabei aber dennoch große, manchmal geradezu hymnische Melodien zu bieten hat.„Besonders wichtig ist uns, dass die Songs authentisch sind und von persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen auf unsere Lebenswelt(en) erzählen“, erklärt Simon.
„Uns erfüllt, wenn unsere Songs die Menschen emotional berühren. Es bereitet uns auch Freude, wenn unsere Songs Erwartungshaltungen an die Musik aufbrechen und überraschende Momente auslösen.“
DOPPELKONZERT
ORASA
JOSY'S BOYFRIEND
12. JUNI 2026, 20 UHR (TICKETS)
AMADEUS
26122 OLDENBURG
Different Ways: Longplayer in Eigenregie
Nachzuhören ist all das auf dem komplett selbst produzierten Debütalbum „Different Ways“. Dessen Veröffentlichung im Jahr 2024 war ohne Zweifel ein Meilenstein - und „ein absolutes Herzensprojekt“, wie die Band damals selbst schrieb. Schon das mehr als dreiminütige Intro deutet es an: Man muss die Platte tatsächlich als ein Gesamtkunstwerk betrachten. Es ist eben nicht - wie so oft in dieser Zeit - eine Ansammlung von Singles, die in erster Linie für sich allein stehen. Nein, orasa rollen einen verdammt flauschigen Klangteppich aus. Man will es sich am liebsten gemütlich machen mit dieser Platte und sich ganz auf sie konzentrieren, weil es eben mehr zu entdecken gibt als eine gute Hookline und ein smartes Wortspiel. Songs wie „Bittersweet“ und „Climb High!“ sind gute Beispiele für diese Kombination.
Ein Zufall ist das alles nicht, sondern das Ergebnis einer fruchtbaren Zusammenarbeit unter guten Freunden: „Musik machen bedeutet für uns: in den gemeinsamen Austausch gehen, musikalische Ideen ent- und verwerfen, mit Sounds experimentieren, über Lyrics sprechen und nachdenken, uns durch ungerade Rhythmen bewegen“, erklärt Simon.
„Dieser musikalische Austausch ist für uns deswegen so bedeutungsvoll, da sich aus zum Teil sehr unterschiedlichen Perspektiven im Prozess etwas Neues entwickelt, von dem wir alle Teil sind.“
Klar: nicht alles ist perfekt, schließlich ist es eine Eigenproduktion. Das Ergebnis ist allerdings erstaunlich ausgereift - vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass die Bandmitglieder zum Zeitpunkt der Aufnahme zwischen 25 und 31 Jahre alt waren. In diesem Alter sind andere bereits glücklich, wenn sie drei Akkorde unfallfrei runterspielen können. Und orasa? Erschaffen ganze Klangwelten.
Und ein gewisses Selbstbewusstsein haben die fünf Jungs auch. Ihr Album Release Konzert spielten sie nämlich am 14. Juni 2024 - zeitgleich zum Fußball-EM-Spiel Deutschland gegen Schottland. Wir haben seinerzeit Kulturtipps für alle Fußballmuffel gegeben - und dieses Ereignis war natürlich dabei.

Acoustic Sessions: Der krönende Abschluss
Eine Klangwelt für sich ist auch der Track „Rain“. Er ist der erste, den orasa überhaupt geschrieben haben und er bildet den krönenden Abschluss des Debütalbums. Ihn haben sie bei den Kulturschnack Acoustic Sessions performt und auch - bzw. gerade - in der reduzierten Form überzeugt der Track durch eine hohe Emotionalität, gleichzeitig aber auch durch seine Eingängigkeit. orasa zeigen hier, zu was sie in der Lage sind - und wecken Hoffnungen und Erwartungen für das, was da noch kommt.

Und tatsächlich rumort es durchaus im orasa-Proberaum. Beziehungsweise: Im Home Studio von Gitarrist Yannick. An gleich sieben neuen Tracks arbeitet die Band derzeit, wie Simon verrät. Inwiefern der Sound sich verändert hat? Oder ob alles beim Alten bleibt? Das bleibt vorerst noch ein Geheimnis. Eines steht aber bereits fest: Etwas mehr als zwei Jahre nach dem Debüt wäre der Zeitpunkt für ein Follow-up ideal. Wir trösten uns derweil mit der wunderbaren Akustik-Version von „Rain“ - und warten, bis genügend Sand durch die orasa gerieselt ist.


