STADTFEST? STADTFESTIVAL!
- 21. Juli
- 8 Min. Lesezeit
Das Stadtfest Oldenburg ist für viele eine einzige große Party. Das ist nicht falsch, aber da ist noch mehr. Denn wo früher vor allem Coverbands für Stimmung sorgten, stehen heute viele lokale, aber durchaus auch internationale Bands auf der Bühne. Sie machen das Stadtfest zu einem waschechten Musik-Festival. Warum die Musik kein Beiwerk, sondern eine Attraktion ist? Darüber haben wir mit dem langjährigen Stadtfest-Organisator Reinke Haar gesprochen.

Für viele Oldenburger:innen ist das Stadtfest ein gewohnter Dreiklang: Leute treffen, durch die Innenstadt schlendern, gemeinsam feiern. Für Reinke Haar von E & M Marketing ist es dagegen weit mehr als das. Seit sein Unternehmen im Jahre 2004 die Organisation übernommen hat, wurde das traditionsreiche Fest Schritt für Schritt weiterentwickelt – ohne seinen Charakter zu verlieren. Statt radikaler Veränderungen setzte Reinke auf behutsame Weiterentwicklung. Vor allem die Musik rückte stärker in den Mittelpunkt.
„Verändern wollten wir auf jeden Fall etwas, wir hatten viele Ideen. Gleichzeitig sind wir mit großem Respekt an die Aufgabe herangegangen“, erinnert sich der Geschäftsführer. Schließlich sei ein Stadtfest eine hochkomplexe Veranstaltung. „In Oldenburg hat praktisch jeder eine Vorstellung davon, wie es sein müsste. Erst wenn man selbst verantwortlich ist, merkt man, wie komplex die Organisation tatsächlich ist.“ Dabei gehe es oft nicht um spektakuläre Entscheidungen, sondern um Details: Stromanschlüsse, Wasserversorgung, Zufahrten oder Sicherheitskonzepte. „Wir hatten zwar von Anfang an eine Vision, aber wir haben sie erst Schritt für Schritt umgesetzt.“

Vom Stadtfest zum Festival
Die wohl sichtbarste - oder besser gesagt: hörbarste - Veränderung der vergangenen Jahre ist das Musikprogramm. Wo früher vor allem „TOP 40“-Bands dominierten, präsentiert sich das Stadtfest heute mit mehr als siebzig Bands und etwa fünfzig DJs - insgesamt also hundertzwanzig Acts! - als eines der größten Musikfestivals im Nordwesten. „Wir wollten dem Stadtfest ein klareres musikalisches Profil geben“, erklärt Reinke. „Früher spielten auf vielen Bühnen überwiegend Coverbands – teilweise sogar dieselben Bands mehrfach an verschiedenen Tagen. Das wollten wir bewusst verändern.“
Dabei ging es ihm nicht darum, Bewährtes abzuschaffen. Coverbands gehören weiterhin zum Programm, weil sie viele Besucher:innen schätzen. Gleichzeitig entstand Raum für Independent-Bands, regionale Künstler:innen und sogar internationale Acts.

„In und um Oldenburg gibt es eine enorme Vielfalt an großartigen Musiker:innen und Bands. Dieses Potenzial wollten wir stärker sichtbar machen.“ Dass parallel zu den lokalen Akzenten auch der internationale Charakter deutlicher spürbar wurde, ist auch den vielen Partner:innen des Stadtfests zu verdanken. Gastronom:innen, Vereine und Kulturschaffende gestalten zahlreiche Bühnen eigenständig und bringen ihre eigenen Netzwerke ein.
„Die eine Bühne setzt eher auf Schlager, eine andere auf Independent-Musik, eine dritte ausschließlich auf lokale Bands. Innerhalb dieses Rahmens stellen die Betreiber:innen ihr Programm eigenständig zusammen.“ Gerade dadurch entstehen immer wieder Überraschungen. Über Kontakte aus der Musikszene kommen sogar Bands aus Australien, Schweden, Frankreich, Kanada oder den USA nach Oldenburg – oft im Rahmen ihrer Europatourneen.
„Dadurch haben wir jedes Jahr viele musikalische Entdeckungen im Programm – Künstlerinnen und Künstler, die vielen Besuchern vielleicht noch gar kein Begriff sind, die aber musikalisch auf einem sehr hohen Niveau spielen.“
Entdeckungen am FließbandDie 37-Minuten-BühneNatürlich gibt es beim Stadtfest Bühnen, auf denen Coverbands populäre Songs aus den Charts spielen, um für gute Stimmung zu sorgen. Das kann duchaus Spaß machen, dabei lässt sich aber wenig entdecken. Ganz anders ist das in der Haarenstraße - denn dort steht die 37-Minuten-Bühne.
![]() Ob Hardrock-Band, Jazzcombo oder Hip-Hop-Crew: Hier haben lokale Acts die Chance, die Oldenburger Bevölkerung auf sich aufmerksam zu machen. Seit 2006 hatten bereits unzählige Local Heroes hier eine Feuerprobe der besonderen Art. Inzwischen können auch DJs dort auftreten, sofern sie eigene Mixes an den Start bringen. Wer Interesse an einem Auftritt hat, kann sich ganz einfach online bewerben. Und warum 37 Minuten? Ganz einfach: weil für die Ab- und Aufbauzeit 23 Minuten eingeplant sind. So kann das Publikum immer zur vollen Stunde eine neue Band erleben. Einfach - aber genial. Also: Support your local scene, plant die Haarenstraße auf eurer persönlichen Stadtfest-Route mit ein und beteiligt euch am Voting zum besten Act auf der 37-Minuten-Bühne! |
Zwischen Kultur und Wirtschaft
So künstlerisch das Programm wirkt – wirtschaftlich muss es funktionieren. Das unterscheidet das Stadtfest von klassischen Festivals. „Beim Stadtfest haben die Besucher:innen ständig die Wahl zwischen 18 Bühnen. Gefällt ihnen das Programm an einem Ort nicht, gehen sie einfach ein paar Meter weiter.“ Deshalb müsse jede Bühne ihr Publikum erreichen. Schließlich finanzieren sich Musik, Technik und Organisation über die Gastronomie. „Ein kostenloses Stadtfest funktioniert nur, wenn die Besucher bereit sind, vor Ort etwas zu konsumieren. Das Geld, das auf dem Fest ausgegeben wird, finanziert am Ende auch das kulturelle Angebot.“ Letztlich stimmt das Publikum also nicht nur mit den Füßen ab, sondern auch mit den Kehlen.
Gerade deshalb sei ein kostenloses Stadtfest mit internationalen Topstars kaum realisierbar. Zwar habe man Modelle mit Eintritt durchaus diskutiert. Letztlich entschied man sich bewusst dagegen.
„Für mich lebt ein Stadtfest davon, dass man frei durch die Innenstadt schlendert, Menschen trifft, spontan von Bühne zu Bühne wechselt und überall etwas entdecken kann. Sobald man Eintritt verlangt und gezielt wegen eines einzelnen Acts kommt, wird daraus eher ein Konzert als ein Stadtfest.“

Mehr Kultur, als viele vermuten
Reinke bedauert, dass das musikalische Profil des Stadtfests häufig hinter seinem Ruf als große Party verschwindet. „Natürlich würde ich mich freuen, wenn dieser Aspekt noch stärker wahrgenommen würde. Aber das ist ein langer Prozess.“ Das komplette Programm werde im Vorfeld des Stadtfestes ausführlich veröffentlicht, man kann es bequem nach Wochentagen, Bühnen und Bands filtern. Trotzdem nähmen manche Besucher:innen das Angebot kaum bewusst wahr.
Hinzu komme ein verzerrtes Bild in sozialen Medien. „Wenn ich nachts durch Facebook, Instagram oder TikTok scrolle, lese ich manchmal Kommentare über angeblich überall herumliegende Betrunkene. Gehe ich anschließend selbst über das Stadtfest, sehe ich vor allem fröhliche Menschen, die friedlich miteinander feiern.“ Für Reinke ist deshalb entscheidend, was tatsächlich auf den Straßen passiert. „Am Ende zählt für mich vor allem eines: Die Menschen kommen gern zum Stadtfest. Diese Abstimmung mit den Füßen ist bis heute eindeutig positiv.“ In Zahlen heißt das: an den drei Abenden kommen insgesamt etwa 350.000 Menschen in der Stadt - in etwa die doppelte Einwohnerzahl Oldenburgs.
Als Band auf dem StadtfestDie perfekte Gelegenheit
Die Perspektive des Stadtfest-Publikums kennen viele aus eigener Erfahrung. Aber wie ist es eigentlich, wenn man dort auf der Bühne steht? Die Jungs von Hamato Yoshi müssen es wissen. Sie sind Stammgäste auf den Stadtfest-Bühnen und treten dort 2026 schon zum fünftem Mal auf. Wir haben Drummer Keno nach seinen Eindrücken gefragt. ![]() Wie fühlt es sich an, auf dem Stadtfest zu spielen? Ist das anders als bei anderen Auftritten? Ein Stadtfest hat für uns immer ein bisschen Festivalcharakter: viele Menschen, unterschiedliche Bühnen und jede Menge Laufpublikum. Dadurch entsteht eine besondere Atmosphäre, und es ist spannend zu sehen, wer spontan vor der Bühne stehen bleibt. Was glaubt ihr: Erreicht ihr durch den Auftritt neues Publikum? Auf jeden Fall. Beim Stadtfest trifft man nicht nur auf die Leute, die gezielt wegen einer Band kommen, sondern auch auf viele Besucher, die sich einfach treiben lassen. Genau diese Mischung macht den Reiz aus. Für uns ist das die perfekte Gelegenheit, neue Songs live zu spielen, gerade auch mit Blick auf unsere neue EP, die Ende Oktober erscheint.
Und ihr selbst? Habt ihr beim Stadtfest schon Bands entdeckt, die ihr vorher nicht kanntet?
Ja, tatsächlich schon öfter. Gerade bei Stadtfesten läuft man oft zufällig an einer Bühne vorbei und bleibt hängen. So haben wir in der Vergangenheit einige Bands kennengelernt, die wir heute noch gerne hören, oder zu denen wir heute einen guten Kontakt haben.
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Ein Festival lebt von seinen Menschen
Auch hinter den Kulissen erlebt Reinke eine besondere Atmosphäre. Viele internationale Bands kämen nicht wegen hoher Gagen nach Oldenburg, sondern wegen des Erlebnisses „Sie übernachten bei Freunden oder in WGs, grillen gemeinsam, besuchen sich gegenseitig auf den verschiedenen Bühnen und feiern anschließend zusammen weiter. Diese besondere Atmosphäre hinter den Kulissen bekommen die Besucher normalerweise gar nicht mit.“ Auch hier also: echtes Festivalfeeling.

Dass das Stadtfest funktioniert, liege ohnehin nicht allein am Veranstalter. „Es lebt vom Engagement der Menschen. Wir könnten mit unserem kleinen Organisationsteam weder die Bühnen betreiben noch Ausschank, Programm und Abläufe allein stemmen. Das funktioniert nur, weil sich so viele Oldenburger:innen mit eigenen Ideen und viel Einsatz einbringen.“ Für Reinke ist genau das der eigentliche Kern des Stadtfests.
„Es ist beeindruckend zu sehen, wie friedlich hier jedes Jahr gefeiert wird. Wenn sich pro Tag über 100.000 Menschen durch die Innenstadt bewegen und gleichzeitig so viele Ehrenamtliche mithelfen, ist das alles andere als selbstverständlich. Darauf können wir als Stadt wirklich stolz sein.“
Das Jubiläum überrascht
Zum Jubiläum „50 Sommer Wir“ geht das Stadtfest deshalb bewusst neue Wege. Gemeinsam mit dem Oldenburgischen Staatstheater entsteht ein dreitägiges Programm auf dem Schlossplatz mit Comedy, Musical und Oper. „Uns war wichtig, nicht einfach das Stadtfest zu kopieren, sondern bewusst etwas Neues zu schaffen. Deshalb haben wir drei besondere Kulturangebote entwickelt, die das bestehende Programm sinnvoll ergänzen.“
Besonders freut sich Reinke auf die Oper unter freiem Himmel. „Das war schon lange ein persönlicher Traum. Von solchen Opernaufführungen kennt man großartige Beispiele aus München oder Berlin. Ich freue mich sehr, dass sich auch das Staatstheater für die Idee begeistern konnte.“ Vor der historischen Kulissen des Schlosses wartet also ein dreitägiges Kulturspektakel unter freiem Himmel - passenderweise für 50,- Euro pro Veranstaltung.

Improvisation gehört dazu
Wie das Stadtfest in zehn Jahren aussehen wird, möchte Reinke nicht vorhersagen. „Das ist fast ein Blick in die Glaskugel. Wenn wir in den vergangenen Jahren eines gelernt haben, dann, dass wir ständig improvisieren und uns an neue Entwicklungen anpassen müssen.“ Die Innenstadt verändere sich, die Musikszene entwickle sich weiter und auch das Freizeitverhalten der Menschen bleibe nicht stehen. Darauf müsse das Stadtfest reagieren, ohne seine Identität zu verlieren.
Trotz vieler kleiner Veränderungen bleibt eines am Ende immer gleich: „Ich freue mich ehrlich gesagt immer über gutes Wetter. An warmen Sommerabenden fühlt sich die Innenstadt fast ein wenig wie eine Piazza in Südeuropa an. Gerade rund um den Schlossplatz entsteht dann eine großartige Stimmung.“

Und wenn am Donnerstag um 17 Uhr schließlich alles läuft? Dann beginnt für den Organisator fast schon der entspannte Teil. „Dann freue ich mich vor allem darüber, wenn ich einmal in Ruhe über das Gelände gehen kann und mein Handy möglichst selten klingelt“ - was dann allerdings nur selten in Erfüllung geht.
Vielleicht ist genau das aber das Geheimnis des Oldenburger Stadtfests: Wer jedes Jahr dieselbe Strecke läuft, trifft vielleicht dieselben Menschen und ist glücklich damit. Wer sich dagegen treiben lässt, von einer Bühne zur nächsten, entdeckt immer wieder Neues. Oder, wie Reinke Haar es formuliert: „Man kann an einem Ort bleiben, man kann aber jederzeit auch weitergehen und etwas Neues entdecken. Jeder soll das Stadtfest so erleben, wie es ihr oder ihm am meisten Freude macht. Wer sich aber einmal bewusst treiben lässt, entdeckt oft Seiten des Stadtfests, die er vorher gar nicht kannte.“ Und mit diesen neuen Eindrücken wir aus dem Fest ganz schnell ein Festival.




