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MUSEUM FATIGUE: GÄHNEN ERLAUBT

  • vor 4 Stunden
  • 7 Min. Lesezeit

Museen können uns einiges abverlangen. Die pure Anzahl an Exponaten und Artefakten kann uns bereits überfordern. Aber da ist ja noch mehr: Die Hintergründe zu den Werken und Funden, deren historische und gesellschaftliche Einordnung und die Lehren, die wir aus alledem ziehen sollen. Kein Wunder, dass viele von uns müde werden, wenn sie durch die Korridore wandern. Doch was bedeutet das? Präsentieren wie falsch? Liegt es an uns? Oder gibt es andere Gründe? Wir haben uns ungehört.



Müdes Kind im Museum, ein Vorbote der Museum Fatigue?
Keinen Bock mehr: Auch die spannendsten Ausstellungen können uns überfordern. Wie lässt sich das vermeiden? Die Oldenburger Szene hat ihre Strategien. (Bild: Kulturschnack)

Was fühlt man in einem Museum? Einfach Frage, komplexe Antwort. Für viele ist es ein Ort der Begegnung und der Auseinandersetzung, des Entdeckens und des Staunens. Manche fühlen dort sogar Aufregung und Begeisterung. Für andere wiederum sind Museen nichts von alledem, sondern vielmehr Orte der Ermüdung und Erschöpfung, Schon beim Betreten fühlen sich sich seltsam ermattet, das erste Gähnen lässt nicht lange auf sich warten. Und seien wir ehrlich: selbst die größten Museums-Enthusiast:innen durchlaufen bei ihren Besuchen meist mehrere Phasen - und landen nach der Begeisterung ebenfalls bei der Ermüdung.


Was bedeutet das? Begegnen wir den Artefakten und Exponaten nicht mit der gebührenden Aufmerksamkeit und Wertschätzung? Stimmt mit unserer Kultur-Ausdauer etwas nicht? Müssen wir einfach mal in ein Ausstellungs-Trainingslager? Oder ist die „Museum Fatigue“ - die Museumserschöpfung - vielmehr alles ganz normal und ein unvermeidbarer Teil eines Besuchs? Wir haben uns in der Oldenburger Museumsszene umgehört -und beruhigende Antworten bekommen.



Dr. Jutta Moster-Hoos, Dr. Ursula Warnke und Dr. Anna Heinze, Museums-Leiterinnen aus Oldenburg

Gähnen ist erlaubt


Da steht man nun vor diesem bedeutenden Gemälde. Es ist völlig klar, dass man gerade etwas Wichtiges sieht. Etwas, das man wertschätzen und dem man mit voller Aufmerksamkeit begegnen sollte. Und doch spürt man eine zunehmende innere Erschöpfung. Müdigkeit breitet sich in Kopf und Körper aus. Und man stellt sich die inuitiv die Frage: Darf man im Museum gähnen?


„Ja natürlich!“, antwortet Dr. Ursula Warnke, Leiterin des Landesmuseums Natur und Mensch voller Überzeugung. Dr. Anna Heinze vom Landesmuseum Kunst & Kultur sieht das vermeintlich ungebührliche Verhalten sogar positiv: „Ist Gähnen nicht auch ein Zeichen von Entspannung?“ Und Dr. Jutta Moster-Hoos, Leiterin des Horst-Janssen-Museums, liefert gleich eine physiologische Erklärung mit: Gähnen fördere die Sauerstoffaufnahme. Nur eines sei wichtig: „Ich finde es immer gut, sich dabei den Handrücken vor den offenen Mund zu halten.“


Die drei Museumsleiterinnen nehmen das Thema also mit Humor. Dahinter steckt aber eine ernsthafte Botschaft: Ein Museumsbesuch muss nicht bedeuten, über Stunden konzentriert von einem Exponat zum nächsten zu gehen. Im Gegenteil. Wer die eigene Aufmerksamkeit ernst nimmt, kann mehr aus dem Besuch mitnehmen.



Gähnen in der Ausstellung

Was ist Museum Fatigue?


Museum Fatigue bezeichnet die körperliche und geistige Ermüdung, die während eines längeren Museums- oder Ausstellungsbesuchs auftreten kann. Woher er kommt, seit wann es ihn gibt und ob das tatsächlich medizinisch fundiert ist? Verraten wir euch hier.


Schlafende Menschen vor dem British Museum in London, Opfer der Museum Fatigue
Game over: Erschöpfte Gäste nach einem Besuch des - tatsächlich überwältigenden - British Museum in London. (Bild: By Jeremy Weate - CC BY 2.0)

Der Begriff geht auf die Museumsforschung des frühen 20. Jahrhunderts zurück: Bereits 1916 untersuchte Benjamin Ives Gilman, vom Boston Museum of Fine Arts, wie sich die Anordnung der Ausstellungsstücke auf das Interesse der Besucher:innen auswirkt. Spätere Beobachtungen von Edward Robinson und Arthur Melton zeigten unter anderem, dass die Verweildauer vor einzelnen Objekten mit zunehmender Zahl betrachteter Exponate tendenziell abnimmt. Verschiedene Forschungen knüpften daran an und untersuchten, wie Faktoren wie die Menge der Exponate, Informationsfülle, Raumgestaltung, körperliche Ermüdung und individuelle Interessen das Museumserlebnis beeinflussen.


Museum Fatigue ist dabei nicht als klar diagnostizierter medizinischer Zustand zu verstehen, sondern als Sammelbegriff für nachlassende Aufmerksamkeit und zunehmende Ermüdung im Verlauf eines Museumsbesuchs. Entscheidend ist zudem nicht allein die Zahl der Exponate: Auch die Gestaltung der Ausstellung, Sitzmöglichkeiten, Wegeführung, Abwechslung der Präsentationsformen und die Möglichkeit zu Pausen können beeinflussen, wie lange Besucherinnen und Besucher aufmerksam bleiben.




Weniger sehen, mehr entdecken


Eine zentrale Gemeinsamkeit der drei Expertinnen lautet deshalb: Weniger ist häufig mehr.

„Less is more!“, benennt Anna das längst zum Slogan gewordene Prinzip der bewussten Reduktion. Lieber ein Werk intensiv und bewusst ansehen, als möglichst viele Exponate nur zu „scannen“. Jutta empfiehlt ebenfalls, sich auf wenige Objekte zu konzentrieren.


Menschen betrachten ein Bild im Auguste in Oldenburg
Andächtiges Bewundern: Man sollte sich durchaus auf die Werke einlassen, sich selbst dabei aber nicht überfordern. (Bild: Kulturschnack(

Gerade vor einem meist ruhenden Kunstwerk könne man die eigene Aufmerksamkeitsspanne trainieren. Manche Details würden erst sichtbar, wenn man sich die nötige Zeit nehme. Und dann könne man sich „diebisch“ über eine Entdeckung freuen, die den meisten anderen entgeht. Auch Ursula rät dazu, sich nicht vorzunehmen, möglichst alles gesehen zu haben. Ihr Rezept lautet: „Weniger ist häufig mehr. Und dann: wiederkommen!“


Damit wenden sich die drei Museumsleiterinnen gegen eine verbreitete Vorstellung vom Museumsbesuch: die Ausstellung möglichst vollständig „abarbeiten“ zu müssen. Gerade die Angst, etwas zu verpassen, kann laut Anna dazu führen, dass Besucher:innen Werke nur oberflächlich betrachten. Ihr Tipp: Nicht versuchen, alles zu sehen, sondern sich zunächst von der eigenen Neugier leiten lassen.


Wer einen Ausstellungsraum betritt, kann ihn erst einmal überblicken und dann auf das Werk zugehen, das ihn intuitiv am stärksten anzieht. Warum gerade dieses? Was fällt auf? Was gefällt oder irritiert? Bei Bildern könne man auch versuchen, im Kopf eine kleine Bildbeschreibung zu formulieren, schlägt Anna vor. Wer in Worte fasst, was er sieht, entdeckt häufig Details, die sonst verborgen geblieben wären.



Abwechslung gegen Ermüdung


Doch Museum Fatigue entsteht nicht allein durch die schiere Menge der Exponate. Auch die Gestaltung einer Ausstellung kann darüber entscheiden, wie lange die Aufmerksamkeit hält. Ursulas „Zauberwort“ heißt Abwechslung. Jutta nennt eine klare Wegeführung, kurze Texte und einen Ausstellungsparcours, der nicht gleichförmig, sondern „vielgestaltig“ ist. Unterschiedliche Eindrücke und Präsentationsformen können dabei helfen, die Aufmerksamkeit immer wieder neu zu aktivieren.



Genial: Im Utrechter Stadtarchiv wird Geschichte anhand animierter Figuren erzählt, die durch die Ausstellungsräume zu laufen scheinen. (Video: Kulturschnack)

Auch interaktive Angebote können eine Rolle spielen. Ursula misst ihnen „eine große Rolle“ bei, schränkt aber ein: Interaktivität allein sei nicht alles. Die Exponate selbst blieben etwas Besonderes. Jutta formuliert es etwas nüchterner: Interaktive Angebote seien „nicht schlecht, wenn sie funktionieren“. Andernfalls könnten sie schnell zur Frustquelle werden.


Eine besonders erfolgreiche Form der Aufmerksamkeit erlebt die langjährige Leiterin des Horst-Janssen-Museums zuletzt im eigenen Haus. Sie führt den Erfolg der Ausstellung „Randnotizen“ mit Arbeiten des Künstlers Christoph Niemann unter anderem auf deren Humor und Alltagsnähe zurück. Niemann berichte aus seiner manchmal herausfordernden Normalität, blicke liebevoll auf menschliche Schwächen und sorge mit seinen Arbeiten für

Aha-Erlebnisse. „Das müsste öfter so sein“, findet Jutta. Das zeigt: Aufmerksamkeit muss nicht zwangsläufig durch möglichst viele digitale oder interaktive Reize erzeugt werden. Auch Humor, Wiedererkennung und emotionale Nähe können Besucher:innen länger bei einem Werk halten.



Erstmal Pause machen


Und was, wenn trotzdem die Luft raus ist? Dann hilft: Pause. Sitzgelegenheiten und Aufenthaltsbereiche sind für alle drei Museumsleiterinnen ein wichtiger Bestandteil eines gelungenen Museumsbesuchs. Für Anna gehört die Aufenthaltsqualität zu einem ganzheitlich gedachten Museumserlebnis. Jutta nennt Sitzmöbel und Pausenbereiche sogar „wahnsinnig wichtig“. Auch ein Café spiele eine zentrale Rolle: Dort könne ein Ausstellungsbesuch angenehm ausklingen und anschließend noch ein wenig „nachhallen“.



  • Horst-Janssen-Museum
  • Museum of Modern Art, New York

Teil des Besuchs: Der Kaffee nach dem Rundgang ist der ideale Moment, um die Eindrücke nachhallen zu lassen. (Bild: Horst-Janssen-Museum, Kulturschnack)


Ursula hat für Überforderungsmomente einen besonders konkreten Rat: Im Landesmuseum Natur und Mensch können Besucherinnen und Besucher erst einmal einen Kaffee oder Wasser trinken, in einer Sitzecke im Open Space lesen oder das WLAN nutzen. Kinder können in der Spielecke spielen, während die Erwachsenen zur Ruhe kommen oder einfach beobachten. Danach kann es zurück in die Ausstellung gehen – oder bei schönem Wetter hinaus zu den Mitmachstationen im Eversten Holz. Das Museum endet damit nicht zwangsläufig an der Ausstellungstür. Bewegung, Gespräch, Essen, Trinken und Erholung können Teil des Erlebnisses sein.



Den Druck rausnehmen


Besonders bei großen Häusern kann die schiere Menge schnell einschüchtern. Jutta empfiehlt deshalb, sich bereits vor dem Besuch zu überlegen, was man sich tatsächlich zutraut. Im Louvre etwa würde sie höchstens eine oder zwei Abteilungen auswählen. Bei einem unbekannten Museum könne man zunächst fragen: Wie viele Räume gibt es? Wie viele Exponate umfasst die Ausstellung? Anschließend könne man eine bewusste Auswahl treffen. Auch das nimmt Druck heraus. Wer weiß, dass er nicht alles sehen muss, kann sich leichter auf das konzentrieren, was ihn tatsächlich interessiert.



Blick auf die Mona Lisa im Pariser Louvre
Will man? Muss man? Beim Museumsbesuch sollte man seinen eigenen Gedanken vertrauen - auch wenn es um die Mona Lisa im Louvre geht. (Bild: Brittany Chastagnier/Unspalsh)

Dabei bleibt die Frage, wie Museen Menschen erreichen können, die bislang wenig Vorwissen mitbringen. Ursula räumt ein: „Das ist nicht leicht.“ Das Landesmuseum Natur und Mensch arbeite an verschiedenen Wegen, um unterschiedliche Besuchergruppen besser anzusprechen. Auch hier geht es letztlich um die Frage, wie hoch die Einstiegshürde sein darf, damit Neugier nicht in Überforderung umschlägt.


Audioguides, Apps und digitale Zusatzinformationen bieten eine weitere Möglichkeit, Museumsinhalte zugänglich zu machen. Für Ursula bereichern sie das Erlebnis und können Informationen beispielsweise durch zusätzliche Bilder erweitern. Jutta sieht den Einsatz differenzierter. Sie persönlich höre nicht besonders gerne etwas über Kopfhörer, wenn sie mit einer anderen Person im Museum unterwegs sei – schließlich wolle sie sich direkt austauschen. Allein greife sie dagegen manchmal zum Audioguide. Auch hier gibt es also kein Patentrezept. Was den einen Besucher tiefer in eine Ausstellung eintauchen lässt, kann den anderen eher vom eigenen Erleben oder vom Gespräch abhalten.



Kein FOMO im Museum


Vielleicht liegt darin die wichtigste Antwort auf die Museum Fatigue: Ein guter Museumsbesuch muss nicht möglichst viel in möglichst kurzer Zeit bieten. Er darf Pausen haben, Umwege, Gespräche und sogar ein Gähnen.


Müder Junge in einem belgischen Museum, ein Vorbote der Museum Fatigue?
Danke, reicht jetzt: Irgendwann ist immer der Ofen aus, bei den einen eher, bei den anderen später. Und genau das ist völlig in Ordnung. (Bild: Kulturschnack)

Die drei Oldenburger Museumsleiterinnen empfehlen unterschiedliche Mittel – Abwechslung, Humor, klare Wege, kurze Texte, Interaktivität, digitale Ergänzungen, Sitzgelegenheiten und vor allem die bewusste Auswahl. Im Kern verfolgen sie jedoch ein ähnliches Prinzip: Nicht die Menge zählt, sondern die Qualität der Begegnung mit dem einzelnen Objekt. Deshalb wäre FOMO - Fear of missing out - hier völlig unangebracht. Alle gehen ihren eigenen Weg. Und wer etwas verpasst? Kommt einfach wieder.


Wer nach zwei Stunden nur noch an die nächsten Ausstellungsräume denkt, hat vielleicht zu viel gewollt. Wer dagegen ein einziges Werk gefunden hat, das ihn noch auf dem Heimweg beschäftigt, hat möglicherweise genau das richtige Maß gefunden.

Und wer trotzdem gähnen muss? Darf das. Solange der Handrücken vor dem Mund ist.

 

 
 
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