DIE KUNST DER GERECHTIGKEIT
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Ein Wort, von dem man glaubt, seine Bedeutung nur allzu genau zu kennen, bis man wirklich anfängt, darüber nachzudenken - Gerechtigkeit. Was verbirgt sich hinter dem Begriff, wie können wir gewährleisten, dass diese jedem von uns wirklich zuteil wird und in welchem Kontext kann Kultur einen Beitrag hierzu leisten? Diesen Fragen geht das Sozialgericht Oldenburg, das seine Türen ohnehin seit Jahren der Kunst öffnet, im Rahmen der Woche der Gerechtigkeit genauer auf den Grund.

Zurück geht diese auf eine Initiative des niedersächsischen Justizministeriums aus dem Jahre 2024 - im Rahmen des damaligen 75-jährigen Grundgesetzjubiläums. Wie schon in der Vergangenheit finden deshalb nun auch in diesem Jahr vom 31. August bis zum 06. September im ganzen Bundesland an zahlreichen Standorten Aktionen und Veranstaltungen rund um das titelgebende Thema statt. So beteiligt sich das Oldenburger Sozialgericht im altehrwürdigen Elisabeth-Anna-Palais am Schlossgarten nicht nur mit Führungen für Schülerinnen und Schüler sondern am 02. September um 19 Uhr - passenderweise - mit einem Werkstattgespräch zu „Der Process" von Franz Kafka. Bürgerinnen und Bürger sollen dabei nicht nur einen hautnahen Einblick in die tägliche Arbeit und Herausforderungen der jeweiligen Institutionen erhalten, sondern diese am Ende auch als die öffentlichen und vor allem transparenten Orte begreifen, die sie tatsächlich sind.

„Das ist uns auch nochmal wichtig zu betonen: ein Gericht, wie das unsere, ist ein Gebäude des Landes Niedersachsen, das letztlich von uns Steuerzahlenden finanziert wird. [...] Wir möchten der Öffentlichkeit durch solche Gelegenheiten etwas zurückgeben und laden die Menschen deshalb regelmäßig in den Abendstunden in unsere schönen Räumlichkeiten zu gemeinnützigen, kulturellen Veranstaltungen ein", erzählt Wulf Sonnemann, Direktor des Oldenburger Sozialgerichtes, im Gespräch. In einer Kooperation mit dem Oldenburgischen Staatstheater sowie dem Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (kurz: BKGE) entstand vor diesem Hintergrund eine Auseinandersetzung mit einem Stück Weltliteratur, das sich bis heute bestens als mahnendes Beispiel eignet und dabei vor allem den immensen Wert unserer Rechtsstaatlichkeit unterstreicht. Denn in Kafkas Roman wird der Protagonist Josef K. Opfer eines nebulösen Systems aus undurchsichtigen Regeln, anonymen Entscheidungsträgern und einer scheinbar völlig wahllosen Anklage.
Kunst trifft Recht
In einer Zeit, in der sicher geglaubte, demokratische Grundpfeiler überall auf der Welt ins Wanken geraten, sind Veranstaltungen wie diese also nicht nur interessantes Kulturprogramm, sondern ebenso ein Bekenntnis zum Glauben an eine wehrhafte Demokratie. Die Besucherinnen und Besucher erwartet an diesem Abend ein Mix aus Lesung, Vortrag und Diskurs. Während Konstantin Gries, Ensemblemitglied am Oldenburgischen Staatstheater, ausgewählte Passagen aus „Der Process" liest, ordnet Dr. Ekkehard W. Haring als wissenschaftlicher Mitarbeiter des BKGE das Leben von Kafka ein und erläutert in diesem Zuge auch die Entstehungsgeschichte des Werks. Zum Abschluss schlägt dann Dr. Ingmarie Wachsmuth als Vorsitzende Richterin des Schwurgerichts am Landgericht Verden den Bogen zur juristischen Praxis und zeigt, wie der moderne Rechtsstaat dafür sorgt, dass Verfahren eben nicht so verlaufen wie im Falle des Josef K.

„Wir als Justiz, die einzelnen unabhängigen Richterinnen und Richter, machen keine Politik. Aber wir haben eine Aufgabe nach dem Grundgesetz, die wir auch wahrnehmen. Wenn wir merken, dass es Bestrebungen gibt, von wem auch immer, den Rechtsstaat zu schwächen, dann denke ich - das ist meine persönliche Meinung - ist es schon auch unsere Aufgabe als Richterinnen und Richter, standhaft zu bleiben", zeigt sich Sonnemann hierbei überzeugt. Für das Sozialgericht ist ein solches Zusammentreffen dieser beiden Welten jedoch nichts Neues, da man mit der AG Kunst der Oldenburgischen Landschaft bereits seit Jahrzehnten erfolgreich die Reihe „Kunst trifft Recht" in den Räumlichkeiten des Elisabeth-Anna-Palais umsetzt. Im Rhythmus von drei Monaten erhalten regionale Künstlerinnen und Künstler dabei die Möglichkeit, im Gebäude ihre Arbeiten auszustellen, darunter beispielsweise Kerstin Kramer oder Lars Unger über die auch wir berichteten:
Faktor Menschlichkeit
Auf den ersten Blick mag man sich fragen, was Kunst und Kulturveranstaltungen überhaupt in einem Gericht zu suchen haben. Schließlich liegt die vordergründige Aufgabe einer solchen Institution darin, einzig und allein Entscheidungen zu treffen, die sich streng an Gesetzen und sonstigen Verfahrensordnungen orientieren. Doch gerade solche Räume den positiven, kreativen Werten der Kultur zu öffnen und alle dazu einzuladen, diese zu entdecken, verändert die vorherrschende Atmosphäre nachhaltig. Denn aus einem Ort, an dem für viele im Laufe eines Verfahrens Unsicherheit herrscht, wird auf diese Art und Weise ein Ort, der signalisieren möchte, dass die Menschlichkeit miteinander an erster Stelle stehen sollte.

„Es macht für keine unserer Entscheidung einen Unterschied, ob draußen ein Bild hängt oder nicht. [...] Aber trotzdem glaube ich schon, dass es für die Kläger, die auf ihren Termin warten, einen Unterschied macht und sei es am Ende nur eine willkommene Ablenkung", betont Julia Lobschat, Richterin und Pressesprecherin des Sozialgerichts. „Und auch wir sind letztlich keine Maschinen oder Fließbandarbeiter, sondern das alles hat auch immer eine menschliche Komponente. Wir sind zwar an Recht und Gesetz gebunden, aber wir möchten gerne, dass alle Klagenden das Gefühl mitnehmen, dass sich die Richterinnen und Richter Gedanken gemacht haben - egal ob sie am Ende ihren Prozess gewinnen oder verlieren. Sie sollen merken, dass dort Menschen sitzen, keine Automaten, die das individuelle Anliegen verstehen und nachvollziehbar im Prozess bearbeiten. Die Kultur hilft uns, die Öffentlichkeit zu erreichen und ihr genau diesen Eindruck vermitteln zu können. Das geht in dem Zusammenwirken von Kultur und Justiz wunderbar", so Sonnemann.
Das sehen wir ganz ähnlich!
Hier findet ihr das vollständige Programm zur Woche der Gerechtigkeit.




