top of page

WENN BLEISTIFTE FLIEGEN LERNEN

  • Autorenbild: Kathleen Löwe
    Kathleen Löwe
  • vor 1 Tag
  • 6 Min. Lesezeit

Was haben ein Spiegelei, ein Gorilla und die Skyline von New York gemeinsam? Auf den ersten Blick: nichts. Auf den zweiten: Sie alle sind Teil der künstlerischen Welt von Christoph Niemann, die noch bis zum 17. Mai 2026 kostenfrei im Horst-Janssen-Museum zu entdecken ist. Eine Ausstellung, die zeigt, was Zeichnung alles kann und dabei so zugänglich ist, dass man am liebsten selbst zum Stift greifen möchte.


Es braucht nicht immer viel, um ein wirkungsstarkes Bild zu kreieren - wie Christoph Niemanns Stiftskizzen beweisen. (Bilder: Christoph Niemann)
Es braucht nicht immer viel, um ein wirkungsstarkes Bild zu kreieren - wie Christoph Niemanns Stiftskizzen beweisen. (Bilder: Christoph Niemann)

Seit 2023 leuchtet sie weithin sichtbar: die 50 Meter lange Fassadengestaltung „Current Lines“ von Christoph Niemann am Horst-Janssen-Museum. Was viele nicht wissen: Die ersten Skizzen dazu entstanden spontan auf einer Zugfahrt – so erfährt man es in der Ausstellung. Nun, pünktlich zum 25. Jubiläum des Museums, ist Niemanns Kunst endlich auch im Haus zu sehen. Dabei war genau das der ursprüngliche Plan: eine große Werkschau. Die monumentale Fassadenkunst kam eher spontan dazu.



Von der Zugskizze zur 50-Meter-Leinwand: Current Lines verbindet das Horst-Janssen-Museum seit 2023 sichtbar mit der Stadt. (Bild: Andrey Gradetchliev)
Von der Zugskizze zur 50-Meter-Leinwand: Current Lines verbindet das Horst-Janssen-Museum seit 2023 sichtbar mit der Stadt. (Bild: Andrey Gradetchliev)

„Mit seiner Kunst passt er ideal zu unserem Credo der Zeichenkunst bis heute“, sagt Museumsleiterin Dr. Jutta Moster-Hoos. Tatsächlich ist das Horst-Janssen-Museum längst mehr als nur ein Ort für die Werke seines Namensgebers. Hier wird Zeichnung als lebendige, zeitgenössische Kunstform gefeiert – von Horst Janssen (1929–1995) bis in die Gegenwart. Christoph Niemann ist aktuell einer ihrer prominentesten Vertreter.



CHRISTOPH NIEMANN: RANDNOTIZEN


15 NOVEMBER 2025 - 17. MAI 2026


HORST-JANSSEN-MUSEUM

26122 OLDENBURG


EINTRITT: FREI



Wer ist Christoph Niemann?


Bereit für den nächsten Pinselstrich: Christoph Niemann arbeitet sowohl analog als auch digital. (Bild: Matthew Priestley)
Bereit für den nächsten Pinselstrich: Christoph Niemann arbeitet sowohl analog als auch digital. (Bild: Matthew Priestley)

1970 in Waiblingen geboren, studierte er bei Heinz Edelmann – ja, genau, dem Mann hinter dem „Yellow Submarine“-Design der Beatles – an der Stuttgarter Kunstakademie. Was folgte, war eine Karriere, die ihn über New York zurück nach Berlin führte und zu einem der gefragtesten Illustratoren der Welt machte.

„The New Yorker“ beauftragt ihn regelmäßig für Titelbilder, über eine Million Menschen folgen ihm auf Instagram, und Netflix widmete ihm eine Episode der Serie „Abstract: The Art of Design“. Doch das Beeindruckendste an Niemanns Karriere sind vielleicht die ungewöhnlichen Momente: Er zeichnete live von der Kunstbiennale in Venedig, von den Olympischen Spielen in London und skizzierte den New York City Marathon (während er ihn lief!). Diese Mischung aus Spontaneität und Präzision durchzieht sein gesamtes Werk.



„The New Yorker“ als Bühne


Ein Cover für den „New Yorker“ zu gestalten, ist der Traum vieler Illustrator:innen. Das liegt an der langen Geschichte des Magazins und an seiner besonderen Rolle: Seit der Gründung 1925 stehen die Titelbilder für kluge Beobachtungen, feinen Humor und visuelle Kommentare zum Zeitgeschehen. Künstler wie Saul Steinberg (1914–1999) haben diese Tradition geprägt und tun es bis heute.


Eines von vielen: Christoph Niemann ist ein Cover-Stammgast. (Bild: Christoph Niemann, The New Yorker Archive)
Eines von vielen: Christoph Niemann ist ein Cover-Stammgast. (Bild: Christoph Niemann, The New Yorker Archive)

Christoph Niemanns erstes Cover erschien am 9. Juli 2001 – zufällig an seinem Hochzeitstag. Seitdem folgten viele weitere, allein 2023 gleich zwei. Auf einem davon liegt die Erde in einer Mikrowelle: oben noch blass, unten bereits glühend orange. Die Metapher ist brutal einfach. Wir erhitzen den Planeten wie ein Fertiggericht. „In meiner Vorstellung geschehen Katastrophen mit einem Knall“, sagt Niemann. „Aber diese Situation entwickelt sich gerade – wie vor dem Einschlag eines Meteoriten.“


Auch zur Frage, ob Künstliche Intelligenz Künstler ersetzen kann, findet Niemann klare Bilder. Auf einem Cover hilft ein Roboter einem Künstler mit Schreibblockade und produziert am Ende nur einen riesigen Haufen Papiermüll. Für Niemann zählt nicht Perfektion, sondern die menschliche Intention. Seine Cover sind deshalb mehr als aktuelle Kommentare: Sie laden dazu ein, genauer hinzuschauen und selbst weiterzudenken.

 


Sieben Meter Kreativität


Ein besonderes Highlight der Ausstellung ist bereits beim Betreten nicht zu übersehen: die sieben Meter hohe Installation „Atelier“.


Chaotische Explosion: Christoph Niemann arbeitet stets an mindestens fünf Projekten. (Bild: Horst-Janssen-Museum)
Chaotische Explosion: Christoph Niemann arbeitet stets an mindestens fünf Projekten. (Bild: Horst-Janssen-Museum)

Ein Schreibtisch mit Zeichenutensilien, als wäre Niemann gerade nur kurz aufgestanden. Doch von dort aus explodiert das kreative Chaos förmlich: Zeichnungen, Skizzen, Entwürfe ranken sich zwei Etagen hoch bis zur Decke. Eine Hand ragt aus dem Rahmen, daneben eine Laokoon-ähnliche Figur, die wir an anderer Stelle in den Reisezeichnungen wiederentdecken. Weiter rechts fällt ein Geodreieck ins Auge, das den perfekten Übergang zur Wandfarbe markiert.


„Ich arbeite fast immer an mindestens fünf Projekten gleichzeitig“, verrät Niemann. „Das Ziel ist, immer irgendwie Ordnung auf dem Papier zu schaffen. Um das zu erreichen, muss ich akzeptieren, dass es auf dem Schreibtisch (und im Kopf) bisweilen etwas chaotisch zu geht.“ Diese Installation macht den kreativen Prozess sichtbar und sie nimmt dem künstlerischen Schaffen etwas von seiner vermeintlichen Unerreichbarkeit.

 

 

Wenn Alltägliches überrascht


Über zwei Ebenen entfaltet sich also Niemanns Werk in seiner ganzen Bandbreite. Da sind die berühmten „Sunday Sketches“ – jene Serie, in der ein Alltagsgegenstand durch wenige gezeichnete Striche plötzlich zu etwas völlig anderem wird.


Ähnlich funktionieren die „Photo Drawings“. Niemann fotografiert auf Reisen Orte und Dinge, um sie dann mit originellen Einfällen umzudeuten oder zu erweitern. Wenn Niemann unterwegs ist, sieht er überall Figuren: in kleinen Objekten, in Ruinen, in kargen Landschaften. Ein paar gezeichnete Striche und plötzlich haben Feuermelder Gesichter und Trümmer Bewohner. Hinzu kommen Tuschezeichnungen mit reduzierten Strichen, malerische Linolschnitte der ZOO-Serie – Niemanns Bandbreite ist enorm.



Wenn Niemann auf Reisen geht, sieht er überall Figuren. Die Photo Drawings erschaffen aus Alltäglichem neue Geschichten. (Bild: Horst-Janssen-Museum)
Wenn Niemann auf Reisen geht, sieht er überall Figuren. Die Photo Drawings erschaffen aus Alltäglichem neue Geschichten. (Bild: Horst-Janssen-Museum)

 

Ehrliche Zweifel


Die Ausstellung zeigt jedoch nicht nur strahlende Erfolge. Auf einer Wand macht Niemann seine Selbstzweifel sichtbar: „Ich bin nicht gut genug“, „Meine Arbeit ist irrelevant und ich bin bald pleite“, „Ich habe keine Ideen mehr“ – Sätze, die wohl jede kreativ arbeitende Person kennt. „Die größte Erkenntnis, die ich über die Jahre gewonnen habe, ist: Man kann nichts erzwingen“, sagt Niemann. „Man kann nur gute Rahmenbedingungen schaffen und dann versuchen, sich mit kleinen Schritten guter Arbeit zu nähern.“


Niemann träumt von einer Leichtigkeit, mit der er ins Atelier kommt, Papier und Stift zur Hand nimmt und alles fließen lässt – ohne Angst vor falschen Linien. Ob er diesen Zustand je erreichen wird, weiß er nicht. Sicher ist für ihn nur, dass Stillstand keine Option ist. Seit vielen Jahren ist ihm bewusst, dass er sich über das Analoge hinaus weiterentwickeln muss und sich dem Digitalen nicht verschließen möchte. Gerade diese Offenheit macht den erfolgreichen Illustrator nahbar und seine Ausstellung zu mehr als nur einer klassischen Werkschau.


 

Zum Mitmachen gedacht


Das Horst-Janssen-Museum hat die Ausstellung und das reiche Begleitprogramm bewusst interaktiv gestaltet. Kinder – und vermutlich auch viele Erwachsene – können die Apps „Chomp“ und „Petting Zoo“ auf Tablets ausprobieren. Über die Kamerafunktion lässt sich dabei tatsächlich in Niemanns Zeichenwelt eintauchen und für einen Moment Teil davon werden. Besonders charmant: An der Kasse gibt es Kreativtaschen zum Ausleihen. Verschiedene Aufgaben laden zum Zeichnen, Kleben und Schreiben während des Rundgangs ein. Wer danach noch Lust hat, kann eine kostenlose Postkarte an Freunde oder Familie schreiben und über den Citipost-Briefkasten im Foyer verschicken. Neben all den vielen Messenger-Nachrichten und E-Mails jeden Tag eine schöne Abwechslung.

 


Niemann-Effekt: Im Gästebuch des Museums finden sich einige Besucherskizzen. (Bild: Kulturschnack)
Niemann-Effekt: Im Gästebuch des Museums finden sich einige Besucherskizzen. (Bild: Kulturschnack)

Und, lohnt es sich hinzugehen?


Oh ja. Besonders für alle, die glauben, Kunst sei kompliziert. Niemanns Werk zeigt: Die besten Ideen sind oft die einfachsten. Da ist etwa eine Fotoreihe mit Lego-Bausteinen, die mit etwas Vorstellungskraft plötzlich das auseinandergebaute Flatiron Building aus New York zeigen. Oder King Kong. Mit nur wenigen, gezielt eingesetzten Farben tut Niemann das, was Künstler bereits im frühen 20. Jahrhundert auf der Leinwand verfolgten: Formen auf ihr Wesentliches zu reduzieren. Dabei spielt Niemann bewusst mit unserem Vorwissen. Man muss das Flatiron Building kennen, um es wiederzuerkennen. Seine und unsere Erfahrungen treffen dann über das Bild aufeinander.


Faszinierend ist auch die Videoanimation einer Straße aus der Vogelperspektive mit Autos. Rechts und links zwei senkrechte Balken, die wie in dem bekannten Videospiel „Pong“ einen Ball hin und her bewegen. Manchmal kullert der Ball durch die Autoreihen, und es ist erstaunlich spannend zu beobachten, was als Nächstes passiert. Für Familien ist die Ausstellung ideal – Kinder sehen hier, dass Kreativität keine teuren Materialien braucht. Designer und Kreative lernen, wie man mit Selbstzweifeln und Einschränkungen umgeht. Und alle, die normalerweise mit Museen nicht viel anfangen können, werden hier nicht belehrt, sondern – im besten Fall – zum Schmunzeln gebracht.



Plötzlich sieht man ikonische Bauten aus New York oder Marilyn Monroe und King Kong in kleinen Legosteinen. (Bild: Kulturschnack)
Plötzlich sieht man ikonische Bauten aus New York oder Marilyn Monroe und King Kong in kleinen Legosteinen. (Bild: Kulturschnack)

„Christoph Niemanns Randnotizen ist eine Ausstellung zum Staunen über das, was Zeichnung alles kann“, sagt Museumsleiterin Jutta Moster-Hoos. Wir finden, das trifft es auf den Punkt. Denn was man hier lernt, geht über Kunstgeschichte hinaus. Dass Kreativität auch bedeutet, mit Chaos umzugehen. Dass große Ideen oft aus kleinen Beobachtungen entstehen – aus Legosteinen oder einem Ball, der sich seinen Weg durch vorbeifahrende Autos bahnt. Dass Zeichnen nicht perfekt sein muss, um hängen zu bleiben. Und dass es okay ist, sich dabei nicht allzu ernst zu nehmen.


Die Ausstellung erinnert uns wieder daran, wie viel Spaß es macht, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Stell dir vor, jemand baut aus ein paar bunten Legosteinen ein New Yorker Taxi nach und du erkennst es sofort. Genau darum geht's: Um die Kunst der Reduktion und um die Erkenntnis, dass große Ideen oft ganz klein anfangen.


Noch bis zum 17. Mai 2026 ist Gelegenheit sich all das anzusehen. In Workshops kann man sogar viele von Niemanns Techniken selbst ausprobieren: das Überzeichnen von Fotografien, das Animieren von Zeichnungen oder wie man generell an das Zeichnen und Abstrahieren herangeht, ohne dass einem die Ideen oder der Mut verlässt.

 
 
bottom of page