OLDENBURGER KUNSTVEREIN: DIE ZÄHMUNG
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Was BRAVO Foto-Love-Storys, Tiere in menschlichen Kontexten, Star-Wars-Filmstills und Privatfotos miteinander zu tun haben? Auf den ersten Blick erstaunlich wenig. Und doch gelingt es Babette Semmer in ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung im Oldenburger Kunstverein, diese heterogenen Bilderwelten in einen gemeinsamen gedanklichen Rahmen zu überführen und sie im besten Sinne „zu zähmen“.

Wenn wir neue Kunst für uns entdecken, durchlaufen wir einen immer gleichbleibenden Prozess: wir halten Ausschau nach Bezugspunkten zu unserer Lebenswirklichkeit. Welche Bilder, Motive oder Details kommen uns vertraut vor, welche sprechen uns förmlich an? Manchmal sind diese Anknüpfungsmöglichkeiten subtilerer Natur, beinahe verborgen und andere Male treten sie selbstbewusst, plakativ in den Vordergrund, um uns unmittelbar an die Hand zu nehmen. Es ist, als habe man die erste gemeinsame Verabredung mit einer anderen Person und nun entscheidet sich, inwiefern eine gegenseitige Sympathie füreinander vorliegt.
Den Arbeiten der Ausstellung „Die Zähmung“ von Babette Semmer, die aktuell im Oldenburger Kunstverein zu sehen sind, gelingt eine vielschichtige und trotzdem niedrigschwellige Zugänglichkeit. Innerhalb der Räumlichkeiten wird - im metaphorischen Sinne - eine Sprache gesprochen, die vielen von uns auch außerhalb des hochkulturellen Kontextes noch ein Begriff sein dürfte, weil sie Teil des kollektiven, popkulturellen Gedächtnisses ist. Denn für Babette Semmer beginnt alles mit bereits existierendem Bildmaterial, welches sie aus den unterschiedlichsten Quellen bezieht: aus Archiven, Foren, Filmen, privaten Schnappschüssen oder auch dem vereinzelten Einsatz generativer künstlicher Intelligenz. Aus dieser Grundlage isoliert sie einzelne Momente, manchmal kleinste Details, unscheinbare Randfiguren und überführt sie in ihre Malerei.
BABETTE SEMMER - DIE ZÄHMUNG
20. FEBRUAR 2026 - 10. MAI 2026
OLDENBURGER KUNSTVEREIN
26135 OLDENBURG
ÖFFNUNGSZEITEN & EINTRITTSPREISE UNTER:
WWW.OLDENBURGER-KUNSTVEREIN.DE
Die perfekte Imperfektion
Besonders einprägsam ist dabei eine Reihe, die sich der berühmten BRAVO Foto-Love-Story widmet, die viele Jahrzehnte als Rubrik der ikonischen Jugendzeitschrift Generationen von Teenagern begleitete. Dabei wirkt ihre malerische Verarbeitung der einzelnen Schnipsel dieser im Storyboard-Stil erzählten Geschichten wie der Blick durch das Milchglas der eigenen Erinnerungen an diese vergangenen Zeiten. Wir fragen uns, wer die Menschen wohl waren, was in dieser Situation vorher oder im Anschluss passierte. Mal stärkere, mal schwächere Verwischungen und Unschärfen tragen zu diesem Gefühl ebenso bei wie ihre bemerkenswerte Maltechnik. Ganz so, als würde sie die Eigenheiten der analogen Fotografie reproduzieren wollen, verleiht sie auch ihren Leinwänden durch eine Grundierung mit Sand, eine grobe Körnung wie wir sie eigentlich nur von Vintage Fotofilmen kennen. Längst erleben diese einen anhaltenden zweiten Frühling und können somit ebenfalls als popkulturelle Referenz begriffen werden.

Wie auch schon die damaligen BRAVO Love-Storys immer mit einer bewusst amateurhaften Anmutung einhergingen, scheint Semmer gezielt nach der Imperfektion in ihrer Arbeitsgrundlage zu suchen und sie wiederum in Perfektion malerisch transferieren zu wollen. Denn eine weitere Reihe der Ausstellung zeigt Tiere, die in gewisser Hinsicht immer unter menschlicher Gefangenschaft stehen. Mal ist es das Haustier, das Meerschweinchen im Käfig, mal das kleine Äffchen im Zoo oder auch Kühe, die im düsteren, beengten Stall gehalten werden. Wir meinen den Blitz in den Augen der Tiere aufleuchten zu sehen, überbelichtete Tiere, während der Raum um sie herum in der Dunkelheit zu verschwinden scheint und doch blicken wir eigentlich auf gemalte Bilder. Semmer scheint stets bereitwillig die Konsequenzen in Kauf zu nehmen, die mit bestimmten Aktionen innerhalb ihres Arbeitsprozesses einhergehen. Sie schneidet beispielsweise Fotodateien digital zu, um bestimmte Details in ihren Gemälden auf einer inhaltlichen Ebene hervorzuheben, während jedoch die letztliche Vorlage für das Werk im technischen Sinne zunehmend an Detail verliert, weil am Ende des Zuschnitts womöglich nur noch etwas sehr Verpixeltes übrig bleibt. Doch das hält Semmer keineswegs davon ab, diese Vorlage trotzdem exakt so in ihre Malerei zu übersetzen und dem Makel auf diese Weise die Krone aufzusetzen. Das, was vorher also als vermeintlich falsch oder schlecht betrachtet wurde, bleibt zwar im rein optischen Sinne erhalten, doch verleiht Semmer den Arbeiten mit jedem Pinselstrich das Siegel ihrer Kunst.
Dieser Ansatz, sich etwas Bestehendes anzueignen, indem man Fragmente daraus neu kontextualisiert, erinnert unweigerlich an die Technik des Samplings im Bereich der Musik. Auch dort wird ein einzelner Bestandteil, sei es ein Beat, Gesang oder ein anderes Instrument, eines bereits existierenden Songs aufgegriffen und als Grundlage für eine neue musikalische Kreation genutzt. Während jedoch beim Sampling das ursprüngliche Fragment tatsächlich erhalten und somit immer ein Teil des Ursprungs bleibt, erschafft Babette Semmer ihre Bildquelle von Grund auf neu. Die Gemeinsamkeit beider Ansätze liegt jedoch darin, kulturelle Referenzrahmen zu schaffen, anhand derer wir uns wiederum verorten können.
Die verbindenden Ebenen

Doch man mag sich nun zu Recht fragen, was Teenagerzimmer und eine Vielzahl an Tieren letztlich überhaupt miteinander verbindet und was hier eigentlich am Ende des Tages "gezähmt" wird? Für Semmer selbst kommen hier unterschiedliche Bedeutungsebenen zum Tragen. Da wären zum einen die Tierdarstellungen. Lebewesen, die sich in menschengemachten Kontexten wiederfinden. Mal zum Zwecke der Nutzung, mal zum Zwecke der Fürsorge und doch immer unter menschlicher Kontrolle. Aber allein mit dieser Erklärung würde man es sich an dieser Stelle zu einfach machen. Denn auch die Jugend und Pubertät, diese aufregende Zeit, die für so manches heranwachsende Kind zur rebellischen "Sturm & Drang"-Phase geriet, betrachten vermutlich viele rückblickend mit einer gewissen Wehmut. Sind wir alle als "Erwachsene" nur noch ein Schatten unserer ganz persönlichen BRAVO Love-Story? Zähmen nicht auch wir alle im weiteren Heranwachsen uns selbst? Unsere Gefühle? Vielleicht auch unsere Wünsche und Ambitionen? Wie viel Gutes steckt eigentlich darin, erwachsen zu sein oder manchmal wohl eher: zu wirken?
Und letztlich sei die Ausstellung als solche auch eine Zähmung unser aller Realität, die uns tagtäglich mit einer kaum zu bewältigenden Flut aus Bildmaterial überschwemmt, die wir weder verarbeiten noch wirklich begreifen können, der Semmer mit ihrer Arbeit jedoch in gewisser Hinsicht Einhalt gebietet und diese zumindest hinterfragen möchte. Eine Close-up Aufnahme des Schauspielers Adam Driver, ein einzelner Filmstill des Antagonisten Kylo Ren in Star Wars, im stetigen Ringen zwischen gut und böse, wird in „Die Zähmung“ zu einem großformatigen Porträt eines gezeichneten Mannes. Die malerische Übersetzung fixiert diesen winzigen Einzelmoment, der ansonsten von schnellen Schnittfolgen geprägt und binnen Sekunden wieder vergessen wäre in seiner eigentlichen Intensität. Auch die Werke, die auf privaten Fotografien basieren, halten den Moment fest und suchen die Schönheit im Banalen. Denn unmittelbar neben Adam Driver sehen wir die Nahaufnahme eines ebenso großformatig gemalten Rosa-Canina-Strauchs, dessen ursprüngliches Foto vermutlich im Wust unserer Smartphone-Fotogalerien oder externen Festplatten für immer in Vergessenheit geraten oder sogar gelöscht worden wäre.
Bei einzelnen der gezeigten Porträts handelt es sich sogar, so Semmer, um enge Freundinnen und auch die eigene Tochter „Marleen, mit Eis am Stiel“ (so der Titel der Arbeit) findet sich an einer Stelle. Unweigerlich überkommt einen das Gefühl, dass es gerade die Gemälde der Menschen ihres Privatlebens sind, die ihr an unterschiedlichsten Punkten der Ausstellung - zumindest symbolisch - den Rücken in einer Welt aus Zähmungen stärken. Hier wird mehr als deutlich bewiesen, dass anspruchsvolle Kunst nicht distanziert sein und versteckt liegen muss, um nachhaltig zu wirken.


