PLAKAT-KUNST: BITTE UM AUSHANG!
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So steht es auf manchen der Plakate, die jetzt im Oldenburger Schloss ausgestellt sind. Gefaltet, mit Briefmarke versehen, manchmal mit Tesafilm geklebt. Museen und Galerien schickten sich in den 1950er und 60er Jahren (und zum Teil bis heute) gegenseitig ihre Ausstellungsplakate zu – zur Werbung, zum Aushängen. Dass daraus einmal Sammlungsobjekte werden würden? Daran dachte damals niemand.

Doch genau das ist passiert. Was einst gefaltet durch die Post ging, hängt jetzt gerahmt an der Wand. Das Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg hat über die Jahre rund 3.000 solcher Plakate gesammelt. Jetzt, nach zwei Jahren Forschungsarbeit, zeigt es eine Auswahl davon – gemeinsam mit bekannten Werken der Künstler, die diese Plakate einst gestalteten.
Dabei wäre die Sammlung fast im Verborgenen geblieben. Jahrzehntelang schlummerten die Plakate im Museumsarchiv. Erst als das Prinzenpalais zwischen 2018 und 2020 saniert und das Archiv neu aufgestellt wurde, fiel auf: Das hier ist etwas ganz Besonderes. Was jahrzehntelang herumlag, entpuppte sich als Schatz. Aus Werbung wurde kulturelles Erbe.
Authentisch bis zum Tesastreifen
Das Spannende: Die Plakate wurden für die Ausstellung „Plakat - Kunst" nicht restauriert. Knicke, Falten, Tesafilm-Reste – alles bleibt sichtbar. „Wir haben uns entschieden, die Plakate genau so zu zeigen, mit all ihren Gebrauchsspuren", erklärt Kuratorin Runa König im Ausstellungsrundgang. Denn genau dafür waren sie gedacht: zum Gebrauchen.
Man sieht an den Plakaten, dass sie gereist sind, in Museumsfluren hingen, wieder abgenommen und weggelegt wurden. Diese Authentizität macht die Ausstellung besonders. Hier wird nichts glorifiziert – hier wird Geschichte sichtbar gemacht.
PLAKAT - KUNST AUS DEM LANDESMUSEUM OLDENBURG
31 JANUAR 2026 - 21 JUNI 2026
LANDESMUSEUM KUNST & KULTUR OLDENBURG
26122 OLDENBURG
EINTRITT: 9€ / 6€ ERMÄSSIGT
Jedes Plakat eine Nummer

Runa König und ihre Assistenz Marina Krause haben in den vergangenen zwei Jahren jeden einzelnen dieser Ausstellungshinweise sortiert, inventarisiert und digitalisiert. Was das bedeutet, wird greifbar, wenn man sich die Arbeit vorstellt: 10 bis 15 Plakate täglich, über viele Monate. Jedes einzelne angefasst, ausgemessen, fotografiert, beschriftet, recherchiert, eingeordnet.
Nun hat jedes Plakat eine eigene Inventarnummer, ist Teil der Sammlung Online (Suchbegriff: Ausstellungsplakat), gehört offiziell zum Bestand. Aus Werbematerial wurde also Kunst- und Kulturgeschichte.
Das Besondere: Viele dieser Plakate stammen von Künstlern, die heute längst einen großen Namen haben. Oskar Kokoschka, Emil Schumacher, Günter Fruhtrunk, Rupprecht Geiger – sie alle entwarfen Plakate für ihre eigenen Ausstellungen. Und das Landesmuseum besitzt obendrein nicht nur Plakate dieser bekannten Künstler, sondern auch einige ihrer Werke. Darunter Druckgrafiken, Gemälde und Skulpturen.
Kunst unter Freunden
Horst Janssen zum Beispiel, den viele aus dem gleichnamigen Museum in Oldenburg kennen, gestaltete nicht nur Plakate für seine eigenen Ausstellungen. Er entwarf sie auch für Freunde, wie den Galeristen Brockstedt in Hamburg.

Sie waren Nachbarn, eng befreundet. Janssen entwarf sogar Plakate für Klingenausstellungen und Jubiläen der Galerie. Ein Beispiel dafür, wie informell der Kunstbetrieb damals funktionierte: über Freundschaften, Netzwerke und gegenseitige Unterstützung.
Eine der eindrücklichsten Geschichten erzählt ein Plakat von HAP Grieshaber für die 1900-Jahre-Stadtfeier in Köln aus dem Jahr 1950. Köln war zu dieser Zeit „noch nicht wirklich aufgebaut", wie Runa König sagt. Aber man entschied sich trotzdem für eine Stadtfeier – als Signal, dass es weitergeht.
Grieshabers Plakat jubelt nicht. Es zeigt Ruinen, etwas Düsteres, fast Endzeitliches. Kein „Hurra!", sondern eine ehrliche Bestandsaufnahme. Ja, wir feiern, aber seht euch um: hier liegt noch alles in Trümmern. Genau diese Zerissenheit macht das Plakat so eindrucksvoll.
Der Aktionskünstler und der Priester
Dann ist da Arnulf Rainer. Ein österreichischer Künstler, der beim Malen mit Drogen und Alkohol experimentierte und unter diesem Einfluss auch seine Plakate entwarf. Klingt wild? War es auch.

Eines dieser Plakate machte er für die Galerie Großgörschen in Berlin. Eine Künstlergalerie, die in den 60er Jahren in einem Schöneberger Hinterhof von Künstlern gegründet wurde. DIY durch und durch. Ein anderes Plakat entwarf Rainer für eine Galerie in Wien. Und jetzt wird's interessant: Die Galerie nächst St. Stephan wurde von einem Priester, Monsignore Otto Mauer, gegründet. Ein katholischer Geistlicher, der einen radikalen Aktionskünstler förderte, der unter Drogeneinfluss malte. Wie passt das zusammen? Solche unerwarteten Allianzen gab es in der Kunstwelt öfter, als man denkt.
Spiritualität und Neuanfang
Auch Künstlergruppen tauchen auf den Plakaten immer wieder auf. Eine davon: ZEN 49. Der Name klingt rätselhaft und ist es auch ein bisschen. Die Gruppe gründete sich 1949 zunächst als „Gruppe der Gegenstandslosen". Ein Jahr später benannten sie sich um: ZEN 49.
Warum eigentlich ZEN? Tatsächlich kommt der Name aus dem Zen-Buddhismus. Nach dem Krieg suchten viele Künstler nach etwas Neuem – auch spirituell. Rupprecht Geiger, Fritz Winter, Ernst Wilhelm Nay gehörten dazu. Sie hatten keinen gemeinsamen Stil, aber einen gemeinsamen Wunsch: Neuanfang. Und irgendwie schien Buddha dabei zu helfen.
Künstler im Dialog mit sich selbst
Runa König hat sich gegen einen designhistorischen Ansatz entschieden – also gegen die Frage, wie sich Schriftarten oder Farbgebung über die Jahrzehnte verändert haben. Stattdessen bringt sie die Künstler mit sich selbst in den Dialog: Neben dem Plakat hängt das Kunstwerk. Fruhtrunk neben Fruhtrunk. Geiger neben Geiger.

Das führt zu spannenden Entdeckungen. Man sieht, wie ein Künstler sich selbst inszeniert, wie er seine Kunst fürs Plakat verdichtet. Günter Uecker zum Beispiel – international bekannt für seine Nagelbilder – zeigt sich hier von einer grafischen Seite. Dennoch bleibt er dem Dreidimensionalen treu: Er presst die Form einzelner Nägel in das Blatt Papier.
Doch warum eigentlich Nägel? Die Antwort liegt in Ueckers Kindheit auf der Ostseeinsel Wustrow. Als 1945 die Rote Armee kam, nagelte der 14-Jährige von innen Holzplatten vor alle Fenster und Türen, um seine Mutter und Schwestern zu schützen. „Man entkommt ihnen nicht, den Fängen seiner eigenen Geschichte", sagte er später.
Seit 1957 machte Uecker den Nagel zu seinem Markenzeichen. Er nagelte Leinwände, Möbel, ganze Räume. Die Nägel wurden zu Licht und Schatten, zu Strukturen, die sich je nach Standpunkt verändern. 1961 wurde er Mitglied der Künstlergruppe ZERO – der Nagel war seine Antwort auf die Frage, wie Kunst nach 1945 aussehen könnte.
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Die Plakate hängen, aber hängen sie auch zusammen?
Die Ausstellung, die den Abschluss einer langen Forschung markiert, ist eine beachtliche Arbeit und die Digitalisierung der Sammlung ein riesiger Schritt für die Wissenschaft. Die Geschichten hinter den Plakaten sind faszinierend. Dennoch bleibe ich, Kathleen, als Besucherin mit einem Fragezeichen zurück.
Möglicherweise fehlt mir eine klarere Antwort auf die Frage: Was sagt uns diese Sammlung über die Kunstwelt nach 1945? Über Netzwerke, über Sichtbarkeit, über die Vermarktung von Kunst? Über den Neuanfang in den Trümmern? Die Ausstellung scheint diese Geschichten nebeneinander zu stellen, ohne sie zusammenzuführen. Sie präsentiert, sie zeigt, sie stellt aus. Aber ob sie deutet? Das bleibt vielleicht bewusst offen – als Einladung, sich selbst Gedanken zu machen.
Hingehen?
Unbedingt! Allein die Begegnungen – Janssen und sein Galeristen-Freund, der Priester und der Aktionskünstler, die Stadtfeier in Ruinen – sind es wert durch den Bibliotheksflügel des Schlosses zu schlendern. Wer sich für Kunstgeschichte, Grafikdesign oder die oft übersehene Seite des Kunstbetriebs interessiert, findet hier viel zu entdecken. Die Online-Sammlung ist ein Schatz, in dem man stundenlang stöbern kann. Wenn es also damals hieß „Bitte um Aushang!", würden wir heute sagen: Bitte um Besuch!


