DER RAHMEN MACHT DAS BILD
- Thorsten Lange
- vor 6 Stunden
- 7 Min. Lesezeit
Das Geheimnis des Erfolges der World Press Photo Ausstellung in Oldenburg liegt zu einem großen Teil sicherlich bei den höchst eindrucksvollen, oft dramatischen Bildern. Aber nicht nur! Denn die Oldenburger Version der Schau schneidet deutlich stärker ab als andere Standorte. Auf der Suche nach einer Antwort auf das Warum, kommt man unweigerlich zum Rahmenprogramm. Denn das ist in Oldenburg deutlich umfangreicher, tiefgründiger und abwechslungsreicher als anderswo. Der Kopf dahinter: Claus Spitzer-Eversmann.

Nein, so ganz heraus mit der Sprache will er nicht. Claus Spitzer-Ewersmann ist niemand, der mit seinen Erfolgen prahlen würde. Deshalb stellt er keine quantitativen Vergleiche mit anderen Standorten der World Press Photo Ausstellung an, obwohl sie deutlich zu seinen Gunsten ausfallen würden. Und doch kann man sie spüren: Diese diebische Freude, dass die Fotoschau in Oldenburg besser läuft als fast überall sonst. Hamburg? Dortmund? Berlin? Lässt die Huntestadt mit ihren durchschnittlich knapp 20.000 Besucher:innen locker hinter sich, obwohl diese Städte deutlich größer sind.
Wie kann das sein, fragt man sich. Schließlich hängen überall dieselben Bilder, kuratiert und auf die Reise geschickt von der World Press Photo Foundation in Amsterdam. Ist das Oldenburger Publikum etwa überdurchschnittlich stark an Fotografie oder der medialen Berichterstattung interessiert? Ist das Schloss als Location so absolut einzigartig? Oder gibt es vielleicht einen weiteren Grund? Eine Eigenschaft, die sich deutlich von allen anderen Standorten unterscheidet? Und die Antwort lautet: Ja, allerdings! Das Rahmenprogramm. Was in Oldenburg neben der eigentlichen Schau geboten wird, sucht in der Tat seinesgleichen. Und darüber hat Claus schließlich doch mit uns gesprochen.
WORLD PRESS PHOTO 25
21. FEBRUAR - 15. MÄRZ 2026
DIENSTAG, MITTWOCH, SAMSTAG, SONNTAG
10-18 UHR
DONNERSTAG, FREITAG
10-20 UHR
OLDENBURGER SCHLOSS
26122 OLDENBURG
Mehr als Bilder an der Wand
Die World Press Photo Ausstellung ist weltweit ein festes Format. Sie werden in vielen globalen Metropolen gezeigt, parallel zu Oldenburg etwa in New York City. Doch wo auch immer man sie sich ansieht, die Bilder sind überall gleich: ikonische Aufnahmen aus Kriegsgebieten, intime Porträts, politische Umbrüche, Naturkatastrophen. Und doch gilt Oldenburg seit Jahren als Sonderfall. Nicht nur die Besucherzahlen liegen deutlich über denen anderer deutscher Standorte, auch die mediale Resonanz ist außergewöhnlich hoch, das Publikum auffallend vielfältig. Der Unterschied liegt nicht an den Bildern – sondern an dem, was drum herum passiert.

Für Claus Spitzer-Ewersmann, Organisator der Ausstellung in Oldenburg und Geschäftsführer der Kommunikations-Agentur Mediavanti, ist das Rahmenprogramm kein Beiwerk, sondern Kern des Konzepts. „Ich sehe das Rahmenprogramm im Grunde als Weiterentwicklung der Ausstellung“, sagt er. Denn die eigentliche Schau komme „fertig geliefert“. Der eigene Gestaltungsspielraum beginne erst dort, wo Gespräche entstehen, Diskussionen angestoßen und Perspektiven erweitert werden.
Das Rahmenprogramm ermöglicht, Akzente zu setzen. „Wir können bestimmte Dinge betonen, wir können andere Dinge auch ein bisschen runterfahren“, erklärt Claus. Vor allem aber könne man vermitteln, „dass Pressefotografie so viel mehr ist als das, was da nur an der Wand hängt“. Fotografie werde hier als Prozess verstanden: als Recherche, als Haltung, als ethische Entscheidung – und als Erzählung.
Diese Erzählung deckt die gesamte Vielfalt der Fotografie ab - und das gilt auch für die Gäste. Das Line-up reicht bewusst von jungen Talenten bis hin zu international renommierten Fotograf:innen. „Angefangen von Studierenden, die das gerade erst lernen, bis hin zu wirklichen Stars“, beschreibt Spitzer-Ewersmann die Bandbreite. Das Ziel: Menschen an die Ausstellung heranzuführen, „die da vielleicht sonst gar nicht hingehen würden“.
Kleines Heft, großes Programm: Klickt durch dfie Galerie und entdeckt die vielen Veranstaltungen rund um die World Press Photo Ausstellung. (Bilder: Mediavanti)
Pflicht, Kür und Experiment
Über die Jahre hat sich eine feste Struktur etabliert. „Wir haben so etwas wie ein Pflichtprogramm“, berichtet Claus. Dazu gehören die Sonntagsmatinéen in einem Café, Filmvorführungen im Cine k und - regelmäßig ausgebuchte Workshops in Kooperation mit der VHS. Daneben gibt es die Kür: neue Formate, Diskussionen, Experimente. Fotoslams etwa waren lange ein Publikumserfolg. „Aber man merkt irgendwann, es hat sich auch mal ausgereizt“, sagt er – und dann wird ein Format eben wieder beendet.
Drei Wochen Ausstellungsdauer bieten theoretisch Platz für nahezu tägliche Veranstaltungen. „Das ist ganz schön viel“, räumt Spitzer-Ewersmann ein. Trotzdem sei die Dichte gewollt. Man wolle „eine Vielfalt zeigen – an Veranstaltungsformaten und an Veranstaltenden selber“.

Das Rahmenprogramm biete zudem die ideale Gelegenheit für Hintergrundinformationen, Einordnungen und Kontexte - bei Pressebildern ein wichtiger Zusatzaspekt, der in der Auisstellung selbst etwas zu kurz kommt. Es geht dabei zum Beispiel um Begegnungen und Gespräche der Fotograf:innen mit den Menschen, die für das Bild eine Rolle gespielt haben, vielleicht sogar auf ihnen zu sehen sind. Nicht selten geht es dabei um ganz große, sogar globale Themen - runtergebrochen auf ein Dorf, eine Familie oder ein Individum.
Bei Veranstaltungen des Rahmenprogramms geht es oft aber auch um ethisch-moralische Fragen („Was dürfen Pressebilder zeigen?“), um gesellschaftspolitische und soziale Auseinandersetzungen. Anhand der Bilder als visuelle Reizpunkte lassen sich lebhafte und ekrenntnisreiche Debatten führen. Dabei entstehen nicht selten Abende voller Aha-Momente, die in manchen Fällen jahrelang nachhallen..

Nachwuchs trifft Erfahrung
Besonders bemerkenswert: Wie leicht sich geeignete Gäste finden lassen. Gerade der Nachwuchs sei hochmotiviert. „Die sind unglaublich dankbar dafür, dass sich jemand für ihre Arbeit interessiert“, sagt Spitzer-Ewersmann. Vor 50 Menschen zu sprechen sei etwas völlig anderes, als „vor zwei Profs an der Uni, die das professionell bewerten“.
Absagen sind selten. „In elf Jahren hatten wir für die Sonntagsmatinéen nicht einmal jemanden, der gesagt hat: Das interessiert mich nicht“, erzählt er. Im Gegenteil: Empfehlungen kursieren, Fotograf:innen melden sich aktiv. Auch etablierte Profis nutzen den öffentlichen Auftritt gern – vor allem, um Projekte zu zeigen, die bisher kaum sichtbar waren.
Ein Beispiel ist Rolf Nobel, 75 Jahre alt, langjähriger Stern-Fotograf und Mitbegründer des Studiengangs Dokumentarfotografie in Hannover. In Oldenburg präsentierte er erstmals ein Lebensprojekt. „Über dreißig Jahre hat er an ›Arbeiter des Meeres‹ gearbeitet“, sagt Spitzer-Ewersmann. „Und er sagt: Ja, da komme ich gerne und zeige das den Leuten.“ Doch gute Bilder allein reichen nicht. „Es nützt ja nichts, wenn nur die Geschichte gut ist und man sie nicht rüberbringen kann“, betont Spitzer-Ewersmann. Bei den Ehrengästen helfe die Erfahrung aus Amsterdam, wo alle Preisträger:innen ihre Arbeiten präsentieren müssen. „Da merkt man schnell, wer erzählen kann – und wer vielleicht nur Arabisch spricht und einen Dolmetscher bräuchte.“ Bei jüngeren Gästen reicht oft ein Telefonat. „Erzähl mal, was machst du da?“ Wenn dabei nichts überspringe, werde es schwierig. Denn selbst starke Bilder bräuchten Kontext. „Der ganze Background muss verbal kommen.“
Kenntnisreicher Erzähler: Claus Spitzer Ewersmann kennt sich aus - mit Fotografie und Fotograf:innen, aber auch mit den Kniffen, die aus einer Veranstaltung ein Erfolgsformat machen. (Bilder: Kulturschnack)
Die Veranstaltungsorte wechseln – Schloss, Palais, Extrablatt –, das Prinzip bleibt gleich. „Wir suchen immer die Nähe zur Ausstellung“, sagt Spitzer-Ewersmann. Wer wegen eines Vortrags kommt, soll auch die Bilder sehen - und umgekehrt. Das gilt auch für die Vernissage. Sie ist zwar formal eine Einladung für Förderer und Sponsoren, doch Exklusivität ist ausdrücklich nicht das Ziel. „Wir wollten nie eine elitäre Veranstaltung“, sagt er. Deshalb gibt es am nächsten Tag eine öffentliche Wiederholung: samstags um 11 Uhr, freier Eintritt. „Da kann wirklich jeder kommen.“ Es lohnt sich: der intensive Blick hinter die Kulissen des Siegerbildes, die Beschreibung seiner Entstehung, Anekdoten und Einordnung aus dem Munde der Fotografin oder des Fotografen und das gemeinsame gebannte Zuhören bilden in ihrer Gesamtheit eine höchst intensive Erfahrung.

Wenn Bilder allein nicht reichen
Nach zehn überaus erfolgreichen World Press Photo Ausstellungen in Oldenburg stellt sich die Frage: Ist das Thema Fotografie irgendwann erschöpft? Claus hatte diese Sorge selbst. „Nach unserer ersten Ausstellung habe ich mich das tatsächlich gefragt“, sagt er. Heute ist er überzeugt vom Gegenteil. „Dieses Medium, gerade der Presseaspekt, gibt so viel her.“ Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Wandel. „Die Menschen, gerade die Jugendlichen, waren noch nie so fotoaffin wie heute“, sagt er. Smartphones hätten das Interesse an Bildern eher verstärkt als verdrängt.
Besonders deutlich wird der Anspruch des Rahmenprogramms dort, wo Bilder bewusst nicht isoliert gezeigt werden. Etwa bei den Arbeiten von Aljona Karlaš und Raphael Heikstra, zwei deutschen World-Press-Photo-Preisträgern. „Beide Bilderserien sind so, dass man sie alleine eigentlich nicht zeigen kann“, erklärt Claus.
Große Vielfalt: Das Rahmenprogramm der World Press Photo Ausstellung in Oldenburg bietet verschiedene Formate und geht an unterschiedliche Orte. (Bilder: Andreas Burmann, Mediavanti)
Raphael Heikstra fotografierte den AfD-Wahlkampf hinter den Kulissen, Karlaš dokumentierte den Bruch innerhalb ihrer eigenen Familie in Russland während des Ukraine-Kriegs. Statt einer klassischen Präsentation entschied man sich für eine Diskussion. „Da geht es am Ende gar nicht mehr so sehr um die Bilder“, sagt Spitzer-Ewersmann. „Es geht um Moral, Ethik, Privatheit und Politik.“ Genau diese Fragen würden aktuell weltweit innerhalb der Pressefotografie diskutiert.
Was überwiegt im Rahmenprogramm – Bildung oder Unterhaltung? „50:50“, sagt Claus ohne lange zu überlegen. Die Matinéen seien bewusst zugänglich, „Sonntagmorgen, Kaffee in der Hand“. Andere Veranstaltungen seien sperrig, unbequem, aber notwendig – etwa die Debatte um die Urheberschaft des ikonischen Vietnam-Fotos von Nick Ut. „Da wird keiner Spaß dran haben“, sagt er. „Aber es ist wahnsinnig wichtig.“
Herzblut als entscheidender Faktor
Dass Oldenburg im Vergleich so erfolgreich ist, erklärt Claus nüchtern. „Die Bilder sind überall die gleichen.“ Es müsse also ein Extra geben. Dieses Extra sei das Rahmenprogramm – und eine intensive Medienarbeit. „Wir sprechen Zielgruppen sehr gezielt an“, sagt er: Schulen, Fotoclubs, politische Initiativen. Hinzu komme ein inhaltlicher Zugang. „Wir kommen eher vom Inhalt her, nicht davon, einfach schöne Bilder aufzuhängen.“ Dieser Ansatz habe sich auch andernorts bewährt, etwa in der 32.000-Einwohner-Stadt Kitzingen, in der Mediavanti mit demselben Konzept 8.000 Besucher erreichte. „Da merkt man, das hängt schon mit dem Konzept zusammen.“
Am Ende läuft alles auf eine persönliche Haltung hinaus. „Du brauchst Leidenschaft“, sagt Claus. „Und ein bisschen Sendungsbewusstsein.“ Wer einfach nur Bilder aufhänge, erreiche nur einen Bruchteil der möglichen Zielgruppe. „Dann lohnt sich der Aufwand eigentlich nicht.“ Oldenburg zeigt, dass World Press Photo mehr sein kann als eine Sammlung preisgekrönter Fotografien. Es ist ein Ort für Debatten, für Einordnung, für Zweifel – und für das Erzählen von Geschichten, die weit über den Moment der Aufnahme hinausreichen. Oder, wie Claus es formuliert: „Einfach nur Bilder aufzuhängen, das reicht wirklich nicht.“

Mehr als eine Begleiterscheinung
Den Wahrheitsgehalt dieser abschließenden Aussage muss Claus nicht mehr belegen. Seit zehn Jahren laufen die Oldenburger:innen der World Press Photo Ausstellung „die Bude ein“. An gutbesuchten Sonntagen drängen sich wahre Massen durch die Gänge. Eines scheint in jenen drei Wochen klar zu sein, Diese Ausstellung muss man gesehen haben.
Das Rahmenprogramm verzeichnet selbstverständlich geringere Besucher:innenzahlen. Schon die Kapazitäten der Räumlichkeiten und zeitlichen Einschränkungen machen eine Rekordjagd unmöglich. Dennoch trägt es maßgeblich zum enormen Erfolg der WPP bei. Denn zum einen erzeugt es ein Grundrauschen, dass die ganze Stadt drei Wochen lang beeinflusst. Zum anderen steigert es die Bedeutung des Ausstellungsbesuchs noch, weil spürbar wird, welche Relevanz das Pressebild für unsere Wahrnehmung der Welt hat. Es bleiubt zwar so, dass man die Ausstellung deshlab keinesfalls verpassen sollte. Doch dazu gesellt sich die Erkenntnis: Der Rahmen macht das Bild.














































































