SOMMERKULTUR: KULTURSOMMER
- 29. Juni
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen
Der Sommer gilt als Zeit der Erholung, die warme Jahreszeit wirft aber auch Fragen auf. Wohin verreist man nur? Wie lang, auf welche Art und warum nicht auch noch woanders hin? Die Möglichkeiten sind endlos, die damit verbundenen Unsicherheiten allerdings auch. Vielleicht bleibt man doch besser daheim. Zumal die Kultur uns den Sommer an der Hunte versüßt - vor allem mit dem Kultursommer.

Wenn man absolut keine Ahnung davon hätte, wann in Niedersachsen die Sommerferien beginnen, man würde trotzdem unweigerlich Notiz davon nehmen. Ab dem ersten Ferientag leeren sich die Straßen zusehends, zeitweise sind sie sogar gähnend leer. Ganz Oldenburg scheint nur auf diesen Moment gewartet zu haben, um der Stadt eilig den Rücken zu kehren. Und tschüß!!
Ganz Oldenburg? Nein, denn eine gar nicht so kleine Schar hält es durchaus auch im Juli und August an der Hunte aus. Und das nicht nur, weil wir hier von großen Hitzewellen meist verschont bleiben, sondern auch, weil Oldenburg im Sommer eben kein verschlafenes Nest ist, sondern ein lebendiger Ort - mit einem äußerst attraktiven Kulturprogramm.
OLDENBURGER KULTURSOMMER
10. BIS 19. JULI 2026
SCHLOSSPLATZ, SCHLOSSGARTEN, SCHLOSS-INNENHOF, CÄCILIENPLATZ, STAUBLAU, KARL-JASPERS-HAUS
26122 OLDENBURG
Unverändert anziehend
Das beste Beispiel für diese These ist der Oldenburger Kultursommer. Es ist gleichzeitig das älteste, denn das Festival findet bereits seit 1978 statt. In den zurückliegenden fast fünfzig Jahren hat sich natürlich einiges verändert. So wanderte die Regie vom städtischen Kulturbüro zur Kulturetage, die Dauer reduzierte sich von zwei Monaten auf weniger als zwei Wochen. Unverändert ist aber die große Anziehungskraft des Formats: Kultur draußen zu erleben, an besonderen Orten, in einem bunten Miteinander. Diese Erfahrung entfaltet für alle einen großen Reiz - bei Boomern und Generation X, bei Millennials und GenZ.
Der zentrale Identifikationspunkt ist dabei der Schlossplatz. Wer über den KuSo spricht, denkt dabei oft an die stimmungsvollen Konzerte unter dem Abendhimmel, an gutgelaunte Künstler:innen aus aller Welt, an das allgegenwärtige Stimmengewirr. Kein Wunder, denn genau so stellt man sich ein sommerliches Kulturerlebnis vor: locker, niedrigschwellig und unverbindlich, aber trotzdem inspirierend, ansteckend, mitreißend.

Zehn Monate für zwölf Tage
Dass diese spezielle Mischung immer wieder so gut gelingt, ist aber weder Zufall noch Selbstverständlichkeit, wie im Gespräch mit Bettina Stiller schnell deutlich wird. „Nach dem KuSo ist vor dem KuSo“, erklärt die Pressesprecherin der Kulturetage, die bereits seit 1989 für die Realisierung des Kultursommers verantwortlich ist. „Die Planungen für die Konzerte - aber auch Ansätze für neue Formate - starten immer ab September des Vorjahres.“ Das bedeutet: die unberschwerten Abende auf dem Schlossplatz haben einen Vorlauf von etwa zehn Monaten.
Das merkt man dem Programm in positiver Weise an. Obwohl es ganz unterschiedliche Geschmäcker bedient und vor allem durch Vielfalt glänzt, wirkt es nie bunt zusammengewürfelt. Auch wenn Kraut-/Prog-Rocker wie Bröselmaschine, das Fusion-/Jazz-Kollektiv Sonic Interventions und Elektro-Rapper wie Hinterlandgang auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben, zeichnet sie doch dieselbe Qualität aus: Sie können spezielle Stimmungen erzeugen, von denen man sich gern gefangen nehmen lässt.
Bunte Mischung: Das Konzertprogramm des Kultursommer ist definitiv ein Höhepunkt der Sommerkultur in Oldenburg.
„Die Kulturetage hat ja einen Schwerpunkt bei Konzerten“, erklärt Bettina. „Unsere Programmverantwortlichen arbeiten das ganze Jahr mit unterschiedlichen Agenturen zusammen.“ Von dort kämen bereits viele gute Vorschläge für das KuSo-Programm. Impulse für passende Formationen kämen aber auch von außen und natürlich durch eigene Recherchen, Erlebnisse und Entdeckungen.
Fortsetzung und Veränderung
Als goldrichtig hat sich die Entscheidung erwiesen, gemeinsam mit dem Asta der Carl von Ossietzky Universität und dem Studierendenwerk einen Band Contest durchzuführen und die Gewinnerbands als Supporting Acts beim Kultursommer auftreten zu lassen. Für die jungen Künstler:innen ist es eine tolle Gelegenheit, sich größerem Publikum zu präsentieren - das wiederum einen Einblick in die junge Szene bekommt. Ein klarer Fall von Win-Win! In diesem Jahr sind Drunken Dinosaurs und Sultry Cat mit dabei - und treten vielleicht in die Fußstapfen der Curly Fries, die es sogar zu den Kulturschnack Acoustic Sessions geschafft haben.
Dem Prinzip der Talentförderung bleibt der Kultursommer aber auch bei den anderen Konzerten treu, denn auf dem Schlossplatz spielt niemals nur eine einzige Band. „Den Anfang mache meist junge Acts, die den Konzertauftakt für die Headliner spielen“, erklärt Bettina. Dabei handelt es sich nicht etwa um blutige Anfänger:innen, sondern um vielversprechende Newcomer der nationalen Musikszene.
Exakt diese Nische ist das „Jagdrevier“ des Kultursommer Bookings: „Wir müssen zugreifen, bevor ein:e Künstler:in einen großen Namen hat“, berichtet Bettina. Das sei vor einigen Jahren bei Adam Green so gewesen, in jüngerer Vergangenheit aber auch bei Isaak, der durch den Eurovision Song Contest plötzlich berühmt wurde. In beiden Fällen seien die Künstler gebucht worden bevor der ganz große Erfolg kam. „Das Budget des Kultursommers reicht für Top-Stars nicht aus, weil die Kosten für die ganze Infrastruktur des Festivals enorm gestiegen sind“, ordnet die Pressesprecherin ein und richtet den Blick in die Nachbarschaft. „Davon ist ja nicht nur Oldenburg betroffen. Die Veranstalter der Breminale haben ja ein ähnliches Konzept und ebenfalls immer wieder mit Finanzierungslücken zu kämpfen.“
Was vielen verborgen bleibt: Es gibt nicht nur die großen Konzerte auf dem Schlossplatz. Auch im Schlossgarten - genauer gesagt: im Küchengarten - gibt es Livemusik zu erleben. Hier liegt der Fokus aber nicht auf Rock und Pop, Elektro oder Hip-Hop, sondern auf Neuer Musik. Zugegeben: Die ist manchmal etwas weniger zugänglich als die Hits aus den Charts. Der besondere Ort macht das Hörexperiment aber zu einem besonderen Abenteuer, auf das sich jede:r zumindest einmal eingelassen haben sollte. Wer weiß - vielleicht macht es bei euch Klick!
Mehr als Musik
Ähnlich beliebt wie die Konzerte sind auch die Theaterformate des Kultursommers. Als Ausnahme von der „Umsonst & draußen“-Regel muss man hier zwar Tickets kaufen (39€/ ermäßigt 29€), das tut der Begeisterung aber keinen Abbruch: Die Auftritte sind oft so schnell ausverkauft, dass Zusatztermine nötig sind. „Und die sind dann manchmal auch innerhalb einer Stunde ausgebucht“ erklärt Bettina. Schade für alle, die nicht dabei sein können - aber ein schöner Beweis dafür, dass die Kulturetage nach wie vor den Nerv des Publikums trifft.

In diesem Jahr läuft bereits zum dritten Mal Shakespeares „Sommernachtstraum“. Der anhaltend große Erfolg hat natürlich auch mit dem besonderen Setting im Schlossgarten zu tun. „Der Ort selbst erzählt schon eine Geschichte. Er spielt für das Stück eine wichtige Rolle“, gewährt die Pressesprecherin einen Einblick. Doch die Natur verändere sich ständig. Deswegen seien die jeweilgen Spielorte nicht nur für die Gäste, sondern auch für das Team der Kulturetage stets aufs Neue spannend. Routine? Stellt sich gar nicht erst ein.
„Bei der Ausstattung von Außenspielorten mit einer funktionierenden Infrastruktur haben wir zwar einen großen Erfahrungsschatz. Aber alles andere ist neu - und das genießen wir!“
Zwischen Literatur und Leinwand
Ein wenig in die Tasche greifen muss man auch für die traditionellen Open Air-Lesungen im Rahmen des Kultursommers, wenn auch weniger tief als für das Theatererlebnis (VVK/AK 12/15 €). Sie finden an verschiedenen Orten statt. Mit dem stimmungsvollen Staublau und seinem verwunschenen Garten wurde ein idealer „Freiluft-Lesesaal“ in der Nachbarschaft der Kulturetage gefunden. Die Oldenburger Kriminacht dagegen findet wie die Konzerte der Neuen Musik im Küchengarten statt - das perfekte Setting für spannungsgeladene Murder Mystery. Der dritte Veranstaltungsort dürfte der unbekannteste sein: Den Garten des Karl Jaspers-Hauses am Eversten Holz kennen die meisten Oldenburger:innen bestenfalls vom Vorbeifahren. Der Ort ist kein Zufall: Was hier zu hören ist, wurde gemeinsam mit der Karl Jaspeers-Gesellschaft ausgewählt. Texte mit Tiefgang - an einem Ort mit offenen Horizonten.

Die hat man auch, wenn man spätabends - genauer gesagt: ab 22 Uhr - auf den Stühlen im Innenhof des Schlosses Platz nimmt. Dort nämlich findet traditionell das Open Air-Kino statt und gibt uns die Gelegenheit, die Blockbuster der letzten Monate - von Amrum bis Mandalore - auf der großen Leinwand sehen zu können. Auch wenn Kinosäle große Vorteile für Bild und Ton bieten, verleiht der freie Himmel dem Filmgenuss ein ganz besonderes Flair. Das gefällt den Oldenburger:innen so gut, dass auch das Sommer-Kino des Cine k längst zu einem weiteren Lieblingsort geworden ist. Dort geht es in diesem Jahr ab 31. Juli los.
Zugabe im Zwischenraum
Zu den neueren Elementen des Kultursommers gehört auch noch der Frei.zeit.gang. Der kleine Platz neben der Lambertikirche genießt einen gewissen Kultstatus, da dort vor einigen Jahren bereits nischige Formate ausprobiert wurden, die auf große Resonanz stießen. Der Verein Freizeitlärm e.V. setzt diese junge Tradition fort. Das Team hinter Events wie EAE bespielt vom 15. bis 18. Juli nachmittags bis abends die Bühne in dem schattigen Gang und sorgt nur einen Steinwurf vom Schlossplatz entfernt für kreative Akzente, die das Oldenburger Club- und Nachtleben nach draußen holen.

Die gibt es aber auch dieses Jahr wieder auf dem Cäcilienplatz, der nach den Erfolgen der letzten Jahre einmal mehr fest in Kinderhand ist. Vom Graffiti-Workshop über Zirkustheater bis zum Rudel-Trommeln können sich die Kids nach allen Regeln der Kunst bespaßen lassen. Und wem das zu jung und wild ist, wartet auf den 19. Juli: Dann nämlich findet der KuSo-Tag der Museen statt und man kann ab 10 Uhr morgens bei freiem Eintritt durch die Ausstellungskorridore flanieren. Genau das richtige bei heißer Hitze - aber auch bei kaltem Regen.
Konstante Evolution
Man kann es überall heraushören: Der Kultursommer ist ein äußerst abwechslungsreiches und beliebtes Format, dem es gelingt, nicht wie ein Sommerferien-Füller zu wirken, sondern wie ein eigenständiges Format mit eigenen Qualitäten. Deswegen gibt es bei der Kulturetage einerseits zwar den Wunsch der Weiterentwicklung. „Wir würden gerne mehr innovative Projekte im Kultursommer starten“, bestätigt Bettina. „Vor allem Projekte, die unsere Stadtgesellschaft nachhaltig - also auch nach dem Kultursommer - beschäftigen.“

Gleichzeitig ist man sich im Organisationsteam aber auch bewusst, dass allzu viel Veränderung ein Fehler sein könnte. Zu beliebt sind - neben den Konzerten und Theaterstücken - auch andere Traditionen wie die atmosphärischen Lesungen im Staublau und Küchengarten oder die lauen Kinonächte im Schlossinnenhof. Doch die Gratwanderung ist gelungen. Der diesjährige Kultursommer schafft einmal mehr die Balance zwischen Alt und Neu - und auch das ist weder Zufall noch Selbstverständlichkeit, wie Bettina verrät.
„Es steckt einfach eine Menge Herzblut von unseren Mitarbeitenden in diesem Projekt. Hier gibt wirklich jede:r alles dafür, dass die Menschen eine Menge Spaß haben.“
Außerdem komme von den Gästen immer wieder die Rückmeldung, dass sie den KuSo liebten. „Da lohnt sich am Ende jede Mühe!“ Und die ist zweifellos zu spüren, wenn der Kultursommer ab dem 10. Juli die Sommerkultur in Oldenburg einläutet. Zwar werden weiterhin viele zunächst an die Konzerte denken, wenn vom Kultursommer die Rede ist. Schließlich ist der Schlossplatz der zentrale Identifikationspunkt. Doch eines ist klar: Dass Oldenburg im Sommer „ein lebendiger Ort mit äußerst attraktivem Kulturprogramm ist - das liegt auch am Kultursommer.










































