LITERATUR LIVE
- Thorsten Lange
- vor 14 Minuten
- 7 Min. Lesezeit
Wir alle lesen. Wir scrollen durch Newsfeeds und Liveticker, wir scannen Mails und Messages, wir überfliegen Content und Captions. Doch Lesen kann noch viel mehr sein. Ein wahres Erlebnis wird es, wenn Autor:innen ihre Werke live vortragen, mit Anekdoten und Hintergründen anreichern und mit dem Publikum in den Austausch gehen, In Oldenburg gibt es eine Institutionen für solche magischen Momente: Das Literaturhaus.

Gewohnheiten haben ihre Tücken. Manchmal übersehen wir nämlich das Wichtigste in unserem Leben, weil es schlicht zu normal geworden ist, um es als besonders wahrzunehmen. Ein wenig gilt dieses Prinzip auch für das Literaturhaus Oldenburg. Jahr für Jahr konzipiert Monika Eden mit ihrem kleinen Team ein attraktives Lesungs-Programm, das auch in wesentlich größeren Städten für Furore sorgen würde- das hier in Oldenburg aber als beinahe selbstverständlich begriffen wird.
Dabei ist es genau das nicht. Dass wir hier immer wieder eine überaus spannende, stets hochwertige Mischung aus großen Namen und neuen Stars erleben dürfen, ist beileibe kein Automatismus. Dahinter steckt akribische Arbeit, reger Austausch mit Verlagen, Agent:innen und Autor:innen sowie: viele, viele Lesestunden. Für Monika Eden ist nicht entscheidend, wie viele Follower:innen jemand auf Instagram hat, ob ein Buch gerade bei TikTok trendet oder wann sich ein:e Schriftsteller:in öffentlichkeitswirksam zu Themen der Zeitgeschichte äußert. Sie geht nach der literarischen Qualität. Und diese klare Prämisse ist es, die Lesungen des Literaturhauses stets zu einem Erlebnis macht.
Starke Mischung, spannende Entdeckungen
Das ist im Frühjahr 2025 nicht anders als sonst. Erneut hat das Literaturhaus sowohl anerkannte Größen der Literaturszene, aber auch etwas weniger bekannte Schriftsteller:innen für Oldenburg gewonnen. Alle bringen hochgelobte aktuelle Werke mit - und versprechen spannende, bewegende, unterhaltsame Abende im Wilhelm13 und im Kulturzentrum PFL. Das ist: Literatur live!

SONNTAG, 11. JANUAR 2026, 11 UHR
KATARINA POLADJAN: „GOLDSTRAND“
GESPRÄCH: ELLA MARGARETHA KARNATZ
Eine baufällige Villa in Rom, eine rätselhafte Dottoressa, ein Mann auf der Couch erzählt um sein Leben: In ihrem neuen Roman »Goldstrand« fügt Katerina Poladjan Splitter des alten Europas zu einem heiter-melancholischen Bild der Gegenwart. Dafür kehrt sie zurück an die bulgarische Schwarzmeerküste in den 1950er Jahren. Dort entsteht ein Ferienort: Goldstrand, geplant als Platz an der Sonne für alle. Auf der Baustelle wird Eli gezeugt. Sechzig Jahre später hat er seine größten Erfolge als Filmregisseur längst gefeiert und liegt auf der Couch seiner Dottoressa in Rom. Er mutmaßt und fabuliert seine Familiengeschichte, die durch ein ganzes Jahrhundert und quer über den europäischen Kontinent führt, von Odessa über Konstantinopel und Warna in Bulgarien bis nach Rom. Kritiker Paul Jandl zeigt sich in der NZZ begeistert:
„Ein Schnitt in der Zeit, der Horizonte der Phantasie und der Ängste öffnet. [...] grosses Kino.“
Katerina Poladjan wurde in Moskau geboren, wuchs in Rom und Wien auf und lebt in Deutschland. Sie schreibt Theatertexte und Essays, auf ihr Prosadebüt »In einer Nacht, woanders« folgte »Vielleicht Marseille« und gemeinsam mit Henning Fritsch schrieb sie den literarischen Reisebericht »Hinter Sibirien«. Sie war für den Alfred-Döblin-Preis nominiert wie auch für den European Prize of Literature und nahm 2015 bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil. Für »Hier sind Löwen« erhielt sie Stipendien des Deutschen Literaturfonds, des Berliner Senats und von der Kulturakademie Tarabya in Istanbul. 2021 wurde sie mit dem Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund ausgezeichnet. Mit »Zukunftsmusik« stand Katerina Poladjan auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2022 und wurde mit dem Rheingau Literatur Preis 2022 ausgezeichnet. Katerina Poladjan wurde 2025 mit dem »Großen Preis des Deutschen Literaturfonds« geehrt. Zuletzt erschien ihr Roman »Goldstrand«.

MITTWOCH, 14. JANUAR 2026, 19.30 UHR
DAS ROTE FAHRRAD - EIN OLDENBURGER ERZÄHLEXPERIMENT
MODERATION: ANJA SEEMANN
Oldenburger Autorinnen und Autoren haben sich schreibend mit ihrer Umgebung beschäftigt. Sie erzählen von verschiedenen Stadtteilen, von Orten, an denen sie einkaufen, auf eine grüne Ampel warten und an denen ein Geruch eine Erinnerung lostritt. Verbindendes Element in allen Textformen ist ein rotes Fahrrad. Damit bewegen sie sich durch Oldenburg, vorbei an Einfamilienhäusern, an der Hunte, den Haarenniederungen, an aktiv & irma.
Annika Blanke ist Autorin, Slam-Poetin, Kabarettistin und Moderatorin. Ihr letztes Buch erschien unter dem Titel Wenn man sie jetzt so sehen könnte. Helga Bürster ist seit 1996 als freiberufliche Autorin tätig. 2024 erschien ihr letzter Roman Als wir an Wunder glaubten. Henriette Dyckerhoff ist freie Lektorin und Autorin. Für Was man unter Wasser sehen kann, ihren ersten Roman, erhielt sie ein Stipendium des Landes Niedersachsen. Lucia-Philtje Gerst nahm 2022 und 2023 an Schreibwerkstätten des Literaturhauses teil. Ihr Roman Pinguin-Apokalypse wird von Thalia empfohlen. Mit ihren Texten setzt sie sich für die Repräsentation queerer Menschen in der Literatur ein. Christian Naaf schreibt Gedichte und Kurzprosa und war damit schon auf der einen oder anderen Poetry Slam-Bühne zu Gast. Katja Reiche schreibt biografische und fiktionale Kurzprosatexte. Sie ist Mitautorin des Buches Wagnis des Lebens. Eine biographische Suche nach den Spuren der NS-Zeit (2022). Mikah Rose nahm 2022 und 2023 an Schreibwerkstätten des Literaturhauses teil. 2025 erhielt er ein Aufenthaltsstipendium am Künstlerhof Schreyahn.
AUVERKAUFT

SONNTAG, 25. JANUAR 2026, 11.00 UHR
ANNETT GRÖSCHNER: „SCHWEBENDE LASTEN“
BIS-SAAL DER UNIVERSITÄT
MODERATION: URTE HELDUSER
Hanna Krause war Blumenbinderin, bevor das Leben sie zur Kranführerin machte. Sie hat zwei Revolutionen, zwei Diktaturen, einen Aufstand, zwei Weltkriege und zwei Niederlagen, zwei Demokratien, den Kaiser und andere Führer, gute und schlechte Zeiten erlebt, hat sechs Kinder geboren und zwei davon nicht begraben können, was ihr naheging bis zum Lebensende. Hatte später, nachdem ihr Blumenladen längst Geschichte war, von einem Kran in der Halle eines Schwermaschinenbaubetriebes in Magdeburg einen guten Überblick auf die Beziehungen der Menschen zehn Meter unter ihr und starb rechtzeitig, bevor sie die Welt nicht mehr verstand. Hanna Krause blieb bis zu ihrem Tod eine, die das Leben nimmt, wie es kommt. Ihr einziges Credo: anständig bleiben. Annett Gröschners Roman erzählt die Geschichte eines Jahrhunderts in einem einzigen Leben und gibt, mit Hanna, denen ein Gesicht, die zu oft unsichtbar bleiben. Ein Roman über das Ende des Industriezeitalters und seiner Heldinnen im Osten Deutschlands – und über eine gewöhnliche Frau in diesem unfassbaren 20. Jahrhundert. Kulturredakteurin Irmtraud Gutschke schreibt in „Der Freitag“:
„Mit ihrem neuen Roman hat Gröschner sich nun selbst übertroffen. Im Leben einer Frau wird uns ein ganzes Jahrhundert vor Augen geführt, so detailliert, so lebendig und spannend, dass man immer wieder an ein reales Schicksal denkt. Schließlich spielt der Roman in Magdeburg, wo die Autorin 1964 geboren wurde.“
Annett Gröschner, geboren 1964 in Magdeburg, lebt seit 1983 als Schriftstellerin in Berlin. Bekannt wurde sie vor allem mit ihren Romanen "Moskauer Eis" (2000) und "Walpurgistag" (2011). Zuletzt erschien bei Hanser ihr gemeinsam mit Peggy Mädler und Wenke Seemann verfasster Bestseller "Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat" (2024). Annett Gröschner wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Großen Kunstpreis Berlin (Fontanepreis), dem Klopstock-Preis und dem Mainzer Stadtschreiber Literaturpreis von ZDF, 3sat und der Landeshauptstadt Mainz.

MONTAG,9. FEBRUAR 2026, 19.30 UHR
POETINNEN VON MORGEN - MIT RASHA KHAYAT
Im Juni und September 2025 fand eine Schreibwerkstatt » des Literaturhauses für 16- bis 26-Jährige statt, die von der Schriftstellerin Rasha Khayat geleitet wurde. An zwei Wochenenden wurde sowohl mit klassischen Gedichten als auch mit modernen Techniken des Creative Writing gearbeitet. Jetzt stellen drei junge Frauen Texte vor, an denen sie in der Werkstatt gearbeitet haben: dystopische Geschichten und Texte über Verzweiflung, Hoffnung und die Kraft von Freundschaft. Rasha Khayat, deren letzter Roman Ich komme nicht zurück 2024 erschien, wird aus ihrem neuen, noch unveröffentlichten Manuskript lesen, für das ihr ein Stipendium der Kunststiftung NRW zugesprochen wurde.
Rasha Khayat, 1978 in Dortmund geboren, wuchs in Jeddah, Saudi-Arabien, auf. Als sie elf war, siedelte ihre Familie nach Deutschland zurück. 2016 erschien ihr Debüt Weil wir längst woanders sind. Seit 2022 hostet sie den feministischen Literaturpodcast Fempire – der Podcast über Frauen, die schreiben. Rieke Geldmacher wurde 2008 in Oldenburg geboren. Wenn sie nicht gerade in Büchern lebt, ist sie eine professionelle Tagträumerin und ihrer bescheidenen Ansicht nach erprobte Wortmagierin, wodurch sie den Träumen hin und wieder Leben einhaucht. Kaja Geldmacher, 16 Jahre alt, hat's eigentlich nicht so mit Lesen und Deutschunterricht, aber das kreative Schreiben lässt sie in andere Welten abtauchen. Carolin Lewedag, 17 Jahre alt, kam an einem beliebigen Sonntagabend auf die Idee, dass Schreiben doch ganz cool wäre und ist mit ihrem Text nun hier.

DIENSTAG, 17. FEBRUAR 2026, 19.30 UHR
JAKOB HEIN: „WIE GRISCHA MIT EINER VERWEGENEN IDEE BEINAHE DEN WELTFRIEDEN AUSLÖSTE“
GESPRÄCH: MICHAEL SOMMER MODERATION: MONIKA EDEN
Nicht im Traum wäre sein Chef darauf gekommen, dass ausgerechnet Grischa, dieser schüchterne Assistent der Plankommission, zu Subversion neigt und einen – zugegeben – ziemlich genialen Plan ausheckt, wie ihr maroder Laden an eine neue, überraschend gut sprudelnde Finanzquelle gelangt. Wobei ‚Laden‘ in diesem Fall für ein ganzes Land steht.
Vielleicht lag es daran, dass Grischa einen etwas eigenwilligen Filmgeschmack hat, in dem sich amerikanische Drogenmafia-Thriller mit sozialistischen Heldenepen kreuzen? Ein bisschen Gras, ein genialer Coup und das Wunder von Bayern – Jakob Heins absurd komischer Roman über eins der größten deutschen Geheimnisse: Wie nur brachten die Ostler einst den Bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß dazu, mit einem Milliardenkredit ihr bankrottes Land zu retten? Eine herrlich abgedrehte Geschichte mit einem der entspanntesten Helden der Literatur. Terry Albrecht schriebt in WDR Westart:
„Ein Zugang zu unserer Geschichte gibt, bei dem man nicht anders kann als zu kichern, also ein bisschen albern, als hätte man einen Joint geraucht, und die Welt wäre immer noch kompliziert und auch nicht fair und ehrlich, aber gleichzeitig saukomisch. Einer, der das hinkriegt, obwohl er nur von Cannabis schreibt und es gar nicht verteilt, ist Jakob Hein.“
Jakob Hein arbeitet als Psychiater. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter Mein erstes T-Shirt (2001), Herr Jensen steigt aus (2006), Wurst und Wahn (2011), Kaltes Wasser (2016) und Die Orient-Mission des Leutnant Stern (2018). Sein Buch Hypochonder leben länger und andere gute Nachrichten aus meiner psychiatrischen Praxis (2020) stand nach Erscheinen wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Zuletzt erschien sein Roman Der Hypnotiseur oder Nie so glücklich wie im Reich der Gedanken im Frühjahr 2022.


