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KOLUMNE: KICKSTART INS KULTURJAHR

  • Thorsten Lange
  • vor 6 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Theaterzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier.


Szene aus „Demo-Mode“, das im Oldenburgischen Staatstheater in Oldenburg zu sehen ist.
Kickstart: Die Ballettsparte des Oldenburgischen Staatstheaters startet mit „Demo-Mode“ schon ab dem 9. Januar ins neue Kulturjahr. (Bild: Stephan Walzl)

Frohes Neues! Wie oft haben Sie in den letzten Tagen diese kurze Formel benutzt, die bei aller Knappheit so viel aussagt? Wahrscheinlich unzählige Male. Ich habe über diese beiden Worte nachgedacht und festgestellt: Für mich bilden sie eine der schönsten Kombinationen der deutschen Sprache. „Froh“ verbindet das warme Wohlgefühl der Freude mit einer beinahe beschwingten Leichtigkeit. Und direkt darauf folgt das „Neue“, dieses unverbrauchte, noch vollkommen unverfälschte Jahr, das darauf wartet von uns gestaltet und erlebt zu werden. Mal ehrlich: Was kann’s denn Schöneres geben?

 

Nun ist es aber gar nicht selbstverständlich, dass wir alle froh sind, auch wenn wir uns das in diesen Tagen so häufig wünschen. Die Zeiten sind komplizierter als ein knackigkurzer Neujahrsgruß. Die immer neuen Verwerfungen in der Welt, die sich in ihrer Gesamtheit umso bedrohlicher anfühlen, machen es uns nicht leicht und der Volkssport Doomscrolling tut sein übrigens dazu. Wie schafft man es, dass das „Frohe Neue“ keine Floskel bleib? Wie können wir selbst dazu beitragen, negative Gedanken-Spiralen durchbrechen und unseren Alltag als etwas Wertvolles zu begreifen?

 

Screenshot der Januar-Ausgabe der Theater-Zeitung des Oldenburgischen Staatstheaters
Das kickt: Thorstens neue Kolumne teilt sich eine Seite mit dem wunderbaren Stadt:Ensemble. (Bild: Oldb. Staatstheater)

 

Positiv für die Psyche

 

Wahrscheinlich habe ich an dieser Stelle keine große Spannung aufgebaut. Auf der Suche nach Antworten wandert mein Blick natürlich zur Kultur. Aber keine Sorge, ich werde jetzt nicht eine meiner persönlichen Erfahrungen schildern, die einen positiven Effekt nur subjektiv belegen würden – obwohl es einige davon geben würde. Nein, ich begebe mich lieber auf das solide Feld der empirischen Forschung. Die Auswirkungen von Kunst und Kultur auf unser Gemüt und unsere Psyche sind nämlich mehr als der individuelle Eindruck eines einzelnen, sie sind längst bewiesen! Und gerade erst hat auch unsere Nachbarstadt Bremen Erkenntnisse dazu gewonnen.


Am 31. Dezember endete dort ein dreijähriges EU-Pilotprojekt zum Thema „Kunst auf Rezept“. Dabei wurde Mediziner:innen die Möglichkeit für etwas eröffnet, das es in Großbritannien oder den USA schon länger gibt, nämlich Besuche von Kulturveranstaltungen ärztlich zu verschreiben.


Das ist nicht etwa eine Kultur-Förderung durch die Hintertür, das ist eine Anerkennung psychologischer Realitäten. Die Begegnung mit den verschiedenen Ausdrucksformen der Kunst wirkt sich positiv auf unser Befinden aus und kann Denkmuster nachhaltig beeinflussen.

 

Als ich davon hörte, habe ich in Bremen nachgefragt: Wie sind die Erfahrungen? Und die Antwort lautete: Überaus positiv. „Das enorme Potenzial als innovativer und kosteneffizienter Weg zur Verbesserung der psychischen Gesundheit, der Rehabilitation und der Prävention ist durch das Projekt bestätigt worden“, hieß es aus der Behörde für Gesundheit. Eine Frage drängte auf: Wäre das Modell auch etwas für Oldenburg? Um das herauszufinden, habe ich mich in der Kulturszene umgehört – und stieß auf differenzierte Antworten. Sie zeigen, dass es bei diesem Thema nicht darum geht, ein paar leere Stühle zu besetzen oder verwaiste Ausstellungsflure zu füllen. Den Akteur:innen aus Oldenburg ging es nicht um die eigene Bilanz, sondern um das Wohl der Betroffenen.


Einig waren sich alle Befragten in der Überzeugung, dass die Kultur für die psychische Gesundheit viel leisten kann. „Sie schenkt neue Perspektiven, verbindet und gibt Kraft“, ist etwa Generalintendant Georg Heckel überzeugt. Insofern würde ein ähnliches Projekt in Oldenburg sehr begrüßt. Viele wiesen aber auch darauf hin, dass die Kunst auf Rezept keine Therapie oder Medikamente ersetze. Sie müsse eingebettet sein in eine Gesamtstrategie - könne dort aber eine wichtige Rolle übernehmen.

 

 

Kultur hilft immer

 

Zum Glück sind viele von uns nicht in der Situation, für „Kunst auf Rezept“ infrage zu kommen. Doch auch in Oldenburg nehmen Fälle von Depressionen und Burn-outs, Stress- und Angstzuständen zu – und hier kann das Angebot präventiv wirken. Es ist erwiesen, dass Kunst und Kultur dabei unterstützen können, den Geist zu öffnen, Empfindungen zuzulassen und Denkprozesse anzustoßen. Was sich in uns aufstaut und manchmal so sehr verkrustet, dass wir nicht mehr vorwärts kommen (weder gedanklich noch tatsächlich), kann durch einen Theaterbesuch, eine Ausstellung, einen Konzertabend ein Stück weit gelockert werden. Und das wäre bereits sehr viel wert.

 

Und all die anderen? Diejenigen, die von psychischen Problemen nicht betroffen sind? Haben genauso viel davon! Wenn nichts verkrustet ist und gelöst werden muss, können wir die Inspirationen durch die Kultur vollauf genießen. Sie treffen direkt in unsere kognitiven und emotionalen Zentren und können uns hier wie dort tief bewegen. Vielleicht ist das Ergebnis sogar ein Wohlgefühl der Freude, verbunden mit einer beinahe beschwingten Leichtigkeit?


Vielleicht wird uns auch bewusst, dass nicht nur Anfang Januar etwas Unverbrauchtes, noch vollkommen Unverfälschtes vor uns liegt, das wir gestalten und erleben können, sondern an jedem neuen Tag? Wenn irgendetwas dazu in der Lage ist, dann die Kultur – per Rezept verschrieben oder nicht. In diesem Sinne: Frohes Neues!

 
 
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