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KOLUMNE: BLICK ZURÜCK INS JETZT

  • Thorsten Lange
  • 6. Okt.
  • 3 Min. Lesezeit

Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Theaterzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier.


Szene aus „Romeo & Julia“, das im Oldenburgischen Staatstheater in Oldenburg zu sehen ist.
Preisverdächtig: Die Oldenburger Ballettcompagnie bietet Tanz auf höchstem Niveau - wir gleich fünf Nominierungen für die Spielzeit 24/25 bei der Kritiker:innen-Umfrage der Plattform tanznetz zeigen. (Bild: Stephan Walzl)


Erinnert sich noch jemand an den letzten Mai? Eigentlich ist er noch gar nicht lange her, nur etwas mehr als vier Monate sind seitdem vergangen. Trotzdem wirkt er unendlich weit weg, liegt doch der gesamte Sommer zwischen ihm und uns - und damit die Phase des Jahres, die häufig für die intensivsten Erinnerungen des Jahres sorgt.

 

Doch es geht hier nicht um jahreszeitliche Befindlichkeiten. Der Blick zurück lohnt sich aus anderen Gründen. Denn am 23. Mai hat das Oldenburgische Staatstheater sein Programm für die kommende Spielzeit vorgestellt. Menschen in meinem Umkreis wissen: Ich habe alles andere als ein gutes Gedächtnis. Statt Erinnerungslücken habe ich Erinnerungsinseln. Doch der Eindruck, der sich beim ersten Durchblättern des druckfrischen Spielzeitheftes einstellt, ist jedes Mal noch lange präsent. Ich mag diese Mischung aus Information und Inspiration, aus Andeutung und Ankündigung, denn sie lässt Spielräume für eigene Gedanken.


Letztlich kam mir aber auf fast jeder Seite der gleiche Gedanke: Das will ich sehen! Deshalb fühle ich mich dabei manchmal wie das berühmte Kind im Spielzeugladen: vollkommen begeistert, aber hoffnungslos überfordert mit dem üppigen Angebot.

 

 

Die Vergangenheit als Gegenwart

 

Und genau so geht es mir auch jetzt. Denn was damals Versprechungen für die Zukunft waren, sind jetzt die Veranstaltungen der Gegenwart. Die lange währende Vorfreude wird dann zu etwas, das sogar noch besser ist:  Zum tatsächlichen Erlebnis dessen, was man sich bis dahin nur ausgemalt hat. Ich finde es immer wieder spannend, die eigenen Vorstellungen mit der Realität abzugleichen und jedes Mal aufs Neue festzustellen: Das ist ja vollkommen anders als gedacht!

Kulturschnack-Kolumne in der Theater-Zeitung des Oldenburgischen Staatstheaters aus Oldenburg
Von Erwartungen und Erlebnissen: Thorstens Kolumne in der Oktober-Ausgabe der Theater-Zeitung.

 

Das galt auch für die ersten Premieren dieser neuen Spielzeit. Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“ unter der musikalischen Leitung von Carlo Goldstein oder Shakespeares „Der Sturm“ in der Inszenierung der großartigen Ebru Tahici Borchers bildeten einen starken Auftakt in die Theatersaison 25/26. Die erfolgreiche letzte Spielzeit hat die Latte zwar hoch gelegt, doch momentan scheint es, als könnt das Staatstheater nahtlos anschließen.


Noch mehr Theater gibt es übrigens im Rahmen der aktuell laufenden „USA Begegnungen“ zu sehen. Die Veranstaltungsreihe des Kulturbüros scheint zwar zur Unzeit zu kommen. Immerhin sorgt vieles, was jenseits des Atlantiks passiert, nicht mehr nur für Irritation, sondern für mittelschwere Angstzustände. Aber das ist nicht etwa ein Grund sich abzuwenden, sondern umso genauer hinzusehen. Die Kulturetage etwa hat das mit der „Expedition in die Area X“ getan, die tatsächlich den Theatersaal verlässt und das Publikum in den Stadtraum entführt. Aber auch das Staatstheater beteiligt sich und zeigt mit „Das Ende des Westens“ ein ambitioniertes Stück unter der Regie von Lukasz Lawicki, der immer für besondere Theatermomente sorgt.


Insgesamt zeigen die „USA Begegnungen“, wie eine Kulturszene gemeinsam an einem großen Vorhaben arbeiten kann, das in der Summe mehr ist als die einzelnen Teile. Es lohnt sich, auch jenseits der Theaterprojekte ein Blick auf das Programm zu werfen.

 

 

Die Zukunft von gestern

 

Apropos: Auch die anderen Häuser sind inzwischen in die neue Spielzeit gestartet. Ob Theater Hof/19, Theater Laboratorium, theater werde+, Theater k oder Unikum: Alle haben im Sommer an ihren Programmen gefeilt und bieten einen attraktiven Mix aus Premieren und Wiederaufnahmen, aus Gastspielen und Sonderformaten. Es lohnt sich sehr, die Augen offen zu halten und die jeweiligen Programme anzusehen – so wie es die Theaterfans schon am 23. Mai getan haben, als das Staatstheater den Blick in eine Zukunft warf, die wir jetzt live erleben.

 

Letztlich ist es aber ganz egal, ob man diesen Termin damals wahrgenommen hat oder ob man tatsächlich die Sommerferien mit Vorfreude auf den Herbst verbracht hat. Wichtig ist vor allem eines: Die Theaterzeit ist da! Das Wetter macht es uns aktuell recht einfach, den Terrassenstuhl gegen den Theatersessel einzutauschen. Und wer weiß? Vielleicht wird ja in diesem Jahr der Herbst die Phase mit den intensivsten Erinnerungen? Die Bühne ist dafür bereitet. In diesem Sinne: Vorhang auf fürs Hier und Jetzt!

 
 
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