KIANA HAYERI: TAUSEND LEBEN LEBEN
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Fotos sind allgegenwärtig. Wir alle knipsen ständig, Bedeutungsvolles und Belangloses. Und manche Bilder sind sogar ganz passabel. Versierte Fotografien von echten Profis sind aber etwas völlig anderes - vor allem dann, wenn es nicht nur um einen Schnappschuss geht, sondern um Visual Storytelling. Die iranisch-kanadische Fotografin Kiana Hayeri gehört zu den besten Erzählerinnen dieser Art - und wurde nun schon zum zweiten Mal mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet. Wir haben ausführlich mit ihr über ihre Arbeit in Krisengebieten gesprochen.

Es ist ein alter Menschheitstraum: Nicht nur dieses eine Leben leben - sondern viele weitere, in entfernten Ländern und fremden Kulturen, unter völlig anderen Umständen, mit ganz neuen Erfahrungen. Doch so lange man nicht an die ewige Wiedergeburt glaubt, sieht es mit der Umsetzung schlecht aus. Wir sind in unserem eigenen Kopf und Körper gefangen - samt der Kontexte um sie herum.
Oder etwa doch nicht? Nun - es kommt darauf an. Denn es gibt Berufe, die das Eintauchen in andere Lebensrealitäten zumindest ein Stück weit möglich machen. Dazu gehören Journalist:innen oder Podcaster:innen. Noch besser haben es aber Fotograf:innen, die sich auf Visual Storytelling spezialisiert haben. Sie begleiten ihre Themen bzw. Motive über längere Zeiträume, führen ausführliche, manchmal philosophische Gespräche - und tauchen tief in andere Leben ein. Damit kommen sie dem alten Menschheitstraum recht nah.
Genau das tut auch Kiana Hayeri - und zwar so spektakulär und erfolgreich, dass sie nun als eine von nur sehr wenigen Fotograf:innen bereits zum zweiten Mal mit einem World Press Photo Award ausgezeichnet wurde. Wie es der 38-Jährigen gelingt, ihr Geschichten zu finden und einzufangen? Wie sie ein Gespür für die Gegebenheiten entwickelt und das Vertrauen der Menschen gewinnt? Und wie es sich anfühlt, in Krisengebieten wie Afghanistan zu arbeiten? Darüber haben wir mit der Ausnahmekönnerin bei ihrem Besuch der WPP-Ausstellung in Oldenburg gesprochen.

Die Kamera als Ausrede
Kiana, Du bist eine vielfach ausgezeichnete Fotografin. Aber wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, diesen Weg einzuschlagen? Was gefällt dir an der Fotografie?
Ich war ein Teenager, als ich den Iran verlassen habe und sprach kein Englisch, als ich in Kanada ankam. In der Schule habe ich ESL-Kurse (English as Second Language, Anm. d. Red.) gemacht, aber auch alle Kunstkurse, die es gab. Fotografie fühlte sich sehr richtig an, weil ich nicht sprechen musste. Das Foto spricht für mich. Ich habe mich also wirklich mit diesem Medium verbunden gefühlt, und ich habe die Kamera einfach geliebt – deshalb habe ich viel Zeit damit verbracht. Ich habe durch den Fotokurs im Labor Freund:innen gefunden, wurde immer besser und habe dann sogar andere Schüler:innen unterrichtet. So wurde die Kamera zu einem Werkzeug, das mich mit meiner Umgebung verbunden hat. Und ich denke, dieses Thema hat sich durch mein ganzes Leben gezogen: Ich bin an viele, viele Orte gezogen, später auch nach Afghanistan. Keiner dieser Orte war ursprünglich mein Zuhause, aber ich hatte diese gute „Ausrede“ – die Kamera –, um mit Menschen in Kontakt zu treten, in ihre Häuser zu gehen, mich einzubetten. Und was ich oft sage:
Was ich an meinem Job liebe, ist, dass ich mit dieser Kamera tausend Leben in einem einzigen Leben leben kann. Und genau das zieht mich bis heute so sehr an – an Orte zu gehen oder Erfahrungen zu machen, die ich sonst nie hätte machen können.
Kurzbiographie Kiana HayeriJournalismus trifft Emotion
Kiana Hayeri (*1988 in Teheran) zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen Stimmen des dokumentarischen Foto-Journalismus. Die iranisch-kanadische Fotografin wuchs im Iran auf und emigrierte als Jugendliche mit ihrer Familie nach Toronto. Dort entdeckte sie die Fotografie als Mittel, sprachliche und kulturelle Barrieren zu überwinden – ein Ansatz, der ihr Werk bis heute prägt. ![]() International bekannt wurde Hayeri vor allem durch ihre langjährige Arbeit in Afghanistan. Ab 2014 lebte sie mehrere Jahre in Kabul und dokumentierte den Alltag einer Gesellschaft zwischen Krieg, Hoffnung und gesellschaftlichem Wandel. Im Zentrum ihrer Arbeiten stehen häufig Frauen, Jugendliche und marginalisierte Gruppen. Ihre Fotografien zeigen nicht nur Gewalt und politische Konflikte, sondern auch intime Momente des Alltags, Fragen von Identität, Migration und Selbstbestimmung.
Besondere Aufmerksamkeit erhielt Hayeri für ihre Bildserien über das Leben afghanischer Frauen nach der Machtübernahme der Taliban. Ihre Arbeiten verbinden journalistische Präzision mit großer emotionaler Nähe und zeichnen sich durch eine respektvolle, oft poetische Bildsprache aus. Internationale Medien wie The New York Times und National Geographic veröffentlichten ihre Reportagen regelmäßig.
Für ihre Arbeit erhielt Hayeri zahlreiche renommierte Auszeichnungen, darunter die Robert Capa Gold Medal, den Tim Hetherington Visionary Award und den Leica Oskar Barnack Award. Zudem war sie Teil eines „New York Times“-Teams, das für die Berichterstattung über den Zusammenbruch Afghanistans für den Pulitzer-Preis nominiert wurde. Heute lebt Hayeri in Sarajevo und arbeitet weiterhin an langfristigen Projekten über Konflikt, Erinnerung und gesellschaftliche Umbrüche
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Du bist aber nicht „nur“ Fotografin geworden. Du bezeichnest dich selbst als „Visual Storyteller“, also als eine bildliche Erzählerin. Kannst du den Unterschied erklären?
Ab meiner Generation kann im Grunde jeder ein Foto machen. Nicht jeder macht ein gutes oder herausragendes Foto. Aber die eigentliche Frage heute ist: Was habe ich zu sagen? Welche Geschichte erzähle ich? Welche Perspektive teile ich? Ich interessiere mich weniger für reine Nachrichten, für das bloße Festhalten und Dokumentieren, sondern mehr dafür, dieses Werkzeug zu nutzen, um Geschichten zu erzählen. Geschichten stecken in allem – selbst Branding oder Marketing basiert auf Storytelling. Ich sehe visuelles Erzählen sehr ähnlich wie das Schreiben eines Buches. Als ich im Iran aufgewachsen bin, waren Bücher das, was mir erlaubt hat, die Welt zu bereisen und andere Kulturen zu verstehen und zu sehen. Leider lesen immer weniger Menschen, und immer mehr schauen Bilder an. Und deshalb sehe ich Fotografie heute als eine Möglichkeit, diese Geschichten weiterzutragen.

Der Hauptunterschied zu den vielen Millionen Hobbyfotograf:innen ist also, dass es nicht darum geht, ein gutes Bild zu machen, sondern mit Bildern eine Geschichte zu erzählen?
Genau. Und es geht auch darum, wie man diese Geschichte erzählt. Eine Sache hat sich in den letzten 10 bis 15 Jahren nämlich deutlich verändert. Es gab einmal eine Zeit, in der ein einziges Foto den Lauf der Geschichte verändern konnte – wie das „Napalm Girl“ in Vietnam oder der „Tank Man“ in China. Aber:
Das Zeitalter des einzelnen Fotos vorbei ist. Heute geht es um den Strom von Bildern.
Das sieht man auch in meinen Social-Media-Kanälen: Es ist ein fortlaufender Strom einer Geschichte. Es sind also nicht nur ein oder zwei Bilder, sondern ein kontinuierliches Thema, das sich durchzieht. Und ich glaube, das ist die Welt, in der wir heute leben.
Was denkst du: Warum ist das so?
(Hält vielsagend ihr Smartphone hoch) Wir werden ständig mit visuellen Eindrücken konfrontiert, permanent damit überschüttet. Ich selbst habe zwar kein TikTok, aber auch ich schaue mir so viele Dinge an. Ich habe hier Leute gefragt, welche Geschichten sie in letzter Zeit besonders überrascht haben, und vielen fiel es schwer zu antworten, weil wir so vielen Eindrücken ausgesetzt sind, dass etwas wirklich sehr stark und sehr überraschend sein muss, um hängen zu bleiben.
Lebhaften Erzählerin: Kiana Hayeri ist es ein spürbares Anliegen, ihre Themen zu vermitteln. Das gelingt ihr auf sehr anschauliche, bewegende und sympathische Weise. (Bilder: Kulturschnack)
Afghanistan: No Woman's Land
Du bist ja vor allem für deine Arbeit in Afghanistan bekannt. Seit 2021 haben dort wieder die Taliban die Kontrolle. Gab es in deinem Umfeld eigentlich Bedenken, unter diesen Bedingungen dort zu arbeiten?
Ich war sogar dort, als die Taliban die Macht übernommen haben, und ich habe 13 Monate unter den Taliban gelebt. Und selbst nachdem wir Afghanistan „verlassen“ hatten, habe ich weiterhin dort gearbeitet. Ich bin zwar nach Sarajevo gezogen, aber ich bin immer wieder zurückgekehrt, oft für die New York Times. Und dann habe ich das Projekt „No Woman's Land“ gemacht, das schließlich mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet wurde. Deshalb kam diese Frage – ob es eine schlechte Idee wäre, dort zu arbeiten – eigentlich nie wirklich auf. Aber gleichzeitig muss ich sagen: In den zehn Jahren, in denen ich dort gelebt habe, gab es diese Fragen am Anfang schon, auch von meiner Familie. Aber meine Familie war während des Iran-Irak-Kriegs (Erster Golfkrieg von 1980 bis 1988, Anm. d. Red.) im Iran. Sie wissen also, dass das Leben weitergeht, auch wenn die Medien von einer bestimmten Nachricht dominiert werden.
Und je erfolgreicher ich in meiner Arbeit wurde, desto mehr haben sie den Wert der Zeit verstanden, die ich dort verbracht habe – sowohl persönlich als auch für die Welt.
Und du selbst? Bist du vollkommen furchtlos? Oder hattest du auch mal Angst? Und falls ja: Wie gehst du mit diesem Gefühl um?
Angst ist sehr gesund. Wenn du keine Angst hast, machst du Fehler. Wenn du keine Angst spürst, triffst du Entscheidungen, die sehr ernste Konsequenzen für dich selbst haben können und für die Menschen, mit denen du arbeitest oder die du fotografierst. Also ist Angst etwas Gutes. Die Frage ist eher: Wie überwindest du diese Angst? Ich spreche sehr offen darüber, dass es Tage gab, an denen ich kaum aufstehen konnte, weil ich so große Angst hatte vor dem, was mich an diesem Tag erwartete. Das ist nicht schön, aber es zwingt mich, klar zu denken: Lohnt es sich oder nicht? Was sind die Risiken?
So war es aich im Vorfeld der Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021. Ich hatte damals einen riesigen Auftrag für National Geographic. in dieser Phase hatte ich in sechs Monaten vielleicht zehn Tage frei. Ich habe nur gearbeitet, gearbeitet, gearbeitet – für sie und gleichzeitig auch für die New York Times. Es gab keinen einzigen freien Tag, gleichzeitig gab es einen Selbstmordanschlag nach dem anderen. Am Ende war ich völlig ausgebrannt, einfach fertig. Deshalb traf ich die Entscheidung: Wenn die Taliban die Macht übernehmen, gehe ich – und das habe ich auch getan. Am Tag der Machtübernahme wurde ich zusammen mit dem Team der New York Times und vielen anderen evakuiert. Ich habe dann zuhause in Kanada sechs Wochen Pause gemacht und bin danach wieder nach Afghanistan zurückgekehrt und bis 2023 geblieben. Und ich bin damit völlig im Reinen.
Bunter als man denkt: Afghanistan ist ein äußerst facettenreiches Land. (Bilder: Pexels)
Du hast dich vor Ort mit der überaus schwierigen Situation der Frauen beschäftigt. Wie schaffst du es, dass sie sich dir gegenüber geöffnet haben? Wie gelingt es dir, dich mit den Menschen in Afghanistan zu verbinden?
Ich spreche die Sprache Dari fließend, das hilft wirklich sehr. Und wenn ich mich entsprechend kleide, falle ich oft nicht auf. Mein Gang verrät mich wohl – man sagt mir, ich habe zu viel Selbstbewusstsein für eine afghanische Frau –, aber ich kann mich einfügen, und das war über die Jahre hinweg immer sehr hilfreich. Was Vertrauen angeht, speziell für dieses Projekt „No Woman’s Land“: Meine Projektpartnerin Mélissa Cornet, eine französische Wissenschaftlerin, Autorin und Frauenrechtlerin, hat genau wie ich lange in Afghanistan gelebt. Sie etwa sieben Jahre, ich zu diesem Zeitpunkt neun Jahre. Wir hatten also viele persönliche Kontakte aus Freundschaften und aus der Arbeit. Wir haben diese Kontakte angesprochen und erklärt, was wir brauchen. Sie haben wiederum in ihrem Umfeld nachgefragt. Wenn jemand für dich bürgt, hast du schon die Hälfte des Vertrauens gewonnen, weil du durch eine bekannte Verbindung kommst. Was ebenfalls wichtig war: Es gab keinen Zeitdruck. Wir haben Zeit mit den Familien verbracht, wir haben auf Partys mit ihnen getanzt, mit ihren Müttern in der Küche gekocht. Diese gemeinsame Zeit sorgt dafür, dass sie Vertrauen aufbauen und uns den Zugang geben, den wir brauchen. Ein weiterer Punkt ist, dass Melissa und ich dieselben Werte teilen.
Wir waren beide sehr frustriert darüber, wie Frauen in Afghanistan oft dargestellt werden – in Burkas, beim Betteln nach Brot. Wir wollten sie mit Würde zeigen und ihnen Handlungsmacht geben, selbst zu entscheiden, wie sie sich zeigen und ihre Geschichten erzählen.
Und wir wollten alle Seiten beleuchten. Wir haben zum Beispiel mit der Frau eines Taliban gesprochen, die darüber erzählt hat, wie sich ihr Leben seit dem Machtwechsel verändert hat – oder eben nicht. Wir haben mit jungen Mädchen gesprochen, die nicht zur Schule gehen dürfen. Mit Frauen, die in Städten an der Frontlinie gelebt haben, wo ständig gekämpft wurde. Wir haben versucht zu verstehen, was es bedeutet, eine Frau zu sein – im Jahr 2024, drei Jahre nach der Machtübernahme der Taliban.

War es für die Frauen gefährlich, mit dir zu sprechen?
Viele Leute sagen zu mir: „Du bist so mutig“, weil ich diese Arbeit in Afghanistan gemacht habe. Aber in Wirklichkeit sind diese Frauen die Mutigen. Der Mut, den sie hatten – nicht nur, ihre Stimme zu erheben und sich vor meine Kamera zu stellen, sondern überhaupt, sich mit uns zu treffen –, war enorm. Für manche von ihnen war das in ihren Gemeinschaften mit Gefahr verbunden. Diese Frauen waren unglaublich mutig.
Wie leicht oder wie schwer war es denn letztendlich, die Frauen für das Projekt zu gewinnen?
Glaub mir, wir haben an zwanzig Türen geklopft, um ein einziges Ja zu bekommen. Neunzehn Frauen haben uns weggeschickt. Es ist nicht so, dass man jemanden anspricht und alle sagen sofort zu. Tatsächlich sagen mehr Menschen Nein als Ja. Viel läuft über Empfehlungen: Jemand stellt den Kontakt her, wir melden uns, erklären, wer wir sind. Ich achte darauf, dass sie wissen, dass wir schon lange in Afghanistan sind und die Situation verstehen. Wir erklären auch, was wir vorhaben, und stellen sicher, dass sie wissen, dass die Arbeit weltweit gesehen wird.
Gleichzeitig ist Bildung in Afghanistan sehr unterschiedlich. Wenn du mit einer Frau in der Stadt sprichst oder mit jemandem aus einer ländlichen Region, ist das Verständnis von „der Welt“ sehr verschieden. Jemand, der in einem abgelegenen Dorf aufgewachsen ist und es nie verlassen hat, versteht oft nicht, was „die Welt wird das sehen“ bedeutet – egal, wie oft du es erklärst. Dann müssen wir für sie mitdenken.
Ähnlich war die Situation bei jungen Mädchen: Teenager können oft noch nicht absehen, was Entscheidungen von heute in Zukunft bedeuten könnten. Sie sagen vielleicht „Es ist okay, so fotografiert zu werden“, aber wir wissen, dass sich in fünf Jahren vieles ändern kann und es ihnen schaden könnte. Dann müssen wir abwägen. Gleichzeitig wollten wir den Frauen Handlungsmacht geben – wenn sie sprechen wollen, sollen sie sprechen. Aber manchmal sagten wir auch: Das ist zu riskant. Wie findet man da die Balance? Wir führen ständig Gespräche untereinander, um genau das zu entscheiden.

Würdest du sagen, dass Fotografieren am Ende nur ein Teil deiner Fähigkeiten als Visual Storyteller ist? Es kommt ja auch darauf an, wie du auf Menschen zugehst, wie du mit ihnen sprichst. Man braucht dafür kommunikatives Talent.
Absolut. Ich sage immer: Das eigentliche Fotografieren macht vielleicht 20 bis 30 Prozent der Arbeit aus. Ein großer Teil besteht darin, Vertrauen aufzubauen. Ein großer Teil darin, die Geschichte zu verstehen. Und ein großer Teil darin, zu überlegen, wie man diese Geschichte erzählt. Dazu kommt viel organisatorische Arbeit: Wie bekommt man Finanzierung? Wie sorgt man dafür, dass die Arbeit gesehen wird?
Wie bringt man eine Diskussion in Gang? Denn wir schauen uns zwar die Fotos an – aber wenn man fünf Minuten später weiterscrollt, was bringt es dann? Also: Wie schafft man es, insbesondere bei einem jungen Publikum, Engagement zu erzeugen und das Ganze als Werkzeug für Bildung zu nutzen?

Kiana Hayeri: Das Unmögliche vermitteln
Warum hast du das Gefühl, dass das normale Leben in Afghanistan erzählt werden muss? Die meisten Menschen interessieren sich eher für Selbstmordanschläge oder ähnliches. Warum ist der Alltag so wichtig?
Die Medien lieben bestimmte Arten von Geschichten – das klassische Sprichwort lautet: „If it bleeds, it leads.“ Aber genau so schafft man Distanz zu einer Welt, die weit entfernt ist. Meiner Meinung nach sind die erfolgreichsten Geschichten diejenigen, die Menschen aus weit entfernten Orten berühren und in denen sie sich wiederfinden. Eine Mutter – egal, wo auf der Welt – wird die Geschichte einer afghanischen Mutter lesen und sich darin wiedererkennen, weil es eine gemeinsame Erfahrung ist. Auch wenn ihr Leben sehr unterschiedlich ist.
Aber wenn diese Mutter davon spricht, sich selbst in Gefahr zu bringen oder darauf zu verzichten zu essen, damit ihr Kind essen kann, dann versteht das jede Mutter auf der Welt. Und genau so habe ich immer versucht, Geschichten zu erzählen.
Erreichst du durch deinen Fokus auf den Alltag, dass die Menschen im globalen Westen ein präziseres Bild vom Leben in Afghanistan bekommen? Können wir es dadurch ein Stück weit nachvollziehen?
Ja und nein. Ich stimme dir in dem zu, was du sagst, aber ich würde auch dagegenhalten, dass man es einfach nicht nachempfinden kann, solange man es nicht selbst erlebt hat, Menschen sprechen oft darüber, wie widerstandsfähig Afghan:innen sind, aber ich denke, „Resilienz“ ist ein Begriff für privilegierte Menschen. Es ist ein Begriff, der im Kontext von Afghanistan eigentlich nicht passt, weil so viel passiert, so viel Trauma da ist. Du hast gar nicht die Option, nicht wieder aufzustehen, verstehst du? Also ja, ich stimme dir zu, aber ich würde auch sagen:
Jemand, der dieses Leben nicht erlebt hat, wird niemals wirklich verstehen oder fühlen, was es bedeutet, wenn es jeden Tag einen Selbstmordanschlag in deiner Gesellschaft gibt, wenn du jeden Tag jemanden verlierst und am nächsten Morgen trotzdem wieder zur Arbeit gehen musst.

Auf deiner Reise durch Afghanistan hast du intensive Geschichten gehört. Wie gehst du mit deinen Emotionen um? Versuchst du, sie auszublenden, oder lässt du die Geschichten an dich heran? Berühren sie dich, und hilft dir das bei deiner Arbeit?
Mein Umgang damit hat sich im Laufe der Jahre verändert. Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob ich während meiner Zeit in Afghanistan gut damit umgegangen bin. Wenn du vor Ort bist und es Schlag auf Schlag geht, hast du keinen Raum, dich damit auseinanderzusetzen oder es zu verarbeiten. Ich mache seit dreizehn Jahren Therapie, egal was ist, bei Sonne oder Regen, ich mache das immer. Doch als die Gewalt in letzten Jahren vor der Machtübernahme der Taliban so extrem wurde, wusste ich, dass mich das irgendwann einholen wird. Und wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum ich eines Tages entschieden habe zu gehen und mein Zuhause woandershin zu verlegen. Auch wenn ich weiterhin in Afghanistan arbeite: Es ist gesund, diese Atempausen dazwischen zu haben. Und ich will ehrlich sein: Als ich gegangen bin, hat es mich richtig eingeholt. Es hat eine Weile gedauert, bis ich da wieder herausgekommen bin.
Jetzt, mit etwas Abstand, bin ich besser darin geworden, damit umzugehen. Ich weiß, dass ich zwischen diesen intensiven Einsätzen bewusst Raum schaffen muss. Und ich weiß auch, dass ich während eines Einsatzes manchmal einfach funktionieren muss, ohne alles zu fühlen, auch wenn ich weiß, dass es danach schwierig wird. Währenddessen ist einfach kein Platz dafür. Aber manchmal ist es besser, es direkt zuzulassen, wenn ich den Raum habe, es im Moment zu verarbeiten.
Im letzten Jahr habe ich an einer Recherche über Menschenhandel aus Ostafrika nach Saudi-Arabien gearbeitet (wofür Kiana Hayeri inzwischen ihren zweiten World Press Photo Award erhielt, Anm. d. Red.). Auf der ersten Reise habe ich alles unterdrückt, bis es mich ganz am Ende richtig hart getroffen hat. Bei der zweiten Reise habe ich bewusst entschieden, mich nicht emotional auf die Geschichten einzulassen. Ich bin hingegangen und habe nur die Fotos gemacht, weil ich keinen Raum hatte, mich mit der Dunkelheit auseinanderzusetzen, die damit einhergeht.
Bunter als man denkt: Afghanistan ist ein äußerst facettenreiches Land. (Bilder: Pexels)
Jemand hat einmal beschrieben, dass die Linse der Kamera eine Art Barriere sein kann („The lens as a barrier“). Funktioniert das für dich wirklich so?
Ja. Wenn ich fotografiere, passiert es selten, dass ich hinter der Kamera auch weine. Es gab Ausnahmen, aber das ist selten. Die Linse und die Kamera schützen einen tatsächlich. Oft holen mich diese Dinge erst später ein, wenn ich bearbeite, wenn ich vor dem Laptop sitze und meine eigenen Fotos anschaue. Oder manchmal erinnern mich ganz isolierte Situationen an etwas, vielleicht sogar Jahre später, und dann denke ich: Wow.
Afghanistan: Das missverstandene Land
Wenn du an deine Zeit in Afghanistan zurückdenkst: Gibt es bestimmte Situationen oder Ereignisse, von denen du sagen würdest, dass sie repräsentativ für diese Zeit sind? Gibt es eine Geschichte, die dich besonders berührt hat?
Oh mein Gott, da gibt es viele. Man muss verstehen: Ich bin mit 25 nach Afghanistan gegangen und mit fast 35 wieder gegangen. Ein großer, prägender Teil meines Lebens hat dort stattgefunden.
Afghanistan hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin, und ich bin sehr dankbar dafür. Einige der besten Jahre meines Lebens habe ich dort verbracht, trotz all der Schwierigkeiten. Afghanistan war sehr großzügig zu mir und hat mir viele Fähigkeiten beigebracht, die ich sonst nicht gehabt hätte.
Ein Beispiel, das mir sofort einfällt: Ich habe für das New York Times Magazine eine Geschichte über Frauen im Gefängnis gemacht – Frauen, die ihre Ehemänner getötet hatten, um aus Missbrauch und häuslicher Gewalt zu entkommen. Diese Geschichte hat mir sehr viel beigebracht. Ich war insgesamt etwa 15 Tage im Gefängnis, einmal habe ich dort sogar übernachtet. Ich bin mit bestimmten Vorstellungen in diese Geschichte gegangen, wie sie sein würde, und am Ende wurden all diese Vorstellungen komplett erschüttert. Auch meine Beziehung zu einigen dieser Frauen hat sich weiterentwickelt. Mit einer habe ich nach ihrer Entlassung weiterhin Kontakt gehabt, und nach der Machtübernahme der Taliban ist es mir gemeinsam mit einem Team gelungen, sie aus dem Land zu bringen. Bis heute besteht dieser Kontakt. Diese ganze Reise – vom Gefängnis bis zu ihrem Leben in Kanada – hat mir unglaublich viel beigebracht.
Im globalen Westen begegnet uns Afghanistan immer wieder in Filmen und Serien wie zum Beispiel Homeland. Hast du das Gefühl, das Land wird im Fernsehen oder im Kino richtig dargestellt?
Nein, das geht nicht. Tut mir leid. Ich denke, man braucht eine bestimmte Verbindung zu einem Ort, um seine Geschichten erzählen zu können. Und selbst ich bin mir nicht sicher, ob ich nach zehn Jahren wirklich qualifiziert bin, die Geschichten so zu erzählen, wie sie erzählt werden sollten. Was die Filme angeht: Es gibt tatsächlich einige, die Afghanistan im richtigen Licht zeigen, aber alle, die mir einfallen, wurden von Afghan:innen wie Sharbanoo Sadat gemacht, nicht von Amerikaner:innen oder Europäer:innen.
Kannst du ein Beispiel für etwas nennen, was wir im Westen an Afghanistan überhaupt nicht verstehen? Was wäre das Überraschendste für jemanden, die/der dort hinreist?
Viele Westler sprechen über die Großzügigkeit und Gastfreundschaft der Afghan:innen. Aber ich komme aus dem Nahen Osten, ich bin selbst aus dieser Region, und das gibt es dort überall. Für mich ist das also nichts Überraschendes, aber viele Westler kommentieren genau das. Ich glaube, es sind oft eher kleine Dinge. Bei Terminen wie diesem in Oldenburg haben mir Leute gesagt, sie wussten nicht, dass es in Afghanistan schneit. Viele Menschen sehen nur Bilder von Wüste, gelbliche, warme Farben, Trockenheit. Dabei gibt es in Afghanistan Orte, die unglaublich grün sind, und das überrascht die Leute. Dann gibt es auch Fotos von Hauspartys und Bilder von jungen Frauen mit sehr langen offenen Haaren. Viele waren davon überrascht, weil sie nicht erwartet hatten, Frauen so zu sehen oder so fotografiert zu sehen, in dieser Kleidung. Das fand ich interessant.

Viele dürfte - mit Blick auf die Ereignisse der letzten Jahre - auch überraschen, dass es überhaupt so etwas wie Alltag gibt. Als die Taliban wieder die Macht übernommen haben: Hast du da eine Veränderung gespürt, als du durch die Straßen gegangen bist?
Ja, natürlich. Das Gefühl der Veränderung war sehr unterschiedlich, je nach Zeitpunkt. In den ersten Wochen nach der Machtübernahme war es so, dass dieselben Männer – und ich sage bewusst: Männer –, vor denen wir uns früher gefürchtet hatten, plötzlich überall waren. Ich erinnere mich, dass ich in den ersten Tagen nach der Machtübernahme mit meinem Partner in einem Café war. Er saß mir gegenüber.
Rechts von mir saßen zwei Taliban und rauchten Shisha, und links von ihm saßen zwei junge Frauen, sehr modern gekleidet, sie rauchten ebenfalls. Dieses Nebeneinander war für mich schockierend. Man hätte sich nie vorstellen können, diese beiden Welten so direkt nebeneinander zu sehen.
Eine andere Veränderung war, dass die Taliban viele der Sicherheitsstrukturen abgebaut haben. Vorher gab es überall hohe Betonmauern und Stacheldraht, um wichtige Personen zu schützen. Nachdem sie die Stadt übernommen hatten, wurde vieles davon entfernt. Innerhalb weniger Wochen öffneten sich Straßen, die vorher blockiert waren, weil dort zum Beispiel ein Parlamentsmitglied wohnte. Es gab plötzlich Teile der Stadt, von denen wir gar nicht wussten, dass sie existieren, weil sie hinter diesen Mauern verborgen waren.

Es gab auch ein Gefühl von Sicherheit – und es schmerzt mich, das zu sagen. Ein Großteil der Unsicherheit zuvor war durch die Taliban selbst verursacht worden, durch Anschläge und Gewalt. Plötzlich waren sie an der Macht und verantwortlich für die Sicherheit. Dadurch fühlte es sich tatsächlich sicherer an, und weil sie sehr brutal gegen Kriminalität vorgehen, ist die Kriminalität stark zurückgegangen. Das war bemerkenswert. Aber das war alles 2021. Als wir 2024 zurückkamen, war es als zwei Frauen auf der Straße ganz anders. Belästigung gab es schon immer, auch unter der Republik, aber das Ausmaß war extrem. Viele Männer fühlten sich berechtigt, dir zu sagen, wie du dich zu kleiden hast oder dich zurechtzuweisen, weil du als Frau allein unterwegs bist.
Ich erkläre das oft mit einem Beispiel aus Amerika: White Supremacy hat immer existiert, sie war nie weg. Aber viele Menschen haben sich vielleicht nicht getraut, offen darüber zu sprechen. Mit dem Aufkommen von Trump 2016 und seiner offenen Rhetorik fühlten sich plötzlich mehr Menschen ermutigt, ihre Ansichten auszusprechen. Und man sieht, wo wir heute stehen. In Afghanistan ist es ähnlich. Diese Denkweise – viele von uns nennen sie „Talibanismus“ – war schon immer in den Köpfen vieler Männer vorhanden, auch während der zwanzig Jahre westlicher Präsenz. Sie wurde nur nicht offen ausgesprochen. Mit der Rückkehr der Taliban hatten diese Menschen plötzlich den Raum und den Mut, sie offen zu äußern.

Ist das auch ein Grund, warum du besonders Frauen eine Stimme geben willst? Weil sie so stark unterdrückt werden?
Ich denke, einer der Hauptgründe für diese Arbeit ist folgender: Als die Taliban die Macht übernahmen, arbeitete ich an einem Projekt mit einem Stipendium von National Geographic. Ich fotografierte junge Mädchen in Afghanistan und im Ausland, die 2021 gegangen waren, um zu sehen, wie sich ihr Leben verändert hat. Während ich die Mädchen in Afghanistan fotografierte, wurden Tag für Tag neue Einschränkungen eingeführt. Ich geriet in Panik, weil Dinge, die ich eine Woche oder einen Monat zuvor fotografiert hatte, plötzlich verboten waren. Das bedeutete, dass ich diese Fotos nicht zeigen konnte oder die Mädchen dadurch in Gefahr gebracht hätte. Dann hatte ich ein Gespräch mit meinem Editor, James Wellford, und das hat meine Sicht auf meine Arbeit verändert.
Er sagte: Schau, du dokumentierst gerade einen Teil der Geschichte. Vielleicht kann es heute nicht gezeigt werden, aber irgendwann wird es einen historischen Wert haben. Das war für mich ein Wendepunkt.
Ich hatte Fotos immer gemacht, um sie zu veröffentlichen, um sofort Geschichten zu erzählen. Ich hatte nie darüber nachgedacht, dass es wichtig sein kann, Dinge festzuhalten, die erst in 20 oder 30 Jahren Bedeutung bekommen. Und ich glaube, diese Arbeit – zu dokumentieren, wie Frauen versuchen, in einer Gesellschaft zu existieren, die sie so stark unterdrückt – hat genau diesen Wert. Besonders auch Bilder, die ich bisher noch nie gezeigt habe. In 50 Jahren können junge Menschen darauf schauen und sagen: So haben unsere Mütter und Großmütter gelebt.

Hattest du jemals den Wunsch, etwas Vergleichbares auch in deinem Heimatland Iran zu machen? Dort ist die Situation für Frauen ja ebenfalls schwierig.
Es gibt viele erstaunliche Fotograf:innen, Journalist:innen und Geschichtenerzähler:innen im Iran, von denen ich wirklich hoffe und auch glaube, dass sie dokumentieren, was dort passiert. Aber: Ja, der Drang ist da. Und ich denke, irgendwann in meiner Therapie habe ich verstanden, dass ich in Afghanistan gelandet bin, weil ich das, was ich im Iran machen wollte, nicht machen konnte. Also habe ich es auf Afghanistan projiziert, weil es das Nächstliegende für mich war. Um den Iran als Heimat zu behalten und nicht ins Exil gezwungen zu werden, musste ich aufhören, dort zu arbeiten. Und ich denke, deshalb bin ich nach Afghanistan gegangen, um dort zu arbeiten.
Ich träume tatsächlich oft davon, in den Iran zu gehen. Im vergangenen September war ich nach längerer Zeit mal wieder da. Viel hat sich verändert, seit die Bewegung von Jina Mahsa Amini begonnen hat. Ich kam in ein Teheran, das sehr anders war als das, das ich verlassen hatte. Es fühlte sich wie eine andere Gesellschaft an.
Und ob du es glaubst oder nicht: Ich war in Teheran und habe kein einziges Foto gemacht, nicht einmal mit meinem Handy. Denn sobald ich das mache, verändert sich meine Wahrnehmung der Gesellschaft, Ich wollte einfach dort sein und fühlen, was ich fühlen muss. Es war okay, kein Foto zu machen.
Die Schönheit des Einfachen
Als du damals an „No Woman's Land“ gearbeitet hast: Konntest du schon spüren, dass du etwas Besonderes geschaffen hast, das viel Anerkennung bekommen könnte?
Anerkennung war niemals eine Motivation für uns, an diesem Projekt zu arbeiten. Ich denke, sowohl Melissa als auch ich wurden davon angetrieben, diese Möglichkeit zu haben. Wir hatten ein großartiges Team bei der Fondation Carmignac. Wir hatten ein PR-Team, wir hatten ein Social-Media-Team, die uns geholfen haben, die Arbeit nach draußen zu bringen. Ich denke, für uns war die Motivation, diese Arbeit zu machen und sie so weit wie möglich nach außen zu bringen - und das haben wir geschafft. Die Anerkennung, die danach kam, ist schön. Sie macht mich auch sehr glücklich. Zum Beispiel bei World Press Photo sind viele Schulen involviert. Wir haben viele Vorträge an Schulen gemacht, und Schüler:innen löchern uns ständig mit Fragen. Und das ist für mich viel wichtiger – die junge Generation zu sehen, die mit diesen Fotos interagiert, Fragen stellt, von ihnen zum Nachdenken und zum Umdenken gebracht werden. Das hat für mich viel mehr Wert als eine kleine Plakette, die man bekommt.

Ist der World Press Photo Award für dich denn noch etwas Besonderes? Oder nur noch eine weitere Auszeichnung?
Natürlich ist es sehr, sehr schön, so eine Auszeichnung .zu bekommen. Aber ich denke, das Schönste an World Press Photo war, dass die Ausstellung auf Tour geht und die Arbeit an Orte gelangt, an die sie sonst wahrscheinlich nicht kommen würde. Das ist für mich der eigentliche Wert des World Press Photo Awards. Und ich wusste das auch vorher, weil ich mit 16 als Studentin freiwillig für World Press Photo gearbeitet habe, beim Aufbau und Abbau der Ausstellung. Also wusste ich schon, dass es an viele Orte gelangt. Für mich ist der größte Wert wirklich dieser Aspekt.
Zu diesen Orten gehört nun auch Oldenburg. Sind Städte wie diese eigentlich total langweilig für dich, weil es hier im Vergleich zu Afghanistan zu bequem ist? Oder ist es cool, eine Geschichte zu Menschen zu bringen, die sie hören wollen?
Beides gleichzeitig. Meine Lieblingsorte für Ausstellungen sind tatsächlich kleine Städte. Denn die Menschen, die zur Ausstellung kommen, sind engagiert, sie haben Fragen, sie lernen, sie sind überrascht. Wenn du dieselbe Ausstellung in Berlin oder Paris hast, ist das Engagement ganz anders. Deshalb liebe ich kleine Städte eigentlich. Aber: Der Komfort im Westen ist für mich immer unangenehm. Ich habe Afghanistan geliebt und lebe jetzt in Bosnien, weil dort alles viel roher ist. Die Emotionen, die du erlebst, sind sehr roh, sehr echt. Die Schwierigkeit des Lebens lässt dich alles schätzen – von Strom über Wärme bis Wasser. Du gehst in einen Supermarkt und willst Shampoo kaufen – und es gibt genau zwei. Du musst eines wählen.
Es gibt eine Schönheit in dieser Einfachheit. Ich schätze es sehr, wenn Obst und Gemüse saisonal sind. Wenn du auf den Markt gehst und genau das verfügbar ist, nicht alles aus der ganzen Welt importiert und jederzeit verfügbar. Dieses Leben im Westen finde ich manchmal unangenehm – diese Überfülle. Aber was Interaktion und Austausch mit Menschen betrifft, liebe ich kleinere Städte wie Oldenburg am meisten.

Wenn du an deine Arbeit denkst, hast du ein größeres Ziel damit?
Ja, und das hat sich im Laufe meines Lebens verändert. Mit 25 hatte ich ein großes Ziel, mit 30 ein anderes, und jetzt wieder ein anderes. Ich war Teenager, als ich von der Fotografie einer Person beeinflusst wurde und beschlossen habe, Fotojournalistin zu werden. Ich weiß, wie man junge Menschen beeinflussen kann und wie ein einfaches Foto jemanden auf einen ganz anderen Lebensweg bringen kann. In der jetzigen Phase meiner Karriere geht es mir nicht um Preise oder Orte, es geht mir auch um ein Vermächtnis. Darum, die junge Generation zu beeinflussen und sie hoffentlich zu bilden.
Gerade jetzt - in einer Welt, in der Frauenrechte, LGBTQ-Rechte und vieles mehr sehr schnell zurückgenommen werden - ist mein Antrieb, die junge Generation zu bilden.
Und in dieser wilden Welt, in der wir leben, mit all dem alltäglichen Wahnsinn – hast du den Eindruck, dass du gehört wirst?
Sehr gute Frage. Ich muss nachdenken. (zögert) : Ja, ich glaube, ich werde gehört. Aber ich bin privilegiert, weil ich das Glück habe, mit großen Medien zu arbeiten, die von Menschen gesehen und gelesen werden. Denn du kannst die gleiche Arbeit machen, und wenn du sie nicht an einem Ort veröffentlichst, wo Menschen sie lesen, wird sie unbemerkt bleiben. Die Menschen werden sie nicht sehen. Aber eine Frage gilt für mich wie für alle anderen: Erinnern sich die Menschen fünf Minuten später noch daran? Da bin ich mir nicht sicher.

Kiana Hayeri: Eine von den Guten
Wahrscheinlich hat Kiana Recht: Die Wirkungsmacht einzelner Bilder ist heute deutlich weniger hoch als früher. Das hat nicht nur mit der unbegrenzten Masse zu tun, sondern auch mit der Erosion der Authentizität. Nicht nur machen wir alle unzählige Bilder, durch KI kommen Milliarden künstlich erzeugte noch hinzu. Durch die damit einhergehende Überforderung wird unsere Aufmerksamkeits- und Erinnerungsspanne immer kürzer. Zwar haben wir auf diese Weise auch das Gefühl, tausend Leben zu leben - aber nur als flüchtige Momente, nicht als intensive Erfahrung.
Und doch machen Kianas Aussagen Hoffnungen. Paradoxerweise scheint sie gerade mit ihren langfristigen Projekten, mit ihren aufwändigen Erzählungen eben doch durchzudringen. Davon zeugen nicht nur die zahlreichen Aufträge renommierten Medien und die vielen Auszeichnungen, davon zeugt auch die Zahl ihrer Follower:innen auf Instagram: 170.000. Doch darum allein geht es ihr nicht. Kiana möchte Menschen ins Auge sehen, sie ganz direkt von ihren Anliegen überzeugen - und genau das tut sie, bei TED Talks ebenso wie in Oldenburg. Solange es Menschen gibt wie sie, die uns die Welt nicht nur in all ihren schaurig-schönen Facetten zeigen, sondern auch noch fesselnd darüber sprechen, so lange können wir hoffen, dass wie in der Flut an Bildern, Inhalten und Informationen nicht untergehen.
Tausend Leben leben? In fernen Ländern, unter anderen Umständen, mit neuen Erfahrungen? Für die meisten von uns bleibt das ein ewiger Traum. Kiana Hayeri kommt nah ran - und wir dürfen dankbar sein, dass sie uns mit ihren Bildern davon erzählt.









































