JAKOB SCHWERDT-FEGER: KUNST TRIFFT COMEDY
- 18. Mai
- 5 Min. Lesezeit
„Wenn es in Museen Treuepunkte gäbe, hätte ich mir als Teenager locker ein Pfannen-Set von WMF verdient.“ So beginnt Jakob Schwerdtfeger sein neues Buch „Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist die Kunstgeschicht.“ Und genau so klingt Kunstgeschichte, wenn er sie erzählt: persönlich, witzig, ohne Berührungsängste.
Hand aufs Herz: Wann habt ihr das letzte Mal einen Text über Kunstgeschichte gelesen und seid dabei nicht eingeschlafen? Wann hat euch jemand von Epochen und Meisterwerken erzählt, ohne dass ihr euch gefragt habt, ob ihr aus Versehen in eine Uni-Vorlesung geraten seid?
Kunstgeschichte klingt oft kompliziert, trocken, sehr weit weg und als wäre sie nur für Leute mit Studium gemacht. Da ist es erfrischend auf Kunsthistoriker wie Jakob Schwerdtfeger zu treffen, die es anders machen. Radikal anders.
Jakob: Schwerdtfeger: Erfinder der Kunstcomedy
Jakob kennt beide Welten: die großen Säle des Städel Museums in Frankfurt, wo er viele Jahre arbeitete und sich durch Epochen, Meister und Maltechniken grub. Aber auch die Bühne: laut, lebendig, live.
Vor ihm lag eine klassische Kunsthistoriker-Karriere, er hat sogar ein Digitorial über Monet entwickelt, das mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde. Doch 2012 beschloss er: Ich gehe auf die Bühne. Als Stand-up-Comedian. Statt andächtiger Stille gibt es hier herzliches Gelächter – über witzige Zufälle in der Kunstgeschichte, über Galeristen, die sich mehr 'Hermès-Dichte' beim Publikum wünschen oder Ernst Ludwig Kirchner, der als Fake-Kritiker seine eigenen Werke lobte.
Er hat sich mit Kunstcomedy ein eigenes Genre geschaffen, tourt mit seinem Programm „MEISTERWERK“ durch Deutschland und wurde für seine Arbeit mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet. Er moderierte für ARD-Kultur das TV-Format „Ich sehe was, was du nicht siehst“, hostet den Podcast „Kunstsnack“ für die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe und produziert Kurzvideos über Kunst, die auf Instagram, YouTube und TikTok millionenfach geklickt werden. Seine Kolumne „Das Kunstwerk“ erscheint in der Zeitschrift „chrismon“.
KUNSTCOMEDY IM SCHLOSSSAAL:
LESUNG MIT JAKOB SCHWERDTFEGER
28. MAI 2026
19 UHR
LANDESMUSEUM KUNST & KULTUR OLDENBURG
SCHLOSSPLATZ 1
26122 OLDENBURG
Die Kunstwelt auf Korn
Was Kunstcomedy konkret bedeutet? Er nimmt die Kunstwelt aufs Korn – charmant, pointiert, treffend. Bei einem Galerierundgang hörte er mal einen Galeristen sagen: „Gut, dass das Event hier 30 Euro kostet, das hebt die Qualität des Publikums.“ Ein anderer erwiderte: „Na ja, ich hätte mir noch eine etwas höhere Hermès-Dichte gewünscht.“ Schwerdtfegers Reaktion im Buch: „Ich hätte mir eine geringere Dichte an solchen Typen gewünscht.“
Er erzählt von großen Meistern und unterschätzten Underdogs, sucht nach Funfacts wie „ein überengagiertes Trüffelschwein“ und macht das alles so, dass man nicht nur versteht, worüber er spricht, sondern auch noch lachen muss. Unter anderem vielleicht über die Tatsache, dass es einen Künstler gab, der als „Meister des dicken Christuskindes“ in die Kunstgeschichte einging. Die Merkel-Raute? Gab es schon in der Gotik, auf einem Gemälde aus dem 15. Jahrhundert.
All das erzählt Jakob voller Begeisterung und macht uns sofort Lust, ins Museum zu gehen.
Das neue Buch: „Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist die Kunstgeschicht.“
Sein erstes Buch war ein Spiegel-Bestseller. Jetzt legt Jakob Schwerdtfeger nach: „Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist die Kunstgeschicht.“ Dabei nimmt er sich nichts Geringeres vor als die komplette Kunstgeschichte – vom Mittelalter bis heute, quer durch alle Epochen, gespickt mit Anekdoten, die wir in keinem Lehrbuch finden (dort aber auch schön wären). Schwerdtfeger gibt darin offen zu, was er nicht mag:
„Eigentlich hatte ich gar keinen Bock darauf, dieses Buch mit Romanik und Gotik zu eröffnen“
beginnt das Mittelalter-Kapitel. Beim Künstler Jonathan Meese wird er noch deutlicher: „Ich würde gerne schreiben, dass ihr jedem zeitgenössischen Kunstwerk eine Chance geben solltet, aber ich tue es selbst nicht. Ich möchte nichts davon in meinem Buch haben.“ Diese Ehrlichkeit macht das Buch greifbar. Schwerdtfeger tut nicht so, als würde er alles toll finden. Er zeigt: Auch Kunsthistoriker:innen dürfen Kunst blöd finden.
Seine Pop-Kultur-Vergleiche sitzen. Barock beschreibt er als „Kunst auf Koks und Valium“ – Peter Paul Rubens' wilde Jagdszenen auf der einen Seite, niederländische Stillleben auf der anderen. Die Milka-Kuh? Nachfolgerin von Franz Marcs blauem Pferd. Giottos Ognissanti-Madonna hat einen goldenen Hintergrund, der „eher an Ferrero Rocher erinnert“. Kirchners grüne Gesichter erklärt er mit dem WhatsApp-Emoji, dem speiübel ist: „Niemand wird wirklich jemals derart grün im Gesicht, aber es drückt den Zustand von Übelkeit gut aus.“
Das Buch steckt voller Geschichten, die hängen bleiben. Wusstest ihr zum Beispiel, dass Männer im 15. und 16. Jahrhundert Schamkapseln trugen? Künstliche Polsterungen im Schritt, die „Paarungsbereitschaft signalisieren sollten. Außerdem hatten die Herren dadurch stets einen praktischen Garderobenhaken parat.“ Picasso und Eminem haben zeitgleich gelebt. Nur ein Jahr lang, aber immerhin. Rubens' Gemälde „Jagd auf Nilpferd und Krokodil“ misst acht Quadratmeter – „oder umgerechnet in die wichtigste Maßeinheit: 63 Pizzakartons.“
Schwerdtfeger zeigt in seinem Buch Kunst aus deutschen Museen – damit man die Werke selbst sehen kann, ohne weit fahren zu müssen. Er erzählt von einem Museumsbesuch in Kassel, wo der Künstler Oliver Schaffer jahrhundertealte Gemälde mit Playmobil nachgebaut hatte. „Mein Lieblingsdetail: Schaffer hatte für den Hund Idefix benutzt. So hat es der kleine Kläffer von Obelix endlich ins Museum geschafft.“
Das Buch ist witzig, aber nicht oberflächlich. Schwerdtfeger schreibt, dass er 2018 extra zu einer Jonathan Meese-Ausstellung ging, „um mich aufzuregen. Es hat hervorragend funktioniert!“ Gleichzeitig erklärt er fundiert, warum Giottos Malerei ein Meilenstein war, warum Artemisia Gentileschis „Judith und Holofernes“ brutal und brilliant zugleich ist. Er macht Kunst zugänglich, ohne sie kleinzureden.
Lesung im Oldenburger Schloss
Am 28. Mai 2026 kommt Jakob Schwerdtfeger nach Oldenburg in den Schlosssaal, zum dritten Mal schon. Es ist eine Rückkehr, die zeigt: Sein Konzept geht auf. Kunstgeschichte wird plötzlich zu dem, worauf man Lust hat.
Von seiner letzten Lesetour wissen wir: Das wird ein Abend voller Überraschungen. Stand-up-Comedy trifft auf Bucheinblicke, auf Anekdoten, die er nur live erzählt, auf spontane Momente – vielleicht lässt er sich am Schluss sogar zu einer spontanen Rap-Einlage überreden (Ja, er rappt auch). Ihr merkt schon: Wir werden vor allem einen Kunsthistoriker erleben, der nicht nur am Pult steht, sondern tatsächlich performt.
Das Schöne daran: Man braucht nichts mitzubringen. Man muss Renaissance nicht von Barock unterscheiden können, muss nicht wissen, wie man 'Caravaggio' ausspricht, braucht keinen Museumsführer in der Tasche. Nur Lust auf einen Abend, an dem man viel lacht, den Alltag vergisst und dabei zwei, drei Fakten über Kunst mitnimmt. Im Buch beschreibt er, was auch am 28. Mai in Oldenburg spürbar sein wird:
„Mir ist es wichtig, Kunst aufzulockern, denn elitäres Gehabe gibt es in diesem Bereich bereits genug. Kunst muss raus aus dem Elfenbeinturm!“
Warum das nicht nur Werbung für eine Lesung ist
Der Kulturschnack setzt vor allem die Oldenburger Szene in Szene. Dabei bleibt es. Aber wenn es jemand schafft, Kunstgeschichte so zu erzählen, dass man gerne zuhört, dann ist das definitiv einen Artikel wert - zumal auch die Akteur:innen aus Oldenburg etwas davon haben, wenn jemand die Schwellen zur Kunst abbaut. Und genau das tut Jakob: Er macht Kunst zugänglich, ohne Zeigefinger, ohne kunsthistorisches Kauderwelsch. Einfach durch verdammt gutes Erzählen.
Im Buch schreibt Jakob noch über ein Erlebnis im Museum Kassel: „Plötzlich bin ich richtig erschrocken. An der Wand hing ein eingeschlagenes Bild, und da mir das Wohlergehen von Kunstwerken sehr am Herzen liegt, bin ich sofort wie ein Bilderbodyguard ein paar schnelle Schritte auf das Werk zugelaufen, bis ich realisierte: Die Scherben waren nur gemalt. Ein rund 250 Jahre altes Bild hatte es geschafft, mich ordentlich zu verarschen. Chapeau!“
Genau diese Begeisterung – für absurde Details, für überraschende Geschichten, für Kunst, die einen austrickst – bringt er auf die Bühne. Mit Witz, mit Energie, mit extrem viel Ahnung. Und vielleicht auch mit ein bisschen Rap.
Und wer weiß: Vielleicht geht ihr danach ins Museum und sucht nach Schamkapseln, Merkel-Rauten und wandelnden Fruchtspießen. Wir sehen uns im Schloss!





