CITY BEATS: HIP-HOP IN OLDENBURG
- vor 7 Stunden
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Wer nach Musik-Acts aus Oldenburg sucht, hat keinerlei Probleme, die eine oder andere Gitarrenband zu entdecken. Von Indie-Pop bis Death Metal gibt es eine große Auswahl. Auch in Sachen Elektro und Techno scheint Oldenburg bestens aufgestellt, ebenso beim Jazz und sogar bei Neuer Musik. Etwas schwieriger wird es, wenn man weitere Genres abdecken will - und das betrifft sogar Rap und Hip-Hop. Hat Oldenburg etwa keinen Flow? Oh doch - wie jetzt das Streetculture-Kollektiv beweist.

Im Musikgeschäft gibt es viele winzig kleine, schräge, schiefe Nischen für obskure Musik. Rap ist das genaue Gegenteil davon: ein globales Phänomen. Selbst wer ansonsten auf Burzum, Beyoncé oder Andy Borg schwört, weiß ganz genau, was es damit auf sich hat. Keine Frage: Rap und Hip-Hop sind weit mehr als ein Musikgenre – sie gelten als eine der bedeutendsten Jugend- und Popkulturen der Welt. Entstanden in den 1970er-Jahren in der Bronx in New York, hat sich Hip-Hop zu einer globalen Bewegung entwickelt, die Musik, Tanz, Graffiti, Mode und Sprache prägt. Heute wird auf allen Kontinenten - und auch in vielen Altersschichten - gerappt, produziert und performt. Dabei passen Künstlerinnen und Künstler die Kultur an ihre eigenen gesellschaftlichen und kulturellen Kontexte an, sodass Hip-Hop gleichzeitig weltweit verbreitet und lokal verwurzelt ist.

Seine besondere Bedeutung liegt auch darin, Menschen eine Stimme zu geben. Hip-Hop entstand aus den Erfahrungen sozial benachteiligter Gemeinschaften und dient bis heute oft als Ausdrucksform für Themen wie Identität, Ungleichheit, Diskriminierung oder politische Missstände. Gleichzeitig schafft die Kultur Gemeinschaften über soziale, kulturelle und geografische Grenzen hinweg. Dadurch ist Hip-Hop nicht nur ein wichtiger Teil der globalen Unterhaltungsindustrie, sondern auch ein gesellschaftliches und kulturelles Werkzeug, mit dem Menschen ihre Erfahrungen, Perspektiven und Hoffnungen sichtbar machen.
Auch wenn Oldenburg in jeder Hinsicht weit von der Bronx entfernt ist, gilt all das nicht nur am Hudson, sondern auch an der Hunte. Wie bitte, fragen sich jetzt manche. Denn wirklich spürbar ist die Rap- und Hip-Hop-Kultur im Oldenburger Alltag kaum. Und doch gibt es sie - wie nun eine neue Gruppierung zeigt. Streetculture Oldenburg hat es sich zum Ziel gemacht, die Community enger zu vernetzen und von außen deutlich sichtbarer zu machen. Das erste Event: Die Skinny Nochez Jam. Was das ist? Und warum ihr unbedingt hingehen solltet? Darüber - und über vieles mehr - haben wir uns mit Mika Penning und Basti Uhlhorn vom Organisationsteam unterhalten.

Hip-Hop: Mehr als Musik
Es gibt vermutlich tausende Möglichkeiten, die Faszination von Rap und Hip-Hop auszudrücken, am spannendsten sind aber oft die ganz persönlichen Blickwinkel. Was bedeutet Hip-Hop für euch? Warum liebt ihr diese Musik?
BASTI: Als jemand, der selbst Rap macht, war für mich der Hauptpunkt, dass man sich darüber ausdrücken kann. Das ist auch der Grund, warum ich dabeigeblieben bin. Hip-Hop ist die größte Jugendkultur des Planeten – nicht ohne Grund.
Im Hip-Hop ist egal, wo du herkommst. Entscheidend ist das Engagement, das du einbringst, und was du bereit bist, für die Kunst und den Ausdruck zu investieren.
Außerdem mochte ich immer, dass Hip-Hop politisch ist, den Finger in die Wunde legt und auf Ungleichheit und Ungerechtigkeit hinweist. Als jemand wie ich, der sich sehr für Politik interessiert, holt mich das natürlich besonders ab. Wenn das dann auch noch gut in Texte verpackt ist, hält mich das einfach fest.
MIKA: Zum Hip-Hop gekommen bin ich tatsächlich durch Skinny Nochez, nach dem ja auch unsere Jam benannt ist. Ich würde Hip-Hop eher als Kultur bezeichnen denn als Musikrichtung, weil so viel dazugehört: Graffiti, Breakdance, DJs und MCs. Es ist einfach total vielfältig und das gefällt mir schon seit vielen Jahren daran.
![]() Im Gespräch mit Mika und Basti klingt mehrfach an, dass es früher einen engeren Zusammenhalt in der Oldenburger Hip-Hop-Szene gab. Maßgeblich dazu beigetragen hat damals Daniel Norder aka Skinny Nochez, der im Jahr 2024 im Alter von nur 40 Jahren verstorben ist. In Gedenken an ihn und seine Rolle für die Szene wurde die Jam nach ihm benannt. Bei der ersten Skinny Nochez Jam geht es in erster Linie darum, die nach wie vor vielfältige und aktive Oldenburger Szene zu feiern. Die Jam soll einerseits nach außen wirken: Das Publikum bekommt an einem Abend alle Facetten des Hip-Hop geboten und das fast ausschließlich made in Oldenburg. Die Jam wirkt aber auch nach innen: Die Szene kann sich wieder stärker vernetzen und zusammenschweißen. Es ist selten, dass ein Event so lässig und gekonnt Spaß mit Sinn kombiniert. SKINNY NOCHEZ JAM20. JUNI 2026, 18 UHR Mit: anna klatsche, DOC & Jay, 413 Kollektiv, Cosh the Rapper, Revilo 261 & Pacco 261, trill fingaz, Betavox, Ike da Strike, Stylez Tyson, M.L.K.O und kridd sowie YoungPablo CADILLAC 26122 OLDENBURG |
Du hast es gerade schon angedeutet: Hip-Hop ist nicht nur Musik. Was gehört für euch zu diesem Lebensgefühl dazu?
MIKA: Ich finde, es fängt tatsächlich schon bei der Optik an, die ich immer gut fand. Es ist ein Modestil, es ist Breakdance, es ist Graffiti und noch vieles mehr. Das Ganze ist einfach mega vielfältig. Und selbst innerhalb des Hip-Hop gibt es so viele verschiedene Stile. Jeder ist willkommen, jeder macht sein eigenes Ding und findet seine eigene Richtung.
BASTI: Im Hip-Hop ist auch immer der Community-Gedanke wichtig. Gerade für mich in meiner Jugend war das ein identitätsstiftender Aspekt. Man hat Zugehörigkeit gefunden und mit anderen zusammen Graffiti gemacht und Musik gemacht. Das gehört alles irgendwie dazu. Hip-Hop ist riesig.
MIKA: Das wird man bei unserer Jam sehen: Wir haben Künstler von bis. Das gefällt mir sehr gut. Es ist nicht auf Alter, Herkunft, Geschlecht oder irgendetwas anderes beschränkt. Das hat mich schon immer fasziniert.

DER BEAT ALS BASIS
Wenn wir erst einmal über die Musik sprechen: Was gehört für euch zu einem richtig guten Hip-Hop-Track dazu?
MIKA: Es braucht natürlich einen guten Beat, einen guten Text und Flow. Das finde ich sehr wichtig. Man kann noch so gute Texte schreiben – wenn es am Ende nicht „flowt“, kann man es nicht gut hören.
Apropos gute Texte: Was zählt letztlich mehr? Der Inhalt - also was gesagt wird? Oder Flow und Reime - also wie es gesagt wird?
BASTI: Ich glaube, das ist Geschmackssache. Es gibt Leute wie mich, die mehr auf Lyrik hören, und andere, die eher den Vibe fühlen wollen. Der neue Hip-Hop ist, glaube ich, deutlich vibe-orientierter als der in den Nullerjahren. Damals war vieles textlastiger. Das ist überhaupt keine Wertung, sondern einfach meine Beobachtung.
Und genau deshalb ist Hip-Hop so groß: Jeder findet darin die Ecke, die ihn bewegt und ihm Freude macht.
MIKA: Für mich sind beide Dinge wichtig. Manchmal höre ich ein Album und ein bestimmter Text holt mich total ab. Das fasziniert mich dann besonders, denn es ist eine große Kunst, gute Texte zu schreiben. Gleichzeitig höre ich aber auch französischen oder niederländischen Rap. Da verstehe ich längst nicht jedes Wort. Am besten kommt natürlich beides zusammen. Das ist der Best Case.

Und wie ist das mit der Musik selbst? Ist sie eher die Basis, um die Texte rüberzubringen, oder sind die Beats letztlich genauso entscheidend, damit das Ganze überhaupt seine Wucht bekommt?
BASTI: Die Beats sind das Fundament, auf dem der ganze Song aufbaut. Du kannst den besten Text auf einem schlechten Beat haben oder auf einem Beat, der einfach nicht zum Text passt. Dann funktioniert es schon nicht mehr. Die Beats machen schon die Hälfte des Songs aus, würde ich sagen. Mit Reduktion, Größe und Dynamik kann man so viele Variationen erzeugen, die entscheidend dafür sind, wie ein Song am Ende klingt und vor allem, wie er sich anfühlt.
Wahrscheinlich die schwerste Frage des Gesprächs: Gibt es Tracks oder Künstler, bei denen ihr sagt: Die müsste jede:r kennen – auch Menschen, die sonst keinen Hip-Hop hören?
MIKA: Das ist tatsächlich eine sehr große Frage. (lacht) Skinny Nochez muss man natürlich kennen, das ist ja ganz klar. Da ist jeder Track ein Knaller.
BASTI: Die Bandbreite im HipHop ist so gigantisch das kann man nicht auf ein paar Songs reduzieren. Wer sich mit deutschem HipHop beschäftigen will hat schon die Auswahl zwischen politischen Sachen wie Disarstar oder Audio88 & Yassin. Oder härteren Rap, den man zum Beispiel bei 187 findet. Wer tiefgründige Musik mag, kann sich bei Fabian Römer (FR) oder Motrip umsehen. Und dann gibt es noch Leute wie Samy Deluxe, Savas oder Azad die deutschen Rap geprägt haben mit ihrer Vielseitigkeit. Aktuell gibt es tausend kleine Künstler:innen, die tolle Musik machen.
Hip-Hop zu hören heißt oft, auf Entdeckungsreise zu gehen.
Ihr habt eben schon den Community-Gedanken und die Offenheit beschrieben. Gleichzeitig geht es beim Rap oft um Street Credibility: Wer hat es am schwersten, wer ist am härtesten? Ist das auch in Oldenburg auch ein Thema?
BASTI: Das kommt darauf an, welchen Rap man hört. Wir haben in Oldenburg Rapper, die über Alltagsprobleme, Diskriminierungserfahrungen, Geldsorgen oder Begegnungen mit Kriminalität sprechen. Andere – so wie ich – machen eher Musik über mentale Gesundheit und persönliche Schwierigkeiten. Und dann gibt es natürlich auch Partyrap. Trotzdem ist das nicht weniger glaubwürdig. Man hat Blumentopf ihre Geschichten genauso abgenommen. Man muss keine Gangstergeschichten erfinden.
Wenn Haftbefehl über seine Erfahrungen rappt, dann hat er sie erlebt. Das ist genauso authentisch wie jemand aus einem Reihenhaus, der über sein eigenes Leben schreibt.
OLDENBURG: POTENZIELL RIESIG
Dann lasst uns direkt auf die Oldenburger Szene schauen. Was ist hier los? Gibt es eine ausgeprägte Hip-Hop-Kultur, eine echte Szene?
MIKA: Es gab auf jeden Fall einmal eine riesige Szene. Zusammen mit Skinny war ich mittendrin und fand das immer total cool. Früher war der Zusammenhalt gefühlt viel größer. Man hat mehr gemeinsam gemacht, sich mehr ausgetauscht und wusste: Das sind die Hip-Hopper, die gehören irgendwie zusammen. Heute ist die Szene stärker aufgeteilt und viele wissen gar nicht voneinander. Genau deshalb gibt es unsere Jam: Wir wollen die Leute wieder zusammenbringen. Skinny und ich hatten schon oft die Idee, so etwas auf die Beine zu stellen. Jetzt wollen wir das auf unsere Weise wieder aufleben lassen, leider ohne ihn. Wir planen, regelmäßig etwas zu machen, gerne auch gemeinsam mit anderen wie etwa Ponsharellow. Wenn das klappt, dann wird die Kultur zumindest bald wieder sichtbarer. Darüber würde ich mich sehr freuen.
BASTI: Ich glaube, viele Leute machen ihre Musik heute eher für sich zu Hause. Communities treffen sich inzwischen oft online. Das Produzieren ist viel einfacher geworden. Man muss viel weniger Leute kennen, um Videos zu machen, Musik aufzunehmen oder Songs auf Streaming-Plattformen zu veröffentlichen. Früher war das anders. Mein erster Auftritt in Oldenburg war im Amadeus, später dann in der umBAUbar. Man hat die Leute getroffen, ist nach Donnerschwee in die Kaserne zum Freestyle gefahren oder in die Kaiserstraße. Das gehörte damals einfach dazu. Das ist sogar ein Grund, warum ich irgendwann nach Oldenburg gezogen bin. Ich habe die Stadt über diese Szene kennengelernt und schätzen gelernt. Und genau das wollen wir wiederbeleben. Man merkt jetzt schon in der Planungsphase, dass sich wieder Dinge entwickeln. Ich komme mit jüngeren Künstlern in Kontakt, manche kommen zu mir nach Hause, um bei mir aufzunehmen. So fängt das alles wieder an, sich zu vernetzen.
Die Leute reden miteinander, tauschen Erfahrungen aus. Der eine fragt: „Kannst du mir eine Grafik machen?“ und ich frage: „Kannst du ein Video drehen?“ Oder man hilft sich bei Proberäumen und ähnlichen Dingen. Da wollen wir wieder hin: dass man gemeinsam etwas aufbaut.

Ihr tretet als Streetculture Oldenburg auf. Wie ist die Gruppierung entstanden? Wer steckt dahinter? Stellt euer Projekt doch kurz vor.
MIKA: Nach dem Tod von Skinny entstand der Gedanke, dass wir seine Ideen weitertragen und etwas auf die Beine stellen müssen, weil er es nun leider nicht mehr selbst machen kann. Die ursprüngliche Idee war, einen Hip-Hop-Verein zu gründen und daraus Veranstaltungen zu entwickeln und durchzuführen. Weil wir mittlerweile aber doch schon ein paar Jahre älter sind, haben wir beschlossen, das Ganze etwas vernünftiger anzugehen. (lacht) Wir wollten nicht einfach irgendeinen Verein gründen und uns eine Satzung von einer KI schreiben lassen, sondern erst einmal schauen: Wer ist zuverlässig? Wer ist verbindlich? Funktioniert die Zusammenarbeit? Haben wir langfristig überhaupt Lust und Kapazitäten dafür?
Wir sind eine Kerngruppe von sieben Leuten, fast alle kannten Skinny und waren mit ihm befreundet. Sein bester Freund ist auch dabei, was ich total schön finde. Jeder hatte eine Verbindung zu ihm, und das vereint uns. Wir kannten uns vorher nicht alle, sondern sind erst durch dieses Projekt zusammengewachsen.
SKINNY NOCHEZ JAM: GEBALLTE VIELFALT
Euer erstes großes Projekt findet am 20. Juni 2026 statt. Beschreibt doch mal in euren Worten: Was erwartet die Leute an diesem Tag im Cadillac?
BASTI: Wir haben elf Acts zusammengestellt. Es gibt also die geballte Vielfalt, die wir schon angesprochen haben. Darunter sind jüngere Künstler, die noch wenig Erfahrung haben und vielleicht erst einmal zwei Songs ausprobieren möchten, um Bühnenerfahrung zu sammeln. Andere sind schon deutlich routinierter und machen das länger.

Unser Ziel ist einerseits, ein großartiges Konzerterlebnis zu schaffen. Andererseits wollen wir Leuten, die noch am Anfang stehen, die Möglichkeit geben, sich live vor Publikum auszuprobieren. Solche Chancen sind inzwischen wirklich selten. Ein junger Rapper ist vor kurzem noch extra nach Osnabrück gefahren, um bei einem Open Mic aufzutreten und zu üben. Das wollen wir ändern.
MIKA: Ich glaube, unser Programm kann sich sehen lassen – vor allem dafür, dass es das erste Mal ist. Wie Basti schon sagte: Wir haben elf Acts auf der Bühne, insgesamt sind rund 25 Menschen beteiligt. Das ist schon Wahnsinn. Wir sind dem Cadillac unglaublich dankbar, dass wir die Veranstaltung hier durchführen dürfen. Gleichzeitig sind wir dadurch zeitlich begrenzt – um 0.00 Uhr muss definitiv Schluss sein. Die Organisation dahinter war enorm, der Abend wird relativ straff geplant sein. Wir sind gespannt, ob alles so aufgeht, wie wir es uns vorstellen.
Denkt ihr dabei auch daran, die gesamte Hip-Hop-Kultur abzubilden? Also nicht nur Musik, sondern vielleicht auch Breakdance oder Graffiti?
MIKA: Das war tatsächlich ein großes Thema für uns. Wir hätten uns das sehr gewünscht und lange darüber nachgedacht. Aber da wir die Veranstaltung zum ersten Mal organisieren und praktisch kein Budget hatten, war das schwierig. Wir mussten alles erst einmal selbst vorfinanzieren und dann hoffen, dass genug Geld zurückkommt. Die Einnahmen aus dem Ticketverkauf sollen zunächst unsere Auslagen decken. Alles, was darüber hinausgeht, geht an den Förderverein des Cadillac. Für uns ist das ein komplettes Non-Profit-Projekt. Deshalb war es schwierig, Graffiti-Künstler oder andere Beteiligte anzusprechen und ihnen zu sagen: „Wir wissen noch nicht einmal, ob wir euch die Farben bezahlen können.“ Deshalb haben wir diesen Teil diesmal schweren Herzens ausgeklammert. Das bedaure ich sehr, weil er eigentlich fest zur Kultur dazugehört. Wenn es nächstes Jahr weitergeht, werden wir das hoffentlich umsetzen können. Vielleicht auch schon zwischendurch bei anderen Veranstaltungen.
Einfach mal reinhören: Die offizielle Playlist zum Skinny Nochez Jam gibt einen guten Überblick.
Das klingt auf jeden Fall vielversprechend. Und man kann raushören: Ihr habt schon das Ziel, das dauerhaft zu etablieren?
BASTI: Ja, auf jeden Fall. Am schönsten wäre es, wenn daraus ein festes Event wird. Aber es hängt auch davon ab, wie es angenommen wird. Wenn das Interesse nicht da ist, kann man nichts erzwingen. Aber dann wissen wir zumindest, dass wir alles gegeben haben. Es steckt unglaublich viel Arbeit und Liebe zum Detail drin. Und wenn es funktioniert, wollen wir es unbedingt weitermachen. Und dann sind auch alle willkommen, sich einzubringen und Teil davon zu werden. An Künstlern mangelt es uns jedenfalls nicht. Wir bekommen ständig Anfragen: „Kann ich noch auftreten?“ oder „Habt ihr noch einen Slot frei?“ Und dann müssen wir leider sagen, dass wir komplett ausgebucht sind.
MIKA: Das ist eigentlich ein riesiges Kompliment, wenn Künstler sich aktiv bei uns melden und sagen: „Ich würde gern auf eurer Bühne stehen“, obwohl die Veranstaltung noch gar nicht etabliert ist. Das finde ich schon ziemlich stark.
MIT BUNDFALTE UND POLLUNDER
Als Außenstehender habe ich manchmal den Eindruck, dass Hip-Hop viele Codes hat – angefangen bei der Kleidung. Können Leute auch mit Bundfalte und Pullunder kommen oder wird man dann hart gedisst?
MIKA: Bundfalte und Pullunder? Sehr gerne sogar. (lacht) Bei uns ist wirklich jeder willkommen – unabhängig von Alter, Geschlecht oder Hintergrund. Außer Nazis, die brauchen wir hier nicht. Ansonsten darf hier jeder im Anzug, Frack oder Kostüm auftauchen. Wir freuen uns ausdrücklich über Vielfalt.

In Teilen der Rap-Szene gibt es ja zumindest lyrisch ein gewisses Maß an Sexismus. Besteht die Gefahr, dass man als Frau bei einem Jam herabgewürdigt wird?
MIKA: Wenn irgendetwas in diese Richtung passieren sollte, stehen sofort mindestens zehn Leute bereit und sorgen dafür, dass es aufhört. Frauenfeindlichkeit oder Rassismus haben hier keinen Platz. Bei den Texten kann man natürlich nie hundertprozentig ausschließen, dass einzelne problematische Formulierungen vorkommen. Wir haben darauf geachtet, dass alles inhaltlich in Ordnung ist – wir sind schließlich in einem Jugendzentrum. Trotzdem gehört manches eben auch zur Kunstform dazu. Viele sehen das natürlich kritisch, und das kann man auch nachvollziehen. Aber wenn man es als Stilelement betrachtet, kann man damit auch anders umgehen. Aber im Publikum wird so etwas definitiv keinen Platz haben. Und wenn doch, sorgen wir dafür, dass die betreffenden Personen gehen müssen.
BASTI: Man muss manchmal unterscheiden zwischen dem, was auf der Bühne passiert, und der Person, mit der man hinterher an der Bar ein Bier trinkt. Wir haben alle ein gutes Gespür dafür, wann Grenzen überschritten werden. Hier ist jeder willkommen. Außerdem tritt mit Anna Klatsche eine weibliche Künstlerin aus Hannover auf. Sie ist die einzige Person, die nicht aus Oldenburg oder der direkten Umgebung kommt.
Uns war wichtig, eine weibliche MC dabei zu haben. Deshalb haben wir gezielt gesucht - so viele gibt es nämlich leider nicht.

Alle anderen Acts kommen aus Oldenburg und Umgebung?
BASTI: Genau. Einige kommen aus Jugendhäusern, wo sich Gruppen gefunden haben, die schon länger Musik machen. Ein junger Künstler wurde über seinen Sozialarbeiter auf uns aufmerksam gemacht. Der hat mich in der Stadt erkannt und gefragt, ob wir noch jemanden unterbringen könnten. So sind viele Kontakte entstanden.
MIKA: Das Ziel war von Anfang an, lokale Künstler:innen auf die Bühne zu holen, um diesen Vernetzungsgedanken weiterzuführen. Ursprünglich wollten wir vor allem Weggefährt:innen und Freund:innen von Skinny zusammentrommeln. Das wäre ebenfalls eine großartige Jam geworden. Davon sind wir später etwas abgerückt – auch wegen der Location. Wir sind hier schließlich in einem Jugendzentrum und wollten jungen Künstler:innen eine Bühne geben. Die ursprüngliche Idee kann man irgendwann vielleicht noch einmal in einem anderen Rahmen umsetzen.
Für diese Veranstaltung war der Gedanke aber klar: junge und vielfältige Künstler aus Oldenburg und Umgebung zusammenbringen, damit neue Kontakte und hoffentlich weitere Projekte entstehen.
Was unterscheidet eigentlich eine Jam von einem Konzert?
MIKA: Ich würde sagen: die Vielfalt. Bei einem Konzert stehen normalerweise nicht 25 Leute nacheinander auf der Bühne. Außerdem ist der Ablauf anders. Es gibt viele kurze Slots hintereinander. Und wir haben noch gar nicht erwähnt: Ike Da Strike begleitet als DJ durch den Abend. Eigentlich würde auch ein Open Mic dazugehören. Vielleicht sogar ein kleines Freestyle-Battle. Das bekommen wir diesmal zeitlich nicht mehr unter. Aber wie gesagt: Hoffentlich gibt es weitere Veranstaltungen. Das war früher hier im Cadillac übrigens oft so. Da gab es Open-Mic-Runden, bei denen alle miteinander gefreestylt haben. Das ist natürlich großartig.
BASTI: Wobei ich glaube, dass nach dem offiziellen Ende ohnehin nicht sofort alle nach Hause gehen. Die Live-Musik endet zwar pünktlich, aber ich würde wetten, dass danach draußen oder irgendwo im Hof noch weitergerappt und gefreestylt wird.
MIKA: Und genau das macht eine Jam eben auch aus. Die Kultur ist riesig und unglaublich vielfältig. Wir haben auf jeden Fall noch viel vor.

Hip-Hop in Oldenburg: Im Flow
Es bleibt dabei: Jeder kennt Hip-Hop und Rap, selbst wenn man sich morgens schon von Grindcore oder Volksmusik wecken lässt. Die meisten verbinden mit diesen Begriffen aber in erster Linie die Superstars aus den USA - oder aber die Genregrößen des Deutschrap. Und weil der Blick derart in die Ferne schweift, übersieht man oft die lokale Szene vor der eigenen Haustür. Erst Recht, wenn sie tendenziell eher zerfasert ist wie jene in Oldenburg.
Dabei gibt es sie: die starken Acts aus der Nachbarschaft, die sich vor den großen Namen aus New York oder Berlin nicht verstecken müssen. Dank der Skinny Nochez Jam haben wir jetzt die Gelegenheit, viele von ihnen kennen zu lernen und für uns zu entdecken. Noch wichtiger könnte aber die zweite Ebene der Jam sein, nämlich die Vernetzung der Szene selbst. Hip-Hop lebt nicht zuletzt vom Austausch der Menschen untereinander. Wenn es Streetculture Oldenburg gemeinsam mit anderen gelingt, die hiesige Szene wieder enger zusammenzubringen und besser sichtbar zu machen, dann wäre die Skinny Nochez Jam ein wichtiger Zündfunke. Aber erstmal funktioniert sie auch wunderbar als Musikereignis. Und sie zeigt: Oldenburg hat Flow!



