10.000 X KULTUR = WOW
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Schon als wir den Oldenburger Torsten Arndt Anfang 2023 zum erstem Mal für ein Gespräch trafen, war uns sofort klar: Kulturveranstaltungen sind für Torsten weit mehr als ein bloßer Zeitvertreib. Doch nun, etwas mehr als drei Jahre später, manifestiert sich diese handfeste Leidenschaft in einer Zahl, die nicht nur schier unglaublich ist, sondern ebenso von einem Lebenswerk zeugt, das ganz im Zeichen der Kultur unserer Stadt steht.

Denn im Zuge des diesjährigen Open Air Sommerkino des Cine k wird Torsten Arndt am 1. August 2026 die rekordverdächtige Marke von sage und schreibe 10.000 besuchten Kulturveranstaltungen feiern können. Zu Recht fragt man sich vielleicht, woher er das denn so genau weiß. Ganz einfach: weil sich eine so gigantische Zahl an Kulturbesuchen nur dann erreichen lässt, wenn sich dahinter ein akribisches System minutiöser Vorausplanungen verbirgt, bei dem alle verfügbaren Programmvorschauen der Stadt regelmäßig durchforstet werden. Dass die Wahl für das Jubiläum ausgerechnet auf das Open Air Sommerkino fällt, ist dabei kein blanker Zufall. Es sollte eine der zahlreichen Institutionen sein, die ihm in den vergangenen Jahrzehnten besonders ans Herzen gewachsen sind - wie eben das hierbei verantwortliche cine k, das Musik- und Literaturhaus Wilhelm13, das theater hof/19 oder der Oldenburger Kultursommer. Ein kurzer, zehnminütiger Ausstellungsbesuch wäre einem solchen Jubiläum auch nicht gerecht geworden. Sogar den nötigen Puffer habe er eingeplant für die Veranstaltungen, die sich bis dahin noch spontan ergeben, erzählt er schmunzelnd.

Welche logistische Meisterleistung sich in letzter Konsequenz hinter diesem Meilenstein verbirgt, wird einem vermutlich erst klar, wenn man einen genauen Blick in die Statistik wirft. Als sein eigener Archivar und Chronist führt Torsten seit fast zwei Jahrzehnten gewissenhaft detaillierte Excel-Tabellen über sein Leben in der Kulturszene, in denen er selbst die eingenommenen Getränke und Speisen eines Abends auflistet. Seinen eigenen Angaben zu Folge besuchte er in den letzten 19 Jahren - wohlgemerkt neben seinem eigentlichen Job - rund 44,5 Veranstaltungen pro Monat, was einen Schnitt von circa 1,5 pro Tag ergibt. Sein persönlicher Jahresbestwert? 825 Veranstaltungen. Achthundertfünfundzwanzig. Das muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen.
Positiver Stress
Zwar sei dieses massive Pensum durchaus das ein oder andere Mal in das Gefühl eines zweiten Jobs ausgeartet, doch habe es sich stets wie positiver Stress angefühlt. Es war der Antrieb, der ihn seinem eigentlichen Ziel näher brachte: der Stillung seines scheinbar endlosen Wissensdurstes. Wenn er zu lange kulturfreie Zeiten habe, sich also mal zwei, drei Tage keine Veranstaltung am Horizont abzeichne, spüre er förmlich ein Kribbeln im Kopf, das ihm signalisiere, dass er wieder neuen Input brauche. Dabei möchte er beispielsweise im Museum das Gesehene nicht bloß flüchtig betrachten, sondern wirklich verstehen. Wie ist das Werk beschaffen? Wurde es gemalt, gespachtelt, geklebt und warum würde diese Technik gewählt? Und entgegen der vermeintlichen Erwartung, dass ein solcher Kulturkonsum zwangsläufig zu gewissen Ermüdungserscheinungen führt oder bestimmte Termine lediglich zur Aufbesserung der eigenen Statistik dienen, konnte sich Torsten sowohl seine Begeisterungsfähigkeit als auch seine persönlichen Prinzipien bewahren. Denn wenn er keine Lust habe, dann gehe er auch nicht mehr los, selbst wenn er schon Tickets habe. Aber das kommt (offensichtlich) eher selten vor.

Für viele Institutionen gehört der frischgebackene Rentner jedenfalls fest zum Inventar. Beispiele gefällig? Bei den Lesungen vom Literaturhaus Oldenburg hat Torsten immer einen Platz sicher. "Wir haben das umgedreht. Nur wenn ich wirklich nicht kann, sage ich ab", erzählt er. Und auch bei Cine k wusste man seine anhaltende Unterstützung zu schätzen und ermöglichte ihm, entgegen der eigentlichen Preisstruktur des Kinos, trotzdem eine Jahreskarte. "Dafür bin ich auf ewig dankbar", hält er fest und zieht dabei seinen Hut (eine Cap für das theater hof/19, die er extra anfertigen ließ, um für das Theater Werbung machen zu können, wenn er unterwegs ist). Doch wie fing das eigentlich alles mal an? Wie entstand seine Liebe für die Kultur und die Szene unserer Stadt? Dafür muss man einen Blick auf den zweiten prägenden Faktor in Torstens Leben werfen - den Fußball.
Wo ein Ende, da ein Anfang
Viele Jahre über engagierte sich der leidenschaftliche HSV Fan als ehrenamtlicher Trainer, Betreuer und aktives Mitglied beim ehemaligen Traditionsverein Spiel- und Sportclub Victoria Oldenburg e.V. Doch 1996 kam es zur Fusionierung mit den Vereinen TV Glück-Auf 1894 Oldenburg sowie der Oldenburger Tennisinitiative, woraus letztlich der neue Verein GVO Oldenburg hervorging. Ein herber Verlust für Torsten, der dem (neugegründeten) Verein daraufhin den Rücken kehrt, da für ihn die ursprüngliche Vereinsidentität in diesem Zuge verloren ging. Doch wo ein Kapitel endet, beginnt bekanntlich oft ein Neues. Schon damals sei er oft auf Konzerte und Ausstellungen unterwegs gewesen. Als ihm nun jedoch plötzlich wieder deutlich mehr Zeit zur Verfügung stand, begann er sich diesem Feld noch intensiver zu widmen als ohnehin schon. Es war also vermutlich dieser eine große Einschnitt, der eine Leidenschaft entstehen ließ, die bis heute anhält.

Rückblickend ärgere er sich heute sogar ein wenig, nicht schon früher mit der lückenlosen Dokumentation seiner Erlebnisse begonnen zu haben. So wären seine persönlichen Rekorde vermutlich schon deutlich eher erreicht worden. Vor allem könnte er aber heute noch auf diese Zeiten zurückblicken. Denn in ruhigen Momenten öffnet er einen der zahlreichen Bananenkartons, die er für jedes Jahr in seinem Keller einlagert und erinnert sich an das zurück, was er zu dieser Zeit erlebt und vor allem gelernt hat. Zukünftig wird Torsten jedoch aufgrund seines Renteneintritts zwangsläufig anpassen müssen, was er sich anschauen kann, obwohl seine zeitlichen Ressourcen nun ungleich höher sind. Früher sei er abends zu zahlreichen Konzerten gegangen, was sich natürlich mit der Zeit zu einem spürbaren Kostenfaktor entwickelte. Das sei nun, zumindest in der bisherigen Regelmäßigkeit, nicht mehr drin. Dafür habe er nun umso mehr Zeit für all die Veranstaltungen, die er in der Vergangenheit vormittags so gut wie immer verpasste.
Nur eine kleine Scheibe
Torsten bezeichnet sich selbst als Kunst- und Kulturfreund und übernimmt dabei die Rolle eines inoffiziellen Botschafters der hiesigen Szene, für die er unermüdlich und mit großem Engagement die Werbetrommel rührt. Damit stärkt er ohne Frage unser aller Bewusstsein für das umfassende Angebot unserer Stadt. Doch natürlich ist Torsten mit seinem Pensum eine absolute Ausnahmeerscheinung und es ist wichtig festzuhalten, dass man sich auf keinen Fall seinen unaufhaltsamen Marathon als den eigenen Maßstab zu setzen braucht, um sein Leben trotzdem von Kunst und Kultur erfüllt zu wissen.

Es geht viel eher darum, genau die kostbaren Momente in sich aufzusaugen, in denen wir aus unserem eigentlichen Alltag herausgerissen werden, neuen Perspektiven begegnen oder einen Moment zur Ruhe finden, als zwangsläufig um eine bestimmte Masse. Seine beeindruckende Leistung schmälert das in keiner Weise. Denn auch, wenn der Genuss von Kultur kein Wettbewerb ist und sich nicht anhand von Zahlen festmachen lässt, bleiben sie in seinem Fall ein wichtiges Symbol. Eines, das uns alle daran erinnern sollte, sich zu fragen, wann wir das letzte Mal für uns den Raum für Kultur geschaffen und eben doch nochmal den einen oder anderen Blick in ein Programmheft nach Wahl geworfen haben. Denn feststeht: schon die aller kleinste Scheibe, die wir uns an seinem Vorbild abschneiden, wäre vermutlich eine wahrliche Bereicherung für unseren Alltag.
Wir sagen: Chapeau!


