top of page

RETTET SCHÖNHEIT DIE WELT?

  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Scherenschnitt. Das klingt nach Biedermeier, nach Silhouetten verliebter Paare, nach gerahmten Andenken über dem Sofa. Sonja Yakovleva nimmt genau dieses Medium und dreht ihm den Hals um. In ihrer aktuellen Ausstellung „Schönheit rettet die Welt“ im Oldenburger Kunstverein wird aus der harmlosen Handarbeit eine scharfe Kampfansage an Schönheitswahn, Selbstoptimierung und Patriarchat. Bis zum 2. August ist sie zu sehen – und sie überwältigt.






Wenn Biedermeier zur Waffe wird


Der Scherenschnitt hat ein Problem: Er gilt als nett. Als kunsthandwerklich, häuslich, ein bisschen verstaubt – etwas, das man sich ins Esszimmer hängt, wenn man es gediegen mag. Genau dieses Image macht sich Sonja Yakovleva zunutze, um es anschließend zu zertrümmern.


Scherenschnitt in der Ausstellung
Harnisch und nackte Haut: Yakovleva schneidet das Mittelalter neu zurecht. (Bild: Kulturschnack)

Die 1989 in Potsdam geborene Künstlerin hat an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und in Athen studiert, lebt heute in Frankfurt und hat sich mit dieser einen, scheinbar altmodischen Technik einen Namen gemacht, der weit über Deutschland hinausreicht. Mit Schere oder Skalpell schneidet sie Bilder aus Papier, die alles andere als bieder sind: Sexualität, Körperlichkeit, Machtverhältnisse, der Zwang zur Selbstoptimierung. Themen, die man eher in Streitschriften vermutet als in einer Technik, die wir eher mit Weihnachtskarten verbinden.


Genau dieser Kontrast ist ihr Werkzeug. Ein historisch weiblich konnotiertes, handwerkliches Medium – traditionell eng verknüpft mit bürgerlicher Häuslichkeit und dekorativer Harmlosigkeit – wird bei ihr zum Träger radikaler Gesellschaftskritik. Ähnlich wie die amerikanische Künstlerin Kara Walker das Medium politisiert hat, nutzt Yakovleva die harte Kontrastierung der Schnitttechnik, um aktuelle Diskurse buchstäblich scharf zu zeichnen.




SONJA YAKOVLEVA: SCHÖNHEIT RETTET DIE WELT


BIS 2. AUGUST 2026


DI BIS FR 14 – 18 UHR

SA/SO UND FEIERTAGE 11 – 18 UHR


OLDENBURGER KUNSTVEREIN

26135 OLDENBURG




Mythos trifft Gegenwart


Was die Ausstellung im Kunstverein besonders macht: Yakovleva zeigt nicht nur klassische, kleinformatige Scherenschnitte, sondern monumentale Papierschnitte, die zum Teil eigens für Oldenburg produziert wurden. Wer den Ausstellungsraum betritt, weiß im ersten Moment gar nicht, wo er zuerst hinschauen soll. Die Werke sind riesig, manche mehrere Meter breit, und trotzdem nicht erschlagend. Man kann eintauchen und sich in den Details verlieren.


Das liegt auch daran, dass Yakovleva nicht einfach plakative Motive ausschneidet. In ihren Arbeiten verschränken sich Pornografie und Kunstgeschichte, volkstümliche Motive, Märchen und Mythen. Wer genauer hinschaut, entdeckt mythologische Anspielungen, kunsthistorische Zitate, popkulturelle Verweise. Das macht die Bilder zu mehr als hübschen Hinguckern – sie wollen entschlüsselt werden.



Scherenschnitt in der Ausstellung
Aus der griechischen Mythologie geliehen: Dort verschlingt Skylla Schiffe, im Oldenburger Kunstverein nimmt sie den Raum ein. (Bild: Kulturschnack)

Ein Beispiel: „Skylla, das Meeresungeheuer" – ein 250 mal 600 Zentimeter großer Papierschnitt, der die Sagengestalt aus der griechischen Mythologie aufgreift. Skylla, das Ungeheuer, das Schiffe verschlingt, wird bei Yakovleva zur Projektionsfläche für etwas Eigenes. Wer mag, entdeckt mythologische Anspielungen und kunsthistorische Verweise.



Jünger, glatter, optimierter


Die Werktitel allein verraten schon, wohin die Reise geht: „Weiber auf Drohnen“ und „Weiber auf Cybertruck“ zeigen Frauen, die sich Symbole toxischer Männlichkeit – Drohnen, Elon Musks Elektro-Pickup – kurzerhand selbst aneignen. Keine Opfer, sondern Akteurinnen, die das Patriarchat mit seinen eigenen Statussymbolen vorführen.



Ausstellungsansicht
Drohne, Cybertruck, Machtgesten – Frauen übernehmen in der Kunst von Sonja Yakovleva das Steuer. (Bild: Kulturschnack)

„Botulinum toxin“ – besser bekannt unter dem Markennamen Botox – widmet sich dem Schönheitswahn direkt. Yakovleva hat dazu sowohl einen Papierschnitt als auch eine gerahmte Bleistiftzeichnung angefertigt, die im Kunstverein zu sehen sind. Es geht um den Druck, immer jünger, glatter, optimierter aussehen zu müssen – und um die Industrie, die genau davon lebt.


Noch deutlicher wird das bei „The Beauty Clinic“, einem großformatigen Papierschnitt von beeindruckenden 275 mal 2.335 Zentimetern. Die titelgebende Schönheitsklinik wird zur Bühne für alles, was an der Fitness- und Beautybranche fragwürdig ist: der Zwang zur Selbstoptimierung, der nie endet, weil die Norm immer wieder neu definiert wird.


Auch das Video „Susannes Küchenyoga“ gehört zur Schau. Eine zehnminütige Loop-Arbeit, die sich ironisch mit Fitnesstrends und der häuslichen Selbstvermarktung von Wellness auseinandersetzt. Hier zeigt sich: Yakovleva bleibt nicht beim Scherenschnitt stehen, sie denkt ihre Themen medial weiter.



Alles nur Tarnung?


Videoinstallation
Maskiert und doch ganz nah: Yakovlevas Blick auf Selbstinszenierung in ihrer Videoinstallation „Susannes Küchenyoga“ (Bild: Kulturschnack)

Nicht alle Arbeiten der Ausstellung drehen sich nur um Körper und Schönheit. „Vom Urlaub in die Kriegszone. An den Flughäfen in Dubai wurde der Flugverkehr bis auf Weiteres ausgesetzt“ verbindet Papierschnitt mit Gouache und Buntstift zu einem Bild, das zwei Welten kollidieren lässt: den sorglosen Urlaubsmodus und die brutale Realität bewaffneter Konflikte. Der sperrige, fast nachrichtenartige Titel ist Programm: Yakovleva collagiert Realität, ohne sie zu glätten.


Auch „Camouflage“ – Tuchmasken aus Pigmenten und Holzleim – spielt mit dem Spannungsfeld zwischen Verstecken und Sichtbarwerden, zwischen Tarnung und Identität.


Die Ausstellung ist also vielschichtiger, als der plakative Titel „Schönheit rettet die Welt" zunächst vermuten lässt. Es geht nicht nur um Beauty-Standards, sondern um die größeren Fragen: Wer hat die Macht, Bilder von Schönheit, Stärke und Normalität zu definieren? Und was passiert, wenn man diese Bilder einfach umschneidet?



Mach es groß!


Wer Yakovlevas Werdegang verfolgt, merkt schnell: Oldenburg ist nicht ihr erster großer Auftritt. Im Frankfurter Kunstverein bespielte sie mit ihrer Ausstellung „Wer hat Macht?“ sogar die komplette Decke des Raumes – mit 240 Papierarbeiten. In einem anderen Raum stand ein zehn Meter großer schwarzer Scherenschnitt zum Thema Streik und prekäre Arbeitsbedingungen. Groß zu arbeiten, das hat sie sich nach eigener Aussage von einem ihrer früheren Professoren abgeschaut: Ein Klassiker der Gegenwartskunst, sagt sie selbst mit einem Grinsen:


Egal, was du machst, mach es einfach groß.

Scherenschnitt in der Ausstellung mit Besuchern
Hier wird klar, wie monumental die Werke wirklich sind. (Bild: Kulturschnack)

2023 erhielt sie ein Atelierstipendium der Hessischen Kulturstiftung für Istanbul, wo sie sich unter anderem mit der Kultur der Hamams und mit russischen Exilantinnen und Exilanten beschäftigte. Am Ende, erzählt sie, seien es aber persönliche Begegnungen gewesen, die sie am meisten inspiriert haben – nicht die großen Themen, die sie sich vorher vorgenommen hatte.


Trotz der politischen Wucht ihrer Arbeiten möchte Yakovleva nicht als Politik-Künstlerin verstanden werden. Ihre Kunst übernehme nicht die Rolle der Politik, hat sie in einem Interview gesagt – kritisch sei sie trotzdem, etwa wenn es um die Arbeitsbedingungen von Künstlerinnen geht. Diese Mischung aus Haltung und Distanz zur eigenen Botschaft macht ihre Arbeiten interessant: Sie predigen nicht, sie zeigen.



Große Empfehlung!


Ausstellungsflyer
Noch bis 2. August zu sehen und definitiv einen Besuch wert. (Bild: Kulturschnack)

Wer mit der Erwartung in den Kunstverein geht, nett gerahmte Scherenschnitte zu sehen, wird sich wundern. Wer dagegen Lust auf große Gesten, schräge Details und eine ordentliche Portion Provokation hat, ist hier genau richtig. Die Ausstellung fordert heraus. Vor allem durch die Masse an Bedeutungsebenen, die sich in jedem einzelnen Schnitt verstecken.


Wer mehr über die Hintergründe erfahren möchte, kann an einer der zahlreichen Führungen teilnehmen, die der Kunstverein parallel zur Ausstellung anbietet – darunter eine sprachsensible Führung, eine Führung in Deutscher Gebärdensprache und das Format „After Work – Explore Art in English“.


Am 2. August, dem letzten Ausstellungstag, gibt es außerdem eine Scherenschnitt-Performance mit Sonja Yakovleva selbst.


bottom of page