BRAUCHT KUNST EINEN RAHMEN?
- vor 11 Stunden
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Ein Künstler zeichnet einen Ritter – wie aus Albrecht Dürers berühmter Grafik „Ritter, Tod und Teufel“ entsprungen – und lässt ihn auf einem kreuzförmig zugeschnittenen Blatt Papier reiten. Am unteren Rand schreibt er dazu: „Das Problem der Menschen ist das Problem seiner Grenzen. Also wiedermal'n Einrahmungsproblem. Es ist ein Kreuz.“
Damit hat Horst Janssen schon 1981 die Frage beantwortet, die das Horst-Janssen-Museum bis Ende Oktober beschäftigt: Was macht ein Rahmen eigentlich mit einem Kunstwerk? Braucht es ihn überhaupt?

Wenn der Rahmen selbst zum Thema wird
Wer das Werk genau betrachtet, merkt schnell: Janssen hat hier nicht einfach ein Bild gezeichnet und es anschließend einrahmen lassen. Das Papier selbst ist kreuzförmig zugeschnitten, der Rahmen folgt exakt dieser Form: schwarz mit goldener Kante, in den Querbalken hinein geschrieben Datum, Widmung und ein chemisches Symbol für Wasser. Pferd und Reiter verteilen sich über alle vier Arme des Kreuzes. Das Motiv wächst regelrecht in die Form hinein, als hätte Janssen erst das Papier zugeschnitten und dann geschaut, was daraus werden kann.

Und dann der Text am unteren Rand, fast wie eine Fußnote zur eigenen Zeichnung:
Das Problem der Menschen ist das Problem seiner Grenzen. Also wiedermal'n Einrahmungsproblem. Es ist ein Kreuz.
Janssen spielt da gleichzeitig mit mindestens drei Bedeutungen: Grenzen als etwas, das uns einschränkt, Einrahmung als das, womit er sich gerade handwerklich herumschlägt, und Kreuz als die Form, die das ganze Bild überhaupt erst möglich macht. Und als Last natürlich. Alles auf einmal, in zwei Sätzen. Der Rahmen ist bei Janssen nicht das, was um ein Bild kommt. Er ist das Bild.
Warum Museen meistens schlichte Rahmen nutzen
Im Alltag eines Museums sieht die Sache meist nüchterner aus. Das Horst-Janssen-Museum zeigt seine Werke normalerweise in schlichten Wechselrahmen – die schützen die empfindlichen Papierarbeiten, halten mit speziellem Glas das UV-Licht fern und treten selbst so weit in den Hintergrund, dass man sie kaum wahrnimmt. Praktisch, unauffällig, austauschbar. So soll es sein.
Die Werke in dieser Ausstellung haben solche Rahmen nie bekommen. Sie kamen als Schenkung oder Dauerleihgabe ins Museum und die Leihgeber bestanden darauf: Dieser Rahmen bleibt. Manche dieser Rahmen zitieren historische Stile, manche sind echte Antiquitäten, manche wirken auffällig modern oder fallen durch ungewöhnliche Formen auf. Genau das ist der Reiz. Wer durch die Ausstellung geht, erlebt dasselbe Bild in ganz unterschiedlichen Umgebungen und merkt dabei, wie viel ein Rahmen eigentlich erzählt, ohne ein einziges Wort zu sagen.
AUS DEM RAHMEN GEFALLEN?
BIS ENDE OKTOBER 2026
HORST-JANSSEN-MUSEUM
26121 OLDENBURG
DIENSTAG BIS SONNTAG, 10–18 UHR
EINTRITT: 4 EURO
(UNTER 18 JAHRE: EINTRITT FREI)
Eine kurze Geschichte des Rahmens
Jedes gerahmte Foto an der Wohnzimmerwand, jeder Bilderrahmen aus dem Möbelhaus, jede Vitrine im Museum – der Rahmen ist so selbstverständlich, dass wir ihn kaum noch wahrnehmen. Dabei hat er eine erstaunlich spannende Geschichte.
Der Bilderrahmen, wie wir ihn heute kennen, hat seine Wurzeln im frühen 14. Jahrhundert und war damals noch weit davon entfernt, das zu sein, was er später werden sollte. In der Kirchenkunst hatten frühe Rahmen vor allem eine praktische Aufgabe: Sie hielten die dünnen, aneinandergeleimten Holzbretter zusammen, auf die gemalt wurde, damit sich das Holz nicht verzog. Manche entstanden sogar aus alten Möbelstücken – Schranktüren etwa – und kamen so eher zufällig zu ihrem Schmuck.
Im Barock war von Bescheidenheit nichts mehr übrig. Schwungvoll geschnitzte Goldrahmen wurden zum Statussymbol, genauso bedeutsam wie das Bild selbst. Wer einen aufwendigen Rahmen in Auftrag gab, sagte damit fast mehr über sich aus als durch das Gemälde. Bild und Rahmen als Einheit – ein Gesamtkunstwerk, das Reichtum und Geschmack demonstrierte.
Mit der Fotografie im 19. Jahrhundert drehte sich das Verhältnis wieder um. Kleinformatige, schlichte Rahmen kamen in Mode – der Rahmen sollte verschwinden, damit das Bild sprechen kann.
Und dann kam Banksy. 2018 ließ der Streetart-Künstler sein Werk „Girl with Balloon" direkt nach dem Zuschlag bei einer Auktion durch einen im Goldrahmen versteckten Schredder zerschneiden. Der Rahmen war kein Schutz, er war die Waffe. Banksys Kommentar zum Kunstmarkt, verborgen hinter vergoldetem Schnitzwerk.
Was, wenn ein Werk nie für ein Museum gedacht war?

Es gibt noch einen anderen Aspekt, der beim Thema Rahmen leise mitschwingt und den man in jeder Altmeistersammlung beobachten kann, wenn man einmal anfängt, genau hinzuschauen.
Viele der dort gezeigten Werke waren nie für ein Museum gedacht. Altarbilder, die heute hinter Sicherheitsglas an dunkelrot gestrichenen Wänden hängen, haben irgendwo angefangen: in einer Kirche, im Kerzenlicht, eingebettet in Architektur und Liturgie, umgeben von Weihrauch und Gemeindegesang. Jemand hat dort vor ihnen gekniet. Niemand hat sie angeschaut wie ein Museumsbesucher.
Dann kamen Jahrhunderte, Kriege, Sammlungen, Auktionen – und am Ende hängen diese Bilder in Räumen, für die sie nie gedacht waren. Plötzlich brauchen sie einen Rahmen, der das irgendwie ausgleicht. Einen, der ihnen Würde verleiht, ohne so zu tun, als wären sie noch dort, wo sie herkommen.
Wessen Entscheidung das ist? Mal die des Sammlers, mal die des Museums. Und manchmal schlicht die des Schreiners, der damals gerade zur Hand war. Der Rahmen, den wir heute für selbstverständlich halten, ist oft das Ergebnis eines Zufalls und nicht immer der Wille des Künstlers oder der Künstlerin.
Ich entscheide selbst: Franz Radziwill
Eine ganz eigene Antwort auf diese Frage hat ein Maler gegeben, der für Oldenburg nicht irgendwer ist: Franz Radziwill. Er hat einen Großteil seines Lebens im nahen Dangast verbracht – keine zwanzig Minuten von Oldenburg entfernt, direkt am Jadebusen – und das Landesmuseum Kunst & Kultur besitzt eine der größten öffentlichen Sammlungen seiner Werke. Radziwill hat seine Rahmen nie dem Zufall überlassen. Er sagte dazu:
Ich habe meine Rahmen ja immer selbst gemacht, d.h. nicht in Holz verfertigt, das hat der Schreiner gemacht, sondern die Farbgebung. Denn man kann mit einem Rahmen, der ja zu gleicher Zeit auch der Abschluss ist der Umwelt, auch ein Bild kaputt machen.
Der Rahmen war für ihn buchstäblich die Grenze zwischen Bild und Welt und die wollte er selbst ziehen. Mal in kräftigen Farben, mal schwarz mit farbigen Akzenten. Nie neutral, nie gleichgültig.

Wer diesen Sommer sowieso einen Ausflug nach Dangast plant – und das lohnt sich, spätestens wenn der Jadebusen bei Ebbe das Watt freilegt – kann auch Radziwills ehemaliges Wohnhaus besuchen. Er hat es als gelernter Maurer eigenhändig gebaut und ausgebaut, Möbel und Kacheln selbst gestaltet. Auch dort hört das Werk nicht an der Leinwandkante auf.
Der Mann, der weiß, wie Künstler ihre Bilder rahmen wollten
Wer sich beruflich sein Leben lang mit Rahmen beschäftigt, weiß Dinge, die sonst kaum jemand weiß. Werner Murrer betreibt seit 1986 in München eine der bekanntesten Rahmenwerkstätten der Welt – mit einem Team, das so klingt, als hätte man eine ganze Kunsthochschule unter einem Dach versammelt: Schreiner, Vergolder, Glaser, Buchbinder, Holzbildhauer, Kunsthistorikerinnen.
Sein Spezialgebiet (über das er auch im Podcast „Die Leichtigkeit der Kunst“ gesprochen hat) ist ein Problem, das viele gar nicht kennen: Die Maler der Klassischen Moderne – Kirchner, Nolde, Schmidt-Rottluff, die Expressionisten der „Brücke" – haben sich sehr genau vorgestellt, wie ihre Bilder gerahmt sein sollten. Breite, Farbe, Material. In Katalogen und Kunstbüchern sieht man das nie. Dort wird das Bild immer freigestellt, ohne Rahmen, auf weißem Grund. Als hätte es den Rahmen nie gegeben. Selbst Kuratorinnen und Kuratoren großer Museen wissen oft nicht mehr, wie ein Werk ursprünglich ausgesehen hat.
Murrer weiß es meistens. Über Jahrzehnte hat er ein digitales Archiv mit mehr als 100.000 Fotografien historisch gerahmter Werke aufgebaut – dazu eine physische Sammlung von 2.500 historischen Rahmen, die ältesten davon aus dem 15. Jahrhundert. Er hat Kirchners Rahmen rekonstruiert, einen Papiermaché-Rahmen für ein Gemälde von Henri Matisse restauriert. Und er hat mitgeholfen, Franz Radziwills Künstlerrahmen für den ersten wissenschaftlichen Bestandskatalog der Oldenburger Sammlung einzuordnen – die Verbindung nach Oldenburg ist auch hier da.
Sein jüngster Auftrag: der Rahmen der „Sixtinischen Madonna" von Raffael in der Dresdner Gemäldegalerie. Sein Grundsatz dabei klingt eigentlich ganz einfach:
Ein Rahmen entsteht im Dialog mit dem Werk. Nicht als nachträgliche Meinung darüber.
Schaust du im Museum auch auf den Rahmen?
Ehrlich gesagt: nie 🙈
Manchmal, wenn er wirklich auffällt 👀
Ja, der Rahmen gehört für mich zum Werk dazu 🖼️
Ab heute bestimmt öfter 🤓
Schaut mal auf den Rahmen!

„Aus dem Rahmen gefallen?" stellt eine Frage, die harmlos klingt und einen dann nicht mehr loslässt. Wer durch die Ausstellung geht und sich erlaubt, auch den Rahmen anzuschauen statt nur das, was darin hängt, wird danach Bilder anders sehen. Vielleicht auch die zu Hause. Vielleicht fragt man sich beim nächsten Ikea-Besuch kurz, ob der schwarze Standardrahmen wirklich das Richtige ist für das Poster aus dem Urlaub.
Und Horst Janssen hat sie vor über vierzig Jahren schon beantwortet – auf einem kreuzförmigen Blatt Papier, mit einem charmanten Witz und einem Seufzer gleichzeitig. Ein Rahmen ist eine Grenze. Wer sie zieht, entscheidet mit, was das Bild sagt.
Wir empfehlen: hingehen, Zeit mitbringen, und ruhig auch mal den Rahmen angucken. Es lohnt sich!


