KULTUR(T)RÄUME
Aktualisiert: 58Min.
Eine Lehmbaustelle auf dem Außengelände einer Kita? Eine Mini-Performance aus dem Kühlschrank? Oder Bilderbücher, die lebendig werden? Was sich im ersten Moment vielleicht nach Szenarien aus einem Traum anhören mag, wird im Rahmen der frühkindlichen kulturellen Bildung regelmäßig für Kindertagesstätten in ganz Oldenburg zur Realität. Hier lest ihr, warum es so wichtig ist, diese Träume auszuleben und wie Kinder Zugang zu diesen erhalten.

Die frisch erschienene PISA Studie bewies es erneut schwarz auf weiß. Die Bildungsungleichheit in Deutschland nimmt nicht ab, nein, sie nimmt sogar immer weiter zu und das obwohl Bildung von Beginn an die Weichen sowohl für unsere Kinder als auch unsere Gesellschaft insgesamt stellt. Hierzu zählt natürlich auch die kulturelle Bildung. Wenn Kinder bereits im frühen Vorschulalter mit Kunst und Kultur und all ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen in Berührung kommen, kann sich dieser frühzeitige Kontakt zu einer nachhaltigen Bereicherung ihres Lebens entwickeln. Zugleich begreifen sie diese elementaren Bestandteile bereits von Beginn an als eine Selbstverständlichkeit, mit der sie einen entsprechend vertrauten Umgang finden. Denn für zahlreiche Kinder handelt es sich eben nicht um Gewissheiten. Das spiegelt sich im weiteren Bildungsweg und lässt so die Schere zwischen sozial benachteiligten Kindern und denen, die es nicht sind, immer weiter auseinandergehen.

Oft bleibt in den Familien wenig bis gar kein Spielraum für etwas wie gemeinsame Museumsbesuche, musikalische Früherziehung oder das Ausprobieren kreativer Ausdrucksformen. Die Hürden können dabei begrenzte finanzielle Mittel, fehlende Zeit, mangelnde Informationen über Angebote oder auch Sprachbarrieren sein. Umso wichtiger ist es deshalb, dass öffentliche Strukturen wie Kindertagesstätten genau hier ansetzen und einen möglichst breiten Zugang für alle Kinder gemeinsam schaffen. Das alles ist jedoch immer leichter gesagt als getan. Denn auch dort wachsen Kapazitäten beileibe nicht an Bäumen und die reguläre Betreuung der Kinder nimmt bereits einen maßgeblichen Teil der zur Verfügung stehenden Ressourcen ein. Langwierige Recherchen zu entsprechenden kulturellen Angeboten, Organisation, Abstimmung und auch das passende Budget sind schlichtweg nicht immer vorhanden.
Kultur von Anfang an
Das Zauberwort, das im Idealfall genau hier Abhilfe schaffen kann, lautet „KiTaKu“. Hinter dem Begriff verbirgt sich die Frühkindliche Kulturelle Bildung des Kulturbüros der Stadt Oldenburg. „Lernen mit und durch die Künste“, beschreibt es Sophie Arenhövel, die den Bereich mit ihrer Kollegin Vivien Ritter gemeinsam betreut. Es gehe dabei weniger darum, dass Kinder möglichst früh „in einer Kunst fit werden“, sondern eher darum, dass Kunst eine Art Vehikel für andere Lernprozesse sei. Theaterbesuche, Musikprojekte, Tanz oder auch Film würden so im Kitalltag zu Erfahrungsräumen werden, in denen Kinder ausprobieren, staunen, sich ausdrücken und ganz nebenbei soziale, emotionale sowie sprachliche Kompetenzen entwickeln. „Vor allem“, ergänzt Arenhövel, „sollen Kinder aber das Gefühl bekommen, dass ihnen die Türen zu Kultureinrichtungen offenstehen und sie dort nicht fremd sondern genau richtig sind.“

Bereits seit 2012 bietet KiTaKu deshalb nicht nur den passenden Rat und eine entsprechende (auch finanzielle) Unterstützung zur Umsetzung eigener Projekten, sie ermöglicht den jeweiligen Einrichtungen darüber hinaus auch Zugriff auf ein Netzwerk aus zahlreichen Bildungseinrichtungen und Kulturakteurinnen und -akteuren. Sophie und ihre Kollegin Vivien reagieren hierbei nicht nur auf konkrete Anfragen, sondern gehen ebenso proaktiv auf die Kindertagesstätten zu und organisieren Fortbildungen, eigene Modellprojekte oder Austauschformate. Immer wieder entstünden dabei für Erzieherinnen und Erzieher die Highlights des Kita-Jahres. Diese können wiederum motivieren, solche kulturellen Aspekte stärker in den Alltag vor Ort zu integrieren. So spiegele es zumindest das Feedback, das Sophie regelmäßig erhalte.
Auf die Sprünge helfen
Ein solches Highlight konnte nun mit den „Kultur(T)räumen“ frisch auf den Weg gebracht werden. Dank der finanziellen Unterstützung der Vereinten Oldenburger Sozialstiftung konnten zehn Kindertagesstätten aus einem Katalog von über 40 Kulturangeboten schöpfen, die von insgesamt 15 Kultureinrichtungen und Kulturschaffenden passgenau für junge Kinder konzipiert wurden. Quasi ein fertig geschnürtes All-Inclusive-Paket, das dabei systematisch und im jährlichen Rhythmus über das gesamte Stadtgebiet ausgerollt werden soll. Wünsche und Bedarfe der teilnehmenden Kitas wurden natürlich mit einbezogen, weshalb neben spannenden Exkursionen in Museen oder Kinos der Großteil der Kulturangebote vor Ort in den Kitas stattfinde. So sei es auch Einrichtungen möglich teilzunehmen, die weniger mobil sind.
„Die Idee hinter den Kultur(T)räumen ist, Räume zu ermöglichen. Nicht nur ganz konkrete Räume für Projekte, sondern auch ideelle Räume. Also vielleicht auch Träume und Ideen, die es in den Teams schon lange gibt und denen wir ein bisschen auf die Sprünge helfen können.“
Ein weiteres Beispiel für diese bereits erwähnte Eigeninitiative ist das circa 2 mal im Jahr stattfindende Mini-Speed Event, das als eine Art Speed-Dating für Kita und Kultur zu verstehen ist. Eine Auswahl an Kulturschaffenden präsentiert dabei in kleinen Zeitslots von fünf Minuten, was vor Ort in den Einrichtungen zusammen mit den Kindern erarbeitet werden könnte. Im Anschluss kommen alle bei leckeren Snacks miteinander ins Gespräch. Gerade dieser Erfahrungsaustausch, auch zwischen den einzelnen Kindertagesstätten, sei etwas, das für die anwesenden Erzieherinnen und Erzieher einen echten Mehrwert darstelle und ihnen klarmache, nicht alleine mit ihrem Engagement zu sein. Für viele Fachkräfte sei es manchmal auch einfach nur wichtig zu erleben, dass andere Kitas vor ähnlichen Herausforderungen stehen und der Mehraufwand, eigene Ideen auszuprobieren gesehen und wertgeschätzt werde, so Arenhövel.
Das Publikum von morgen
Warum sich alle Kulturakteure darüber Gedanken machen sollten, wie sie ihre Angebote in frühkindliche Kontexte übersetzt kriegen, liegt letztlich auf der Hand. Denn in den Einrichtungen begegnen sie ganz unmittelbar einer Zielgruppe, die sie sich sowohl im Hier und Jetzt als auch für die Zukunft erschließen können. Wer heute bereits mit Vier-, Fünf- oder Sechsjährigen arbeitet, legt nicht nur einen wichtigen Grundstein für den weiteren Bildungsweg der Kinder selbst, sondern erschließt sich zugleich ein neues, potenziellen Publikum für das eigene Haus. Ein Programmkino wie das cine k, das ein eigenes Format für Kitas entwickelte, oder auch ein Oldenburgisches Staatstheater, das kleine Bühnenmomente erlebbar werden lässt, macht sich auf diesem Wege früh in der Lebenswelt der Kinder sichtbar und das lange bevor klassische Marketingmaßnahmen greifen würden

Kulturelle Angebote für Kita-Kinder sind somit also nicht nur pädagogisch wertvoll, sondern zeitgleich ein strategisch kluges Unterfangen. Das schafft Vertrautheit, baut im besten Falle nachhaltige Beziehungen auf und macht Kulturorte zu selbstverständlichen Bezugspunkten im Alltag von Familien. Natürlich erfordern solche Angebote für Krippen- und Kindergartenkinder andere erzählerische Ansätze, Zeiträume und Materialien als es vielleicht sonst der Fall wäre. Doch genau darin liegt ebenso ein eigener künstlerischer Reiz. Sophie sei es deshalb bei der Gewinnung neuer Angebote für den Bereich und im Austausch mit der Kulturszene sehr wichtig, das Verständnis für diese Zielgruppe zu schärfen und sie "ein Stück weit auch die Angst vor der Arbeit mit jungen Kindern verlieren" zu lassen. Das können wir nur ausdrücklich unterstreichen.
Denn am Ende geht es doch darum, was die Kinder letztlich dabei gewinnen: Erfahrungen, die ihre Fantasie beflügeln und von denen auch die Szene auf lange Sicht nur profitieren kann...und wird. Da sind wir uns sicher.


