KUNST & KAFFEE: DAS STAUBLAU IN OLDENBURG
- vor 7 Tagen
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Wer am Staugraben 9 die kleine Pforte aufmacht, betritt eine andere Welt. Der Straßenlärm hört fast auf, über einen weitet sich ein verwunschener Garten, und irgendwo duftet es nach frisch gebackenem Kuchen. Willkommen im Staublau – einem der schönsten versteckten Kulturorte Oldenburgs.

Ein Haus mit Geschichte

Das Haus am Staugraben ist von 1854. Als Andrea Geister-Herbolzheimer und ihr Team das Gebäude 2009 erwarben, hingen noch Bilder von der Malerin Veronika Caspar Schröder an den Wänden. Eine Künstlerin, die übrigens kaum jemand kennt, obwohl sie Oldenburger Kunstgeschichte geschrieben hat: Sie war gemeinsam mit ihrem Mann in den frühen 1930er Jahren in Paris, verkehrte im legendären Café du Dôme, wo Kunst neu erfunden wurde. Der französische Maler Henri Matisse, der damals schon sehr bekannt war, hielt sich oft dort auf und inspirierte die Oldenburgerin. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete sie gemeinsam mit Carl Buchheister den BBK Oldenburg – in ihrem Atelier, das früher genau dort lag, wo heute die Remise des Staublau steht. Wer das Haus betritt, betritt also einen Ort, der schon immer Künstlerinnen und Künstler angezogen hat.
Dieser Geschichte wollte das Team gerecht werden. Also kein großer Abriss, kein frischer Anstrich über alles drüber. Stattdessen: hinschauen, was das Haus zu erzählen hat. Wandschichten, die jahrzehntelang verborgen waren, kamen zum Vorschein. Der alte Apfel- und Kartoffelkeller wurde zum Café. Der Kohlekeller zum Atelier. Die frühere Augenarztpraxis zum Ausstellungsraum. Alles, was irgendwo ausgebaut wurde, tauchte an anderer Stelle wieder auf.
Das Haus hat sich somit ein bisschen neu erfunden, aber es ist dabei ganz es selbst geblieben.
Alles gleichzeitig: Café, Galerie, Kreativraum, Architekturbüro
Wie würde man das Staublau insgesamt beschreiben? Andrea lacht bei der Frage ein bisschen. „Die Grenzen sind fließend“, sagt sie, „und das ist so gewollt.“ Auf 300 Quadratmetern ist alles untergebracht: das Café, die Galerie, Atelierflächen für Malkurse, ein Veranstaltungsraum, Büros. Da der Platz für all das doch manchmal knapp ist, wird viel hin und her geräumt. Eine Lesung findet im Ausstellungsraum statt. Das Atelier wird zum Konzertsaal für bis zu 45 Gäste. Im Café spielen manchmal Musiker:innen, im Garten hängen manchmal Bilder.

Oft findet alles gleichzeitig statt.
Ein schönes Beispiel dafür ist das Women in Architecture-Festival. Die Idee stammt ursprünglich aus Berlin, und 2025 fand das Festival zum ersten Mal auch in Oldenburg statt. Der zentrale Ort dafür war das Staublau. Vorträge und Workshops füllten die Räume, im Garten hat eine Künstlerin den Außenraum bespielt, Architektinnen aus der Region und darüber hinaus kamen zusammen. Für ein paar Tage war das Staublau genau das, was es im besten Sinne sein kann: ein Ort, an dem viele Dinge gleichzeitig passieren und Menschen zusammenkommen, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären.
Seit Andrea ihr Architekturbüro ins Kelleratelier verlegt hat, ist das Haus auch unter der Woche belebt. Als Anlaufstelle, als Arbeitsort, als Ort, an dem sich etwas tut.
Wer entscheidet, was hier gezeigt wird?
Das Programm des Staublau ist kein Zufall. Für die Ausstellungen ist Wim Heesen zuständig, für die Literatur Dr. Uta Fleischmann, und für die musikalischen Beiträge entscheidet das Team gemeinsam. Mittlerweile kommen auch viele Bewerbungen von regionalen und überregionalen Künstlerinnen und Künstlern – das Haus muss sich hier gar nicht mehr vorstellen.
Uns ist die Bandbreite guter kultureller Beiträge wichtig. Wir kombinieren gerne Musik, Literatur und Kunst miteinander.
In einem Kreativraum dieser Größe geht das besonders gut. Man sitzt nah beieinander, kommt ins Gespräch, probiert etwas aus – und das Publikum ist klein genug, um danach noch gemeinsam darüber zu reden. Kunst, die nicht von oben herab präsentiert wird, sondern mitten unter uns passiert. Kein Elfenbeinturm, keine Schwellenangst. Einfach reinkommen und erleben.
Aktuell läuft im Ausstellungsraum die Schau des niederländischen Künstlers und Illustrators Sytse van der Zee: „Miscellaneous“ – Zeichnungen, Linolschnitte, Collagen, entstanden aus purer Neugier. Wer ihn noch nicht kennt: Van der Zee arbeitete lange als Illustrator und leitete Studiengänge für Comic- und Animationsdesign. Seine Bilder erzählen viele schöne Geschichten – manchmal mit Text, manchmal ohne, immer mit einem eigenen, leisen Humor.
SYTSE VAN DER ZEE - MISCELLANEOUS
4. JULI BIS 30. AUGUST 2026
STAUBLAU
26122 OLDENBURG
SAMSTAG & SONNTAG 13 BIS 19 UHR
EINTRITT: FREI
Der Garten, das Herzstück
Und dieser Garten! Überdimensionierte Farne, eine alte Magnolie, die schon hier stand, als das Haus noch eine Arztpraxis war, Licht und Schatten, die miteinander spielen. Mitten in der Innenstadt, direkt neben einer der Hauptstraßen Oldenburgs, liegt dieser Ort – und man fragt sich unweigerlich, wie er hier überhaupt existieren kann.

Für Veranstaltungen wird er immer wieder bespielt: Open-Air-Ausstellungen, Konzerte, Installationen, bei denen Kunst und Natur miteinander in Dialog treten. „Qualität vor Quantität“, sagt Andrea. Nicht jeder freie Termin wird vollgepackt, sondern ausgewählt, was zum Ort passt.
Ein aktuelles Projekt heißt „Regenlandschaft“ – eine kunstvolle Ableitung des Regenwassers zur Bewässerung der Pflanzen. Funktion und Ästhetik, verbunden in einem. Und für 2029, das 20-jährige Jubiläum des Staublau, gibt es einen lang gehegten Wunsch: eine große Sonnenterrasse im hinteren Teil des Gartens.
Das blaue Herz
Es gibt ein Detail im Haus, das Andrea als ihr liebstes beschreibt. Es hängt nicht an der Wand und steht nicht im Garten – es leuchtet blau im Kelleratelier. Wer hier ins Büro kommt, sieht es sofort: ein alter Kohlekessel, eingehaust in einer Vitrine aus Glas, von innen blau beleuchtet. Bruderus Lolla Kessel Logana Typ III und IV, Baujahr irgendwann in den 1950er Jahren, stillgelegt, aber nicht vergessen.
Er wirkt wie das blaue Herz, das für das Haus und das Projekt schlägt.
Ein eigenes kleines Universum, erzählt uns Andrea. Auf der Vitrine steht ein Modell – eine Vision einer Kulturbrücke über die Haaren, entstanden im Rahmen des Förderprogramms "Machwerk" der Stadt Oldenburg. Eine Brücke, die das Bahnhofsviertel mit der Innenstadt verbinden könnte, wenn der Autoverkehr weniger Platz einnähme.
Vergangenheit und Zukunft auf einem Quadratmeter. Das ist Staublau in einem Bild.
Das beste Versteck der Stadt
Das Staublau ist kein Museum. Kein Kulturzentrum im großen Sinne. Es ist eher ein Ort, an dem man landet – wegen des Kuchens, wegen des Gartens, wegen einer Ausstellung, die man beim Vorbeigehen gesehen hat. Und dann bleibt man länger als geplant, weil das Gespräch mit den Menschen am Nebentisch interessant ist, weil der Kuchen so köstlich ist, dass man noch ein Stück bestellt, weil man im Garten plötzlich nicht mehr weiß, dass da draußen eine trubelige Stadt ist.
Geöffnet ist das Café samstags und sonntags von 13 bis 19 Uhr. Selbstgebackene Kuchen, Kaffee, Wein, Bier, Fingerfood – und drinnen wechselnde Ausstellungen, die man nebenbei entdeckt oder auch ganz bewusst aufsuchen kann. Viele Gäste würden sich wünschen, dass das Café auch unter der Woche öffnet. Andrea auch. Sie hofft, dass sich irgendwann jemand findet, der das Café weiterführt – jemand, der genauso für Kunst brennt wie das Haus selbst.
Bis dahin: samstags und sonntags, Staugraben 9.
Plant unbedingt Platz für Kuchen ein!




















