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PIXEL TRIFFT AUF LEINWAND

  • 15. Juli
  • 6 Min. Lesezeit

Ein Künstler, der zwischen Ölfarbe und GIF-Animation pendelt und seine Bilder genauso gut in der digitalen Welt wie an der Museumswand zeigt: Juran Landt hat den diesjährigen Förderpreis der Kulturstiftung Öffentliche Oldenburg gewonnen. Bis zum 26. Juli zeigt das Landesmuseum Kunst & Kultur seine Ausstellung Sedimente des Rauschens – und wir nehmen das als Anlass, mal genauer hinzuschauen, was es mit dieser Pixel-Sache eigentlich auf sich hat.



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Auf den ersten Blick ein leuchtendes Muster aus Orange und Weiß. Auf den zweiten Blick erkennt man weitere Bilder in den vier Ecken. Unten rechts zum Beispiel: eine Felsformation mit Wasserfall – bekannt als 'Cry Me a River', weil die Steine und das Wasser gemeinsam ein weinendes Gesicht ergeben. Wer lang genug schaut, findet immer mehr. (Bild: Tobias Hübel)


Was ist denn Pixel Art?


Bevor wir zu Juran Landt kommen, lohnt sich ein kurzer Abstecher: Was ist Pixel Art überhaupt?


Im Kern steckt es schon im Namen: Kunst, die aus Pixeln besteht, der kleinsten Bildeinheit digitaler Anzeigen. Entstanden ist die Ästhetik in den 1970er- und 80er-Jahren mit den ersten Videospielen, als Computer schlicht nur wenige Bildpunkte darstellen konnten. Aus der technischen Beschränkung wurde mit der Zeit ein eigener Stil: grobe Raster, klare Kanten, reduzierte Farbpaletten. Wer sich an Super Mario, Pac-Man oder die ersten Game-Boy-Spiele erinnert, hat Pixel Art längst gesehen, auch ohne den Begriff zu kennen.


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Klein, aber nicht zu übersehen: Diese winzigen Displays zeigen Pixel-Art-Landschaften in Bewegung und lassen die Grenze zwischen Gemälde und Bildschirm verschwimmen. (Bild: Kulturschnack)

Heute können Computer unzählige Farben in hoher Auflösung darstellen – die technische Beschränkung ist Geschichte, der Stil bleibt trotzdem lebendig. Wer heute mit Pixeln arbeitet, tut das aus Überzeugung und vielleicht ein bisschen aus Nostalgie. Jeder Bildpunkt wird zur bewussten Entscheidung, jede Fläche ein Spiel zwischen Reduktion und Aussage. In der Szene gibt es sogar Grundsatzdebatten darüber, was als „echte" Pixel Art gilt. Müssen alle Pixel von Hand gesetzt sein, oder dürfen Software-Effekte mitspielen? Zum Beispiel Dithering: das geschickte Nebeneinandersetzen von Pixeln unterschiedlicher Farben, das dem Auge Farbverläufe und Schattierungen vortäuscht, die eigentlich gar nicht da sind. Ein kleiner Trick und ein großer Streitpunkt. Viele der gerade spannendsten Positionen antworten: Genau diese Offenheit macht das Ganze erst richtig lebendig.


Juran Landt ist in genau dieser Szene aktiv – und das gleich unter zwei Namen. Neben seiner physischen Ausstellungspraxis präsentiert er digitale Arbeiten unter dem Namen Yuran Yakon, für ein weltweites Publikum, das Kunst online sammelt.



Zwei Namen, eine Praxis


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Juran Landt ist international gut vernetzt: In der 'TzAR Pixel Art Anthology' taucht er unter seinem Pseudonym Yuran Yakon auf – als Teil einer weltweiten Pixel-Art-Szene. (Bild: The Blasted Tree Publishing)

1994 geboren, bewegt sich Landt zwischen den Welten und hat dafür gleich zwei Identitäten. Als Juran Landt malt und zeichnet er, arbeitet mit Leinwand, Papier, Bleistift. Als Yuran Yakon erschafft er digitale Pixelarbeiten und Animationen.


In dem Sammelband TzAR: Pixel Art Anthology wird genau diese digitale Seite seiner Arbeit gewürdigt. Yuran Yakons Werke seien von Erkundungslust geprägt, heißt es dort: Er teste fortwährend die Grenzen von GIF-Animation und Pixelmedium aus, spiele mit Auflösung, Transparenz, Glitch und Bildabfolge.


Seine digitalen Serien tragen Namen wie „Deep Sea Cable" – ein Unterwasserkabel, umgeben von Meereslebewesen – oder „Stream": eine Serie über Blitzeinschläge und glitchende, also fehlerhafte Datenströme. Das englische Wort „Stream" bedeutet sowohl Fluss als auch Datenstrom, und genau das ist der Clou daran. Natur und Technologie, die eigentlich als Gegensätze gelten, sind bei Landt dasselbe Wort – und dasselbe Bild.



JURAN LANDT: SEDIMENTE DES RAUSCHENS


BIS 26. JULI 2026


26122 OLDENBURG




Google Maps als Atelier


Einen besonderen Platz nehmen die Werke ein, bei denen Landt einfach Google Maps öffnet und dann losreist, ohne das Atelier zu verlassen. Für die Serie „36 Televisionen des Berges Fuji" hat er Google Street View-Screenshots des japanischen Berges aufgerufen, GPS-Koordinaten notiert und die Ansichten anschließend übermalt und erweitert.


Der Fuji, von Oldenburg aus, auf der Leinwand. Ein ähnliches Prinzip steckt in der „Unter Wasser"-Serie: Unterwasserlandschaften, in die sich die Oberfläche einer Apple-Navigationsapp einschreibt – als hätte jemand Google Maps mitten in ein Aquarium gelegt.


Eine App aufmachen, in die Welt schauen, malen. So einfach ist das.



Wo die Tradition durchschimmert


Digitale Kunst und klassische Kunstgeschichte liegen bei Landt erstaunlich nah beieinander. Die Serie „36 Televisionen des Berges Fuji" spielt direkt auf Katsushika Hokusai an – den japanischen Künstler, der im frühen 19. Jahrhundert seine „36 Ansichten des Berges Fuji" als Holzschnitte schuf. Sein bekanntestes Bild, die Große Welle vor Kanagawa, kennen die meisten – auch wenn sie es vielleicht nicht sofort zuordnen können. Als Poster, auf Tassen, als Handyhülle. Und seit 2010 sogar als Emoji: 🌊


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Ein Desktop als Gemälde: Die Welle als Hintergrundbild, drumherum Ordner und Verweise auf berühmte Gemälde – oben rechts grüßt Van Gogh. (Bild: Kulturschnack)

Landt macht dasselbe wie Hokusai – denselben Berg, viele Perspektiven – nur mit Google Street View statt Skizzenbuch vor Ort.


Auch das Prinzip der Pixel hat übrigens einen alten Vorläufer. Die Pointillisten – Georges Seurat, Paul Signac – haben im 19. Jahrhundert Bilder aus winzigen Farbtupfern zusammengesetzt, die erst aus der Distanz ein Ganzes ergeben. Davor das Mosaik, das dasselbe mit Steinchen machte. Ob Stein, Farbe oder Pixel – das Prinzip ist immer dasselbe: Viele kleine Punkte, ein großes Bild. Pixel Art ist also nicht so 1980er, wie sie aussieht.



Das seht ihr im Oldenburger Schloss


In der Ausstellung „Sedimente des Rauschens" sehen wir, wie eng analoge und digitale Bildwelten bei Landt zusammenhängen. Großformatige Gemälde und Zeichnungen spielen mit Bildschirmansichten, App-Icons und Browserfenstern, verbinden Memes mit Alltagsgegenständen und Verweisen auf die Kunstgeschichte.




Ein gutes Beispiel ist die Serie „Mesh Roaming": Auf den ersten Blick sieht man ein dichtes Liniengeflecht, das das Bild fast vollständig überzieht. Erst beim längeren Hinschauen entdeckt man darunter eine skizzenhafte Zeichnung – und in den vier Ecken kleine Bilder, die zwischen Kunstgeschichte, Memes und digitaler Gegenwartskunst pendeln. Es lohnt sich also definitiv stehen zu bleiben.


Politisch wird es bei „what is a man?": sieben Meter breit, aus 50 einzelnen Papierbögen zusammengesetzt, vollständig bedeckt mit einem seitenverkehrt geschriebenen Text. Die Vorlage: ein automatisch generiertes Transkript eines Interviews zwischen Andrew Tate und Tucker Carlson aus dem Jahr 2023. Die seitenverkehrte Schrift macht das Lesen bewusst mühsam und schafft damit genau den Abstand, den man braucht, um nachzudenken.


Dazu kommen die „Interface"-Werke „Wasser" und „Nizu": Landt nutzt hier Browserfenster und App-Oberflächen als Bildträger. Der Computerbildschirm wird zur Leinwand, die digitale Oberfläche zum Gemälde.



Eine Schnitzeljagd durch die Kunstgeschichte


Wer die Ausstellung besucht, merkt schnell: Man braucht Zeit. Die Werke fordern kein schnelles Drüberschauen, sondern ein neugieriges Entdecken. Hier ein Browserfenster, das sich als Landschaft entpuppt. Dort ein Meme-Format, das plötzlich kunsthistorische Tiefe bekommt. Wer genau hinschaut, findet versteckte Verweise auf berühmte Gemälde: ein Albrecht Dürer hier, Malewitschs Schwarzes Quadrat dort. Mittendrin ein Ausschnitt eines Computerspiels. Hier kann man eine richtige Schnitzeljagd machen und wer sie spielt, wird in jedem Raum der Ausstellung belohnt.



Aber warum taucht bei einem Künstler, der sich so intensiv mit Bildschirmen und Memes beschäftigt, plötzlich Albrecht Dürer auf? Vermutlich, weil genau das der Kern seiner Arbeit ist. Landt stellt flüchtige Internetphänomene – Memes, App-Icons, Google-Maps-Ansichten – neben Motive, die die Kunstgeschichte geprägt haben. Das eine verschwindet nach Sekunden aus unserem Feed, das andere hängt seit Jahrhunderten an Museumswänden. Was schauen wir eigentlich an – und wie lange? Erst wer stehen bleibt und genauer hinschaut, erkennt: Das ist kein abstraktes Muster – das ist Google Maps. Das ist kein dekoratives Detail – das ist ein Meme, sorgfältig abgezeichnet und neu erzählt. Was im Internet nur Sekunden überlebt, hängt hier auf Papier. Das Flüchtige wird dauerhaft. Und wir, die wir sonst im Sekundentakt durch Bilder scrollen, schauen plötzlich länger hin.



Der Förderpreis hat auch Tradition


Der Förderpreis der Kulturstiftung Öffentliche Oldenburg wird seit 24 Jahren vergeben, ist mit 8.000 Euro dotiert und wechselt jährlich zwischen Malerei, Fotografie und Skulptur. 2026 war die Malerei an der Reihe – und die Jury, der unter anderem Landesmuseums-Direktorin Dr. Anna Heinze und der Künstler Michael Ramsauer angehörten, entschied sich für eine Position, die so zwischen allen Stühlen sitzt wie kaum eine andere: Leinwand trifft Pixel, Kunstgeschichte trifft Meme.


Wer selbst jung ist und künstlerisch arbeitet: Der Preis ist eine echte Chance. Man bekommt nicht nur 8.000 Euro, sondern auch eine eigene Ausstellung im Dachgeschoss des Oldenburger Schlosses – mit allem Platz, den man braucht, um sich künstlerisch so richtig auszutoben. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass der Preis genau das sucht: keine bequemen Positionen, sondern Neugier und Mut.


Und wer die Ausstellung noch nicht gesehen hat: unbedingt hingehen, Zeit mitbringen, genau hinschauen. Irgendwo steckt ein Dürer. Irgendwo ein Meme, das jemand abgezeichnet, übermalt und in einen neuen Zusammenhang gesetzt hat. Lohnt sich!


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