SICHER? KOMMT DRAUF AN
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Es gibt Wörter, die plötzlich überall sind. „Sicherheit“ gehört gerade dazu. Im Bundestag, auf TikTok, in Wahlprogrammen oder beim Smalltalk auf dem Wochenmarkt. Meist geht es um Grenzen, Kriminalität oder Aufrüstung. Viel seltener wird gefragt, wer sich eigentlich sicher fühlen darf. Genau diese Lücke nimmt das Haus für Medienkunst Oldenburg mit der Ausstellung „OFF – Poems of Unrest“ in den Blick. Bis zum 13. September zeigen internationale Künstler:innen, dass Sicherheit weit mehr ist als Alarmanlagen, Polizeipräsenz oder verschlossene Türen. Manchmal geht es um den eigenen Körper, manchmal um ein Zuhause und manchmal um die Frage, wie sich ein Krieg eigentlich anhört.

Die Ausstellung, die derzeit Halt in Oldenburg macht, hat eine kleine Europa-Reise hinter sich. Entstanden ist „OFF - Poems of Unrest“ in Budapest bei der OFF-Biennale, der größten unabhängigen Kunstinitiative Ungarns. Seit 2015 setzt sie sich dafür ein, Kunst als Raum für gesellschaftliche Debatten zu schaffen und unabhängige Positionen sichtbar zu machen.

Die fünfte Ausgabe widmete sich 2025 dem Thema Sicherheit. Damals regierte in Ungarn noch Viktor Orbán. Rechte Politik nutzte existenzielle Ängste gezielt, erklärte Minderheiten zu Sündenböcken und reduzierte den Sicherheitsbegriff auf Abschottung und Militarisierung. „Poems of Unrest“ wollte genau dieser Erzählung etwas entgegensetzen.
Heute reist die Ausstellung durch Europa. Nach Stationen in Wien, Amsterdam und Limerick ist sie nun im Haus für Medienkunst Oldenburg angekommen. Dort trifft sie auf eine Debatte, die aktueller kaum sein könnte.
Zwei Etagen, viele Welten
Wer das Haus für Medienkunst betritt, kann sich zunächst auf eine kleine Entdeckungsreise machen. Oben führt der Rundgang einmal durch verschiedene Arbeiten, Themen und Stimmungen. Mal ist man irritiert, mal amüsiert, mal bleibt man vor einem Werk stehen, weil man erst auf den zweiten Blick versteht, was man da eigentlich sieht.

Eine Druckgrafik von Paula Rego etwa zeigt eine Szene, die gleichzeitig vertraut und verstörend wirkt. Uns erinnerte sie spontan an Francisco de Goyas „Caprichos“: diese dunkle Mischung aus Groteske, Alltag und menschlichen Abgründen. Und tatsächlich: Im Begleittext wurden wir bestätigt: Sie ließ sich unter anderem von Goya, William Hogarth und Picasso inspirieren.
Andere Arbeiten sind viel leiser. Die Zeichnungen von Anikó Loránt bewegen sich zwischen häuslichen Beobachtungen, kleinen Texten, organischen Formen und immer wiederkehrenden Motiven. Ihre Werke wirken beinahe wie Seiten aus einem sehr persönlichen Skizzenbuch. Ein bisschen Tagebuch und ein bisschen Rätsel.
Sicherheit kann hier also vieles bedeuten: Schutz vor Gewalt, Zugehörigkeit, Familie, Nähe oder die Freiheit, sich selbst immer wieder neu zu erfinden.
OFF – POEMS OF UNREST
BIS 13. SEPTEMBER 2026
HAUS FÜR MEDIENKUNST OLDENBURG
26121 OLDENBURG
DIENSTAG BIS FREITAG: 14 BIS 18 UHR
SAMSTAG, SONNTAG: 11 bis 18 Uhr
EINTRITT: 3 EURO, ERMÄßIGT 2 EURO
Wenn die Karaoke-Bar plötzlich nach Krieg klingt
Eine Arbeit bleibt uns beim Rundgang besonders im Kopf. Vielleicht auch deshalb, weil wir beim Betreten des Raumes erst einmal überhaupt nicht wussten, was uns erwartet.

Der Raum ist dunkel. Mehrere Mikrofone stehen bereit. Auf der rechten Seite sieht es beinahe wie in einer kleinen Bar aus: Barhocker, eine Theke, Wasser und Gläser stehen bereit. Wer möchte, kann Platz nehmen. Fast schon gemütlich.
Aber eben nur fast: Denn auf den Tischen liegen Informationen darüber, wie man sich bei einem Beschuss oder einem Luftangriff verhalten sollte. Dazu läuft ein Video. Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind, erzählen von Geräuschen, die sie vermutlich nie wieder vergessen werden: Sirenen, Explosionen, Waffen.
Sie sprechen diese Geräusche mit ihrer eigenen Stimme nach. Dann kommt der Satz, der der Arbeit ihren Namen gibt: Repeat after me. Dann ist das Publikum dran. Statt „Dancing Queen“ oder „Wonderwall“ geht es in dieser „Bar“ um Geräusche des Krieges. Wer sich an eines der Mikrofone stellt, kann die Laute nachmachen und damit für einen Moment versuchen, etwas zu begreifen, das man im besten Fall niemals selbst erleben muss.
Uns hat das beim Besuch irritiert und gleichzeitig fasziniert. Man steht zunächst einfach da und schaut zu. Dann merkt man: Diese Arbeit bietet einem tatsächlich an, selbst Teil davon zu werden.
Der Begleittext erklärt, dass „Repeat after me“ 2022 entstand, nachdem das ukrainische Kulturministerium kurz vor dem russischen Überfall eine Broschüre veröffentlichte, die Zivilistinnen und Zivilisten dabei helfen sollte, Angriffe anhand ihrer Geräusche zu erkennen. Die Künstler Yuriy Biley, Anton Varga und Pavlo Kovach übersetzen diese bedrückende Realität in eine Situation, die irgendwie spielerisch und verstörend wirkt: eine futuristische Karaoke-Bar für Kriegsgeräusche.
Während wir in Deutschland Sirenen meistens mit Feuerwehr, Probealarm oder vielleicht noch einer Katastrophenschutz-App verbinden, sind sie für andere Menschen ein Geräusch, das den Körper sofort in Alarmbereitschaft versetzt. „Repeat after me“ macht diese Entfernung plötzlich kleiner. Vielleicht ist das eine der interessantesten Fragen der gesamten Ausstellung:
Wie klingt Sicherheit für Menschen, die wissen, wie sich Unsicherheit anhört?
Krieg, Protest und eine Cello-Bombe

Wie eng Kunst und politische Realität miteinander verbunden sein können, zeigt auch eine andere Arbeit: Cal Kowals Fotografie von Charlotte Moorman bei einer Performance mit ihrer „Cello Bomb“.
Eine Cellistin spielt auf einem Instrument, das zugleich an eine Bombe erinnert. Die Arbeit entstand vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs und verbindet klassische Musik mit Protest, Spektakel und politischer Provokation.
Die Fotografie wirkt auf den ersten Blick fast wie eine Szene aus einem recht merkwürdigen Musikvideo. Erst beim genaueren Hinsehen wird klar, wie viel Widerspruch darin steckt: Musik und Krieg, Schönheit und Zerstörung, Kunst und Aktivismus.
Genau solche Gegensätze ziehen sich durch „Poems of Unrest“. Die Ausstellung gibt keine einheitliche Definition von Sicherheit vor. Stattdessen legt sie verschiedene Erfahrungen nebeneinander und lässt sie miteinander ins Gespräch kommen.
Warte, das ist auch witzig?
Wer jetzt eine Ausstellung mit erhobenem Zeigefinger erwartet, liegt daneben. Zwischen den ernsten Themen blitzt immer wieder Humor auf. Manche Arbeiten sind absurd, verspielt oder herrlich schräg. Genau das gehört zum Konzept: Lachen darf hier genauso stattfinden wie Nachdenken.
Ein besonders schönes Beispiel liefert die schwedische Künstlerin Ingela Ihrman. Sie ist für selbstgebaute, überlebensgroße Kostüme bekannt und schlüpft darin unter anderem in die Rollen von Pflanzen oder Tieren. Mal wird sie zur Riesenseerose, mal zur Kröte, mal zu einer Pflanze, die vor dem Publikum aufblüht.
Auf den ersten Blick wirkt das erstaunlich komisch. Ein erwachsener Mensch in einem riesigen Blumenkostüm ist schließlich nicht unbedingt das, was man erwartet, wenn man eine Ausstellung über Sicherheit betritt.

Doch hinter der Verspieltheit stecken echte Fragen: Wie verletzlich sind wir? Wie ist unser Verhältnis zur Natur, zum eigenen Körper, zur Welt um uns herum? Humor ist eben nicht das Gegenteil von Ernsthaftigkeit – manchmal ist er der direkteste Weg dorthin.
Und genau das macht die Ausstellung so sehenswert. Sie erzählt nicht nur von großen politischen Krisen und Konflikten. Sie schaut auch auf die kleinen Räume: auf Familien, auf Beziehungen, auf den eigenen Körper, auf das, was sich nach Zuhause anfühlt und was nicht.
Dóra Galyas Deneraks „Hello, Father?“ passt genau hier hinein. Die Künstlerin fotografiert ihren Vater immer wieder neu und verändert damit die gewohnte Beziehung zwischen Fotografin und Modell. Aus dem vertrauten Vater wird plötzlich eine Figur, die man noch einmal ganz anders betrachten muss.
Bring deine Oma mit, deine WG oder beide
Das Schöne an „Poems of Unrest“: Fast jede Altersgruppe entdeckt hier etwas anderes.
Kinder staunen über riesige Kostüme, ungewöhnliche Videoinstallationen und fantasievolle Figuren. Jugendliche erkennen Themen wieder, die sie aus sozialen Netzwerken oder ihrem eigenen Alltag kennen: digitale Öffentlichkeit, Gruppenzwang oder politische Ohnmacht.
Erwachsene begegnen Debatten, die sie vielleicht schon seit Jahrzehnten begleiten. Feministische Fragen werden hier allerdings nicht als Rückblick erzählt, sondern mit neuen Stimmen, neuen Bildern und neuen Perspektiven.
Das ist sicher kein Zufall. Das Haus für Medienkunst will genau das: Kunst, die nicht im Elfenbeinturm bleibt, sondern da landet, wo das echte Leben passiert. Künstlergespräche, Workshops, medienpädagogische Angebote – wer möchte, findet hier einen Weg rein. Und manchmal auch einen Weg, Dinge anders zu sehen.
Das Programm drumherum ist auch gut
Die Ausstellung hört nicht auf, wenn man durch die letzte Tür gegangen ist. Das Begleitprogramm lädt ein, die Fragen der Schau selbst weiterzudenken – und zwar aktiv.
Ein Beispiel: Am 22. August findet der kostenlose Wendo-Workshop „Becoming Safe – Sicherheit selbst behaupten!" für FLINTA-Personen statt. Geleitet von Simo Wörmann von Wendo Nowe e.V. startet der Tag mit einem gemeinsamen Rundgang durch die Ausstellung und fragt dann weiter: Was bedeutet Sicherheit für mich? Wann fühle ich mich stark? Welche meiner Grenzen werden oft übergangen?
Außerdem:
Sonntagsführung
Am 30. August ab 15 Uhr lässt sich die Ausstellung bei einer einstündigen Führung noch einmal aus einer anderen Perspektive entdecken.
Gemeinsam geht es durch die verschiedenen Arbeiten und Themen der Schau: von Krieg und Flucht über Familie und Verletzlichkeit bis hin zu Protest, Humor und der großen Frage, was Sicherheit eigentlich bedeutet.
Die Führung ist kostenfrei.
Workshop: „Neuigkeiten von Zuhause“
Ab 9. September, jeweils 17 bis 21 Uhr, lädt Kunstvermittlerin Heike Seiferth zu einem dreitägigen Pappmaché-Workshop für Erwachsene ein. Inspiriert vom Werk „News from Home, roof tiles“ von Katarina Šević entstehen aus Zeitungen, Pappe, Wolle, Filz, Holz und Acrylfarben ganz persönliche Figuren.
Kosten: 55 Euro. Anmeldung bis 24. August per E-Mail.
Kein Grund, nicht hinzugehen
Das Haus für Medienkunst, bis 2025 als Edith-Russ-Haus bekannt, liegt zentral in der Katharinenstraße. Wer noch nie mit Medienkunst in Berührung gekommen ist, findet hier einen einfachen Einstieg. An jedem ersten Sonntag im Monat ist der Eintritt frei. Sonntags gibt es außerdem um 15 Uhr kostenlose Führungen.
Die Ausstellung läuft noch bis zum 13. September 2026. Vielleicht verlässt man das Haus für Medienkunst anschließend nicht mit fertigen Antworten. Wahrscheinlicher ist, dass man mit besseren Fragen nach Hause geht. Gerade heute, wenn wir ständig über Sicherheit sprechen, ist das vielleicht der spannendste Ausgangspunkt überhaupt.


