KLASSENTREFFEN IM OLDENBURGER KUNSTVEREIN
Die einen waren vor zwanzig Jahren hier, die anderen erst vor ein paar Jahren. Damals standen sie am Anfang ihrer künstlerischen Laufbahn, heute sind sie in ganz unterschiedlichen Ecken der Kunstwelt angekommen. Manche kennen sich seit Jahren, andere sind sich in Oldenburg zum ersten Mal begegnet. Jetzt kommen sie im Oldenburger Kunstverein wieder zusammen – mit alten Arbeiten, neuen Werken und der Frage: Was ist eigentlich aus ihnen geworden?

Der Oldenburger Kunstverein feiert keine Jubiläumsschau im klassischen Sinne. Keine goldgerahmten Highlights, kein Best-of, kein Rückblick in verschlossenen Vitrinen. Die aktuelle Ausstellung „Zeiten Zeichen Zusammenhänge" macht etwas anderes. Etwas, das selten vorkommt und deshalb umso interessanter ist: Sie lädt dreizehn Künstlerinnen und Künstler ein, die in den letzten zwanzig Jahren hier ihre erste oder eine frühe Einzelausstellung hatten, und schaut gemeinsam mit ihnen: Was ist seitdem passiert?
Das Ergebnis ist ein Dialog. Zwischen alten und neuen Arbeiten, zwischen dem, was damals war, und dem, was heute ist – und manchmal auch zwischen Werken, die auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun haben und auf den zweiten plötzlich doch so viel gemeinsam haben.
Michael Beutler: Von der NWZ-Druckerei auf die Biennale
Wer besser verstehen will, was der Oldenburger Kunstverein für eine Karriere bedeuten kann, sollte sich die Geschichte von Michael Beutler anschauen. Er ist 1974 in Oldenburg geboren, ist mit Henning Bohl – einem weiteren der gezeigten Künstler – auf dieselbe Schule gegangen, und hatte hier 2004 seine erste institutionelle Einzelausstellung überhaupt. Das ist übrigens ein Meilenstein für jeden Künstler und jede Künstlerin: Zum ersten Mal bekommt die eigene Arbeit eine eigene Bühne.

Für Michael Beutler war das eine ziemlich besondere Ausgangslage: zwei Wochen Zeit, ein komplett leerer Ausstellungsraum und kaum Material. Also: Challenge accepted.
Statt sich davon beeindrucken zu lassen, fing er einfach an zu improvisieren. Papier musste her – und zwar jede Menge. Einen Teil bekam er von der NWZ, die zu dieser Zeit noch deutlich mehr Zeitung auf Papier produzierte. Doch aus losem Zeitungspapier allein lässt sich noch kein Raum bauen. Beutler entwickelte kurzerhand eine Maschine, die Drähte in die Bögen einarbeitete und ihnen so die nötige Stabilität gab.
Und plötzlich wurde aus dem eigentlich viel zu schlaffen Material etwas ziemlich Großes: Wandverkleidungen, Ebenen und ganze Räume entstanden direkt vor Ort. Die selbstgebaute Maschine blieb gleich da und wurde kurzerhand Teil der Ausstellung.
Ziemlich gutes Beispiel dafür, was passieren kann, wenn man mit fast nichts anfängt.
Mittlerweile stellt Michael Beutler auf der Biennale in Venedig aus, im Hamburger Bahnhof, in Museen in Gelsenkirchen und Paris. Er webt riesige Teppiche auf selbstgebauten Webstühlen, bis zu zwanzig Meter lang und hundert Kilo schwer. Und er ist immer noch derselbe: jemand, für den der Prozess das Werk ist, nicht das fertige Ergebnis.
ZEITEN ZEICHEN ZUSAMMENHÄNGE
BIS 15. NOVEMBER 2026
OLDENBURGER KUNSTVEREIN
26135 OLDENBURG
DIENSTAG BIS FREITAG, 14–18 UHR
SAMSTAG UND SONNTAG, 11–18 UHR
EINTRITT: 3 EURO, ERMÄßIGT 2 EURO
Thomas Zipp: Posthum ausgestellt

Thomas Zipp war ursprünglich auch Teil der Ausstellung. Er ist 1966 geboren und hatte hier 2005 eine Ausstellung unClter dem Titel „Dirty Trees Back Paint" – eine eindringliche Installationsschau, in der es um zerstörte Landschaften und den Zusammenhang mit Drogen ging. 2012 kehrte er mit einer riesigen Arbeit zurück, die sich auf Picassos „Guernica“ bezog, eines der bekanntesten Bilder über Krieg und Zerstörung. Danach stellte er auf der Biennale in Venedig aus, im Fridericianum in Kassel und in Kapstadt.
Leider ist er im April 2026 gestorben.
Die Ausstellung zeigt nun seine Werke posthum – „tumb, tumb, tumb" aus dem Jahr 2005 zum Beispiel. Es ist kein einfacher Moment. Aber sicher ein schöner Ort: mitten unter Künstlerinnen und Künstlern, die er kannte und mit denen er den kleinen Kosmos des Kunstbetriebs teilte.
Henning Strassburger: Maler, Posaunist, Dirigent, Buchautor
Eine der schönsten Geschichten für alle, die glauben, Künstlerinnen und Künstler würden immer nur eine Sache machen, erzählt Henning Strassburger. 2015 hatte er hier eine Ausstellung und malte damals abstrakte Bilder. Die liefen ziemlich gut. Teilweise sogar zu gut: Manche Besucher warfen nur einen kurzen Blick aufs Handy, sahen die Werke und kauften direkt. Strassburger fand das eher weniger lustig. Also machte er genau das zum Thema: Was bedeutet es eigentlich, wenn ein Bild gekauft wird, bevor man es sich richtig angeschaut hat?
Danach zog er einen ziemlich radikalen Schluss: Er trennte sich von all seinen Galerien. Komplett. Erst einmal wollte er einfach raus aus dem Kunstbetrieb. Später tauchte er wieder auf – mit einer großen Einzelausstellung in der Berliner Agneskirche, diesmal als Bildhauer. Heute malt er wieder, allerdings ganz anders als früher und längst nicht mehr so abstrakt.
Damit nicht genug: Neben der Malerei schreibt er Bücher und dirigiert Konzerte. Bei manchen davon bleibt das Publikum am Ende offenbar nicht einfach auf seinen Plätzen sitzen, sondern tanzt durch den Raum. So könnte es auch am 10. Oktober laufen, wenn er aus seinem neuen Buch „Notizen und Fiktion“ liest und dazu Musik gespielt wird.

Klara Hobza taucht durch Europa
Und dann ist da noch Klara Hobza. Sie schwimmt durch Europa. Wörtlich: In Taucherausrüstung, durch Flüsse, Rinnsale, Gewässer – von Ost nach West, immer weiter. Das Projekt heißt „Diving Through You" und klingt abenteuerlich. Manchmal sogar sehr beklemmend, wenn man unter Wasser ist und nicht weiß, was da noch so neben einem schwimmt.

Wer sie noch vom Kultursommer 2018 in Oldenburg kennt, kennt auch den „Animaloculomat“. Ein großer, freistehender Fotomat – wie früher in Kaufhäusern, nur cooler. Man wirft eine Münze rein, setzt sich hin und bekommt am Ende ein Bild von sich. Nur dass man nicht die Ansicht zurückbekommt, die man aus dem Spiegel kennt, sondern sein Porträt aus der Perspektive einer Spinne, eines Pferdes oder eines Fisches. Was sieht eine Spinne, wenn sie einen Menschen anschaut? Wie nimmt ein Fisch das Gesicht wahr, das ihn von draußen durch die Scheibe oder das Wasser anstarrt?
Die Selfie-Maschine war beliebt. Trotzdem wäre der Automat beinahe auf dem Müll gelandet, wenn der Kunstverein ihn damals nicht gezeigt hätte. Manchmal braucht es wohl einen ersten Ort, der sagt: Das zeigen wir. Genau das ist einer der Gedanken, der durch diese ganze Ausstellung schwingt.
Die Prognose für 2066
Was wäre eigentlich, wenn man seinen eigenen Wikipedia-Eintrag schreiben würde – mit Ereignissen, die noch gar nicht passiert sind? Und ihn zehn Jahre später wieder hervorholt, um zu schauen: Was davon ist eigentlich eingetreten?
Genau das macht Klara Hobza heute. Seit 2002 schreibt sie fiktive Wikipedia-Einträge über sich selbst – allerdings immer aus der Perspektive der Zukunft. Sie tut also so, als würde jemand Jahre später auf ihr Leben zurückblicken. 2002 schreibt sie auf, wer sie damals ist und wie sie sich ihre Zukunft vorstellt. Zehn Jahre später, 2012, folgt der nächste Eintrag – diesmal mit einem Blick zurück auf die erste Version. 2022 geht das Spiel weiter. Und für die Ausstellung im Oldenburger Kunstverein kommt nun die neueste Folge dazu.

Was dabei entsteht, ist weder Selbstbeweihräucherung noch klassischer Lebensplan. Eher eine ziemlich witzige und erstaunlich ehrliche Form des Selbstporträts. Denn mit jedem neuen Eintrag schaut Hobza darauf, was aus den eigenen Vorstellungen geworden ist: Was wollte ich eigentlich? Was davon ist passiert? Was habe ich völlig falsch eingeschätzt? Und was hat sich verändert, obwohl ich es nie geplant hatte?
Gerade dadurch wird das Ganze so interessant. Denn natürlich geht es um Klara Hobza – gleichzeitig aber auch um etwas, das wir alle kennen: den Versuch, sich selbst aus der Zukunft zu betrachten und dem eigenen Leben im Nachhinein einen roten Faden zu geben. Schließlich steht da, ganz am Ende einer der Tafeln, dieser Satz:
2066 stirbt Klara Hobza im Alter von 91 Jahren an Herzversagen. Ihre Beerdigung ist relativ gut besucht.
Das ist ihre Prognose, ihr Wunsch und einfach eine sehr menschliche Zeile. Weil sie etwas formuliert, das viele von uns vermutlich kennen, aber kaum jemand so nüchtern aufschreiben würde: Ich möchte irgendwann in Würde gehen und ich hoffe, dass ein paar Menschen daran teilhaben.
Claudia Wieser: Der Kunstverein hat jetzt eine Bar!

Claudia Wieser ist bekannt für ihre selbst gebrannten Kacheln, mit denen sie ganze Wände in Kunst verwandelt. Zuletzt hat sie bei der Art Basel sogar den kompletten Stand einer Galerie damit gestaltet. Für den Oldenburger Kunstverein hat sie sich diesmal etwas ausgedacht, das bleibt: eine Bar.
Natürlich ist auch die gekachelt und trägt ganz klar Wiesers Handschrift. Vor allem aber soll sie in Zukunft genutzt werden. Denn der Kunstverein möchte öfter einladen: auf einen Drink, zum Quatschen, vielleicht zu einer kleinen Veranstaltung. Einfach so, ohne dass es immer einen großen Anlass braucht.
Und wer weiß: Vielleicht gibt es bald einen OKV-Signature-Cocktail?
Erst passt gar nichts zusammen, doch dann plötzlich alles
„Zeiten Zeichen Zusammenhänge“ ist keine leichte Ausstellung – jedenfalls nicht, weil sie schwer zu verstehen wäre. Eher, weil hier ziemlich viel zusammenkommt: über zwanzig Jahre Ausstellungsgeschichte, dreizehn künstlerische Positionen, alte und neue Arbeiten. Manches hängt direkt nebeneinander, anderes scheint erstmal überhaupt nichts miteinander zu tun zu haben.
Beim Aufbau hatten die Kuratorinnen deshalb selbst kurz den Gedanken: Das geht doch alles gar nicht zusammen. Zu bunt, zu unterschiedlich, zu viel. Und dann passiert genau das Gegenteil. Wenn man ein bisschen Abstand nimmt und noch einmal hinschaut, tauchen plötzlich Verbindungen auf. Ein Briefumschlag erinnert an Buchstaben. Die Buchstaben führen zu einer Wandarbeit. Die wirkt auf einmal fast wie ein Textil – und schon landet man beim Teppich.

Solche Verbindungen lassen sich nicht wirklich planen. Sie entstehen irgendwo zwischen den Arbeiten, im eigenen Kopf und manchmal einfach beim Herumlaufen durch die Ausstellung. Wer sich darauf einlässt, kann ihnen folgen.
Auch das Begleitprogramm macht genau das: Es nimmt die Ausstellung aus ganz unterschiedlichen Richtungen auseinander und bringt neue Dinge dazu. Bei „Zugänge zur zeitgenössischen Kunst“ geht es ums gemeinsame Schauen und darum, sich Kunst ganz ohne Fachvokabular zu nähern. „50 All In“ von Henning Strassburger verbindet Konzert und Lesung. Und bei „Estrogenalyzer“ treffen Alexander Wolff und Yves Mettler mit Synthesizern, Riffs, Distortion und Lyrik aufeinander – dazu gibt es eine Bar von der Künstlerin Claudia Wieser.
Die Ausstellung läuft bis zum 15. November 2026. Also genug Zeit, um einmal vorbeizuschauen – und vielleicht noch einmal wiederzukommen. Denn wie bei den Arbeiten selbst gilt auch hier: Beim zweiten Blick kann plötzlich etwas zusammenpassen, das vorher noch völlig getrennt wirkte.


