KEIN BERG IST EINFACH EIN BERG
Das Landesmuseum Kunst & Kultur zeigt Landschaften aus fünf Jahrhunderten. Klingt erst einmal ein bisschen langweilig? Ist es aber überhaupt nicht. Wer sonst beim Museumsbesuch gern mal an den Landschaftsbildern vorbeiläuft, könnte nach dieser Ausstellung seine Meinung ändern.

Wer das Oldenburger Schloss betritt und in die neue Sonderausstellung „Weltbilder im Wandel“ geht, trifft zunächst auf das, was man vielleicht erwartet: Alte Gemälde. Bäume, Hügel, Flüsse, ein paar kleine Figuren am Rand. In sich harmonisch und irgendwie beruhigend.
Dann beginnt die Ausstellung ihre eigentliche Arbeit.
Denn je länger wir hinschauen, desto mehr verändert sich der Blick. Dieser Baum links: einfach ein Baum? Die Bergkette im Hintergrund: wirklich so hoch oder hat der Künstler da ein bisschen übertrieben? Und warum sieht eine Landschaft auf einem alten Gemälde völlig anders aus als auf einem Bildschirm aus der Gegenwart?
Spätestens wenn man durch den ersten schwarzen Vorhang in den dritten Raum der Ausstellung kommt und dort mehrere Bildschirme eine ausgetrocknete Wüstenlandschaft zeigen, gefilmt von einer Drohne und ausgewertet mit technischen Messverfahren, ist klar: Landschaft war noch nie einfach nur Landschaft.
Na nu! Ein Schweizer ohne Berge?

Hannes Eckstein, der die Ausstellung kuratiert hat, kommt aus Basel. Das ist wichtig, weil er deshalb immer wieder mit einer Frage konfrontiert wird: „Vermisst du nicht die Berge?“ Das hält sich tatsächlich in Grenzen, denn Basel hat gar keine Berge.
Ausgerechnet dieser kleine Widerspruch wurde zum Ausgangspunkt für eine große Frage: Was verbinden wir eigentlich mit Landschaft? Mit Natur? Mit Heimat? Mit Idylle? Und wie viel davon sehen wir tatsächlich vor uns und wie viel tragen wir schon im Kopf?
Hannes Eckstein hat dafür rund 200 Werke aus fünf Jahrhunderten angeschaut, 26 davon sind jetzt in der Ausstellung zu sehen. Dazu kommen Fotografien, Videos und Installationen von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern.
Das Schöne daran: Die Ausstellung erzählt keine klassische Geschichte nach dem Motto „So sah Landschaft im 16. Jahrhundert aus, dann kam das 17. Jahrhundert, und irgendwann wurde alles abstrakt“. Stattdessen stellt sie unterschiedliche Blicke nebeneinander. Denn eine Landschaft zeigt nicht nur, wie die Welt aussieht. Sie zeigt auch, wie Menschen die Welt sehen.
WELTBILDER IM WANDEL - LANDSCHAFTEN VON ARKADIEN BIS ANTHROPOZÄN
BIS 7. FEBRUAR 2027
26122 OLDENBURG
EINTRITT: 9€, ERMÄSSIGT 6€
Arkadien? Anthropozän? Bitte was?
Arkadien? Anthropozän? Klingt erst einmal nach zwei Orten, an denen man seinen Urlaub eher nicht buchen würde.
Tatsächlich sind es zwei Begriffe, die ziemlich gut zusammenfassen, worum es hier geht.
Arkadien ist eine erfundene Sehnsuchtswelt: ein idealer Ort, an dem Mensch und Natur harmonisch zusammenleben. Das Ding ist nur: Dieses perfekte Arkadien hat es so nie gegeben. Es war immer eher eine Vorstellung davon, wie schön die Welt sein könnte.
Ein frühes Landschaftsbild in der Ausstellung zeigt genau diese Idee. Alles scheint zusammenzupassen: Menschen, Bäume, Wasser, Häuser, Licht. Die Natur wirkt perfekt, beinahe wie eine Kulisse. Landschaft wird nicht einfach abgemalt, sondern noch schöner, noch harmonischer und ein bisschen märchenhafter.

Und dieses Anthropozän? Der Begriff beschreibt eine Zeit, in der der Mensch zu einem entscheidenden Faktor für die Veränderungen unseres Planeten geworden ist. Industrialisierung, Bebauung, Landwirtschaft, Digitalisierung: Kaum noch irgendwo lässt sich die Welt betrachten, ohne dass menschliche Eingriffe eine Rolle spielen.
Kurz gesagt: Die Ausstellung macht einen ziemlich großen Bogen. Von „Schau mal, wie schön die Natur ist“ zu „Schau mal, was wir mit ihr gemacht haben“.
Landschaft ist nicht neutral
Historische Bilder sehen oft so selbstverständlich aus, als hätte jemand einfach vor 200 oder 300 Jahren die Staffelei aufgestellt und losgemalt. Doch ganz so einfach ist es nicht.
Landschaftsmalerei folgt klaren Regeln. Häufig rahmen Bäume das Bild links und rechts ein, ein Weg führt in die Tiefe, der Blick kommt von einem leicht erhöhten Standpunkt. Die Landschaft wird damit regelrecht inszeniert.

Das erinnert ein bisschen an Instagram – nur ohne Filter und ohne Smartphone. Denn damals wie heute wird sorgfältig ausgewählt, was ins Bild kommt: Winkel, Licht, Ausschnitt. All das entscheidet, ob ein Ort malerisch wirkt oder nicht. Einiges kommt rein, anderes fliegt raus. Ein Berg kann größer erscheinen, ein Ort idyllischer, ein Stück Land bedeutender.
Besonders sichtbar wird das bei Gemälden, die auf den ersten Blick ganz natürlich aussehen. Schauen wir genauer hin, tauchen plötzlich Straßen, angelegte Gärten oder Gebäude auf. Selbst dort, wo kein Mensch zu sehen ist, steckt oft ziemlich viel Mensch im Bild.
Wem gehört dieses Feld?
Irgendwann stellt die Ausstellung deshalb eine unangenehme Frage: Wem gehört eigentlich die Landschaft?
Ein Gemälde von Theodor Presuhn aus dem Jahr 1848 zeigt den Oldenburger Schlossgarten. Was zunächst nach hübscher Natur aussieht, erzählt bei genauerem Hinsehen auch von Besitz und Macht. Der Schlossgarten war schließlich kein Stück Wildnis, sondern Teil einer herzoglichen Welt.

Noch deutlicher wird es bei Franz Radziwill. Seine Landschaften an der Nordsee zeigen einen Boden, der längst nicht mehr einfach „Natur“ ist. Deiche, Landgewinnung und sogenannte Ladungsfestungen verändern die Küstenlandschaft. Der Boden, auf dem wir stehen, ist teilweise überhaupt erst durch menschliche Eingriffe entstanden.
Landschaft ist also nicht nur das, was da ist. Sie ist auch das, was Menschen daraus machen.
Was die Maschine sieht
Einen ziemlich harten Schnitt macht der dunkle Raum von Viktor Brim. Viele Bildschirme, gedämpftes Licht. Was darauf läuft, zeigt Salzabbaugebiete in ausgetrockneten Seen der Mojave-Wüste – gefilmt von einer Drohne, die methodisch über die Fläche fährt, ohne je zu zögern, ohne je zu staunen.

Auf den Bildschirmen wirkt die Landschaft wie ein fremder Planet: tiefrot an manchen Stellen, anderswo hellblau oder fast orange, die Oberfläche zerfurcht von langen, geraden Schnitten. Schön, auf eine verstörende Art. Doch die Farben sind nicht einfach hübsch – sie sind Messwerte. Dunkelrot bedeutet: Hier lässt sich noch etwas abbauen. Hellblau: Temperatur erhöht, also ebenfalls interessant. Die Landschaft wird gelesen wie ein Dokument.

Rund 1,4 Tonnen Technik gehören zu dieser Arbeit. Das klingt absurd viel, passt aber ziemlich gut zum Thema. Denn plötzlich schaut hier kein Mensch mehr einfach in die Landschaft. Eine Maschine schaut für uns.
So entsteht einer der stärksten Momente der Ausstellung, gerade weil er so gegenwärtig wirkt. Wir begegnen Landschaft heute nicht mehr nur beim Spaziergang oder aus dem Zugfenster. Wir kennen sie auch von oben, aus der Vogel- bzw. sogar aus der Drohnenperspektive, als farblich aufbereitetes Bild, das zeigt, was das bloße Auge nie sehen würde. Der Blick auf die Welt hat sich verändert und mit ihm das Bild, das wir uns von ihr machen. Die Natur wird zum Datensatz.
Wenn Berge und die Cloud dasselbe sind
Auch der Künstler Till Langschied beschäftigt sich mit der Frage, wie wir Landschaften mit Bedeutung aufladen. In seiner Arbeit „Trans-Tech“ treffen Berge auf die sogenannte Cloud.
Berge kennen wir als etwas Festes, Großes, Unverrückbares. Sie stehen für Heimat, Natur, Schutz oder Freiheit. Die Cloud, also die Wolke, klingt dagegen nach etwas Leichtem, fast Schwerelosem, irgendwo über unseren Köpfen.
Nur: Die Cloud ist gar nicht leicht.
Hinter unseren Fotos, Nachrichten und gestreamten Serien stecken Kabel, Server und riesige Rechenzentren. Sie stehen irgendwo in der Landschaft und verbrauchen jede Menge Energie und Ressourcen. Langschied stellt diese technische Welt den Bergen gegenüber und zeigt damit, wie schnell wir Dinge mit Bildern und Vorstellungen aufladen.
Auch hier gilt: Kein Berg ist einfach ein Berg. Und eine Wolke ist manchmal ein ziemlich schweres Ding.
Die Welt wieder verzaubern
Im letzten Teil wird die Ausstellung noch einmal überraschend poetisch.
Das Künstlerinnen-Duo Dorota Gawęda und Eglė Kulbokaitė erzählt in einem Video von einem Landschaftsdämon, der sich mit einem Bauern darüber unterhält, warum die Landschaft eigentlich kaputt ist und wie wir besser mit ihr umgehen könnten.

Was dann passiert, ist schwer in Worte zu fassen. Im Laufe des Videos beginnen die Grenzen zu verschwimmen: Ein Tier verwandelt sich in einen Menschen, der Mond wird zur Sonne, die Landschaft löst sich auf und fließt in die Figuren hinein. Wer genau wer ist und wo das eine aufhört und das andere anfängt – das lässt das Video offen. Absichtlich.
Der Raum heißt „Die Welt wieder verzaubern”, ein Titel, der auf die Denkerin Silvia Federici zurückgeht. Dahinter steckt die Idee, Natur nicht nur als Territorium zu betrachten, das wir vermessen, besitzen oder ausbeuten. Sondern als etwas, von dem wir abhängig sind und zu dem wir selbst gehören.
Das ist vermutlich die wichtigste Bewegung dieser Ausstellung: Sie schaut nicht nur zurück. Sie fragt ziemlich direkt, wie wir heute und in Zukunft leben wollen.
Wer baut mit?

Dazu passt der Vermittlungsraum am Ende der Ausstellung. Dort steht ein großer Tisch mit unterschiedlichen Materialien. Besucherinnen und Besucher dürfen die Landschaft verändern: etwas dazulegen, wegnehmen, verschieben.
Die Idee ist gemeinsam mit Julia Ortmeier aus dem Museumsteam entstanden. Die Landschaft wird regelmäßig fotografiert und verändert sich im Laufe der Ausstellung weiter.
Eigentlich ist das ein ziemlich simples Prinzip. Gleichzeitig fasst es die ganze Ausstellung zusammen: Landschaft ist nichts Unveränderliches. Sie wird gemacht, betrachtet, erzählt, benutzt und immer wieder neu gedacht.
Vielleicht ist genau das die Stärke von „Weltbilder im Wandel“. Die Ausstellung erklärt nicht einfach, wie Landschaft in der Kunstgeschichte dargestellt wurde. Sie bringt uns dazu, die eigene Sichtweise zu überprüfen. Der Baum ist plötzlich nicht mehr nur ein Baum. Der Berg ist nicht einfach ein Berg. Ein Feld kann Besitz bedeuten. Eine Wüste kann zum Datensatz werden und eine Cloud kann deutlich schwerer sein, als sie aussieht.

Arkadien ist dabei keine vergangene Welt, in die wir zurückkehren können. Das Anthropozän ist kein ferner Zukunftsbegriff. Beides steckt mitten in unserer Gegenwart. Daher lohnt sich diese Ausstellung: Sie zeigt fünf Jahrhunderte Kunst, aber eigentlich geht es um eine Frage, die gerade ziemlich dringend geworden ist. Wie wollen wir die Welt sehen, in der wir leben?
Wer die Ausstellung verlässt, schaut anders. Der Baum am Straßenrand, das Feld hinterm Deich, der Horizont über der Innenstadt – vieles davon erzählt plötzlich mehr als vorher. Das ist vielleicht das Schönste, was Kunst tun kann: den Blick verändern.
Und wie sehen wir die Natur?
„Weltbilder im Wandel“ ist übrigens Teil einer gemeinsamen Ausstellungsidee der Niedersächsischen Landesmuseen Oldenburg. Während im Landesmuseum Kunst & Kultur die Frage im Mittelpunkt steht, wie wir Landschaft und Natur über die Jahrhunderte gesehen haben, lädt das Landesmuseum Natur und Mensch mit „NATURMODUS – Systeme in Bewegung“ dazu ein, unseren eigenen Blick auf die Natur vor der Haustür zu verändern. Wie beeinflussen Stadtgrün und Wald unser Leben? Und wie wollen wir die Lebensräume gestalten, in denen wir künftig leben?
NATURMODUS - SYSTEME IN BEWEGUNG
BIS 2. MAI 2027
26135 OLDENBURG
EINTRITT: 6€, ERMÄSSIGT 4€
Noch mehr Weltbilder? Ab ins Kino!
Die Themen der Ausstellungen finden übrigens auch auf der Kinoleinwand ihren Platz: Gemeinsam mit dem Cine k begleitet die Reihe „Zwischen Mensch und Natur“ die beiden Ausstellungen mit verschiedenen Filmen, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit unserem Verhältnis zur Natur beschäftigen.
Von „Koyaanisqatsi“ bis zu „Everything will change“ geht es um Landschaft, Stadt, Wald, Klimawandel und die Frage, welchen Platz wir Menschen eigentlich in all dem einnehmen. Bei mehreren Vorstellungen gibt es anschließend Gespräche mit Gästen.
Termine:
11. November 2026, 18:30 Uhr | Anschließend Gespräch mit Dr. Kathleen Löwe, Kunsthistorikerin, über romantische Landschaften und Kunst im öffentlichen Raum. |
1. Dezember 2026, 18:00 Uhr | Anschließend Podiumsgespräch und Q&A zur Zukunft Oldenburgs mit Hiltrud Péron von der Stadt Oldenburg und Prof. Volker Katthagen von der Jade Hochschule. |
11. Dezember 2026, 18:30 Uhr | Anschließend Filmgespräch mit Dr. Tobias Dietrich, Filmwissenschaftler und Kurator aus Bremen. |
20. Januar 2027, 18:30 Uhr | Anschließend Gespräch mit der Künstlerin Ursula Biemann. |
17. Februar 2027, 18:30 Uhr | Über drei Naturwissenschaftler:innen, die angesichts der Klimakrise ihre Labore verlassen und zu Aktivist:innen werden. |
23. März 2027, 18:30 Uhr | „I am the River, the River is me“ Anschließend Publikumsgespräch. |
14. April 2027, 18:30 Uhr | Über drei Freunde in einer dystopischen Zukunft, die sich auf die Suche nach der verschwundenen Natur machen. |


