POETRY SLAMS: ES GILT DAS GESPROCHENE WORT
Wir alle sprechen, tagein tagaus, manche von uns rund um die Uhr, andere ohne Punkt und Komma. Es gibt kaum etwas Alltäglicheres als die Sprache. Und doch gibt es sie - genauer gesagt: den Umgang mit ihr - auch als Kunstform. Bei Poetry Slams messen sich Wortkünstler:innen und Verbalakrobat:innen sowohl inhaltlich aber auch stilistisch miteinander. Wer hat die schönsten Geschichten, den besten Rhythmus, die treffendsten Pointen? Mit Slamquadrat-Macher Mirko Menser haben wir über den Reiz von Poetry Slams gesprochen.

Ein Mikrofon, ein selbst geschriebener Text und ein Publikum, das zuhört. Mehr braucht es eigentlich nicht, um einen Poetry Slam auf die Beine zu stellen. Keine aufwendige Kulisse, keine Kostüme, keine Requisiten. Und trotzdem kann auf dieser Bühne ziemlich viel passieren: Menschen lachen, sind gerührt, denken um oder entdecken eine Perspektive, auf die sie allein vielleicht nicht gekommen wären.
Einer, der diese Mischung aus Literatur, Performance und Publikumskontakt seit vielen Jahren kennt, ist Mirko Menser. Der 28-Jährige steht selbst mit seinen Texten auf der Bühne (und ist sogar amtierender Team-Landesmeister), organisiert Veranstaltungen und engagiert sich dafür, dass auch andere ihre Worte vor Publikum ausprobieren können. Mit dem Verein Spoken Culture e.V. und dem Format Slamquadrat hat er dafür in Oldenburg eine feste Anlaufstelle geschaffen. Aber was genau ist Poetry Slam eigentlich? Und muss man dafür schon als literarisches Naturtalent auf die Welt gekommen sein? Mirko hat dazu eine ziemlich klare Vorstellung.
SLAMQUADRAT 26/27
22.10. UNIKUM - Slamquadrat Show
25.11. STUBE - Open Slam
17.12. UNIKUM Slamquadrat Show
14.01. AMA - Slamadeus
31.03. STUBE - Open Slam
Literatur ohne Sicherheitsnetz
„Poetry Slam ist vor allem ein Veranstaltungsformat“, betont Mirko. Das klingt zunächst nach einer Definition, die man auch in einem Formular aus dem Kulturamt finden könnte. Dennoch ist es wichtig, das klarzustellen. Der Begriff Poetry Slam bezeichnet nämlich nicht einfach eine bestimmte Art von Text, sondern einen Abend, an dem selbst geschriebene Texte live vorgetragen werden – und das Publikum mitentscheidet, welcher Auftritt am meisten überzeugt. Mirko beschreibt es so:
„Die Slammer:innen haben keine Kostüme an, sie singen nicht, sie haben keine Requisiten dabei. Es ist nur der Text, die Performance, die Stimme der Poetin, des Poeten und davor das Publikum.“

Eine ziemlich nackte Kunstform also. Wer auf der Bühne steht, kann sich nicht hinter einem spektakulären Bühnenbild verstecken. Hier müssen Worte tragen, die Stimme funktionieren und die Performance stimmen. Und wenn dann noch eine gute Pointe sitzt, ist das natürlich auch nicht verkehrt.
Der Wettbewerbscharakter gehört dazu, ist für Mirko aber längst nicht alles. Viel wichtiger ist, dass Texte lebendig werden und Menschen erreichen. „Das nimmt das Publikum total schön mit“, beschreibt er den Effekt. Weil die Texte direkt für einen Auftritt geschrieben werden, gehe es eben nicht nur darum, etwas aufs Papier zu bringen - sondern auch darum, eine Stimmung zu erzeugen, Menschen anzusprechen und sie für ein paar Minuten in eine andere Gedankenwelt mitzunehmen. So entstehen Abende, an denen politische Satire auf persönliche Geschichten trifft, ein lyrischer Text neben einer absurden Kurzgeschichte steht und man nie ganz genau weiß, was als Nächstes kommt. Ein bisschen wie eine literarische Wundertüte – mit Mikrofon und Wertungstafeln.
Publikum mit Wertungstafel
Poetry Slam ist eine der wenigen Kulturveranstaltungen, bei denen man als Zuschauer:in nicht nur still dasitzt und anschließend behauptet, man hätte alles verstanden. Man kann aktiv mitmachen. Und zwar, indem man eine Wertungs-Tafel in die Hand nimmt. Zu Beginn einer Veranstaltung wird eine Publikumsjury bestimmt, die meist aus sieben bis neun Personen besteht. Die Jurymitglieder bewerten die Auftritte mit Punkten von eins bis zehn. Dabei geht es nicht darum, ob ein Text politisch genug, besonders lyrisch oder möglichst lustig ist. Entscheidend ist, wie überzeugend er insgesamt wirkt.

Das ist leichter gesagt als getan. Wie vergleicht man schließlich eine traurige persönliche Geschichte mit einem absurd-komischen Text über gesellschaftliche Missstände? Und wie bewertet man einen Auftritt, der einen emotional berührt, obwohl man die Reime des anderen Textes handwerklich beeindruckender findet? Es gehe darum, „das eigentlich Unmögliche zu schaffen und zwar zwei Texte, die komplett unterschiedlich sind, zu bewerten“, beschreibt Mirko die Aufgabe.
Perfekt objektiv wird das natürlich nicht. Zumal im Laufe eines Abends auch mal eine „Saftschorle“ im Spiel sein kann. Mirko nimmt das mit Humor: Die Wertungen hängen nun einmal vom persönlichen Geschmack ab. Und das ist auch gut so. Wer sich als Jurymitglied meldet, erlebt den Abend allerdings anders. Man hört genauer hin, vergleicht, macht sich vielleicht Notizen und baut eine intensivere Beziehung zu den Künstlerinnen und Künstlern auf. Deshalb gibt es bei den Veranstaltungen inzwischen teilweise auch ein kleines Klemmbrett samt Zettel und Stift.
Wer lieber entspannt zuhören möchte, darf das natürlich ebenfalls. Man muss kein Germanistikstudium absolviert haben, um etwas aus den Texten mitzunehmen. „Letzten Endes kann man vor allem lauschen und kann sich wirklich auf das, was man auditiv so hört, ein bisschen einlassen“, sagt Mirko. Man darf lachen, nachdenken, sich berühren lassen oder auch einfach einen Text großartig finden, ohne hinterher eine wissenschaftlich fundierte Begründung dafür liefern zu können. Es ist schließlich ein Kulturabend und keine mündliche Abiturprüfung.
Sprachkunst mit Suchtpotenzial
Mirko selbst ist eher zufällig in diese Welt „hineingerutscht“. Als 15-Jähriger nahm er an einem Poetry-Slam-Workshop am Oldenburgischen Staatstheater teil. Anschließend ging es zum Slam Bremen, einem betont offenen Fotmat im Kulturzentrum Lagerhaus. „Ich bin da einfach angetreten mit meinen Texten und das hat ganz gut funktioniert“, erinnert er sich. Das klingt angenehm unaufgeregt für einen ersten Auftritt vor fremden Menschen. Offenbar war der Einstieg tatsächlich gelungen: Viele der anderen Teilnehmenden waren bereits fest in der Szene verankert, nahmen den Nachwuchs-Slammer herzlich auf und wurden zu Freunden, mit denen Menser bis heute verbunden ist.
Aus dem Workshop ist eine Leidenschaft geworden, aus dem ersten Auftritt ein langfristiges Engagement – und aus dem jungen Teilnehmer jemand, der heute selbst Veranstaltungen organisiert. Was ihn damals so gepackt hat? Vor allem die Offenheit des Formats. Als Kind und Jugendlicher habe er sich für Theater begeistert, erzählt Mirko. Weil er auf dem Land lebte, waren passende Angebote für ihn aber oft schwer erreichbar. Poetry Slam eröffnete ihm eine Möglichkeit, selbst kreativ zu werden und seine Ideen auf die Bühne zu bringen.
„Ich kann auf eine Bühne gehen, egal wer ich bin, egal wo ich wohne, egal was in meinem Kopf abgeht. Solange es von mir selber ist, kann ich auf die Bühne gehen.“

Das ist ein schönes Versprechen: Man muss nicht erst irgendwo dazugehören, eine besondere Ausbildung vorweisen oder die richtigen Leute kennen. Man braucht einen Text, den man selbst geschrieben hat, und die Bereitschaft, ihn vorzutragen. Wenn das Publikum Gefallen daran findet, kann man beim nächsten Mal wiederkommen. Mit einem neuen Text. Oder einer noch besseren Pointe.
Poetry Slam: Können das nur Auserwählte?
Die kurze Antwort lautet: nein. Zumindest nicht im Sinne eines exklusiven Kunstclubs, in den nur Menschen mit außergewöhnlichem Sprachgefühl aufgenommen werden. „Im Prinzip kann das jeder machen“, sagt Mirko. Gerade offene Bühnen seien dafür da, Dinge auszuprobieren. In Oldenburg gebe es dafür verschiedene Möglichkeiten – nicht nur beim Slam Quadrat. Auch andere Veranstaltungen bieten Gelegenheit, sich ans Mikrofon zu stellen und erste Erfahrungen zu sammeln.
Manche Poetry Slams funktionieren mit eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern, die schon länger auftreten, durch die Gegend reisen und für ihre Auftritte eine Gage oder Aufwandsentschädigung bekommen. Andere sind bewusst offen angelegt. Hier darf man ausprobieren, was funktioniert, und herausfinden, wie es sich anfühlt, die eigenen Texte mit anderen zu teilen.

Mirko kennt beide Seiten. Und er weiß, dass nicht jede Veranstaltung nach demselben Muster funktionieren muss. „Ein guter Freund von mir hat dort mal gegen einen Kurzfilm verloren“, erzählt er mit einem Schmunzeln. Das dürfte manchem Literaturpuristen erst einmal die Augenbrauen hochziehen lassen. Aber genau darin steckt der Reiz: Poetry Slam ist offen genug, um Überraschungen zuzulassen. Dafür ist auch „It's not the medium, it's the Slam“ vom Oldenburgische Staatstheater ein gutes Beispiel. Und wenn das Format es zulässt, gewinnt eben nicht der schönste Text, sondern ein Kurzfilm.
Politik, Fantasie und ein bisschen Rap
Wenn Mirko selbst auf der Bühne steht, wird es häufig politisch. Gesellschaftliche Themen, die ihm wichtig sind, verarbeitet er in seinen Texten – gern auf eine absurde, manchmal fantastische Weise. Er mag es, wenn ein Text mehrere Ebenen hat und am Ende auf den Punkt kommt.
„Was mir persönlich bei meinen Texten sehr wichtig ist: Dass ich komplexe und gut funktionierende lyrische Texte habe, die zum Schluss genau auf den Punkt kommen und vor allem ein gutes Ende haben.“
Ein gutes Finale ist also nicht einfach die Stelle, an der der Text aufhört. Er soll sitzen. Möglichst so, dass das Publikum im besten Fall noch einen Moment braucht, um zu begreifen, was gerade passiert ist – und dann lacht, applaudiert oder nachdenklich wird.
Musikalisch kommt Mirko stark aus dem Rap. Das beeinflusst seine Texte, ihren Rhythmus und ihre sprachliche Gestaltung. Wer Poetry Slam hört, kann deshalb durchaus an Rap erinnert werden.
Trotzdem wäre es ein Fehler, die gesamte Kunstform auf rhythmische Reimtexte zu reduzieren. „Es ist das Tolle daran, dass es so eine Bandbreite gibt“, schwärmt Mirko. Auf Slam-Bühnen habe er schon fantastische Kurzgeschichten und prosaische Texte gehört. Andere Künstlerinnen und Künstler erzählten sehr persönliche Geschichten, sprachen über Beziehungen, Krisen oder psychische Gesundheit. Als Beispiel nennt er David Friedrich, der mit persönlichen Texten und seinen Erfahrungen mit Depressionen große Bekanntheit erlangte.
Solche Auftritte zeigen, dass Poetry Slam nicht nur politische Statements oder ausgefeilte Wortakrobatik zu bieten hat. Manchmal reicht eine Geschichte, in der man sich selbst wiedererkennt. Manchmal ist es gerade der Blick eines anderen Menschen, der einen eigenen Gedanken plötzlich in einem neuen Licht erscheinen lässt. Für Mirko ist wichtig: Man muss nicht jede Form von Poetry Slam mögen, um von der Kunstform begeistert zu sein. Die Vielfalt ist schließlich kein Fehler im System, sondern Teil des Konzepts.
Lebendige Szene an der HuntePOETRY SLAM IN OLDENBURGDer ganz große Hype der 2010er Jahre ist vorbei. Doch Poetry Slams sind gekommen, um zu bleiben. Und auch in Oldenburg haben sie eine Heimat - bzw. gleich mehrere. Hier stellen wir euch aktuelle und inzwischen eingestellte Slam-Formate kurz vor. FotoslamLeider nur drei Mal fand der World Press Fotoslam im Polyester statt. Parallel zu den Ausstellungen in den Frühjahren 2016, 2017 und 2019 mussten die Kontrahent:innen mal zu eigenen Bildern, mal zu Pressefotos aus der jeweils aktuellen Ausstellung passende Worte finden. Ob er jemals wiederkommt? Nach sieben Jahren Pause: Nicht sehr wahrscheinlich, ![]() Goldene GrünkohldoseBis 2023 ging es in der Volkshochschule Oldenburg einmal pro Jahr um die Goldene Grünkohldose. Seit 2024 findet der Slam im Rahmen der Reihe „Oldenburg spricht“ statt. Der Slam verbindet literarischen Wettbewerb mit dem Anspruch, Menschen und unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen. Das macht ihn zu einer interessanten Schnittstelle zwischen Poetry Slam, politischer Bildung und demokratischem Dialog. Eigentlich müsste man schon hingehen, um herauszubekommen, wie man dort auf diesen Namen kommt. Es lohnt sich aber auch aus anderen Gründen. HörsaalslamSpätestens seit der viralen Sensation Julia Engelmann, deren Hörsaalslam-Auftritt in Braunschweig im Jahr 2013 einen wahren Hype auslöste, gelten sie als die idealen Sprungbretter in die Szene. In Oldenburg haben bis 2024 zehn Ausgaben stattgefunden, seither herrscht eine Schaffenspause. Wann der nächste Oldenburger Hörsaalslam unter der Regie von Dominik Ehrst stattfindet, steht nicht fest, wir rechnen aber feste damit. It's not the medium, it's the slamDie Sparte 7 des Oldenburgischen Staatstheaters mischt ebenfalls mit in der Slamszene. Der Name deutet es an: es ist ein sehr offenes Format, bei dem der Slam auch andere Formen annehmen kann als man normalerweise gewohnt ist. Die Idee: Ein Slam muss nicht unbedingt aus selbst geschriebenen Gedichten bestehen. Stattdessen treten unterschiedliche Medien und Ausdrucksformen gegeneinander antreten. Das mündet nicht selten in einem ziemlich Spektakel. Lesebühne MetrophobiaDie „Lesebühne Metrophobia“ ist eine Kooperation zwischen dem Literaturhaus Oldenburg und der Slam-Legende Annika Blanke. Das Format ist einen Hauch weniger wild als andere und verbindet Slam Poetry, Lesung und thematische Abende mit wechselnden Gästen. Ideal, wenn du neben Wettbewerben auch ausgearbeitete Texte, gesellschaftliche Themen und literarische Bühnenkunst erleben möchtest. ![]()
Science SlamDer Science Slam der Carl von Ossietzky Universität ist kein typischer Vertreter dieser Kategorie. Hier geht es vor allem darum, wissenschaftliche Forschung verständlich, unterhaltsam und kreativ auf die Bühne zu bringen. Forschende erklären ihre Themen in kurzen Beiträgen. Dabei können Humor, persönliche Geschichten, anschauliche Beispiele und ungewöhnliche Präsentationsformen zum Einsatz kommen. Das Publikum soll nicht nur etwas lernen, sondern auch Spaß daran haben. SlamproduktUnter der Regie von Christian Bruns war das Slamprodukt über viele Jahre hinweg die erste Anlaufstation für alle Oldenburger Wortakrobat:innen. Unzählige Slams haben im Laufe der Zeit unter diesem Titel stattgefunden - mal in kleinstem Rahmen, mal mit größtem Andrang. Seit 2020 ist leider Schluss, aber trösten wir uns: Es gibt ja ein tolles Nachfolge-Format. SlamquadratNach dem Ende des Slamprodukts von Christian Bruns wurde das Slamquadrat das regelmäßige Slamformat für Oldenburg. Alles was ihr dazu wissen müsst, lest ihr im Rest dieses Textes. |
Eigene Meinung? Unbedingt erwünscht!
Muss man eigentlich eine gewisse Freude daran haben, sich vor anderen Menschen emotional auszuziehen? Zumindest metaphorisch? „Ich denke, es hilft“, antwortet Mirko nach kurzem Überlegen. Wer auf einer Bühne steht und etwas Persönliches preisgibt, sollte sich damit wohlfühlen. Niemand müsse sich dazu zwingen, intime Gedanken vor Publikum auszubreiten. Es gebe schließlich auch andere Möglichkeiten, gute Texte zu schreiben.
Aber eine eigene Haltung hilft. Das kann eine persönliche Erfahrung sein, eine Beobachtung aus dem Alltag oder eine politische Überzeugung. Gerade weil ein Auftritt meist nur fünf bis sieben Minuten dauert, muss man ziemlich genau wissen, was man erzählen möchte und wie man es auf den Punkt bringt. „Am Ende steht man mit seinem eigenen oder mit seinem Bühnennamen auf der Bühne und vertritt eine Position“, erklärt Mirko. „Das sorgt dafür, dass man sich gerade macht.“
Dabei muss es nicht immer um die ganz großen Fragen gehen. Auch ein persönlicher Text kann etwas auslösen. Vielleicht versteht das Publikum eine Situation danach besser. Vielleicht verändert sich der Blick auf einen Menschen. Oder jemand denkt einfach: Ach, so habe ich das noch gar nicht gesehen.
Engagiert Mirko sorgt nicht nur dafür, das Poetry Slam in Oldenburg eine Bühne hat, er spricht ach leidenschaftlich gern über das Thema. (Bilder: Kulturschnack)
Genau solche Perspektivwechsel findet Mirko spannend. Bei persönlichen Geschichten könne das sogar besonders gut funktionieren, weil Zuhörende nicht sofort eine politische Schublade aufziehen und sich überlegen, ob sie der Position zustimmen oder nicht.
Natürlich gibt es trotzdem Grenzen. Diskriminierende Äußerungen, etwa rassistische, sexistische, antisemitische oder ableistische Inhalte, die nicht ironisch gebrochen sind, sollen auf den Veranstaltungen keinen Platz haben. Der Anspruch, möglichst viel auf der Bühne zuzulassen, bedeutet für Mirko nicht, dass alles erlaubt ist. Offenheit braucht schließlich auch einen Rahmen, in dem sich Menschen sicher fühlen können. Oder anders gesagt: Meinungsfreiheit ist keine Einladung, anderen den Abend zu verderben.
Das große Finale für OldenburgPoetry-Slam Landesmeisterschaften 2027Im Mai 2026 gewann Mikro Menser in Meppen einen Poetry Slam-Landesmeistertitel. Im Folgejahr setzt er noch einen drauf und holt die 16. Landesmeister:innenschaft im Poetry Slam für Niedersachsen und Bremen nach Oldenburg. Davon hat auch das Publikum was! ![]() Das wird ein Highlight der Sprachkunst: Im kommenden Jahr wird Oldenburg Gastgeber der 16. Poetry-Slam-Landesmeister:innenschaft Niedersachsen-Bremen sein. Vom 3. bis zum 5. Juni 2027 wird die Stadt damit zum Schauplatz eines wahren Spoken-Word-Festivals. Geplant sind ein Teamfinale im Globe, drei Halbfinals im Einzelwettbewerb an verschiedenen Orten wie etwa das Unikum sowie das große Einzelfinale am 5. Juni in der großen Halle der Kulturetage. Qualifizierte Slammer:innen aus ganz Niedersachsen treten gegeneinander an; insgesamt rechnet Mirko mit etwa 50 bis 60 Teilnehmenden. Tickets für das Event könnt ihr schon jetzt kaufen. |
Spoken Culture: Poetry Slams für Oldenburg
Dass Mirko irgendwann nicht mehr nur auftreten, sondern selbst Veranstaltungen organisieren wollte, kam nicht aus heiterem Himmel. Schon während seiner Schulzeit veranstaltete er gemeinsam mit einem Freund Poetry Slams im Zentraltheater in Brake. Später zog es beide nach Oldenburg, wo sie im Swutsch eine kleine Lesebühne auf die Beine stellten. Als es schließlich das Slamprodukt im Polyester nicht mehr gab, stand für Mikro fest: Es braucht einen neuen regelmäßigen Poetry Slam. Aus der Idee wurde Slam Quadrat, getragen vom eigens gegründeten Verein Spoken Culture. Der Name ist eine kleine Verbeugung vor dem früheren Slam Produkt, wie Mirko erklärt:
„Weil Slam-Addition nicht so schön klingt, haben wir uns in Erinnerung an das Slamprodukt eben für das Slamquadrat entschieden“,

Seit rund fünf Jahren organisiert das Team Veranstaltungen und baut eine Szene auf, die weit über den eigentlichen Verein hinausgeht. Rund fünfzehn Menschen halten den Betrieb in wechselnder Besetzung am Laufen. „Spoken Culture ist ein Kultur-Angebot, das von Leuten gemacht wird, die sich das selbst auch anschauen würden“, beschreibt Mirko den Vibe im Verein.
Zwar ist Oldenburg nicht Berlin. Und auch Nordrhein-Westfalen, wo sich Slam-Veranstaltungen teilweise dicht an dicht reihen, ist eine andere Größenordnung. Trotzdem sieht Mirko die Poetry-Slam-Szene im Nordwesten gut aufgestellt. Bremen und Oldenburg sind wichtige Zentren, dazu kommen unter anderem Meppen und Lingen. Wenn es neben Veranstaltungen auch Workshops und regelmäßige Angebote gibt, könne eine lokale Szene relativ schnell wachsen.

Das zeigt sich auch beim Slamquadrat. Menschen, die zunächst als Zuschauer:innen kommen, stehen irgendwann selbst auf der Bühne. Manche engagieren sich später sogar im Verein. Nils Prior, der eine Schreibwerkstatt in Kooperation mit dem Propeller leitet, sei ein Beispiel dafür. Auch die aktuelle Vereinsvorsitzende Lisbeth Palucki hat über einen Open Slam den Weg zum Poetry Slam gefunden.
„Wir machen das jetzt seit fünf Jahren und wir merken, dass Leute, die immer wieder mal auftauchen und uns ansprechen, die man dann schon kennt und die sich auch immer wieder auf die Bühne stellen und immer was Neues schreiben und teilweise total engagiert sind, bei fast jeder Veranstaltung sind“, erzählt Mirko. So wachse etwas zusammen. Nicht unbedingt eine riesige Szene mit professionellen Strukturen und großen Budgets, sondern eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt und eigene Ideen entwickelt.
Auch finanziell bleibt das Ganze bodenständig. Der Verein trägt sich über Mitgliedsbeiträge und Eintrittsgelder. Öffentliche Förderung wäre für manche größere Veranstaltung hilfreich, ist für Mirko aber nicht zwingend das, was den Charakter des Formats ausmacht.
„Klar: Eine Förderung wäre schön. Wir sind aber auch so sehr glücklich, weil es dadurch dieses ‘Graswurzelige‘ behält und weil komplett alles selbst gemacht ist.“
Das Unikum, in dem regelmäßig Veranstaltungen stattfinden, bietet dafür einen passenden Rahmen. Das Team kann vieles selbst gestalten und eigenständig umsetzen. Nicht alles muss perfekt durchgeplant und bis ins Letzte durchfinanziert sein. Hauptsache, die Menschen vor und hinter der Bühne fühlen sich wohl.
Vom Hype zur lebendigen Szene
Es gab eine Zeit, in der Poetry Slam einen regelrechten Boom erlebte. Mirko erinnert sich besonders an das Jahr 2014 und das millionenfach geklickte Video von Julia Engelmann. Plötzlich waren die Veranstaltungen voll, in Bremen mussten beim Slam teilweise sogar Menschen weggeschickt werden, weil der Raum keine weiteren Gäste aufnehmen konnte.
„Das ist der Traum, wenn man eine Veranstaltung organisiert“, sagt er. Ganz so euphorisch blieb die Entwicklung allerdings nicht. Der Hype flaute ab, Corona machte es den Veranstaltenden zusätzlich schwer. Inzwischen sieht Mirko wieder Bewegung. Viele Slams wachsen erneut, das Publikum findet zurück und neue Menschen entdecken die Formate für sich.
Dass nicht jede Veranstaltung ausverkauft ist, muss dabei kein Drama sein. Eine lebendige Szene braucht nicht nur große Bühnen und volle Säle, sondern auch kleine Orte, offene Formate und Gelegenheiten, bei denen man ohne allzu großen Druck erste Erfahrungen sammeln kann. Genau das ist die Idee hinter Spoken Culture: eine Plattform schaffen, auf der Menschen sich ausdrücken können. Manchmal vor einem großen Publikum, manchmal vor einer überschaubaren Runde. Mit ausgefeilter Lyrik, absurden Geschichten oder einem Text, der vielleicht noch nicht perfekt ist, aber unbedingt raus muss.
Wer sich einen Eindruck von der Kunstform verschaffen möchte, muss übrigens nicht bis zum nächsten Veranstaltungstermin warten. Mirko empfiehlt unter anderem Antonia Josefa aus Hannover und SimBus aus Bremen. Beide haben im vergangenen Jahr die niedersächsischen Landesmeisterschaften gewonnen – ein Doppelsieg, der gleich zwei gute Anlaufstellen für alle liefert, die Poetry Slam einmal in Aktion erleben möchten.
Die große Revolution? Erstmal Limo.
Was kann Poetry Slam also bewirken? Kann ein Text Menschen verändern, sie zum Umdenken bewegen oder sogar eine kleine gesellschaftliche Revolution anstoßen?
Mirko bleibt realistisch. Natürlich könne man mit einem Text Gedanken wecken, eine Position vertreten und Menschen erreichen. Aber:
„Bei unseren Auftritten befinden wir uns auf einer Theaterbühne vor hundert Leuten. Wir gehen dann natürlich nicht raus und errichten sofort eine Barrikade, sondern kaufen einfach noch ne Limo.“
Das ist ein ziemlich treffendes Bild für den besonderen Charakter dieser Kunstform. Poetry Slam kann politisch sein, persönlich, wütend, lustig oder traurig. Er kann zum Nachdenken anregen, Perspektiven verschieben und Menschen miteinander ins Gespräch bringen. Aber er muss nicht jedes Mal die Welt retten. Manchmal reicht es, wenn ein Text etwas in Bewegung setzt. Wenn jemand nach Hause geht und einen Gedanken mitnimmt. Wenn eine bislang unbekannte Person auf der Bühne merkt, dass ihre Worte andere erreichen. Oder wenn aus einem ersten Auftritt eine Leidenschaft wird, die viele Jahre später immer noch anhält.
Und wer weiß: Vielleicht steht bei der nächsten offenen Liste in Oldenburg schon jemand am Mikrofon, der oder die bislang nur für sich geschrieben hat. Ein bisschen nervös, mit einem selbst verfassten Text in der Hand und ohne Kostüm, Requisiten oder Sicherheitsnetz. Was soll schon passieren? Im schlimmsten Fall gibt es eine mäßige Punktzahl. Im besten Fall einen richtig guten Abend. Und danach: eine Limo.





