HART ABER HERZLICH: DAS HERBSTSTURM FESTIVAL
Auf Wettervorhersagen kann man sich nur bedingt verlassen. Meistens kommt es anders, als man denkt. Eine Prognose ist aber schon seit 2009 immer absolut präzise gewesen: Am dritten Oktober-Wochenende gibt es in Oldenburg einen Herbststurm! Hinter diesem Namen verbirgt sich nämlich ein kleines, aber sehr erfolgreiches Metal-, Rock- und Folk-Festival mit eigenem Mittelalter-Markt! Warum man den Besuch auch dann wagen sollte, wenn man keine Kutte trägt? Das verrät Mitbegründerin Tina Menke im Interview.

Wer im Herbst durch Oldenburg fährt, hat sie wahrscheinlich schon gesehen: die Plakate , die einen „Herbststurm“ ankündigen. Mit einer Wettervorhersage hat das allerdings wenig zu tun. Stürmisch wird es nämlich nicht in der Stadt, sondern auf der Bühne der Freizeitstätte Bürgerfelde. Dort dreht sich an einem Wochenende im Oktober schon seit 2009 alles um Rock, Metal und die Menschen dahinter.
Wer jetzt an einen dunklen Saal, eine Wand aus Verstärkern und langmähnige, schwarz gekleidete Konzertbesucher:innen denkt, liegt zwar nicht ganz falsch - hat aber höchstens einen Teil des Ganzen vor Augen. Denn beim Herbststurm Festival gehört ein Mittelaltermarkt genauso dazu wie die Musik, eine Kunstgalerie genauso wie der Met am Feuerkorb. Es ist ein kleines Festival mit großem Rundumpaket und einer Atmosphäre, die Mitbegründerin Tina Menke am liebsten mit einem Klassentreffen vergleicht - nur eben mit mehr Gitarren. Warum beim „Herbststurm“ auch Sneaker-Träger willkommen sind, weshalb kleine Bands eine große Bühne verdienen und welcher Überraschungsgast ihr Festivalherz höher schlagen lassen würde? Das verrät sie hier.
HERBSTSTURM FESTIVAL
16. und 17. OKTOBER 2026
FREIZEITSTÄTTE BÜRGERFELDE
26127 OLDENBURG
NUR TAGESKASSE
Vielfalt ohne Schubladen
Beim Herbststurm-Festival beginnt die Show schon, bevor die erste Band die Bühne entert. Die Gäste werden nämlich schon draußen empfangen: mit Marktständen und Lagerfeuer. Der Mittelaltermarkt ist frei zugänglich und damit auch für diejenigen interessant, die sich zunächst vielleicht gar nicht so recht an die Musik im Inneren herantrauen. Wer anschließend die Freizeitstätte betritt, kommt zunächst an einer Bildergalerie vorbei, bevor es schließlich in den Konzertsaal geht. Dort stehen an zwei Tagen zwölf Bands auf der Bühne. „Musikalisch geht es von Rock und Metal über New Metal bis hin zu Gothic Rock und Folk“, beschreibt Tina die Bandbreite. Eine Schublade, in die alles passen würde, gibt es also nicht.

„Wir wollen versuchen, eine große Vielfalt abzubilden, also wirklich auch ein breites Publikum aus der Rock-Metal-Szene anzusprechen“, ergänzt die 44-Jährige. Die ganz extremen Spielarten wie Death Metal oder Grindcore stehen dabei nicht im Mittelpunkt. Stattdessen soll das Programm möglichst viele Geschmäcker bedienen – und vielleicht auch den einen oder anderen überraschen.
Wer also bisher vor allem Radio-Pop gehört hat, muss nicht gleich mit der Angst anreisen, zwei Tage lang von der ersten bis zur letzten Minute akustisch malträtiert zu werden. Es gibt abwechslungsreiche Klangwelten, unterschiedliche Bands und genügend Gelegenheit, sich auf Neues einzulassen. Tina empfiehlt, auch einmal genauer auf die Texte zu hören: „Die sind oftmals sehr tiefgründig, anders als viele Popsongs.“
Und wer nach dem ersten Konzert feststellt, dass die Musik doch nicht ganz die eigene ist, hat draußen immer noch einen guten Platz. Tina kennt schließlich auch Leute, die sagen: Rock und Metal seien überhaupt nicht ihr Ding – aber den Mittelaltermarkt fänden sie großartig. Dann wird eben Met getrunken, etwas gegessen oder ein Whisky-Tasting besucht. Auch das ist Herbststurm.

Herbststurm: Hart aber herzlich
Dass Tina mit so viel Herzblut dabei ist, hat einen persönlichen Hintergrund. Sie hat selbst lange Musik gemacht. Die Ursprünge des Festivals liegen in ihrer ehemaligen Band Do Not Dream, mit der sie die Veranstaltung 2009 gemeinsam mit der Freizeitstätte ins Leben rief.
Wer selbst einmal auf der Bühne gestanden hat, weiß, wie wichtig Auftrittsmöglichkeiten sind. Deshalb sucht das Team bis heute gezielt nach Newcomern, um ihnen eine Bühne zu geben und dabei zu helfen, ein größeres Publikum zu erreichen.
„Als jemand, der selbst lange Zeit auf der Bühne gestanden hat, ist es einfach immer noch eine Herzensangelegenheit, auch anderen diese Bühnen zu bieten“, erklärt Tina. Für sie ist Rock- und Metal-Musik ohnehin mehr als eine Frage des Geschmacks. „Das ist ein Lebensgefühl“, schwärmt sie mit leuchtenden Augen. Es begleite sie seit ihren Teenagerjahren und sei Teil einer Szene, die sie als ausgesprochen familiär und warmherzig erlebt. Das mag auf den ersten Blick nicht jeder vermuten. Schwarze Kleidung, Kutten, lange Haare und düstere Motive können durchaus einschüchternd wirken, wenn man damit bisher wenig Berührung hatte. Doch Tina wirbt für einen zweiten Blick:
„Hinter der äußeren Erscheinung steckten oft ganz, ganz weiche Kerne und sehr herzliche Menschen.“

Und überhaupt: Wer sagt eigentlich, dass man für ein Metal-Festival eine bestimmte Frisur braucht? Auf die Frage, ob man sich auch ohne lange Matte oder das richtige Szene-Outfit willkommen fühlen dürfe, muss Tina nicht lange überlegen. „Die oligatorische Matte ist bei einem Teil unseres Publikums schon Geschichte, manchmal schon aus rein natürlichen Gründen“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Das Alter und die Haarpracht seien jedenfalls kein Aufnahmekriterium. Ihre Botschaft lautet: „Come as you are.“ Oder etwas weniger musikalisch formuliert: Jeans und Sneaker - kein Problem. Niemand muss erst vor dem Spiegel überprüfen, ob der eigene Look genügend Festival-Tauglichkeit ausstrahlt.
Geheimtipps statt großer Headliner
Auch bei der Bandauswahl folgt das Herbststurm Festival einer eigenen Philosophie. Natürlich hat das Team in der Vergangenheit schon versucht, größere Namen nach Oldenburg zu holen. Lord of the Lost etwa waren bereits zu Gast, das habe aber nicht so gut funktioniert wie gedacht. Tina beschreibt die Booking-Philosophie des Herbststurm Festivals deshalb so.
„Unser Schwerpunkt liegt bewusst auf kleineren, semi-professionellen Bands, die musikalisch überzeugen und noch als Geheimtipp gelten.“

Einen großen Headliner, der alle anderen Acts überstrahlt, soll es also nicht geben. Stattdessen wird das Programm so gemischt, dass sich das frühe Kommen ebenso lohnt wie das späte. Eine Band, die bereits am frühen Abend spielt, ist nicht automatisch weniger interessant als die letzte des Tages.
Das Line-up entsteht durch Kontakte in die Szene, Empfehlungen und viel Vernetzungsarbeit. Die Bands kommen aus ganz Deutschland und darüber hinaus. Auch Acts aus den Niederlanden, Österreich, Slowenien und Tschechien standen schon auf der Bühne. Dazu kommen regionale Größen und bekannte Gesichter aus Oldenburg. Ein Beispiel ist das Szene-Urgestein Mob Rules, die in diesem Jahr am Freitag spielen. Die Band ist seit Jahrzehnten in der Rock- und Metal-Szene aktiv. Dass einige Musiker selbst seit Jahren als Gäste zum Herbststurm kommen, macht die Sache für Tina besonders schön: „Hier treffen sich Menschen nicht nur vor, sondern auch auf der Bühne wieder.“
Dass das Team bei der Auswahl auf ein ausgewogenes Verhältnis von Musikerinnen und Musikern achtet, gehört ebenfalls zum Konzept. Female-Fronted-Metal spielt eine wichtige Rolle. Inzwischen funktioniere das dank der gewachsenen Kontakte in die Szene gut, erzählt Tina. Man kenne jemanden, der jemanden kenne – und schon sei die nächste spannende Band empfohlen.
Ein Markt, der längst zur Familie gehört
Dass auf dem Herbststurm Festival Mittelaltermarkt und Metal zusammenfinden, wirkt auf Außenstehende vielleicht zunächst ungewöhnlich. Für Tina ist die Verbindung längst selbstverständlich. Einerseits gibt es musikalische Schnittmengen durch Folk und mittelalterliche Elemente. Andererseits entstand die Zusammenarbeit mit der Friesischen Marktgilde schon 2010, im zweiten Festivaljahr.
Mehr als nur schmückendes Beiwerk: Der Mittelalter-Markt mit Markttreibenden wie Kerstin Münch gehört genauso zum Festival wie die Musik. (Bilder: Michael Rathje)
Am Anfang hatte das Organisationsteam den Außenbereich noch selbst bespielt – mit einer kleinen Wurstbude und einem Glühweinstand. Doch schnell wurde klar, dass hier Profis gefragt waren. Aus dem Kontakt zur Marktgilde wurde eine langjährige Zusammenarbeit, die heute fester Bestandteil des Festivals ist.
Der Markt schafft eine zweite Ebene des Erlebens. Während drinnen die Bands spielen, kann man draußen bummeln, essen, trinken und am Feuer ins Gespräch kommen. Das Festival verteilt sich über das ganze Gelände und ist damit mehr als eine Abfolge von Konzerten. Insgesamt kommen an einem Wochenende meist 400 bis 500 Gäste ins Haus, dazu die Crew und die Künstlerinnen und Künstler. „Im Saal kann es entsprechend kuschelig werden“, beschreibt Tina. „Wer es lieber etwas ruhiger mag, findet aber draußen einen Platz.“ Auch das gehört zur Idee: Niemand muss das gesamte Programm auf dieselbe Weise erleben.
Dunkle Kunst für neugierige Augen
Ein weiteres Stück Herbststurm ist die Bildergalerie im Flur der Freizeitstätte. Die Ausstellung wechselt jedes Jahr und reicht von Landschafts- und Bandfotografie bis zu Fantasy-Kunst. Auch Malerei, Zeichnungen und plastische Arbeiten sind willkommen.

In diesem Jahr zeigt eine unter dem Pseudonym Lola Coven auftretende Fotokünstlerin Werke, in denen sie sich neben der Fotografie auch malerisch und plastisch ausprobiert. Die Arbeiten bewegen sich in einer eher düsteren Bildwelt, die gut zum Festival passt - „Dark Art“ nennt Lola selbst das Ganze.
Muss man dafür ein Faible für Totenköpfe, dunkle Motive und geheimnisvolle Gestalten haben? Nicht unbedingt. Tina weiß, dass nicht jeder solche Kunst an der eigenen Wohnzimmerwand hängen haben möchte. Sie sieht darin aber keinen Grund, einen Bogen darum zu machen. „Kommt gucken, seid neugierig“, rät sie. Warum nicht einmal den eigenen Horizont erweitern und sich auf eine Bildsprache einlassen, die man sonst vielleicht links liegen lässt? Auch für kommende Ausgaben können sich Kunstschaffende bewerben. Das Herbststurm Festival bietet also nicht nur Bands eine Bühne, sondern schafft auch Raum für andere kreative Perspektiven.
Kleine Preise, große Herzen
Dass das Festival seit so vielen Jahren bestehen kann, liegt nicht zuletzt an seinem Organisationsteam. Ein großer Teil der Arbeit wird ehrenamtlich erledigt. Gemeinsam mit der Freizeitstätte lässt sich so ein Konzept verwirklichen, das nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist. Das kommt auch dem Publikum zugute:
„Wir halten die Eintrittspreise seit vielen Jahren konstant niedrig, um einem möglichst großen Personenkreis, vielleicht auch mit einem kleineren Geldbeutel, ein schönes Festivalwochenende zu ermöglichen“, erklärt Tina.

Das ehrenamtliche Engagement macht es möglich. Die Menschen im Organisationsteam verdienen mit dem Festival nicht ihren Lebensunterhalt. Sie investieren Zeit, Energie und Herzblut, weil ihnen die Veranstaltung wichtig ist. Auch die schwierigen Pandemie-Jahre ließen sich so überstehen.
Dass die Mühe nicht nur für zwei Tage im Jahr geleistet wird, merkt man dem Festival an. Über die Zeit sind Freundschaften entstanden, Kontakte gewachsen und Traditionen hinzugekommen. 2025 wurde das 15-jährige Jubiläum gefeiert – inklusive eines kleinen Wiedersehens mit Tinas ehemaliger Band Do Not Dream, die sich für einen Jubiläumsauftritt noch einmal zusammenfand.
Klassentreffen mit Gitarren
Wenn Tina erzählt, worauf sie sich jedes Jahr besonders freut, geht es nicht in erster Linie um eine bestimmte Band. Es sind die Menschen, die wiederkommen. „Ach, du bist auch wieder da! Wie schön“, beschreibt sie diese Momente. Für sie ist das Herbststurm Festival ein gewachsenes soziales Netzwerk, das sich einmal im Jahr an einem Ort versammelt. Ein kleines Klassentreffen eben – nur dass die Wiedersehensfreude hier von Gitarrenriffs, Bassläufen und Schlagzeug begleitet wird.

Gleichzeitig soll die Gemeinschaft kein geschlossener Kreis sein. Wer zum ersten Mal kommt, ist genauso willkommen wie die Gäste, die das Festival seit den Anfangsjahren begleiten. Das Herbststurm Festival möchte eine Einstiegshilfe in die Rock- und Metal-Szene sein, ein Ort zum Ausprobieren und Entdecken.
Für die Offenheit spricht auch ein anderes Detail. Auf die Frage, welchen Act sie sich auf die Bühne der Freizeitstätte wünschen würde, wenn sie freie Wahl hätte, nennt Tina nämlich keine Metal-Band. Ihre absolute Lieblingsband sind Die Ärzte, und besonders Bela B. hat es ihr angetan. Kein Wunder: Der Schlagzeuger hat selbst ein Faible fürs Düstere. Für ihn hätte sie einen ganz besonderen Vorschlag: einen kleinen geheimen Auftritt unter Pseudonym.„Wenn Bela sich angesprochen fühlt, hier einen kleinen Hidden-Gastauftritt hier zu veranstalten - herzliche Einladung.“
Man darf also gespannt sein. Bis dahin gibt es auch ohne prominente Überraschung genug Gründe, vorbeizuschauen: zwölf Bands, Kunst, Mittelaltermarkt, Feuerkorb und eine Gemeinschaft, die sich über neue Gesichter freut. Wer neugierig auf Rock und Metal ist, neue Bands entdecken möchte oder einfach Lust auf ein familiäres Festival mit besonderer Atmosphäre hat, ist herzlich willkommen - auch ohne Matte und Kutte. Und wer weiß: Vielleicht geht man am Ende nicht nur mit einem neuen Lieblingssong nach Hause, sondern auch mit dem Gefühl, beim nächsten Klassentreffen unbedingt wieder dabei sein zu wollen - ganz egal, wie das Wetter ist.


