LITFAßSÄULEN: REBELLEN IM STADTBILD?
- 23. Juli
- 6 Min. Lesezeit
Totgesagte leben länger: Auf kaum etwas trifft dieser Satz besser zu als auf die Litfaß-Säule. Sie ist seit 1854 in unseren Städten zu finden und eigentlich nicht mehr wegzudenken. Ihr Ende wurde jedoch schon oft proklamiert - mit dem Aufkommen der Großplakate, erst Recht aber im Zeitalter der Digitalität. Tatsächlich hat sich ihre Zahl auch in Oldenburg reduziert - aber es gibt sie immer noch. Ein Glück!

Sie gehören zum Stadtbild wie Bäume, Häuser, Straßen: Die Litfaß-Säulen. Für viele sind sie sie selbstverständlich, dass sie unter der Schicht verschiedener Plakate gar nicht mehr als etwas Eigenständiges wahrgenommen werden. Und doch sind im wahrsten Sinne des Wortes Sehenswürdigkeiten - denn sie stehen für einen zutiefst analogen Kontakt von Kulturangeboten mit ihren Konsument:innen.
Moment Mal, analog? Ist das nicht sehr aus der Zeit gefallen? Immerhin gibt es ja auch im Straßenraum längst digitalen Alternativen wie die beleuchteten City Lights, von all den Reels und Posts in den Social Media mal ganz zu schwiegen. Die Litfaß-Säule ist im Vergleich dazu doch furchtbar altbacken und technisch outdated. Das alles stimmt - aber nur bis zu einem gewissen Grad. Denn die Litfaß-Säule ist ganz bewusst seit über 170 Jahren im Kern unverändert geblieben. Weil sie allen technischen Innovationen zum Trotz noch immer funktioniert - und gerade in ihrer Unvollkommenheit auch Charakter beweist. Höchste Zeit, für eine kleine Liebeserklärung!

Außenwerbung: Flüchtige Momentaufnahmen
Da steht es nun: Dieses auf den Seitenrand gestellte Rohr aus Beton und harrt der nächsten Beklebung. Eine unglaublich simple Konstruktion, beinahe schon eine Provokation in unserer hochtechnisierten Welt. Die vorhandenen Plakate haben schon bessere Tage gesehen: Die Farben sind verblichen, Hier und da hängen Ecken herab. Schön im engeren Sinne ist das nicht. Aber trotzdem ist weiterhin gut zu lesen, welche Veranstaltungen beworben werden sollten, wann sie stattfanden und wer dort beteiligt war.
Es hat tatsächlich etwas morbides, diese verwitterten Ankündigungen von etwas zu lesen, das bereits wieder Vergangenheit ist. Sie erzählen von einzigartigen Ausstellungen, von Konzerten großer Stars, von Festivals, Musicals und Theaterspektakel. Aber dieses bildgewaltige Veranstaltungs-Panorama ist stets nur eine Momentaufnahme. Denn eines steht immer felsenfest: Die nächste Plakatgeneration wartet schon. Und so wird auch der aktuelle Verfall bald wieder Geschichte sein, ordentlich überklebt vom nächsten Ausblick auf die nahe regionale Kulturzukunft. The show must go on!

Wobei der Andrang auf die Litfaß-Säulen im Zuge der Digitalisierung ein Stück weit nachgelassen hat. Heuztage gibt es viel mehr Möglichkeiten, Informationen zu verbreiten, die Marketingbudgets sind vielerorts aber nicht gewachsen oder sogar geschrumpft. Das Geld verteilt sich auf mehr Kanäle, so dass für die Litfaßsäule zunehmend kleinere Stücke des Kuchens bleiben. Immer wieder sieht man auf Plakatwänden und Litfaßsäulen Außenwerbung für die Außenwerbung. Ihr bester Kunde, so scheint es manchmal, scheint die Branche selbst zu sein.
Das bleibt nicht ohne Folgen: Laut dem Bundesverband für Außenwerbung soll es in Deutschland derzeit noch rund 19.000 Säulen geben; 2005 waren es noch 51.000. Und auch in Oldenburg wurden in den letzten Jahren 16 Säulen abgebaut. Kreisrunde Verfärbungen an den ehemaligen Standorten sind stumme Zeugen des Rückgangs. Ist das vielleicht schon der Anfang vom Ende?
Wie alles begannSchluss mit der Suddelei!Im Berlin der Mitte des 19. Jahrhunderts war die sogenannte „Wilde Plakatierung“ (auch „Suddelei“ genannt) ein großes Ärgernis. Informationen, Anzeigen und Werbung wurden wahllos an Bäume, Zäune und Hauswände geklebt. ![]() Der Berliner Druckereibesitzer und Verleger Ernst Theodor Amandus Litfaß (1816–1874) störte sich an diesem Chaos und entwickelte eine Lösung für das Problem. Nach jahrelangen Verhandlungen mit den Behörden erhielt er am 5. Dezember 1854 die offizielle Genehmigung zum Aufstellen sogenannter „Annoncier-Säulen“. Am 1. Juli 1855 wurden die ersten 100 Säulen im Berliner Stadtgebiet aufgestellt. Das Prinzip war revolutionär: Erstmals gab es feste, öffentlich zugängliche Flächen, für die eine Gebühr gezahlt wurde und die zentral verwaltet wurden. Die Litfaßsäule wurde in kürzester Zeit zu einem prägenden Element des deutschen Straßenbildes und entwickelte sich zu einem Wahrzeichen Berlins. Der 1. Juli gilt in Erinnerung an die erstmalige Aufstellung bis heute als „Tag der Litfaßsäule“. |
Litfaßsäule: Die analoge Bastion
Tatsächlich wurde vor einigen Jahren bereits das Ende der Säule proklamiert. Es habe sich „ausgeklebt“, kalauerten einige Medien. Andere sprachen von einer „Säulendämmerung“. Doch die Pessimist:innen sollten sich täuschen. Ausgerechnet die Allgegenwärtigkeit des Digitalen verhalf der Litfaßsäule zu einer Renaissance. Denn: Immer mehr Menschen sind vom vom ewigen Datenstrom übersättigt und sehnen sich nach einem analogen Kontrast. Der Großanbieter Ströer - eigentlich ein Vorreiter digitaler Außenwerbung - schwärmt inzwischen sogar von einem „Kultmedium“ und erklärt explizit die Kulturplakate zu „Rebellen im Stadtbild“.

Ihren Wert betont auch jemand, der es wissen muss: Stefan Knobloch, Vertragsmanager bei den Düsseldorfer Außenwerbungs-Spezialisten Moplak, der auch in Oldenburg das Plakatieren der Säulen organisiert. „Sicherlich muss die Litfaßsäule nicht unerhebliche Anteile von Werbebudgets an digitale Werbeträger abtreten“, gibt er zwar zu, betont aber gleichzeitig: „Trotzdem bleibt sie fester Bestandteil der urbanen Kommunikations-Landschaft, da sie trotz aller Digitalisierung viel Raum für lokale und kulturelle Botschaften bietet.“ Zwar bestätigt der Experte die jüngste Reduzierung, weist aber darauf hin, dass es weiterhin über hundert Säulen im gesamten Oldenburger Stadtgebiet gibt.
„Man kann immer noch von einer flächendeckenden Präsenz und einer ausreichenden Reichweite der Kommunikationsinhalte von Litfaßsäulen in Oldenburg ausgehen.“
Dass man mitunter den Eindruck gewinnt, es seien weniger, liegt an deren Verwendung. Denn der Großteil dient heute vollflächigen Formaten einzelner Kunden. Die gesamte Säule wird - analog zu Großplakaten - über die gesamten 360 Grad mit einer einzigen Botschaft plakatiert. Hier kommen nur die Großkund:innen und ihre oft bundesweiten Kampagnen zum Zuge. Zu örtlichen Kulturkommunikation tragen sie nicht bei - zum bunten, kleinteiligen Plakat-Mosaik schon gar nicht. Trotzdem wirkt es beruhigend, wenn Stefan Knobloch feststellt: „Die gute Nachricht ist, dass vorerst keine weiteren
Säulen-Demontagen geplant sind.“

Stadtraum: Impulsgeber für Google
Die Litfaßsäule, wie wir sie lieben - beklebt in bunten Farben, variablen Gestaltungen, unterschiedlichen Formaten - ist dagegen tatsächlich seltener geworden. Das Karten-Tool der Firma Ströer zeigt 45 Säulen dieser Sorte in Oldenburg - gegenüber 57 „Ganzsäulen“. In manchen Stadtteilen muss man schon ein wenig die Augen offen halten, um sie zu entdecken - oder wissen, wo sie stehen. Dann aber entfachen sie noch denselben Effekt wie in den vergangenen einhundertsiebzig Jahren. Ankündigungen in gestalteter Form zu sehen, ohne dass der nächste Reiz schon alles beiseite schiebt - das ist weiterhin eine unschlagbare Form des Marketings.

„Bevor dich jemand googelt, sieht er dich hier“, wirbt eine Firma für Werbung im Straßenraum. Das ist - nun ja - etwas plakativ, aber es ist auch etwas Wahres dran. Denn natürlich können Litfaßsäulen in der Informationstiefe nicht mit digitalen Inhalten mithalten. Selbst wenn man auf den Plakaten einen QR-Code findet, ist der Weg zu den Inhalten weit weniger intuitiv als der Tap auf einen Link. Doch darum geht es nicht. Die Litfaßsäulen sind nicht der Ort, wo das Feuer lodert, sondern wo der erste Funke geschlagen wird - und der ist entscheidend.
Wir lieben Litfaß!
Unser Blick wandert nochmal auf die Säule. Ja, es stimmt: Verwitterte Plakate haben einen morbiden Charme, sie erzählen genauso vom Aufbruch wie vom Untergang. Ausgesprochene Ästhet:innen mögen sich daran stören. Aber eine Frage sei erlaubt: Ist das nicht das Wesen einer Stadt? Dieser ständige Spagat zwischen dem Vergangenen und den Verheißungen - das macht doch den Reiz der urbanen Lebensrealitäten aus.
Wenn man es so betrachtet, dann ist die Litfaßsäule keineswegs eine Relikt von vorgestern. Im Gegenteil: Zeitgemäßer als dieser trotzige Mix aus Beständigkeit und Aktualität könnte ein Werbemedium gar nicht sein. Knallige Animationen mögen unsere Aufmerksamkeit schneller auf sich lenken - in den Plakaten auf den Litfaßsäulen wird sie aber viel tiefer verankert. Freuen wir uns, dass der zwischenzeitliche Abgesang auf den Oldtimer der Außenwerbung viel zu früh kam (und überhaupt überflüssig war). Die Litfaßsäule wird noch lange zu unserem Stadtbild gehören und eine Sehenswürdigkeit bleiben - denn sie steht für einen zutiefst analogen, beinahe schon persönlichen Kontakt der Kultur mit den Menschen. Und dafür lieben wir sie!



