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SOFAR SOUNDS: GEHEIMSACHE KONZERT

  • vor 32 Minuten
  • 8 Min. Lesezeit

Alles ist geheim. Niemand weiß, wo das Konzert stattfindet oder wer auf der Bühne steht: Unbekannte Newcomer? Oder doch ein bekannter Name? Mit Sofar Sounds ist ein ungewöhnliches Livemusik-Format in Oldenburg angekommen. Warum man sich darauf einlassen sollte? Und was dabei ganz anders ist als bei herkömmlichen Konzerten? Organisatorin Juliane Dirks hat uns eingeweiht.


Plakat des Oldenburger Sofar Sounds-Konzerts im August 2026
Simples Geheimrezept: Sofar überzeugt nicht etwa durch komplexe Konstrukte, sondern durch Einfachheit, Nähe und Authentizität. (Bild: Kulturschnack)

Ein Konzert, bei dem weder der Ort noch die auftretenden Künstler vorher bekannt sind: Das ist das Prinzip von Sofar Sounds („Songs from a Room“) . Was 2009 in London als kleine Veranstaltungsreihe begann, hat sich im Laufe der Jahre weltweit verbreitet – zunächst in Metropolen wie New York, Paris oder Los Angeles. Dieser Prozess löste einen gewissen Hype aus: Wer schon auf einem Sofar-Konzert war, gehörte zu den Eingeweihten und Erleuchteten.


Der Erfolg blieb nicht ohne Folgen: Aus der charmanten Idee ist längst ein Unternehmen geworden, das inzwischen auch Städte bespielt, bei deren Namen die Herzen nicht sofort höher schlagen. So gibt es allein in Deutschland aktuell 17 Sofar-Städte. Dass in dieser Liste Hamburg, Berlin, Leipzig und München auftauchen, überrascht niemanden. Doch seit Neuestem gehört auch Oldenburg dazu - anders als viele größere Städte oder die niedersächsische „Konkurrenz“ aus Osnabrück oder Braunschweig.



Geburtshilfe aus Hamburg


Dass es so kam, hat mit Lars Nemeth zu tun. Er studierte einst Musikwissenschaften in Oldenburg, übernahm ab 2014 jedoch in Hamburg die Organisation der Sofar-Konzerte. Damals lief alles noch vollständig ehrenamtlich, nach den Konzerten ging für die Künstler:innen der Hut herum. Bis zu 800 Anmeldungen gab es für die intimen Konzerte - ein Niveau, das nach der Corona-Zwangspause noch nicht wieder erreicht wurde.



Szene eines Hamburger Sofar Sounds Konzerts
It's all set: Gespannt wartet das Hamburger Sofar-Publikum auf den ersten von drei Acts. (Bild: Sophias schöne Dinge)

Die Quantität der Resonanz mag sich ein wenig geändert haben, die Qualität allerdings nicht, hat Lars beobachtet: „Die Stimmung ist nach wie vor unglaublich. Bei diesen Shows wird wirklich zugehört. Die Künstler bekommen die Aufmerksamkeit, die sie verdienen.“ Zwar habe sich beim Sofar-Konzept im Laufe der Zeit einiges geändert, es fänden insgesamt auch etwas weniger Konzerte statt, aber das Ergebnis selbst sei glücklicherweise dasselbe geblieben.


Grafik, die den Prozess erläutert, durch den eine Stadt Teil der Sofar Community werden kann
Der Weg zum Ziel: Wie man Teil der weltweiten Sofar Community wird. (Grafik: Sofar Sounds)

Was in Hamburg erfolgreich ist, funktioniert nicht zwangsläufig auch in Oldenburg. Lars war dennoch sofort überzeugt, dass Sofar auch in die deutliche kleinere Stadt passt. „Oldenburg hat ein ausgesprochen kulturinteressiertes Publikum. Das zeigt sich nicht nur bei Groß-Events wie dem Kultursommer, sondern auch an den vielen kleinen und mittleren Veranstaltungen und Konzertorten – von der Kulturetage bis zum Cadillac.“ Zwar schätzen viele Menschen in Oldenburg die Gemütlichkeit, sie möchten aber auch, dass die große Welt ab und zu mal vorbeischaut, „Genau da setzt Sofar an. Wir bringen internationale und lokale Künstler in die Stadt und schaffen Erlebnisse, die sonst vielleicht nicht stattfinden würden. Sofar ist eine weltweite Live-Musik-Community und genau diese internationale Perspektive möchten wir mit Oldenburg verbinden.“



SOFAR OLDENBURG


NÄCHSTE KONZERTE:

29. AUGUST

3. OKTOBER


SECRET LOCATIONS

BEKANNTGABE 36 STUNDEN VOR BEGINN





Sofar Sounds: Musik als Überraschung


Organisiert wird Sofar Oldenburg unter anderem von Juliane Dirks - und schon nach wenigen Sekunden unseres Gesprächs mit ihr ist eines klar: Die hauptberufliche Physiotherapeutin ist die richtige Person am richtigen Platz. „Ich finde das Konzept einfach schön“, schwärmt sie. Ihr Herz schlage für Livemusik, und sie möge es, „sich überraschen zu lassen und einen gemeinschaftlichen Abend“ zu erleben. Das Armbändchen vom Watt en Schlick-Festival unterstreicht diese Aussage.


Juliane Dirks, Organisatorin von Sofar Sounds Oldenburg
Gute Laune: Juliane Dirks hat Spaß daran, die Sofar Konzerte in Oldenburg zu organisieren. (Bild: Kulturschnack)

Das Besondere an Sofar Sounds ist zunächst das Ungewisse. Wer ein Ticket kauft, weiß vorab nicht, welche Künstler:innen auftreten und an welchem Ort das Konzert stattfindet. Erst kurz vor der Veranstaltung erfahren die Gäste, wohin sie kommen sollen. Gerade diese Ungewissheit sei heute etwas Besonderes, findet Juliane: „Vieles ist heute ja genau geplant und getaktet. Ich weiß eigentlich immer Bescheid, alles ist irgendwie vorhersehbar.“ Ein Sofar-Konzert sei das Gegenteil: Es biete die Möglichkeit, sich bewusst auf etwas Unbekanntes einzulassen: „Viele sagen sich: ich bin jetzt einfach mal mutig und lasse mich überraschen“ - bereut hat es bisher noch niemand.


Einen gewissen Mut - oder besser: Entdeckergeist - braucht es tatsächlich. Die Gäste wissen nicht, ob sie eine Band oder eine:n Solokünstler:in, Pop, Indie oder etwas völlig anderes hören werden. „Es gibt keine konkreten Erwartungen und deshalb auch keine Enttäuschungen“, weiß Juliane. Genau darin liege ein Teil des Reizes. Die entsprechende Offenheit sei bei der ersten Oldenburger Ausgabe deutlich spürbar gewesen. .„Das Publikum war bunt gemischt, da war wirklich alles Mögliche dabei“, erzählt Juliane. Aber:


„Es gab von Anfang an eine große Gemeinsamkeit: Alle waren sehr aufmerksam.“

Globaler Erfolg der Sofar-Konzerte

Aus dem Zimmer in die Welt

Sofar Sounds begann 2009 in London mit einer einfachen Idee: Musik sollte wieder überraschend und persönlich werden. Statt großer Clubs wollten die Gründer Menschen in Wohnzimmern, Hinterhöfen oder kleinen Cafés zusammenbringen. Das Besondere: Die Gäste wussten vorher weder genau, wo das Konzert stattfindet, noch welche Künstler auftreten.


Szene eines Hamburger Sofar Sounds Konzerts
Einzigartige Atmosphäre: Im Gegensatz zur Oldenburger Premiere konnten in Hamburg schon einige Open Air-Konzerte stattfinden. (Bild: Tanja Kilian)

Aus der kleinen Idee wurde eine globale Bewegung. Heute ist Sofar in rund 400 Städten und mehr als 75 Ländernaktiv. Allein 2023 fanden in den sogenannten Curator Cities 1.139 Shows statt, bei denen rund 3.500 Künstler vor mehr als 79.000 Gästen auftraten. Dabei geht es nicht um große Bühnen oder bekannte Namen, sondern um Nähe und Entdeckung. Trotzdem gibt es mit etwas Glück Weltstars zu sehen: Manche Künstler, die später richtig groß wurden – darunter Billie Eilish, Leon Bridges oder Ed Sheeran – haben bereits bei Sofar gespielt; letzterer allerdings, nachdem er längst ein Weltstar war.


Genau das macht Sofar aus: Man kauft kein klassisches Konzertticket, sondern ein kleines Abenteuer. Der Ort bleibt bis kurz vor dem Konzert geheim, die Künstler ebenfalls. Was bleibt, ist die Vorfreude – und die Chance, vielleicht einen neuen Lieblingsact zu entdecken.




Oldenburger Acts: Licht statt Schatten


Bei einem Sofar-Abend treten in der Regel drei Acts auf: ein internationaler, ein nationaler und ein lokaler Künstler. So erlebt man womöglich eine Band, die schon einen Namen hat und man vielleicht sogar kennt und liebt, was ja bereits einen eigenen Reiz besitzt. Gleichzeitig bleibt aber Raum für Entdeckungen aus der lokalen oder überregionalen Szene.


Die Auswahl erfolgt über einen überregionalen Künstlerpool. Musiker:innen können sich bewerben, ein Auswahlteam entscheidet anschließend, welche Acts zu den Veranstaltungen passen. Gleichzeitig sucht Juliane für Oldenburg auch selbst nach lokalen Künstler:innen. „Dadurch, dass ich viel in Musikkreisen unterwegs bin, sprechen mich Bands auch aktiv an“, erzählt die 32-Jährige. Außerdem schaure sie in den sozialen Netzwerken nach passenden Acts und spricht diese an. Eine besonders gute Quelle waren übrigens die Kulturschnack Acoustic Sessions.



Inzwischen berühmt: In Manchester konnte das Sofar-Publikum Hozier noch vor dem großen Erfolg erleben. (Video: Sofar Sounds)

Besonders auffällig ist dabei: Der lokale Act steht nicht im Schatten der internationalen Gäste. Alle drei Künstler:innen bekommen dieselbe Spielzeit – jeweils 20 Minuten. „Es ist ein wichtiges und schönes Signal, dass niemand über jemand anderem steht“, sagt Juliane.


„Man stellt alle Künstler:innen gleich - egal aus welchem Land sie kommen oder wie berühmt sie sind.“

Dass eine lokale Band dabei ist, versteht die Organisatorin auch als Form der Musikförderung: „Uns ist sehr wichtig, dass ein lokaler Act dabei ist. Wir wollen die Szene vor Ort sichtbar machen und unterstützen.“ Genau das ist für die Oldenburger Szene ein wichtiger Aspekt - schließlich schweift der Blick der Musikfans oft genug in die Ferne und übersieht dabei die großartigen Bands aus der Umgebung. Juliane freue sich deshalb über alle Acts, die Interesse daran haben, auf einem der Sofar-Konzerte zu spielen und in der Heimatstadt neue Fans zu gewinnen. Bewerbungen seien über den Insta-Kanal jederzeit möglich



Sofar: Wohnzimmer statt Konzertsaal


Auch bei den Veranstaltungsorten geht Sofar Sounds bewusst andere Wege. Die erste Oldenburger Ausgabe sollte in einem privaten Garten in Eversten stattfinden – gespielt wurde schließlich im Wohnzimmer. „Als es zu windig wurde, räumte die Gastgeberfamilie kurzerhand ihr Wohnzimmer frei. Sie hat sich spontan drauf eingelassen und gesagt, machen wir jetzt einfach“, erzählt Juliane. Gespielt wurde akustisch, mitten in der Wohnumgebung. Die Gäste brachten Kissen und Sitzsäcke mit und machten es sich gemütlich. „Die haben sich dann alle so eine kleine, gemütliche Ecke gebaut.“ Auch Kinder waren dabei.



Szene vom ersten Sofar Sounds Konzert in Oldenburg-Eversten.
Improvisiert: Das erste Sofar-Konzert wanderte spontan vom Garten ins Wohnzimmer. Dennoch stellte sich sofort die besondere Atmosphäre ein - wie hier beim Auftritt von Klezmarized. (Bild: Tanja Dierkes)

Für Juliane gehört genau diese Unmittelbarkeit zum Konzept. Die Orte müssen nicht spektakulär oder absolut außergewöhnlich sein. Ein privater Garten, ein Wohnzimmer, ein kleines Café oder ein besonderer, sonst vielleicht ungenutzter Raum kann reichen. „Es liegt ein großer Reiz darin, wenn die Orte wechseln“, sagt sie. „Das passt perfekt zum Konzept des Unbekannten und des Entdeckens.“ Auch die Gäste selbst können Veranstaltungsorte vorschlagen. Wer einen geeigneten Garten, eine Wohnung oder einen anderen Ort zur Verfügung stellen möchte, kann sich über Sofar Sounds bewerben.



Ganz nah an der Musik


Die intime Umgebung verändert auch die Atmosphäre. Bei der ersten Veranstaltung habe sie beobachtet, wie aufmerksam das Publikum den Musikern zuhörte. „Es war mucksmäuschenstill und man hat ja auch so eine Nähe zu den Künstler;innen, weil man direkt vor ihnen sitzt“, erzählt Juliane. „Es war tatsächlich magisch, das Publikum dabei zu beobachten, wie es sich von der Musik faszinieren lässt.“


Musiker Gareth Esson bei seinem Auftritt bei Sofar Sounds Oldenburg
Stimmgewaltig: Gareth Esson war bei der Sofar-Premiere in Eversten zu sehen - und zu hören. (Bild: Tanja Dierkes)

Zum Konzept gehört deshalb auch, dass die Smartphones möglichst in der Tasche bleiben. „Es sollen bitte alle ihre Handys auslassen, wenn möglich“, sagt Juliane. Es geht darum, den Moment nicht über das Smartphone zu dokumentieren, sondern ihn tatsächlich zu erleben.


Nach jeweils 20 Minuten Musik gibt es eine 15-minütige Pause. Die kann man nutzen, um etwas zu trinken – oder um mit den Künstler:innen ins Gespräch zu kommen. „Die stehen dann gemeinsam mit den Gästen im Garten und sind ganz nahbar.“ Auch für die Musiker selbst sei diese Situation interessant. Die Oldenburger Künstler:innen der ersten Ausgabe hätten die Atmosphäre sehr positiv erlebt. „Die waren ganz begeistert von der Atmosphäre und von dem kleinen Rahmen, in dem alles stattfindet.“



Billie Eilish in Eversten?


Dass bei Sofar Sounds tatsächlich auch später bekannte Künstler:innen auftreten können, zeigt die Geschichte des Formats. Juliane nennt Billie Eilish und Leon Bridges als Beispiele. „Häufig sind die Künstler:innen zum Zeitpunkt des Auftritts noch nichts so berühnmt, sondern auf dem Weg nach oben - aber manchmal sind sie schon kurz darauf Stars.“ Dadurch könne ein Sofar-Abend rückblickend zu einer besonderen Erinnerung werden:


„Dann steht plötzlich jemand, den man gerade noch in einem Wohnzimmer in Bürgerfelde gesehen hat, auf den großen Festivalbühnen“


Legende: Auch Billie Eilish spielte schon auf einem Sofar-Konzert - allerdings nicht in Ofenerdiek oder Bloherfelde, sondern in Los Angeles. (Video: Sofar Sounds)

Dass Künstler:innen und Publikum auch nach dem Konzert noch zusammenkommen, verstärkt diesen Effekt. Beim ersten Oldenburger Sofar-Abend saßen die Beteiligten anschließend noch gemeinsam am Feuer. „Das ist einfach total nett“, erinnert sich Juliane. Gerade für ein Publikum, das von großen Festivals und dicht getakteten Kultur-Programmen manchmal überfordert ist, sieht die Organisatorin in Sofar Sounds einen besonderen Reiz. „Man ist grundsätzlich schon ein bisschen reizüberflutet“, sagt sie. Große Veranstaltungen seien für viele „zu laut, zu voll, zu viel“. Sofar sei dagegen „ein kleiner Rahmen, gemütlich, ruhig, familiär“. Und mit einem Lachen fügt sie hinzu:


„Das überreizt das Nervensystem nicht so sehr.“


Oldenburg statt London


Vielleicht ist genau das die Idee hinter dem Format: nicht möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu erleben, sondern für einen Abend weniger zu wissen – und dafür mehr wahrzunehmen. „Nicht alles planen, einfach nur hingehen und die Musik genießen“, beschreibt Juliane das Prinzip - und es ist gerade diese Einfachheit, die es so attraktiv macht.


Juliane Dirks von Sofar Sounds Oldenburg
Noch viel vor: Juliane möchte gerne einmal pro Monat ein Sofar-Konzert organisieren. Die nötige Energie bringt sie mit. (Bild: Kulturschnack)

Ein Konzert als Geheimsache, bei der weder der Ort noch die auftretenden Künstler vorher bekannt sind: Das mag weiterhin ungewöhnlich erscheinen. Doch viel spricht dafür, dass Sofar in Oldenburg genauso erfolgreich sein wird wie in Hamburg oder in London. Als ein Gegengewicht zur Übertaktung unserer Alltage und Ausgehgewohnheiten bietet Sofar genau das, was man sich immer wünscht, wenn wieder einmal Dutzende Handy-Bildschirmen den Blick auf unsere Lieblingskünstler:innen versperren: Eine ungestörte Musikerfahrung, in kleinem Kreis, an einem schönen Ort und mit einer engen Verbindung zwischen Bands und Publikum.


Zu den Eingeweihten und Erleuchteten mag man vielleicht nicht mehr gehören, wenn man schon mal auf einem Sofar-Konzert war. Dafür hat man aber etwas anderes erlebt: „Einen wunderschönen Moment in einer tollen Gemeinschaft und die Magie der Musik“, wie es Juliane beschreibt. Und deshalb spielt es auch keine große Rolle, wo das Konzert stattfindet und wer auf der Bühne steht. Die Idee ist der Star - und dafür stürzen wir uns gern ins Unbekannte.

 
 
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