KNEIPENFESTIVAL: DU BIST DIE CROWD!
„Eine Kneipe“, so steht's bei Wikipedia, „ist eine Gaststätte, die hauptsächlich dem Konsum von Bier, aber auch anderen alkoholischen und nicht-alkoholischen Getränken dient.“ Das stimmt zwar, ist aber noch längst nicht alles. Schon immer spielte Musik eine wichtige Nebenrolle. Nun rückt sie beim Oldenburger Kneipenfestival von der Randerscheinung in den Mittelpunkt - stimmungsvoll, unkompliziert, kostenlos. Für Initiator Pascal Oetjegerdes ist das ein Stück lokale Musikförderung.

Viele von uns haben das schon mal erlebt: Wir sitzen in einer Kneipe, plötzlich tut sich was in einer Ecke des Raums. Es poltert, es scheppert und es klackt. Schnell wird klar: eine Band baut auf, gleich gibt es Live-Musik. Kurz darauf befindet man sich mitten in einem Konzert, das man nicht erwartet und nicht bezahlt hat, das vielleicht auch gar nicht dem eigenen Musikgeschmack entspricht, das aber trotzdem eine ganz eigene Magie entwickelt. Denn Musik in der Kneipe bedeutet vor allem: Nähe.
Diese zufällige Erfahrung wird in Oldenburg von nun an deutlich besser planbar, denn Oldenburg bekommt sein erstes Kneipenfestival! Das Prinzip ist denkbar einfach: Musik live erleben, neue Bands entdecken, von Bühne zu Bühne ziehen – und das alles ohne Eintritt. In nicht weniger elf beteiligten Läden soll die Stadt zur dezentralen Festivalbühne werden. Initiator des Projekts ist Pascal Oetjegerdes, Geschäftsführer der Kneipenkultur GmbH und somit verantwortlich für die Ule, Karin's und die Zapferei. Für ihn geht es bei der Idee um mehr als einen langen Abend mit Bier und Livemusik: Das Festival soll Kultur niedrigschwellig zugänglich machen und gleichzeitig die lokale Musikszene stärken. Wie genau das funktioniert? Das hat er uns im Gespräch erklärt.
OLDENBURGER KNEIPENFESTIVAL
DONNERSTAG, 24. SEPTEMBER 2026, 19 UHR
LOCATIONS
3RAUMWOHNUNG, AMA, BUDDELJUNGS BAR, EULE, FRAU GUNSTMANN, KARIN'S, STROHHALM, SWUTSCH, THE PUB, ULE, ZAPFEREI BANDS ATLANTIK MANFRED, CAPTAIN PIFF & THE FIRST MATES, DK DI.KE & EI.KE, HELDENLOS, KOMMANDO FREIBIER, LIVE & LOUD, MATTHIAS MONKA, MIA PETERS, OLDENBURGER KNEIPENCHOR, STEAMYWINDOWS JOE, TROBI BIERMUSIK
Elf Kneipen sollt ihr sein
Die Idee für das Kneipenfestival entstand zunächst ohne festen Plan. Pascal brachte sie eines Abends mit zur „Initiative Nachtkultur“, einem losen Zusammenschluss von Betreiber:innen kulturell wichtiger Bars, Clubs und Kneipen. Dort tauscht man sich regelmäßig über Themen aus, die die Nachtkultur in der Stadt betreffen.

„In diesem Rahmen habe ich eben auch die Idee des Kneipenfestivals vorgestellt“, erinnert sich Pascal. Die Resonanz sei schnell positiv gewesen. „Da gab es direkt die ersten, die gesagt haben: Auf jeden Fall sind wir dabei!“ Nach einigen weiteren Gesprächen steht für die Premiere nun eine stattliche Zahl: elf beteiligte Locations.
Ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts ist der kostenlose Zugang. „Das ist für uns besonders wichtig gewesen, dass die Kultur möglichst niedrigschwellig für alle zu haben ist“, sagt Pascal. Gerade die steigenden Kosten für Konzertbesuche seien ein Grund dafür gewesen, bewusst auf Eintritt zu verzichten. „Wir wissen alle: Wenn du heute zu einem Konzert gehst, kostet das schnell 60, 80 oder sogar 100 Euro.“ Beim Kneipenfestival soll deshalb gelten: reingehen, zuhören, weiterziehen.
„Wer in die beteiligten Kneipen geht, zahlt keinen Eintritt. Und wir gucken auch nicht jedem auf die Finger, ob er auch brav drei, vier Bier trinkt. Ob Bier, Wasser oder gar kein Getränk: Das ist ein Festival für alle.“
Damit wird das Kneipenfestival auch zu einer Art musikalischem Entdeckungsparcours. Wer eine Band nicht mag, muss nicht den ganzen Abend dort bleiben. „Wenn es mir nicht passt, kann ich ganz entspannt in den nächsten Laden gehen und guck mir an, was dort läuft.“ Der Eintritt ist also nicht nur frei, er macht auch frei: Das Publikum kann Entscheidungen unabhängig von finanziellen Erwägungen treffen.

Kneipenfestival: Format mit eigenem Reiz
Die beteiligten Bands kommen nicht ausschließlich aus Oldenburg. Und doch spielt die regionale Musikszene eine zentrale Rolle. Mit dabei sind unter anderem Atlantik Manfred, Trobi Biermusik, Kommando Freibier und der Oldenburger Kneipenchor. Dazu kommen Künstler:innen aus der Region und darüber hinaus. Dass lokale Bands besonders gut zum Konzept passen, hat auch einen ganz praktischen Grund. „Es hilft natürlich, wenn die Künstler:innen keine weite Anreise haben - weil du natürlich auch gucken musst, wie du sie bezahlst, wenn du keinen Eintritt nimmst“, erklärt Pascal. Eine Band, die nicht erst aus Berlin anreisen müsse, sei entsprechend leichter zu finanzieren.
Doch das Festival ist für ihn nicht bloß eine kostengünstige Möglichkeit, Livemusik anzubieten. Es ist auch eine Form von Musikförderung. Die teilnehmenden Kneipen bringen ihre Kontakte und Netzwerke ein und holen Musiker:innen auf kleine Bühnen, auf denen das Publikum ihnen besonders nah kommt. Teilweise bestehen bereits persönliche Beziehungen zu den Bands. Bei solchen Kontakten sei es leichter, Musiker:innen für ein Format zu gewinnen, bei dem die Gage zwar überschaubar sei, die Künstler:innen aber zusätzlich auf einen Hut vom Publikum hoffen können. Und auch für die Bands hat das Format seinen eigenen Reiz, denn das Publikum komme an diesem Abend ausdrücklich wegen der Musik. „Das ist dann nochmal ein anderer Schnack, als wenn ich nebenbei an einem Kneipenabend spiele.“

Die Kneipe auf die Bühne
Wer beim Kneipenfestival ausschließlich lauten Punk und Party erwartet, könnte überrascht sein. Die musikalische Bandbreite soll durchaus größer sein. In der Dreiraumwohnung beispielsweise treffen Heldenlos und Matthias Monka aufeinander – mit Klavier, Gitarre und kräftigen Stimmen. „Das ist eben kein Punk, aber dafür ist es wirklich sehr gute, handwerklich gemachte Musik“, sagt Pascal. Auch Mia Peters bringe eine andere Farbe ins Programm. Sie könne „Rockröhre“ sein, habe aber ebenso ruhige Momente.
„Da gibt es eben Momente, wo man lauschen und träumen kann und mit einem kleinen Tränchen sein Bier trinkt“, schmunzelt Pascal. Gerade diese Mischung sei Teil des Konzepts: Nicht jede Kneipe muss gleich klingen. Das Publikum kann sich seinen eigenen Festivalabend zusammenstellen. Und das funktioniert in Oldenburg besonders gut, weil die Wege kurz sind. „Alles ist mit einem Bier in der Hand in sechs Minuten zu erreichen“, rechnet Pascal vor. „Und wenn eine Kneipe voll ist, geht man eben weiter.“
In seinem Element: Pascal Oetjegerdes liebt Kneipen und Musik. Was also lag näher als ein Kneipenfestival? (Bilder: Kulturschnack)
Volle Energie beim Kneipenkonzert
Die besondere Stärke des Festivals sieht Pascal in der Nähe zwischen Publikum und Künstler:innen. „Ein Kneipenkonzert ist etwas ganz anderes als eine Halle oder eine Arena, weil es was ganz Intimes hat“, betont Pascal. In den kleinsten beteiligten Locations könnten vielleicht 30 Menschen vor der Musik stehen. Doch gerade darin liege der Reiz:
„Du bist nicht nur ein Mensch unter 10.000, die da stehen, sondern du bist einer von 30. Du bist die Crowd. Von dir geht die Energie aus, bei dir kommt sie an.“
Für Musiker:innen kann diese unmittelbare Reaktion des Publikums mindestens genauso spannend sein wie eine große Bühne. Und für die Besucher:innen entsteht eine Konzertatmosphäre, die sich nicht beliebig reproduzieren lässt. „Wenn man so eine kleine Venue hat mit 30 begeisterten Menschen, ist das noch viel geiler als im Riesenstadion“, findet Pascal. Das Festival unterscheidet sich deshalb auch bewusst von einem normalen Kneipenabend mit gelegentlicher Livemusik. „Der Unterschied zwischen einem Freitagskonzert im Pub und dem Kneipenfestival ist wirklich, dass die Menschen ganz bewusst sich entscheiden: Ich gehe heute in die Läden, um Mucke zu hören.“ Die Musik soll an diesem Abend eben keine Randerscheinung sein, die man aus dem Augenwinkel wahrnimmt, sondern voll und ganz im Mittelpunkt stehen.

Symbiose aus Konsum und Kultur
Dass der Eintritt kostenlos ist, bedeutet allerdings nicht, dass die beteiligten Kneipen kostenlos arbeiten. Pascal spricht offen darüber, dass Gastronomie und Kulturveranstaltung miteinander funktionieren müssen. „Auch eine Kneipe ist kein Wohlfahrtsort. Die muss die Miete, das Team und die Getränke bezahlen.“ Deshalb sei es schön, wenn die Gäste auch etwas konsumierten. Denn davon lebten die Betriebe.
Das Festival bewegt sich damit in einem Spannungsfeld: Es soll möglichst vielen Menschen kulturelle Teilhabe ermöglichen, muss aber gleichzeitig für die beteiligten Locations wirtschaftlich funktionieren. Für Pascal ist das kein Widerspruch, sondern Teil des Konzepts. Gerade darin unterscheidet sich das Festival auch vom großen Stadtfest. Musik und Gastronomie gehören dort ebenfalls zusammen, allerdings in einem deutlich größeren Rahmen. Beim Kneipenfestival soll die Musik stärker ins Zentrum rücken – und die kleinen Locations sollen genau mit dem punkten, was große Veranstaltungen nicht bieten können: Nähe, Atmosphäre und persönliche Kontakte.

Festival statt Förderprogramm
Dass bei der Premiere nicht nur bekannte Namen auf den kleinen Bühnen stehen, ist letztlich ein wichtiger Teil des Konzepts. Wer kostenlos von Kneipe zu Kneipe zieht, kann ohne großes finanzielles Risiko neue Künstler;innen entdecken. Und lokale Bands bekommen die Chance, vor einem Publikum aufzutreten, das ausdrücklich wegen der Musik gekommen ist. Damit wird aus dem Kneipenfestival mehr als eine Aneinanderreihung von Konzerten. Es schafft eine Bühne für die Oldenburger Musikszene, bringt Künstler:innen und Publikum zusammen, macht musikalische Entdeckungen möglich - und feiert ganz nebenbei auch die Kneipenkultur.

Pascals Traumkombination für ein zukünftiges Kneipenfestival würde aber nicht mehr unter lokale Musikförderung fallen: „Ikkimel im Karin's!“, lautet seine prompte Antworte, als wir ihn danach fragen. Und solltest du das hier lesen, Ikkimel: Für dich macht Pascal auch in diesem Jahr noch einen Slot frei - melde dich gern!
Ob mit oder ohne Shooting Stars aus Berlin, der Anspruch des Kneipenfestivals bleibt immer derselbe „Alle sollen eine gute Zeit haben. Das betrifft die Gäste, aber auch die Künstler:innen.“ Und vielleicht ist genau diese Mischung die eigentliche Idee hinter dem Festival: Musikförderung muss nicht immer nach Förderprogramm klingen. Manchmal kann sie auch bedeuten, elf Kneipen aufzumachen, die Musik laut zu drehen und Menschen die Möglichkeit zu geben, einfach mal reinzuschauen. Also: seid dabei, denn Ihr seid die Crowd!


