STAATSAKT #17: SOPHIA ODER DAS ENDE DER HUMANISTEN
Das Oldenburgische Staatstheater ist das Flaggschiff der Oldenburger Kulturlandschaft. Sein Output allein würde unsere Stadt schon zu einer Theatermetropole machen. Um halbwegs den Überblick zu behalten, gibt es nun den Kulturschnack Staatsakt. Hier treffen wir uns mit den Akteur:innen und sprechen mit ihnen über Premieren, Projekte, Persönliches. Das ist Theater - im Rampenlicht und hinter den Kulissen!

Wir leben im Zeitalter der Hochtechnologie. Generative künstliche Intelligenz? Längst ein alter Hut und auf dem Wege, die Welt zu beherrschen (oder zu zerstören). Humanoide Roboter? Werden immer besser, laufen manchmal schon unfallfrei geradeaus. Der Wandel zur Hightech-Gesellschaft vollzieht sich in einem rasanten Tempo - und wirft ständig neue Fragen auf, zu denen wir Antworten suchen müssen. Manche davon widmen sich der Technologie selbst: Freue ich mich über die Möglichkeiten der KI oder habe ich Angst vor ihr? Sind Roboter eine Erlösung oder eine Bedrohung, wenn sie nicht mehr nur putzig über unseren Rasen rollen? Andere Fragen gehen aber viel tiefer.
Das zeigt das Theaterstück „Sophia oder das Ende der Humanisten“ von Moritz Rinke. Dort geht es vordergründig darum, dass sich ein alleinstehender älterer Mann einen weiblichen Roboter anschafft und damit womöglich gegen die eine oder andere Moralvorstellung verstößt. Doch als dieses künstliche Wesen ein Eigenleben entwickelt, stellen sich ganz neue Fragen: Wie behandelt man eigentlich einen Roboter? Was passiert, wenn er zu fühlen beginnt? Verschwindet die Grenze zwischen Machine und Mensch? Und was macht einen Menschen überhaupt aus? In KULTURSCHNACK STAATSAKT NR. 17 erzählt Schauspielerin Marlene Goksch, wie man die Rolle eines Roboters übernimmt, auf welche Weise das Stück sein Publikum überrascht und warum es gut sein kann, wenn uns ein Lachen im Halse stecken bleibt.
OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER
SOPHIA ODER DAS ENDE DER HUMANISTEN
SA 19.9. 20:00 UHR KARTEN
SO 20.9. 18:30 UHR KARTEN
MI 23.9. 20:00 UHR KARTEN
SO 27.9. 18:30 UHR KARTEN
DO 1.10. 20:00 UHR KARTEN
FR 9.10. 20:00 UHR RESTKARTEN
DO 15.10. 20:00 UHR KARTEN
SO 18.10. 18:30 UHR KARTEN
FR 30.10. 20:00 UHR KARTEN
MI 4.11. 20:00 UHR KARTEN
FR 13.11. 20:00 UHR RESTKARTEN
SA 5.12. 20:00 UHR KARTEN
FR 11.12. 20:00 UHR KARTEN
DI 15.12. 20:00 UHR KARTEN
FR 25.12. 18:30 UHR KARTEN
MI 30.12. 20:00 UHR KARTEN
SO 17.1. 18:30 UHR KARTEN
KLEINES HAUS
26122 OLDENBURG
S I E B Z E H N T E R
S T A A T S A K T
E R S T E R A U F T R I T T
Ein kleines Foyer auf der Ostseite eines großen Theaters. Die Mittagssonne dringt ab und zu durch den bewölkten Himmel und erhellt den Raum. Dass man sich in einem historischen Bauwerk befindet, ist kaum erkennbar: Hier ist alles modern eingerichtet, eher funktional als gemütlich. Der Ort soll zum Nachdenken anregen, zwei Kulturredakteure zweifeln jedoch an dieser Funktion. Sie sind damit beschäftigt, das Setup für ein Interview aufzubauen und auszutesten. Zwar gelingt das rechtzeitig, doch nachgedacht haben sie noch nicht, als schließlich der Gast eintrifft.

THORSTEN Marlene, du bist gerade zu sehen in „Sophia oder das Ende der Humanisten“. Das klingt ein kleines bisschen dramatisch. Ist es das auch, oder kannst du da schon eine Warnung geben?
MARLENE Nee, Drama gibt's schon, auf jeden Fall! (lacht)
THORSTEN Okay, das macht auf jeden Fall neugierig. Kannst du uns ein ganz kleines bisschen in die Handlung einführen? Worum geht es in dem Stück?
MARLENE Es geht um den sechzigjährigen Geschichtsprofessor Wolfgang, der von seiner Frau Marianne verlassen worden ist und deshalb einen humanoiden Roboter als neue Lebensgefährtin ins Haus holt: Sophia. Seine Tochter Helena ist entsetzt, deren Freund Jonas eher interessiert. Im Zentrum stehen aber die ganzen Konflikte, die daraus erwachsen: Was ist der Mensch, was ist eine Maschine, wie geht man auch miteinander um? Sophias künstliche Intelligenz entwickelt schließlich auch noch ein Eigenleben. Mehr will ich an dieser Stelle gar nicht verraten.
THORSTEN Du sagst es gerade: Es geht um das Menschsein und was es ausmacht, also um sehr große Fragen. Gibt das Stück denn auch schon Antworten?
MARLENE Nicht direkt. Es ist eher eine Einladung, selber darüber nachzudenken. Vielleicht könnte man sagen: Es geht darum, einen Ist-Zustand zu beschreiben und zu zeigen, was die Tücken sind. Und so paradox es auch klingt: es findet eine Art von Entmenschlichung der Figur Sophia statt, obwohl sie gar kein Mensch ist. Es ist entlarvend zu sehen, wie mit ihr umgegangen wird, vielleicht auch weil sie diesen weiblichen Körper hat. Wie gesagt, sie ist eine Maschine, aber da verschwimmen die Grenzen. Und ich finde, das ist brutal an diesem Stück.
THORSTEN Ich habe mal mit Nick Lin-Hi gesprochen, einem Professor für Wirtschaft und Ethik an der Universität Vechta, der schon vor einigen Jahren über Rassismus gegenüber Robotern nachgedacht hat. Er konnte sich vorstellen, dass es eine Zukunft gibt, in der diese Maschinen wegen ihres Roboter-Daseins abgewertet werden - und warf ebenfalls die Frage auf, was dieses Verhallten über uns als Menschen aussagt.
MARLENE Das ist tatsächlich sehr spannend. Man beobachtet und man spürt auch, wie mit der Figur der Sophia umgegangen wird. Das ist teilweise einfach wirklich sehr entwürdigend. Oft sind es Kleinigkeiten: wie sie weggeschickt wird, weil man natürlich davon ausgeht, dass sie nichts fühlen kann. Und ich glaube, an dieser Stelle ist dann auch das Publikum gefragt, selber Rückschlüsse zu ziehen.

THORSTEN Inhaltlich ist das Stück hoch aktuell, voll am Puls der Zeit. Magst du das, wenn Theater diese Themen aufgreift, die gerade ganz virulent sind, oder bist du eigentlich eine Liebhaberin von ganz klassischen Stoffen?
MARLENE Nee, ich mag das schon, zeitgenössisches Theater zu spielen. Ich finde, das ist ja auch die große Kraft am Theater, dass es Bezug zur Gegenwart nehmen und sich auch positionieren kann.
THORSTEN Findest du denn, dass Theater sich auch positionieren sollte? Also tatsächlich eine Haltung und Meinung haben? Oder kann man das alles dem Publikum überlassen?
MARLENE Ich finde schon, ja. Ich als Person habe ja auch eine Meinung, und ich kämpfe durchaus auch dafür, dass das, was auf der Bühne stattfindet, mit meinem Wertekompass zusammenpasst.
Natürlich ist Theater Teamwork. Wir müssen immer über die Dinge sprechen und uns am Ende auf etwas einigen. Aber ich finde schon, dass Theater eine Meinung haben darf und auch sollte, ja.
STARKES THEATERPROGRAMMDIE GROßE VIELFALTMit dem KULTURSCHNACK STAATSAKT starten wir ein regelmäßiges Interview-Format mit dem Oldenburgischen Staatstheater. Ihr fragt euch, warum wir das tun? Nun: Dafür gibt es genau 188 Gründe. ![]() Das ist nämlich die Zahl der Seiten des aktuellen Spielzeitheftes des Oldenburgischen Staatstheaters. Es ist prall gefüllt mit dem äußerst facetten- und variantenreichen Programm der insgesamt sieben Sparten. So gibt es in der kommenden Spielzeit 3 Uraufführungen und 31 Premieren, dazu 19 Wiederaufnahmen und unzählige weitere Attraktionen. Und selbst das ist noch nicht alles. Zwischen und außerhalb von Oper, Schauspiel oder Konzert finden viele weitere Projekte statt. Das Staatstheater schreibt weiter an seiner eigenen Geschichte - und damit auch jener der Stadt. Angesichts dieser Opulenz haben wir uns dazu entschieden, dem Staatstheater regelmäßig einen Besuch abzustatten. Gemeinsam suchen wir nach spannenden Gästen, Themen und Geschichten für den KULTURSCHNACK STAATSAKT. Was ihr davon habt? Einen spannenden Einblick in die Theaterwelt und mehr Informationen darüber, was die Menschen dort bewegt. |
THORSTEN Bei den Themen KI und Robotik ist es ja so: Die einen freuen sich darauf und darüber, weil es zum Beispiel den Arbeitsalltag erleichtert. Andere haben eher Angst davor und fühlen sich überfordert. Auf welche Seite schlägt sich das Stück?
MARLENE Ich habe das Gefühl, dass das Stück eher eine andere Richtung einschlägt und gar nicht den Fokus so sehr darauf legt: Ist KI jetzt gut oder schlecht? Ich habe das Gefühl, es geht eher um die Menschheit und einen Umgang miteinander. Und da wird diese KI quasi zu einem Vehikel, um das darzustellen und zu zeigen. Es geht also nicht so sehr um KI und auch nicht um die aktuelle Entwicklung. Es ist eher so: Die KI steht für etwas, an dem sich diese Menschheit jetzt abarbeitet und dabei teilweise gar nicht so menschlich agiert.
THORSTEN „Sophia oder das Ende der Humanisten“ ist ja als eine philosophische Komödie geschrieben. Es ist humorvoll. Würdest du sagen, dieser lockere Umgang mit diesem Thema ist eine Stärke oder eine Schwäche des Stücks?
MARLENE Ich finde, das ist schon eine Stärke. Im besten Fall passieren ja so Sachen, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Und ich glaube, das könnten wir damit schon schaffen. (schmunzelt) Ich mag, dass es als Komödie startet, aber vielleicht nicht als Komödie endet. Grundsätzlich mag ich diese Gattung sehr, weil sie einen gewissen Rhythmus braucht, auch eine Schnelligkeit und eine hohe Konzentration. Es macht auch für mich als Schauspielerin viel Spaß. Deswegen würde ich sagen: Ja, es ist schon eine Stärke, dass es humorvoll startet, dass uns später aber vielleicht das Lachen im Hals stecken bleibt.
Vielseitig einsetzbar: Sophia ist smart, hübsch und multitalentiert, entwickelt schließlich aber ein Eigenleben. (Bilder: Stephan Walzl)
THORSTEN Wenn du jetzt auch eure Inszenierung anschaust: Gibt es etwas, von dem du sagst „Das ist richtig cool, das gefällt dir jedes Mal aufs Neue", wenn du das in der Probe spielst?
MARLENE Es gibt jetzt nicht so den einen Moment. Aber ich habe viel Spaß daran, wenn Sachen gut ineinandergreifen. Ich habe gerade ja schon angedeutet, dass man sehr konzentriert sein muss, weil wahnsinnig viel passiert.
Man muss auf der einen Bühnenseite noch zuhören, während man auf der anderen schon mit jemand anderem spielt. Und wenn das so ineinandergreift, dann „flowt“ das einfach. Das ist ein tolles Gefühl, wenn es so passt.
THORSTEN Du spielst ja die Titelfigur. In der Beschreibung des Stücks heißt es: „Sophia ist hochintelligent, gutaussehend und eine blendende Köchin“. Ist dir die Rolle eigentlich auf den Leib geschrieben worden?
MARLENE (lacht) Ich glaube nicht, nein. Ich bin keine gute Köchin.
THORSTEN Aber der Rest stimmt?
MARLENE (lachend) Nein!
Wandlungsfähig: Mal nachdenklich, mal enthusiastisch, mal selbstironisch gewährt uns Marlene einen Einblick in ihre Schauspielarbeit. (Bilder: Kulturschnack)
THORSTEN Im Ernst: Sophia ist einerseits eine künstliche Figur, die andererseits aber beinahe menschlich ist. Diese feinen Nuancen zu spielen, ist das eine große Herausforderung für dich?
MARLENE Klar! Sophia ist ja auch eine Figur, die eine Entwicklung durchmacht. Und das ist natürlich supertoll, als Spielerin eine Figur zu haben, die wirklich so ganz drastisch durch verschiedene Zustände geht. Und das Spannende bei Sophia war auch die Frage, wie man sie spielt: Wie roboterhaft sollte sie sein, was wird dann vielleicht lächerlich? Was kann man sich da an Körperlichkeit leisten? Das war schon eine Herausforderung. Und da gucke ich auch immer noch, wie das am besten funktioniert. Aber es ist eine Herausforderung, die ich gerade mit Freude annehme.
THORSTEN Du kannst ja nicht einfach zum Roboter gehen und fragen, wie ist es, künstlich zu sein. Insofern habe ich mich tatsächlich gefragt: Wie bereitet man sich denn darauf vor, so etwas zu spielen? Wie nähere ich mich dieser Rolle an, wenn ich kein Vorbild habe?
MARLENE Für mich hat Schauspiel sehr viel mit Fantasie zu tun. Sophia wird dann natürlich letztendlich so sein, wie ich mir einen Roboter vorstelle - und darüber habe ich natürlich viel nachgedacht. Ich habe auch ein paar Bücher dazu gelesen, was Bedeutung und Verkörperung angeht, also wie sehr man eigentlich an den Körper gebunden ist, um Bedeutung erfahren zu können. Dann „hirnt“ man schon sehr viel rum, aber es macht Spaß. Irgendwann muss ich dann natürlich konkret werden und ins Spiel kommen. Aber schlussendlich sehen wir dann auf der Bühne, wie ich mir einen Roboter vorstelle.
Rollenwechsel: Marlene Goksch war zuletzt am Theater Dortmund in „Antichristie“ und „Die Dreigroschenoper“ zu sehen - und wirkte ganz anders als jetzt in Oldenburg. (Bilder: Birgit Hupfeld (2), Florian Dürkopp)
THORSTEN Ist das ein typischer Prozess: Sich bei einer neuen Rolle erstmal Literatur zu beschaffen, um sich dem Thema wirklich anzunähern? Sich inhaltlich also voll in die Materie zu begeben, um die Rolle zu erfassen?
MARLENE Ich glaube, da sind die Leute ganz unterschiedlich. Ich mag schon ganz gern, Sachen dazu zu lesen. Ich finde sowieso, das ist so ein toller Aspekt an diesem Schauspielberuf, dass man immer mit so ganz verschiedenen Themen konfrontiert ist. Ich habe mich zum Beispiel auch schon mal sehr intensiv mit Dünger auseinandergesetzt, weil es in einem Stück darum ging. Das suche ich mir ja dann auch nicht aus. Aber ich finde, das ist etwas Tolles an diesem Beruf. Und wie gesagt:
Für mich geht es beim Schauspiel sehr viel um Fantasie. Es ist jetzt nicht zwingend, dass ich für eine Rolle immer auch ein Buch lesen muss. Aber ich beschäftige mich gedanklich auf jeden Fall viel damit.
THORSTEN Wie ist es eigentlich generell? Spielst du gerne feine, leise Rollen, wo es viel um Nuancen geht? Oder auch gerne richtig etwas Lautes, Wildes mit ganz viel Emotion? Hast du da Vorlieben?
MARLENE Ich mag das schon auch, wenn's laut und exzessiv ist. Ich mache Theater, und wenn man auf so einer großen Bühne steht, muss man laut sein. Ich mag das schon noch gern. Aber ich würde jetzt nicht sagen, das mag ich mehr und das weniger. Meistens hat man eine gute Spielzeit, wenn man so beides machen kann. Es hat beides ein Für und Wider.

THORSTEN Wenn du liest, wie deine Rolle aufgebaut ist, suchst du eigentlich auch in dir nach Gemeinsamkeiten oder Anknüpfungspunkten, so nach dem Motto: Was von mir könnte da reinpassen? Oder ist so eine Rolle eher wie ein Kostüm, das du anziehst, und das ansonsten gar nichts mit dir zu tun hat?
MARLENE Ich glaube, es ist mehr wie ein Kostüm, das ich anziehe. Ich suche nicht explizit nach Gemeinsamkeiten und frage mich nicht: Welcher Teil meiner Persönlichkeit kommt auch dort vor?
Es ist natürlich immer gut, wenn ich bestimmte Dinge und Gedanken nachvollziehen kann, auf gewisse Art und Weise. Aber ich finde es auch spannend, wenn es ganz weit weg ist von mir. Dann kommt es ja noch mehr auf Fantasie an. Und genau das ist, was ich an diesem Beruf mag.
THORSTEN Fantasie ist also der Schlüssel zum Schauspielberuf.
MARLENE Für mich auf jeden Fall, ja.

THORSTEN Du wirst ja insgesamt neunzehnmal im Kleinen Haus als Sophia auf der Bühne stehen. Was passiert in so einem langen Zeitraum mit dir und der Rolle? Wächst man immer mehr zusammen und mag sich gegenseitig? Oder geht man sich auf die Nerven?
MARLENE Hmmm. (überlegt) Auf die Nerven will ich jetzt nicht unbedingt sagen. Ich finde es schon cool, wenn man Sachen so oft hintereinander spielt, weil so ein Stück sich mit der Zeit weiterentwickelt. Und man entdeckt immer neue Aspekte. Klar kann es einem auch mal auf die Nerven gehen, wenn man es schon fünfzig mal gespielt hat. Aber im besten Fall findet man immer noch Kleinigkeiten, die es irgendwie besonders machen.
Das Tolle ist ja auch, dass da ein Live-Publikum sitzt, was auch eine Energie mit reingibt. So ist eben nicht jeder Abend gleich. Und deswegen war ich bis jetzt überhaupt noch nicht genervt von vielen Wiederholungen.

THORSTEN Ich habe mich gefragt: Kann man die Themen KI und Robotik eigentlich auch auf die Theater- und Schauspielwelt anwenden, wenn man etwas weiter in die Zukunft guckt? Hast du während der Proben vielleicht schon mal darüber nachgedacht: Mensch, was wäre eigentlich, wenn ich als Schauspielerin eines Tages von einem Roboter ersetzt werde?
MARLENE Ich glaube, dass wir im Theater nicht so betroffen sind, weil es hier so sehr um den Live-Moment geht und darum, dass echte Menschen auf der Bühne stehen. Theater kann nicht so schnell von KI ersetzt werden. Aber in der Filmbranche oder bei den Synchronsprecher:innen sieht es schwieriger aus. Da ist das stellenweise schon ganz real. Und über so was machen wir uns auch Gedanken, ganz unabhängig von dem Stück, weil es einfach gerade sehr präsent ist.
THORSTEN Aber lass uns das Szenario einfach mal vorstellen. Gibt es etwas, wo du denkst: Das könnten humanoide Roboter durchaus? Oder etwas anderes, was die niemals könnten?
MARLENE Sie könnten vielleicht so ein paar technische Dinge, an mehr glaube ich eigentlich nicht. Beim Theater ist ganz wichtig, dass es von Menschen gemacht wird und dass es auch ein Miteinander gibt. Davon lebt Theater ganz intensiv. Deswegen glaube ich auch, dass Berufe hinter der Bühne nicht einfach ersetzt werden können.
Am Ende machen wir alle zusammen Kunst. Dafür braucht man Menschen und auch menschliche Reibung miteinander. Und das ist ein ganz wichtiger Teil, der nicht so einfach ersetzt werden kann.

THORSTEN Ist das auch eine Erkenntnis aus dem Stück, dass die Robotik dann doch nicht so weit ist, dass sie einen Menschen vollständig ersetzen kann? Oder ist das eine andere Zielrichtung, die ihr da verfolgt?
MARLENE Ich glaube tatsächlich, wir verfolgen ein bisschen eine andere Zielrichtung. Ich glaube schon, dass es Grenzen gibt und dass nicht alles einfach ersetzt werden kann. Und ich glaube auch, dass das Stück darauf hinaus möchte. Für mich geht es aber vielleicht auch noch um etwas anderes in diesem Stück.
THORSTEN Lässt du uns daran teilhaben?
MARLENE Für mich ist ein großer Aspekt der menschliche Umgang miteinander. Es ist so entlarvend, wie mit der Figur der Sophia teilweise umgegangen wird. Sie bekommt ja schließlich ein Eigenleben und die Grenzen verschwimmen. Im Sinne von: Ist es okay, dass ich mit Sophia einfach spreche, als wäre sie hohl und eine Puppe? Oder ist es vielleicht doch gar nicht so okay? Und ich glaube, das ist für mich eher der Fokus in dem Stück. Also: Was ist das Menschliche im Menschen, und wie ist der Umgang miteinander?
THORSTEN Denkst du, das Publikum die Vorstellung auch mit solchen Gedanken verlassen und sie mit nach Hause nehmen?
MARLENE Ich denke schon, ja.
THORSTEN Ein Selbstversuch sollte das Oldenburger Publikum unbedingt wagen sollte. Ich danke dir für das Gespräch!
Blick in die Zukunft
Nein, am Zeitalter der Hochtechnologie wird „Sophia oder das Ende der Humanisten“ nichts verändern. Wir setzen unseren Weg zur Hightech-Gesellschaft unbeirrt fort. Aber: Solche Veränderungen hatte das Stück auch nie vor. Es geht eben nur vordergründig um die Technologie. Das wäre zwar spannend genug, schließlich werden KI und Robotik gern zur größten Veränderung des menschlichen Lebens seit Erfindung des Feuer deklariert. Hier gibt es jedoch noch mehr zu entdecken - und dabei geht es um etwas, das keine Erfindung jemals ersetzen könnte.

Wer Marlene zuhört, spürt sehr genau, dass sie von diesem Thema sehr bewegt ist. Ihr geht es nicht darum, welche Möglichkeiten die Technologiekonzerne uns noch bieten werden. Es geht ihr vielmehr um unsere Reaktion darauf. Was sagt es über uns aus, wenn wir Roboter zwar als Ersatz für Menschen akzeptieren, sie aber dennoch als moderne Sklaven behandeln? Spielt es dabei eine Rolle, wenn sie einer Frau nachempfunden sind? Wann wird die Maschine zum Wesen? Kann sie dann tatsächlich menschliche Nähe ersetzen? Und was macht diese menschliche Nähe überhaupt aus?
Es sind tatsächlich große Fragen, die in „Sophia oder das Ende der Humanisten“ behandelt werden. Unter dem Deckmantel einer Komödie wird das Publikum mit substanziellen, existenziellen Themen konfrontiert - und trotz vieler leichter, humorvoller Momente bleibt das Lachen hier und da vielleicht tatsächlich im Halse stecken. Aber das ist wunderbar, denn das ist Theater - nicht nur gefällig und geschmeidig, sondern handfest menschengemacht.



