STAATSAKT #16: JUGENDCLUBS
- vor 2 Stunden
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Das Oldenburgische Staatstheater ist das Flaggschiff der Oldenburger Kulturlandschaft. Sein Output allein würde unsere Stadt schon zu einer Theatermetropole machen. Um halbwegs den Überblick zu behalten, gibt es nun den Kulturschnack Staatsakt. Hier treffen wir uns mit den Akteur:innen und sprechen mit ihnen über Premieren, Projekte, Persönliches. Das ist Theater - im Rampenlicht und hinter den Kulissen!

Wir bewundern sie: Die Schauspieler:innen in unseren absoluten Lieblingsfilmen oder auf den Theaterbühnen in unserer Heimatstadt. Egal, ob wir dabei zuerst an Margot Robbie und Leonardo DiCaprio denken oder an Franziska Werner und Klaas Schramm: Für die meisten Außenstehenden ist es imponierend, wenn sich jemand auf der Leinwand oder im Rampenlicht in einen anderen Charakter verwandelt, uns dessen Gedanken und Gefühle mit voller Wucht spüren lässt und dabei ohne Scheu und Angst die eigene Komfortzone verlässt.
Die Schauspiel-Stars werden allerdings nicht als solche geboren. Auch sie haben irgendwann auf wackeligen Beinen ihr ersten Gehversuche gemacht. Erst nach und nach lernten sie dazu und wurden zu dem, was sie heute sind. Für viele von ihnen fanden besagte Gehversuche entweder in Schul-AGs oder in den Jugendclubs der lokalen Theater statt. Vor allem letztere bieten eine ideale Basis: Gekonnte Anleitung von echten Profis und von Anfang an echte Theaterluft. Wie sich das anfühlt? Ob das jeder kann? Und was man davon hat? Das haben wir in KULTURSCHNACK STAATSAKT NR. 16 Schauspielerin und Jugendgruppenleiterin Tamara Theisen vom Oldenburgischen Staatstheater gefragt. Vorsicht: Ihre Antworten könnten geradewegs zu einer Theaterkarriere führen!
OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER
JUGENDTHEATERTAGE 2026
22. JUNI BIS 28. JUNI 2026
REBELLION UND PUDERZUCKER
SA 20.6. 18:30 UHR (KARTEN)
SO 28.6. 17:30 UHR (KARTEN)
MO 29.6. 20:00 UHR (KARTEN)
MI 1.7. 18:00 UHR (KARTEN)
EXHALLE
26122 OLDENBURG
S E C H Z E H N T E R
S T A A T S A K T
E R S T E R A U F T R I T T
Ein menschenleerer Theatersaal in einem rustikalen Altbau an einem spätherbstlichen Vormittag in einem verregneten Frühsommer. Auf der großflächigen Bühne befindet sich eine scheinbar chaotische Ansammlung von Requisiten und Kostümen verschiedener Theatergruppen, die auf ihren Einsatz bei den Jugendtheatertagen warten. Zwei Kulturredakteure kämpfen mit technischen Überraschungen, finden schließlich aber das passende Set-up.

THORSTEN Tamara, du bist Schauspielerin am Oldenburgischen Staatstheater. Kannst du mir sagen, was das Schöne an diesem Beruf ist?
TAMARA Oh, wow, das ist eine sehr große Frage. (lacht) Vieles, ehrlich gesagt. Von der Arbeit mit den Kolleg:innen, die einfach sehr intim und sehr nah ist, bis hin zu dem Adrenalin, das man bekommt, wenn man auf der Bühne steht und in den Austausch mit dem Publikum geht. Ach, so vieles. Wie viel Zeit haben wir? (lacht)
THORSTEN Gibt es auch einen Haken an dem Job?
TAMARA Ja klar. Der Haken für mich ist vor allen Dingen, dass ich sehr weit von meiner Familie weg bin. Ich komme eigentlich aus München, und ich glaube, viel weiter weg ging es innerhalb Deutschlands kaum. Aber diesen Job macht man nicht, weil man irgendwie da reingestolpert ist, sondern weil man ihn machen will. Deswegen hat man zwar immer so seine Wehwehchen, aber im Großen und Ganzen bin ich sehr froh, dass ich ihn machen kann.
THORSTEN Ich frage das, weil du diesen Job ja nicht einfach nur selber machst. Als Leiterin eines Jugendclubs am Staatstheater gibst du - zusammen mit Gesa Heitbreder - deine Eindrücke und Erfahrungen auch an junge Menschen weiter, die danach vielleicht einen ähnlichen Weg einschlagen. Was hat dich dazu bewegt, das zu machen? Was reizt dich daran?
TAMARA Ich war selbst lange im Jugendclub. Für mich als junger Mensch war das damals eine so prägende Zeit, dass ich glaube: Das ist der Grund, warum ich heute hier sitze. Ich habe mit 13 irgendwann angefangen, und mit 15 war ich dann in meinem ersten Jugendclub. Dort war ich, bis ich auf die Schauspielschule gegangen bin. Das war der Anfang, der mich in diese Richtung geschubst hat.
Ich habe das Gefühl, dass ich im Jugendclub ein Stück weit mehr ich selbst geworden bin. Ich habe sehr gemerkt, wie mich das verändert hat, auch in der Schulzeit, wie sich mein Fokus verändert hat und wie ich dadurch ein Stück weit erwachsener geworden bin.
Erwachsen werden: Das geht zwar auch ohne einen Theaterclubs. Sie bieten aber besonders intensive Erfahrungen für die Beteiligten - wie hier bei Stücekn der Jugendclubs aus den letzten Jahren. (Bild: Stephan Walzl)
THORSTEN Bringen denn alle, die in den Jugendclubs anfangen, das entsprechende Talent mit und wissen schon recht genau, wohin sie wollen? Oder sind da auch Jugendliche dabei, die das erst einmal ausprobieren und gar nicht wissen, ob das etwas für sie ist?
TAMARA Absolut. Es gibt die unterschiedlichsten Beweggründe, warum die Jugendlichen zu uns kommen. Ich habe mich mit einigen unterhalten, weil mich das natürlich interessiert hat. Es gibt schon welche, die sagen: „Ich kann mir vorstellen, mich später an Schauspielschulen zu bewerben.“ Es gibt aber auch welche – und das fand ich sehr beeindruckend –, die sagen: „Ich finde das spannend, aber ich weiß noch nicht, ob das als Beruf für mich infrage kommt. Wie sieht es finanziell aus? Wie ist es mit beruflicher Sicherheit?“ Da dachte ich: Wow, in dem Alter habe ich über so etwas überhaupt nicht nachgedacht. Und dann gibt es natürlich auch welche, die einfach mal ausprobieren und reinschnuppern wollen. Also: ganz unterschiedlich.
THORSTEN Und wie ist das, wenn du mit den Jugendlichen arbeitest? Kann man aus allen eine Schauspielerin oder einen Schauspieler herausholen? Oder muss man auch mal jemandem sagen: „Vielleicht ist das nichts für dich“?
TAMARA Ich glaube, dieser Druck existiert bei uns gar nicht. Wir arbeiten ja nicht mit dem Gedanken: „Wir produzieren hier die nächste Generation Schauspielerinnen und Schauspieler.“ Diese Frage stellt sich eigentlich nicht wirklich, weil es um die Jugendlichen geht und um ihre Erfahrungen. Jeder zieht vielleicht etwas anderes für sich daraus. Aber toll sind sie alle.
STARKES THEATERPROGRAMMDIE GROßE VIELFALTMit dem KULTURSCHNACK STAATSAKT starten wir ein regelmäßiges Interview-Format mit dem Oldenburgischen Staatstheater. Ihr fragt euch, warum wir das tun? Nun: Dafür gibt es genau 188 Gründe. ![]() Das ist nämlich die Zahl der Seiten des aktuellen Spielzeitheftes des Oldenburgischen Staatstheaters. Es ist prall gefüllt mit dem äußerst facetten- und variantenreichen Programm der insgesamt sieben Sparten. So gibt es in der kommenden Spielzeit 3 Uraufführungen und 31 Premieren, dazu 19 Wiederaufnahmen und unzählige weitere Attraktionen. Und selbst das ist noch nicht alles. Zwischen und außerhalb von Oper, Schauspiel oder Konzert finden viele weitere Projekte statt. Das Staatstheater schreibt weiter an seiner eigenen Geschichte - und damit auch jener der Stadt. Angesichts dieser Opulenz haben wir uns dazu entschieden, dem Staatstheater regelmäßig einen Besuch abzustatten. Gemeinsam suchen wir nach spannenden Gästen, Themen und Geschichten für den KULTURSCHNACK STAATSAKT. Was ihr davon habt? Einen spannenden Einblick in die Theaterwelt und mehr Informationen darüber, was die Menschen dort bewegt. |
THORSTEN Ich stelle mir vor, es ist ein schmaler Grat zwischen Ermutigung und Überforderung. Wie findest du da die Balance? Hast du heimlich Pädagogik studiert oder kannst du das intuitiv?
TAMARA: Ob ich das kann, weiß ich nicht. Pädagogik habe ich jedenfalls nicht studiert. (lacht) Ich glaube, meine – nicht vorhandene – Expertise liegt eher darin, dass ich selbst so lange im Jugendclub war und das von der anderen Seite kenne. Meine Kollegin Gesa absolviert gerade ihr FSJ bei uns und war letztes Jahr selbst noch im Jugendclub. Sie ist also auch noch ganz nah dran. Ich glaube, es ist viel Ausprobieren und Schauen, was passiert. Wir lernen total voneinander.
Ich bekomme ja auch Feedback zurück und ich merke, was funktioniert und was nicht, an welchen Stellschrauben man drehen kann, damit es weitergeht. In den letzten Monaten haben wir uns immer besser kennengelernt. Man groovt sich ja aufeinander ein und lernt sich kennen.
THORSTEN Du selbst bist mit 33 ja auch noch jung. Hilft dir das, wenn du eine gemeinsame Sprache mit den jungen Schauspielerinnen und Schauspielern suchst? Oder bist du aus deren Sicht auch schon total alt?
TAMARA Ich bin total alt (lacht) Das ist der Running Gag bei uns, und ich finde das sehr lustig. Sie sagen mir das immer sehr liebevoll. Aber man merkt schon: Die Ältesten im Club sind 19, Gesa ist 20 und ich bin 33 - das ist natürlich ein Unterschied. Das macht sich vor allem bei Begriffen oder Jugendsprache bemerkbar. Wir entwickeln unser Stück gemeinsam, und der Großteil der Texte kommt wirklich von den Jugendlichen selbst. Ein bisschen habe ich aber auch geschrieben oder Improvisationen in Szenen übertragen. Dabei habe ich ganz viele Anglizismen eingebaut, von denen ich dachte, die wären noch total aktuell. Wahrscheinlich ist schon der Ausdruck „up to date“ nicht mehr up to date. (lacht) Ich habe das dann Gesa zum Gegenlesen gegeben, und sie meinte: „Nee, Tamara, so nicht.“ Sie hat einiges korrigiert. Als ich die Szene dann vorgestellt habe, kam trotzdem noch das große Urteil. Sehr diplomatisch haben sie gesagt: „Danke, schöne Szene, aber diese Anglizismen – nee.“ Sie geben mir also sehr liebevoll zu verstehen, dass ich schon alt bin.
Lebhafte Erzählerin: Man merkt Tamara Theisen an, dass die Jugendclubs für sie keine lästige .Aufgabe neben der Schauspielerei sind, sondern eine Herzensangelegenheit. (Bilder: Kulturschnack)
THORSTEN Du hast gerade schon gesagt, dass es bei den Jugendclubs nicht in erster Linie darum geht, die nächste Generation von Schauspieler:innen auszubilden. Was nehmen die Jugendlichen denn stattdessen mit?
TAMARA Ich glaube, zum einen lernen sie sehr stark, ein Gruppengefühl zu entwickeln. Sie sind sehr aufeinander angewiesen, und man merkt den Unterschied im Laufe der Zeit extrem. Als sie angefangen haben, haben sich erst einmal alle nebeneinander an die Seite gesetzt und kaum miteinander gesprochen. Jetzt treffen sie sich und fangen einfach aus dem Nichts an, gemeinsam Lieder aus dem Stück zu singen.
Sie werden immer mehr zu einer kleinen Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt, die zusammen funktioniert und aufeinander hört. Sie kommen immer mehr aus sich heraus, trauen sich mehr und öffnen sich auch emotional. Generell öffnen sie sich sehr, und das ist wirklich schön zu beobachten.
THORSTEN Würdest du eigentlich sagen, Jugendtheater ist für alle etwas? Oder gibt es da doch Einschränkungen?
TAMARA Nein, ich glaube, es ist für alle etwas, wenn man offen ist, sich darauf einzulassen. Natürlich ist es etwas, bei dem man sich auch zeigt. Man kann selbst ein Stück weit steuern, wie weit man dabei gehen möchte. Aber es ist schon damit verbunden, die eigene Komfortzone zu verlassen und Grenzen zu überschreiten. Trotzdem denke ich, dass es grundsätzlich für jeden eine positive Erfahrung sein könnte.
THORSTEN Manche denken ja, die Stücke aus dem Jugendtheater seien nur etwas für Jugendliche. Ist das so oder ist das falsch?
TAMARA Nein, das sehe ich nicht so. Natürlich kommt das Stück von den Jugendlichen selbst, auch wenn wir Impulse hineingeben. Das Stück ist aus ihnen heraus entstanden und behandelt Themen, die sie interessieren. Aber das bedeutet nicht, dass es für Erwachsene nicht genauso interessant oder wichtig wäre. Gerade in unserem Stück „Rebellion.und.Puderzucker“ behandeln wir Themen, die sowohl junge als auch ältere Menschen betreffen. Also nein, es ist keineswegs nur für Jugendliche.
THORSTEN Würdest du auch sagen, dass Jugendtheater nicht einfach eine Vorstufe von Erwachsenentheater ist – also dasselbe mit jüngeren Leuten –, sondern etwas völlig Eigenständiges, auch wegen der eigenen Themen?
TAMARA Ja, das würde ich schon sagen. Natürlich gibt es gemeinsame Komponenten, aber erstens ist die Arbeitsweise eine andere, und zweitens liegt der Fokus stark auf den Themen, Anliegen und Erfahrungen der Jugendlichen. Es geht um ihre Reise. Deshalb ist es schon etwas Eigenständiges.
THORSTEN Und unterscheidet sich auch die Art der Darstellung? Also die Art, wie die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne agieren – ist das anders als bei Erwachsenen?
TAMARA: Ja und nein. Natürlich versuche ich, ihnen ein Stück weit das weiterzugeben, was ich selbst gelernt habe. Wenn wir Szenen haben, die stärker rollenbezogen sind oder wirklich ins szenische Spiel gehen, dann arbeite ich mit ihnen auch aus der Perspektive einer Schauspielerin. Aber wir haben auch Chorstellen oder andere Formate, die ich vor allem aus dem Jugendtheater kenne. Die sind sehr gruppendynamisch und stark auf das Miteinander fokussiert. So etwas gibt es auch im professionellen Theater, aber ich kenne es besonders aus dem Jugendtheater.

THORSTEN Wir können das ja mal ganz konkret machen. Ihr habt aktuell das Stück „Rebellion.und.Puderzucker“ entwickelt. Kannst du uns ein Gefühl dafür geben, was ihr auf die Bühne bringt?
TAMARA Es hört sich erst einmal nach sehr viel auf einmal an – und das ist es auch. Aber wir haben versucht, uns auf drei große Themen zu konzentrieren, die in den Köpfen der Jugendlichen präsent sind. Es ist eine Stückentwicklung, also eine Collage aus verschiedenen Szenen, die sich über die letzten Monate entwickelt haben. Die drei großen Themen sind zum einen Emanzipation sowie die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Gesellschaft und die Fragen, die beide Seiten beschäftigen. Dann geht es um persönliche Struggles – also um das, womit die Jugendlichen zu kämpfen haben, was in ihren Köpfen vorgeht und wogegen sie ankämpfen. Und schließlich machen wir noch einen kleinen Schlenker in die Natur. Genauer gesagt beschäftigen wir uns mit der Frage, was passiert, wenn Menschen ihren Lebensraum nicht so behandeln, wie es nötig wäre, und die Natur sich das irgendwann nicht mehr gefallen lässt.
THORSTEN Das sind große und gesellschaftlich relevanten Themen. Ist es typisch fürs Jugendtheater, sich an diese Dinge heranzuwagen?
TAMARA Nicht unbedingt. Es kann, aber es muss nicht so sein. Wenn ich an meine eigene Zeit im Jugendclub denke, gab es auch Stücke, die sich ganz stark mit den Dingen beschäftigt haben, die uns damals unmittelbar bewegt haben. Die waren sehr auf uns Jugendliche zugeschnitten. Wir beschäftigen uns jetzt aber mit Themen, die weit über Jugendliche hinausgehen. Deshalb würde ich sagen: Es gibt nicht nur das eine oder das andere.
Längst Profi: Tamara Theisen gehört seit 2024 zum Ensemble des Oldenburgischen Staatstheaters und war u.a. in „Der Schimmelreiter“, „Der Sturm“, „Das Ende des Westens“, „Shockheaded Peter“, „Die Farm der Tiere“ und „Wolf“ zu sehen. (Bilder: Stephan Walzl)
THORSTEN Wenn du jetzt auf das Ergebnis schaust: Was ist für dich eine besondere Stärke des Stücks? Worauf bist du am meisten stolz?
TAMARA Also erstens: Ich bin sowieso so ein bisschen die Jugendclub-Mama und deshalb unglaublich stolz. Wir hatten letztens einen technischen Durchlauf, bei dem zum ersten Mal Licht, Kostüme und Ton dazugekommen sind. Am Ende hätte ich fast ein Tränchen verdrückt, weil ich so stolz auf sie war.
Die große Stärke des Stücks ist tatsächlich die Gruppendynamik. Diese Momente, in denen die Jugendlichen sich komplett fallen lassen, sich öffnen und uns einen Einblick in ihre Gedankenwelt geben.
Und auch der Spaß. Es gibt Szenen, in denen man einfach sieht, wie viel Freude sie haben. Und das überträgt sich auf das Publikum.
THORSTEN Du bist mit deiner Gruppe jetzt auch bei den Jugendtheatertagen zu Gast. Warum sind solche Veranstaltungen wichtig, im Gegensatz dazu, nur zu proben?
TAMARA Der Austausch, würde ich sagen. Die Jugendlichen kommen dort mit vielen anderen Jugendlichen zusammen und schauen sich gegenseitig ihre Stücke an. Sie sehen, woran die anderen gearbeitet haben. Ich war früher selbst auf solchen Festivals, und das war für mich total wichtig, weil ich gemerkt habe: Ah, da gibt es noch andere wie uns, die Theater machen. Daraus entstehen Gemeinschaften. Es entsteht eine große Jugendtheatergemeinschaft. Dieses Kennenlernen anderer Jugendlicher, die sich ebenfalls darauf einlassen, und der Kontakt untereinander – das ist unglaublich wertvoll.
THORSTEN Hinzu kommt ja auch, dass sie auf einer Bühne stehen und vor einem Publikum spielen, das nicht nur aus Freund:innen und Bekannten besteht. Ist es wichtig, dass sie diese Bühnenerfahrung machen?
TAMARA Ja, absolut. Sie arbeiten so lange an etwas, und dann können sie sagen: „Schaut mal, woran wir fast ein Jahr lang gearbeitet haben.“ Das ist eine ganz wichtige Erfahrung. Es ist noch einmal ein weiterer Schritt des „Sich-Öffnens“ und des „Sich-Hinstellens“ vor andere Menschen. Daran wächst man enorm. Ich bin wirklich gespannt, was passiert.
THORSTEN: Hast du bei früheren Projekten schon einmal beobachtet, was das mit jungen Menschen macht, wenn sie so eine Aufführung erfolgreich hinter sich bringen? Wachsen sie tatsächlich daran?
TAMARA: Ja, klar. Vor der Aufführung ist man ja total aufgeregt. Ich hatte früher oft den Gedanken: „Warum mache ich das? Warum mache ich das? Warum mache ich das?“ Und dann habe ich es gemacht und wusste danach: Deshalb mache ich das. Man hat das Gefühl, etwas gewagt zu haben. Man hat etwas geschafft, und das kann einem niemand mehr nehmen.
THORSTEN: Wie ist das denn für dich selbst als Gruppenleiterin - bzw. „Clubmama“? Wächst du da auch in eine neue Rolle hinein? Ist das für dich ebenfalls etwas Neues?
TAMARA: Ja. In meinem ersten Engagement habe ich schon einmal einen Kinderclub geleitet. Die Kinder waren damals noch jünger, und da war ich auch unglaublich aufgeregt. Bei der Aufführung habe ich mich tatsächlich gefragt, ob ich aufgeregter bin als die Kinder. Ich wachse total daran, denn ich sitze jetzt auf der anderen Seite.
Irgendwann muss ich loslassen und sagen: „Jetzt gehört es euch. Rockt das.“ Dann kann ich nur noch dasitzen und zuschauen.
Und ja, ich lerne dabei unglaublich viel. Ich glaube, ich lerne von ihnen mindestens genauso viel, wie sie hoffentlich von mir lernen. Ich telefoniere auch oft mit meiner Mutter und erzähle ihr davon, weil mich das alles sehr beschäftigt. Ich bin dann immer voller Freude und Stolz. Ja, das macht total viel mit mir.
Jugendtheater am Puls der ZeitMehr als man denktSchon einmal war das Jugendtheater Thema beim KULTURSCHNACK STAATSAKT. Mit der jungen Schauspielerin Svantje Stein sprachen wir über das Stück „Erzähl mir keine Märchen“ - und erhielten tiefgründige Antworten. ![]() Das Gespräch hat einen hervorragenden Eindruck davon gegeben, was Jugendtheater leisten kann - für die Akteur:innen auf der Bühne, aber auch für die Besucher:innen im Publikum. Manches mag tatsächlich weniger ausgereift sein als bei den Erwachsenen. Das kann man allerdings auch als Vorteil lesen, weil Authentizität beim Jugendtheater eine sehr große Rolle spielt. Wir begegnen hier nicht nur Stücken und Schauspieler:innen, wir begegnen gleichzeitig den Lebensrealitäten dieser Altersgruppe und - hinter den Rollen - auch echten Menschen, die immer auch etwas von sich selbst auf die Bühne bringen. Nicht zuletzt das ist es, was Jugendtheater so mitreißend macht: Es bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Fiktion und Realität und vermischt beides zu einem spannenden Blick ins Leben jüngerer Menschen. Das ganze Interview lest ihr hier! |
THORSTEN: Wenn du deine Truppe beobachtest – wie sie spielt und agiert –, kannst du bei Einzelnen erkennen: „Das könnte jemand für eine Schauspielkarriere sein“? Ist das ein Gedanke, der dir manchmal durch den Kopf geht? Oder spielt das gar keine Rolle?
TAMARA: Doch, solche Gedanken hat man schon. Aber ich versuche bewusst, keinen Druck daraus entstehen zu lassen. Natürlich denkt man manchmal darüber nach, aber darum geht es nicht. Es geht um jeden Einzelnen und jede Einzelne und um die Entwicklung, die sie gerade durchmachen.
THORSTEN: Findet man denn für jede Persönlichkeit eine eigene Nische im Stück? Die Menschen sind ja unterschiedlich. Die einen stehen gerne im Mittelpunkt, die anderen eher nicht. Passt man das entsprechend an?
TAMARA Ich musste die Jugendlichen ja auch erst kennenlernen. Ich kannte vorher niemanden von ihnen. Man muss also zunächst einmal herausfinden, wie jede Person tickt. Wir versuchen aber schon, jeder einzelnen Person ihren eigenen Raum zu geben. Es geht nicht darum, manche besonders in den Vordergrund zu stellen und andere weniger sichtbar zu machen. Vielmehr versuchen wir, dass jede und jeder seinen Moment bekommt und einen eigenen Platz im Stück hat.
THORSTEN: Jetzt hatte ich gerade schon das Wort Schauspielkarriere in den Raum geworfen. Wenn eine:r der Jugendlichen zu dir kommt und sagt: „Ich finde das so toll, ich möchte Schauspieler:in werden“ – wie reagierst du dann? Sagst du: „Super, go for it!“ Oder eher: „Sei dir ganz sicher und mach vielleicht vorher noch eine Ausbildung“?
TAMARA: Nein, das sage ich nicht, weil ich das selbst auch nicht gemacht habe. (lacht) Ich hatte tatsächlich schon so einen Fall. Eine ehemalige Teilnehmerin aus meinem Jugendclub kam zu mir und sagte: „Ich möchte das unbedingt versuchen. Ich möchte Schauspiel studieren. Kannst du mir bei meinen Vorsprechmonologen helfen?“ Und ich habe gesagt: „Klar.“ Dann haben wir gemeinsam an den Monologen gearbeitet.
Um auf deine Frage zurückzukommen: Wenn jemand zu mir kommt und sagt: „Ich will das machen“, dann sage ich: „Okay, let's go.“

THORSTEN: Letzte Frage: Mit Blick auf die Schauspielkarriere - welchen Tipp würde die Tamara von heute der Tamara von früher geben? Gibt es etwas, das du ihr gerne mit auf den Weg geben würdest?
TAMARA Hmmmm... Das ist eine gute Frage! Was würde ich ihr sagen? Ich wollte eigentlich sagen: „Genieß es.“ Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich es damals schon genossen. (lacht) Aber ja, ich bleibe dabei: Genießen!
Jugendclubs: Schubkraft fürs Selbstbewusstsein
Natürlich kann man ein wunderbares Leben leben, ohne jemals Theater gespielt zu haben. Und natürlich ist es erlaubt, Margot Robbie und Leonardo DiCaprio zu bewundern, ohne sich jemals zu wünschen, einmal selbst auf der Bühne oder vor der Kamera zu stehen. Unser Gespräch mit Tamara Theisen hat uns aber gezeigt, dass man dann etwas verpasst. Wer ihr zuhört und zusieht, wenn sie von der Arbeit mit den Jugendlichen erzählt, und wenn sie beschreibt, was das Schauspiel mit ihnen macht und wie es sie verändert, kann nur zu einem Schluss kommen: Das will ich auch!
Und auch wenn es nicht das ausdrückliche Ziel ist, entsteht durch diese Clubs die nächste Schauspielgeneration - das hat Tamara selbst bewiesen. Kommt die nächste Margot Robbie also vielleicht aus Eversten, der nächste Leonardo DiCaprio aus Ofenerdiek? Möglich, aber unwichtig. Das Schauspielerlebnis kann in einer Schul-Aula oder in der Exhalle nämlich genauso intensiv und bereichernd sein wie ein Auftritt im Friedrichstadt-Palast oder am Filmset in Hollywood. Und selbst, wenn man nicht dauerhaft dabei bleibt und niemals an eine Schauspielschule will, hätte sich jede einzelne Theaterprobe gelohnt. Denn vielen geht es so wie einst Tamara: Man wächst daran - und findet sich ein Stück weit selbst.





































