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STAATSAKT #13: FRANKENSTEIN

  • vor 2 Stunden
  • 11 Min. Lesezeit

Das Oldenburgische Staatstheater ist das Flaggschiff der Oldenburger Kulturlandschaft. Sein Output allein würde unsere Stadt schon zu einer Theatermetropole machen. Um halbwegs den Überblick zu behalten, gibt es nun den Kulturschnack Staatsakt. Hier treffen wir uns mit den Akteur:innen und sprechen mit ihnen über Premieren, Projekte, Persönliches. Das ist Theater - im Rampenlicht und hinter den Kulissen!


Szene aus Mary Shelleys „Frankenstein“ mit Esther Berkel, das am Oldenburgischen Staatstheater in Oldenburg inszeniert wird.
Bewegendes Musical: „Next to Normal“ widerlegt eindrucksvoll das Klischee, dass es diesem Genre an Tiefe fehlen könnte. (Bilder: Stephan Walzl, Kulturschnack)

In der Literaturgeschichte gibt es nur wenige Werke, deren Titel und grobe Inhalte ausnahmslos alle kennen, vollkommen unabhängig von Alter, Interessen und Bildung. Zu diesen raren Exemplaren gehört ohne jeden Zweifel Mary Shelley's „Frankenstein“ aus dem Jahre 1818. Die dramatische Geschichte eines jungen Wissenschaftlers, der aus Leichenteilen eine menschenähnliche Kreatur erschafft und zum Leben erweckt, ist längst Teil des kollektiven menschliches Gedächtnisses geworden. Spätestes mit der ikonischen Darstellung durch Boris Karloff in der Verfilmung von 1931 ist das Werk auch visuell in der Populärkultur angekommen.


Während diese Grundzüge der Gesichte tatsächlich den meisten vertraut sind, gilt dies viel weniger für ihren weiteren Verlauf, ihre tieferen Ebenen, Gedanken und Anliegen. Grund genug, das Debütwerk der damals erst 20-jährigen Autorin im Oldenburgischen Staatstheater auf die Bühne zu bringen und dabei bewusst nah am historischen Original zu bleiben. Warum selbst echte Shelley-Fans Überraschungen erleben werden, wie man als Mensch zum Monster wird und was das mit Jivamukti Yoga zu tun hat? Das hat uns Hauptdarstellerin Esther Berkel  im KULTURSCHNACK STAATSAKT NR. 13 verraten.



OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER

FRANKENSTEIN


SA 21.3. 20:00 UHR KARTEN

FR 17.4. 20:00 UHR KARTEN

SO 19.4. 18:30 UHR KARTEN

DO 23.4. 20:00 UHR KARTEN

SO 26.4. 18:30 UHR KARTEN

MI 6.5. 20:00 UHR KARTEN

SA 9.5. 20:00 UHR KARTEN

MO 25.5. 18:30 UHR KARTEN

MI 27.5. 20:00 UHR KARTEN

DI 2.6. 20:00 UHR KARTEN

SO 14.6. 15:30 UHR KARTEN


KLEINES HAUS

26122 OLDENBURG





D R E I Z E H N T E R

S T A A T S A K T


E R S T E R A U F T R I T T


Ein kleines, etwas unscheinbares Foyer auf Höhe des Parketts, gelegen auf der Ostseite eines Theaters. Einige Jalousien vor den raumhohen Fenstern sind heruntergelassen, um die tief stehende Wintersonne etwas abzuschirmen. Die Türen zum benachbarten Theatersaal sind geöffnet, auf der Bühne wird die Beleuchtung für ein Theaterstück diskutiert. Zwei Kulturredakteure positionieren Sitzmöbel und Kameras, um möglichst viel Theateratmosphäre einzufangen. Bestens gelaunt trifft schließlich auch der Gast ein.



Thorsten Lange vom Kulturschnack Oldenburg im Interview mit Esther Berkel , die am Oldenburgischen Staatstheater in „Frankenstein“ zu sehen ist.
Shades of Red: Es ist purer Zufall, aber die Gesprächspartner:innen un das Setting ergänzten sich farblich ganz hervorragend. (Bild: Kulturschnack)

THORSTEN Esther, Du bist am Oldenburgischen Staatstheater aktuell in Frankenstein zu sehen, einem wahren Klassiker der Literaturgeschichte. Viele werden ihn kennen, manche vielleicht auch nicht. Kannst du kurz skizzieren, worum es geht?


ESTHER Frankensteinvon Mary Shelley eine Schauergeschichte. Es geht um Viktor Frankenstein, der ein Geschöpf aus Leichenteilen erschafft und diese Kreatur zum Leben erweckt. Der Stoff ist eigentlich sehr bekannt. Aber viele Leute heutzutage kennen eher irgendwelche Interpretationen, weil es schon so alt ist – und nicht das Original. Und wir bleiben tatsächlich sehr treu am Original.

THORSTEN: Es ist tatsächlich sehr alt, nämlich von 1818. Warum gehört es auch zweihundert Jahre später noch auf den Spielplan?

ESTHER: Ich kannte das Original tatsächlich auch nicht. Als ich es dann gelesen habe, dachte ich: Das ist erschreckend aktuell. Es geht ja darum, wie man mit Andersartigkeit umgeht. Also wie man Menschen behandelt, die aus verschiedenen Gründen anders sind. Heute gibt es ja viele Formen von Diskriminierung – sei es Rassismus, Sexismus, Homophobie oder anderes. Und die Frage ist immer noch: Wie gehen wir damit um?


Die Andersartigkeit ist etwas, was uns Menschen über die Jahrhunderte begleitet – und der Umgang damit. Wie verhalte ich mich, wenn jemand anders ist? Und was macht das mit dem Umfeld? Welche Wechselwirkungen entstehen daraus?


Abwechslungsreich: Die Bilderstrecke zeigt, dass „Frankenstein“ keineswegs nur düster ist, sondern zwischen verschiedenen Stimmungspolen pendelt. (Bilder: Stephan Walzl)


THORSTEN Was ist denn für dich die große Stärke des Stücks? Was gelingt ihm besonders gut?


ESTHER Ich finde den Text sehr berührend. Es ist ja eine Schauergeschichte, aber gleichzeitig unfassbar traurig – und zwar auf eine Art, die einen wirklich mitnimmt. Ich habe wirklich Rotz und Wasser geheult, als ich den Roman gelesen habe. Ich hoffe, dass wir dieses Gefühl transportieren können. Es hat auch etwas Kathartisches: Man geht einmal durch diese Tiefen und taucht dann wieder auf - das ist ohne Zweifel eine Stärke des Stücks. Außerdem ist es wahnsinnig spannend.


Man denkt ständig: Jetzt kann es wirklich nicht mehr schlimmer kommen. Und dann kommt es doch noch schlimmer. Und dann noch einmal. Das ist schon krass, wie konsequent diese Geschichte bleibt.

THORSTEN Klingt gerade, als wäre es schwer auszuhalten. Ist das so?


ESTHER Nein, ich glaube nicht. Es gibt auch Momente, die witzig sind oder in denen man sich besonders gut mit den Figuren identifizieren kann. Das verschafft Leichtigkeit. Aber ich denke schon, dass es traurig wird.



Außerordentlich vielseitig: Genau wie das Stück „Next to Normal“ zeigt auch Femke Soetenga während unseres Gesprächs vieles Facette ihrer Persönlichkeit - aber vor allem heitere. (Bilder: Kulturschnack)


THORSTEN  Du hast gerade schon gesagt, ihr seid relativ nah am Original geblieben. Aber ihr setzt mit eurer Interpretation natürlich auch eigene Akzente. Was gefällt dir an eurer Herangehensweise am besten?


ESTHER  Zum Beispiel, dass wir mit Erwartungen spielen. Die Kreatur wird von mir gespielt und Viktor Frankenstein ebenfalls von einer Frau. Dadurch ergeben sich andere Spielweisen, als wenn es zwei Männer wären. Außerdem mag ich unsere Regisseurin sehr, weil sie sehr umfassend arbeitet. Sie versucht auf verschiedenen Ebenen Bilder zu schaffen – nicht nur über den Text. Da geht es auch ins Absurde, über Sound und Atmosphäre. Es wird einfach sehr viel genutzt, und das mag ich sehr.


THORSTEN  Du hast es gerade schon gesagt, aber es ist tatsächlich überraschend: Du spielst die Elisabeth, aber auch die Kreatur. Auf einer Skala von 1 bis 10 – wie cool findest du das, so eine Rolle zu spielen?


ESTHER  Zehn! (lacht) Eigentlich eher zwanzig. Ich bin unfassbar glücklich darüber. Es macht wahnsinnig Spaß und es ist eine große Ehre, diese Rolle spielen zu dürfen – gerade als junge Frau.



STARKES THEATERPROGRAMM

DIE GROßE VIELFALT


Mit dem KULTURSCHNACK STAATSAKT starten wir ein regelmäßiges Interview-Format mit dem Oldenburgischen Staatstheater. Ihr fragt euch, warum wir das tun? Nun: Dafür gibt es genau 188 Gründe.

Das Spielzeit-Heft des Oldenburgischen Staatstheaters in Oldenburg
Viel drin: Das Spielzeitheft 25/26 des Oldenburgischen Staatstheaters.

Das ist nämlich die Zahl der Seiten des aktuellen Spielzeitheftes des Oldenburgischen Staatstheaters. Es ist prall gefüllt mit dem äußerst facetten- und variantenreichen Programm der insgesamt sieben Sparten. So gibt es in der kommenden Spielzeit 3 Uraufführungen und 31 Premieren, dazu 19 Wiederaufnahmen und unzählige weitere Attraktionen. Und selbst das ist noch nicht alles. Zwischen und außerhalb von Oper, Schauspiel oder Konzert finden viele weitere Projekte statt. Das Staatstheater schreibt weiter an seiner eigenen Geschichte - und damit auch jener der Stadt. Angesichts dieser Opulenz haben wir uns dazu entschieden, dem Staatstheater regelmäßig einen Besuch abzustatten. Gemeinsam suchen wir nach spannenden Gästen, Themen und Geschichten für den KULTURSCHNACK STAATSAKT. Was ihr davon habt? Einen spannenden Einblick in die Theaterwelt und mehr Informationen darüber, was die Menschen dort bewegt. 



THORSTEN  Hand aufs Herz: Als du damals auf der Schauspielschule warst, hast du jemals daran gedacht, so eine Rolle zu spielen? Oder warst du eher „Team Prinzessin“?


ESTHER  Nein, „Team Prinzessin“ war ich nicht. Ich mache sehr viel Sport und brauche das irgendwie auch. Ich habe früher eher Figuren wie Gollum aus „Herr der Ringe oder Dobby aus „Harry Potter nachgespielt. Da gibt es dann doch Überschneidungen. Hulk würde ich aber nicht spielen – das wäre, glaube ich, nicht meine Stärke.


THORSTEN   Ich höre immer wieder von Schauspielerinnen und Schauspielern, dass sie die Herausforderung suchen. Ist diese Rolle eine Herausforderung für dich?


Szene aus Mary Shelleys „Frankenstein“ mit Esther Berkel, das am Oldenburgischen Staatstheater in Oldenburg inszeniert wird.
Achterbahnfahrt: In „Next to Normal“ werden sämtliche Gemütszustände thematisiert. (Bild: Stephan Walzl)

ESTHER  Ja, auf vielen Ebenen. Einmal, weil ich eine Figur spiele, die nicht menschlich ist – aber ich bin ein Mensch. Allles, was ich anbiete, ist menschlich. Das hat schon mal mein Gehirn auf links gedreht. Schließlich fragt man sich: Was macht denn eine Kreatur, die nicht menschlich ist? Also versucht man, verschiedene Sachen anzubieten, die seltsam sind – man muss ja erstmal Ideen entwickeln! Und dann ist es natürlich auch eine Herausforderung, mit diesem Körper umzugehen, der ja doch irgendwo menschlich ist, und diese tiefen Emotionen zuzulassen, die letztlich auch sehr menschlich sind. Das dann mit etwas Fremden, Andersartigem zu verbinden , ist eine große Herausforderung - bis heute.


THORSTEN  Ich hatte mich schon gefragt, wie man sich auf so eine Rolle vorbereitet. Man kann ja nicht am lebenden Beispiel irgendetwas nachempfinden...


ESTHER Genau. Und man braucht Vertrauen – in die Menschen, die zuschauen. Ich glaube, ich habe anfangs auch wahnsinnig schlechte Sachen gespielt, weil man sich einfach nur treiben lässt und irgendwie über die Bühne stolpert. (lacht) Ich hatte zum Beispiel die Tendenz, so ein „Monster-Klischee“ a la Quasimodo zu spielen. Man geht da schnell in eine gebückte Haltung und verstellt die Stimme. Wir haben dann irgendwann aufgehört, von einem Monster zu sprechen, weil das sehr negativ konnotiert ist. Stattdessen nennen wir es lieber Geschöpf oder Kreatur. Ich habe jedenfalls gemerkt:


Wenn ich gleich Stimme oder Körper übertreibe, wirkt das unehrlich. Ich suche nach einer Wahrhaftigkeit in diesem verschobenen Körper. Die Gefühle sind echt, auch Stimme und Sprache. Nur der Körper ist irgendwie anders.

THORSTEN Bist du generell jemand, der mit Komfortzonen nicht viel anfangen kann und gerne die Herausforderung sucht?


ESTHER  Ja, schon. Natürlich gibt es Tage, an denen das leichter fällt als an anderen. Aber grundsätzlich ist es immer spannender, aus der Komfortzone rauszugehen.



Packend: Die Atmosphäre von „Frankenstein“ unter der Regie von Maja Delinić lässt ich am besten mit einem Trailer erfassen. (Video: Oldenburgisches Staatstheater)

THORSTEN  Nun läuft Frankenstein eine ganz schön lange Zeit, rund vier Monate. Wie geht einem das als Schauspielerin in so einer langen Phase: Wächst einem die Figur immer weiter ans Herz oder geht sie einem irgendwann auf die Nerven?


ESTHER  Beides. Einerseits wächst mir die Figur ans Herz, weil ich sie immer mehr kennenlerne. Gerade der körperliche Aspekt entwickelt sich weiter. Wie reagiert die Kreatur wann? Wann schützt sie sich? Die Kreatur wird im Stück geboren und lernt unglaublich schnell. Diese Entwicklung versuchen wir zu zeigen. Andererseits ist die Geschichte so traurig und die Themen so tiefgründig, dass sie mich auch privat berühren.


Wenn man Emotionen spielt, unterscheidet der Körper ja nicht, ob sie gespielt sind oder echt. Für den Körper ist alles echt. Und das merke ich einfach.

THORSTEN  Du nimmst das also tatsächlich mit nach Hause?


ESTHER  Auf körperlicher Ebene schon. Natürlich sage ich: Die Probe ist fertig, ich bin raus aus der Rolle. Aber wenn ich zwei Stunden lang geschrien habe – aus Schmerz, aus Wut, aus Verzweiflung – hat das körperliche Konsequenzen: Erschöpfung, Heiserkeit, Müdigkeit oder eine Rest-Trauer, die bleibt. Dann muss ich einmal schlafen und dann ist es wieder weg. Aber ja, das nimmt man mit.


Schauspielerin Esther Berkel vom Oldenburgischen Staatstheater in Oldenburg
Alles andere als monströs: Esther verbringt viel Zeit in der Maske, um sich in Frankensteins Kreatur zu verwandeln. (Bild: Kulturschnack)

THORSTEN Verändert sich eine Rolle im Laufe der Aufführungen noch?


ESTHER  Es gibt immer Veränderungen. Bis zur Premiere ist man meistens nicht mit allem zufrieden und muss Prioritäten setzen. Manche Momente sind besonders wichtig, andere lässt man zwangsläufig ein bisschen fallen, weil einfach wenig Zeit ist. Dann probiert man weiter aus. Manchmal hat man es mehr, manchmal weniger. Im besten Fall merkt man das als Zuschauer nicht. Aber ich würde sagen, Produktionen wachsen mit der Zeit.


THORSTEN  Ich habe auch schon gehört, dass man sich manchmal selbst beim Spielen beobachtet.


ESTHER Ja, das ist das Schlimmste! (lacht) Vor allem als Kreatur. Wenn ich verschiedenen Dinge ausprobiere – ob ich am Boden krieche oder an einem Gitter hänge – dann denkt man sich manchmal: Was machst du da eigentlich gerade? Dann ist es vorbei. Deshalb vertraue ich dem Team total, wenn sie sagen: „Das sieht nicht so gut aus, lass es.“ Oder: „Cool, geh da mal weiter.“


THORSTEN  Was glaubst du, wie das Publikum aus „Frankenstein rausgeht?


ESTHER  Im besten Fall hat es die Leute berührt und vielleicht auch wütend gemacht über den Umgang miteinander. Vor allem über den Umgang zwischen Viktor und dem Geschöpf; ich hoffe aber, dass die Leute auf einer tieferen Ebene etwas mitnehmen. Es kann natürlich auch sein, dass manche sagen: Das war mir jetzt zu deep, zu dark. Einige wollen einfach witzige Sachen sehen, um unterhalten zu werden – weil die Welt schon schlimm genug ist. Und dafür ist „Frankensteineher nicht geeignet.



In vielen Rollen zu sehen: Esther Berkel in „Stolz und Vorurteil (oder so)“, „Die Schöne und das Biest“, „Der Sturm“ und „Piratenrepubik“ (v.o.l.n.u.r.) (Bilder: Stephan Walzl)


THORSTEN  Noch mal zu dir: Du bist in dieser Spielzeit schon in vielen unterschiedlichen Rollen zu sehen gewesen – unter anderem als Frauke Stein in der Piratenrepublik, als Trinculo in Der Sturm oder als Cécile in Die Schöne und das Biest. In allen Rollen bringst du große Spielfreude mit. Hat man als Profi wirklich noch so viel Spaß auf der Bühne?


ESTHER  Ja, ich habe schon Spaß. Ich bin natürlich erst zwei Jahre im Beruf – vielleicht ändert sich das, aber ich hoffe nicht. (lacht) Aber ich denke: Wenn es keinen Spaß mehr macht, hat es keinen Sinn mehr.


THORSTEN  Mein Eindruck war, dass in den Figuren auch immer ein bisschen Esther steckt. Trifft das zu?


ESTHER  Man versucht ja immer zu fragen: Was möchte ich mit dieser Rolle sagen? Manchmal überschneidet sich das mit der Figur, manchmal nicht. Wenn ich einen Satz ganz nah zu mir rannehme, wird er immer anders sein als bei einer anderen Person. Insofern ist da natürlich eine Färbung drin.



Szene aus Mary Shelleys „Frankenstein“ mit Esther Berkel, das am Oldenburgischen Staatstheater in Oldenburg inszeniert wird.
Große Gefühle „Frankenstein“ ist ein intensives, mitreißendes Theatererlebnis. (Bild: Stephan Walzl)

THORSTEN  Ist das bewusst oder eher unbewusst?


ESTHER  Ich versuche schon, dass es für mich passt. Sonst komme ich nicht in einen Flow. Ich muss die Figur von innen heraus verstehen.


Natürlich gibt es Regieanweisungen, aber wenn ich merke, dass etwas ergibt für mich keinen Sinn ergibt, dann spreche ich das an. Man ist ja ein Team und verfolgt gemeinsam eine Botschaft. Aber ich muss die Figur so gestalten, dass ich darauf surfen kann. 

Sonst hat es keinen Sinn. Und da sind wir wieder beim Spaß: Man muss Dinge finden, auf die man sich freut. Etwas, wo ich morgens in die Probe gehe und denke: Geil, das probiere ich jetzt aus. Bei mir war das zum Beispiel – kleiner Spoiler – dass ich unbedingt einmal fliegen wollte. Also wirklich hochgehoben werden. Und das habe ich geschafft, in diese Produktion einzubauen. Später habe ich eine Flugprobe. Da steht sogar im Plan: „Flugprobe Esther Berkel“. Das ist einfach ein Berufsziel, das ich erreicht habe. (lacht)


THORSTEN  Du bist nicht nur auf der Bühen vielseitig, sondern auch abseits davon. Du hast dein Psychologiestudium abgeschlossen und noch eine Yogalehrerinnen-Ausbildung gemacht. Jetzt bist du Schauspielerin. Was kommt als Nächstes?


Boris Karloff als Kreatur in „Frankenstein“ von Mary Shelley
Ikone: Boris Karloff lieferte die bekannteste Interpretation von Frankensteins Kreatur. Spoiler: Esthers Version unterscheidet sich deutlich davon. (Bild: Wikipedia Commons)

ESTHER  Ich mache noch eine Yoga-Lehrerinnen-Ausbildung, im Jivamukti-Yoga. Das ist ein spezieller Yoga-Stil. Das bereichert mich auch im Beruf, weil ich den Körper wieder zu einem Nullpunkt bringen kann und dann neu in eine Figur einsteigen kann. Die Psychologie hilft nicht so sehr. Sie ist sehr analytisch und betrachtet von außen. Schauspiel ist eher von innen heraus.


THORSTEN  Gibt es eigentlich etwas, das du nie spielen wollen würdest?


ESTHER  Mir fällt keine konkrete Rolle ein, aber Klischees interessieren mich wenig. Also die junge Frau, die nur geschlagen wird und nicht zu Wort kommt – das reizt mich nicht. Wenn ich keinen Sinn darin sehe, problematische Inhalte zu reproduzieren, habe ich wenig Interesse.


THORSTEN  Und die Gegenfrage: Gibt es eine Traumrolle?


ESTHER  Tausende! (lacht) Ich liebe zum Beispiel Wicked, das Musical. Ich bin nicht die geborene Sängerin, aber solche kitschigen Geschichten finde ich toll. Ein bisschen Kitsch ist immer gut. Mein Traumrolle wäre aber wahrscheinlich Ismene, die kleine Schwester von Antigone. Das ist eine Figur, die ich irgendwann einmal spielen möchte.


THORSTEN  Darauf sind wir schon gespannt. Aber jetzt freuen wir uns erstmal auf „Frankenstein“ mit Esther Berkel. Vielen Dank für das Gespräch!



Thorsten Lange vom Kulturschnack Oldenburg im Interview mit Esther Berkel , die am Oldenburgischen Staatstheater in „Frankenstein“ zu sehen ist.
Gute Stimmung: „Frankenstein“ mag kein Feelgood-Theaterstück sein, das Gespräch darüber hat allen Beteiligten aber viel Spaß gemacht. (Bild: Kulturschnack)


Altbekanntes neu entdecken


Das erzählerische Grundgerüst von „Frankenstein“ dürften tatsächlich die allermeisten Menschen kennen. Unabhängig von den jeweiligen zeitgeschichtlichen Kontexten und Trends bewegte die Geschichte um die künstlich geschaffene Kreatur, das Entstehen ihres eigenen Gefühlslebens und die Herausforderung, mit der Andersartigkeit umzugehen, unzählige Leser:innen, Theater- und Kinobesucher:innen in aller Welt.


Auch im Jahr 2026 hat Mary Shelleys Werk nichts von seiner Faszination und Intensität eingebüßt. Im Gegenteil: Was Regisseurin Maja Delinić und Dramaturgin Elisabeth Kerschbaumer in Oldenburg auf die Bühne bringen, sollte man gesehen haben. Nicht nur, weil „Frankenstein“ auf der persönlichen „Must-see“-Liste stehen sollte, sondern weil die Inszenierung am Staatstheater mit den großartigen Hauptdarstellerinnen Esther Berkel und Julia Friede eindrucksvoll zeigt, welches Potenzial der ursprüngliche Stoff hat, ohne ihn allzu sehr zu verfremden - und dass 1818 und 2026 in mancher Hinsicht näher beieinander liegen als man denkt.

 
 
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