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STAATSAKT #15: HEARTSHIP

  • vor 7 Stunden
  • 10 Min. Lesezeit

Das Oldenburgische Staatstheater ist das Flaggschiff der Oldenburger Kulturlandschaft. Sein Output allein würde unsere Stadt schon zu einer Theatermetropole machen. Um halbwegs den Überblick zu behalten, gibt es nun den Kulturschnack Staatsakt. Hier treffen wir uns mit den Akteur:innen und sprechen mit ihnen über Premieren, Projekte, Persönliches. Das ist Theater - im Rampenlicht und hinter den Kulissen!


Szene aus Giachino Rossinis „Il barbiere di Siviglia“ mit Aksel Daveyan, der am Oldenburgischen Staatstheater in Oldenburg inszeniert wird.
Leichte Stimmung, bekannte Melodien: Wenn es einen idealen Einstieg in die Welt der Opern gibt, dann ist es Rossinis „Il Barbiere di Siviglia“. (Bilder: Stephan Walzl, Kulturschnack)

Theater kann ungeheuer opulent sein, mit großer Bühne, einem vielköpfigen Ensemble und lautem Getöse. Viele verbinden mit ihrem Besuch genau diese Erfahrung und wünschen sich nichts anderes. Es gibt aber auch den Gegenentwurf: Intime Stücke mit wenigen Personen und leisen Tönen, bei denen man das Gefühl bekommt, als stille Beobachter:innen Teil der Szene zu werden. Diese Konstellation lässt zu, was in einem großen Rahmen untergehen würde: Unsicherheit, Verletzlichkeit, Zerrissenheit - und die verschiedenen Schichten und Facetten von Gedanken und Gefühlen.


Zu diesen intimen Theatermomenten gehört zweifellos „Heartship“ von Caren Jeß, dessen Besetzung mit gerade einmal zwei Personen auskommt. Bombast sucht man hier vergebens, dafür gibt es ganz viel Intimität und Tiefgründigkeit. Diese Dinge machen den Besuch im Oldenburgischen Staatstheater auf eine andere Weise spektakulär. Denn wie nah die beiden Schauspielerinnen und an ihre Figuren heranlassen, ist berührend und bewegend. Was die Herausforderung bei so einem kleinen Cast ist, warum man sich manchmal einfach aufs Bauchgefühl verlassen muss und ob dieses Stück die Welt verändern kann? Das hat uns in KULTURSCHNACK STATTSAKT NR. 15 die Regissseurin Hannah Koppermann verraten.



OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER

HEARTSHIP


VON CAREN JESS


FR 15.5. 20 UHR KARTEN

DI 19.5. 20 UHR KARTEN

MI 20.5. 20 UHR KARTEN

SA 23.5. 20 UHR KARTEN

DI 26.5. 20 UHR KARTEN


EXHALLE

26122 OLDENBURG





F Ü N F Z E H N T E R

S T A A T S A K T


E R S T E R A U F T R I T T

Ein lichtdurchflutetes Foyer im zweiten Obergeschoss eines altehrwürdigen Theaterbaus. Der Raum verfügt nicht über die spektakulär hohen Fenster der unteren Ebenen, das Licht fällt duch vergleichsweise kleine Öffnungen hinein. Durch die modernen Sitzgelegenheiten und die Nähe zu den Eingängen des 2. Rangs entsteht dennoch eine wohlige Theateratmosphäre. Zwei Kulturredakteure freuen sich über bekannte Gesichter auf den Fotografien an der Wand - und bereiten das Setup für ihren nächsten Gast vor.



Thorsten Lange vom Kulturschnack Oldenburg im Interview mit Aksel Daveyan, der am Oldenburgischen Staatstheater in „Der Barbier von Sevilla“ zu sehen ist.
Erstmal verkabeln: Neben den Kameras braucht der Staatsakt auch einen guten Ton. Hannah nimmt Kevins Installationsprozedur mit Humor. (Bild: Kulturschnack)

THORSTEN Hanna, du führst beim Stück Heartship von Caren Jeß Regie. Kannst du kurz erzählen, worum es da geht?


HANNAH Es geht um zwei Frauen, die extrem unterschiedlich sind. Die beiden lernen sich kennen und entwickeln irgendeine Art von Beziehung, die aber Schwierigkeiten unterliegt. Die große Schwierigkeit ist das Patriarchat, unter dem beide leiden – jeweils sehr unterschiedlich, die eine mehr, die andere weniger. Und sie haben auch Dinge in ihrer Vergangenheit erlebt, die dazu führen, dass sie sich schwieriger auf Beziehungen einlassen können. Themen wie sexualisierte Gewalt oder selbstverletzendes Verhalten kommen vor. Das spielt alles eine Rolle im Stück – und letztendlich auch die Frage, was sie daraus machen.



THORSTEN Die Begriffe klingen so, als könnte „Heartship" eher schwere Kost sein. Ist es so oder ist es ganz anders?


HANNAH Es hat schwere Momente, definitiv, ja. Aber es ist auch sehr witzig. Gerade weil beide so unterschiedlich sind, kommt es immer wieder zu Kommunikationsschwierigkeiten, weil sie sich nicht verstehen oder die Witze der anderen nicht verstehen. Es gibt leichte Cringe-Momente - und das ist tatsächlich sehr witzig. (lacht)


THORSTEN Für den Begriff „Heartship gibt es keine direkte Übersetzung. Was bedeutet das Wort für dich?


HANNAH Im Probenprozess haben wir viel darüber gesprochen. Es ist eine Art von Beziehung, die auf jeden Fall auf Liebe basiert. Ob das jetzt eine platonische oder eine romantische Liebe ist, bleibt erstmal unklar. Aber sie ist frei von gesellschaftlichen Normen und Zwängen, würde ich sagen.


THORSTEN  Bei Berichten über dieses Stück sieht man oft den Begriff Feminismus. Du hast es auch gerade angedeutet, dass es solche Themen gibt. Warum sollte sich davon niemand abschrecken lassen, schon gar nicht die Männer?



Ganz nah dran: Was für die beiden Protagonistinnen - gespielt von Cara-Maria Nagler und Esther Berkel - gilt, das gilt auch fürs Publikum. (Bild: Stephan Walzl)
Ganz nah dran: Was für die beiden Protagonistinnen - gespielt von Cara-Maria Nagler und Esther Berkel - gilt, das gilt auch fürs Publikum. (Bild: Stephan Walzl)

HANNAH Das Zitat von einer der Figuren im Stück ist: „Es dauert, bis man erkennt, dass die Tapete, mit der die Wände deines Zimmers tapeziert sind, Sexismus heißt.“


Ich finde das wahnsinnig wichtig, dass wir als Gesellschaft erkennen, wie sehr unsere Strukturen vom Patriarchat geprägt sind und dass wir das irgendwie durchbrechen müssen – vor allem, um die Gewalt an Frauen zu beenden.

Das müssen vor allem Männer erkennen, ganz besonders heutzutage. Ich glaube, Frauen sind gerade sehr wütend, das hat man in den letzten Wochen in den Social Media gemerkt. Und das ist auch richtig so. Aber die Männer müssen mitmachen, ohne sie funktioniert es nicht.


THORSTEN Das Stück hatte erst vor anderthalb Jahren seine Uraufführung in Zürich und wurde seitdem u.a. in München und Potsdam gezeigt. Jetzt folgen Oldenburg und andere. Ist das Stück eine Art „Stoff der Stunde“, weil es ihm gelingt, dieses Thema so gut rüberzubringen?


HANNAH Ich möchte mir nicht anmaßen, das zu behaupten. Aber es ist natürlich ein Stück, das viele wichtige Themen aufgreift, die gerade viel besprochen werden. Und das macht es auf eine ganz eigene Art und Weise. Die Sprache von Caren Jeß ist sehr besonders und spannend, weil sie sehr viele Bilder erzählt. Man hat sofort ein Bild im Kopf, wenn bestimmte Sätze gesagt werden. Das finde ich sehr schön, auch wenn es manchmal natürlich etwas komplizierter macht.



STARKES THEATERPROGRAMM

DIE GROßE VIELFALT


Mit dem KULTURSCHNACK STAATSAKT starten wir ein regelmäßiges Interview-Format mit dem Oldenburgischen Staatstheater. Ihr fragt euch, warum wir das tun? Nun: Dafür gibt es genau 188 Gründe.

Das Spielzeit-Heft des Oldenburgischen Staatstheaters in Oldenburg
Viel drin: Das Spielzeitheft 25/26 des Oldenburgischen Staatstheaters.

Das ist nämlich die Zahl der Seiten des aktuellen Spielzeitheftes des Oldenburgischen Staatstheaters. Es ist prall gefüllt mit dem äußerst facetten- und variantenreichen Programm der insgesamt sieben Sparten. So gibt es in der kommenden Spielzeit 3 Uraufführungen und 31 Premieren, dazu 19 Wiederaufnahmen und unzählige weitere Attraktionen. Und selbst das ist noch nicht alles. Zwischen und außerhalb von Oper, Schauspiel oder Konzert finden viele weitere Projekte statt. Das Staatstheater schreibt weiter an seiner eigenen Geschichte - und damit auch jener der Stadt. Angesichts dieser Opulenz haben wir uns dazu entschieden, dem Staatstheater regelmäßig einen Besuch abzustatten. Gemeinsam suchen wir nach spannenden Gästen, Themen und Geschichten für den KULTURSCHNACK STAATSAKT. Was ihr davon habt? Einen spannenden Einblick in die Theaterwelt und mehr Informationen darüber, was die Menschen dort bewegt. 



THORSTEN Hat das Stück denn Qualitäten, die du nicht gleich beim ersten Lesen festgestellt hast, sondern erst im Laufe der Produktion?


HANNAH Ich finde es spannend, dass wir für uns – das ist natürlich auch eine Interpretationsfrage – erkannt haben, dass diese beiden Figuren vermutlich auch neurodivergent sind. Die Rolle von Sarah hat leichte Züge von ADHS, die andere Rolle eher etwas aus dem Autismus-Spektrum. Und es war spannend, das herauszufinden, weil wir im Probenprozess gemerkt haben, dass wir alle Menschen im Umfeld haben, die damit konfrontiert sind. Und dann zu gucken: Wo ist es tatsächlich die Neurodivergenz und wo einfach der Charakter der Figur? Das finde ich sehr interessant.




Starkes Team: Die Schauspielerinnen Esther Berkel und Cara-Maria Nagler, Dramaturgin Annika Müller und Regisseurin Hannah Koppermann (v.o.l.n.u.r.). (Bilder: Stephan Walzl)


THORSTEN Lass uns ein bisschen über die Regie sprechen. Bei der Uraufführung in Zürich hat ja Ebru Tartıcı Borchers Regie geführt. Für alle, die es nicht wissen: Sie ist Hausregisseurin am Oldenburgischen Staatstheater. Hast du dich im Vorfeld mit ihr ausgetauscht oder vermeidet man das eher, weil man seinen eigenen Weg finden will?


HANNAH Ich habe das tatsächlich vermieden. Ebru ist wahnsinnig viel beschäftigt und wenn wir uns sehen, dann immer nur ganz kurz in der Kantine. Aber ich glaube, für mich war es auch wichtig, diesem Druck aus dem Weg zu gehen, es vielleicht bewusst anders machen zu wollen und dadurch in einen Vergleich zu geraten. Deswegen haben wir gar nicht darüber gesprochen. Ich hoffe, sie kommt zur Premiere, dann können wir danach darüber sprechen. Aber es wird auf jeden Fall anders sein, weil sie bei der Uraufführung natürlich die ursprüngliche Fassung benutzen musste. Da darf man nichts verändern.


Wir haben tatsächlich ein paar Dinge verändert, ein paar Sachen rausgeworfen, manchmal einen Satz oder eine andere Ebene eingefügt. Das sind nur kleine Veränderungen, aber die merkt man.




Viel zu sagen: Für Hannah Koppermann war die Regiearbeit für „Heartship“ nicht etwa Routine, sondern eine Herzensangelegenheit. (Bilder: Kulturschnack)


THORSTEN Wie ist das generell, wenn du so einen Stoff zum ersten Mal liest? Bist du so ein Kreativkopf, der sofort explodiert vor lauter Ideen? Oder eher ein Slow Starter, der erstmal guckt: Wie bringen wir das auf die Bühne?


HANNAH Ich glaube, ich finde da gerade so ein bisschen meinen Weg. Es gibt Stücke, die lösen bei mir sofort Bilder aus – wie man bestimmte Figurenkonstellationen oder Geschichten erzählen kann. Und andere lösen gar nichts aus, die würde ich dann vielleicht auch eher nicht inszenieren. Ich bin aktuell auf jeden Fall noch sehr intuitiv unterwegs, was ich aber auch gut finde. Ich habe das Gefühl, ich kann mich auf meine Intuition gut verlassen.


THORSTEN Das Ensemble besteht ja nur aus zwei Personen: Esther Berkel und Cara-Maria Nagler. Ist es für die Regie eigentlich einfacher oder schwieriger, wenn man so ein kleiner Kreis ist?


HANNAH Das kann ich noch nicht zu hundert Prozent beantworten, weil die Stücke, die ich bisher gemacht habe, eher aus wenigen Personen bestanden haben. Ich glaube, erstmal ist es leichter, weil man nicht sieben oder zehn Menschen auf einer Bühne koordinieren muss, sondern nur zwei. Andererseits ist es insofern schwieriger, weil man mit zwei Personen weniger Bilder erzählen kann. Es hat Vor- und Nachteile. Und ich werde es im Herbst herausfinden, da kommt mein nächstes Stück mit sechs Personen.



Keine Angst vor großen Namen: An „Mephisto“ war Hannah Koppermann als Regieassistentin beteiligt. (Video: Oldenburgisches Staatstheater)

THORSTEN Was hat dir denn bei der Erarbeitung und bei den Proben besonders viel Spaß gemacht? Welche Idee hat super funktioniert und du hast gemerkt: Ich bin auf dem richtigen Weg?


HANNAH Es gibt im Stück ein Spiel, das die beiden „Stichomythie“ nennen. Das ist so eine reißverschlussartige Wechselrede. Und sie spielen das Spiel „Männer, die wir auf den Mond schießen wollen“. Dann nennen sie verschiedene Männernamen. Wir haben da noch eine weitere Ebene eingebaut, die vorher nicht im Stück war: nämlich Namen realer Täter. Das ist ein klarer Bruch in der Szene, weil wir da ein bisschen mit Musik arbeiten und dann plötzlich nicht mehr. Da hat mein Bauchgefühl sofort gesagt: Ja, das funktioniert. Das hat so eine Wucht. Und das war mir wichtig. Ich wollte noch diese Ebene von heute und die Diskussionen der letzten Wochen mit reinnehmen. Das hat sehr gut funktioniert – zumindest war das auch das Feedback meiner Dramaturgin.


THORSTEN Die Autorin Caren Jeß war noch keine 40, als sie das Stück geschrieben hat. Du bist noch ein bisschen jünger, Anfang 30. Ich habe mich gefragt: Ist „Heartship“ eher etwas für jüngere Menschen oder funktioniert das generationsübergreifend?


HANNAH  Spannenderweise sind beide Figuren im Stück als ungefähr 40 beschrieben. Wir haben sie jetzt jünger gemacht, die beiden Spielerinnen sind beide Anfang 30. Trotzdem würde ich sagen, es funktioniert sowohl für jüngere Frauen, als auch für ältere. Beide Figuren stehen mitten im Leben und haben Probleme, die sowohl jüngere als auch ältere Frauen kennen. Dadurch ist es sicherlich für viele Menschen etwas.



Männersache? Mit dem niederdeutschen Stück „Schlucks runner“ warf Hannah Koppermann einen Blick auf toxische Männlichkeit - und ging dafür in ihr natürlich Habitat. (Bild: Stephan Walzl)
Männersache? Mit dem niederdeutschen Stück „Schlucks runner“ warf Hannah Koppermann einen Blick auf toxische Männlichkeit - und ging dafür in ihr natürlich Habitat. (Bild: Stephan Walzl)

THORSTEN In deiner Regiearbeit Schlucks Runner hast du toxische Männlichkeit behandelt, jetzt Feminismus und sexuelle Übergriffe. Müssen es immer die ganz großen gesellschaftlichen Themen sein oder würdest du auch eine leichte Komödie inszenieren?


HANNAH Ich würde sicherlich auch eine leichte Komödie inszenieren. Aber ich habe mehr Spaß an den großen Themen beziehungsweise insbesondere an feministischen Themen. Toxische Männlichkeit ist am Ende ja auch ein feministisches Thema. Ich bin sehr politisch und empfinde Theater ebenfalls als etwas sehr Politisches.


Für mich ist alles Politik, was gesellschaftlich relevant ist. Und Theater gehört da zu hundert Prozent dazu. Wir haben einen Bildungsauftrag. Von daher liegt es mir schon sehr am Herzen, die großen Themen zu behandeln. Aber ich mache auch eine kleine Komödie.


Viel gelernt: Bei Produktionen wie „Mephisto“, „Bondi Beach“ und „Stolz und Vorurteil (oder so)“ hat Hannah als Regieassistentin mitgearbeitet. (Bilder: Stephan Walzl)


THORSTEN  Du bist ja gewissermaßen Quereinsteigerin ins Theater, du hast eigentlich Geschichte und Germanistik studiert. Hattest du jemals das Gefühl, dass dir etwas fehlt, weil du nicht einschlägig Regie studiert hast? Oder ist das vielleicht sogar ein frischer Wind, weil du anders sozialisiert bist?


HANNAH  Ich habe manchmal Sorge, dass es nicht reicht, dass mir etwas fehlt. Wobei ich durchaus viele Bücher gelesen habe und versucht habe, mich anderweitig weiterzubilden, auch in theaterwissenschaftlichen Kontexten. Aber ich merke jetzt bei der Regiearbeit, dass ich mich sehr auf meine Intuition und mein Bauchgefühl verlassen kann. Und ich habe kompetente Beratung an meiner Seite, zum Beispiel meine Dramaturgin. Außerdem habe ich durch die letzten Jahre als Regieassistentin unglaublich viel mitnehmen können. Ich habe anderen Regiepersonen bei der Arbeit zugeschaut, teilweise mit ihnen zusammengearbeitet. Dadurch habe ich sehr viel gelernt.


THORSTEN Du stehst ja insgesamt noch eher am Anfang deiner Theaterkarriere. Aber wenn du jetzt trotzdem schon ein erstes Zwischenfazit ziehen müsstest: Ist das ein Traumjob oder eher Tortur?


HANNAH Ich habe nach der ersten Probenwoche in meine Freundinnengruppe bei WhatsApp geschrieben: „Ich liebe diesen Job.“ Und das stimmt auch.


Es macht wahnsinnig viel Spaß, sich kreativ auszuleben und Ideen zu entwickeln. Zu sehen, dass sie vielleicht nicht funktionieren. Dann tüftelt man, überlegt, probiert weiter. Und irgendwann hat man eine Idee, die funktioniert. Dazu kommt die Arbeit mit den Spielerinnen. Ich liebe das sehr und hoffe, dass ich das weitermachen kann.


Besonderer Ort: Die Exhalle dienst zwar als doppelter Theatersaal, sie fühlt sich dennoch anders an. (Bild: Oldenburgisches Staatstheater)
Besonderer Ort: Die Exhalle dienst zwar als doppelter Theatersaal, sie fühlt sich dennoch anders an. (Bild: Oldenburgisches Staatstheater)

THORSTEN Deine erste Regiearbeit hat in Oldenburger Kneipen stattgefunden, jetzt bist du mit Heartship in der Exhalle. Gehst du gerne an solche Orte, die vielleicht noch nicht so ausgelutscht sind wie ein klassischer Theatersaal? Oder schielst du doch heimlich aufs Große Haus?


HANNAH Aufs große Haus nicht, eher aufs Kleine Haus. Aber ja: Bei Schlucks Runner war das Spannende, dass wir weg von der klassischen Bühne waren (u.a. im Amadeus und bei Dahms, Anm. d. Red.). Dadurch, dass das Stück sehr intim ist, waren wir näher am Publikum und alles wurde unmittelbarer. Auch jetzt in der Exhalle können die Spielerinnen viel kleinere Nuancen spielen, weil man näher dran ist. Das ist schön. Natürlich denkt man manchmal: Das Kleine Haus wäre auch nett. Aber erstmal finde ich die Exhalle sehr, sehr gut und mag den Spielort sehr.


THORSTEN Letzte Frage: Soll Theater unterhalten oder die Welt verändern?


HANNAH Irgendwas dazwischen. Oder am besten beides zusammen! (lacht)



Thorsten Lange vom Kulturschnack Oldenburg im Interview mit Aksel Daveyan, der am Oldenburgischen Staatstheater in „Der Barbier von Sevilla“ zu sehen ist.
Alles easy: Zwar sind Interviews für junge Regisseurinnen noch keine alltäglichen Situationen, Hannah hat aber trotzdem (oder gerade deswegen?) mitreißend von ihrer Arbeit erzählt. (Bild: Kulturschnack)

Heartship: Die Welt verändern


Es ist nichts falsch daran, wenn ein Theaterstück sämtliche Ressourcen ausreizt, die auf der Bühne zur Verfügung stehen. Es kann sich unglaublich gut anfühlen, wenn es richtig laut, bunt, voll und spektakulär wird. „Heartship“ beweist aber, dass das Gegenteil genauso schön sein kann - und vielleicht noch viel bewegender. Das intensive Kammerspiel mit Esther Berkel und Cara-Maria Nagler lässt das Publikum ganz an sich heran, zieht es in Vertrauen und lässt es teilhaben an Expeditionen ins Innerste. Das ist unbedingt sehenswert - erst Recht weil es mit dem Patriarchat um ein Thema geht, das uns alle betrifft (und das manche von uns womöglich unbewusst aufrechterhalten).


Wer erleben möchte, wie ein junges, rein weibliches Team einen äußerst zeitgemäßen und inhaltlich wichtigen Stoff auf die Bühne bringt, darf „Heartship“ nicht verpassen. Eben weil all die klugen Gedanken zum Thema nicht mit Pauken und Trompeten sondern mit feinen, leisen Tönen inszeniert sind, ist die Theatererfahrung maximal intensiv. Am Ende hat man das Gefühl, die beiden Protagonist:innen schon viel länger zu kennen als nur neunzig Minuten - und würde ihnen zuliebe am liebsten sofort die Welt verändern.

 
 
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