GLOBETALES: FERNWEH GANZ NAH
- 14. Apr.
- 7 Min. Lesezeit
Es lässt sich trefflich darüber streiten, was Kultur ist und was nicht. Die Haltungen zu dieser Frage hängen eng damit zusammen, wie eng oder wie weit man diesen Begriff fasst. Das Globetales-Festival gehört sicher nicht in die Kategorie Hochkultur. Aber dennoch wollen wir euch dieses Ereignis ans Herz legen. Denn zum einen performen die Redner auf der Bühne, zum anderen werden ihre Vorträge von Foto-Workshops, einer Kunst-Ausstellung und einem Musikact begleitet. Und sowieso: Fernweh? Immer ein Thema. Auch für uns!

Ein spärlich beleuchteter Raum, nur etwas Sonnenlicht fällt durch die Vorhänge. Eine Frau und ein Mann liegen auf einem Bett, halten sich gegenseitig im Arm, ein intimer Moment. Schließlich fragt sie: „Do you know what Fernweh is?“ Seine Antwort kommt schnell: „I have no idea.“ Daraufhin erklärt sie: „It' s German for a deep longing to be somewhere else, for faraway places and the unknown“. Und mit diesem Satz schwingt die Frage: Was wäre, wenn wir woanders wären, als wir sind?
Es ist kein Zufall, dass dieser Dialog hier auf Englisch erscheint, Er stammt nämlich aus der ultraharten US-amerikanischen Biker-Serie „Mayans M.C.“ - ein eher ungewöhnliches Szenario für einen Dialog über das deutsche Wort Fernweh. Umso mehr zeigt dieses Beispiel, wie sehr dieser schmerzhaft-schöne Begriff internationale Karriere gemacht hat - und wie einzigartig er zu sein scheint. Im Oldenburger Core gibt es nun die Gelegenheit, sich ganz intensiv mit diesem Gefühl zu beschäftigen und tief in ferne Welten einzutauchen. Dort findet nämlich das Reise-Vortrags-Festival „GlobeTales“ statt und lädt uns alle dazu ein, unser Fernweh hier vor Ort zu stillen.
GLOBETALES
DAS REISE-VORTRAGS-FESTIVAL FÜR ABENTEUER UND REISEN
SAMSTAG, 18. APRIL 2026
12 BIS 22 UHR
CORE OLDENBURG
26122 OLDENBURG
Zwischen Abenteuer und Alltag
Der Begriff Festival ist in unserer Alltagskultur allgegenwärtig. Gefühltermaßen trägt jede Veranstaltung, die mehr als zwei Acts bietet und länger als zwei Stunden dauert, diese Bezeichnung. Das hat zur Folge, dass die Zahl an Festivals kaum noch zu überblicken ist. Trotzdem gibt es immer noch Raum für Innovationen und Nischen für neue Ideen. Eine solche hat Michael Trautmann gefunden - und mit dem ersten Reise-Vortrags-Festival „GlobeTales“ besetzt.

Michael weiß, wovon er spricht. Nicht nur, weil er zu Corona-Zeiten mit dem Fahrrad nach Marokko wollte (und schließlich in Portugal gelandet ist) oder acht Monate in Australien verbrachte. Seine intensivsten Erfahrungen machte er woanders - nämlich als Elektroingenieur auf der Neumayer III-Forschungsstation in der Antarktis. In einer Gruppe von gerade einmal neun Personen überwinterte er dort, vollkommen abgeschnitten von der Außenwelt. Eine maximal intensive Erfahrung - mit der er zu einem gefragten Speaker und Podcast-Gast geworden ist, und die ihn auch zum GlobeTales-Festival inspirierte. Wir haben mit Michael gesprochen, was ihn zum Reisen motiviert - und warum man auch etwas davon hat, wenn andere davon erzählen.
Der Reiz des Unbekannten
Michael, Du bist sehr viel unterwegs und warst schon an vielen außergewöhnlichen Orten. Was zieht dich dorthin?
Mich zieht vor allem die Neugier auf Unbekanntes dorthin. Ich bin sehr abenteuerlustig und möchte Dinge sehen, die ich so in meinem Leben noch nie gesehen habe. Besonders reizen mich Orte und Erfahrungen, die ein bisschen extremer sind und die viele andere vielleicht nie erleben oder gar nicht erleben wollen. Dazu kommt die Schönheit der Natur. Zu sehen, was die Erde alles bereithält, fasziniert mich jedes Mal aufs Neue. Genau das löst in mir oft dieses Gefühl aus: Wow, das möchte ich unbedingt machen.
Wer hat schon Lust, sich für ein Jahr in der Antarktis in Isolation einzuschließen? Für viele klingt das eher abschreckend. Für mich sind genau solche Expeditionen und Reisen aber unglaublich faszinierend. Dafür schlägt einfach mein Herz.

Reisen heißt, die gewohnte Komfortzone zu verlassen. Muss man dafür ein bestimmter Typ sein? Oder hätte jeder was davon?
Ich war früher selbst jemand, dem es nicht leicht gefallen ist, die Komfortzone zu verlassen. Gerade als ich das erste Mal länger unterwegs war, hatte ich auch Respekt davor. Das war damals in Australien. Am Ende war ich acht Monate dort, aber am Anfang wusste ich gar nicht, wie lange es wirklich werden würde. Die Wohnung und den Job kündigen, sich von Familie und Freund:innen verabschieden und Sicherheiten aufgeben: Das sind große Hürden. Damals war ich genauso unsicher wie viele andere, die so einen Schritt noch nie gemacht haben. Heute ist es für mich viel selbstverständlicher geworden, aus der Komfortzone rauszugehen. Und ich kann wirklich sagen: Es lohnt sich. Es macht Spaß, es erweitert den Horizont und man wächst daran.
GlobeTales: Das Festival für Fernweh
Wie entstand die Idee für ein Festival?
Die Idee für das GlobeTales Festival in Oldenburg ist aus meinen eigenen Reisevorträgen heraus entstanden. Ich werde immer wieder für Vorträge über die Antarktis gebucht und hatte schon länger Lust, solche Veranstaltungen auch selbst zu organisieren. Im letzten Jahr war ich mit meinem Vortrag „70 Wochen Antarktis“ deutschlandweit unterwegs und habe gemerkt, wie viel Freude mir das macht. Irgendwann kam dann der Wunsch auf, auch anderen Reisenden eine Bühne zu geben. Menschen, die außergewöhnliche Reisen gemacht haben und ihre Erfahrungen teilen möchten.
Genau daraus ist die Festivalidee entstanden. Ich wollte einen Ort schaffen, an dem Menschen zuhören, staunen, mitreisen und sich inspirieren lassen können.

Wie würdest du das Angebot in eigenen Worten beschreiben? Was erwartet die Besucher:innen?
Ein Tag voller Reisen, Abenteuer und Eindrücke aus ganz unterschiedlichen Welten. Es geht um besondere Orte, extreme Erfahrungen, aber auch um die Schönheit und Faszination des Unterwegsseins. In meinem Vortrag über die Antarktis geht es zum Beispiel darum, wie ich überhaupt in die Antarktis gekommen bin, was das Leben dort mit einem macht, welche Schattenseiten es gibt, aber natürlich auch, wie unfassbar schön diese Welt ist. Mit Pinguinen, Polarlichtern und Landschaften, die sich anfühlen, als wäre man auf einem fremden Planeten. Vor Ort gibt es außerdem die Möglichkeit, echte Polaranzüge anzuprobieren. Insgesamt stehen sechs Anzüge in verschiedenen Größen für Kinder und Erwachsene bereit. Dazu kommen die weiteren Vorträge von Johanna Geils und Ansgar Lenzen, die auf ganz andere Weise außergewöhnlich sind. Etwa Johannas Tour von Zypern bis zum Nordkap mit einer Hängematte zum Schlafen oder Ansgars Reise nach Ecuador mit seinen vier völlig unterschiedlichen Welten und einer beeindruckenden Tierwelt. Am Ende ist es ein Tag zum Zurücklehnen, Staunen und Inspirieren lassen. Und zum Abschluss gibt es dann auch noch Livemusik.
Faszinierend: Beim Reise-Vortrags-Festival geht es nach Ecuador, von Zypern ans Nordkap und natürlich in die Antarktis. Hier gibt es erste Eindrücke. (Bilder: Michael Trautmann, Johanna Geils, Anskar Lenzen)
Hunderttausend Augenblicke
Die Erfahrungen und Erlebnisse auf Reisen sind sehr intensiv. Man sieht sie, fühlt sie, riecht sie. Wie erzählt man darüber?
Das ist tatsächlich eine spannende Frage. Wie erzählt man zum Beispiel, wie die Antarktis riecht? Und wie fühlt sie sich an? Vor allem extrem kalt. Bei minus 50 Grad draußen zu stehen, ist etwas, das man kaum wirklich greifen kann, wenn man es nicht erlebt hat. Deshalb erzähle ich in meinen Vorträgen immer über persönliche Erlebnisse und eigene Geschichten. So nehme ich die Menschen ein Stück mit in diese Welt hinein. Bilder und Videos helfen dann dabei, das Ganze noch greifbarer zu machen. Ich glaube, dadurch wird vielen erst richtig bewusst, wie extrem so ein Leben dort eigentlich ist. Nicht nur wegen der Temperaturen, sondern auch wegen der Isolation, der kleinen Gruppe und der Tatsache, dass man über Monate nicht einfach weg kann.
Dieses Zusammenspiel aus Erzählung, Bildern und Videos macht es möglich, solche Erfahrungen überhaupt zu vermitteln.
Wie wichtig ist die Fotografie auf solch ungewöhnlichen Reisen?
Fotos spielen eine sehr große Rolle. Meine Vorträge leben stark von ihnen, weil sie die Geschichten noch greifbarer und lebendiger machen. Dazu kommt, dass hinter vielen Bildern auch sehr viel Arbeit steckt. Ich habe in der Antarktis über 100.000 Fotos gemacht und sehr viel Zeit investiert, um einzigartige Momente festzuhalten. Das Besondere ist auch: Viele dieser Aufnahmen gab es so vorher noch nicht. Niemand hat genau diesen Moment vorher auf diese Weise festgehalten. An der Neumayer Station überwintern pro Jahr nur neun Personen. Insgesamt waren es über all die Jahre nur vergleichsweise wenige Menschen, und nicht jeder fotografiert intensiv. Dadurch hatte ich die Chance, Motive und Situationen festzuhalten, die in dieser Form wirklich selten sind. Genau das macht die Fotos für mich und auch für die Vorträge so wertvoll.

Was werden die Menschen von der Veranstaltung mitnehmen? Sollen alle direkt danach aufbrechen oder kann man sein Fernweh auch mit einem Vortrag stillen?
Ich glaube, man kann sein Fernweh durch einen Vortrag zumindest ein Stück weit stillen. Gleichzeitig soll so ein Festival aber vor allem inspirieren. Mir geht es selbst oft so: Wenn ich einen guten Reisevortrag höre, dann löst das etwas in mir aus. Es weckt Reiselust, neue Ideen und manchmal auch den Mut, den ersten Schritt in ein neues Abenteuer zu gehen. Man denkt plötzlich: Darüber habe ich noch nie so nachgedacht. Oder: Vielleicht sollte ich es einfach mal machen. Ich glaube, das ist bei jedem ein bisschen unterschiedlich.
Ich bin mir sicher, dass so ein Festival Lust auf mehr macht. Auf neue Gedanken, neue Perspektiven und vielleicht auch auf die eigene nächste Reise.
GlobeTales: Ferne Orte, fußläufig entfernt
Letztlich spielt es keine Rolle, ob das Fernweh wie ein ewiges Feuer in uns lodert und wir sogar beim intimen Pillow Talk darüber reden oder ob wir Oldenburg für den Nabel der Welt halten und nirgendwo anders hinwollen. Wenn Reise-Abenteuer so attraktiv aufbereitet werden wie beim GlobeTales-Festival, werden sie niemanden kalt lassen. Die einen werden sich an jene Orten träumen, von denen sie gerade hören, und insgeheim schon Reisepläne schmieden. Die anderen sind vielleicht froh, dass sie sich die Strapazen ersparen können und fühlen sich hier vor Ort umso wohler. Doch alle haben etwas davon, sich intensiv mit fernen Orten auseinanderzusetzen - und sei es, um zu lernen, wie Alltag abseits der gewohnten Pfade aussehen kann.

Die eigenen Horizonte erweitern: Das klappt am besten, wenn man tatsächlich selbst unterwegs ist. Mit dem GlobeTales Festival kommt man dieser Erfahrung aber näher als je zuvor, ohne dafür auch nur eine Nacht auf einer fremde Matratze schlafen zu müssen. Ob Inspiration für Reiseabenteuer oder Kurzurlaub im Kopf: Der kurze Weg ins Core wird sich lohnen - nicht zuletzt, weil das Globetales-Festival dank Ausstellung, Workshops und Musikact eben doch Kultur ist. In diesem Sinne: Gute Reise!


































