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IM DISKURSGEWITTER

  • vor 1 Tag
  • 7 Min. Lesezeit

Das Oldenburgische Staatstheater hat viel zu bieten. Insgesamt sieben Sparten sorgen für extrem viel Abwechslung zwischen anspruchsvoller Hochkultur, gefälliger Unterhaltung und wilden Experimenten. Doch es gibt noch mehr zu entdecken. Nämlich: Haltung und Meinung. Um sie zu transportieren, bietet das Haus auch Formate, die nicht direkt wie Theater wirken, aber trotzdem untrennbar mit ihm verbunden sind - wie das Diskursgewitter. Wir haben mit Sparte 7-Leiterin Gesine Geppert darüber gesprochen, warum Theater sich einmischen muss.



Aussicht auf Diskursgewitter? Ganz so dramatisch geht es bei den Veranstaltungen der Sparte 7 nicht zu. Dafür haben sie eine längere Wirkung als ein Wolkenbruch.  (Bild: Kulturschnack)
Aussicht auf Diskursgewitter? Ganz so dramatisch geht es bei den Veranstaltungen der Sparte 7 nicht zu. Dafür haben sie eine längere Wirkung als ein Wolkenbruch. (Bild: Kulturschnack)

Die Abläufe im Theater folgen in der Regel einem bestimmten Muster: Das Publikum nimmt seinen Platz ein, der Vorhang hebt und senkt sich irgendwann wieder und dann gibt's den verdienten Applaus. Auch wenn an diesem jahrhundertealten Prozedere nicht falsch ist, machen hin und wieder auch etwas Abwechslung und die eine oder andere Überraschung Spaß.


Am Oldenburgischen Staatstheater ist dafür vor allem die Sparte 7 zuständig. Sie ist eine Art Reallabor für Experimente, die über das Theater im engeren Sinn - und auch über dessen räumlichen Grenzen - hinausgehen. „Überschrieben sind wir mit der 'Demokratisierung vom Theater'“, erklärt Leiterin Gesine Geppert. Damit sei die Verknüpfung der Institution Theater mit der Stadtgesellschaft gemeint. „Wir wollen ein Raum sein, der offen ist für all die Interessen von Menschen aus der Stadt und der Region – ebenso wie für die Interessen und Ideen von Kolleg:innen am Staatstheater.“ Man könnte fast sagen: eine theatralische Spielwiese - und läge gar nicht so falsch, wenn damit ein Ort gemeint ist, an dem alles möglich zu sein scheint.




DISKURSGEWITTER: CULTURAL EQUALITY


ODER: WARUM BRAUCHT ES NEUE FORMEN DER FEMINISTISCHEN SICHTBARKEIT?


6. März, 20 UHR


EXHALLE

26121 OLDENBURG



DISKURSGEWITTER: RASSISMUS UND POLIZEI?


20 MÄRZ, 18;30 UHR


VOLKSHOCHSCHULE OLDENBURG

26123 OLDENBURG




Ohne Schwellen, ohne Schnörkel


Bei diesem Ansatz geht es auch darum, möglichst leicht zugängliche, verständliche, aber trotzdem wertvolle Angebote zu machen und damit Menschen anzusprechen, die normalerweise vielleicht nicht ins Theater gehen würden. „Wir haben bewusst niedrige Preise und versuchen, auch kostenfreie Veranstaltungen anzubieten“, erklärt Gesine.


„Wir machen Veranstaltungen auch sehr gerne außerhalb des Kulturbetriebs, um die Leute dort abzuholen, wo sie sind – zum Beispiel im öffentlichen Raum. Und wir haben ganz viele Kooperationen in die Stadt hinein, mit Vereinen, mit Einzelpersonen. Das heißt: Die Art, wie wir arbeiten, ist schon der erste Schritt in die Communities oder auf die Menschen zu.“



Kontrolliertes Chaos: Gesines Büro deutet dezent an, dass bei der Sparte 7 vieles anders läuft als im regulären Spielbetrieb. (Bild: Kulturschnack)
Kontrolliertes Chaos: Gesines Büro deutet dezent an, dass bei der Sparte 7 vieles anders läuft als im regulären Spielbetrieb. (Bild: Kulturschnack)

Die Sparte 7 mache zwar einiges anders als viele es von einem Staatstheater erwarten würden, eine bewusste Abnabelung passiere allerdings nicht, versichert Gesine: „Wir sind schon überall als Staatstheater erkennbar. Aber wir möchten die Menschen erreichen, ohne ihnen das Gefühl zu geben, wir treten mit großem hochkulturellen Anspruch auf sie zu.“ Dieser niedrigschwellge Ansatz ist so erfolgreich, dass manche Besucher:innen nur zu Formaten der Sparte 7 kommen, weil sie eher den subkulturellen und partizipativen Teil spannend finden. Für andere hingegen sind die lockeren Formate der ideale Einstieg, um anschließend auch mal ins Kleine oder Große Haus zu schnuppern - und genau das sei auch erwünscht, betont Gesine: „Es ist total schön zu sehen, wenn Menschen, die über uns Kontakt mit dem Programm des Staatstheaters haben, sich auch für die anderen Angebote zu interessieren.



Vorhersage: Diskursgewitter


Neben vielen spielerischen Formaten wie die legendären Bingo- und Karaoke-Abende oder die Open Stage gehört zu den Angeboten der Sparte 7 auch das Diskursgewitter - übrigens schon von Anfang an. „Das Diskursgewitter ist unser ältestes Format, das aber jedes Mal neu mit Leben gefüllt wird. Im Grunde bedeutet es, dass wir uns diskursiv mit Themen auseinandersetzen wollen.“ Ursprünglich seien die Themen für die Diskursgewitter aus den Produktionen des Oldenburgischen Staatstheaters entstanden „Zu einer Stückentstehung gehören bei uns immer umfangreiche Recherchen und Interviews, von denen man oft nur einen kleinen Teil auf der Bühne abbilden kann. Die Idee war, diese vertiefenden Ebenen in Diskursgewittern zu besprechen.“ Inzwischen gibt es ganz viele verschiedene Formen: diskursive Lesungen, Panels, Talk-Veranstaltungen, teilweise Vorträge. Das Ziel ist – wie bei allen Produktionen der Sparte 7 – möglichst partizipativ zu sein.


„Wir wollen keine klassischen Frontalvorträge mit fünf Minuten Diskussion am Ende, sondern den Raum so gut es geht öffnen, sodass alle Besucher*innen eingeladen sind, sich zu beteiligen, mitzudiskutieren oder an Abstimmungsformaten teilzunehmen.“


Gut besucht: Nicht nur unter Theater-oder Sparte 7-Fans hat sich herumgesprochen, dass dich ein Besuch bim Diskursgewitter immer lohnt. (Bild: Oldb. Staatstheater)
Gut besucht: Nicht nur unter Theater-oder Sparte 7-Fans hat sich herumgesprochen, dass dich ein Besuch bim Diskursgewitter immer lohnt. (Bild: Oldb. Staatstheater)

Man kann es sich lebhaft vorstellen Bei der Entwicklung eines Theaterstücks muss von den spannenden Recherche-Ergebnissen deutlich mehr verworfen werden als eingebaut werden kann. So viele spannende Informationen, Hintergründe und Kontexte - für nichts!? Durch das Diskursgewitter können die Themen nicht nur wieder aufgegriffen, sondern vertieft und von verschiedenen Seiten beleuchtet werden. Doch auch wenn die Stücke als Inspirationsquelle dienten, sind die Veranstaltungen des Diskursgewitters nie inszeniert und folgen keiner festen Dramturgie. Warum ist dieses Format an einem Theater trotzdem genau richtig aufgehoben? „Theater ist ein Imaginationsraum, in dem gesellschafts-politische Ereignisse diskutiert und Zukunftsvisionen ausgehandelt werden können“, erklärt Gesine.


„Es kann ein Trial-and-Error-Raum sein – auch für gesellschaftspolitische Situationen. Deswegen finde ich es wichtig, auch diese Metaebene zu haben: Inhalte zu diskutieren, das eigene Handeln als Theatermenschen zu reflektieren und uns selbst zur Diskussion zu stellen. In meinem Verständnis ist das ein wichtiger Teil unseres Auftrags als Theater. Ein klassischer Theaterraum ist oft gar nicht so durchlässig. Genau deshalb braucht es solche Formate.“


In the Middle of Things: Für Gesine ist Theater eine Leidenschaft, die keinen festen Strukturen und Stundenplänen folgt. (Bilder: Kulturschnack)


Talkformate: Mehr als Unterhaltung


Bei so viel Inhaltsstärke stellt sich die Frage, ob das Diskursgewitter denn überhaupt noch Unterhaltung ist - oder schon etwas ganz anderes. Gesine möchte sich nicht entscheiden: „Es ist beides. Wenn es eine Lesung ist, ist es natürlich eine eher klassische Form von Unterhaltung. Und auch kontroverse Diskussionen haben einen gewissen Unterhaltungswert – zumindest insofern, als man im besten Fall mit neuen Ideen und Denkanstößen nach Hause geht. Man könnte sagen: Wenn man gut angeregt wird, war man auf eine gewisse Art auch gut unterhalten.“ Allerdings mit dem entscheidenden Bonus, dass nicht alles vorbei ist, wenn der Vorhang fällt. Man nimmt die Informationen und Inspirationen des Abends mit nach Hause und lässt sie im Kopf nachhallen - manchmal sogar dauerhaft.


PODCAST MIT DER SPARTE 7

THEATER FÜR ALLE


Damals noch zu zweit: Verena Katz (links) ist inzwischen nicht mehr Teil der Sparte 7, Gesine ist nach wie vor die Leiterin. (Video: Kulturschnack)

Zum Jahreswechsel 24/25 sprachen wir in Folge 27 unseres Podcasts ausführlich mit Gesine Geppert und Verena Katz von der Sparte 7 des Oldenburgischen Staatstheaters. Um das Diskursgewitter ging es damals nicht, wohl aber um die Philosophie, Herangehensweise und Ziele des Reallabors für theatralische Experimente. Hört unbedingt rein, wenn ihr etwas tiefer in die wichtige Arbeit der Sparte 7 eintauchen wollt.


Während die Inspirationen für die Diskursgewitter anfangs fast ausschließlich aus den Stücken am Staatstheater stammten, nimmt Gesine inzwischen vielfach auch Impulse aus anderen Quellen auf. „Wir haben veschiedene Kooperationspartner:innen, mit denen wir gemeinsam schauen, welche Themen gerade spannend sind und welchen Fokus wir legen.“ Ein Beispiel dafür sei die Kooperation mit dem Center for Migration, Education and Cultural Studies (CMC) der Universität Oldenburg, das ihre Ringvorlesung gemeinsam gemeinsam mit der Sparte 7 geplant und als Diskursgewitter angeboten hat. Das habe so gut funktioniert, dass bereits die nächsten gemeinsamen Termine geplant würden. Gleichzeitig kann der Anstoß auch weiterhin aus dem eigenen Hause kommen:


„Es braucht immer einen Impuls – etwa wenn ein Team sagt: Dieses Thema hat uns besonders gereizt, da möchten wir tiefer einsteigen. Dann beginnen wir gemeinsam zu planen.“


Nicht inszeniert, trotzdem attraktiv: Die Realität ist häufig genauso spannend wie die Zuspitzungen des Theaters. (Bild: Staatstheater)
Nicht inszeniert, trotzdem attraktiv: Die Realität ist häufig genauso spannend wie die Zuspitzungen des Theaters. (Bild: Staatstheater)

Dass die Zahl der möglichen Themen durch die vielen Zusammenarbeiten weiter in die Höhe schnellt, ist Fluch und Segen zugleich, findet Gesine. „Mit der Kooperationsstelle Kirche und Gesellschaft haben wir eine ganze Ideen-Schublade“, lacht sie. „Jedes Gespräch bringt neue Themen hervor. Ein Ranking fällt da wirklich schwer.“ Gleichzeitig gebe es keine Inhalte, die Gesine kategorisch ausschließen würde: „Bei manchen Themen müsste man sehr sorgfältig überlegen, wie man den Diskurs gestaltet und wen man einlädt. Es hängt immer von der Perspektive und den Fragen ab.“ Es bleibt also bei der Wettervorhersage: Sonnig - mit Aussicht auf Diskursgewitter.



In den Austausch gehen


Eine Frage stellt sich bei alledem natürlich: Warum muss sich ein Theater überhaupt einmischen? „Es muss natürlich nicht“, findet Gesine. „Aber Theater ist – wie alle Kulturinstitutionen – Teil der Stadtgesellschaft. Wir können uns gar nicht frei machen von gesellschaftlichen Diskursen und Entwicklungen.“ Wenn man auf Film- oder Theatergeschichte zurückblicke, könne man immer eine gesellschaftliche Ebene ablesen – in Rollenbildern, Normen, Themen. Das gelte für Shakespeare genauso wie für Italo-Western und auch für heutige Produktionen.


„Kultur hat immer eine gesellschaftspolitische Ebene. Deshalb finde ich es wichtig, sich bewusst damit auseinanderzusetzen und sie nicht zu negieren. Gerade bei der Sparte 7 gibt es diese zweite Ebene des Austauschs mit der Stadt. Themen werden an uns herangetragen, und daraus entstehen Formate. Ich glaube, wir können gar nicht anders, als gesellschaftspolitisch zu sein.“

Aber kann sich Theater an dieser Stelle auch eine Haltung und Meinung erlauben? Oder muss es alle Inhalte stets ausgewogen und neutral darstellen? Gesine reagiert mit einer Gegenfrage: „Kann man überhaupt neutral sein? Ich glaube nicht. Man bringt immer Perspektiven, Einflüsse und kulturpolitische Kontexte mit.“ Ihrer Ansicht nach wäre eine komplett neutrale Position erstens langweilig und zweitens unmöglich. „Wir sind immer ein Resonanzraum dessen, was um uns geschieht“, ist Gesine überzeugt - und dementsprechend stets gefärbt von Eindrücken und Erfahrungen.



Cat Content: Das „Diskursgewitter“ setzt eher nicht auf niedliche Katzenvideos - die Veranstaltungen werden dennoch mit diesem hübschen Bild angekündigt. (Bild: Gesine Geppert)
Cat Content: Das „Diskursgewitter“ setzt eher nicht auf niedliche Katzenvideos - die Veranstaltungen werden dennoch mit diesem hübschen Bild angekündigt. (Bild: Gesine Geppert)


Entertainment trifft Empowerment


Um der gesellschaftlichen Relevanz der Themen gerecht zu werden, spielt die Beteiligung des Publikums bei der Sparte 7 immer eine wichtige Rolle. Im Rahmen des Diskursgewitters kommt es zu einem Austausch von Gedanken und Argumenten, die Grenzen zwischen Podium und Auditorium verschwimmen ganz bewusst - schließlich betreffen die Inhalte alle Anwesenden. „Es gibt immer eine partizipative Ebene“, betont Gesine. „Natürlich gibt es Impulse, aber das Ziel ist der Austausch. Vielleicht nimmt man sogar etwas mit, das man am nächsten Tag direkt umsetzen kann.“ Es geht also auch um die Befähigung, selbst etwas zu tun, zu verändern, zu bewirken. „Empowerment heißt auch, Menschen die Möglichkeit zu geben, sich Räume zu erobern und Inhalte mitzugestalten. Das ist oft der erste Schritt, bevor überhaupt ein künstlerisches Produkt entsteht.“


Theater im klassischen Sinne gibt es nicht beim Diskursgewitter und damit auch nicht die typischen Abläufe, die damit einhergehen. Wer krachend komische „Tür auf, Tür zu“-Spektakel liebt, wird hier wahrscheinlich nicht glücklich. Oder... vielleicht doch? Die Chancen stehen gut, denn der rote Faden des Formats ist die gesellschaftliche Relevanz. Anders als vielleicht ein Stück aus Shakespeares Feder betreffen die Themen alle - mal ganz direkt, mal ganz sublim. Deshalb solltet ihr es nicht verpassen, wenn die Sparte 7 zum Diskursgewitter bittet - selbst wenn draußen gerade die Sonne scheint.

 
 
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