KULTUR GEGEN RASSISMUS
- vor 13 Stunden
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In einer Zeit, in der sich öffentliche Debatten immer schneller verhärten, in denen Stimmen lauter werden, die uns von einem „Wir” und einem „Die” erzählen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt spalten wollen, braucht es umso dringender Menschen und Initiativen, die klarmachen: das lassen wir nicht zu! Glücklicherweise gibt es zahlreiche davon in unserer Stadt und genau hier setzen die Oldenburger Wochen gegen Rassimus an. Sie zeigen dabei nicht nur klare Haltung, sondern machen ebenso deutlich, dass die Kraft der Kunst und Kultur einen wichtigen Beitrag zu erfolgreicher Antirassismusarbeit leisten kann - und unbedingt leisten sollte.

OLDENBURGER WOCHEN GEGEN RASSIMUS
18. BIS 27. MÄRZ 2026 ZUM VOLLSTÄNDIGEN PROGRAMM HIER KLICKEN
Denn für eine Stadt wie Oldenburg ist ein unbedingtes Engagement gegen jede Form von Ausgrenzung und Herabsetzung anderer Menschen nichts Optionales. Sie ist zentraler Schlüssel eines funktionierenden, demokratischen Gemeinwesens, in dem wir alle die Freiheit und die Würde für unser Leben finden, die uns das Gesetz verspricht. Der Staat, aber auch wir alle im Einzelnen sind an dieses Versprechen gebunden und deshalb sollten wir uns hierzu positionieren und die Rechte von Minderheiten ausdrücklich stärken. Gerade jetzt ist das wieder von höchster Bedeutung. Denn wenn wir als Gesellschaft als Ganzes nicht zu diesen Worten stehen, sind sie am Ende auch nichts wert.
Allein laut Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt wurden im Jahr 2024 täglich durchschnittlich zwölf Menschen in Deutschland Opfer von rechts, rassistisch oder antisemitisch motivierter Gewalt. Mehr als die Hälfte aller Angriffe basierte auf rassistischen Motiven. So könnte es also nicht passender sein, dass sich die Stadt Oldenburg abseits ihres bereits existierenden Engagements nun erstmalig an den Wochen gegen Rassismus mit einem umfassenden Programm beteiligt und auf diesem Wege ihre Solidarität öffentlich mit allen Betroffenen bekundet. Über mehrere Tage hinweg bündeln sich Formate diverser Kooperationspartner, von Dialogen, Filmen bis zu Lesungen, Ausstellungen und Gesprächsräumen, die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sowohl auf individueller, struktureller aber auch institutioneller Ebene thematisieren.
Zudem finden die Wochen dabei rund um den internationalen Tag gegen Rassismus am 21. März statt und das Programm wird als feierlicher Abschluss mit der Verleihung des Oldenburger Integrationspreises gekürt. Bereits seit 2010, also inzwischen zum 16. Mal, vergibt ihn die Stadt am 27. März als eine öffentliche Anerkennung der Projekte, Einrichtungen und Menschen, die hier in unserer Stadt Brücken bauen, Zugänge ermöglichen und ein solidarisches Miteinander Wirklichkeit werden lassen. Zeitgleich geht mit der Verleihung und dem zugehörigen Antirassismus Festival in der Kulturetage auch der Abschluss der Wochen gegen Rassismus einher, der nochmals den Charakter und Grundgedanken unterstreicht: eine Mischung aus Musik, Poetry Slam, Film und Tanz schafft eine Atmosphäre, die ganz im Zeichen des Austauschs, Kultur und eines Gefühls der Gemeinsamkeit steht.
Der Schlüssel zum Verständnis
Dass hinsichtlich der Planung und Ausgestaltung des Programms der Wochen gegen Rassismus sowohl der Fachdienst Integration als auch das Kulturbüro der Stadt Oldenburg miteinander kooperierten, kann nur als folgerichtig gesehen werden. Denn wie schon Gesine Geppert in unserem erst kürzlich erschienen Artikel zur Diskursgewitter Veranstaltungsreihe der Sparte 7 festgehalten hat, beinhaltet Kultur schließlich immer auch eine gesellschaftspolitische Komponente. Egal, ob seichte Unterhaltung oder tiefgründige, intellektuelle Auseinandersetzung - in jeder kreativen und künstlerischen Arbeit reflektieren sich die Bedürfnisse, Wünsche und Gedanken derjenigen, die diese verantworten und somit immer das Spiegelbild eines gesellschaftlichen Zustands sind. Das besondere dabei ist jedoch: Kultur kann es gelingen, einen Zugang auch zu den Menschen zu finden, die ein klassischer Vortrag womöglich nicht erreicht.

Wenn etwa ein Dokumentarfilm wie „Der Kuaför aus der Keupstraße", der am 23. März im cine k zu sehen sein wird, die Folgen des Nagelbombenanschlags des sogenannten NSU auf den Friseursalon von Özcan Y. aus der Perspektive der Betroffenen erzählt, wird Geschichte nicht mehr nur als eine abstrakte Information oder als reines Wissen wahrgenommen, sondern als persönliche Erfahrungen, die uns bis ins Mark erschüttern. Wir können selbst nachempfinden, wie Menschen ohne wirkliche Anhaltspunkte kriminalisiert werden und das entwickeln, worum es am Ende wirklich geht: ein echtes Verständnis für die Lebenswirklichkeiten von Menschen, die allein aufgrund von Merkmalen wie ihrem Aussehen oder ihrer Abstammung diskriminiert werden.
Die im Anschluss an den Film stattfindende Gesprächsrunde mit der Initiative "Keupstraße ist überall" bietet darüber hinaus die Möglichkeit, das Gesehene gemeinsam einzuordnen und im Kontext der darüber liegenden, größeren Zusammenhänge zu betrachten. Darin liegt eine besondere Qualität. Denn wo es dem Film gelingt, bereits einen emotionalen Zugang zu schaffen, geht das Gespräch einen Schritt weiter und trifft hierdurch im Idealfall auf wissbegierige, offene Ohren.
Wer erzählt & wer gehört wird

Die zusammengestellten Formate des Programms hinterfragen, wessen Geschichten eigentlich überhaupt Gehör finden und welchen im Gegensatz dazu kaum bis keine Beachtung geschenkt wird. Wie schon Autorin und Podcasterin Josephine Apraku bei der Eröffnungsveranstaltung im Kulturzentrum PFL festhielt, gehe es vor allem auch darum, Zugänge für Menschen zu schaffen, die vom System bisher ausgeschlossen werden. Eine Frage, die uns alle angehe und eben nicht nur in der Position des Selbstbetroffenseins. Rassismus zeige sich nicht nur in aktiven Handlungsformen und - egal ob positiv oder negativ - hätten auch Absichten nichts damit zutun, ob und inwiefern rassistische oder anderweitig diskriminierende Strukturen vorherrschen können.
Wie jedoch trotzdem marginalisierte Narrative in den Mittelpunkt gerückt werden können, zeigt die Veranstaltung der „Lebendigen Bibliothek", an der sich am 21. März von 15 bis 17 Uhr an drei Woyton Standorten beteiligt werden kann, ganz wunderbar. Was darunter zu verstehen ist? Im Grunde folgt das Format der Idee einer klassischen Bibliothek, nur dass hier eben keine gedruckten Bücher, sondern gelebte Geschichten von Angesicht zu Angesicht „entliehen" werden. Menschen stellen sich mit ihren persönlichen Biografien für Gespräche zur Verfügung, die dann für einen begrenzten Zeitraum „gelesen" werden können. Für etwa 45 Minuten entsteht ein direkter Austausch, in dem Integrationslots*innen und ihre Tandempartner*innen erzählen, wie sie zueinander gefunden haben und was sie miteinander verbindet. Und wo, wenn nicht in einem Café lässt es sich bei einer kostenfreien Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen wirklich ins Gespräch kommen. Diese alltägliche, ungezwungene Atmosphäre macht es deutlich leichter, Hemmschwellen abzubauen und in echte Unterhaltungen einzutreten, die sich eben nicht inszeniert anfühlen, sondern natürlich, offen und auf Augenhöhe.
Millimeter für Millimeter
Halten wir also fest: Kulturelle Zugänge sind deshalb innerhalb der Oldenburger Wochen gegen Rassismus und darüber hinaus unverzichtbar, weil rassistische Denkmuster immer auch mit bestimmten Vorurteilen, Bildern und Erzählungen einhergehen, die teilweise tief in den Wurzeln unserer Gesellschaft feststecken. Kultur kann diese Muster nicht nur aufbrechen und sichtbar machen, sondern neue Erzählungen schaffen, den Diskurs verändern und Millimeter für Millimeter gegen jede Form der Menschenfeindlichkeit anarbeiten.
Alles mit dem Ziel, einer Stadtgesellschaft näher zu kommen, die genauer hinschaut, differenzierter denkt, bereit ist sich zu verändern und sich ihrer gemeinsamen Verantwortung bewusst wird und vor allem bleibt.


