IM KREATIVEN LIEGT DIE KRAFT
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Reden wir nicht um den heißen Brei: die Zukunftsaussichten sahen vermutlich schon mal deutlich rosiger aus. Zwischen Pandemie-Erfahrungen, ständiger Klimakrise und Kriegen, sehen sich gerade die Jüngsten unserer Gesellschaft heute vor allem mit einer Welt aus Unsicherheiten konfrontiert. Umso wichtiger, dass es Menschen wie Daniela Conrady gibt, die mit dem digitalen Kunstprojekt „be creative" einen Raum schafft in dem Kinder und Jugendliche ihre Gedanken, Gefühle und Perspektiven völlig frei zum Ausdruck bringen und präsentieren können - ohne Wettbewerbsgedanken, sondern jeder Menge Wertschätzung. Weshalb das so wichtig ist, erfahrt ihr in diesem Interview.

Wenn es um Kinder oder Jugendliche geht, wird oft von „unserer Zukunft" gesprochen. Kurioserweise kommt aber genau diese Stimme regelmäßig und fatalerweise viel zu kurz, wenn es um die zahlreichen Krisen unserer Zeit geht. Und das obwohl genau diese Generation von den damit einhergehenden Folgen am intensivsten betroffen sein wird. Sie werden es sein, die ausbaden müssen, was vorherige Generationen ihnen eingebrockt haben. Und das ist nicht viel weniger als die existenzielle Bedrohung der Menschheit. Doch viele der Sorgen, Forderungen, Gedanken und Hoffnungen bleiben in der letztlichen gesellschaftspolitischen Ausgestaltung der Lebenswelt von morgen unberücksichtigt, während sich stattdessen verzweifelt ans Gestern geklammert wird.
Doch Daniela Conrady möchte das so nicht hinnehmen. Sie lädt alle jungen Menschen dazu ein, sich kreativ mit der Frage auseinanderzusetzen, was sie wirklich glücklich macht. Auf ihrer Website www.becreative-projekt.de können Kinder und Jugendliche bis zum 15. Mai in jeder erdenklichen, kreativen Ausdrucksform persönliche Arbeiten zum Begriff "Glück" einreichen und damit allen Interessierten zeigen, was sie im Alltag - allen Widrigkeiten zum Trotz - bestärkt und ihnen Kraft gibt. Dabei entsteht nicht nur eine umfassende, digitale Ausstellung, sondern fast beiläufig auch ein künstlerisches Soziogramm, ein Stimmungsbarometer junger Menschen unserer Region. Und genau hierin liegt ein ungemeiner Wert, dem wir unsere volle Aufmerksamkeit schenken sollten.
Daniela, wie würdest du die Idee hinter „be creative“ beschreiben und was soll das Projekt bewirken?
Wir wollen Gedanken und Gefühle junger Menschen sichtbar machen und ihnen Wertschätzung und Anerkennung entgegenbringen. Unsere Kinder leben in einer Welt der Multikrisen und haben immer noch mit den Auswirkungen der Pandemie zu kämpfen. Es strömt so viel auf sie ein. Weil es einfach viele Dinge gibt, die ihnen Sorgen bereiten und Angst machen können, lenken wir den Fokus ganz bewusst auf etwas Positives, nämlich das Thema „Glück“. Und weil Kunst bewiesenermaßen die mentale Gesundheit fördert, haben wir uns für eine künstlerische Aufbereitung und eine digitale Ausstellung entschieden. be creative stellt die schönen Dinge des Lebens in den Mittelpunkt und hilft dabei, sie zu erkennen.

Wir wollen wissen, was junge Menschen glücklich macht! Ist es eine Begegnung, ein liebes Wort, eine Umarmung, Zeit mit Freunden oder der Familie, der Sport, die Natur, ein gutes Buch, Musik machen oder hören oder einfach nur chillen? Manchmal ist es gar nicht so einfach, herauszufinden, was einen wirklich glücklich macht. Also, kurz innehalten, in sich hineinhören, überlegen und das Ergebnis in einem Kunstwerk gestalten. Und ganz sicher macht auch die Umsetzung der eigenen Gedanken in einen Beitrag glücklich – und stolz, wenn dieser später veröffentlicht wird.
Übrigens ist be creative kein Wettbewerb. Jedes, wirklich jedes, eingereichte Kunstwerk wird in der digitalen Ausstellung gezeigt und erfährt so Wertschätzung. Einzige Voraussetzung ist eine ausgefüllte Datenschutzerklärung.
Was hat dich zu einem solchen Projekt motiviert? Spielt da ein persönlicher Hintergrund mit hinein?
Ich habe vier Kinder. In meinem Alltag dreht sich fast alles um sie (lacht). Früher war ich als Lesemama unterwegs, habe Kinderkirche mitgestaltet und Klassenausflüge organisiert. Heute schreibe ich Kinderbücher und organisiere eben Projekte wie be creative, weil mir Kinder einfach am Herzen liegen. Und ich kann beim Malen am besten abschalten, da lag die Idee für ein Kunstprojekt nahe.
Du hast bereits - mitten in der damaligen Pandemie - ein ähnliches Projekt unter dem Titel „CoronaCreativ“ umgesetzt. Warum hast du dich nun für eine neue Auflage entschieden und gerade zum aktuellen Zeitpunkt das Thema „Glück“ gewählt?
CoronaCreativ war sehr erfolgreich. Es haben über 300 junge Menschen teilgenommen und ganz unglaublich tolle Kunstwerke eingereicht, die bis heute in der digitalen Ausstellung zu sehen sind. Sie macht immer noch sichtbar, was Kinder und Jugendliche in der Pandemie bewegt und belastet hat. Sie haben so einen Raum bekommen, um ihre Gefühle zu zeigen – über die Stadtgrenzen hinaus. Kreativität hilft dabei, Dinge klarer zu sehen, weil man sich gedanklich mit ihnen auseinandersetzt. Zwar ist die Pandemie vorbei, aber es gibt durch die Klimakrise, den Ukraine- und nun auch noch den Iran-Krieg viele Unsicherheiten, die Kinder und Jugendliche umtreiben.
Wir wollen die Aufmerksamkeit bewusst auf etwas Positives lenken. So ist das Thema „Glück“ entstanden. Die Idee, wieder ein Kunstprojekt auf die Beine zu stellen, schwirrte mir schon lange im Kopf herum. Aber manchmal will „gut Ding eben Weile haben" und nun ist be creative am Start.
Wie schon das Vorgängerprojekt, ist „be creative“ ein digitales Projekt und offen für ganz unterschiedliche Ausdrucksformen der jeweiligen Kinder. Warum habt ihr euch, auf Basis der bereits gemachten Erfahrungen, erneut für einen solchen niedrigschwelligen Zugang entschieden?
Wir wollen möglichst viele junge Menschen ansprechen, weil wir glauben, dass es gut ist, darüber nachzudenken, was Glück bedeutet. Aber nicht jeder malt gerne. Deshalb ist dies kein Malwettbewerb, sondern ein Kunstprojekt, bei dem der Kreativität keine Grenzen gesetzt sind.
So kann jede und jeder Teilnehmende das tun, was sie oder er am liebsten macht – malen, gestalten, fotografieren, filmen, musizieren, singen, schreiben. So entsteht ein bunter Strauß ganz unterschiedlicher, individueller Kunstwerke und Ausdrucksformen.
Zur Corona-Zeit war das Digitale ein einfacher Weg Distanzen zu überbrücken und das Gefühl von Gemeinsamkeit zu schaffen. Welche Vorteile hat dieser digitale Ansatz, deiner Ansicht nach, im Kontrast zu einem analogen Ausstellungserlebnis auch heute noch?
Eine digitale Ausstellung hat einige entscheidende Vorteile. Ganz egal, wie viele Beiträge eingereicht werden, wir können alle zeigen. Jedes Kunstwerk bekommt seinen Platz und erhält Wahrnehmung und Anerkennung. Eine analoge Ausstellung ist räumlich begrenzt, dann müssten wir womöglich eine Auswahl treffen und das widerspräche unserem Ansatz.
Außerdem können viel mehr Menschen die Kunstwerke anschauen, ohne dafür extra nach Oldenburg reisen zu müssen. Also können auch Freunde und Verwandte der kleinen und großen Künstlerinnen und Künstler, die vielleicht nicht hier in der Region leben, die Ausstellung besuchen und daran teilhaben. Last but not least zeigen alle Teilnehmenden so der ganzen Welt, was sie glücklich macht. Denn die Ausstellung ist öffentlich zugänglich. Also: niedrigschwellig in alle Richtungen.
Was waren denn rückblickend eure Erkenntnisse, die ihr aus der Vielzahl an Arbeiten und Positionen bei der Erstauflage ziehen konntet, hinsichtlich der Gedankenwelt der jungen Beteiligten?
CoronaCreativ hat damals nachhaltig verdeutlicht, wie sich die jungen Menschen in der Pandemie wirklich gefühlt haben. Besonders wurde dabei die Einsamkeit und Perspektivlosigkeit durch Schulschließungen und Kontakteinschränkungen in den eingereichten Tagebucheinträgen und Objekten sichtbar.
Wenn du dir wünschen könntest, was ein solches Projekt bei den Kindern und Jugendlichen bewirkt, was wäre dein Wunsch oder deine Hoffnung?
Ich wünsche mir, dass die jungen Menschen durch be creative angeregt werden, darüber nachzudenken, was ihnen wichtig ist und welche – vielleicht kleinen – Dinge sie im Alltag glücklich machen.
... und was bedeutet Glück für dich ganz persönlich?
Mein größtes Glück ist meine Familie und dass ich Projekte wie dieses, die mir am Herzen liegen, umsetzen darf. Ansonsten bin ich glücklich, wenn mir der Nordseewind bei einem langen Spaziergang um die Nase weht und wenn ich kreativ sein kann.
Vielen Dank für das Gespräch!



