BLAU KANN AUCH WÜTEND SEIN
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„Warum dominiert immer nur eine Farbe pro Bild?“ – das ist die Frage, die Gunhild Tuschen sehr oft hört. Ihre Antwort: „Weil jede Farbe ihren eigenen Raum braucht.“ In der BBK-Galerie Oldenburg sieht man, was sie meint. Da hängt ein Bild nur in leuchtendem Gelb. Gegenüber zwei in kräftigem Rot-Orange. Und daneben drei Großformate in Preußischblau. Jede Farbe für sich. Kaum Mischungen auf der Leinwand und doch sieht man Bewegung und spannende Nuancen.

Und falls ihr jetzt denkt: „Moderne Kunst? Ist nicht so meins“ – gebt den Bildern fünf Minuten. Ohne Kunstgeschichte, ohne Theorie. Einfach nur hinschauen. Vielleicht passiert dann genau das, was Gunhild Tuschen will: Ihr fühlt, statt zu denken.
Eine Leinwand voller Blau
An den Wänden der BBK-Galerie hängen derzeit leuchtende Bilder in Kadmiumgelb-Zitrone, in Chromoxidgrün und weitere in Preußischblau. Nicht das freundliche Himmelblau aus dem Aquarellkasten, auch nicht das knallige Cyan aus dem Drucker, sondern ein Blau, das viele Facetten hat und manchmal auch fast schwarz sein kann. Mal satt, mal tief, mal durchscheinend.
Manche Bilder schimmern wie Wasser. Andere wirken wie Kraterlandschaften. Wieder andere sehen aus, als hätte jemand mit bloßen Händen in nasse Farbe gegriffen und Spuren hinterlassen. Die Künstlerin heißt Gunhild Tuschen und sie entführt uns in der BBK-Galerie gerade in ihre Welt aus hundert Schattierungen einzelner Farben.
Warum nur eine Farbe?

Die erste Frage, die man sich stellen mag: Warum beschränkt sich jemand freiwillig auf eine einzige Farbe? Gunhild Tuschen hat in einem Interview einst verraten: „Es schmeckt so schön. Ich gehe gerne mit den Händen rein.“
Preußischblau ist für sie kein Konzept. Es ist ein Material, es hat etwas Sinnliches, das „schmatzt“, wenn man es aufträgt. Etwas, in das man eintauchen will – „genauso wie in feuchte Erde oder Schlamm“, sagt sie selbst.
Dieser tiefdunkle Blauton wirkt in ihren Bildern sehr kraftvoll und ist doch an manchen Stellen so durchlässig, dass man die darunterliegende Leinwand erahnen kann. Andere Stellen sind extrem deckend, fast schwarz. Wieder andere wurden sichtlich mit dem Spachtel bearbeitet: Die Künstlerin trägt die Farbe großzügig auf, manchmal kratzt sie sie wieder aus, zieht feine Linien. Die Farbe zeigt hundert Gesichter, aber es ist immer dasselbe Pigment aus derselben Tube.
Genau darin liegt für Tuschen die Freiheit: Wer sich auf einen Farbton konzentriert, entdeckt die ganze Bandbreite. Was nach Einschränkung aussieht, wird für sie zur großen Freiheit.
GUNHILD TUSCHEN:
ZUFÄLLIG SIND WIR GEWORFEN – WENIG TRENNT UNS
BIS 3. MAI 2026
BBK-GALERIE
26121 OLDENBURG
DI-DO: 14-17 UHR
SO: 11-14 UHR
KOSTENFREI
Eine Farbe mit Geschichte
Preußischblau hat eine verrückte Geschichte. 1706 wollte jemand in Berlin eigentlich etwas ganz anderes herstellen und heraus kam: dieses Blau. Eines der ersten Pigmente, das nicht aus Steinen oder Pflanzen gewonnen wurde, sondern im Labor entstand. Seitdem heißt es auch Berliner Blau oder Pariser Blau und wurde in der Malerei genauso eingesetzt wie in der Textilfärbung.
Aber – und jetzt wird es wild – Preußischblau hat auch eine ganz andere Funktion. Es wird als Medikament eingesetzt. Arbeiter:innen in Kernkraftwerken bekommen es, um radioaktive Stoffe wie Thallium und Cäsium aus dem Körper zu binden.
Die gleiche Farbe, die hier an der Wand hängt, zieht Strahlung aus Menschen? Die gleiche Farbe, mit der Tuschen malt, rettet Leben? Ja. Genau dieselbe. Gunhild Tuschen weiß das natürlich und es ist kein Zufall, dass sie ausgerechnet diese Farbe gewählt hat.
Und jetzt fragt ihr euch vielleicht: Muss ich das alles wissen, um die Bilder zu verstehen? Nein. Tuschen malt nicht für Leute, die Kunstgeschichte oder Chemie studiert haben. Sie malt für alle, die gerne hinsehen und das Gefühl kennen, dass die Welt manchmal einfach zu viel ist.
„Wir wissen, dass wir die Welt zerstören und machen trotzdem weiter“
Ihre Werkreihe mit Preußischblau hat einen politischen Unterton. Die Bilder tragen den Zusatz im Titel „Was sind wir Menschen dumm“. Es geht dabei darum, dass wir wissen, dass wir die Welt zerstören, dass wir die Zusammenhänge längst kennen und trotzdem machen wir – sehenden Auges – weiter. Jeden Tag dieselben Wiederholungen.
Das ärgert Tuschen.
Daher wollen ihre Werke nicht nur schön sein. Sie zeigen ein stückweit Wut, Ohnmacht und Energie, die einen Weg nach draußen sucht. Dieser Weg führt über den Spachtel. Denn Tuschen malt nicht nur – sie arbeitet. Sie kratzt in die Farbe, zieht sie übers Bild, schichtet sie übereinander. Manchmal wird es weich und fein. Manchmal grob und scharfkantig. Und manchmal kratzt sie so heftig, dass wir spüren: Hier muss etwas raus, das sich nicht in Worte fassen lässt.
Die Gesten in ihren Bildern sind Spuren von Bewegung, Körperlichkeit und von dem, was der Ausstellungstitel andeutet: „Zufällig sind wir geworfen – wenig trennt uns.“ Es geht um den Körper, um Bewegung, um Dinge, die man nicht erklären, sondern nur fühlen kann.
Wenn Künstler:innen sich beschränken
Ist das eigentlich eine neue Idee, sich auf der Leinwand vor allem einer Farbe zu widmen? Nein, die Kunstgeschichte liefert uns verschiedene Beispiele, wo das ähnlich ist.
Yves Klein, der französische Künstler, malte in den 1950er-Jahren nur mit einer Farbe: einem speziellen Ultramarin-Blau, das er „International Klein Blue“ nannte und sogar patentieren ließ. Seine einfarbigen Leinwände sollten das Unendliche zeigen, etwas Unsichtbares sichtbar machen. Glatt wie ein Spiegel. Spirituell. Fast schon meditativ.
Gunhild Tuschen ist das genaue Gegenteil. Ihr Blau ist nicht glatt. Es ist aufgeraut, gestisch, prozesshaft. Wo Yves Klein das Kosmische suchte, forscht Tuschen eher nach dem Körperlichen.

Ein anderes Beispiel: Anish Kapoor, der sich die exklusiven Rechte an Vantablack gesichert hat – dem schwärzesten Schwarz, das je entwickelt wurde. Kein anderer Künstler darf es benutzen. Das sorgte für Ärger in der Kunstwelt (und für eine witzige Gegenbewegung: Der Künstler Stuart Semple entwickelte das „pinkeste Pink“ und verbot Kapoor ausdrücklich, es zu kaufen).
Gunhild Tuschen steht nun in der Reihe dieser Künstler, jedoch macht sie es auf ihre Weise. Ihr Preußischblau ist kein patentiertes Wunder. Es ist eine Tube Farbe von einem bestimmten Hersteller, „dessen Konsistenz und Farbintensität die Qualität hat, die ich haben möchte“, sagt sie. Kein großer Mythos. Nur Farbe, Leinwand und ihre Hände.
Bilder, die weiterleben
Gunhild Tuschens Werk hat noch eine andere Facette, die faszinierend ist: Sie macht sogenannte „Repaintings“ – Bilder, die sie vor Jahren begonnen und später wieder hervorgeholt hat. Ein Werk von 2009 wird 2024 nochmal auf die Staffelei gestellt. Neue Schichten kommen drauf. Alte Linien bleiben stehen, doch das Bild lebt weiter. Das ist keine Korrektur. Es ist eher so, als würde die Künstlerin von 2009 mit der Künstlerin von 2024 reden. Über Farbe. Ohne Worte.
In Oldenburg kennen wir das von Franz Radziwill, dem berühmten Maler aus Dangast. Auch er hat seine Bilder über Jahrzehnte hinweg immer wieder übermalt. Manche Werke tragen Schichten aus verschiedenen Lebensphasen. Bei Radziwill war es allerdings oft Unzufriedenheit – er wollte das Bild gern „besser“ machen. Bei Tuschen ist es anders. Sie will nichts verbessern. Sie will sehen, was passiert, wenn Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen.
Was wir mitnehmen

„Zufällig sind wir geworfen – wenig trennt uns“ klingt als Titel der Ausstellung erst einmal abstrakt. Doch sobald man vor den Bildern steht, ergibt er Sinn. Die Farben sind ausdrucksstark, jede Leinwand ist irgendwie anders, aber so pulsierend voller Leben. Mal zart, mal brutal. Mal durchlässig, mal deckend. Mal ruhig, mal aufgewühlt. Dazwischen: ein weiter Raum zum Innehalten.
Gunhild Tuschen zeigt: Weniger ist manchmal mehr. Wer sich auf eine Farbe konzentriert, sieht mehr, nicht weniger. Wer alles haben will, verliert sich. Wer sich fokussiert, geht vielmehr in die Tiefe.
Die Bilder hängen noch bis 3. Mai in der BBK-Galerie. Geht einfach hin, schaut ein paar Minuten, lasst die Farben wirken. Preußischblau schmeckt wirklich schön.


