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HÄNDE DRECKIG, HERZ GLÜCKLICH: TAG DER DRUCKKUNST

  • vor 4 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Canva-Vorlage aussuchen, Text anpassen, Download-Button klicken – fertig ist das Poster innerhalb von drei Minuten. Ganz ohne Dreck unter den Fingernägeln. Funktioniert einwandfrei. Dennoch stehen am 15. März Menschen in Oldenburg vor einer hundert Jahre alten Druckerpresse und machen alles von Hand, mit echter Farbe, Papier und der großen Frage: Wird es so, wie ich es mir vorstelle? Willkommen beim Tag der Druckkunst!


Bilder aus der Ausstellung IMAGE to IMAGE von Michael Soltau an einer Wand der VHS Oldenburg
Ohne Automatik, nur mit Handarbeit. Am Tag der Druckkunst wird gedruckt wie vor hundert Jahren – mit Farbe, Papier und dem Moment der Spannung beim Abziehen des Blattes. (Bild: Kulturschnack)

Warum ausgerechnet jetzt?


Die Frage ist berechtigt: Warum sollte man 2026 noch Kupferplatten ätzen, wenn man in wenigen Sekunden ein KI-Bild generieren kann? Die Antwort liegt vielleicht gerade darin. Druckkunst ist das Gegenprogramm zur digitalen Welt. Sie riecht nach satter Farbe und Leinöl, hinterlässt Spuren im Papier, die sich anders anfühlen als glatter Digitaldruck. Sie überrascht, weil jeder Abzug ein bisschen anders wird, selbst wenn wir dieselbe Platte benutzen. Mal deckender, mal lasierter. Mal scharf konturiert, mal leicht verwischt.


Das ist keine nostalgische Spielerei. Es ist eine Renaissance des Handwerks, die gerade überall passiert: Vinyl-Verkäufe erreichen Rekordwerte, analoge Kameras sind wieder gefragt, klassische Druckereien schießen in Großstädten aus dem Boden. Siebdruck-Workshops sind ausgebucht, Kunstbuchläden boomen mit handgedruckten Magazinen. Es kommt das Gefühl auf, dass viele genug von austauschbaren Canva-Templates und KI-generierten Bildern haben. Sie wollen wieder etwas schaffen, das nicht so einfach mit Copy-Paste reproduzierbar ist.



Oldenburg und die Kunst der Linie


Wenn es eine Stadt gibt, die Druckkunst ernst nimmt, dann Oldenburg. Nicht zuletzt wegen Horst Janssen. Er, das kann man sagen, war besessen von Drucktechniken. Radierung, Holzschnitt, Lithografie – er beherrschte sie alle und trieb sie an ihre Grenzen. Janssen ritzte Linien in Metallplatten, die so gestochen fein waren, dass man beim Betrachten seiner Arbeiten glaubt, er hätte mit einer Nadelspitze geritzt. Seine Holzschnitte dagegen sind kraftvoll, expressiv, manchmal brutal direkt.


Was Janssen so besonders macht: Er hat Druckkunst nicht als Reproduktionstechnik verstanden, sondern als eigenständige Kunstform. Jede Platte war ein Experiment. Jeder Print ein Unikat, auch bei mehrfachem Abzug. Er hat gezeigt, dass Druckkunst mehr kann als ein Original vervielfältigen. Sie kann etwas schaffen, das nur im Druck so funktioniert.


Und genau deshalb passt es perfekt, dass das Horst-Janssen-Museum am Tag der Druckkunst seine Türen öffnet und zeigt: Wir präsentieren nichts, das verstaubt ist, sondern lebendige Tradition.




TAG DER DRUCKKUNST


15. März 2026


HORST JANSSEN MUSEUM

26121 OLDENBURG



EINTRITT: FREI




Tag der Druckkunst: UNESCO-Kulturerbe wird gefeiert


Am 15. März 2018 wurden die traditionellen Drucktechniken zum immateriellen UNESCO-Kulturerbe erklärt. Seitdem ist der 15. März der bundesweite Tag der Druckkunst. Ein Tag, an dem Museen, Werkstätten, Kunstvereine und Ateliers zeigen: Dieses Handwerk lebt.


Immaterielles Kulturerbe – das klingt erst mal sperrig. Aber es bedeutet: Drucktechniken wie Radierung, Holzschnitt, Lithografie sind nicht nur alte Handwerksmethoden, sondern Wissen, das weitergegeben werden muss. Fähigkeiten, die man nicht in einem YouTube-Tutorial lernt, sondern nur durch Machen, Ausprobieren, Scheitern und nochmal machen.


Der Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler ruft jedes Jahr dazu auf, dieses Erbe sichtbar zu machen. Von den traditionellen Techniken bis zur experimentellen Druckkunst. Von der Kartoffelstempel-Werkstatt für Kinder bis zur Meisterklasse an der historischen Presse. Und Oldenburg macht mit!



Was passiert am 15. März im Horst-Janssen-Museum?


Das Horst-Janssen-Museum lädt von 15 bis 18 Uhr nicht nur zum Gucken, sondern zum Mitmachen ein. An der historischen Frielinghauspresse kann man dem Oldenburger Künstler Helmut Feldmann über die Schulter schauen. Feldmann arbeitet dabei an einer Druckerpresse, bei der noch mit Muskelkraft das angefeuchtete Papier auf die eingefärbte Platte gepresst wird. Nach dem Abziehen kommt der Moment der Wahrheit: Ist es etwas geworden? Der Künstler zeigt, wie die Platte vorbereitet, Farbe aufgetragen und dann als Druck abgezogen wird. Fragen sind dabei ausdrücklich erwünscht. Wie lange dauert es zum Beispiel so einen Druck herzustellen? Warum genau diese Farbe? Was passiert eigentlich, wenn's schiefgeht? Das Schöne: Hier erleben wir den ganzen Prozess. Von der leeren Platte bis zum fertigen Druck.


Frielinghauspresse
Die Frielinghauspresse hat unzählige Drucke produziert und funktioniert noch heute. Am 15. März ist sie wieder im Einsatz: Helmut Feldmann druckt mit Techniken, die schon Horst Janssen perfektioniert hat. (Bild: Andrey Gradetchliev)

Auf Ebene 2 gibt es eine Mitmach-Station zum Stempeln. Klingt simpel? Stimmt. Und genau deshalb ist es der perfekte Einstieg in die Welt der Druckkunst. Man schneidet aus Moosgummi eigene Stempel, probiert aus, was passiert, wenn man verschiedene Formen kombiniert, sie übereinander und nebeneinander auf verschiedene Materialien walzt. Dabei gilt, dass es kein Richtig oder Falsch gibt. Nur Ausprobieren zählt. Dann passiert nämlich etwas: Die Schultern entspannen sich. Die Stirn wird glatt. Die Hände kommen ins Tun. Drucken hat durch den Rhythmus und die Wiederholung manchmal etwas beruhigend Entschleunigendes.


Um 15.30 Uhr startet eine 30-minütige Führung mit dem Kunstvermittler Dirk Meyer zu den Drucktechniken von Horst Janssen. Hier wird gezeigt, wie Janssen gearbeitet hat, welche Werkzeuge er nutzte, warum manche seiner Radierungen aussehen wie Zeichnungen – und andere wie kleine Explosionen. Um 17 Uhr gibt es eine weitere Führung – diesmal zu Christoph Niemann. Niemann ist der moderne Star-Illustrator, der gerade im Museum ausgestellt wird. Seine Arbeiten sehen völlig anders aus als Janssens – klar, reduziert, oft digital. Aber: Auch Niemann nutzt Drucktechniken und die Führung zeigt, wie sich Druckkunst von Janssen bis heute entwickelt hat.


Zwei Führungen, zwei Generationen, eine Technik. Das ist der Bogen, den das Museum am Tag der Druckkunst schlägt. Und das Beste: Der Eintritt ist frei. Einfach vorbeikommen, reinschnuppern, ausprobieren.

 


Wo kann man in Oldenburg sonst noch drucken?


Oldenburg hat eine lebendige Druckkunst-Szene. Für Einsteiger lohnt es sich bei der Volkshochschule (Karlstraße 25) vorbei zu schauen. Hier gibt es regelmäßig Linoldruck-Kurse, in denen man lernt, wie Post- und Grußkarten mit selbst geschnitzten Linolplatten entstehen. Linoldruck ist generell ideal für den Anfang. Das Material ist günstig, die Werkzeuge überschaubar und die Ergebnisse sind schnell sichtbar. Am Ende hat man einen Stapel selbst gepresster Karten zum Verschenken. Dabei arbeitet die VHS mit Dozent:innen aus der Praxis. Also Menschen, die ihr Handwerk lieben und weitergeben wollen.


Kunst im Arbeitsalltag: Felice Varini, „circles, mirrors, staircases“
Ein Blattmuster in sattem Blau – entstanden mit Walze, Farbe und einem geschnitzten Holzstempel. Was erhaben ist, wird eingefärbt und aufs Papier gebracht. (Bild: Kulturschnack)

Wer direkt von Künstler:innen lernen möchte, ist bei der Werkschule (Rosenstraße 41) gut aufgehoben. Der Fokus liegt auf künstlerischer Praxis mit professionellen Künstler:innen. Wer nicht nur schnuppern, sondern richtig einsteigen möchte, ist hier genau richtig.


Ein Geheimtipp liegt kurz vor den Toren Oldenburgs: Die Druckwerkstatt Craftschöpferey in Ganderkesee-Schierbrok (Schierbroker Mühlenweg 11, 27777 Ganderkesee). Hier gibt es eine professionelle Ausstattung für Siebdruck, Linolschnitt, Monotypie, Cyanotypie und mehr. Das Besondere: Die Werkstatt arbeitet lösemittelfrei und umweltbewusst, mit kleinen Gruppen (maximal 6 Personen) und viel Raum zum Experimentieren. Freitags ist offene Werkstatt und am 15. März 2026 – zum Tag der Druckkunst – gibt es viele Stationen zum Ausprobieren.


Ihr studiert in Oldenburg? Dann habt ihr Zugang zur Werkstatt für Druckgrafik am Institut für Kunst und visuelle Kultur der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Dort stehen traditionelle Andruckwalzen, Hochdruckpressen, Radierpressen und Siebdruck-Equipment zur Verfügung. Die Werkstatt ist einmal wöchentlich für Studierende geöffnet.


Übrigens: Im Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg (Schloss) läuft noch bis zum 21. Juni 2026 die Ausstellung „Plakat-Kunst aus dem Landesmuseum“ – Künstlerplakate in Verbindung mit Grafik und Druckkunst. Passt perfekt, um sich inspirieren zu lassen, bevor man selbst an der Presse steht.



Also, warum nicht mal ausprobieren?


Am 15. März haben wir die Chance, Druckkunst live zu erleben. Nicht als fertiges Bild an der Wand, sondern als handwerklichen Prozess. Als etwas, das entsteht, während wir zuschauen oder uns sogar selbst die Finger mit Druckerfarbe schmutzig machen.

Dafür muss niemand ein Kunst-Profi sein, besonderes Talent mitbringen oder die Farbenlehre beherrschen. Wir dürfen einfach neugierig sein.


Und vielleicht verstehen wir dann, warum Menschen 2026 immer noch staunend vor einer alten Druckerpresse stehen und sagen: „Digitale Grafik-Tools sind toll. Aber das hier? Diese satten Farben, das geprägte Papier und der Geruch nach frischer Druckfarbe – das ist echt.“



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