ZAHLTAG: DER RING

In diesen Tagen wird der komplette „Ring des Nibelungen“-Zyklus von Richard Wagner letztmalig in Oldenburg aufgeführt. Wer sich die vier Aufführungen vollständig anhört, braucht nicht nur belastbares Sitzfleisch, sondern auch austrainierte Ohrmuscheln - denn es gibt nicht weniger als 16 Stunden Musik zu hören.


Zum Glück nicht an einem Stück: 16 Stunden Musik (Grafik: Kulturschnack)

Über fünf Jahre hinweg hat das Oldenburgische Staatstheater den Zyklus aufgebaut, sukzessive wanderten seine vier Elemente „Rheingold“, „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ in das Programm der letzten Spielzeiten.


Frühere Versuche, die vollständige Tetralogie in Oldenburg auf die Bühne zu bringen, waren nie erfolgreich gewesen. Pünktlich zum hundertsten Jubiläum der Opernsparte gelang es dem Team um Generalintendant Christian Firmbach, Generalmusikdirektor Hendrik Vestmann und Regisseur Paul Esterhazy jedoch.


Im Juli und September dieses Jahres wurde der vollständige Zyklus endlich aufgeführt. „Ursprünglich war das schon für 2020 geplant, die Corona-Pandemie sorgte aber für zwei Jahre Verspätung“, erklärt Pressesprecherin Ulrike Wisler die große Zeitspanne zwischen der ersten Premiere im Frühjahr 2017 und dem letzten Vorhang im Herbst 2022. Nach insgesamt nur drei kompletten Aufführungen über zwölf Abende ist am Samstag, den 1. Oktober, endgültig Schluss. Warum gibt es keine weiteren Vorstellungen? „Ich fürchte, das würden Haus und Mitarbeiter:innen kräftemäßig nicht überstehen“, gewährt uns Ulrike einen kleinen Blick hinter die Kulissen. Zwar mit einem Augenzwinkern - aber auch mit einer gewissen Überzeugung.


 

RICHARD WAGNER DER RING DES NIBELUNGEN


SIEGFRIED

MITTWOCH, 28. SEPTEMBER, 17 UHR (TICKETS)


GÖTTERDÄMMERUNG SAMSTAG, 1. OKTOBER, 17 UHR (TICKETS) OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER

THEATERWALL 28 26122 OLDENBURG

 

Epische Dimensionen


Und wer weiß, vielleicht ist auch dem Publikum nicht viel mehr zuzumuten? Der Ring ist tatsächlich eine Art Olymp der Oper. Um sich Dimensionen vor Augen zu führen, hilft es ja immer, wenn man den einen oder anderen Vergleich bemüht. In 16 Stunden könnte man zum Beispiel...

  • ungefähr 26 Mal das legendäre „Revolver“-Album der Beatles durchhören.

  • etwa 480 Trailer zu aktuellen Kinofilmen anschauen

  • über 200 Beiträge auf dem Kulturschnack lesen

  • ungefähr 20 Punk-Konzerte live erleben

  • oder von Oldenburg bis nach Amsterdam laufen, wenn man das Tempo von Marathon-Weltrekordler Eliud Kipchoge hat.


ICH KAUFE EIN „R“...


„...und möchte lösen", ergänzen diejenigen intuitiv, die sich noch an die Anfangstage des Privatfernsehens erinnern, als das "Glücksrad" zum allabendlichen Ritual unzähliger Haushalte gehörte. Buchstaben kann man jetzt wieder kaufen. Und dafür muss man in keine Zeitmaschine einsteigen und eine Gameshow der Achtziger besuchen, sondern nur ins Foyer des Staatstheaters kommen, wo es die güldenen Lettern des RING zu erwerben gibt.


Edle Erinnerungen: Nicht nur optisch attraktiv, sondern auch inhaltlich. (Bild: Hannah Thiel)

Wer Oper, Wagner, den Ring und/oder das Staatstheater liebt, kann vermutlich kein besseres - und auffälligeres - Erinnerungsstück erstehen. Zudem haben die Buchstaben eine gewisse Symbolik: Sie sind wuchtig und präsent, gleichzeitig aber auch glanzvoll und festlich. Sozusagen: Ein Äquivalent zu Wagners Kompositionen. Die Preise variieren ja nach Größe zwischen 15,00 und 90,00 Euro pro Stück.


Aber das Beste kommt noch: Wer einen Buchstaben erwirbt, spendet für einen guten Zweck, nämlich die Kinder- und Jugendarbeit des Staatstheaters. Wer bis hierhin also noch gezögert hat, ob so ein Goldstück mit seinem persönlichen Umfeld harmoniert, kann nun also alle Bedenken beiseite wischen. Man tut es ja nicht für sich, man tut es für die Zukunft des Theaters!


Folgende Gelegenheiten habt ihr:

Mittwoch, 28. September, ab 16 Uhr und in der 1. Pause

Samstag, 1. Oktober, ab 16 Uhr und in der 1. Pause



Große Emotionen


Keine Frage: Der 1. Oldenburger Ring war, ist und bleibt ein Projekt der Superlative. Das betraf den Aufwand und die Anforderungen für alle Beteiligten. 16 Stunden Oper wollen schließlich erstmal einstudiert und geprobt werden. Das betraf aber auch die unvorhersehbaren Herausforderungen im Kontext zur Pandemie. Es ging dabei nicht nur um vergebliche Proben und Änderungen der Spielpläne. Es ging auch um unzählige Krankheitsfälle und zwischenzeitlich beendete Engagements. „Das war tatsächlich nervenaufreibend“, erinnerte sich Ulrike an turbulente und frustrierende Zeiten zurück.


All das musste kommentiert, kompensiert, korrigiert werden. Und deshalb lässt sich in diesem Moment jede Gefühlsregung im Team des Staatstheaters nachvollziehen: Unendliche Freude, dass der Ring-Zyklus doch noch aufgeführt werden konnte und begeisterte Reaktionen erhielt. Aber Freude auch darüber, dass dieses Großprojekt nun endlich erfolgreich abgeschlossen ist.


Epische Dimensionen: Das galt nicht nur für die Musik, sondern auch für das Marketing (Bild: Kulturschnack)

Letzte Chancen


Wer jetzt denkt: „Oh mein Gott, ich habe etwas Epochales verpasst!“, hätte zwar Recht. Doch es gibt noch eine letzte Möglichkeit, dieses Versäumnis zu korrigieren: Für die Vorstellungen am Mittwoch, den 28. September, und Samstag, den 1. Oktober, sind noch wenige Restplätze vorhanden. Der Nachteil: Es sind größtenteils Stehplätze. Das belastet die Füße. Der Vorteil: Es sind größtenteils Stehplätze. Das entlastet das Gesäß.


Auf jeden Fall verabschiedet sich mit dem Ring etwas Großes aus der Stadt. Etwas, das es in dieser Form zum ersten Mal gab und das es - so viel Realismus sei erlaubt - lange Zeit nicht wieder geben wird. Wer von nun an 16 Stunden Musik hören mag, muss Alternativen suchen. Also entweder die Lieblingsplatte in Dauerschleife - oder aber all die anderen wunderbaren Veranstaltungen im Oldenburger Kulturprogramm. Die sind jeweils für sich vielleicht nicht ganz so episch - gemeinsam ergeben sie aber auch: etwas Großes!



 


Wer etwas mehr Gefühl für den „Ring“ bekommen möchte, sollte sich unbedingt dieses feine Video des Staatstheaters anschauen.