NAH AM WASSER GEBAUT

Man muss sie einfach lieben, die deutsche Sprache. Sie wirkt eigentlich eher kantig und zackig („Achtung!“, Halt!“), verfügt aber doch über viele wunderbare Sprachbilder. Eines macht sich nun das Theater Kollektiv Die soziale Fiktion zu eigen: „Nah am Wasser gebaut“ sind Menschen, die leicht in Tränen ausbrechen - aber auch viele Städte und Stadtviertel, die entsprechende Gefühle bei uns auslösen. Wie beides zusammenpasst bzw. zusammengehört? Das haben wir uns angeschaut.


Gebäude, die in den Himmel ragen und den öffentlichen Raum gestalten - auch in Oldenburg
Kryptisch: Es ist manchmal gar nicht so leicht, unsere alltägliche Umgebung zu lesen und zu verstehen (Bild: Die soziale Fiktion)

Um alle Oldenburg-Fans gleich zu beruhigen: Nein, unsere Stadt ist nicht der Grund, warum manche von uns zur Traurigkeit neigen. Jedenfalls nicht im Speziellen. Es gibt aber auch hier durchaus Orte, Konstellationen und Situationen, die uns negativ fühlen lassen. Wir begegnen ihnen mehr oder weniger regelmäßig, manchmal ganz plötzlich und unerwartet, manchmal ohne es bewusst zu bemerken bzw. zuordnen zu können.


Das Problem ist nicht die Stadt an sich, sondern die Art und Weise, wie wir sie heute gestalten - und die Gefühle, die das in uns auslöst. Wir alle kennen die menschlichen Silhouetten, die in den großen Plänen der Architekt:innen auftauchen. Render Ghosts nennt man sie. Scheinbar zufrieden und zielgerichtet leben sie in den Welten, die für sie erschaffen wurden. Gefühle? Sind untergeordnet, falls überhaupt vorhanden. Aber wie geht es uns - den realen Menschen - eigentlich im öffentlichen Raum? Was fühlen wir, wenn wir uns durch Beton- und Steinwüsten bewegen, flankiert von genormter Natur? Tut das gut? Oder fehlt uns was? Eine spannende Frage - deren Beantwortung angesichts ihrer Bedeutung viel zu kurz kommt.


 

GASTSPIEL DIE SOZIALE FIKTION / FREISCHWIMMEN

NAH AM WASSER GEBAUT


DONNERSTAG, 20. OKTOBER, 20 UHR (TICKETS)

FREITAG, 21. OKTOBER, 20 UHR (TICKETS)


THEATER WREDE +

KLÄVEMANNSTRAßE 16

26122 OLDENBURG

 

Nichts ist sicher


Da die Stadtplanung auf Funktionalität ausgerichtet ist, sich um diese Belange mithin wenig kümmert, übernimmt einmal mehr die Kultur. In diesem Fall: Die soziale Fiktion. Das Hildesheimer Kollektiv gründet für diesen Theaterabend einen Un–Sicherheitsdienst: Die INSECURITY hat es sich zur Aufgabe gemacht, „negative“ Gefühle wie Angst, Erschöpfung und Einsamkeit sichtbar zu machen. Ihr Ziel: Die als individuell und privat empfundenen Gefühle sollen in die Öffentlichkeit – raus aus den eigenen vier Wänden, raus auf die Straße, rein ins gesellschaftliche Bewusstsein. Die INSECURITY kennt nicht die Lösung, aber das Problem – und soll ein Geheimnis lüften, von dem alle wissen, über das aber niemand spricht.



Die Soziale Fiktion setzt in „Nah am Wasser gebaut“ seine Beschäftigung mit der gesellschaftlichen Dimension von Gefühlen fort. Das Publikum ist eingeladen zu einer Mischung aus Werbe-Veranstaltung, Agit-Pop und Theater mit offenem Ende.



Genialer Einfall


Theater lässt hier einmal mehr die Grenzen der Unterhaltung hinter sich. Es beobachtet uns und die Welt, in der wir leben. Es registriert unsere Verhaltensweisen und erkennt Zusammenhänge. Es stellt Fragen und begibt sich auf die Suche nach Antworten. Und all das scheint auch nötig zu sein. Denn längst erschaffen wir uns Umgebungen, die bei genauerem Hinsehen im Grunde wenig lebenswert erscheinen.


Das Besondere: Diesem Gastspiel ging vor zwei Wochen eine Talkshow voraus, die das Thema mit regionalen Akteuren zusammen mit dem Publikum vorab besprochen hat. Das wirkt vielleicht erstmal ungewöhnlich, aber eigentlich muss man stattdessen eher fragen, was für ein genialer Einfall das ist. Der zusätzliche Kontext bereichert beide Formate, das Thema wird intensiv beleuchtet und besprochen. Wer Lust auf innovatives, kreatives und wichtiges Theater hat, kann kaum besser bedient werden. Diese Doppel-Termine sind ohne Zweifel eine Bereicherung der Theaterlandschaft.

DIE SOZIALE FIKTION


DSF waren erst einige WGs, dann ein Freund:innenkreis, ein Theaterkollektiv und jetzt ein Zusammenschluss aus Theaterschaffenden und Kulturwissenschaftler:innen aus Hildesheim. Seit 2010 arbeiten die Autor:innen, Performer:innen, Organisator:innen und Künstler:innen kollektiv an gemeinsamen Theaterprojekten.

Das DSF beschäftigt sich mit

  • der Frage nach der Fiktion im Dokumentarischen

  • der Umdeutung der Zuschauendenperspektive

  • dem Wesen kollektiver Prozesse

  • dem ästhetische Motto: „Fast aber nicht ganz ;)“

  • der Skepsis an Gesten und Selbst-Erzählungen der postmodernen Gesellschaft​


Die Arbeiten des Kollektivs sind politisch motiviert, das heißt vor jedem Prozess steht die Frage nach der Gestaltung und Veränderbarkeit vorherrschender Strukturen. Theater ist für DSF nicht Mittel zum Zweck sondern Medium des Zufalls, der Überschneidung und Synchronisation.

Impulse und Akzente


Das theater wrede + setzt damit seine neue Abendgestaltung fort. Unter dem Titel “Stage Mates“ möchte man die eigene Bühne verstärkt für freie Ensembles öffnen und damit auch für neue Impulse und Akzente. Das ist natürlich ein Experiment, schließlich haben auswärtige Kollektive keine Lobby in der Stadt, das Publikum muss also ad hoc gewonnen werden. Allerdings bietet dieser Ansatz die große Chance, Neues zu entdecken, ohne den Aufwand einer Reise auf sich zu nehmen.


Der entscheidende Nachteil ist also gleichzeitig der entscheidende Vorteil: Wir wissen nicht, was uns erwartet. Wir kennen die Beteiligten nicht, wir wissen nicht, wie sie agieren. Die Frage ist: was löst das bei uns aus? Skepsis? Zweifel? Zurückhaltung? Oder vielleicht Neugier? Aufregung? Sogar Vorfreude? Alles ist möglich, alles wäre verständlich. Man findet es aber nur raus, wenn man hingeht und eintaucht. Und spätestens dann dürfte etwaige Zurückhaltung kein Thema mehr sein.


Auch in Oldenburg: Diese Render Ghosts sind in der Zukunft des Fliegerhorstes zuhause (Bild: BOMA Architekten)

Die Welt mit anderen Augen


Zumal sich jetzt schon abzeichnet, dass nicht gerade gefällig-seichte Unterhaltung im Mittelpunkt steht, sondern große gesellschaftliche Themen. Die Formate weichen dabei recht stark von traditionellen Schauspielformaten ab, sind manchmal regelrecht experimenteller Natur. Aber das ist absolut kein Nachteil, sondern ein Vorteil. Denn sie bieten letztlich - um mal im Bild zu bleiben - einen kognitives Spielfeld an.


Letztlich spielt es keine Rolle, ob du nah am Wasser gebaut bist oder nicht: Es lohnt sich, die eigenen Emotionen genau zu beobachten und zu hinterfragen. Das wird umso einfacher, wenn diese Reflexion theatralisch inszeniert und in einen spannenden Theaterabend eingebettet wird. Wagt also den Selbstversuch - uns seht die Welt mit anderen Augen.