WER IST JON GNARR?

Oldenburg rückt in diesen Tagen dichter an den Nordpol. Aber keine Sorge, das betrifft nicht die Tektonik, sondern nur die Temperaturen und die Themen. Vom 20. September bis zum 24. November dreht sich in der Stadt vieles um Island. Die kleine Insel im hohen Norden ist Partnerland der diesjährigen „Begegnungen“. Sie gewähren uns tiefe Einblick in die Kultur und die Mentalität des Landes und führen überaus spannende Gäste nach Oldenburg. Wie etwa: Jon Gnarr.


Jon Gnarr in Oldenburg im Altera Hotel
Entspannt: Jon Gnarr im Gespräch mit dem Kulturschnack, passenderweise in einem Hotel (Still: Kulturschnack)

Es ist ein nasskalter Montagmorgen in Oldenburg. Enthusiastische Ideen, Jon Gnarr unter freiem Himmel zu interviewen, zerschlagen sich im frühherbstlichen Nieselregen. Umso einladender wirkt dann aber das Setting für unser Gespräch in seinem Hotel am Waffenplatz: Bequeme Couches, gedämpftes Licht - und ein gutgelaunter Gast. Der isländische Schriftsteller ist erst tags zuvor aus Island angereist, scheint aber bereits angekommen.


Der Ort ist aus ein weiteren Grund passend: Im Rahmen der „Begegnungen“ wird es in der Alten Maschinenhalle am Pferdemarkt eine szenische Lesung von Jon Gnarrs provokantem Erfolgsstück „Hotel Volkswagen“ geben. Wenn sich ein heißer Kaffee am VW-Bulli von Käthe Kaffee witterungsbedingt schon nicht realisieren lässt - dann ist dies zweifellos die nächstbeste Lösung.




Bevor wir mit Jon über sein Stück sprechen (siehe grauer Kasten), wollen wir aber mehr über ihn erfahren. Du hast sowieso noch nie von ihm gehört? Keine Sorge: Das geht einigen so. Island steht bei uns eben nicht gerade im Fokus der tagtäglichen Berichterstattung - was die Bedeutung eines Formats wie die „Begegnungen“ noch unterstreicht. In seinem Heimatland ist Jon jedenfalls eine Art Superstar. Aber selbst wer ihn kennt, fragt sich manchmal: Wer ist Jon Gnarr?


Wir sind es gewohnt, Menschen auf eine wesentliche Eigenschaft zu reduzieren, oft auf den Beruf. Wenn sich jemand dieser einfachen Kategorisierung entzieht, dann erscheint uns das schon beinahe frech. Wenn dem so ist, dann gehört Jon Gnarr zu den frechsten. Wer ihn flüchtig googelt, bekommt höchst spannende Ergebnisse ausgeworfen. Jon Gnarr war nicht nur Schulabbrecher, Punkrocker, Autor, Taxifahrer, Moderator, Schauspieler, Comedian und Creative Director - sondern darüber hinaus auch Mitbegründer der politischen Partei Besti flokkurinn („Die beste Partei“) und von 2010 bis 2014 Bürgermeister der isländischen Hauptstadt Reykjavik.


ISLAND BEGEGNUNGEN


JON GNARR:

„HOTEL VOLKSWAGEN​“


SZENISCHE LESUNG UND GESPRÄCH MIT DEM AUTOR


EINE KOOPERATION ZWISCHEN DEM KULTURBÜRO UND DEM OLDENBURGISCHEN STAATSTHEATER

Inspiriert wurde Jon Gnarr zu diesem Stück, als er noch als Taxifahrer in Reykjavik jobbte. Als er eines Tages sein Gefährt für einen privaten Ausflug nutzte, blieb er in der isländischen Pampa liegen. In einer dörflichen Autowerkstatt fand er schnelle Hilfe - und große Aufmerksamkeit. „Als Taxifahrer aus der Großstadt war ich das Tagesereignis“, erinnert sich Jon mit einem Schmunzeln. „Ganz unterschiedliche Menschen kamen in die Werkstatt und wollten mir die Wartezeit verkürzen.“


Aus dieser Kuriosität entwickelte sich die gedankliche Grundlage für das „Hotel Volkswagen“, einer imaginären Unterkunft mit angeschlossener Autowerkstatt (oder umgekehrt). In dieser surrealistischen Atmosphäre treffen sich verschiedene Menschen, die sich alle mit mehr oder weniger existenziellen Themen konfrontiert sehen.


Dabei wird einmal mehr deutlich, wie gern Jon Gnarr gesellschaftliche Rollen und Identitäten hinterfragt. „Das Stück wurde ein Riesenerfolg in Island“, erzählt er. „Aber es führt zu unterschiedlichen Reaktionen. Manche mögen es, andere finden es kontrovers, provokant oder ungeheuerlich.“ Man spürt, dass ihm die Aufregung nicht unrecht ist. Und man sieht sie auch im Stück angelegt: Die Charaktere - vom schwulen Paar, das auf biologischem Weg ein Kind will, bis zum SS-Offizier mit Vorliebe für ungewöhnliche Sexualpraktiken - sind sie so angelegt, dass man sich zu ihnen geradezu positionieren muss.


Es dürfte aufregend sein, diesen skurrilen Figuren im Rahmen der szenischen Lesung zu begegnen. Mindestens genauso spannend wird aber das Gespräch mit dem Autor sein. Jon Gnarr ist ein begnadeter Geschichtenerzähler - und das betrifft die Fiktion ebenso wie die Realität. Beides dürfte auch in der Maschinenhalle eine Rolle spielen. Nicht verpassen!

27. SEPTEMBER 2022

20 UHR


ALTE MASCHINENHALLE

PFERDEMARKT 8A

26121 OLDENBURG


TICKETS


Kunstprojekt Realpolitik


Vor allem letzteres weckt das Interesse der Öffentlichkeit bis heute. Der starke Kontrast der anderen Stationen seiner Vita zu diesem verantwortungsvollen Amt macht die Menschen neugierig. Übrigens auch die Presse: „Der Clown im Rathaus“ titelte der Deutschlandfunk seinerzeit, der Spiegel erwartete - hihi - einen “Staats-Streich“ und der Tagesspiegel wunderte sich über den „Komischen Bürgermeister von Reykjavik“.

Jon Gnarr trifft Noam Chomsky, Ossietzy-Preisträger der Stadt Oldenburg
Anarchie im Amt? Bürgermeister Jon Gnarr trifft Ossietzky-Preisträger Noam Chomsky im Jahr 2011 (Screenshot: Kulturschnack)

Da ist es kein Wunder, dass die Suchmaschine zu diesen vier Jahren im Leben von Jon Gnarr mehr Ergebnisse ausspuckt als zu all den anderen Tätigkeiten und Eigenschaften. Stört das seine Künstlerseele? „Es ist auf jeden Fall unproportional“, findet Jon. Als er damals Bürgermeister wurde, habe er nicht die geringste internationale Aufmerksamkeit erwartet, doch es kam anders. „Wahrscheinlich liegt es an der Universalität der Geschichte“, mutmaßt er. „Ein Außenseiter gewinnt gegen das Establishment - das zieht immer!“


Man muss diese Episode kennen, um den Menschen Jon Gnarr und seine Motivation zu verstehen. Auf den ersten Blick sahen Partei und Kandidatur aus wir ein großer Witz; schließlich war Jon Gnarr schon damals als erfolgreicher Comedian eine nationale Berühmtheit. Und tatsächlich: In ihren Anfängen war die Kampagne nicht ernst gemeint. Es war ein Versuch, Theater und Realität miteinander zu verschränken. „Warum soll Schauspiel nur auf der Bühne stattfinden?“ fragt Jon. „Wir wollten es überall zeigen - in der Politik, in den Medien!“ Er habe sich dabei sogar streng an „Das Manifest des Surrealismus“ von André Breton gehalten, in dem der Franzose bereits 1924 erklärte, wie man Wahlen gewinnt. Und es funktionierte: Die Zustimmung stieg. Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwammen an dieser Stelle also wunschgemäß.


Die Sache mit der Verantwortung


Aber ähnlich wie beim deutschen Gegenstück „Die PARTEI“ mischte sich auch ein gewisser Ernst in die Komik. „Wir haben den Menschen zunächst alles versprochen, was sie wollten - weil von Anfang an klar war, dass wir alle Versprechen brechen würden“, erinnert sich Jon.

Wahlplakat der PARTEI
Eine Alternative bieten: Jon verfolgte einen neuen Politik-Ansatz, hier während der Gay Pride Parade im Jahr 2010 (Bild: Matt Riley, CC BY-SA)

Dazu gehörten zum Beispiel Gratishandtücher in Schwimmbädern, aber auch ein drogenfreies Parlament bis 2020 und öffentliche statt geheime Bestechung. Im Laufe der Kampagne wurde jedoch zunehmend klarer, dass sich immer mehr Leute für die „Beste Partei“ engagierten, dass die Wähler:innen immer mehr Gefallen daran fanden - und dass der angestrebte Posten Verantwortung bedeutet, die man bereit sein müsse zu tragen.


Deshalb war der Moment des Wahlerfolgs zweischneidig: Als feststand, dass Jon mit 35 Prozent der Stimmen ins Rathaus einziehen würde, bedeutete das eine 180-Grad-Wendung für ihn. „In meinem ganzen beruflichen Leben habe ich eigentlich immer versucht, möglichst unverantwortlich zu sein“, muss Jon über die Ironie lachen. „Und dann stehe ich plötzlich an der Spitze von 135.000 Menschen.“ Was in Island noch mehr bedeutet als hier, schließlich ist dies mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung von 366.000 Einwohner:innen.



Multiple Identitäten


Für deutsche Ohren klingt diese Wendung vermutlich noch unglaublicher als für andere. Wir sortieren öffentliche Personen gern in Schubladen ein - und lassen sie dort. Dass Mario Barth oder Chris Tall einmal Bundeskanzler werden, gehört jedenfalls nicht zu den wahrscheinlichsten Zukunftszenarien. Ist die Mentalität in Island etwa eine andere? „Wer in Island leben möchte, muss sehr flexibel sein“, blickt Jon auf die Kultur seines Heimatlandes. „Du kannst zum Beispiel über das Wetter lamentieren, aber du kannst es nicht ändern. Also passt du dich besser an.“


Was für das Wetter gilt, das trifft auch auf die isländische Gesellschaft zu. „Wir sind nicht so viele Menschen auf der Insel. Alle werden gebraucht. Und so übernimmst du in deinem Leben eben mehrere Rollen.“ Letztlich seien alle Isländer:innen auch Autor:innen, Poet:innen und Musiker:innen, bis hin zum Präsidenten der Zentralbank. Das sei typisch und liege vielleicht auch daran, dass man vor der Einführung von Linienflügen von Island aus kaum irgendwo hin konnte, mutmaßt Jon. „Man musste sich das Leben, das sich andere durch Reisen erschließen, vor Ort kreieren", stellt er fest. Zu diesem Prinzip gehöre es auch, Menschen die Chance zu eröffnen, sich neu zu erfinden. So seien einige ehemalige Häftlinge zu hervorragenden Buchautoren geworden - und ehemalige Comedians zu Bürgermeistern.


Letzteres war dabei sicherlich das größere Experiment. Schließlich übernahm der Politikneuling Jon Gnarr das Amt inmitten der größten Krise in Islands Geschichte. Das Land und seine Hauptstadt waren in Folge der globalen Finanzkrise 2008/2009 quasi bankrott. Entsprechend aufgewühlt war die Stimmung in der Bevölkerung: Es gab tägliche Proteste vor den Parlamentsgebäuden, die Achtung vor der Politik war auf einen historischen Tiefpunkt gesunken. Als sei die Aufgabe nicht sowieso schon groß genug gewesen, musste also auch noch ein Volk befriedet werden.



Demokratie ist kein Punk


Zwei Jahre habe er gebraucht, um sich an den Politikbertieb zu gewöhnen: an die starren Mechanismen, an die Anfeindungen der Gegner:innen, an die Trägheit von Demokratie. „Wir mussten erstmal lernen, dass all unsere Ideen nur das waren: Ideen“, beschreibt Jon seinen persönlichen Reality Check. „Unsere Art zu handeln funktionierte dort einfach nicht. Wir konnten nicht einfach unser Ding machen, alle mussten gehört werden. Demokratie ist super, aber nicht gerade Punk.“


Sehr wohl Punk: Jon Gnarr in seiner Jugend (Bild: Klett-Cotta)

Und dennoch gab es erstaunliche Parallelen zwischen dem Kultur- und Politikbetrieb: „In beiden Fällen ist Vertrauen ein ganz wichtiger Faktor“, ordnet Jon ein. Wenn er eine TV-Aufzeichnung habe und der Tontechniker sage, der Ton sei okay, dann glaube er ihm das. „Warum soll ich ihm nicht trauen?“ fragt Jon das Offensichtliche. Genauso habe er in Politik und Verwaltung verfahren. Die vielen Mitarbeiter:innen waren anfangs nicht unbedingt auf seiner Seite, aber er habe sie machen lassen. Das sei wichtig gewesen, um gegenseitiges Vertrauen wachsen zu lassen und einige seiner Ideen schließlich doch realisieren zu können.


Genau wie bei seinen Tätigkeiten im Kultursektor zählten Aufrichtigkeit und Authentizität. Dadurch sei es trotz der Gegensätze zwischen seiner „Besten Partei“ und dem Establishment letztlich zu einer produktiven Zusammenarbeit gekommen. Und so kristallisierte sich heraus, dass der Comedian Jon Gnarr auf diesem wichtigen Posten inmitten der größten Krise in Islands Geschichte nicht die denkbar schlechteste Wahl war, sondern die beste.


„Das Vertrauen in die Politik war völlig verloren gegangen“ erinnert sich Jon. „Durch meine Bekanntheit - und durch meine nahbare Art - glaubten die Menschen aber, mich zu kennen. Sie fühlten sich plötzlich viel dichter dran an der Regierung. Das hat beide Seiten ein Stück weit versöhnt.“ Auch die Ergebnisse konnten sich sehen lassen: Schulden wurden abgebaut, ein Masterplan für Reykjavik verabschiedet. Und so titelte die Welt zum Ende der Amtszeit ein wenig fassungslos „Clowns sind einfach die besseren Politiker“.



Kurz mal die Welt ändern


Nach seiner Amtszeit veröffentlichte Jon seine Erfahrungen, Erkenntnisse und Erlebnisse - wie sollte es anders sein? - in Form eines Buches. Der überaus selbstbewusste Untertitel „Wie ich einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte“ ging allerdings nicht auf ihn zurück, sondern auf den Verlag. Jon hatte ganz andere Sorgen: „Ich litte damals an einer posttraumatischen Belastungsstörung“, berichtet er. Die vier Jahre im Politikbetrieb werden im Nachhinein zwar als Glücksfall für die isländische Politik bewertet, sie waren jedoch ein enorme mentale Bürde für den Freigeist Jon Gnarr.

Und dann? Ging es zurück zu seinem früheren Leben? Ja - und nein. Zunächst lehrte Jon an der Universität von Houston, Texas das Schreiben von Stücken und Drehbüchern. Er brauchte diese Auszeit in der Exklave. Danach aber packte ihn das Bühnenfieber wieder und das scheint ihm gut zu tun. An diesem verregneten Nachmittag in Oldenburg wirkt Jon Gnarr mit sich selbst im Reinen. Er hat seinen Frieden gemacht mit seiner Zeit als „Clown im Rathaus“, die alles andere als lustig war - die in der isländischen Politik aber wichtige Veränderungen hinterließ. Und nicht nur dort.


„Im Nachhinein bin ich am meisten stolz darauf, dass ich andere junge Menschen inspiriert habe, in die Politik zu gehen“, blickt Jon zurück. Er habe zeigen können, dass es andere Wege gibt, als lange Lehrjahre in den etablierten Parteien. Das auffälligste Beispiel ist sicherlich der ukrainische Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj. Bei einem persönlichen Treffen habe der ihm erzählt, dass er von Gnarr inspiriert worden sei, für das Amt zu kandidieren. Mit Boris Johnson und Beppe Grillo gibt es aber auch weniger gelungene Beispiel aus dieser Kategorie. „Ich bekomme immer noch Mails aus ganz Europa, in denen Leute mich nach Tipps fragen“, erzählt Jon mit einer Mischung aus Stolz und Ungläubigkeit.



Fortsetzung folgt!?


Aktuell hat er mit seiner politischen Phase abgeschlossen und freut sich, bei kritischen Nachfragen zu solchen Themen endlich wieder ein knackiges „F**k off!“ entgegen zu dürfen, wenn ihm danach ist. Da schimmert der frühere Punk durch. Ob es aber tatsächlich schon einen Schlussstrich unter der Politkarriere gibt, sei allerdings dahingestellt. Jon: „Ich weiß nicht genau warum, aber manchmal träume ich davon, im Parlament zu sitzen und die Dinge wirklich zu verändern.“ Darauf sollte sich Island besser vorbereiten. Denn bei diesem Mann weiß man nie so genau: Wer ist Jon Gnarr - und was wird er noch sein?