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- NICHTS WIE HIN (47)
Irgendwas ist ja immer. Terminkollisionen und Wetterkapriolen, Wohlergehen und Weltgeschehen. Deswegen verpasst man immer wieder wunderbare Kulturveranstaltungen, die man eigentlich gern gesehen hätte, wenn nicht... nun ja, siehe oben. Am Schlimmsten ist aber vielleicht sogar was anderes: Der fehlende Überblick. Es ist einfach zu viel los! Deshalb gibt's von uns jetzt pro Woche drei Tipps: alle ganz unterschiedlich, aber alle absolut lohnenswert! Eines ist ja mal klar: Am Willen liegt's nicht! Die meisten von uns würden gerne sieben Tage die Woche irgendwas aus der Kultur mitnehmen. Konzert, Theater, Lesung, Kino, Ausstellung, Performance - die Möglichkeiten sind endlos. Und alles und auf ihre Weise interessant, aufregend, mitreißend, provokativ, inspirierend. Und trotzdem bleiben häufig Stühle leer, aber Couches gefüllt. Weil es halt doch nicht so einfach ist, erstmal mitzubekommen, was alles los ist es zu behalten und in den eigenen Kalender einzubauen dann tatsächlich in der Stimmung sein hinzugehen jemanden zu finden, die/der mit dabei ist und dann keinerlei Alltags-Hindernisse zu haben, wie Wetter, Wohlsein, Weltgeschehen. Einfach ausprobieren Deshalb gibt's von uns jede Woche drei Schlaglichter auf Veranstaltungen und Ereignisse, die in der kommenden Woche stattfinden und von denen wir denken: Da könnte man durchaus hingehen! Wie schauen dabei auf eine gute Mischung aus drinnen und draußen, gratis und teuer, traditionell und experimentell. Wir sagen nicht: Da ist für jeden was dabei. Wir sagen: Alles ist für jeden was! Wir sind nämlich überzeugt, dass unsere Tipps sich für alle erschließen lassen, die Lust haben, was zu entdecken. Wenn der Schlagerfan plötzlich zu Freestyle Hip-Hop abgeht, der pensionierte Bungalowbewohner in die Welt des Graffiti eintaucht oder die notorische Schulschwänzerin in der Kunstgalerie die Zeit vergisst, dann ist das genau der Effekt, den wir uns wünschen. Aber genug schwadroniert, hier sind die Tipps für diese Woche:
- STEINE DER WEISEN
Es gibt höchste Türme, schiefste Türme, sogar tanzende Türme. Aber sprechende Türme? Die zudem auch noch weise sind? Das ist neu! Und dieses Talent verleiht ihnen neben der optischen erstmals auch eine inhaltliche Dimension. Hat Oldenburg nun also eine neue Sehenswürdigkeit, um die uns alle anderen Städte beneiden? Ja, in gewisser Weise schon. Aber nur kurz: Am 13. November ist bereits alles vorbei! Seien wir mal kurz ehrlich: Die Türme der Cäcilienbrücke waren nie herausragende architektonische Glanzlichter. Nur ganz selten standen Menschen vor ihnen und bestaunten mit offenen Mündern ihre anmutige Konstruktion. Im Grunde sind sie relative plumpe industrielle Funktionsgebäude, die dazu dienten, eine Brücke hoch- und runterzufahren. Punkt. Trotzdem wurden sie im Laufe der letzten fast einhundert Jahre zu Identifikationspunkten und Wahrzeichen Oldenburgs. Warum nur? Dafür gibt es eine ganze Reihe an Gründen. Einer davon ist sicher die Symbolik: Für weite Teile Osternburgs (und jenseits davon) war die Brücke das Einfallstor zur Stadt, ein oftmals täglich passierter Wegpunkt. Er war weder besonders schön, noch sorgte er für einen reibungslosen Verkehrsfluss (ganz im Gegenteil), aber beides verlieh ihm Charakter. Man musste die vier stoischen Gewichtheber am Küstenkanal einfach lieb gewinnen - eben weil sie einfach ihre Arbeit machten, ohne mehr zu wollen. Und weil sie damit tagtäglich tausenden Menschen das Tor zur Stadt öffneten. DIE LOGE: DIE VIER WEISEN 17. OKTOBER - 13. NOVEMBER 2022 RUND UM DIE UHR GRATIS CÄCILIENBRÜCKE 26135 OLDENBURG Ein anderer Grund ist natürlich die Geschichte. Die Cäcilienbrücke gehörte gemeinsam mit ihrer längst abgerissenen Schwesterbrücke gleicher Bauart (Amalie) zu den Schmuckstücken deutscher Ingenieurskunst in den 1920er Jahren. Technisch war Oldenburg damit also voll auf der Höhe der Zeit. Auch wenn man das Äußere irgendwie liebgewann, lag der wahre Reiz der Brücke also im Inneren. Die Brücke hob und senkte sich in atemberaubender Verlässlichkeit - zu Zeiten des Freistaats, während der Nazidiktatur, im geteilten und im wiedervereinten Deutschland. Was auch immer passierte, sie funktionierte. Und das hatte irgendwie auch immer etwas beruhigendes, beinahe tröstliches. Arbeitslos und Sinn dabei Und so ist es auch jetzt, nachdem den vier Türmen mit dem Brückenelement der Sinn bereits genommen wurde. Ausgerechnet in dieser Phase der absoluten Nutzlosigkeit erwachen sie zu neuem Leben und sind vielleicht lebendiger als je zuvor; zumindest aber seit der Zeit, als der letzte Brückenwärter seinen Arbeitsplatz über dem Wasser verließ. Denn „Die Loge“ war mal wieder aktiv und hat eine weitere schlummernde Immobilie Oldenburgs für ein Kunstprojekt erweckt. Das Kollektiv um Clara Kaiser und Mathilda Kochan - das wir im Podcast und Portrait ausführlich vorgestellt haben - setzt auf sehr individuelle Erfahrungen: In der Regel nehmen die Betrachter:innen die Projekte isoliert als Einzelpersonen war. Und so ist es auch hier: Die Lichtinstallation „Die vier Weisen“ hat keinen Saal und keine Sitzplätze. Sie bespielt den öffentlichen Raum - und in dem bewegen sich die meisten von uns ohne Begleitung. Der beste Platz für eine Beobachtung - sozusagen: die Loge - ist eine Behelfsbrücke südlich der vier Protagonisten. Weniger Glamour geht eigentlich gar nicht. Kontrolliertes Entgleisen Und doch verfehlt die Installation ihre Wirkung nicht. Sie läuft auch tagsüber, ist dann aber naturgemäß schwer zu erkennen. Das Herbstwetter war bisher einfach zu gut. Erst im Abendlicht - oder bei Nacht - entfaltet sie ihren ganzen Reiz. Wobei auch der schwer zu definieren ist. Im ersten Moment handelt es sich bestenfalls um ein Flackern, das uns im Vorbeifahren kurz irritiert. Aber genau in diesem Moment - der kurzen, intuitiven Reaktion - beginnt die Kunst der Loge. Denn hier entgleisen wir bereits aus unseren festgelegten Bahnen, aus unserer Alltäglichkeit, aus unseren Wegen von A nach B, und setzen uns mit etwas auseinander, das wir nicht erwartet haben. Und wir sind dabei - typisch Loge - zunächst mal allein. Wie müssen selbst die Frage klären, ob das nur ein Flackern war oder doch vielleicht mehr. Schnell bekommen wir heraus, dass die Lichter regelmäßig aufleuchten und dass es sich dabei um einen Morsecode handeln muss. Und etwas später stellen wir vielleicht fest, dass es nicht nur Aussagen gibt, sondern ein regelrechtes Gespräch - zwischen diesen vier Türmen. Aber worum geht es denn? Und warum sprechen die Türme überhaupt? Spannendes Gespräch: Im April haben wir mit Clara und Mathilda geschnackt. (Video: Kulturschnack) Emotionen statt Erklärungen Das kann man nun für Nonsens halten oder für eine technische Spielerei, aber tatsächlich ist es mehr als das. Es geht nämlich nicht nur darum, dass die Türme etwas sagen, sondern auch darum, was sie sagen. Und das ist eine Menge. Denn was die Augen sehen und der Kopf zu entschlüsseln versucht, wird online fortgesetzt bzw. aufgeklärt. Morse-Expert:innen könnten dem Gespräch natürlich vor Ort vollständig lauschen. „Das würde etwa vier Stunden dauern“, wie Mathilda lachend erklärt. „Dabei dauert das Gespräch eigentlich nur 15 Minuten.“ Alle anderen können über einen QR-Code einfach nachhören, worum es geht. Und dabei gelangt man nicht etwa zu profanen Erklärungen, sondern zu einem Drama über unsere Stadt, beobachtet durch die Augen von vier steinalten Malochern mit krummen Rücken. Wie kreiert man denn sowas? „Wir haben versucht, uns in die Türme einzufühlen“, beginnt Clara eine Erklärung, wohl wissend, dass sie wie eine leicht esoterische Stein-Versteherin wirken könnte. „Das sind dann Charaktere, die intellektuell vielleicht nicht ganz oben anzusiedeln sind, weil sie eben aus Stein bestehen.“ Dennoch habe jeder Turm eine eigene Persönlichkeit bekommen und somit einen ganz eigenen Blick auf die Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts. „Die führen eine ziemlich absurde Diskussion“, ergänzt Mathilda. „Teilweise hat man das Gefühl, dass sie Selbstgespräche führen oder sich nur zum Teil verstehen, weil die Verbindung zwischen ihnen eben gekappt ist.“ Das klingt herrlich absurd, gleichzeitig aber auch hoch interessant. Doch eine Frage drängt sich auf: Warum ausgerechnet dieses Projekt? Warum vier alte, arbeitslose Türme als Protagonisten? „Wir sind beide große Fans von Altbauten“ erklärt Mathilda. „Wir lieben den Charakter und die Atmosphäre dieser normalerweise stummen Zeitzeugen.“ Deshalb sei es ihnen ein Anliegen, für den Erhalt historischer Baukultur zu sensibilisieren. „Das war auch bei der Baumgartenstraße 6 nicht anders (wo das Projekt „Fürchtet euch nicht“ realisiert wurde, Anm. d. Red.)“, berichtet Clara. „Das Haus war alt und kaputt, aber es hatte gerade deswegen eine ungeheure Ausstrahlung.“ Belehren wollen man niemanden, betont Mathilda, aber wenn man in Zukunft etwas früher und gründlicher darüber nachdenke, ob ein Abriss tatsächlich sein müsse, wäre schon viel gewonnen. Tage gezählt, Geschichte erzählt Der Cäcilienbrücke nutzt all das freilich nichts mehr. Ihr Abriss ist längst besiegelt und es ist lediglich dem Arbeitstempo der beteiligten Behörden zu verdanken, dass sie noch steht. An ihrer Stelle soll ein Neubau entstehen, der an die Originale erinnert, aber irgendwie auch ein bisschen modern wirken will. Das mag sogar architektonisch gelungen sein und dem reibungslosen Verkehrsfluss dienen. Eine Aufwertung bedeutet das in den Augen der meisten Oldenburger:innen aber trotzdem nicht - weil sie die Cäci lieb gewonnen haben. Und weil sie ein Identifikationspunkt und Wahrzeichen ist. Die Loge hat der Brücke nun ein immaterielles Denkmal gesetzt; und wie immer sitzt, steht oder fährt das Publikum dabei in der ersten Reihe. Das mag zunächst nur wirken wie ein flüchtiges Flimmern am Abendhimmel. Letztlich ist das einfache Konzept aber genial: Denn wer Gebäude als Personen wahrnimmt, wird auch ihrer historischen Bedeutung viel eher gerecht als wenn man nur Stein und Mörtel sieht. Oldenburg kann nur davon profitieren, den Kulturbegriff auch auf seine Gemäuer auszuweiten und sie enstprechend wertzuschätzen. Wir haben weder die höchsten noch die schiefsten Türme und der Lappen tanzt nicht. Auch die sprechenden Türme haben wir nur kurz. Eine dauerhafte Touristenattraktion werden sie also nicht. Aber sie bedeuten dennoch eine große Bereicherung. Weil sie in unseren Köpfen eine Wirkung erzielen, die über den Moment hinausgeht. So wie es sich für Weise eben gehört - selbst wenn sie aus Stein sind.
- SITZUNG AM 15.11.2022
Keine Frage: Die Kultur ist frei. Trotzdem haben Politik und Verwaltung einigen Einfluss. Sie diskutieren und formulieren kulturpolitische Ziele, entscheiden über Projektzuschüsse, institutionelle Förderung oder Strukturbrücken und setzen auch eigene inhaltliche Akzente, z.B. über die Begegnungen-Reihe, den Carl-von-Ossietzky-Preis oder den Kulturschnack. Deswegen gilt für den Kulturausschuss: nicht verpassen! Es ist ein wiederkehrendes Ritual: Am dritten Dienstag im Monat kommt der Kulturausschuss zusammen, um sich mit aktuellen Entwicklungen und Entscheidungen im Kultursektor zu beschäftigen. Was auf dem Papier zunächst nicht unbedingt hochgradig spannend klingt, hat es aber häufig in sich. Denn letztlich hat alles, was hier besprochen wird, einen Einfluss auf unsere Kulturlandschaft. Sowohl auf die Akteur:innen als auch auf die Konsumenten:innen. SITZUNG DES KULTURAUSSCHUSSES DIENSTAG, 15. NOVEMBER 2022, 17 UHR QUARTIER ALTE FLEIWA INDUSTRIESTRAßE 1d SITZUNGSSAAL 1/2 26121 OLDENBURG WAS IST DRAN? Die ersten drei Tagesordnungspunkte sind mehr oder weniger Formalien, sie werden meiste in wenigen Sekunden abgehakt. Die Einwohnerstunde kann spannend sein, weil sie der Bevölkerung die Gelegenheit bietet, eigene Impulse in die Kulturentwicklung einzubringen. Im Anschluss geht's in die Themen - und die sind dieses Mal alles andere als klein. Wer an dieser Stelle immer noch nicht genug hat und noch tiefer in die Welt des Kulturausschusses eintauchen möchte, hat dazu Gelegenheit im städtischen Ratsinformationssystem. Er erscheint zunächst etwas unübersichtlich, erweist sich nach etwas Ausprobieren aber als hilfreiches Tool, um den Überblick über die politischen Prozesse in Oldenburg zu bewahren. Und das ist ja nicht das Unwichtigste, was man mit seiner Zeit anfangen kann.
- KAISERWETTER FÜR KINDERRECHTE
Das war mutig: Anlässlich des Internationalen Tags der Kinderrechte am 20. November organisierte die Oldenburger Kunstschule tags zuvor eine Demonstration auf dem Wallring. Den Titel „Platz nehmen“ machte sie wahr, indem die Karawane am stark frequentierten Samstagvormittag eine Fahrspur für Kinder reklamierte. Eine wichtiges und starkes, gleichzeitig aber auch fröhliches und buntes Zeichen für Kinderrechte! Warum mutig? Nun: Wer mal bei einer Fridays for Future-Demo mitgelaufen ist, die nicht zu den größeren gehörte, durfte/musste feststellen, dass Geduld und Verständnis bei manchen Mitmenschen nur begrenzt ausgeprägt sind. Und auch das Maß an Empathie lässt gelegentlich zu wünschen übrig. Denn mal ehrlich: Wieso sollte man sich daran stören, wenn sich jemand für die Rettung der Welt einsetzt? Nur weil man pünktlich von A nach B will? Come on. Und selbst bei Kinderrechten muss man in der heutigen Zeit hier und da mit Gegenwind rechnen, wenn man die Alltagsabläufe allzu sehr stört. Aber: Genau das ist nun mal Sinn und Zweck einer Demonstration. Bliebe sie unbemerkt, wäre sie sinnlos. Deshalb muss man sich der Konfrontation mit dem Kraftfahrzeug einfach stellen. Und davon abgesehen ist da ja auch noch das Wetter. Sagen wir mal so: Das Ende des Novembers war noch nie ein Garant für beste Bedingungen. Und aus diesen Gründen war die Aktion der Oldenburger Kunstschule eben genau das: mutig Mut belohnt Umso schön war es, das Ergebnis zu sehen. Nicht nur das Wetter spielte mit (auch wenn es arg kalt war), auch die anderen Verkehrsteilnehmer:innen hatten viel Verständnis, als die bunte Karawane über den Wallring zog. Das war im Großen und Ganzen sogar in jenen Momenten so, als der Zug stoppte. Er wurde nämlich bewusst unterbrochen von kleinen Vorführungen der beteiligten Schulklassen. Sie setzten sich performativ mit dem Thema Kinderrechte auseinander. Eine ausdrucksstarke Bereicherung. Natürlich waren an diesem Samstagmorgen keine 10.000 Personen mit dabei und selbstverständlich wird die Welt dadurch nicht komplett verändert. Für die beteiligten Kinder und Jugendlichen war es aber eine einzigartige Gelegenheit, sich mit diesem Thema zu beschäftigen - und am Ende eben nicht nur ein Bild aufzuhängen, sondern eine waschechte Demonstration anzuführen. Darüber hinaus war der Umzug ein starkes inhaltliches Signal und eine Sensibilisierung für eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Und so erfreulich die Reaktionen auf den Zug auch waren, so nötig sind solche Signale nach wie vor. Wer mal erfühlen möchte, wie wenig kindergerecht die deutsche Lebensrealität ist, muss nur in ein europäisches Nachbarland fahren. Beinahe überall werden Kinder viel bewusster und respektvoller mitgedacht als hier. Dabei sollte es uns allen wichtig sein, den künftigen Generationen eine Stimme zu verleihen und ihnen aufmerksam zuzuhören. Sie sind auch unsere Zukunft. Platz genommen Mit der Aktion „Platz nehmen“ hat die Kunstschule einmal mehr bewiesen, dass sie auf verschiedenen Ebenen denkt und handelt. Es geht einerseits um die künstlerischen Fähigkeiten, andererseits aber auch um wichtige Inhalte und letztlich auch um die Kombination aus beidem: Um die kreative Auseinandersetzung mit den großen Themen dieser Zeit. Genau das ist bei „Platz nehmen“ wieder einmal gelungen. Und es ist ein großer Gewinn, dass die Präsentation in Form einer Demonstration stattfand. Was das alles mit Kultur zu tun hat? So einiges! Denn erstens waren die Plakate, Schilder und Performances künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Thema Kinderrechte. Zweitens ist der Zugang von Kinder und Jugendlichen zur Kunst und Kultur eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, die positive Effekte auf die Persönlichkeitsentwicklung hat. Und drittens - sorry, jetzt wird es redundant - möchten wir beim Kulturschnack Kinder und Jugendliche möglichst immer mitdenken, gleichwertig und ebenbürtig. Damit Kinder sich Platz irgendwann nicht mehr nehmen müssen - weil er ihnen gegeben wird.
- ZAHLTAG: OUT
Für viele Oldenburger:innen liegt ein Theater außerhalb des Wahrnehmungsbereichs, für andere - vor allem: Studierende - ist es das einzige, das zählt: Das Oldenburger Universitäts-Theater (OUT) hat zweifellos eine besondere Position in der Oldenburger Kulturlandschaft, die einige Vor-, aber auch einige Nachteile mit sich bringt. Nun feiert diese spannende Institution ihren 30. Geburtstag. Nein, das Frittierfett riecht man nicht mehr, wenn man die Räumlichkeiten des Unikum betritt; uch im Backstage-Bereich der Bühne des Studentenwerks nicht, wo früher Pommes und Bratwurst gelagert wurden. Vielmehr wirkt es reichlich absurd, dass an diesem Kulturort früher tatsächlich ein Imbiss gewesen sein soll. Und nicht nur das: Dort, wo sich heute die Bühne 2 befindet, war früher sogar eine Bankfiliale. Kein Zweifel: an der Bedürfnislage der Studierenden hat sich einiges verändert seit der Gründung der Uni im Jahr 1974. Und so gehört es zu den wichtigsten Veränderungen auf dem Campus Haarentor, dass an die Stelle von Futter und Finanzen die Kultur rückte. Aber Achtung: Hier geht es nicht um das Unikum selbst, hier geht es um die aktivste Nutzergruppe: das Oldenburger Universität-Theater. Im Jahr 1992 schlossen sich der „Verein zur Förderung studentischen Theaters“ und das Studentenwerk Oldenburg zusammen, gingen eine deutschlandweit einmalige Kooperation ein und gründeten das OUT. Damit war es offiziell besiegelt: Nahrung gab es an diesem Ort fortan nur noch für Geist und Seele, dafür aber mit deutlich gesünderer Wirkung als die Frittierkost. Zwischen den Stühlen!? Zwar ist die Mikrolage des Unikum in der Unterführung unterhalb des Hauptgebäudes immer noch nicht optimal. Ein Staatstheater erzeugt zweifellos eine andere Wirkung. Gleichzeitig ist die Bühne der Universität nicht so räudig-versifft, dass sie als unabhängig-alternative Off-/Subkulturzentrum durchgehen würde. Nein, das Unikum bewegt sich genau zwischen die Polen - und im Grunde ist es dort auch gut aufgehoben. Seine Position in der Kulturlandschaft bleibt trotzdem einzigartig wie jene des OUT. Und seien wir ehrlich: Außerhalb des Campus ist sowieso schwer zu identifizieren, wo genau der Unterscheid zwischen Unikum (Bühne) und dem OUT (Nutzer:innen) liegt. Was zählt, ist was passiert. Und immerhin: Was das angeht, herrscht völlige Klarheit: Es ist viel - und es ist gut. The only way is up Einzigartig ist die Geschichte des OUT aber nicht nur wegen der Imbissvergangenheit, sondern auch wegen des Veränderung des Umfeldes. Die Carl von Ossietzky Universität hat sich in den letzten dreißig Jahren enorm entwickelt. Nicht nur die Zahl der der Studierenden vervielfachte sich, auch das nationale Renommee wuchs beständig. Was einst als kleine Provinzuni startete, ist heute ein gut positionierter Bildungsleuchtturm mit 15.000 Studierenden, der längst zu Oldenburgs Standortfaktor Nummer 1 geworden ist. Für das OUT ist es in etwa so, als hätte man anfangs in Wuppertal gespielt und später ein Berlin. Aber das ist offensichtlich kein Problem für die ständig wechselnde Gruppe, die letztlich ein Spiegelbild ihres jeweiligen Umfeldes ist und deshalb jede Veränderung mühelos mitgemacht hat - sogar die Corona-Pandemie in den letzten beiden Jahren. Nun blickt das OUT zurück auf 450 Produktionen und über 1.500 Aufführungen. Die Gesamtzahl der Gäste hat niemand ermittelt, aber man lehnt sich vermutlich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man sie im mittleren bis oberen fünfstelligen Bereich verortet. Welchen inhaltlichen Impact die Instituionen mit alledem hatte, kann man sich gar nicht ausmalen. Deshalb sagen wir: Herzlichen Glückwunsch! Schön, dass es euch gibt! Bleibt wie ihr seid!
- NICHTS WIE HIN (46)
Irgendwas ist ja immer. Terminkollisionen und Wetterkapriolen, Wohlergehen und Weltgeschehen. Deswegen verpasst man immer wieder wunderbare Kulturveranstaltungen, die man eigentlich gern gesehen hätte, wenn nicht... nun ja, siehe oben. Am Schlimmsten ist aber vielleicht sogar was anderes: Der fehlende Überblick. Es ist einfach zu viel los! Deshalb gibt's von uns jetzt pro Woche drei Tipps: alle ganz unterschiedlich, aber alle absolut lohnenswert! Eines ist ja mal klar: Am Willen liegt's nicht! Die meisten von uns würden gerne sieben Tage die Woche irgendwas aus der Kultur mitnehmen. Konzert, Theater, Lesung, Kino, Ausstellung, Performance - die Möglichkeiten sind endlos. Und alles und auf ihre Weise interessant, aufregend, mitreißend, provokativ, inspirierend. Und trotzdem bleiben häufig Stühle leer, aber Couches gefüllt. Weil es halt doch nicht so einfach ist, erstmal mitzubekommen, was alles los ist es zu behalten und in den eigenen Kalender einzubauen dann tatsächlich in der Stimmung sein hinzugehen jemanden zu finden, die/der mit dabei ist und dann keinerlei Alltags-Hindernisse zu haben, wie Wetter, Wohlsein, Weltgeschehen. Einfach ausprobieren Deshalb gibt's von uns jede Woche drei Schlaglichter auf Veranstaltungen und Ereignisse, die in der kommenden Woche stattfinden und von denen wir denken: Da könnte man durchaus hingehen! Wie schauen dabei auf eine gute Mischung aus drinnen und draußen, gratis und teuer, traditionell und experimentell. Wir sagen nicht: Da ist für jeden was dabei. Wir sagen: Alles ist für jeden was! Wir sind nämlich überzeugt, dass unsere Tipps sich für alle erschließen lassen, die Lust haben, was zu entdecken. Wenn der Schlagerfan plötzlich zu Freestyle Hip-Hop abgeht, der pensionierte Bungalowbewohner in die Welt des Graffiti eintaucht oder die notorische Schulschwänzerin in der Kunstgalerie die Zeit vergisst, dann ist das genau der Effekt, den wir uns wünschen. Aber genug schwadroniert, hier sind die Tipps für diese Woche:
- MEHR ALS KRACH & BUMM
Es ist wieder soweit! Die 48. Oldenburger Kinder- und Jugendbuchmesse ist bereits in vollem Gange und läuft noch bis kommenden Dienstag. Der Schwerpunkt in diesem Jahr? Comics und Graphic Novels. Denn das Medium bietet so viel mehr als man auf den ersten Blick denken mag und reicht weit über die Grenzen des üblichen Klischees der klassischen Heldengeschichten hinaus. 48. OLDENBURGER KINDER- UND JUGENDBUCHMESSE KIBUM, COMICS UND GRAPHIC NOVELS NOCH BIS ZUM 22.11.2022 KULTURZENTRUM PFL PETERSTRAßE 3 26121 OLDENBURG MO. - FR.: 08:30 BIS 19:00 UHR SA. & SO.: 10:00 BIS 19:00 UHR Folgendes Szenario, das auch gerade den Erwachsenen unter uns bestens bekannt sein sollte: wir alle waren wahrscheinlich schon mal in der Situation, dass wir uns in ein uns vorher völlig fremdes Thema einarbeiten mussten. Nun stehen wir vor diesem Thema, das uns im ersten Moment wie ein satter, dichter Nebel vorkommt. So richtig klar sehen und greifen können wir es zu Beginn nicht wirklich. Wo fängt man also an? Wo und vor allem wie bekommt man den ersten wichtigen Fuß in die Tür, der einem die ersten, grundlegenden Basics offenbart und die weitere Reise, in die tieferen Unweiten, sprich Details und Fachfragen ermöglicht? Unser Lösungsvorschlag: warum nicht auch mal als Erwachsener zum Kinder- und Jugendbuch greifen? Wo sonst werden Themen so schön und kompakt, leicht verdaulich aufbereitet. Und wenn wir ehrlich zu uns sind: schlägt in jedem von uns nicht doch irgendwo noch das Kinderherz, das eigentlich nur händeringend nach einem tollen Grund sucht, sich (wieder) in die reichhaltige Welt der Kinder- und Jugendliteratur zu stürzen? Selbst wenn es nur dazu dient, die Heldinnen und Helden seiner persönlichen Vergangenheit wieder für sich zu entdecken. Eine Instanz in Oldenburg Wie großartig also, dass eine absolut prestigeträchtige Institution wie die Oldenburger Kinder- und Jugendbuchmesse KIBUM in eben genau diesem Gebiet hier in Oldenburg bereits seit Jahrzenten erfolgreich ist, bereits in die 48. Runde geht und nicht nur für Kinder, Jugendliche sondern auch für Eltern und Erwachsene immer einen Besuch wert ist. In diesem Jahr wurde für den Schwerpunkt der Veranstaltung zudem auch ein Thema gewählt, das dem aktuellen Zeitgeist kaum mehr entsprechen könnte. Denn unter dem Slogan "Mehr als krach & bumm" beschäftigt sich die Kibum in diesem Jahr vor allem mit der Welt der Comics und Graphic Novels. Wie kaum ein anderes gedrucktes Medium erlebte dabei vor allem die Graphic Novel, also die Verarbeitung von teils auch anspruchsvollster Literatur in grafischer Form, in den letzten Jahren ihre absolute Blütezeit und schon in unserer ersten Podcastepisode schwärmten wir über das Medium und auch die reichhaltige Auswahl die die Oldenburger Stadtbibliothek hierzu bereit hält. Denn, wie es die KIBUM selbst sagt in ihrem Programmheft, ist das Zusammenwirken von Text und Bild ein idealer und vergnüglicher Einstieg in die Welt des Lesens. Wörter und Zeichnungen verbinden sich zu sprechenden Bildern und eröffnen durch ihre hohe Lesbarkeit einen leichten Zugang zum Medium Buch. Für Erwachsene ist das Medium vor allem deshalb auch so reizvoll (geworden), weil es wie gemacht ist für die schnelllebige Zeit in der wir uns aktuell befinden. Wie oft würde man gerne ein bestimmtes Buch lesen, kauft es sich und dann staubt es, langsam aber sicher, auf dem Nachttisch doch ein. Ganz und gar anders verhält es sich da mit Graphic Novels, die binnen kürzester Zeit von vorne bis hinten durchgelesen werden können und das ganz entspannt, mit nur ein bisschen Zeit, manchmal sogar an nur einem einzelnen Tag. So hat sich in gewisser Hinsicht auch ein Medium einer breiteren Masse vorgestellt, das sich ideal neuen "Konsum"-Bedürfnissen angepasst hat und hierdurch zur passenden Ergänzung klassischer Literaturform wurde. Ein Ort zum Entdecken & Entspannen Ort des Geschehens beziehungsweise zentraler Anlaufpunkt für alle Interessierten ist das Kulturzentrum PFL, zentral gelegen, direkt an der Peterstraße und auch übrigens die Heimat des Kulturschnacks. Doch für den Zeitraum der KIBUM verwandelt sich das Gebäude in ein wahrliches Paradies für alle, die sich auch nur im Enferntesten für das Thema interessieren. Unzählige der Räume des Kulturzentrums werden mit viel Liebe zum Detail zu kleinen Orten des Rückzugs und der Entdeckung umgestaltet. Wer eine spannende Lektüre entdeckt hat, kann direkt Zugreifen, es sich meist in unmittelbarer Nähe direkt gemütlich machen und direkt in die Geschichte eintauchen. Überall finden sich gepolsterte Bänke, Hocker und vor allem jede Menge Sitzsäcke - quasi der Inbegriff von Gemütlichkeit möchte man meinen, in die man förmlich versinkt. Hier sei vor allem der große Veranstaltungssaal wärmstens empfohlen! Wer sich dann im wahrsten Sinne in eines der Bücher oder gleich mehrere "verguckt" haben sollte und sich welche mit nach Hause nehmen möchte, der findet natürlich auch einen prall gefüllten Büchertisch von Isensee, der zahlreiche der ausgestellten Titel in hohen Stapeln bereithält! Live Content & On Demand Neben dem regulären Programm vor Ort und anderen Locations wie der Kulturetage und dem nahegelegenen Musik- und Literaturhaus Wilhelm 13 gab und gibt es zudem ein facettenreiches Online Angebot, das von Livestreams der Veranstaltungen bis hin zu Videoclips der Oldenburger "Book Brothers" reicht, die auf Instagram ihrer treuen Followerschaft Bücher empfehlen. Auch Schülerinnen und Schüler Oldenburgs präsentieren ausgewählte Graphic Novels in 19 sogenannten "Booktube"-Videos. Im Format "KIBUM-COMIC-GALERIE" besucht die KIBUM Comic Autorinnen und Autoren sowie Illustratorinnen und Illustratoren in ihren Galerien und Ateliers in Hamburg und Berlin und gibt so einen hautnahen Eindruck über ihre Arbeit und wie die Werke, die man am Ende in den Händen hält, entstehen. Außerdem ist die KIBUM sogar diesmal mit einem eigenen Comic vertreten, welches man als ePaper ebenfalls durchstöbern kann! Wir halten das für eine runde Sache und wer noch keine Pläne für dieses bevorstehende Wochenende haben sollte, hat sie nun hoffentlich! Alle Informationen zur KIBUM gibt es unter: www.kibum.de Wer nicht sowieso schon dort war und sich über bevorstehende Veranstaltungen und das Programm informieren möchte, muss HIER klicken! Viel Spaß wünschen wir!
- DIE ZUKUNFT DES THEATERS
Zu den größten Träumen der Menschheitsgeschichte gehört jener von einer Zeitmaschine. Was könnte man nicht alles ändern oder vorhersehen? Doch dieser Traum ist genauso alt wie unrealistisch. Deshalb müssen wir bis auf weiteres unsere Vorstellungskraft bemühen, um in die Zukunft zu blicken. Wenn diese Fähigkeit auf Fachwissen trifft, dann entsteht dabei manchmal sogar etwas, das einer Zeitmaschine ähnelt - wie zum Beispiel der Technical Ballroom in der Exerzierhalle am Pferdemarkt. Am Anfang ist freilich noch gar nichts digital. Es ist ein Aufbautag in der Exerzierhalle. Hier hört man keine Computerlüfter und keine Mausklicks, hier hört man Hammerschläge, Akkuschrauber und Industriestaubsauger. Trotzdem treffen wir die beiden Masterminds des Technical Ballroom - Jonas Hennicke und Kevin Barz - genau hier, in dieser lärmenden Umgebung. Denn auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch nichts fertig ist, spürt man sofort: Hier passiert etwas Großes. Was der Technical Ballroom überhaupt ist? Kevin reduziert die Antwort auf einen einzigen Satz: „Wir bauen hier das Tor zum Internet“. Damit ist alles gesagt und das Interview schon wieder vorbei! Nein, natürlich nicht: Kevins Schmunzeln verrät, wie sehr ihm bewusst ist, dass diese Aussage mehr offen lässt als aufklärt. Deshalb führt der 31-jährige Regisseur am Oldenburgischen Staatstheater aus: “Theater definiert sich sehr durch das Analoge: Durch das Erleben, das Zusammensein, das Zuschauen. Das ist ein sehr analoger Akt.“ Deswegen sei das Digitale sehr lange weggeschoben worden und nun bestehe immenser Nachholbedarf. Jonas, stellvertretender Schauspielleiter am Staatstheater, hat das Projekt hat auch mit der Corona-Phase zu tun. Es sei vielleicht das einzig positive Ergebnis aus dieser Zeit, zumindest für das Staatstheater. „Wie haben damals fluchtartig die Reise ins Internet angetreten“, erinnert er sich zurück. „Wir haben auf einmal Vorstellungen gestreamed, Lesungen gemacht, Songs eingesungen und kleine Snippets produziert.“ Allerdings nicht mit dem gewünschten Erfolg: „Irgendwann haben wir geschnallt, dass wir auf auf einen Markt kamen, wo niemand auf uns gewartet hat - und wo alle anderen das eigentlich schon viel besser können als wir.“ Und tatsächlich: Netflix hatte nachweislich mehr Klicks als das Staatstheater. „Ich weiß auch nicht warum“, schmunzelt Kevin selbstironisch. ERÖFFNUNG OPENING.EXE SAMSTAG, 29. OKTOBER, 10 UHR EINTRITT FREI ERSTE PREMIEREN „OFFLINE“ SAMSTAG, 29. OKTOBER, 15 UHR (TICKETS) „DIE VIER NEUEN JAHRESZEITEN“ SAMSTAG, 26. NOVEMBER, 20 UHR (TICKETS) „14 TAGE KRIEG“ DONNERSTAG, 5. JANUAR, 20 UHR (TICKETS) EXERZIERHALLE LINKER FLÜGEL PFERDEMARKT 8 26121 OLDENBURG Ja-Wort vorm Standesamt Der Technical Ballroom bietet nun endlich die Möglichkeiten und Ressourcen, Theater und Digitalität ganz neu zu denken. Seinen Anfang nahm er aber nicht etwa in einem Online-Meeting, sondern ganz analog - und geradezu romantisch - vor den historischen Kulissen am Pferdemarkt. „Wie haben uns eines Samstags auf dem Wochenmarkt getroffen und uns mit einem Kaffee vor das Standesamt gesetzt“, erzählt Jonas von diesem Moment und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Ich hab Kevin das Konzept erklärt und ihm tief in die Augen geschaut - und er hat Ja gesagt!“ Man spürt hier, wie auch während unseres gesamten Gesprächs, wie viel Spaß die beiden am gemeinsamen Projekt haben - auch wenn es für sie eine enorme Zusatzbelastung bedeutet. Kevins „Ja“ kam natürlich nicht von ungefähr. Als Absolvent der Otto Falckenberg Schule in München gehört er zu den ambitionierten und bisweilen experimentellen Vertretern seiner Zunft. Zu erkennen ist das etwa bei seiner Abschlussarbeit „Saal 600“, einem dokumentarischen Musiktheater-Projekt über die Nürnberger Prozesse, das auch Jonas sehr schätzt. Oldenburger:innen sind seiner Probierfreude aber vielleicht auch schon begegnet, denn Kevin zeichnet u.a. für die Regie von „Maria Stuart“ verantwortlich - und verband den klassischen Stoff mit Elementen eines Graphic Novels. Das Ergebnis war überaus spannend. Einen entscheidenen Impuls für das Projekt hat aber auch eine Förderung durch die Kulturstiftung des Bundes gegeben. Nicht zum ersten Mal beschleicht uns das Gefühl, dass ausgerechnet in der größten kulturellen Krise der letzten achtzig Jahre die Förderung genau so aussah, wie sie vielleicht immer sein sollte: mutig, vertrauensvoll, unkompliziert. Die Idee des Technical Ballroom stieß in Berlin jedenfalls auf große Begeisterung und konnte eine erhebliche Unterstützung erzielen. Digitaler Schweinsgalopp Eine gute Grundidee reicht aber natürlich nicht, wenn man ein halbes Jahr die Zukunft des Theaters durchspielen möchte. Der riesige Themenkomplex Digitalität wollte übersetzt werden in attraktive Theaterformate. Als inhaltliche Inspirationsquelle diente Jonas und Kevin ein Buch über digitale Ethik, in dem sich einige Ethiker:innen an der digitalen Revolution abarbeiten. „Mit deren Themen waren wir absolut d'Accord und haben darauf unseren Spielplan aufgebaut“, blickt Kevin zurück. „In den knapp sieben Monaten, in denen der Technical Ballroom geöffnet ist, geht es gewissermaßen im Schweinsgalopp durch die Digitalität.“ Die Themen klingen zwar nach einer Art „Buzzword-Bingo“, aber so ist es halt, wenn man sich mit Zeitgeist und Zukunft beschäftigt. Dann geht es eben um Gamification, Augmented Reality, Deep Fakes, Digital Natives und Artificial Intelligence. „Wichtig ist uns, dass wir hier keine digitale Kunst machen“, betont Jonas. „Wir produzieren nichts, das wir ins Netz streamen, wo man sich das dann anschauen kann.“ Im Gegenteil: Zum Wesen des Ballroom gehöre es, dass die Menschen in die Exerzierhalle kommen, sich dort begegnen und gemeinsam mit der Technik auseinandersetzen. „Das ist uns wichtig“, stimmt Kevin zu. „Hier im Saal muss man sich verhalten: Ich finde den Abend scheiße? Dann stehe ich auf und gehe. Das ist ein politischer Akt. Andere denken dann aber: Ich finde den Abend geil! Und die klatschen dann umso lauter!“ Danach könne man sich an der Bar treffen, ein Bier oder eine Limo trinken und drüber reden. Das ließe sich in Chats und Calls beim besten Willen nicht reproduzieren. Ein Netzwerk der Netzwerke Das Internet sei ja ein großes Netzwerk, erinnert Jonas, aber der Ballroom sei auch eines: „Wir haben Kontakte in der ganzen Stadt geknüpft und viele Kooperationen aufgebaut: Mit der IHJO, mit OFFIS, mit dem Department für Informatik der Universität“, zählt er auf. Gerade im Bereich der Artificial Intelligence gebe es enorme Kompetenzen in Oldenburg. Seit Mitte Juli gibt auch eine Niederlassung des Deutschen Forschungszentrums für künstliche Intelligenz (DFKI). „Oldenburg ist viel mehr als Pferdemarkt und Grünkohl, das muss man sich immer wieder bewusst machen.“ Das theatralische Know-how kommt also von Kevin und Jonas, die technologische Expertise von starken Partner:innen in der ganzen Stadt. Aber auch innerhalb des Staatstheaters wurde eine Art Netzwerk aufgebaut. „Alle waren von Anfang an offen für unsere Idee“, freut sich Kevin auch heute noch. So wurde der Ballroom zu einem echten Kollaborationsprojekt. “Wir haben sieben Sparten, wie Oper, Schauspiel, Ballet. Die bringen praktisch alle etwas ein und wagen gemeinsam den Sprung in die Digitalität.“ Das sei aber keineswegs als Absage an das traditionelle Theater zu verstehen. Das Staatstheater werde weiterhin einen Kulturkanon um Schiller, Shakespeare und Goethe repetieren. „Ich persönlich habe aber kein Interesse daran, Schiller jetzt mit digitalen Medien zu erzählen“, gewährt der junge Regisseur einen Einblick. „Dafür gibt es viel zu viele Stoffe und Materialien, die ich selbst zum Thema eines Abends machen kann!“ Genau das ist auch am Programm des Technical Ballroom zu erkennen - aber dazu kommen wir später. Kein Mittel zum Zweck Holen wir erstmal kurz Luft und fassen zusammen: Der Technical Ballroom geht einen Schritt weiter, als alle anderen Projekte, die Theater und Digitalität bisher verbinden wollten. Es geht nicht darum, Theater digital abzubilden und es geht auch nicht darum, digitale Elemente ins analoge Theater zu holen. Stattdessen werden die beiden Handlungsstränge gleichberechtigt zusammengeführt und daraus ergibt sich etwas ganz Neues. Zwar werden auf der Bühne fünf großformatige Video Walls stehen und für das Publikum wurden 140 Tablets angeschafft. Sie sind aber nicht Mittel zum Zweck, sondern dienen als Digitalkulisse bzw. User Interfaces für partizipative Elemente. Digitalität ist also nicht nur Thema oder Tool, sie wird integraler Bestandteil des live-haftigen Theaterformats. Beides ist ohne das jeweils andere undenkbar. Und das ist womöglich wirklich: die Zukunft des Theaters - auch wenn man für diesen Gedanken den Baulärm in der Exerzierhalle mal kurz ausblenden muss. „Für uns als Theater ist das natürlich Neuland“, ordnet Jonas das Projekt ein. „Wir können nicht einfach irgendwo anrufen und fragen: Wie habt ihr das gemacht? Weil es sowas noch gar nicht gibt!“ In der Tat läuft es eher andersrum, schildert der gebürtige Weimarer. So werden Regiestudierende der renommierten Universität Mozarteum Salzburg in den kommenden Monaten in Oldenburg hospitieren, weil der Technical Ballroom in seinem Bereich bisher einzigartig ist. Er genießt also Vorbildcharakter, bevor er überhaupt gestartet ist. Viel spricht allerdings dafür, dass diese Vorschusslorbeeren gerechtfertigt sind. Digitalität wird im Ballrom nämlich nicht abstrakt oder theoretisch gedacht, sondern geradezu mitreißend lebensnah. Unsere Prognose: Wer ein Smartphone besitzt, wird dort auf seine Kosten kommen. Und das sind nach unserer flüchtigen Recherche: alle. Auf die Ohren: Jonas (links) und Kevin (rechts) waren Ende September auch bei unserem Podcast zu Gast. Das extrem unterhaltsame Gespräch könnt ihr hier nachhören. Krimi, Klima, Krieg Die erste Premiere am 29. Oktober ist zugleich programmatisch, vereint sie doch eine Vielzahl von neuen Möglichkeiten auf sich. Die Rede ist von „Offline“, einem partizipatives Gamification-Format. Bitte was? Kevin erklärt: „Im Mittelpunkt der Handlung steht eine dreiköpfige Digital-Detektei. Bei einem besonders kniffligen Fall - ein Mädchen ist spurlos verschwunden - ist sie auf die Hilfe der Zuschauer:innen angewiesen.“ Mit den bereits erwähnten Tablets kann das Publikum die Protagonisten bei ihren Recherchen auf dem Smartphone der Vermissten unterstützen. Oder es begleitet eine Detektivin bei Nachforschungen im Stadtgebiet - mit GPS-Ortung und Livecam auf den riesigen Screens. „Offline fasst das Gesamtpaket des Ballroom gut zusammen“, findet Kevin. „Es ist interaktiv, partizipativ, es ist realtime - und es hat mit Menschen zu tun!“ Wir gestehen: Uns hat es total getriggert! Diese Form des Theaters hat man in Oldenburg noch nicht gesehen - und auch sonst kaum irgendwo. Lasst euch das nicht entgehen! (Karten) Zuvor wird sich der Technical Ballroom unter dem Titel „Opening.exe“ dem Publikum übrigens vorstellen. Zwischen 10 und 13 Uhr darf ihn jeweils nur eine einzelne Person betreten und bekommt eine exklusive Führung - durch den Ballroom selbst. Das dauert zwar nur anderthalb Minuten, wird aber ein spektakuläre audiovisuelle Erfahrung sein, die das Publikum einstimmen wird auf sieben Monate mit einer Zeitmaschine. Auch in den folgenden Wochen wird viel geboten. Ab dem 26. November nehmen „Die vier neuen Jahreszeiten“ Bezug auf die Oper von Antonio Vivaldi. Sie stammt aus dem Jahr 1725 und nach fast dreihundert Jahren drängte sich die Frage auf: Ist die Abfolge heute überhaupt noch aktuell? Hat der Klimawandel sie nicht längst verschoben? Mit Klängen des Oldenburgischen Staatsorchesters und Texten von Scientist Rebellion wirft der Technical Ballroom einen musikalisch-wissenschaftlichen Blick auf dieses Thema. Das Ergebnis: Eine wütende Konzert-Performance auf Basis von Klimadaten. Nicht weniger spektakulär ist die Virtual Reality-Momentaufnahme „14 Tage Krieg“, dessen Titel man ab dem 5. Januar wörtlich nehmen darf - beziehungsweise: muss. Regieassistent Lukasz Lawicki war im Frühsommer 2022 tatsächlich für zwei Wochen in der Ukraine unterwegs, hat sich dort mit den Menschen über ihre Lage, Gedanken und Gefühle gesprochen und versucht, ihre Situation nachzuempfinden. Wir haben schon damals ausführlich (!) mit ihm über die Situation vor Ort und sein Projekt gesprochen. Noch bewegender dürfte aber das filmische Resultat sein. Nicht verpassen! Ein besonderes Schmankerl verspricht zudem ein Nischenprojekt zu werden: „AI - Eine Stadt wird QR-tiert“ ist vermutlich die exklusivste Ausstellung aller Zeiten. Entwickelt wurde sie nämlich für eine einzige Person! Für wen? Für Dich! Und das geht so: Die Oldenburger:innen werden die Möglichkeit haben, über QR-Codes ihre jeweiligen Lieblings-Fotografien in eine Datenbank zu laden. Ob vom Hund, vom Urlaub, von der Stadt - das spielt keine Rolle. Diese Bilder werden dann in der digitalen Anstellung gezeigt. Aber: Wer sie ansehen will, muss zunächst auf einem Tablet drei Fragen beantworten. „Anhand der Antworten kuratiert ein Algorithmus für jeden die perfekte Ausstellung“, erklärt Jonas. Niemand sieht dieselben Bilder, die Auswahl und Anordnung wechselt mit den Antworten. Keine Frage: Das wird spannend - und einzigartig! Niemand muss draußen bleiben Und wer ist nun die Zielgruppe des Techcial Ballrooms? Der Untertitel lautet schließlich: „Theater für die Digital Natives". Das sind junge Menschen, die streamen, die gamen, die bingen. Heißt das im Umkehrschluss, dass vor dem Eingang ein Hinweisschild stehen wird: „Boomer müssen leider draußen bleiben“? Die beiden „Ballroomer“ lachen schallend. „Nein, auf keinen Fall“, gibt Kevin Entwarnung. Der Satz sei nicht mehr als eine schöne Polemik. „Natürlich ist es so, dass sich junge Zielgruppen durch unsere Inhalte am stärksten angesprochen fühlen. Das sind diejenigen, für die das alles gar kein Neuland ist, weil sie es längst tagtäglich nutzen.“ Gleichzeitig sei es für Ältere aber ja hochinteressant, in diese Welten einzutauchen. Selbst diejenigen, die bisher vielleicht komplett analog gelebt hätten, könnten hier auf ihre künstlerischen Kosten kommen. Zu welcher Alters- und Bevölkerungsgruppe man sich zähle, sei deshalb völlig unerheblich. „Insofern, liebe Oldenburger:innen, entscheidet einfach selbst, ob ihr Digital Natives seid - und kommt rein!“, lautet Kevins Appell. Vorwissen oder technisches Know-how brauche es dafür nicht, betont der gebürtige Oberhausener: „Ein guter Theaterabend erzählt sich von selbst. Wenn ich mir vorher die Zusammenfassung durchlesen muss, hat die Inszenierung was falsch gemacht.“ Niemand müsse was mitbringen - außer vielleicht eine gesunde Neugier. Vorwärts in die die Zukunft Nein, eine Zeitmaschine wird es so schnell nicht geben, falls überhaupt jemals. Deshalb sollten wir die Möglichkeiten nutzen, die der Idee einer Zeitreise zumindest nahe kommen. Der Technical Ballroom gehört eindeutig dazu. Das deutschlandweit einmalige Projekt zeigt uns schon heute, wie die Zukunft des Theaters aussehen könnte. Nämlich nicht als hilfloses Nebeneinander von analogen und digitalen Elementen, sondern als eine eigenständige Weiterentwicklung der tradierten Erzählformen. Am Ende geht es nicht darum, was analog ist und was digital, was online passiert und was offline. Theater bewegte sich immer auf der Höhe der Zeit, reflektierte Weltgeschehen und Gesellschaft und genau das wird es auch weiterhin tun. Deshalb werden sich die Erzählformen vermischen und eine neue Normalität ergeben. Und dieses Szenario dürfen wir in Oldenburg jetzt schon sehen. Das darf man sich nicht entgehen lassen - ganz egal, ob man Digital Native oder Boomer ist! Und zur Beruhigung: Die Aufbauarbeiten in der Exerzierhalle sind inzwischen erledigt, der Montagelärm ist längst verstummt. Die Bühne ist bereit für die Zukunft des Theaters - bist du es auch?
- DIE KUNST DER BEWEGUNG
„Ich gehe heute zum Ballett“ ist einer jener Sätze, die immer noch eine besondere Reaktionen beim Gegenüber erzeugt. Es gibt einige, die intuitiv begeistert sind. Und es gibt die anderen, deren Gesichtsausdruck am ehesten mit „Echt jetzt?" zu umschreiben ist. Tanz scheint für viele Menschen als Kunstform unzugänglicher zu sein als etwa Schauspiel und Konzert. Wer sich zu dieser Gruppe zählt, hat im kommenden März die perfekte Chance, sein Urteil zu revidieren. Denn dann finden die 15. Internationalen Tanztage Oldenburg statt. Nein, Werbung muss man für die Internationalen Tanztage Oldenburg eigentlich nicht machen. Ganz im Gegenteil: Eigentlich müsste man sie verheimlichen. Die Kartennachfrage ist immer extrem groß, manche Vorstellungen sind bereits kurz nach Beginn der Vorverkaufs ausverkauft. Die Auslastung der einzelnen Veranstaltungen lag bei den letzten Tanztagen im Jahr 2019 im Schnitt bei über neunzig Prozent. Es gibt also genügend Menschen, die durchaus einschätzen können, was ihnen geboten wird. Und so viel sei verraten: Das ist auch im kommenden Jahr eine ganze Menge. Aber ja, Werbung muss man für den Tanz als solchen sehr wohl machen. Spannend ist nämlich die Schere, die sich hier im Publikum auftut: Tanz löst entweder riesige Begeisterung aus - oder gähnendes Desinteresse. Wer hat denn nun Recht? Klare Antwort: Niemand. Denn es geht hier nicht um Recht. Es geht hier um einen Zugang zu etwas, das tatsächlich eine inspirierende, mitreißende Erfahrung sein kann, das man sich aber zunächst erschließen muss. Am besten: Durch einen unvoreingenommenen Selbstversuch. Und den solltet ihr nun wagen - falls ihr nicht längst Tanzfans seid. 15. INTERNATIONALE TANZTAGE OLDENBURG 17. BIS 26. MÄRZ 2023 OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER DIVERSE SPIELSTÄTTEN PROGRAMM VORVERKAUF AB: 29. NOVEMBER 2022 Volles Festival-Feeling Schon die Ballettcompagnie des Oldenburgischen Staatstheaters ist hochkarätig besetzt und bietet uns in der regulären Spielzeit etliche Höhepunkte. Ein aktuelles Beispiel dafür ist „Interaktion / Recycling I“, das die globale Klimakrise thematisiert und am 4. November Premiere feierte. Dem folgen noch viele weitere, unter anderem während der Tanztage. „Das liegt aber nicht daran, dass die Compagnie zufällig am Veranstaltungsort zuhause ist“, betont Festivalleiter Burkhard Nemitz. „Sie überzeugt unter Leitung von Antoine Jully durch ihre Qualitäten. Deshalb ist sie dabei.“ Auch als Lokalmatador muss man sich als seinen Platz also erst verdienen. Warum die Oldenburger Truppe diese Gelegenheit nicht verpassen wollte, liegt auf der Hand: Die Tanztage sind ein bedeutendes Ereignis. Im biennalen Rhythmus - also: alle zwei Jahre - komprimieren sie die internationale Tanzszene auf zehn prallgefüllte Tage, denen man mit Fug und Recht Festivalcharakter attestieren kann. Ensembles aus den China, USA, Haiti, Belgien oder Israel kommen an die Hunte, und zeigen hier eine enorme Bandbreite zeitgenössischen, zeitgemäßen Tanzes. Da vermischen sich Ansätze, Stile, Themen, aber durchaus auch Ansichten und Überzeugungen zu einem funkelnden Kaleidoskop. Und das alles, selbstredend, auf höchstem Niveau. Oldenburg fühlt sich während der Tanztage einmal mehr größer an als es ist. Man hat das Gefühl, bei etwas Einzigartigem dabei zu sein, das in mindestens zweifacher Weise mitreißend ist: Wegen der Performances auf der Bühne - aber auch wegen des internationalen Spirits. Beides sorgt dafür, dass die Stadt merklich vibriert. Und etwas anderes ist bei den Tanztagen ebenfalls zu spüren: Wie cool das alles ist. Tanz, so viel wird ganz schnell klar, ist keineswegs nur etwas für Eingeweihte und Enthusiasten. Die Grenzen etwa zur Hip Hop- und Breakdance-, Pop- und TikTok-Kultur sind fließend. Und sowieso handelt es sich bei den Protagonisten auf der Bühne und junge, talentierte Menschen, die echte Freude daran haben, das Publikum zu begeistern - und die dankbar sind für den meist tosenden Applaus. TANZTAGE IN ZAHLEN 3 PARTYS 4 BÜHNEN 8 NATIONEN 10 TAGE 11 WORKSHOPS 12 COMPAGNIEN 30 JAHRE 50+ VERANSTALTUNGEN 10.000 BESUCHER:INNEN Fortgesetzter Erfolg Die 15. Internationalen Tanztage setzen eine äußerst erfolgreiche Tradition fort. Corona unterbrach 2021 zwar den üblichen Rhythmus und sorgte für eine insgesamt vierjährige Pause. Das dürfte aber nicht für einen Abbruch des Interesses gesorgt haben, sondern eher für eine Zunahme. Hört man sich in der Szene um, sind viele Tanzfans förmlich ausgehungert nach dem mehrtägigen Ausnahmezustand, auf den sie so lange verzichten mussten. Verständlich - denn wer einmal dabei war, kann sich der Magie kaum entziehen. An dieser Stelle also eine Warnung: Wenn ihr bisher zu den Tanzskeptiker:innen gehört habt und euch nun zum Selbstversuch entschließen solltet - dann kann es sein, dass ihr direkt ins andere Lager überwechselt. Das hat viel zu tun mit der exzellenten Auswahl an Compagnien, für die Altmeister Burkhard Nemitz und Antoine Jully gemeinsam verantwortlich zeichnen. Sie haben den Finger am Puls der internationalen Szene und begeistern immer wieder renommierte Compagnien für eine Reise nach Oldenburg - oder geben hoch veranlagten Newcomern eine Chance. Eine ausführliche Beschreibung der beteiligen Gruppen und deren Produktionen findet ihr im attraktiv gestalteten Programmheft, das es im Foyer des Staatstheaters übrigens auch in Papierform gibt. Interessanterweise stammt beinahe das komplette Line-Up aus dem Jahr 2019, als die Tanztage 2021 ursprünglich vorbereitet wurden. Es ist erstaunlich und lobenswert, dass die Programme beinahe vollständig in das Jahr 2023 transferiert werden konnten und wir so in Genuss dessen kommen, was wir vor zwei Jahren zwangsläufig verpassen mussten. Für die Ensembles bedeutete diese Entscheidung Planungssicherheit in ungewissen Zeiten. Hoher Anspruch, hoher Zuspruch Keine Frage: Wer das Team um Burkhard Nemitz, Christian Firmbach und Antoine Jully über die Tanztage sprechen hört, spürt Lust und Leidenschaft. Man registriert aber auch die feste Überzeugung der Protagonisten, einmal mehr ein starkes Programm auf die Beine gestellt zu haben, das allen Beteiligten vieles eröffnet: Den Ensembles die Auftritte auf wunderschönen Bühnen in einer - nun ja - wunderschönen Stadt. Dem Publikum einen Kulturgenuss auf allerhöchstem Niveau, der gleichzeitig aber cool und zeitgemäß ist und Festival-Spirit versprüht. Und dann natürlich noch die Summe all dessen: Die Begegnungen, die Gespräche, der Vibe, die Atmo. Alles gehört zusammen und bereichert sich gegenseitig. Dabei spielt auch der thematische Inhalt eine große Rolle. „Wir haben uns bei der Planung erstmal umgeschaut in der Welt: Welche Themen gibt es? Welche Themen drängen?", erklärt Nemitz. Dabei kristallisierte sich schnell ein roter Faden heraus: Menschen in Bewegung. Das waren sie auf der globalen Ebene schon immer, ohne Migration sei die heutige Welt vollkommen unvorstellbar. Eine Triebfeder für Migration sei - neben der Not - immer auch die Neugier auf anderes gewesen, erklärt Nemitz. „Es geht darum, andere Standpunkte einzunehmen und die Dinge mit anderen Augen zu sehen“, erklärt er. Dazu gehöre aber auch der Blick der anderen auf uns selbst - und nicht zuletzt die Eigenwahrnehmung. Von Menschen auf Wanderung und in Bewegung erzähle fast jede Produktion der Tanztage, berichtet Nemitz weiter. Und daraus ergibt sich eine Art Mission: „Dieses Festival will helfen, mutiger zu werden. Es öffnet den Horizont für andere Sichtweisen, für Phantasie, für unsere Vergangenheit und unser Sein. Woher kommen wir? Warum sind wir das, was wir sind, und wie sind wir es geworden? Wie kann man das undurchdringliche Geheimnis der Existenz erhellen?“ Man spürt also ganz deutlich, dass Tanz nicht nur ästhetisch wirkt, sondern auch inhaltsstark und hochpolitisch ist. Und noch mehr: er hat den Anspruch, die beobachteten Zustände zu verbessern oder gar zum heilen - indem er uns sensibilisiert. Wir sind alle eingeladen zu überprüfen, ob - und wie - diese Wirkung erzielt wird. Mehr als ein Rahmen So viel Spektakel die Tanztage auf den Bühnen auch bieten: Das ist längst nicht alles! Denn neben den Auftritten der internationalen Compagnien gibt es ein umfangreiches Workshop-Programm. Hier kann man sich dem Thema Tanz über direkten Kontakt und Dialog, aber auch mit den eigenen Füßen annähern. All das bietet zusätzliches Wissen und wichtige Kontexte, die man sich nicht entgehen lasen sollte. Kleiner Tipp: Wer ein Ticket für eine Aufführung hat, bekommt das entsprechende Workshop-Ticket 50 Prozent günstiger. Darüber hinaus wäre ein Festival natürlich kein Festival, wenn es keine Musik und keine Partys gäbe. Sie zählen zwar als Rahmenprogramm, stehen den Hauptatrraktionen in Sachen Qualität und Attraktivität aber kaum nach - und sind zudem allesamt vollkommen gratis! Insbesondere der Auftritt von Axel Zwingenberger dürfte ein Highlight darstellen. Als Solist tritt er im Januar für mindestens 30 Euro pro Ticket vor 2.000 Menschen in der Hamburger Laeiszhalle auf. In Oldenburg bekommt man ihn in einem kongenialen Duo mit Lila Ammons zu sehen und muss nicht einmal Eintritt zahlen. Und auch an die Kinder wurde gedacht. Seit 2014 haben sie einen eigenen, festen Platz im Programm. Den brauchen sie auch, wie Nemitz betont, denn Kinder verfügten über eine ganz eigene Körper- und Bewegungssprache. Daher gebe es auch Tanzproduktionen, die genau das berücksichtigen und Tanz sozusagen in Kindersprache übersetzen. Alle diese Dinge, die viel mehr als nur ein Rahmen sind, tragen wesentlich zur Gesamterfahrung Tanztage bei. Und auch dazu, dass die These aus dem ersten Absatz stimmt: Werbung braucht diese Veranstaltung eigentlich nicht; zumindest nicht, wenn es darum geht, die Eingeweihten in die Spielstätten zu locken. Für alle anderen sind die Tanztage aber der ultimativen Einstieg. Denn anders als man erwarten dürfte, überfordert der Überfluss nicht etwa - sondern zieht uns mit wie ein Sog. Und das sollen natürlich alle wissen! Teamwork Tanztage Wie glücklich Oldenburg sich schätzen darf, zeigt ein Blick in die Nachbarschaft. Die Tanzfestivals in Hannover und Bremen wurden von ihren Geldgebern zuletzt schwächer ausgestattet, das blieb nicht ohne Folgen für das Angebot. Oldenburg steht dagegen noch gut da. Der Etat von über 300.000 Euro verteilt sich auf verschiedene Schultern - und am stärksten sind jene der Sponsoren und des Publikums. Die eingangs erwähnte hohe Auslastung sorgt dafür, dass man am Staatstheater verlässlicher mit Einnahmen planen kann als anderswo. Das freilich ist keine Garantie für die Zukunft, wie Burkard Nemitz mahnt: „Man darf nicht behaupten, dass die Tanzfestivals ausreichend ausgestattet sind. Das sind sie nicht!“ Auch Oldenburg stünden ungewissen Zeiten bevor. Stand heute macht das Teamwork aus Öffentlicher Hand (Land Niedersachsen und Stadt Oldenburg), privaten Unternehmen und dem treuen Publikum aber ein hochkarätiges Tanzfestival möglich. Und genau das sind die Internationalen Tanztage: Ein Festival, und zwar mit all den mitreißenden Qualitäten, die so ein Ereignis hat. Internationalität, Dynamik, Inspiration. Und wie immer in solchen Fällen gilt: Man muss sich drauf einlassen. Tut man es nicht, wird man den Reiz nie erfassen. Tut man es aber doch, schwimmt man mit im Strom und surft irgendwann die Welle der Begeisterung. Enthusiasmus statt Desinteresse Man muss der selbstbewussten Überschrift des Programmheftes - „Ohne Tanz wäre dass Leben ein Irrtum“ - nicht zwangsläufig zustimmen. Aber man sollte herausfinden, ob nicht vielleicht was Wahres dran ist. „Ich gehe heute zum Ballett“ ist deswegen hoffentlich der Satz, den ihr im März 2023 häufig sagt, wenn es darum geht, eure Abende zu beschreiben. Und damit erntet ihr dann hoffentlich nicht verständnisloses Schulterzucken, sondern intuitive Begeisterung. Denn die wäre mehr als gerechtfertigt.
- NICHT MIT UNS!
Kultur ist eigentlich nie einfach nur reine Unterhaltung. Teil von Kultur zu sein, sei es auf der Bühne oder im Publikum, hinterlässt immer einen bleibenden Eindruck auf uns, ob uns das im jeweiligen Moment bewusst ist oder nicht. Das weiß und nutzt auch der Jugendkulturarbeit e.V., der mit den Mitteln der Theaterpädagogik junge Menschen seit Jahren erfolgreich politisch bildet! Das aktuelle Projekt in diesem Bereich: eine Ausstellung zur Aufarbeitung der NSU-Verbrechen samt Rahmenprogramm. AUSSTELLUNG: DIE OPFER DES NSU UND DIE AUFARBEITUNG DER VERBRECHEN 01. - 12. NOVEMBER 2022 HELENE-LANGE-SCHULE OLDENBURG Für die Öffentlichkeit ist die Ausstellung am 04. & 08. November von 16:00 - 18:00 geöffnet Anmeldung bitte unter: dm@hls-ol.de 14. - 25. NOVEMBER 2022 IGS FLÖTENTEICH Für die Öffentlichkeit ist die Ausstellung am 14. & 17. November von 14:00 - 18:00 geöffnet und am 18. November von 15:00 - 17:00 Uhr Anmeldung bitte unter: annegret.meyer@igs-floetenteich.eu Schüler*innengruppen können einen Termin zum Besuch der Ausstellung vereinbaren. Bitte per E-Mail anmelden! ABSCHLUSSVERANSTALTUNG: "NICHT MIT UNS!" - SZENISCHE LESUNG 24. NOVEMBER 2022 IGS FLÖTENTEICH Junge Menschen interessieren sich scheinbar, so sagen es zumindest die Wahlergebnisse vergangener Jahre und trotz des Aufkommens von Bewegungen wie Fridays for Future, in unserer Gesellschaft über alle Altersgruppen hinweg immer am wenigsten für den politischen Alltag in unserem Land. Das bringt so manche Konsequenz mit sich, da durch diesen Umstand eine Gesellschaft entsteht, die weniger Rücksicht auf die Belange junger Menschen nimmt. Das kann dazu führen, dass sie sich immer weniger angemessen repräsentiert fühlen, resignieren und sich weiterhin nicht an Wahlen beteiligen - eine Art Teufelskreis entsteht. Zu Recht fragt man sich also, wie man es schafft, junge Menschen bereits so früh wie möglich und über alle Bildungsschichten hinweg für gesellschaftlich und politisch relevante Themen zu begeistern? Denn gerade sie werden es sein, die sich auch zukünftig immer wieder für den Erhalt demokratischer Strukturen einsetzen müssen. Diese wichtige Frage beantwortet der Jugendkulturarbeit e.V. unter anderem mit den kulturellen Methoden der Theaterpädagogik. Perspektivwechsel Der Verein selbst existiert bereits seit 1995 und unterstützt, initiiert und vernetzt kulturelle Projekte mit Kindern und Jugendlichen aus den Bereichen Tanz, Theater, Kunst und Musik. 2012 kam offiziell die politische Bildung neben der kulturellen und internationalen Arbeit hinzu und bildet bis heute einen der drei Schwerpunkte des Vereins, den Gina Schumm, neben ihrer Tätigkeit als Teil der Geschäftsleitung, verantwortet. Innerhalb großer Überbegriffe, die einen bestimmten Zeitraum des politischen Bildungsprogramms des Vereins prägen (aktuell: Erinnerungskultur und Teilhabe) werden für Schulklassen unterschiedlich, mehrtätige Workshops angeboten, die sich vor allem mit den Themenfeldern der "Privilegien" und der "Angst" auseinandersetzen. Natürlich findet innerhalb der Workshops trotzdem grundlegende Wissensvermittlung und Sensibilisierung für bestimmte Themen statt. Doch was unterscheidet das Ganze dann noch vom klassischen Schulalltag? Könnte dann doch auch alles dort stattfinden? Falsch gedacht. Denn das reine Erzählen von einer Thematik reicht oft nicht aus, um sie wirklich und nachhaltig zu verstehen - gerade wenn es um so wichtige Themen geht. Vielleicht ist man ja gar nicht von der Thematik selbst betroffen, weiß nichts über die damit einhergehenden Probleme. Wie weckt man also die Empathie in allen Teilnehmenden am besten? Hier kommen die theaterpädagogischen Mittel ins Spiel, die das Wissen erst wirklich verankern! "Indem die Kinder und Jugendlichen eine bestimmte Sichtweise einnehmen und dann aus einer Rolle, einer Figur sprechen, begreifen sie Zusammenhänge und Positionen noch mal anders." - Gina Schumm, Geschäftsleitung politische kulturelle Jugendbildung des Jugendkulturarbeit e.V. Wanderausstellung, Workshops und szenische Lesung Auch das aktuelle Projekt beinhaltet genau diese Elemente. Mit "Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen", macht auf Initiative des Jugendkulturarbeit e.V. die erfolgreiche Wanderausstellung des Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung nun auch halt in zwei Oldenburger Schulen. Die Ausstellung zeigt unter anderem die Biografien der Opfer, beleuchtet das Netzwerk des NSU und analysiert die Gründe, warum die Mordserie so lange im Untergrund agieren konnte und den Behörden verborgen blieb. Auch kommen Angehörige der Ermordeten zu Wort. Eltern, Kinder und Witwen berichten von der Zeit vor und nach dem Auffliegen des NSU, kommentieren den Münchner NSU-Prozess und unterziehen die bisherige Aufklärung einer kritischen Beurteilung. Zudem beschäftigt sich die Ausstellung mit weiteren rechten Gewalttaten und beleuchtet die Perspektive von Angehörigen auf erneute rassistische Morde in München, Wolfhagen-Istha, Halle und Hanau. Ausstellungsmacherin Birgit Mair wird vor Ort an beiden Schulen eine Schülercoachausbildung durchführen, die im Nachgang ermöglicht, dass die zu Peer-Guides ausgebildeten Schülerinnen und Schüler der Helene-Lange-Schule und der IGS-Flötenteich selbst durch die Ausstellung führen können. In zusätzlichen Workshops beschäftigen sie sich unter anderem damit, wie sich offener, struktureller und Alltagsrassismus äußern kann und diskutieren darüber wie rechtsradikale Strukturen und Netzwerke erkannt werden und wie Einzelne und die Gesellschaft aufklären, sensibilisieren und vorbeugen können. Die Abschlussveranstaltung findet dann am 24. November in der IGS-Flötenteich statt. Eine szenische Lesung mit dem Titel „Nicht mit uns!“ wird sich mit dem Themenkomplex auseinandersetzen. Ein harter Text sei das, den die Besucherinnen und Besucher dort erwarten können, so Gina Schumm. Doch werde es auch immer wieder unterschiedliche Elemente geben wie Bebilderungen, musikalische Untermalungen oder Fragen hinein ins Publikum die diese Stimmung brechen und dem Publikum Luft zum Durchatmen geben sollen. Ein spannendes Gesamtpaket! Weitere Informationen zur Ausstellung findet ihr unter: www.opfer-des-nsu.de
- PODCAST: FOLGE 15
Wir alle hatten wahrscheinlich Kunst als Unterrichtsfach in der Schule. Doch kennt ihr auch die Oldenburger Kunstschule? Hier lernt man nicht nur, wie man sich kreativ und künstlerisch verwirklichen kann, sie ist auch eine Einrichtung, in der Kinder ebenso wie Jugendliche und junge Erwachsene lernen, sich mit ihrer Umwelt aber auch sich selbst auseinanderzusetzen. Die Schule ist ein Ort, an dem junge Menschen, wie man das auch immer finden mag, bewertet werden für die Leistungen, die sie erbringen innerhalb einer festgelegten Notenskala. Das gilt auch für den Kunstunterricht. Da erzählen wir wahrscheinlich niemandem etwas Neues. Doch lässt sich Kunst überhaupt in ein solches Schema fassen? Wahrscheinlich nicht. Ist das System der Schule darauf ausgelegt und in der Lage so individuellen Ansprüchen, wie sie in der künstlerischen Entwicklung von Kindern und jungen Erwachsenen notwendig wäre gerecht zu werden? Vielleicht muss das gar nicht zwangsläufig! Denn diejenigen, die wirklich in die Welt der Kunst eintauchen wollen, die finden in der Oldenburger Kunstschule einen Anlaufpunkt, der all' das bietet. Vom frühsten Alter können Kinder hier ihren persönlichen künstlerischen Weg beginnen, der von klassischen Maltechniken über moderne, digitale Kunstprozesse bis ins frühe Erwachsenenalter und die Mappenvorbereitung zur Bewerbung für beispielsweise ein Studium innerhalb künstlerischer Bereiche oder Berufe reicht. Deliane Rohlfs sowie Annekathrin Scheer und Georg Lisek lassen uns in dieser Folge Kulturschnack an der Geschichte der Kunstschule teilhaben und wie sich die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern konkret gestaltet. Gesellschaftlich relevant Dabei setzen sie unter anderem auch immer wieder gesellschaftliche Statements, lassen die Werke der jungen Beteiligten dabei für sich sprechen und senden Signale in unsere Stadtgesellschaft. So findet auch kommenden Samstag, am 19. November, unter dem Titel "Platz nehmen" eine kreative Parade statt, die gerade in diesen Zeiten auch auf die Wahrung und Stärkung der Kinderrechte aufmerksam macht! Tanztheater, mobile Installationen, Stuhlskulpturen, Tonobjekte, besprühte oder bemalte Planen, Sticker, Spoken Word Performances, Bücher oder Fahnen werden während eines Umzugs rund um den Wallring von Oldenburg gezeigt. Die kreative Parade geht von 11 bis 13 Uhr und startet am Julius-Mosen-Platz gemeinsam mit allen Teilnehmenden. Alle Informationen zur Veranstaltung und auch zu den unterschiedlichen Angeboten der Oldenburger Kunstschule findet ihr unter: www.oldenburger-kunstschule.de
- ERKENNTNISSE AUS DEM KULTURAUSSCHUSS
Der Kulturausschuss ist weiterhin auf Tour: Die Juni-Sitzung fand im Oldenburgischen Staatstheater statt, nach der Sommerpause ging es im Horst-Janssen-Museum weiter. Dieses Mal ging es wieder nicht ins angestammte PFL, denn dort ist dank der KIBUM alles fest in Kinderhand. Der Ausschuss tagte sogar in kulturell eher unverdächtigen Räumlichkeiten, nämlich im Gebäude des städtischen Finanzdezernats auf dem Gelände der Alten Fleiwa. Das aber sollte sich nur kurz als Problem herausstellen. Eine kleine Gruppe wähnte den markanten Fleiwa-Turm als Tagungsort, fand das richtige Ziel jedoch etwas später. Hätten sie mal unsere Ankündigung gelesen, die genau das vorab erklärt hat. Letztlich bedeutete der kleine Irrtum bei den Betroffenen aber nur kurze Stressmomente und die Sitzung ging beinahe pünktlich los. Apropos Ankündigung: wer sich für die genaue Tagesordnung interessiert, schaue bitte auch dort nach. Die Sitzung haben wir für euch live angeschaut und fassen hier zusammen, was dort in rund zwei Stunden diskutiert wurde. Wie immer: In fünf leichtverdaulichen Erkenntnissen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Schließlich ist dies kein Protokoll. Wer sich das wünscht, schaut im Ratsinformationssystem vorbei! Erkenntnis 1 Krise ist überall Die Kultur bereitet sich auf einen schwierigen Winter vor Ein Gespenst geht um in Europa und es nennt sich... ja, wie eigentlich? Energiekrise? Inflationskrise? Oder gar Kostenkrise? Wie auch immer man das Ganze bezeichnet, die Preisentwicklung ist derzeit ein dominantes Thema, weil alle unweigerlich davon betroffen sind. Das wurde in dieser Sitzung schon gleich zu Beginn - bei der Einwohnerfrage - spürbar. Deliane Rohlfs, Leiterin der Oldenburger Kunstschule, fragte stellvertretend für die Szene nach, ob die Stadt plane, die drastisch gestiegenen Energiekosten für die Kulturinstitutionen in irgendeiner Form abzufedern. Für die Verwaltung antwortete OB Krogmann, dass auf Landes- und Bundesebene an Lösungen gearbeitet werde, die man abwarten wolle. Die Vertreter:innen der Parteien bekräftigten, dass dieses Thema bei den anstehenden Haushalts-Beratungen eine wichtige Rolle spielen werde. Dort werde man sich Gedanken machen, ob eine Lücke zwischen den Förderungen durch Land und Bund und den tatsächlich entstehenden Kosten eventuell aufzufangen wäre. Nach einhelliger Meinung aller Beteiligten ist die Kultur vom Kostenanstieg bei der Energie besonders betroffen, so dass man alle Möglichkeiten ausloten wolle. Hingewiesen wurde aber auch darauf, dass auch Sparbemühungen nötig sind. Das Ziel laute hier: 20 Prozent Minderverbrauch. Dennoch sind die Kultureinrichtungen besorgt. Denn welche Programme auch immer von Land und Bund kommen werden: Keines wird hundert Prozent der Einbußen kompensieren. Dazu passte auch der Reality Check durch den OB: Ein etwaiges Engagement der Verwaltung werde auf jeden Fall Grenzen haben, man könne nicht jede Lücke ausgleichen. Der momentan allgegenwärtige Elefant im Raum stand also auch im Sitzungssaal des Kulturausschusses. Die Krise ist eben überall. Unsere Prognose deshalb: der Kostendruck wird uns noch eine Weile beschäftigen. Erkenntnis 2: Haushalt ist kompliziert Weniger Mittel bedeuten weniger Möglichkeiten Nein, ohne Vorwissen in Verwaltungsbetriebswirtschaft kann man einen kommunalen Haushalt nicht wirklich verstehen. Aber selbst mit einschlägigem Know-how bleibt es eine komplexe Angelegenheit. Trotzdem lohnt sich ein Blick auf die trockenen Zahlen. Sie verraten nämlich einiges über die allgemeine Finanzsituation. Fängt die Verwaltung an zu sparen, ist das nicht selten ein Signal für schlechtere Zeiten. Und so ist es - leider - auch dieses Mal. OB Krogmann erwähnte am Rande, dass das prognostizierte Defizit der Stadt Oldenburg in Höhe von 6 Mio. Euro bereits nicht mehr aktuell sei und deutlich höher ausfalle. Da heißt es für alle Teile der Stadtverwaltung: Sparen. Auch in der Kultur. Dieser Haushaltsentwurf ist etwas unbequemer als die letzten, weil er auch Reduzierungen vorsieht. Immerhin: die Strukturbrücke wird eingestellt. Paradoxerweise ist das eine gute Nachricht, denn der enorme Bedarf ist einfach nicht mehr da. In diesem Jahr wurden die Budgets nämlich nicht ausgeschöpft. Etwas umstrittener: Die Verwaltung möchte bei RaZ kürzen, Mach|Werk soll wieder auf den ursprünglichen Ansatz ihn Höhe von 40.000,- Euro eingedampft werden. Hier gab es seitens der Politik durchaus Diskussionsbedarf, weil man die langfristige Dimension dieser Ansätze sah. Es wurde mehrfach eine tiefergehende inhaltliche Auseinandersetzung befürwortet. Es könnte also sein, dass dem Hü aus der Verwaltung ein Hott der Politik folgt. Oder so. Wie gesagt: Es ist kompliziert. Erkenntnis 3: Alle sind sich einig Schwere Zeiten schweißen zusammen Wie bitte? In der Politik sind sich alle einig? Das muss doch ein Scherz sein! Aber nein, ist es nicht. Denn auch wenn die Redebeiträge zum den TOPs durchaus changierten, war die Stoßrichtung immer dieselbe, nämlich die Unterstützung der Kultur in schweren Zeiten. Und auch wenn der eine oder andere Verwaltungsvorschlag für den Haushalt nicht allen gefiel, gab es ein allgemeines Bewusstsein für Notwendigkeiten. Das heißt: bestimmte Dinge werden unvermeidbar sein, das war allen klar. Und das ist auch okay, solange die grundsätzliche Richtung stimmt. Und das tut sie ja, denn: alle sind sich einig. Die Einigkeit betraf auch das Thema Klima. Einige Kultureinrichtungen haben nämlich Förderanträge für die energetische Sanierung ihrer Spielstätten gestellt. Die seien absolut notwendig, stimmten Vertrer:innen der Politik zu. Schließlich wäre es ja sinnlos, Defizite durch schlecht gedämmte Häuser zu subventionieren. Entsprechende Anträge würden aber nicht aus dem Kultur-, sondern dem Klimaschutzprogramm finanziert, so dass das strapazierte Kulturbudget dadurch nicht weiter angetastet würde. Eine gute Nachricht. Tatsächlich setzte sich die Einigkeit auch bei anderen Punkten fort - wie zum Beispiel einem Tastmodell für die Stadt. Viele von euch kennen so etwas sicher aus anderen Städten. Solche Modelle geben Menschen mit Sehbeeinträchtigungen die Möglichkeit, sich ein Bild von den räumlichen Gegebenheiten und Bezügen zu machen. Das Oldenburger Modell wird im Maßstab 1:500 hergestellt und im kommenden Mai auf der Grünfläche neben dem Pulverturm aufgestellt. Vielleicht nicht der naheliegendste Ort, mit dem Modell soll dort aber auch einer Aufwertung erfolgen. Nach derzeitiger Planung wird die Produktion noch im Dezember in Auftrag gegeben und soll etwa 70.000 Euro kosten. Das begrüßten alle Anwesenden. Und die große Einigkeit ging sogar noch weiter! Sie betraf nämlich auch die Erkenntnis Nummer 5: Mehr geht immer. Alles weitere lest deshalb bitte dort. Was wir festgestellt haben: So sehr wir den politischen Diskurs schätzen und zünftige Schlagabtausche lieben, so schön ist es auch mal, solche Einigkeit zu erleben. Erkenntnis 4: Geschichte gehört in die Gegenwart Die Stadt sucht nach kreativen Formen der Erinnerung Lange wurde über den sogenannten Wilhelmsstein diskutiert. Zunächst nach seinem Fund vor sieben Jahren - und erneut in den letzten zwei Jahren, in denen er bei sechs Ausschusssitzungen auf der Tagesordnung stand. Wer ganz tief in das Thema einsteigen möchte, lese bitte den wunderbaren Beitrag „Stein des Anstoßes“ des Stadtmuseums. Für alle anderen: Der Stein ehrt mit Kaiser Wilhelm I. eine zweifelhafte historische Persönlichkeit und steht zudem dort, wo er gefunden wurde: auf einem Spielplatz auf dem Anne-Frank-Platz in Neu-Donnerschwee. Das halten viele für unvereinbar. Die Verwaltung hat die dort benachbarte Jugendkulturarbeit e.V. gebeten, Ideen für einen kreativen Umgang mit diesem Stein zu erarbeiten. Das entsprechende Projektkonzept wurde nun vorgestellt und stieß in Verwaltung und Ausschuss auf Zustimmung (schon wieder Einigkeit!). Doch der Teufel liegt im Detail. Es ergaben sich einige Fragen z.B. zu künftigen Nutzung des freiwerdenden Sockels, die nicht abschließend beantwortet werden konnten. Im kommenden Jahr sollen sie final geklärt werden, so dass der Wimhelmsstein die kulturpolitische Diskussion wohl noch eine Weile begleitet. Wie schön, es haben sich ja sowieso schon alle daran gewöhnt. Und wenn die Länge des Prozesses letztlich dabei hilft, eine kreative Erinnerung zu ermöglichen, dann war es die Mühe und die Zeit definitiv wert. Etwas anders war es bei Ehrung für Pastor Urdze, denn die Vorschläge wie Grabpflege fand man im Ausschuss eher mittelmäßig kreariv. Die Verwaltung versprach, in weiteren Verlauf nach weiteren, attraktiven Möglichkeiten zu suchen, zum Bespiel zusammen mit den Gemeinnützigen Werkstätten. Auch dieses Thema setzt sich also fort, aber immerhin ist es noch nicht sehr alt: Es bezieht sich auf einen Antrag, der erst in der Juni-Sitzung gestellt wurde. Erkenntnis 5: Mehr geht immer Auf der Suche nach Räumen und Terminen Das war eine Überraschung: Bei den Sitzungsterminen des Kulturausschusses im kommenden Jahr gab es tatsächlich eine inhaltliche Diskussion. Deren Zahl sollte nämlich von 7 auf 5 reduziert werden. Aus Sicht des Protokollanten ist das natürlich ein Traum, inhaltlich aber natürlich diskutabel. Grund dafür sei aber nicht etwa, dass man mehr nicht für nötig halte, sondern etliche Ferientermine, die auf den dritten Dienstag im Monat fallen. Kuktrpolitik im Telegramstil, wie Pavel Möller-Lück es formulierte, konnten sich die meisten Mitglieder des Kulturausschuss aber nicht vorstellen. Deshalb erging der Auftrag an die Verwaltung, weitere mögliche Daten auszuloten. Mehr geht schließlich immer. Da waren sich wiederum alle einig. Das Doppel-Prinzip betraf übrigens auch die beiden Anträge der Fraktionen zur Kunst im öffentlichen Raum und zum Mangel an Proberäumen. Die Vertreter:innen der Politik vertragen über Parteigrenzen hinweg die Ansicht, dass Kunst im öffentlichen Raum eine hohe Bedeutung habe, weil sie anders als ein Museum keinerlei Schwelle besitze. Wer mehr dazu erfahren möchte, besucht das städtische Portal „Kunst auf Klick“. Der Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum solle man tatsächlich wieder mehr Aufmerksamkeit widmen, mittelfristig eventuell mit dem Ziel eines Budgets für solche Zwecke. Das auch mit Blick darauf, dass es so etwas aktuell nicht gibt - und (vielleicht deshalb?) in den letzten zwanzig Jahren kaum neue Kunstwerke hinzugekommen seien. Also: Mehr geht immer! Gleiches gilt für Proberäume für Solokünstler:innen und Bands. Im Johann-Justus-Weg sind nun einige weggefallen, so dass weitere Bands auf der Suche seien. Wer die Kultur weiterentwickeln und ihr eine Zukunftsperspektive eröffnen wolle, lautete eine Feststellung, müsse hier ansetzen. Zudem sei Musik auch für junge Menschen ein enorm wichtiger Kanal für die Expression und Verarbeitung von Emotionen ist. Normalerweise sei das Sache des Marktes, erklärte die Verwaltung, doch Vertreter:innen der Parteien sahen eine größere politische Dimension. Denn dort, wo früher Proberäume standen, stünden heute teure Mietwohnungen. Insofern müsse auch irgendwo ausgeglichen werden, was weggefallen ist. Wenn Kultur wirklich wichtig ist - und da sind sich natürlich wieder alle einig - müsse man hier eventuell sogar finanzielle Mittel einsetzen - auch wenn die Krise überall ist. Das gleiche Problem betrifft auch Ateliers, die auf dem Mietmarkt ebenfalls nicht konkurrenzfähig sind. Freiräume würden generell immer weniger. Deswegen stelle sich natürlich die Frage, ob die Stadt nicht nach Immobilien Ausschau halten könne, wo viele Kreative eine Heimat fänden. Die wiederum verwies darauf, dass die Frage 2012/13 schon mal diskutiert worden sei, dass sich aber alle Möglichkeiten zerschlagen hätten, obwohl der Verdichtungsdruck längst nicht so hoch war. Amtsleiterin Christiane Cordes bringt es auf den Punkt: "Es ist extrem kompliziert." Das bleibt vermutlich auch so, aber immerhin sind sich alle einig: Mehr geht immer!











