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  • DAS EIGENE REICH

    Eine einsame Insel, nur für sich allein, Rückzug, Ruhe oder doch soziale Isolation? Auch die Grenzen zwischen dieser zuerst freiheitlich anmutenden Utopie und veraltetem, kolonialistischem Gedankengut liegen viel näher aneinander, als wir uns das wahrscheinlich eingestehen wollen. James Newitt nimmt sich, unter anderem, diesem Thema in seiner Ausstellung "From above, an Island" an, die aktuell im Edith-Russ-Haus zu sehen ist. JAMES NEWITT - FROM ABOVE, AN ISLAND VOM 20. APRIL BIS 11. JUNI 2023 EDITH-RUSS-HAUS KATHARINENSTRASSE 23 ÖFFNUNGSZEITEN: DI. - FR. 14:00 - 18:00 UHR SA. & SO. 11:00 - 18:00 UHR James Newitt ist ein Künstler und Filmemacher, dessen Arbeiten sich mit sozialen und kulturellen Beziehungen befassen, inklusive ihrer Wandelbarkeiten und Paradoxien. Die Geschichten, die er erzählt, lassen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion miteinander verschmelzen. Sie enthalten zum einen klassische Anteile einer Dokumentation: ausführliche Recherchen, das Zusammentragen diverser Materialien, die der Realität entspringen und somit auf Tatsachen beruhen. Doch wo der dokumentarische Part endet, beginnt der künstlerische Akt. Aus diesen, der Realität entspringenden, bestehenden Fragmenten spinnt Newitt Kunstprojekte, die filmischer, aber auch fotografischer, textlicher oder skulpturaler Natur sein können. Willkommen zur Spurensuche Wenn man nun also so durch eine neue Ausstellung wie diese streift, dann fragt man sich natürlich die ganze Zeit, was der Künstler einem sagen möchte und versucht die Themen zu finden, die ihn prägen und herauszufinden was sein Motiv ist, was ihn antreibt. Wie ein Nachwuchsdetektiv ist man auf der Suche nach Indizien, Zeichen und möchte unbedingt die eine Spur finden, die einem die entscheidende Information verrät. Deshalb möchten wir euch heute in diesem Artikel gar nicht allzu viel über die einzelnen, ausgestellten Werke vorab verraten, sondern satteln das Pferd heute mal von der anderen Seite auf. Wir lassen euch heute also an dem teilhaben, was die "Detektei Kulturschnack" an Motiven in der Ausstellung erkennen konnte, damit ihr bei eurem Besuch selbst für euch prüfen könnt: seht ihr das auch so? Deutet ihr die Inhalte, die Hinweise und Verweise so wie wir? Fangen wir mal an: ... MOTIV 1: Die Insel Die romantisierten Vorstellungen, die die Gesellschaft häufig mit dem Leben auf und in gewisser Hinsicht auch der "Eroberung" einer verlassenen Insel, dem bewussten Rückzug in die Einsamkeit und sozialer Isolation verbindet, die stechen deutlich aus den Arbeiten Newitts heraus. Und seien wir mal kurz ehrlich zu uns selbst: natürlich klingt das erstmal verlockend! Hatte nicht jeder schon mal - zumindest ganz, ganz kurz - den Gedanken, wie es wohl wäre sich einfach aus der Gesellschaft auszuklinken und nur für sich zu sein? Quasi eine Art Fluchtreflex auf die ständige und andauernde Reizüberflutung der Mediengesellschaft in der immer etwas passiert und wir eine Meinung zu irgendetwas haben müssen. Aber, da ist natürlich auch immer die Kehrseite der Medaille: denn etwas ganz für sich alleine zu beanspruchen, das exkludiert in der Natur der Sache bereits alle anderen, die nicht zu diesem jeweiligen Unterfangen gehören. Und wie sehr können wir uns wirklich noch isolieren in der heutigen Welt, die vernetzter ist als jemals zuvor, in der eigentlich kein Fleck der Erde noch unbekannt scheint. Sind wir zudem wirklich bereit alle Konsequenzen, die mit diesem Rückzug einhergehen vollständig selbst zu tragen? Newitt selbst weiß beim Thema "Insel" genau wovon er spricht, denn er stammt gebürtig aus Tasmanien, einem Teil Australiens, der vollständig vom restlichen Festland abgetrennt und vor allem für seine großen Naturschutzgebiete bekannt und von diesen auch somit landschaftlich geprägt ist - pulsierendes Leben findet also eher woanders statt. So erlebt Newitt also auch die gegenteilige Erfahrung der Isolation und des abgeschottet seins auf einer Insel als etwas Negatives, dem man durch die "Flucht" in bspw. Metropolen und größere Städte entkommen muss. Die einsame Insel als gedankliches Modell und Faszination begleitet den Künstler also im wahrsten Sinne bereits von Kindesbeinen an und zieht sich wie der berühmte rote Faden durch sein weiteres Leben. Während seiner Zeit an der Universität plante er beispielsweise völlig im Geheimen ein Projekt, bei dem er das Konzept der Insel auf die Spitze trieb und sich ohne Ankündigung für 3 Wochen auf ein winziges Floß mit einem Zelt drauf zurückzog und sich völlig isolierte. Muss man auch erstmal machen - und sich trauen. MOTIV 2: Zerfall Wir können es auch gerne etwas konkreter formulieren, nämlich Zerfall unserer Selbst oder dessen, was unser Selbst ausmacht und ermöglicht: das Gehirn. Es zieht sich durch mehrere Werke, mal ganz bewusst gewählt, mal fast eher durch den Zufall entstanden (so scheint es) und doch ist das absolut Faszinierende an der ganzen Sache, dass die gezeigte Kunst nicht einfach nur das Thema abhandelt und davon berichtet. Nein, man hat das Gefühl, dass die Werke selbst im Inbegriff sind in sich selbst zu zerfallen und zu dem beschriebenen Zustand werden. Das gibt dem künstlerischen Handeln von James Newitt nochmal eine ganz andere Ebene in der Betrachtung von Außen. Denn natürlich könnte man es einfach als rein künstlerisch freien Akt betrachten, dass er dokumentarische Elemente aufgreift und dann fiktional weitererzählt und müsste das gar nicht weiter hinterfragen, könnte es einfach als gegeben hinnehmen. Doch genau so gut könnte man das künstlerische Handeln und die Wahl der der erzählerischen Elemente als Teil des Kunstwerkes betrachten. Gleiches gilt, wenn sich einem das Werk nicht vollständig in seiner Gänze sofort und unmittelbar erschließt, weil es vielleicht unfertig, fragmentiert, ja sogar unschlüssig und verwirrt wirkt. Vielleicht trägt auch hier dieser Zustand des Werkes zur eigentlichen Erzählung und der Dramaturgie ganz wesentlich mit bei. Denn vielleicht hat die erzählte Geschichte irgendwann selbst vergessen, was wahr ist und was nicht der Realität entspricht. Vielleicht weiß die Geschichte selbst nicht mehr, wo die Grenzen von "echt" und "fake" verlaufen. ... Hiermit schließt "Detektei Kulturschnack" ihre Ermittlungen ab - case closed. Zu welcher finalen Einschätzung wir kommen? Dass in den kommenden Wochen, in denen "From above, an Island" im Edith-Russ-Haus zu sehen sein wird, das Erzählen einer Geschichte, sei sie wahr oder nicht, von James Newitt auf ein völlig neues Level gehoben wird. Lasst euch also definitiv drauf ein und schaut vorbei, denn wir sind schon mehr als gespannt, was eure persönliche Betrachtung des Falls ... äh ... der Werke ergeben wird und zu welchen Schlussfolgerungen sie euch führen werden. Ihr möchtet noch weitere Informationen? Kein Problem. Schaut einfach auf der Website des Edith-Russ-Hauses vorbei, dort werdet ihr fündig: www.edith-russ-haus.de Oder, falls ihr euch fragt, was das Haus für Medienkunst eigentlich so ist oder wer Edith Russ war, dem können wir unsere Podcastepisode mit dem Leitungsduo des Hauses, Marcel und Edit, wärmstens empfehlen:

  • EIN DONNERSTAG IM APRIL

    Es gibt Tage, an denen einfach nichts los ist. Und es gibt Tage wie den 20. April. An diesem Donnerstag zeigt Oldenburg, wie vielfältig und ambitioniert die Kulturszene ist, welch spannende Projekte es gibt und dass für wirklich jeden was dabei ist. Der Haken daran: Es gibt viel zu sehen, aber nur wenig Zeit - denn auch dieser Tag hat nur 24 Stunden. Ihr habt also: Die Qual der Wahl! Und auch bei diesem Artikel gibt es einen kleinen Haken. Wenn ihr heute nicht zufällig Urlaub habt und/oder die Kunst beherrscht, an mehreren Orten gleichzeitig zu sein, wird er ein negatives Gefühl bei euch auslösen: Ihr verpasst was! Das ist niemals schön, aber seht das Gute daran: Verpassen kann man nur, was auch stattfindet. Und dass heute - und überhaupt - viel los ist in Oldenburg, ist doch ein ziemlich gutes Zeichen, oder? In diesem Sinne - here we go! 10.15 Uhr Exhalle Der Technical Ballroom ist das Theater der Digital Natives und der Treffpunkt für alle, die sich für die Zukunft des Theaters interessieren. Eröffnet wurde die Spielzeit im letzten Herbst von dem Stück "Offline", das die Immersion von Digital und Analog vielleicht am deutlichsten zeigt - und das nun wieder zu sehen ist. 14.00 Uhr Edith-Russ-Haus Die neue Ausstellung "From above, an island" des tasmanischen Künstlers James Newitt öffnet ihre Pforten für das Publikum. Wir waren vorab schon drin und haben ein wenig gesneaked: Man begibt sich dreidimensional in eine überaus spannende, beinahe kuriose und letztlich philosophische Geschichte. Das lohnt sich sehr! 17.30 Uhr Hermann-Ehlers-Straße/Altburgstraße Wenn kein Museum da ist, wird die Stadt halt selber eins! Mit dieser Haltung setzt das Stadtmuseum Oldenburg seine Exkursionen auf dem Fahrrad fort. Dieses Mal geht's durch Osternburg. Entdeckt den Stadtteil einfach nochmal neu! 18.00 Uhr Soul Kitchen Die kommenden vier Tage stehen ganz im Zeichen des Metropoly Klubfestivals. Was ihr euch darunter vorzustellen habt, haben wir hier erklärt. Bevor es aber ins Metro oder Poly geht, steht die Eröffnung an. Und zwar in einer neuen Location in Oldenburg, nämlich der Soul Kitchen im Alten Stadthafen. Ab 19 Uhr gibt's den Film "Rocker, Popper, Discogänger" über die Oldenburger Klubkultur der letzten Jahrzehnte, ab 20:30 Uhr wird aufgelegt! 18.00 Uhr Werkschule Nein, die Werkschule ist nicht nur da, um selbst etwas zu lernen. Im Kunstforum im Erdgeschoss werden immer wieder spannende Ausstellungen regionaler Künstler:innen gezeigt. Heute findet die Eröffnung für "Dialog 2" von Ute Naue-Müller und Ingo Kraft statt. 18.15 Uhr Libretto Tanja Küddelsmann hat den Roman "Land aus Schnee und Asche" von Petra Rautiainen aus dem Finnischen übersetzt. Sie wird über ihre Übersetzungsarbeit und die Zusammenarbeit mit der Autorin berichten. Ein Muss für Skandinavien-Fans. 19.00 Uhr Theater k Eine echte Premiere wartet auf euch! Erstmals ist heute die "Eingeschlossene Gesellschaft" von Jan Weiler zu sehen. Manche von euch kennen wahrscheinlich die Verfilmung von Sönke Wortmann, die letztes Jahr in die Kinos kam. Live wirkt das Kammerspiel aber natürlich nochmal näher und plastischer. 19.30 Uhr Casablanca Kino Eine Woche vor dem offiziellen Kinostart steht hier die Niedersachsen-Premiere von "Der verlorene Zug" an, der die Wirren am Ende des Zweiten Weltkrieges aus weiblicher Perspektive erzählt. Was das Besondere daran ist, haben wir hier erklärt. Bonus: Hauptdarstellerin Anna Bachmann ist vor Ort und beantwortet eure Fragen! 20.00 Uhr Exerzierhalle Beim Diskursgewitter der Sparte 7 des Oldenburgischen Staatstheaters ist der Publizist und Lyriker Max Czollek zu Gast. Damit ist der gute Mann aber noch unzureichend beschrieben, denn interessant an ihm sind nicht zuletzt seine blitzgescheiten Gegenwartsanalysen, die unsere Gewohnheiten allzu gerne hinterfragen und mit denen er immer wieder polarisiert. Czollek liest aus seinem neuen Buch "Versöhnungstheater" und unterhält sich anschließend gern mit euch darüber! Noch mehr Infos? Haben wir hier für euch! 20.00 Uhr Flänzburch Grillmaster Flash gibt sich die Ehre! Nicht zum ersten Mal, aber trotzdem (oder gerade deswegen?) wird die Bude rappelvoll, das Konzert ist leider schon ausverkauft. Schade, eine Möglichkeit weniger an diesem ganz normalen Donnerstag im April. Aber vielleicht ist das auch gut so: Weniger Wahlqual. 20.00 Uhr Wilhelm13 Es war noch nicht das Passende dabei? Ihr habt irgendwie mehr Lust auf Jazz? Dann seit ihr in der Leo-Trepp-Straße richtig, denn dort wird heute wieder gejammt. Fun Fact: Erst gestern hab ich gelesen das Dave Grohl (Nirvana, Foo Fighters) in einem ähnlichen Rahmen seinen ersten Live-Auftritt hatte. Vielleicht entdeckt ihr den nächsten Rock- (oder Jazz-) Superstar im Wilhelm13? Und das ist längst noch nicht alles. Es gibt ja noch laufende Ausstellungen wie zum Beispiel Bernhard Fuchs' "Ahorn" im Oldenburger Kunstverein (zu der ihr hier mehr erfahrt) oder "Wundern und Staunen" zum 100-jährigen Jubiläum des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte. Aber wir wollen auch nicht noch mehr heraus- oder sogar überfordern. Schließlich verpasst man (zwangsläufig) schon genug. Wie wissen nicht, wie ihr das seht, aber unsere Interpretation des Veranstaltungskalenders ist eindeutig; Mehr geht nicht! Die Menge und Vielfalt der Veranstaltungen hätte in Bremen oder Hannover auch ganz ordentlich ausgesehen. Für eine Stadt der Größe Oldenburgs ist sie geradezu sensationell. Und doch ist dieser Tag letztlich nur: ein Donnerstag im April.

  • ERKENNTNISSE AUS DEM KULTURAUSSCHUSS

    Der Kulturausschuss ist weiterhin auf Tour: Nach dem Ausflug in die kulturell eher unverdächtigen Räumlichkeiten des städtischen Finanzdezernats im Februar ging es nun wieder in ein Zentrum unserer Kulturlandschaft. Nämlich: ins Bahnhofsviertel, genauer gesagt zum theater wrede+. Die Tagesordnung schien allerdings kürzer als sie es letztlich war. Insbesondere ein Thema hatte es in sich. Und dabei ging es eigentlich nur am Rande um Kultur... Die Sitzung haben wir für euch live angeschaut und fassen hier zusammen, was dort in rund zwei Stunden diskutiert wurde. Wie immer: In fünf leicht verdaulichen Erkenntnissen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Schließlich ist dies kein Protokoll. Wer sich das wünscht, schaut im Ratsinformationssystem vorbei! Dort findet man übrigens auch die Vorlagen zu den einzelnen Punkten. Für ein wenig Kontext. Erkenntnis 1 Wissen schadet nicht Der Kulturausschuss setzte seine Reise durch die Oldenburger Kulturinstitutionen fort und war dieses Mal beim theater wrede+ zu Gast. Der große Saal erwies sich dabei als ein guter Ort für die Sitzung - sowohl für die Politik als auch für die zahlreichen Zuschauer:innen, die auf der Tribüne vielleicht die beste Sicht aller Zeiten hatten. Obwohl der Ausschuss zu Gast im Theater war, war wiederum das Theater zu Gast im Ausschuss - und nutzte das in Person von Marga Koop und Jordan Tanner zu einer kurzen filmischen und etwas ausführlicheren verbalen Vorstellung. Dabei waren neben der Leidenschaft für Theater, das gesellschaftliche Relevanz besetzt bzw. die kommenden Generationen in den Blick nimmt, auch die Finanzen ein Thema. Denn wer ambitionierte Programme spielen will, braucht Geld. Der Ausschuss nahm diese Hinweise zur Kenntnis - und dankte für die umfassenden Informationen zur Arbeit des Theaters. Erkenntnis 2 Oldenburg ist ein guter Nährboden Aber nicht nur das theater wrede+ stellte sich vor, sondern auch das Theaternetzwerk flausen+. Dass in beiden Namen ein Plus auftaucht ist kein Zufall, denn wo das Theater zuhause ist, hatte das Netzwerk seine Keimzelle. Ziel von flausen+ war es (verkürzt ausgedrückt), dem künstlerischen Nachwuchs der Freien Szene langfristige Möglichkeiten zur Weiterentwicklung zu bieten. Was im Jahre 2010 als zwar sinnvolles und nötiges, wegen seinen großen Ambitionen aber auch gewagtes Projekt begann, setzte such nach den Schilderung von Winfried Wrede schnell, deutlich und überregional durch. Inzwischen wird flausen+ vom Bund gefördert, ist in 31 Städten/14 Bundesländern präsent und sorgt auch im europäischen Ausland sowie Kanada für Aufsehen. Dort - in Kanada - soll das Format sogar adaptiert werden. Wredes fulminates Plädoyer für die Nachwuchsentwicklung im Theatersektor und für die Theaterförderung abseits der Metropolen fiel bei den meisten Anwesenden auf fruchtbaren Boden. Wie groß das Netzwerk inzwischen ist und welch hohe Bedeutung es für die Freie Szene besitzt, war vielen nicht vollends bewusst. Oldenburg darf sich Glück schätzen, die Geburtsstätte und nach wie vor das Hauptquartier für flausen+ zu sein. Erkenntnis 3 An Ideen mangelt es nicht Der TOP 6 hatte Überraschendes zu bietet: nämlich eine Diskussion über die Zukunft der Weser-Ems-Hallen. Steht das Messe- und Veranstaltungszentrum etwa zur Disposition? Nein, keine Sorge! Jedenfalls nicht in Gänze. Zum Teil allerdings schon, denn wie seit letztem November bekannt ist, steht eine umfangreiche Sanierung der Messehalle und der Oberen Festsäle an. Was im Endeffekt bedeutet, dass sie abgerissen und neu gebaut werden müssen, schließlich ist es nicht völlig unbekannt, dass Sanierungen im Bestand oft aufwändiger, teurer und qualitativ schlechter sind als Neubauten. Was das mit Kultur zu tun hat? Das erklärte Christian Firmbach, Leiter des Oldenburgisches Staatstheaters. Das ist nämlich mit seinem Orchester drei- bis viermal pro Jahr in der Messehalle zu Gast, um Symphoniekonzerte zu spielen, für das eigene Haus räumlich nicht ausgelegt ist. Firmbach sorgt sich darum, dass der Bauprozess anläuft, ohne dass die Kultur zuvor gehört wurde - und dass am Ende dauerhaft Ergebnisse entstehen, die akustisch suboptimal wären. Um sie geht's: Die Kongresshalle sowie die Oberen Festsäle (Bilder: Weser-Ems-Hallen GmbH) Firmbach wäre aber nicht Firmbach, wenn ihm gleichzeitig nicht mehr vorschweben würde, nämlich ein Veranstaltungsort, der sich nicht in erster Linie durch Zweckmäßigkeit auszeichnet. Zur blendenden Akustik solle sich auch Aufenthaltsqualität gesellen, um einen besonderen Ort zu schaffen, der Oldenburg auf ein neues Niveau hieve. Man solle daran denken, den Ort auch sexy und attraktiv zu machen, statt nur funktional. Dieter Meyer, Geschäftsführer der Weser-Ems-Hallen, hatte Verständnis für diese Gedanken, musste aber dennoch Salz in die Suppe streuen. Zunächst würden alle Bedarfe gesammelt, dann flössen sie in einen Nutzungsplan ein. Dabei müssen man sehen, was finanziell möglich und politisch gewollt sei. Allzu viele Zusagen vermochte er an dieser Stelle nicht zu geben, zu viele unterschiedliche Interessen seien zu berücksichtigen. Erkenntnis 4 Die Kultur läuft auf Hochtouren Der Tagesordnungspunkt zur Kulturförderung war überraschend kurz. Es wurden an dieser Stelle nämlich keine Details besprochen und schon gar keine konkreten Projekte, es ging um die Situation im Allgemeinen. Insbesondere bei der Projektförderung gab es einen Aha-Moment. Sie verfügt seit vielen Jahren über das gleiche finanzielle Budget, nämlich rund 120.000,- Euro. Schon immer lag die Summe der Anträge darüber, mal mehr und mal weniger deutlich. Das heißt: Noch nie konnten alle Anträge positiv beschieden werden. Doch dieses Spannungsverhältnis wurde zuletzt immer drastischer. Zunächst wuchs die Summe de eingehenden Anträge auf über 300.000,- Europ, lag also doppelt so hoch wie das verfügbar Budget. In diesem Jahr aber kamen die Anträge auf über 600.000,- Euro. Das bedeutet zweierlei: Die Oldenburger Kultur läuft auf Hochtouren, hat viele Projektideen und denkt dabei offensichtlich durchaus auch in größeren Dimensionen. Das ist eine gute Nachricht! Allerdings wachsen die Begehrlichkeiten derart, dass es bei der Vergabe der begrenzten Mittel zwangsläufig viele Enttäuschungen geben muss. Diese Nachricht ist weniger gut. Es wird zwar niemals so sein, dass alle Anträge gleichermaßen zum Zug kommen können, dafür sind ist der Bedarf einfach zu groß. Aber wer weiß, vielleicht entscheidet sich die Politik dazu, der Projektförderung eine wenig mehr Beinfreiheit zu geben. Erkenntnis 5 Deutsches Baurecht ist kompliziert Dieses Prinzip gilt für private Häuslebauer ebenso wie für Kultureinrichtungen. Letztere sind aktuell aber besonders davon betroffen. Durch eine Änderung der Niedersächsischen Bauordnung (NBauO) entfiel ein Paragraph, der Nutzungsänderungen von Gebäuden vereinfacht hat. Er ermöglichte unter anderen die zahlreichen Zwischennutzungen, die Oldenburg zuletzt auf sehr unterschiedliche Weise bereichert haben. Sie haben es jetzt schwerer. In Zuge dessen mussten sogar die Zwischennutzungs-Expert:innen von Raum auf Zeit eine Veranstaltung absagen. Es steht zu befürchten, dass andere Kulturakteure erst Recht mit Problemen zu kämpfen haben werden. Nun nämlich ist die Nutzung eines gewerblichen Raumes z.B. für eine Ausstellung nur noch kurzzeitig für wenige Tage möglich. Für alles andere braucht es einen vollständigen Bauantrag - was deutlich teurer und aufwändiger ist und zudem länger dauert als bisher. Die anwesenden Landespolitiker wiesen darauf hin, dass die entsprechenden Änderungen der NBauO bereits überprüft würden, wollten sich aber dafür einsetzen, dass die entsprechende Passage der NBauO die Kultur in Zukunft wieder eher unterstützt als behindert. Bis auf weiteres hat die Problematik aber Bestand.

  • PLATZT DIE BLASE?

    In der Haarenstraße 39 bleibt es weiterhin spannend! Denn Studierende der Uni Oldenburg hinterfragen dort aktuell in einer eigenen Ausstellung, welchen Einfluss soziale Blasen auf uns haben. Und laden zur Selbstreflexion ein. Sie umgeben uns im Freundeskreis, aber auch im Social-Media-Feed. Sie sorgen dafür, dass wir uns geborgen fühlen. Und bergen gleichzeitig Gefahren, denen wir uns womöglich gar nicht bewusst sind. Die Rede ist von Blasen – sozialen Blasen, aber auch von Filterblasen im Internet. Wie entstehen solche Blasen? Warum fühlt man sich in ihnen so wohl? Und was macht sie gefährlich? Diese Fragen stellen 15 Studierende des Masterstudiengangs „Museum und Ausstellung“ der Uni Oldenburg. Bis zum 25. März können Interessierte die von den Studierenden selbstkonzipierte und auf die Beine gestellte Ausstellung „Über Leben in der Bubble. Eine Ausstellung zur Selbstreflexion“ noch besuchen. Ein Thema, das alle betrifft Starre Auslegungen zu den Blasen geben die Studierenden jedoch nicht vor. „Wir möchten gemeinsam mit den Besuchenden auf die Suche nach einer Definition gehen“, verrät Franziska de Vries. Gemeinsam mit Denise Neumann und Eyke Foraita sowie 12 weiteren Mitstudierenden hat sie seit dem Sommersemester 2022 an der Ausstellung gearbeitet. Beim Inhalt waren die Studierenden komplett frei. „Es ist schwierig, ein Thema zu finden, in dem sich möglichst viele Menschen wiederfinden“, erinnert sich Denise. „Aber man kommt einfach nicht drum herum, Teil einer Gruppierung zu sein. Alle befinden sich in irgendeiner Bubble“, ergänzt Eyke. Die Vielfalt dieser Blasen spiegelt sich in der multimedialen und interaktiven Gestaltung der Ausstellung wider. Die Studierenden arbeiten sowohl mit klassischen Ausstellungstexten, haben aber auch mit handwerklichem Geschick Umkleidekabinen umgebaut und Konstruktionen aus Holz sowie Luftpolsterfolie erstellt. Die Besucherinnen und Besuchern sind außerdem zum Mitmachen aufgefordert: Sie können Gegenstände hinterlassen, die Bezug auf ihre eigenen Blasen nehmen, selbst künstlerisch tätig werden und sich mit anderen austauschen. Im kostenlosen Rahmenprogramm wird’s ebenfalls bunt: Die Studierenden bieten beispielsweise am 18. März den Workshop „Ästhetisches Forschen“ mit experimentellem Linoldruck an. Am 20. März findet wiederum ein Vortrag der Psychologin Dr. Cornelia Sindermann zum Thema „Filterblasen, Echokammer und Co. – Was wir über die Rolle der Digitalisierung in der Verbreitung von Informationen und Meinungsbildungsprozessen wissen“ statt. Die Sache mit der Kommunikation Aber apropos Selbstreflexion: Was bleibt bei den drei Studierenden nach einem Jahr Planung besonders hängen, welches Wissen haben sie sich erarbeitet? „Wir haben gelernt, als Gruppe miteinander zu kommunizieren“, sagt Franziska. Gar nicht so leicht bei zahlreichen Untergruppen, die von der Finanzierung über die Gestaltung und die Dokumentation der Ausstellung alles selbst organisiert haben. Eyke erinnert sich besonders gern an die Zusammenarbeit untereinander: „Mein Highlight war es zu sehen, wie die einzelnen Stärken unserer Mitstudierenden ineinandergreifen, um so ein großes Projekt zu wuppen. Ich freue mich sehr darauf, das fertige Ergebnis jetzt an einem Ort zu sehen.“ Wer ebenfalls offen für das Reflektieren der eigenen Blasen ist, kann sich direkt auf den Weg in die Innenstadt machen und dort die Ausstellung in der Haarenstraße 39 besuchen. Weitere Infos gibt’s hier: www.bubbleausstellung.wordpress.com Auch den Instagram Kanal kann man wärmstens empfehlen: @bubble_ausstellung

  • DAS ERSTE JAHR

    Wir feiern Geburtstag! Denn heute, vor genau einem Jahr, sind wir mit dem Kulturschnack in seiner jetzigen Form an den Start gegangen. Diese Gelegenheit wollen wir nutzen, um einen ganz kleinen Blick auf die vergangen zwölf Monate zu werfen und uns aber vor allem gemeinsam mit euch auf viele kommende Jahre und Jubiläen zu freuen. Manchmal fühlt es sich fast surreal an, wenn man daran denkt, dass der Kulturschnack, so wie ihr ihn heute kennt, vor etwas mehr als einem Jahr noch nicht existierte und zu diesem damaligen Zeitpunkt nicht viel mehr als eine Idee war. Eine Idee, die eine konkrete Frage beantworten sollte: Wie können wir nachhaltig der Kulturszene Oldenburgs eine Fläche bieten und sie auch im digitalen Raum unterstützen und fördern? Unser Anspruch war es die "Szene in Szene" zu setzen und Lust auf das analoge Erlebnis Kultur zu machen! Die Antwort sollte eine Plattform werden, eine beständige Trägermarke unter deren Dach sich der gesamte Facettenreichtum, den es hier überall zu entdecken gibt, versammeln könnte. Springen wir nun an den heutigen Tag, sind aus dieser anfänglichen Idee ein Online-Magazin mit weit über 200 Beiträgen, ein Podcast mit bald 20 Episoden und vor allem viele besondere Momente sowie Gespräche geworden, die wir festhalten und hier für alle Interessierten zugänglich machen konnten. Es ist ein wirklich tolles Gefühl von euch die Rückmeldungen zu bekommen, dass ihr durch unsere Berichte auf bestimmte Projekte oder Veranstaltungen überhaupt erst aufmerksam geworden seid und neue Dinge in der Stadt für euch entdecken konntet, die euch sonst vielleicht verborgen geblieben wären. Natürlich möchten wir dabei nie stehen bleiben und auf der selben Stelle treten. Sei es, dass wir stetig dabei sind, neue Formate zu entwickeln, die sich bestmöglich euren ganz unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen der Informationsbeschaffung anpassen sollen oder wir auch das Erlebnis auf unserer Seite selbst versuchen zu optimieren. Beispielsweise durch eine ergänzte Suchfunktion oder über den erst kürzlich auf unserer Seite veröffentlichten Kalender. Deshalb können wir euch versichern, dass euch auch in den künftigen Monaten weiterhin immer wieder Neuerungen auf dem Kulturschnack erwarten werden! Und wenn wir uns eine konkrete Sache zum Geburtstag wünschen dürften? Dann wäre es, dass ein nie enden wollender Strom an spannenden Projekten, Ideen und Menschen Oldenburg entspringt, die wir euch hier auch in den kommenden Jahren vorstellen können! Aber: das ist ja schon längst so! Von daher sind wir wohl, was das angeht, wunschlos glücklich. :-)

  • DONNERWETTER!

    Das „Diskursgewitter“ ist ein Urgestein der Sparte 7 des Oldenburgischen Staatstheaters. Hier ist Raum für Inhalte, Meinungen und Haltungen sowie den intensiven Austausch darüber. Was das mit einem Unwetter zu tun hat? Nun ja: Auch hier kann es mal krachen. Womöglich sogar schon am 20. April? Es spricht was dafür, denn Max Czollek ist zu Gast! Max Czollek? Uns ist bewusst, dass nicht jeder diesen Namen kennt. Doch es werden immer mehr. Denn der Berliner Publizist und Lyriker (*1987) weiß zu pointieren und zu postulieren, immer wieder auch zu polemisieren und zu polarisieren. Mit seinen scharfen Beobachtungen, klugen Analysen und schonungslosen Schlussfolgerungen ist er ein Stammgast in den deutschen Feuilletons - und damit ist er auch eine Idealbesetzung für das „Diskursgewitter“. Das wiederum hat natürlich nichts mit der Wettervorhersage zu tun. Vielmehr handelt es sich um das Talk-Format der Sparte 7. Sie ist das Zukunftslabor des Oldenburgischen Staatstheaters, reagiert auf aktuelle Strömungen, politische Ereignisse, gesellschaftliche Zustände, popkulturelle Hypes und holt gemeinsam mit Euch und den unterschiedlichen Partner:innen zum theatralischen Gegenschlag aus. Genau das passiert auch in diesem Fall - und um eines vorwegzunehmen: Das wird aufregend! DISKURSGEWITTER LESUNG MAX CZOLLEK - VERSÖHNUNGSTHEATER DONNERSTAG, 20. APRIL, 20 UHR (TICKETS) EXHALLE JOHANNISSTRASSE 6 26121 OLDENBURG Finger in die Wunde Der Name Max Czollek scheint dafür ein Garant zu sein. Schon darüber, ob er Jude sei oder nicht, gab es einen gehörigen öffentlichen Streit. Egal, ob in gedruckter oder in digitaler Form: Die Freude an seinen Beobachtungen, Interpretationen und Zuspitzungen ist dem aktiven Twitterer immer anzumerken. Er klinkt sich in aktuelle Debatten ein, positioniert sich, argumentiert fundiert. Und zwar in einer Sprache, die man nicht nur in Redaktionen und Hörsälen versteht, sondern auch (fast) überall sonst. Das alles ist noch kein Garant für Relevanz, Czollek aber unterfüttert seine Gedanken mit Wissen, Kenntnissen und (nicht immer untrüglichem) Gespür. Er ist in der Lage, zu aktuellen Debatten Neues, womöglich Wichtiges beizusteuern - oder selbige überhaupt erst anzustoßen, weil er als erster öffentlich den Finger in die Wunde legt. Das macht seine Kommentare nicht nur unterhaltsam, sondern sogar wertvoll - selbst wenn er bei manchen damit aneckt. Aber das gehört ja dazu, wenn man gesamtgesellschaftliche Konventionen hinterfragt. Lange auf der Liste „Wir fanden Max Czollek schon lange spannend und wollten ihn bereits früher einladen, als er sein zweites Buch veröffentlicht hat“, erklärt Gesine Geppert, Leiterin der Sparte 7. „Mit seinem neuen Werk passt er nun aber extrem gut in die Reihe, weil wir immer Denkanstöße geben wollen oder Themen vertiefen, die in unseren Stücken vorkommen.“ Dieses Prinzip trifft sogar gleich mehrfach zu. Zum einen hat das Staatstheater in dieser Spielzeit mit „Die Reise der Verlorenen“ und „Amsterdam“ das jüdische Leben gleich zweifach im Programm. Zum anderen wurde im November 2021 das Günther Goldschmidt-Foyer eingeweiht. Aber das ist noch nicht alles. „Max Czollek setzt sich in seinem neuen Buch in einigen Abschnitten auch mit Theater auseinander“, berichtet Gesine. Und das biete weitere Diskussionsgrundlagen: „Für uns stellt sich auch die Frage. Welche Funktionen kann Theater haben? In welcher Form setzt es Geschichten um? Inwiefern ist es auch eine Form von Gedächtniskultur? Für wen spielen wir, wen erwarten wir im Publikum?“ Die Suche nach Antworten sei sehr spannend, weil diese Diskussion direkt an den Spielplan des Staatstheaters anknüpfe. Der Furor des Feuilletons Zuletzt macht Czollek ungewohnt Schlagzeilen. Nicht etwas, weil er ein Buch veröffentlichte oder weil er eine Auszeichnung erhielt, sondern vielmehr, weil ebendies nicht der Fall war. Nach einer Tirade seinerseits spürte er plötzlich den Furor des Feuilletons. Fühlt man sich in solchen Momenten in der Wahl des Gastes eigentlich bestätigt? „Wir sind überzeugt von dem Buch und seinen Inhalten“ bezieht Gesine eine klare Position. Dass Werk und/oder Autor kontrovers diskutiert werden, dürfe bei Büchern mit provokanten Thesen so sein. „Ich nehme es im Übrigen gar nicht so wahr, dass er selbst in der Kritik steht, sondern dass er vielmehr Fehlstellen benennt und darauf hinweist, dass z.B. im Literaturbetrieb nicht immer über den Tellerrand geschaut wird.“ Czollek sei jemand, der die Dinge kritisch in den Blick nimmt - und dass seine Beobachtungen kritisch diskutiert würden, sei gut und richtig. „Ich freue mich, dass er nach Oldenburg kommt und sein Buch hier vorstellt. Und bin gespannt, was das für uns in der Diskussion bedeutet und ob es vielleicht Momente geben wird, in denen wir unserer eigene Form des Denken reflektieren müssen. Damit stößt er auf eine gute Art und Weise an - denn dass dies nicht jedem gefällt, ist ja bekannt. WEITERE „DISKURSGEWITTER“: FREITAG, 28. APRIL, 20 UHR, EXHALLE FEMINISMUS, GAMING UND THEATERTECHNIK TICKETS Finja Walsdorff und Rosa Wernecke betrachten Computerspiele und Theatertechnik aus feministischer Perspektive und arbeiten daran, diese Bereiche zu verändern. DONNERSTAG, 4. MAI, 20 UHR, EXHALLE AN|ENT|EIGNUNG ALS GEWALTVERHÄLTNIS TICKETS Kulturelle Aneignung ist in aller Munde. Doch wie können wir mit den Fragen um das Thema konstruktiv umgehen, die Debatte entemotionalisieren, die allzu oft aus weißer Perspektive emotional geführt wird? Keine Schönwetterautor Das „Diskursgewitter“ macht seinem Namen wieder einmal alle Ehre; und das schon bevor es überhaupt beginnt. Es geht um wichtige Themen, die polarisieren und emotionalisieren - eben weil sie eine hohe gesellschaftliche Bedeutung haben und nicht selten Veränderungen fordern. Letzteres hat noch immer für Gegenwind gesorgt. Dieser Umstand macht die Diskussion darüber aber umso wichtiger. „Wir erhoffen uns einen spannenden und anregten Diskurs, der für die Stadt spannend ist, aber den wir letztlich auch für das Theater nutzen können, weil es um Erinnerungskultur geht“, blickt Gesine auf den Abend voraus. „Sie verhandeln wir auch auf der Bühne immer wieder, weil sie gesellschaftlich extrem relevante sind - und noch relevanter werden, weil die Zahl derer, die Krieg und Shoa selbst erlebt hat, immer weiter abnimmt.“ Max Czollek passt in diese Reihe wie ein fehlendes Puzzlestück. Mit seinen Büchern rüttelt er an unseren Wahrnehmungen und Gewohnheiten. Das ist zwar unbequem; und vielleicht fühlen sich manche sogar provoziert. Aber wo kämen wir hin, wenn es nur Schönwetterautor:innen gäbe, die einfach nur aufschreiben, was uns sowieso gefällt? Bringt man aber die Bereitschaft mit, seine Standpunkte zu hinterfragen und etwas dazuzulernen, dann sind Formate wie das „Diskursgewitter“ ein Fest für die Synapsen. Und dann heißt es am Ende: Donnerwetter! Was für'n Abend!

  • METROPOLY: EIN KLUBFESTIVAL

    Beim Stichwort Festival geht der erste Gedanke direkt nach draußen. Hurricane, Deichbrand, Watt en Schlick - die großen Namen finden alle unter freiem Himmel statt. Indoor-Festivals sind dagegen weit weniger bekannt. Dabei machen viele Acts im kleinen Klub (mindestens) genauso viel Spaß wie auf großer Bühne. Den Beweis dafür tritt in diesem Jahr das „Metropoly“-Festival an, das vom 20. bis 23. April in Oldenburger Hallen stattfindet. Nein, um Immobilien geht es hier nicht. Dieser Hinweis ist nötig, denn wer flüchtig nach „Metropoly“ googelt, stößt zunächst auf den „allerersten NFT-Immobilien-Marktplatz der Welt“. Sicher eine sinnvolle Sache, aber gerade nicht unser Ding. Stattdessen geht es - wenn wir im Immobilien-Kontext bleiben wollen - um Gebäude, die Klubs beherbergen, wie etwa die Oldenburger Institutionen Metro und Poly. Denn dort findet - wo wir schon bei Superlativen sind - das allererste „Metropoly“-Klubfestival der Welt statt. Und damit hätten wir auch gleich die Frage geklärt, wie der Name entstanden ist. Ein Klubfestival? Ja, richtig! Und im Grunde ist alles dabei. was ihr auch von den großen Geschwistern unter freiem Himmel erwarten würdet: Gute Live-Bands auf den Bühnen, angesagte DJs bei den Afterpartys, dazu Filme, Vorträge, Talks, Workshops sowie ein intensiver Blick auf die Oldenburger Klubkultur der vergangenen Jahrzehnte. Ultimativer Bonus: Es gibt richtige Toiletten und der Foodcourt erstreckt sich über die gesamte Innenstadt! Permanent aktiv x Freizeitlärm METROPOLY KLUBFESTIVAL DONNERSTAG, 20. APRIL - SONNTAG, 23. APRIL METRO ACHTERNSTRASSE 18 26122 OLDENBURG POLYESTER AM STADTMUSEUM 15 26122 OLDENBURG CINE K BAHNHOFSTRASSE 11 26122 OLDENBURG >>> TICKETS <<< Akzente statt Abstriche Zugegeben: Alles ist eine Nummer kleiner. Echte Stadion-Bands sind nicht dabei, die Foo Fighters und Kraftklub werden es leider nicht schaffen. Aber: Es geht ja auch nicht um Stadien, sondern um Klubs und um ihre ganz besondere Rolle in unseren Leben. Denn im Gegensatz zu den Wiesen in der Wildnis (aka Festivalgelände) sind die Klubs Teil unseres Lebens und prägen uns vielleicht mehr, als wir denken. Gut, dass wir jetzt endlich nicht nur in ihnen, sondern sie selbst feiern können. Chapeau! Dabei bekommen wir Unterstützung von einem spannendem Line-Up, das sich nicht auf ein Genre festlegt, sondern ganz unterschiedliche Geschmäcker bedient. Schwerpunkte liegen zwar bei Rap/HipHop- und Techno-/Electro/House-Sounds, die an der Hunte traditionell eine große Lobby haben; es gibt aber auch Indie-Pop zu hören. Und sowieso sollte man sich die Konzerte nicht entgehen lassen, auch wenn sie nicht einhundertzweiprozentig den eigenen Geschmack bedienen. Der ist nämlich nur eine Momentaufnahme und kann durch die furchtlose Konfrontation mit der musikalischen Realität verändert werden. Probiert es aus, das erweitert Horizonte! Die Frage nach dem Wie Wir haben uns gefragt: Wie schafft man das? Wie gelingt es, dass man so ein Festival konzipiert, realisiert und organisiert, ohne eine große Institution oder eine Heerschar an Freiwilligen im Rücken zu haben? Anstatt zu spekulieren, haben wir uns mit „Mastermind“ Marianna Martens über Entstehung, Abläufe und Potenziale des Festivals unterhalten. Ein Gespräch, das sich zwar allein um Oldenburg drehte, das aber zeitweise von Paraguay und Indonesien aus geführt wurde, also geradezu weltumspannend war. Eine angemessene Kragenweite für eine waschechte Premiere! _Ihr habt euch mit dem „Metropoly“-Konzept im letzten Jahr bei MACH|WERK beworben, Oldenburgs Fonds für innovative Kulturprojekte. Den Namen gab es damals noch nicht, es war eher die lose Vision eines Klubfestivals. War das der Startschuss für euch? Die wahre Keimzelle des Festivals war eigentlich schon seine Vorgängerversion, das PERMANENT X FAKE Festival im Jahr 2018. Damals sind wir mit unserem Kollektiv Permanent Aktiv und dem Musiklabel Fakeland im Polyester Klub einen ähnlichen Kurs gefahren: Wir wollten viel unterschiedliches Programm und nicht nur Party. Das ist uns auch ganz gut gelungen, mit Workshop-Angeboten, Kino, Konzerten und so weiter. Jedoch gab es, wie bei jedem Erstversuch, ein paar Baustellen. Die Bewerbung beim MACH|WERK sollte uns die Möglichkeit geben, das Konzept auszuweiten, die Baustellen auszubessern und andere Kultur- und Kunstschaffende in Oldenburg zum Mitgestalten einzuladen und zu fördern. _Und das hat dieses Mal geklappt? Ja, denn so bekam das spartenübergreifende Festivalkonzept auch einen historischen Schwerpunkt. Wie sah Clubbing in Oldenburg eigentlich in den 70er, 80er, 90er Jahren aus und welche Diskotheken gab es? Wir haben uns mit der Neuauflage des Festivals also nicht nur eine klare kulturpolitische Aufgabe, sondern auch eine retrospektive Frage gestellt. Erst mit Zusage der Fördermittel, einigen Veränderungen in der Klublandschaft Oldenburgs und etwas ins Land gezogener Zeit haben unsere liebsten Veranstaltungsstätten zusammengefunden und das Team Zuwachs erfahren. Der Name ist dann bei einem ersten Produktionstreffen ganz organisch entstanden. (Wobei mit Blick auf das Cine k auch „Metropoline“ schön gewesen wäre, Anm. d. Red.) _Warum braucht Oldenburg denn so ein Festival? Auch wenn man es vielleicht nicht wahrhaben will, ist Oldenburg verglichen mit Bremen, Hamburg und Hannover ein kleineres Licht am Kulturhimmel. Das allerdings ist durchaus in der Lage, hell zu leuchten, wenn es richtig gepflegt wird. Was ich damit sagen will: Wir haben viel zu bieten und es schlummert auch noch ganz viel künstlerisches und kulturelles Potenzial unter der Oberfläche. Jedoch kann dies, und da sind wir uns im Team relativ einig, nicht auf durchkommerzialisiertem Boden wachsen und gedeihen. Es müssen also Angebote geschaffen werden, die niedrigschwellig und erreichbar sind, die Menschen zum Nachdenken, Mit- und Selbermachen anregen. Das wollen wir besonders durch das Workshopangebot erreichen. Ob im politischen Gespräch mit der Journalistin und Kulturwissenschaftlerin Anastasia Tikhomirova oder im Scratch Workshop mit DJ Cold Cut. Ein weiterer Aspekt, der uns allen ganz schön an die Nieren gegangen ist, waren die Pandemie und die damit einhergehende Problematik im gesamten Kultursektor, nicht nur der Festivals und Konzerte. Was ist da eigentlich die letzten drei Jahre passiert? Wie hat uns das als Kulturschaffende aber insbesondere als Kulturkonsument*innen verändert und wollen bzw. können wir wieder auf einen “Normalnull”-Zustand zurück? Wir brauchen Gespräche und müssen, auch wenn jetzt wieder alles cool scheint, dringend miteinander reden. Mir persönlich fällt es, auch wenn es wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit ist, immer noch schwer auf Veranstaltungen zu gehen, an denen viele Leute teilnehmen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich da die einzige bin. Es ist also nicht nur die Stadt, die dieses Angebot braucht, sondern es sind auch wir selbst als Teil einer Gesellschaft, die in der Kunst und Kultur ihren Ausdruck findet. _Der Kulturausschuss sah das schließlich auch so und hat die Idee gefördert. Wie wichtig ist so ein Signal: Dass man auch Geld für eine Idee bekommen kann, die sich erst noch durchsetzen will? Es gibt meiner Meinung nach nichts Wichtigeres! Was die Stadt Oldenburg mit der Zusage eigentlich gemacht hat, war ein gewisses Risiko einzugehen und uns als bunt zusammengewürfelten Haufen zuzutrauen, dass wir das wuppen. Aus meiner Sicht gibt es nur einen Nährboden für Innovation, wenn man sich traut, unbefestigte Wege zu gehen. Auch wenn unser Konzept global gesehen jetzt kein Novum ist (siehe z. B. den Kulturkosmos in Lärz und sein Angebot, der hier definitiv als Inspirationsquelle dient). Es ist einfach eine Form des Vertrauens, dass uns als Underground-Playern ganz gut tut, Sicherheit gibt und Kraft für die Zukunft schenkt. Also alles richtig gemacht, MACH|WERK! :) (Die Playlist ist noch nicht vollständig und wird noch ergänzt.) _Ist Oldenburg eigentlich ein gutes Pflaster für sowas? Hattet ihr das Gefühl, genügend Support zu bekommen? Oldenburg bietet sich an, weil das zur Verfügung stehende Netzwerk überschaubar, aber fest geknüpft ist und man eigentlich für jede Angelegenheit schnell die/den richtige*n Ansprechpartner*in findet. Dementsprechend: Ja, Oldenburg ist ein gutes Pflaster für ein Indoorfestival mit kulturdemokratischem Anspruch. Allerdings sticht an der Stelle auch die Arbeit von Gesine Geppert heraus, sie kümmert sich um unsere Öffentlichkeitsarbeit und hat immer den richtigen Riecher. Kooperationspartner*innen zu suchen und die Öffentlichkeit zu erreichen, war z. B. die größte Baustelle unseres Erstversuchs im Jahr 2018. _Dementsprechend kam die Unterstützung nicht nur von MACH|WERK, sondern auch von anderer Seite, nämlich Freizeitlärm e.V., Metro, Polyester und Cine k , quasi ein Oldenburger All Star-Lineup. Statt Konkurrenz also Kooperation. Wie kam es dazu? Wie eben schon erwähnt war das ein Zusammenspiel vieler Faktoren. Allerdings hat gerade der Freizeitlärm e. V. beeindruckend umtriebige Mitglieder, von denen dieses Vorhaben immens profitiert. Da wäre Jonas vom Cine k, Philipp von der Metro und Christian aka Hasi, ohne den (im wahrsten Sinne des Wortes) gar nichts laufen würde. Stefan vom Polyester als „alt eingesessenes Eisen“ der Oldenburger Kulturlandschaft ist auch immer nur ein Telefonat entfernt und bislang für jede unserer Ideen offen gewesen. Dazu kommt, dass wir alle eine ähnlich philanthropische Auffassung von unserer Arbeit haben. Das ist vielleicht nicht immer das Beste für uns selbst, hinterlässt am Ende eines Projektes aber ein gutes Gefühl, das einen immer wieder, auch in komplizierten Momenten, antreibt und weitermachen lässt. Warum also sich gegenseitig ausstechen, wenn man auch Kräfte bündeln und zusammen was feines auf die Beine stellen kann? _Metropoly bietet eine ziemlich bunte Mischung an Programmpunkten, Orten, Menschen. Für eine Markenbildung ist so eine Vielfalt normalerweise ungünstig. Euch scheint es aber genau darum zu gehen, alle mitzunehmen und niemanden auszuschließen. Ist das richtig? Ist Metropoly für alle da? Auf jeden Fall! Alle sind herzlich eingeladen vorbeizuschauen. Und so, wie wir uns das gedacht haben, müsste eigentlich auch für jede*n was dabei sein: Vom Arthouse-Kino über Trance-Techno, Rap-, Indie und Synthpop-Konzerten bis hin zu politischen Diskussionen, einer Ausstellung über die Oldenburger Klubkultur der vergangenen Jahrzehnte und die sonntägliche Theatervorstellung. Ich finde es enorm wichtig, aus seiner eigenen Bubble rauszukommen und auch hin und wieder Eindrücke zu erhalten, die außerhalb der eigenen Komfortzone und Gewohnheiten liegen. Mein größter Wunsch, und ich glaube auch das ist Konsens in der Gruppe, für das Festival ist es, dies mit dem interdisziplinären Programm möglich zu machen und einen Nährboden fürs Aufeinandertreffen, aber gleichermaßen loslassen des Alltags für Alle zu schaffen. Wie draußen, bloß anders Mit dem „Metropoly“ gewinnt Oldenburg ein echtes Veranstaltungs-Highlight im sonst eher festivalarmen Frühjahr - mit einer Programmvielfalt, die ihresgleichen sucht. Die ersten Gedanken beim Stichwort „Festival“ werden wahrscheinlich auch in Zukunft nach draußen gehen. Und allen sei von Herzen gegönnt, beim Deichbrand, Watt en Schlick, Hurricane, Tante Mia tanzt, Reload, Appletree, A Summer's Tale, Strandfieber, Fonsstock, Afdreiht & Buten oder auch Tabularaaza abzufeiern. Im April aber spielt drinnen die Musik. Und das ist nicht schlechter oder fader, sondern anders - in einem positiven Sinne. Unsere Empfehlung: Nutzt das Wochenend-Ticket und taucht voll ein ins „Metropoly“. Das gibt euch die Freiheit, alles anzusehen und auszuprobieren, hin und wieder aber auch mal aufzutauchen und Luft zu holen. Wird das Festival ein Erfolg, dann wird das Permanent Aktiv Kollektiv seinem Namen in Zukunft wieder alle Ehre machen, wenn es - hoffentlich - viele Nachfolger fabriziert. Und dann sind die ersten Google-Ergebnisse zu diesem Begriff vielleicht nicht mehr obskure Anlage-Optionen in Digitalimmobilien, sondern ein Festival in Oldenburg.

  • WIRD ALLES GUT?

    In seinem neuen Roman stellt Weltenbummler Matthias Politycki große Fragen. Bei seiner Lesung im Wilhelm13 könnt ihr ihm persönlich beim Antworten zuhören - und nebenbei das ostafrikanische Äthiopien entdecken, in dem die dramatische Handlung angesiedelt ist; und das Dauerläufer Politycki bestens aus eigener Anschauung kennt. Äthiopien. Die Älteren von uns kennen das ostafrikanische Land vor allem aus Zeiten größter Hungersnöte in den Achtziger Jahren, in deren Folge Millionen Menschen starben. Der Fotograf Sebastiao Salgado hat die dramatische Lage damals in bewegenden Bildern festgehalten; sie sind alljährlich im Film "Das Salz der Erde" im Rahmen der World Press Photo Ausstellung in Oldenburg zu sehen. Die Situation im Land hat sich seither etwas verbessert, jedoch ohne jemals irgendwann ein Niveau zu erreichen, das man als stabil bezeichnen könnte. Noch immer rangiert der Staat am Horn von Afrika mit seinen 110 Millionen Einwohner*innen fast am Ende des Human Development Index. Durch den Klimawandel kam es wieder zu langanhaltenden Dürren, ein großes Problem ist auch die zunehmende Bodenerosion durch massive Entwaldung. Zuletzt kam es auch immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der äthiopischen Regierung und dier Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF). LITERATURHAUS OLDENBURG LESUNG MATTHIAS POLITYCKI: „ALLES WIRD GUT - CHRONIK EINES VERMEIDBAREN TODES" MITTWOCH, 19. APRIL, 19.30 UHR WILHELM13 LEO-TREPP-STRAßE 13 26121 OLDENBURG Dem Leben entkommen Das alles macht Äthiopien zu einem Brennglas für zwischenmenschliche Begegnungen und Beziehungen. Hier gewinnt alles eine zusätzliche Ebene, weil das Leben an sich dramatisch und existenziell ist. Und dennoch gibt es sie: Die Alltage mit ihren kleinen Szenen und Momenten, in denen sich das Leben der Äthiopier:innen abspielt - und die selbst eine Erzählung wert sind, Wie eben jene, die uns Matthias Politycki in seinem neuesten Werk schildert. Die Handlung beginnt im Jahr 2020, am Vorabend des Krieges: Josef Trattner, Ausgrabungsleiter im Norden des Landes, verschlägt es an die Grenze zum Südsudan. In der winzigen Siedlung Surma Kibish begegnet er Natu, einer Frau mit abgerissenem Ohrläppchen – und einer Aura von Schönheit, Stärke und Gefahr, die ihn sogleich in ihren Bann zieht. Aber dann wird er Zeuge, wie Natu öffentlich mit Stockhieben gezüchtigt wird. Als sie am nächsten Tag plötzlich in seinem Wagen sitzt, wähnt er sich bereits auf der Flucht, mit ihr zusammen, in ein neues Leben. Doch unerbittlich bahnt sich ihrer beider Verhängnis an – das alte Leben fordert seine Rechte und setzt alles daran, Natu zurückzubringen an den Ort ihrer Niederlage. „Matthias Politycki gilt als großer Stilist und ist einer der vielseitigsten Schriftsteller der deutschen Gegenwartsliteratur“, erklärt Monika Eden vom Literaturhaus Oldenburg. „Sein Roman erzählt von einem Land auf der Suche nach einer besseren Zukunft, vom Konflikt zwischen den Geschlechtern und von einer Liebe, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist.“ Zurück nach Afrika Für den Weltenbummler Matthias Politycki ist es nicht der erste Roman, der auf dem afrikanischen Kontinent spielt. Schon „Das kann uns keiner nehmen“ spielte dort vor der Kulisse des Kilimandscharo. Vom Spiegel als „Deutschland-Roman vor afrikanischer Kulisse“ gerühmt wurde er zu einem großen Publikumserfolg.“ Was bei seinen Büchern überwiegt? Romanhandlung oder Reisebericht? Das lässt sich eindeutig beantworten: Ersteres. Die Geschichten stehen für sich und wären mit einem anderen geographischen Setting ebenso lesenswert. Die besonderen Handlungsorte stellt sich bei Politycki aber als klarer Gewinn heraus - weil er die jeweiligen Regionen aus eigener Anschauung kennt und ihre Besonderheiten gekonnt zu erzählen weiß. So ergibt sich eine zweite Ebene, die seine Bücher umso lesenswerter macht. Mehr als eine Lesung Und dieses Prinzip gilt auch - beziehungsweise: ganz besonders - für Polityckis Lesungen. Denn hier hat der Autor die Gelegenheit, abzuschweifen, auszuholen und einzuordnen. Hier kann er zwischen seine eigenen Zeilen noch weiteren Kontext einweben, der uns die Situation noch besser erfassen - oder sogar: erfühlen - lässt. Was der Autor über seinen neuen Roman zu berichten hat, erfahrt ihr am 19. Aprilab 19.30 Uhr im Wilhelm13. Dort tauscht sich Matthias Politycki mit dem Historiker Prof. Dr. Michael Sommer aus, der vielen aus seiner „Sommer-Zeit“-Kolumne in der Nordwest Zeitung bekannt ist - und der selbst Sprachgewandtheit und Bühnentauglichkeit besitzt. Euch erwartet also ein spannendes Gespräch über ein bemerkenswertes Buch. Es gibt schlechtere Möglichkeiten, seinen Mittwochabend zu verbringen. Karten bekommt ihr für 12€ oder 8€ ermäßigt. Reservieren könnt ihr sie unter literaturhaus@stadt-oldenburg.de.

  • NICHTS WIE HIN (16)

    Irgendwas ist ja immer. Terminkollisionen und Wetterkapriolen, Wohlergehen und Weltgeschehen. Deswegen verpasst man immer wieder wunderbare Kulturveranstaltungen, die man eigentlich gern gesehen hätte, wenn nicht... nun ja, siehe oben. Am Schlimmsten ist aber vielleicht sogar was anderes: Der fehlende Überblick. Es ist einfach zu viel los! Deshalb gibt's von uns jetzt pro Woche drei Tipps: alle ganz unterschiedlich, aber alle absolut lohnenswert! Eines ist ja mal klar: Am Willen liegt's nicht! Die meisten von uns würden gerne sieben Tage die Woche irgendwas aus der Kultur mitnehmen. Konzert, Theater, Lesung, Kino, Ausstellung, Performance - die Möglichkeiten sind endlos. Und alles und auf ihre Weise interessant, aufregend, mitreißend, provokativ, inspirierend. Und trotzdem bleiben häufig Stühle leer, aber Couches gefüllt. Weil es halt doch nicht so einfach ist, erstmal mitzubekommen, was alles los ist es zu behalten und in den eigenen Kalender einzubauen dann tatsächlich in der Stimmung sein hinzugehen jemanden zu finden, die/der mit dabei ist und dann keinerlei Alltags-Hindernisse zu haben, wie Wetter, Wohlsein, Weltgeschehen. Einfach ausprobieren Deshalb gibt's von uns jede Woche drei Schlaglichter auf Veranstaltungen und Ereignisse, die in der kommenden Woche stattfinden und von denen wir denken: Da könnte man durchaus hingehen! Wie schauen dabei auf eine gute Mischung aus drinnen und draußen, gratis und teuer, traditionell und experimentell. Wir sagen nicht: Da ist für jeden was dabei. Wir sagen: Alles ist für jeden was! Wir sind nämlich überzeugt, dass unsere Tipps sich für alle erschließen lassen, die Lust haben, was zu entdecken. Wenn der Schlagerfan plötzlich zu Freestyle Hip-Hop abgeht, der pensionierte Bungalowbewohner in die Welt des Graffiti eintaucht oder die notorische Schulschwänzerin in der Kunstgalerie die Zeit vergisst, dann ist das genau der Effekt, den wir uns wünschen. Aber genug schwadroniert, hier sind die Tipps für diese Woche:

  • DAS PATRIARCHAT IM CLUB

    Das VIELVIELKOLLEKTIV gibt FLINTA*(Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans und agender)-Personen mehr Sichtbarkeit und Raum in der Clubszene. Frie und Pia haben uns erklärt, wieso es ein solches DJ-Kollektiv braucht. Hi zusammen. Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für uns nehmt! Was ist eigentlich ein Kollektiv? Frie: Der Begriff Kollektiv ist in der subkulturellen Szene durchaus gebräuchlich für lockere Zusammenschlüsse von Menschen, die gemeinsam etwas machen und ist normalerweise nicht auf offizielle Füße gestellt. Also kein eingetragener Verein, sondern ein relativ lockerer Zusammenschluss von Personen, die auf die gleiche Sache Lust haben. In unserem Fall sind wir eine Gruppe, die sich zusammengefunden hat, um sich auszutauschen, gemeinsam zu üben, vielleicht auch gemeinsame Partys zu veranstalten. Pia: Das Tolle daran ist, dass es egal ist, welchen Kenntnisstand die jeweilige Person in unserem Kollektiv hat. Wir profitieren und lernen sehr voneinander. Wir haben einfach alle dasselbe Ziel. Denn spannenderweise kann auch jemand, der oder die gerade mit DJing anfängt, jemandem etwas beibringen, der oder die das seit 15 Jahren macht, weil es neue Techniken oder Ähnliches gibt. Das ist ziemlich cool. Ist das euer Ziel: voneinander lernen? Frie: Ich glaube, das Hauptziel ist gemeinsam Spaß zu haben und sich gegenseitig zu unterstützen. Pia: Genau. Eine Einheit sein, sich auf eine Art und Weise zugehörig zu fühlen. Wie ist das VIELVIELKOLLEKTIV denn entstanden? Frie: Das VIELVIELKOLLEKTIV ist eigentlich aus zwei Workshops im Rahmen der „N!CE - Access all areas“-Veranstaltungsreihe vom kreativ:LABOR entstanden. Mit einer Freundin habe ich dort letzten Sommer DJ-Workshops speziell für FLINTA*-Personen gegeben. Aus diesen ist der Gedanke entstanden, dass es schön wäre, wenn Teilnehmende auch weiterhin eine Möglichkeit haben, das, was sie gelernt haben, anzuwenden, zu verfestigen und weiterzuentwickeln. Und da die meisten Personen – gerade, wenn sie erst anfangen – keine teure Technik zu Hause stehen haben, war dann die Idee, ob wir uns nicht monatlich an einem Ort treffen, wo wir eben diese Technik nutzen können. Wir haben dann angefangen, uns erstmal in sehr lockerer Runde einmal monatlich in der Metro zu treffen. Daraus ist dann im Laufe des letzten halben Jahres ein relativ fester Kreis an Personen entstanden, die sehr regelmäßig kommen und aus denen sich dann das Kollektiv von 14 Personen entwickelt hat. Euer Kollektiv besteht aus FLINTA*-Personen und richtet sich direkt an sie. Wieso ist es wichtig, dass es ein solches Kollektiv gibt? Pia: Wir wollen Raum geben. Uns ist es einfach total wichtig, FLINTA*-Personen zu supporten. Wir stehen dafür, uns zu verbinden und einen Raum für Toleranz zu schaffen. Auch außerhalb des DJ-Daseins. Frie: Patriarchale Strukturen reproduzieren sich auch in der Club- und Musikszene selbst und sind dort sichtbar. Es gibt zum Beispiel immer noch einen Gender Pay Gap. FLINTA*-DJs verdienen grundsätzlich deutlich weniger als männliche DJs. Und auf vielen Partys sind immer noch deutlich mehr männliche DJs zu sehen als FLINTA*-DJs. Unser feministisches Kollektiv ist wichtig, damit wir uns gegenseitig empowern und ermutigen können. Und um uns, wie Pia sagt, einen Raum zu geben, in dem wir Dinge ausprobieren und uns austauschen können – ohne diese häufig männliche Herablassung nach dem Motto „Frauen und Technik“. Wie kann ich denn bei euch mitmachen, wenn ich mehr übers Auflegen lernen will oder mich mit euch vernetzen möchte? Frie: Inzwischen treffen wir uns zweimal pro Monat. Bei dem einen Treffen besprechen wir uns intern mit den aktuellen Kollektiv-Mitgliedern. Das Andere ist immer am dritten Donnerstag im Monat und da machen wir zusammen Musik. Dieses Treffen ist auch offen für andere interessierte Menschen. Vielen lieben Dank für das Gespräch! Wer das VIELVIELKOLLEKTIV in Aktion erleben will, hat dazu am 8. März – übrigens Internationaler Frauentag – Gelegenheit: An diesem Tag lädt das Kollektiv ab 20 Uhr erst zum Pubquiz (feminist edition, kostenloser Eintritt) und dann ab 22 Uhr zur Elektro-Techno-Techhouse-Party (5€ Eintritt) in die Metro. Kleiner Tipp: alle die im Vorfeld am Pubquiz teilnehmen, für die ist der Eintritt zur Party danach sogar frei! Weitere Infos zum VIELVIELKOLLEKTIV gibt’s unter @vielvielkollektiv auf Instagram.

  • SEID SPONTAN!

    Bald geht es wieder los, das SpontanOL Improtheaterfestival hier in Oldenburg. Wie immer erwartet euch eine tolle und abwechslungsreiche Mischung unterschiedlicher Ansätze in Sachen Spontanität. Ihr habt nicht sowieso schon längst eure eigenen Tickets? Dann haben wir hier nun das ultimative Plädoyer, warum ihr unbedingt ebenfalls spontan sein und bei den Veranstaltungen vorbeischauen solltet. SPONTANOL IMPROTHEATERFESTIVAL OLDENBURG 10.-11. & 15.-19. MÄRZ 2023 DAS GESAMTE PROGRAMM & TICKETS GIBT ES UNTER: www.spontanol.de Viele von euch kennen das wahrscheinlich aus ihrem privaten Alltag: unvorhergesehene Ereignisse, auf die man dann plötzlich in irgendeiner Art und Weise reagieren muss, die stellen einen das ein oder andere Mal gerne vor Herausforderungen. Am liebsten hat man da seine Routinen und weiß genau, was einen erwartet und zu tun ist. Schließlich sagt man doch so schön: "Der Mensch ist ein Gewohnheitstier". Wie beeindruckend ist dann aber bitte auf der anderen Seite die Tatsache, dass einige Menschen sich trotzdem völlig freiwillig, mit ganzer Leidenschaft und absolut bewusst im künstlerischen Kontext ins Ungewisse förmlich reinstürzen und aus diesen Situationen einmalige sowie ungeahnte Geschichten und musikalische Erlebnisse von höchster Qualität entstehen lassen? Wir sagen: Das ist SEHR beeindruckend und zu erleben ist diese hohe Kunst nun wieder hier bei uns in Oldenburg beim bevorstehenden Improtheaterfestival SpontanOL, das seit 2015 existiert und inzwischen deutschlandweit, gerade in der Impro-Szene, einen phänomenal guten Ruf genießt! Immer Impro, immer anders Mit Jürgen Boese aus dem Organisationsteam des Festivals, zu dem neben dem UNIKUM, die Bühne des Studentenwerks vor allem die beiden Improtheatergruppen 12 Meter Hase und Wat Ihr Wollt gehören, konnten wir uns vorab zu einem Gespräch treffen. "Mit dem SpontanOL wollen wir zeigen, was das für eine tolle Kunstform ist!", sagt er. Hierzu hat das Team geklotzt und nicht gekleckert. Denn wie immer gibt im Festivalzeitraum alle unterschiedlichen Facetten der Improvisation zu sehen. Da wäre beispielsweise das Improkonzert, direkt am Freitag, dem 10. März, zur Eröffnung des Festivals, bei dem unterschiedliche Musikerinnen und Musiker zusammenkommen und völlig neue Musik entstehen lassen. Wir vom Kulturschnack wollten da wissen: ist es nicht auch irgendwie ärgerlich, wenn dabei ein waschechter Hit entsteht, der dann nach diesem einen Abend quasi nicht mehr existent ist? "Wir filmen die Konzerte immer und da haben wir tatsächlich schon öfter im Nachhinein gedacht, dass man davon eine CD rausbringen könnte." - Jürgen Boese Aber man sei so sehr im Flow während der Auftritte selbst, dass man das währenddessen gar nicht registriere, erzählt Jürgen, der bei diesem Termin immer selbst mit auf der Bühne steht und performed. Erst später registriere man dann, dass da eigentlich immer 3, 4 Stücke dabei seien, bei denen man sich frage, wie man das geschafft habe, schmunzelt er. Besondere Locations & stiller Input Auch an innovativen Konzepten, die Mut beweisen und einfach mal Neues ausprobieren, mangelt es dem Festival nicht. So gab es in der Vergangenheit bereits Veranstaltungstermine die abseits der klassischen Bühne mitten in einem regulären Möbelhaus stattfanden. In einem solchen Konstrukt verschwimmen die Grenzen zwischen Bühne und Publikum nochmal stärker, da das Publikum ja ohnehin integraler Bestandteil des Geschehens ist und kontinuierlich einen Beitrag zur weiteren Entwicklung des Stückes leistet. Doch im Publikum zu sitzen und sich laut mit Wortmeldungen zu beteiligen, umgeben von vielen anderen Besucherinnen und Besuchern, da ist die Hemmschwelle oftmals doch recht groß. Am Mittwoch, den 15. März 2023 finden jedoch auch die stilleren Gäste eine wunderbare Gelegenheit sich trotzdem im Unikum am Geschehen auf der Bühne zu beteiligen. Denn an diesem Abend entsteht ein Stück ganz aus der Schwarmintelligenz und über das Smartphone besteht die Möglichkeit den Schauspielerinnen und Schauspielern über diesen Weg Input zu liefern! Zudem gibt es auch in diesem Jahr wieder eine besondere Location. Dieses mal, und zwar am 16. März 2023, verschlägt es Schauspielende und Publikum in das gerade 100 Jahre alt gewordene Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte. Denn wenn Besucherinnen und Besucher das Museum verlassen, werden die Gemälde lebendig. Die Statuen wandern durch die Gänge und besuchen sich gegenseitig. Wer das nicht glaubt, der sollte sich vom Gegenteil vor Ort überzeugen lassen und in die Farben und Geschichten auf und hinter den Bildern eintauchen. Die Qual der Wahl Am Freitag, den 17. März wird es dann schwer für alle, die das Festival in seinen Bann gezogen hat. Denn an diesem Abend gilt es sich zu entscheiden: möchtet ihr zwei Teams an einem Abend sehen, die gegeneinander im Improtheater antreten und danach mitentscheiden, welches Team euch mehr überzeugt hat? Dann seid ihr richtig im Unikum, wenn es dort zum "Weddstriet" kommt! ... oder möchtet ihr zwei Shows an einem Abend erleben, Gastspiele aus Frankfurt und Mannheim, die zeigen wie unterschiedlich die Herangehensweisen innerhalb der Szene in Deutschland sein können? Dann könnt ihr euch "HeimaTräume" und "Werwolf" in der Limonadenfabrik zu Gemüte führen. Der große Höhepunkt Doch am Samstag, dem 18. März, da gehört die Bühne ganz der OIM, der Oldenburger Impromeisterschaft. Eine Erfolgsgeschichte und das absolute Zugpferd und sogar der Ursprung des ganzen Festivals, wie Jürgen Boese erzählt: "Da gibt es auch nur noch maximal Restkarten und das ist eigentlich immer sehr schnell ausverkauft." Neben dem Improkonzert ist dies auch die einzige Veranstaltung bei der Jürgen Boese ebenfalls auf der Bühne stehen wird, dort jedoch dann in der Rolle des Moderatoren. Die Meisterschaft ist so heiß begehrt, dass sogar eine Woche zuvor, am 11. März, zehn Oldenburgerinnen und Oldenburger gegeneinander um eine Wildcard für die OIM konkurrieren und dabei spontan um die Wette spielen, singen, tanzen und reimen. Erst Theorie, dann Praxis Um eine Wildcard zu kämpfen, auf diese Idee muss man ja aber erstmal kommen. Und wie schon erwähnt, ist das Publikum zentraler Bestandteil der Improvisation. Doch was, wenn es einzelne Zuschauende so richtig gepackt hat und sie sich selbst in der Improvisation, auf der Bühne, ausprobieren möchten? Für all' diejenigen, die ihre ersten Schritte gehen möchten oder auch schon Erfahrene, bietet das SpontanOL mit zahlreichen Workshops, Einstiegs- und Bildungsmöglichkeiten im Spiel auf der Bühne. Natürlich sind es absolute Koryphäen der deutschsprachigen Impro-Szene, die euch hierbei unterstützend zur Seite stehen. So ist das ganze Festival nicht einfach nur als ein paar Tage des reinen Kulturkonsums gedacht, sondern von Grund auf als eine Gelegenheit konzipiert Interessierten einen Einstieg in die Szene und die Kunstform selbst zu bieten. Mehr Einladung geht nicht! Das gelernte Wissen kann dann, zum Ausklang des Festivals am Sonntag, den 19. März bei der Werkschau im Forum der IGS Flötenteich direkt auf der Bühne zur Schau gestellt werden und potenziell erste Bühnenluft geschnuppert werden! Im Moment In einer so schnelllebigen Zeit wie unserer, in der wir alles gleichzeitig machen wollen und sollen, aber unsere Aufmerksamkeitsspannen immer kürzer werden, zwingt uns das Improvisationstheater durch seine Natur der Einmaligkeit dazu ganz für den Moment zu leben, abzuschalten, das Smartphone in der Tasche zu lassen und die Show zu genießen. Hier hat der sogenannte "Second Screen" keine Chance, denn ansonsten würden wir ja etwas verpassen, das wir so nie wieder sehen können und werden. Und wer weiß, vielleicht packt euch die Impovisationslust ja selbst und ihr bucht euch nächstes Jahr direkt selbst in einen der Workshops und steht dann mit auf der Bühne!

  • WILLKOMMEN IN DER GEGENWART

    Alle sprechen über künstliche Intelligenz. Seit dem Release von ChatGPT freuen sich die einen auf die Zukunft, die anderen fürchten sich davor. Wer am Ende richtig liegt? Wird sich zeigen. Ein Gefühl für die Möglichkeiten kann man jetzt ausgerechnet im Theater bekommen, das eigentlich ein Tempel des Analogen ist. Ort des Geschehens: Natürlich die Exhalle. Dort beschäftigt sich der Technical Ballroom mit Deep Fakes und Fake News, bei denen die KI jetzt schon zeigt, was sie kann. Nein, ein ganz normaler Theaterabend ist es nicht, den man bei der „Tagesshow“ in der Exhalle erleben kann. An den Tablets, die man beim Einlass bekommt, liegt das allerdings nicht. An sie hat man sich nach sechs Monaten Technical Ballroom längst gewöhnt. Auffällig ist vielmehr der Countdown, der rotleuchtend daran erinnert, dass wir es hier mit einer deutschen Institution zu tun haben, deren Regeln man zu befolgen hat. Denn auch wenn wir uns in einem Theatersaal befinden und nicht in einem Fernsehstudio: Um 20 Uhr beginnt die Sendung! Nur, dass die Oldenburger Version sich leicht vom realen TV-Vorbild unterscheidet - und das Publikum auch einen halbstündigen Prolog miterleben darf. TAGESSHOW: IT'S CALLED FAKE NEWS MITTWOCH, 12. APRIL, 19.30 UHR (KARTEN) DIENSTAG, 25. APRIL, 19.30 UHR (KARTEN) EXHALLE JOHANNISSTRAßE 6 26121 OLDENBURG LIVE-STREAM JEWEILS AB 20 UHR Alles nur Fake? Der Abend beginnt allerdings mit einem Moment, der nicht mehr ganz tagesaktuell ist, nämlich mit Richard Nixons Rede zur missglückten Mondlandung am 20. Juli 1969, bei der die beiden Astronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin ums Leben kamen. Moment Mal. Wie bitte? War diese Apollo-Mission nicht außerordentlich erfolgreich und ging in das kollektive Gedächtnis der Menschheit ein? Ja, richtig! Und doch spricht Nixon hier vom tragischen Tod der Weltraumhelden. Wie das möglich ist? Ganz einfach; Das Redemanuskript hat wirklich existiert - für den Fall des Falles wollte der US-Präsident vorbereitet sein. Verwendet hat er es aber nie. Möglich wurde diese Rede erst durch künstliche Intelligenz, die Nixon die entsprechenden Worte digital in den Mund legte. Und plötzlich wirkt es so, als wäre die Mondlandung nie passiert. Willkommen in der Wunderwelt der Fake News. Multiple Realitäten Mit dieser täuschend echten Kreation einer niemals passierten Vergangenheit befindet man sich sofort mitten im Thema - und taucht danach noch weiter ein. Geführt wird man dabei von Thomas Kramer in der Rolle des routinierten Nachrichten-Moderators. Mit dem Kaffeebecher in der Hand hastet er leicht verspätet zur Produktion der 20-Uhr-Tagesshow. Dann nimmt er sich aber die Zeit, dem Publikum die feinen Unterschiede zwischen Falschmeldungen und Fake News zu erklären und berichtet, was heutzutage technisch bereits möglich ist und wie man damit umgehen kann. Klingt nach „Vorsicht, Falle“ fürs Digitalzeitalter, kommt aber ohne den berühmten Zeigefinger aus. Charmant ist dabei, dass Kramer zwischendurch tatsächlich in die Maske muss, in die passende Kleidung wechselt und vom Studio-Techniker (herrlich lakonisch: Lukasz Lawicki) mehrfach unwirsch beiseite geschoben wird, weil er nicht richtig steht oder sonstwie im Weg ist. Gemischte Gefühle Der Clou kommt schließlich zur vollen Stunde: Dann beginnt zeitgleich mit der echten Tagesschau die „Tagesshow“ als Fake News-Variante des realen Vorbilds. Das Publikum hat über die Tablets zuvor Nachrichten ausgewählt, die es gern hören würde. Was Thomas Kramer dann verliest, wird mittels KI live auf das Gesicht des - real existierenden - Nachrichtensprechers Constantin Schreiber übertragen. Und so sehen wir, wie der bekannte Moderator verkündet, dass Wladimir Putin in der Mongolei verhaftet wurde, Europa einen Hafen für Geflüchtete baut oder Elon Musk 95 Prozent seines Vermögens spendet. „Fantastisch! Mehr davon!“, denkt man intuitiv. Doch die Freude über die guten Nachrichten ist nur von kurzer Dauer. Wenn wir nicht mehr wissen, was echt ist und was nicht, was sind Nachrichten dann noch wert? Liegt in Zukunft über allen Informationen der Vorbehalt einer unabhängigen Überprüfung? Wird alles erst „real“, wenn Regelverstöße ausgeschlossen sind und es als echt bestätigt ist? Führen wir dann ein Leben „bis auf weiteres“? Auf jeden Fall spürt man bereits jetzt, wie sehr der technologische Fortschritt unseren Alltag verändern wird. Ob letztlich Vorteile überwiegen oder Nachteile - darauf kann auch dieser Abend keine Antwort liefern. Nur eines ist sicher: Dass nichts (mehr) sicher ist. Spaß mit Lerneffekt Mit der „Tagesshow“ hebt der Technical Ballroom die Theaterwelt nicht aus den Angeln. Die halbstündige Inszenierung wirkt wie ein erklärendes Vorspiel zur 15-minütigen Demonstration zum Stand der Technik. Klingt fad? Ist es ganz und gar nicht! Der Abend ist trotz allem ein wunderbarer theatralischer Spaß mit Lerneffekt. Und nicht erst seit ChatGPT steht fest, dass wir uns mit der künstlichen Intelligenz gar nicht zu viel beschäftigen können. Sie prägt unser leben nämlich nicht erst in Zukunft, sondern schon jetzt, und manchmal sogar im Theater. Willkommen in der Gegenwart.

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