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- DAS BESTE ZUM SCHLUSS: 2023
Es ist wieder diese Zeit des Jahres: Überall tauchen Listen auf, in denen Menschen ihre Highlights des vergangenen Jahres nennen. Und der Kulturschnack? Macht hemmunsglos mit! Wir haben liebe Menschen aus der Kulturszene sechs kurze Fragen gestellt. Ihre Antworten sind zweierlei: Eine Erinnerung an das Jahr 2023 - und unsere musikalischen, kinematographischen und literarischen Tipps zum Jahreswechsel. Viel Spaß! Für manche ist es die schwerste Aufgabe des Jahres: Darüber nachzudenken - oder sogar sich darauf festzulegen - was die Highlights der der letzten zwölf Monate waren. Der beste Song, der beste Film, das beste Buch? Schwiiiierig! Wir haben aber trotzdem danach gefragt. Und viele Menschen, mit denen wir in diesem Jahr gesprochen, gearbeitet, oder was ausgeheckt haben, haben uns ihre Favoriten g enannt. Ihr wollt ganz tief eintauchen? Null Problemo ! Eine Spotify-Paylist findet ihr am Ende des Artikels. For your convenience. JÜRGEN BOESE KULTURREFERENT | STUDENTENWERK Bester Song Sam Fender – Seventeen going under Beste Serie Heartstopper (Netflix) Bestes Buch Mario Müller & Ben Hartwig - Die Kunst des Nichtdurchdrehens Dein Kultur-Moment in Oldenburg Das SpontanOL Festival 😊 Dein Kultur-Moment im Rest der Welt: Die Kulturtagung des Deutschen Studentenwerks in Saarbrücken Das Jahr in einem Satz: Mut sich zu zeigen! PIA WIENHOLT GESCHÄFTSFÜHRUNG | RAUM AUF ZEIT Beste Songs Palace - Live well Leikeli47 - Chitty Bang Talking Heads - This must be the place Beste Serie Transparent (Prime) Bestes Buch Paulo Coelho - Der Zahir Deine Kultur-Momente in Oldenburg Das erste Außergewöhnliche Ereignis // Creative Mass Demo 2017 // 1. freifeld Festival Dein Kultur-Moment im Rest der Welt Museen César Manrique auf Lanzarote. Der Künstler baute u.a. sein Haus in unterirdische Vulkanblasen. Das Jahr in einem Wort Wild JONAS MEYBURG STIPENDIAT | OLDENBURGER KUNSTSCHULE | UNIT404 Bestes Musikalbum "The Drought" von Puce Mary . Auf diesem Album schafft Puce Mary es trotz der düsteren und harten Klänge eine delikate Geschichte und komplexe Emotion zu vermitteln. Grade die eingesprochenen Sätze die immer wieder eingestreut sind haben mich sehr berührt. Mein Lieblingsalbum für den Supermarktbesuch. Bestes Buch "Athos 2643" von Nils Westerboer . In einer fernen Zukunft wird die dem Protagonisten als Werkzeug zugeteilte und durch einen holographischen Körper vermenschlichte KI zur Erzählerin. Dieser Perspektivwechsel schafft es gängige Sci-Fi Tropen frisch und neu wirken zu lassen und hat mich in seiner Ausführung überrascht und begeistert. Dein Kultur-Moment in Oldenburg " From above, an island " von James Newitt im Edith-Russ Haus. Ich mochte die Ausstellung wirklich gerne und die gezeigten Videos schleichen sich wieder und wieder in meine Gedanken. Dein Kultur-Moment im Rest der Welt " 54 HOURS PERFORMANCES " im Museum Folkwang Essen, insbesondere die Performancekonzepte von Pau Holtkamp und Sophie Kockler haben sich eingebrannt. Das Jahr in einem Satz oder drei Schlagworten Aufbruch, Bewegung, Weltschmerz MARIANNE HAMM (EX-) PRESSESPRECHERIN | CINE K Bester Song Kae Tempest - No Pressure Bester Film Orlando - meine politische Biografie (von Paul B. Preciado) Bestes Buch Die Zukunft ist nicht binär - Lydia Meyer Schönster Kultur-Moment in Oldenburg Queer Film Festival Oldenburg Schönster Kultur-Moment außerhalb Oldenburgs 13 Grad Festival in Bremen Das Jahr in einem Satz Kalt, aber ab und an herzlich PROF. DR. MARTIN BUTLER CARL VON OSSIETZKY UNIVERSITÄT | DIGITALOG Bestes Musikalbum Jupiter Jones - Die Sonne ist ein Zwergstern Bester Film oder beste Serie Oppenheimer , Christopher Nolan kanns einfach Bestes Buch oder bester Comic 2023 wieder mal gelesen, auch 2023 immer noch fantastisch: Gloria Anzaldúa , Borderlands/La Frontera Schönster Kultur-Moment in Oldenburg Night of the Profs, im November Schönster Kultur-Moment im Rest der Welt Kings Avenue Tattoo , Long Island, New York, im Frühling Das Jahr in einem Satz Alles anders, als man denkt CORA ISSIG PELLE, DER SPÄTI Bester Song "Overdrive" von Post Malone Beste Serie " Pokerface " von Rian Johnson mit Natasha Lyonne Bestes Buch "22 Bahnen" von Caroline Wahl Schönster Kultur-Moment in Oldenburg: Jeder Donnerstag bei Pelle dem Späti Schönster Kultur-Moment im Rest der Welt Live Musik im Cobblestone in Dublin Das Jahr in einem Satz „Life is a rollercoaster, just gotta ride it!" (Ronan Keating) MAURICE GÄRTNER GITARRIST | CATAPULTS Bestes Musikalbum „In Times New Roman“ von Queens of the Stone Age . Ein wunderbares „Soft-Comeback“ nach sechs Jahren Funkstille! Beste Serie Ich schaue leider kaum noch Serien oder Filme. Ich habe dieses Jahr mal wieder zum 20. Mal „ Scrubs “ durchgeschaut – die Serie ist zwar weit vom Jahre 2023 entfernt, aber geht immer! Bestes Buch Schande über mein Haupt, aber ich habe dieses Jahr weder ein Buch, noch einen Comic gelesen. Bester Kultur-Moment in Oldenburg Das eigene Jahresabschlusskonzert am 22.12. war mein schönster Kultur-Moment des Jahres in Oldenburg - genau wie letzte Jahr! Mein schönster Kultur-Moment im Rest der Welt Unsere Catapults-Show in Radolfzell am Bodensee. Es war das Wochenende meines Geburtstages und nach der Show wurde sich im Bodensee abgekühlt – der war nämlich unmittelbar hinter dem Konzertsegel, welches wir bespielen durften. Das Jahr in drei Stichworten Sehr schnell vorbei! MARIANNA MARTENS VERANSTALTERIN | METROPOLY FESTIVAL Bestes Musikalbum „Sunrise Bang Ur Head Against The Wall“ EP von Nia Archives Beste Serie Lange den Hype ignoriert, aber Babylon Berlin Staffel 4 ist super. (ARD) Bestes Buch Nicht aus diesem Jahr, aber: Der Gesang der Flusskrebse von Delia Owens Schönster Kultur-Moment in Oldenburg OPAK beim Metropoly Klubfestival ❤️ Schönster Kultur-Moment außerhalb Oldenburgs Die Hochzeit meiner Gastschwester 🌅 Das Jahr in einem Satz oder drei Schlagworten Rastlos, Arbeitsreich, Aufregend LARS UNGER BILDENDER KÜNSTLER Bester Song Psychotzar von Motorpsycho Beste Serie Star Trek - The Next Generation (Netflix) Bestes Buch Offene See von Benjamin Myers Schönster Kulturmoment in Oldenburg Motorpsycho in der Kulturetage Schönster Kulturmoment im Rest der Welt Element of Crime in der Laeiszhalle Hamburg Das Jahr in einem Schlagwort Weitermachen! TORSTEN NEUMANN DIREKTOR | INTERNATIONALES FILMFEST Vor dem Jahresende sind alle gleich. Das ist bei uns nicht anders! Klar ist aber auch: wenn jemand etwas erzählen mag, dann hören wir gerne zu. So war es auch bei Torsten. Und der leidenschaftliche Cineast kennt sich offensichtlich nicht nur mit Filmen aus, sondern weiß auch in Musik und Literatur gut Bescheid. Das wollen wir euch nicht vorenthalten. BESTE SONGS / ALBEN Yeah, Yeahs, Yeahs – „Cool it Down“: Die Yeah, Yeah, Yeahs sind bei mir mit einem neuen Album immer auf jeder Jahres-Bestenliste bis ein neues Album erscheint. Lana del Rey – „Did you know that there’s a Tunnel under Ocean Blvd“. Schöner Titel, schöne Musik. Muss man mal anerkennen. Dream Wife – „Social Lubrication“. Das ist ein richtig gutes Album und einfach meine Musik. Indie-Punkrock so ungestüm und rebellisch wie unser Kino beim Festival. Cannons – „Heartbeat Highway“. Meine erfreulichste Entdeckung des Jahres. Wie indie kann Pop sein!? Das neue Album ist gerade raus und geht direkt auf die Best-of-Liste. Doja Cat – „Moooi!“: Genial! Ohrwurm Lyrics und Ohrwurm Melodie. BESTE FILME Tar – Todd Field In jeder Hinsicht ein Highlight des Arthouse Kinos, kluges Drehbuch, große Inszenierung und Schauspielerkino par excellence. Manchmal ist Cate Blanchett so gut, dass sie eigentlich den Film zerstört, weil man nicht mehr die Filmfigur sieht, sondern nur noch staunend Blanchett bei ihrer magischen Schauspielkunst zusieht. Und dann gibt es eben auch noch den spektakulären Auftritt „unserer“ Siam Sinfonietta, die Cate Blanchett und dem Film eine unvergessliche Schlussszene bescheren. Im Toten Winkel – Ayse Polat Nicht nur weil der Film den Hauptpreis in Oldenburg gewonnen hat. So eine behutsame Reflexion über das Vergessen im Gewande eines packenden Paranoia-Politthrillers habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Was da bei der Berlinale schief gegangen ist, den Film in einer Nebensektion zu verstecken, anstatt im Wettbewerb der internationalen Filmwelt zu zeigen, was deutsches Kino kann, bleibt ein Rätsel. Ab dem 4. Januar startet „Im Toten Winkel“ in den deutschen Kinos – wenn das Gedächtnis der Kulturredaktionen genug Langzeitkapazitäten hat, werden wir ihn auf den Best-of-Listen für 2024 am Ende des Jahres wiedersehen! Music for Black Pidgeons - Andreas Koefoed, Jørgen Leth Auch wenn es ein Portrait von Jazzmusikern im weitesten Sinne ist, man muss auf keinen Fall ein Fan dieser Musik sein, um diese kleine Perle des Dokumentarfilms bedingungslos zu lieben. Die beiden dänischen Dokumentarfilmveteranen Koefeld und Leth lassen sich in ihrer Erzählung so liebevoll und emotional auf ihre Figuren und die Musik ein, dass man als Zuschauer die wunderbare Leichtigkeit des Seins wieder entdecken kann. Robot Dreams – Pablo Berger Alles was animiert ist und nicht von Pixar oder Dreamworks als geschliffenes Produkt für die ganze Familie auf den Markt geworfen wird, hat es schwer im Kino, die Zuschauer zu finden. Robot Dreams steht der Kinostart noch bevor – aber alle, die den Film schon gesehen haben, werden mit einer beherzten word-of-mouth Kampagne dafür sorgen, dass solche Perlen weiterhin ihr Publikum finden. Eine mitreißende, beherzte Story über das Menschsein ohne Worte und ohne Menschen. Heavier is the Sky – Petrus Cariry Das ist so gutes, großes Kino aus einem Teil der Welt, von dem viel zu wenig zu uns durchdringt. Ist für mich ein Topfilm von 2023, aber der sollte es irgendwie noch ins Jahr 2024 schaffen, denn eine Auswertung, ob im Kino oder im Stream steht dem Film ja noch bevor! Das gilt auch für einige andere Filme, die wir in diesem Jahr 2023 beim Filmfest präsentieren durften und die ich ehrlich zu den besten Filmen des Jahres zähle... Return to Seoul – Davy Chou Eine ganz wundersamer und schöner Reisefilm, traumwandlerisch, wie der Film um seine Figuren kreist. Der wurde nicht umsonst schon in Cannes bei seiner Premiere ganz einstimmig gefeiert. FILMISCHE STINKER DES JAHRES Cocaine Bear – Elisabeth Banks Was ist denn da mit der Kinowelt passiert, dass man dieses langweilige und so furchtbar uninspirierte Filmchen so abgefeiert hat? „Sharknado“ mag ja manchem auch Freude bereitet haben, aber hat der solche Kritiken bekommen und wurde filmisch so hochgejubelt? T he Fabelmans – Steven Spielberg Wir wissen ja schon längst, dass Spielberg immer dann am besten ist, wenn die Story und das Drehbuch jegliche Möglichkeiten, ins Kitschige abzugleiten, kategorisch ausschließen. Wie sich dieser große Filmemacher aber ein derart kitschiges eigenes Denkmal setzen konnte, ist mir ein kleines Rätsel. Und wer (inkl. Spielberg selbst) hat dieses Projekt überhaupt durchgewunken? Eine Hommage an sich selbst geht nur mit Selbstironie – die habe ich in keiner Sekunde gesehen... BESTE BÜCHER S.P. Somtow – Dragon‘s Fin Soup –Takashi Miike hat Somtows Sammlung von 8 phantastischen Erzählungen optioniert für eine Verfilmung. Spätestens danach wird es zum Bestseller... Fernando Pessoa – Ein anarchistischer Banker. Unser Festivalgast Edgar Pera hat mir das Buch geschenkt... Pessoa musste ich ja mal kennen lernen. Ein großer Autor! S.P. Somtow – Vampire Junction – weil die Bestenliste nicht aus 2023 gespeist werden kann...was ich 2023 gelesen: Dieses ist ein Klassiker und ein Meisterwerk. Muss man als Genre Fan lesen und danach Anne Rice ein Stückchen weiter unten einordnen! Jörg Fauser – Rohstoff. Lese ich jedes Jahr und schafft es immer auf die Jahresbestenliste... Ein Geniestreich, Fauser ist als Literat immer noch viel zu unterschätzt. Angelo Wemmje - Venus Chicago – Ein Oldenburg Roman, schräg und wild. Gibt’s denn sowas? Ganz neu auf dem Markt! (Ach ja, Angelo hat auch mal beim Filmfest mitgearbeitet!) BESTER KULTURMOMENT IN OLDENBURG Die Illumination von Christoph Niemanns „Current Lines“ an der Fassade des Horst-Jansen Museums: In vielerlei Hinsicht ein Geniestreich – für das Museum und für uns Oldenburger:innen. Mit dem farbenprächtigen Okuda-Mural direkt gegenüber ist Oldenburg auf einen Schlag ein funkelnder Stern auf der weltweiten Landkarte für Kunst im öffentlichen Raum. BESTER KULTURMOMENT IM REST DER WELT Jared Letos Auftritt bei der Met Gala 2023 als Lagerfelds Katze. Lily, (die heimliche Chefin vom Filmfest Oldenburg) wartet jetzt darauf, das der erste Gast verkleidet als Katze über unseren Roten Teppich gehen wird. ANNA SEEBERGER SCHAUSPIELERIN | STAATSTHEATER Bester Song Amaarae - Reckless & Sweet Beste Serie: The Bear: King in the Kitchen (Disney+) Bestes Buch: Elliot Page - Page Boy Schönster Kultur-Moment in Oldenburg: Jugendtheatertage Schönster Kultur-Moment außerhalb Oldenburgs: Fuffifufzich Konzert in Bremen Das Jahr in einem Satz: Meine Freundin Tara sagt immer ‚it‘s a lot‘ aber es ist ja auch einfach a lot FELIX FREITAG VIDEOKÜNSTLER | FREITAG.LIGHTS Bestes Album Salö - Subjektiv betrachtet Beste Serie This Is England (Arte) Bestes Buch Colson Whitehead - Nickel Boys Bester Kultur-Moment in Oldenburg "LUCA" Lichtkunst an der Alten Maschinenhalle Bester Kultur-Moment im Rest der Welt " Nocturnalis " Lichtkunst im Botanischen Garten der Uni Kiel Das Jahr in einem Satz Auge um Auge – und die ganze Welt wird blind sein. (Mahatma Gandhi) LISA RINNE ARTISTIN | CIRCUS UNARTIQ Bester Song Live - Lightning Crashes Guter Film / Gute Serie Film: Pans Labyrinth Serie: Unorthodox (Netflix) Gutes Buch Hanya Yanagihara : A little life - unfassbar gut geschrieben und schleichend verstörender Schönster Kultur-Moment in Oldenburg Natürlich der Sommer-Circus und das Winter-Varité dieses Jahr ;-) Schönster Kultur-Moment außerhalb Oldenburgs Circus Ronaldos Stück "Sono Io" auf dem Festival in Auch (Frankreich). Beste Show, die ich dieses Jahr gesehen habe. Das Jahr in einem Satz oder drei Schlagworten: Nach 2023 hab ich immer noch mehr Träume und Hoffnungen, als die Realität zerstören kann LUKASZ LAWICKI REGIEASSISTENT | STAATSTHEATER Bester Song Salo - Bonjour Tristesse Bester Film Cocaine Bear Bestes Buch „Haben oder Sein“ von Erich Fromm (wie jedes Jahr) Bester Kulturmoment in Oldenburg Premiere von „ Vater “ am Oldenburgischen Staatstheater Bester Kulturmoment im Rest der Welt Saló-Konzert in Bremer Tower. Das Jahr in einem Satz Manchmal ist man der Hund, manchmal ist man der Baum. MATHILDA KOCHAN LEITUNG | THEATER K Bester Song Alles von David Bowie Bester Film Nicht Barbie Bestes Buch Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry Schönster Kultur-Moment in Oldenburg Sinfoniekonzert am Staatstheater mit „Vier Tondichtungen nach A. Böcklin“ von Max Reger Schönster Kultur-Moment im Rest der Welt „König Lear“ im Thalia Theater , Hamburg Das Jahr in einem Satz „Keep the process, trust the vision.“ DANIEL BREMER SÄNGER, GITARRIST | LETTERBOX SALVATION Bestes Song / bestes Album Boygenius - Not Strong Enough / Boygenius - The Record Bester Film / Serie Film: Barbie / Serie: Star Wars Ahsoka (Disney+) Bestes Buch Sophie Passmann - Pick me girls Schönster Kultur-Moment in Oldenburg Frei.Zeit.Learm - Metropoly Klubfestival Schönster Kultur-Moment im Rest der Welt Bon Iver Konzert in Amsterdam Das Jahr in einem Satz Uii, schon wieder vorbei!? MADLENE OEPPING PELLE, DER SPÄTI Bestes Album "nur liebe, immer" von Casper Bester Film " Checker Tobi und die Reise zu den fliegenden Flüssen" Bestes Buch "22 Bahnen" von Carolin Wahl Schönster Kultur-Moment in Oldenburg Jeder Donnerstag bei Pelle dem Späti Schönster Kultur-Moment im Rest der Welt Die Buchmesse in Leipzig Das Jahr in einem Satz "On and on and on. Life goes on and on and o-on" (Blumengarten) KEVIN ALTENBERGER JACK OF ALL TRADES | KULTURSCHNACK Bester Song Apsilon – Baba Bester Film Asteroid City von Wes Anderson Bestes Buch Dirk Stermann – 6 Österreicher unter den ersten 5 Schönster Kultur-Moment in Oldenburg Staatstheater Oldenburg - Radziwill oder der Riss durch die Zeit Schönster Kultur-Moment im Rest der Welt Groninger Museum – The Art of Hipgnosis Das Jahr in drei Schlagworten Familie – schön – kreativ THORSTEN LANGE MAN ON A MISSION | KULTURSCHNACK Beste Songs Viel zu viele. Definitiv Declan McKenna - „Brazil“, auch wenn der Song schon alt ist. Aber auch Dear Seattle - „Nothing's stopping me now“, Dice - „Bad Tattoo“ und Nobro - „Who the hell am I?“. Dann wären da noch Bakers Eddy - „21“, Landon Conrath - „Papercuts“, Bearings - „Go Long“, Press Club - „Glasgow“ und und und. Sucht euch was aus! Bester Film / beste Serie Film: Le Chêne - Die Eiche / Serien: Beef , Archer (Netflix) Bestes Buch Roman: Jan Weiler - „Der Markisenmann“ und „Harlem Shuffle“ von Colson Whitehead / Sachbuch: Tony Rettman - „Straight Edge - A Clear Headed Hardcore Punk History“ Bester Kultur-Moment in Oldenburg Der Technical Ballroom hat mich als Gesamtphänomen total beeindruckt. Auch wegen der Inhalte, z.B. bei „ Die vier neuen Jahreszeiten “. Spannend war auch die Plakatkunst der „ Grands Boulevards “ im Landesmuseum, quasi die Wiege der Werbung, wie wir sie heute kennen. Wie immer mitreißend: die Jugendtheatertage Bester Kultur-Moment im Rest der Welt Nah: The Interrupters & Grade 2 im Melkweg, Amsterdam / Fern: Sorbaes Sundae All Ages Festival, Melbourne Das Jahr in einem Satz Drei Monate Time of my Life, neun Monate Reality Check
- DAS BESTE ZUM SCHLUSS: 2024
Es ist wieder diese Zeit des Jahres: Überall tauchen Listen auf, in denen Menschen ihre Highlights des vergangenen Jahres nennen. Und der Kulturschnack? Macht hemmunsglos mit! Wir haben liebe Menschen aus der Kulturszene sechs kurze Fragen gestellt. Ihre Antworten sind zweierlei: Eine Erinnerung an das Jahr 2024 - und unsere musikalischen, kinematographischen und literarischen Tipps zum Jahreswechsel. Viel Spaß! Für manche ist es die schwerste Aufgabe des Jahres: Darüber nachzudenken - oder sogar sich darauf festzulegen - was die Highlights der der letzten zwölf Monate waren. Der beste Song, der beste Film, das beste Buch? Schwiiiierig! Wir haben aber trotzdem danach gefragt. Und viele Menschen, mit denen wir in diesem Jahr gesprochen, gearbeitet, oder was ausgeheckt haben, haben uns ihre Favoriten g enannt. Ihr wollt ganz tief eintauchen? Null Problemo! Eine Spotify-Playlist findet ihr ebenfalls im Artikel. Enjoy! VERENA KATZ SPARTE 7 | STAATSTHEATER Bestes Album: Beyoncé - „Cowboy Carter“ Beste Serie: „ Golda - Israels eiserne Lady “ / Und auch wenn sie alle nicht aus dem Jahr 2024 waren: tausendundeine Variante von „ Stolz und Vorurteil “, die ich in diesem Jahr gesehen habe Bestes Buch: Kristin Höller , „Leute von früher“ Dein Kultur-Moment in Oldenburg: Premiere von „ Prima Facie “ am 8. März Dein Kultur-Moment im Rest der Welt: Stuttgart-Premiere von Florentina Holzingers „Sancta“ Das Jahr in einem Satz: Ende/Pause/Anfang DR. JUTTA MOSTER-HOOS HORST-JANSSEN-MUSEUM Beste Band: Von wegen Lisbeth habe ich dieses Jahr erst kennen und lieben gelernt. Bester Film: Poor Things . Wahnsinnige Bilder, Kostüme, Setdesigns. Die vielen Sex-Szenen mit der jungen/unschuldigen Filmfigur waren allerdings gewöhnungsbedürftig. Bestes Buch: Freue mich riesig auf den neuen Joachim Meyerhoff „Man kann auch in die Höhe fallen“. Ich hoffe, dass das Buch so gut ist wie sein Erstlling. Dein Kultur-Moment in Oldenburg: Kratt . Großartige Choreografie. Unser Ballettensemble im Staatstheater ist auf Metropolenniveau. Dein Kultur-Moment im Rest der Welt: „Ophelia’s got talent“, Kampnagel Hamburg . Packend und verstörend, neu und frech. Mein Mann und ich haben uns wie die Bürstenbinder darüber gestritten. Das Jahr in einem Satz: Es muss (scheinbar) erst schlechter werden, damit es besser wird. GORDON ENDT STIPENDIAT | OLDENBURGER KUNSTSCHULE Bestes Musikalbum: Exit Youth - Soi Boy. Newcomer-Band aus Leipzig, die es in sich hat. Bester Film: Dune II und die damit verbundene Entdeckung der Jodorowsky-Doku der geplanten Adaption. Bester Comic: Hannah Brinkmann - Gegen mein Gewissen , erschienen im Avant-Verlag. Der Comic spielt u.a. in Oldenburg, ich war bei der Lesung. Ihr Zeichenstil und Feingefühl kommen einzigartig rüber und machen den Comic zu einer besonderen Leseerfahrung. Dein Kultur-Moment in Oldenburg: Die Lange Nacht der Musik . Ich fand es toll, wie die Stadt zusammengekommen ist, um sich gemeinsam Kultur anzuschauen. Dein Kultur-Moment im Rest der Welt: Ich war zum ersten Mal im Stedelijk Museum in Amsterdam, sehr empfehlenswert. Das Jahr in einem Satz: Fällt mir schwer, es waren so viele Eindrücke. Ich hoffe, wir lernen aus diesem Jahr für das nächste Jahr ... BETTINA STILLER PRESSESPRECHERIN | KULTURETAGE Bester Song: Ich nenne einen Oldenburger Newcomer, den ich ganz wunderbar finde: die Band NACKT und den Song „ JUPPHEIDI “ Bester Film: RIEFENSTAHL . Sich mit den Mechanismen und Erfolgsstrategien von Faschismus zu beschäftigen, ist dringender denn je, Nur so kann man sie durchschauen und ihnen auch etwas entgegensetzen. Bestes Buch: Ein sehr altes Buch, aber ich bin erst in diesem Jahr dazu gekommen es endlich zu lesen: Thaddeus Golas „Der Erleuchtung ist es egal, wie du sie erlangst“ Schönster Kultur-Moment in Oldenburg: Die Sneak Preview in den neuen Räumlichkeiten des Oldenburger Computer.Museums . Schönster Kultur-Moment außerhalb Oldenburgs: Lichter de City in Bremen. Das Jahr in einem Satz: Es hat hoffnungsvoll angefangen aber es wird immer herausfordender, die Hoffnung nicht zu verlieren. AYLA SCHOFIELD SÄNGERIN | STRAßENMUSIKERIN Beste Songs: “Labour” von Paris Paloma und “How Love W orks” von Allie Sherlock Bester Film: “ Big Fish ”. Es ist ein alter Film von 2003, den ich dieses Jahr zum ersten mal gesehen habe. Ich sehe sehr gern ältere und kaum neue Filme. Bestes Buch oder bester Comic Ich lese ehrlich gesagt nie, ich höre dafür wohl zu viel Musik :) Schönster Kultur-Moment in Oldenburg: Eigentlich zwei: The Queens Of Country Germany zu organisieren hat sehr viel Spaß gemacht und es war so schön zu sehen, wie viele kamen und wie toll die Atmosphäre beim Konzert tatsächlich war. Außerdem habe ich im November ein Konzert in der Ule gespielt und auch dort die heimatliche Atmosphäre mit den netten Oldenburger:innen sehr genossen. Schönster Kultur-Moment im Rest der Welt: Konzert in einem kleinen Waldschlucht -Cafe ausserhalb von München. Das Jahr in einem Satz: Durch das Wegziehen von Oldenburg habe ich die Stadt und die Menschen hier erst als meine Heimat wiederentdecken können und gelernt, was diese wirklich ausmacht und besonders macht. DIE FAVORITEN DER SZENE DAS JAHR IM OHR Musik kann man nicht erklären, Musik muss man hören. Deshalb gibt's hier nun die persönlichen Hits als praktische Playlist. Genau wie im letzten Jahr ist die musikalische Bandbreite enorm - hört also nicht nur mit offenen Ohren, sondern auch mit offenem Geist! Wer von Playlists mit Kultur- und Lokalbezug nicht genug bekommen kann, sollte unbedingt auch unsere „ Mische “ anhören: Dort sind die Lieblingssongs all unserer Podcast-Gäste vereint. FLORIAN FILSINGER MUSIKER, MODERATOR, MULTITALENT Beste Songs: Mogwai – Lion Rumpus, DJ Koze – Pure Love, Mono – Oath (Album) Bester Film: Ghostbusters – Frozen Empire Bestes Buch: Sven Regener – Zwischen Depression und Witzelsucht / Anne Simon - Gousse & Gigot (Comic), Florian Filsinger – Zoff im Weltall (Comic) Schönster Kultur-Moment in Oldenburg: Zum einen LOLdenburg Mixed Show im November im Core, zum anderen 10 Jahre Musikbingo im November in der Buddeljungsbar. Schönster Kultur-Moment im Rest der Welt WES24 in Dangast Das Jahr in einem Satz Kapitalismus ist vollkommen töricht, lenkt aber immer noch die Geschicke der Menschheit. Echt blöde! ANN-SOPHIE ZAROUR SCHAUSPIELERIN, SÄNGERIN, MODERATORIN Bestes Musikalbum: Dota Kehr : Die vielgerühmte Einsamkeit Beste Serie: Kleo Bestes Buch: Elke Heidenreich : Altern Bester Kultur-Moment in Oldenburg: Annes Kultursalon am 22.11.2024 Thema : Das Edith Russ Medienhaus- Namensgebung zwischen Schuld und Scham Mein schönster Kultur-Moment im Rest der Welt: Bodo Wartke Konzert im Januar 2024 in Bremen Das Jahr in einem Satz: Erwarte nichts, Bleib zuversichtlich, Glaube an deine Selbstwirksamkeit! HANNAH BRINKMANN COMIC-AUTORIN, GRAPHIC JOURNALIST Bestes Musikalbum: Das Album "Haut wie Pelz" von Apsilon und seine Single "Köfte" Beste Filme / beste Serie: Beste Kinoerlebnisse waren " All of us Strangers " von Andrew Haigh und " Perfect Days " von Wim Wenders. All time Serien-Klassiker und Wiederentdeckung dieses Jahr war " Fleabag " von und mit Phoebe Waller-Bridge Bestes Buch: Bester Comic dieses Jahr war " Monica " von Daniel Clowes. Beste (alte) Romane, die ich zum ersten Mal gelesen habe waren " Never let me go " von Kazuo Ishiguro und "Mephisto" von Klaus Mann Schönster Kultur-Moment in Oldenburg: Meine Lesung von " Gegen mein Gewissen " mit anschließendem Gespräch mit Henriette Dyckerhoff im Jochen-Klepper-Haus Schönster Kultur-Moment im Rest der Welt: "Minus 16" von Sharon Eyal und Ohad Naharin mit dem Berliner Staatsballett in der Deutschen Oper Das Jahr in drei Schlagworten: Erschöpfend - Ambivalent - Warm FABIAN SCHULZ MUSIKER Bester Song: „The Fencer“ von Tiflis Transit , mein Lieblingstitel vom Album „A Thought Is Not A Feeling“. Soul zum reinlegen und zudecken. Bester Film: „ Stop Making Sense “, Jonathan Demmes Konzertfilm über die Talking Heads . Streng genommen vor 40 Jahren erschienen, aber 2024 als restaurierte Version noch mal in den Kinos. Einfach DER Konzertfilm! Bestes Buch: Stephen King: You Like It Darker . Ich lese leider zu wenig Bücher, aber Stephen King muss ich. Schönster Kulturmoment in Oldenburg: CATT im Cadillac, April '24 Da stimmte alles: Atmosphäre, Band und CATT. Nächstes Jahr in der Kulturetage zu sehen! Schönster Kulturmoment im Rest der Welt: Die Sterne beim Watt En Schlick Fest, Juli '24 Lebende Legende! Das Jahr in drei Schlagworten: Drei Schlagworte, die dieses Jahr ständig in meinem Kopf waren: Nie wieder CDU CAROLIN BECKLAS DOKTORANDIN AMERICAN STUDIES Bestes Album: Noga Erez - The Vandalist. Die Künstlerin mischt gekonnt verschiedene Stile (HipHop, Soul, Pop, Electro). Das geht in die Beine und ins Herz! Bester Film: The Room Next Door - Ein Film über weibliche Freundschaft und dann auch noch mit Julianne Moore und Tilda Swinton in den Hauptrollen?! Muss man mehr sagen? Bestes Buch: James Nestor - Breath : The New Science of a Lost Art. Unglaublich, welchen Einfluss unser Atem auf unser mentales und körperliches Wohlbefinden hat. Also: Tief durchatmen und weiter geht's! Schönster Kultur-Moment in Oldenburg: Führung durch die Keramikausstellung "Schlaraffenland" mit der Künstlerin Nora Arrieta im Pulverturm - faszinierende Werke, in denen unsere reizüberflutete Welt spielerisch und üppig in Form gegossen wurde. Schönster Kultur-Moment im Rest der Welt: OXO - Museo del Videojuego in Málaga - über drei Etagen wird hier die Geschichte der Videospiele ausgestellt - ausprobieren und selber spielen immer erlaubt! Das Jahr in einem Meme: Carolin hat ein ziemlich passendes Meme mitgeschickt, leider funktioniert es h ier technisch nicht. Sobald ich die Zeit finde, liefere ich es nach. (Anm. v. Thorsten) LISA KNOLL KOORDINATORIN WORLD PRESS PHOTO AUSSTELLUNG Bestes Album: "Sunday Sadness" von Amy Shark . Lieblingstrack daraus: "Our Time Together". Schon beim Intro bin ich verloren Bester Film: Als großer Fan von kuriosen Ideen muss ich hier natürlich " Kinds of Kindness " nennen. Der war absurd, verstörend, chaotisch, lustig, traurig, verwirrend und hing noch ne Weile nach. Typischer Lanthimos eben. Und die perfekte Gelegenheit, wieder mal im Casablanca vorbeizuschauen. Bestes Buch: Keine Neuerscheinung aus diesem Jahr, sondern ein wunderbarer Zufallsfund beim In-der-Kassenschlange-neben-der-Reduziertkiste-warten: " Als wir Waisen waren " von Kazuo Ishiguro . Bester Kultur-Moment in Oldenburg: Meine Kindheitsheldin Cornelia Funke auf der KIBUM zu treffen und plötzlich wieder elf Jahre alt zu sein. "Tintenherz" hat mir damals gezeigt, welche unglaublichen Welten man aus Worten erschaffen kann. Seitdem wollte ich mit dem Schreiben mein Geld verdienen. Hat geklappt. :-) Bester Kultur-Moment im Rest der Welt: Noch ne kleine Zeitreise: diesmal mit Green Day auf der Trabrennbahn in Hamburg – genau 20 Jahre nachdem ich mit "American Idiot" vor meinem CD-Player gesessen und den Punkrock entdeckt hab. Das Jahr in einem Satz: Ziemlich schön war's! NICOLA HEPPNER GESCHÄFTSFÜHRERIN WERKSCHULE E.V. Bester Song: Da kann ich mich einfach nicht entscheiden! :-) Bester Film: Monsieur Blake zu Diensten Gutes Buch: Juli Zeh & Simon Urban: Zwischen Welten . Und nur Juli Zeh: Unter Menschen . Schönster Kultur-Moment in Oldenburg: Das Konzert von Kennedy Administration beim Kultursommer. Schönster Kultur-Moment im Rest der Welt: Der Besuch der Biennale in Venedig Das Jahr in einem Satz oder drei Schlagworten: ereignisreich, erschütternd, trotzdem schön CARL WIRAEUS KUNSTKOMPLEX KOLLEKTIV Bester Song: „Persan“ von Kangding Ray Bester Film: The Platform Bestes Buch: 1984 - George Orwell Bester Kulturmoment in Oldenburg: Jugendtheatertage : Mittwoch in der Exhalle am Pferdemarkt: Jugendliche wachsen auf der Bühne über sich hinaus. Bester Kulturmoment im Rest der Welt: Sonntag auf der Ovelgönnung : Ein familiäres zusammenkommen im Sonnenschein. Das Jahr in einem Satz: Was kommt als Nächstes? ELISABETH KERSCHBAUMER DRAMATURGIN | OLDB. STAATSTHEATER Bestes Album: Zwar aus den 70ern, aber 2024 neu entdeckt: „Hit or Miss“ von Odetta Bester Film / beste Serie: Film „ Challengers “, Serie „ Mr. & Mrs. Smith “ Bestes Buch: „ Miserere “, eine Sammlung von drei kurzen aber sehr feinen Texten übers Leben, von der großartigen und zu früh verstorbenen Autorin Helene Adler Schönster Kultur-Moment in Oldenburg: Als ich Anfang des Jahres im Café Innenleben saß, sprachen zwei ältere Frauen gerade darüber, welche progressiven Bildenden Künstler:innen ihnen besonders gefallen. Kurz darauf ging es dann um klassische Musik. Diese Aufgeschlossenheit und die Eingebundenheit von Kunst und Kultur im Alltag der Oldenburger:innen begeistert mich. Schönster Kultur-Moment im Rest der Welt: Der Besuch bei einer Theatergruppe in meiner Tiroler Heimat. Mich nach fast zehn Jahren mit Menschen, deren Spielenergie mich damals enorm geprägt hat, über Theater zu unterhalten, war für mich sehr besonders. / Und Kettenkarussell fahren am Bremer Freimarkt war auch ein toller Kulturmoment. Das Jahr in drei Worten: Ich glaub’s nicht! FRAUKE ALLWARDT LEITUNG | THEATER HOF/19 Bestes Album: Tingvall Trio : „Birds“ Bester Film: „ 2 Freunde " mit Ulrich Matthes und Justus von Dohnányi ) Bestes Buch: Max Richard Leßmann , „Sylter Welle“ Schönster Kultur-Moment in Oldenburg: Auch wenn es leicht jenseits der Stadtgrenzen liegt: Alin Coen im Park der Gärten Schönster Kultur-Moment im Rest der Welt: Homers „ Die Odyssee “ im Thalia Theater Hamburg: Das Jahr in einem Satz: Das Jahr war geprägt von großen Sorgen um das Klima, Demokratie und Frieden, beruflich und privat war es ein gutes, spannendes Jahr . KEVIN ALTENBERGER JACK OF ALL TRADES | KULTURSCHNACK Bestes Album: Zwar bereits Ende 2023 erschienen, war mein Soundtrack in 2024 aber trotzdem das Album „Wir Werden Nur Was Wir Schon Sind“ von fiio . Schon lange hat mich kein Album mehr auf ganzer Strecke so begeistert, wie er das geschafft hat. Das lief auf Dauerschleife. Beste Serien: Trying – Staffel 4, The Bear: King Of The Kitchen – Staffel 3, Kleo – Staffel 2 Bestes Buch: Die Bücher, die zwar nicht dieses Jahr erschienen sind, mir aber in diesem Jahr die größte Freude bereitet haben waren „Flash in the Pan: Life and Death of an American Restaurant“ von David Blum , Veza Canetti mit „Die gelbe Straße“ und, als Papa, „Herr Hase und Frau Bär“ von Christa Kempter und Frauke Weldin. Schönster Kultur-Moment in Oldenburg: Jean Philippe Kindler im Unikum Schönster Kultur-Moment im Rest der Welt: Die Ausstell ung „ Hanna Bekker vom Rath . Eine Aufständische für die Moderne“ im BRÜCKE Museum, Berlin und das Museum als solches insgesamt . Das Jahr in drei Schlagworten: Unvergesslich – Wohnwagen - Aufregend THORSTEN LANGE MAN ON A MISSION | KULTURSCHNACK Beste Songs: Was mir Auftrieb gegeben hat: Dear Seattle - Evergreen, Skegss - High Beaming, Old Mervs - What You've Lost, Teen Jesus & The Jean Teasers - I Used To Be Fun, Rematch - Take It All Back, Rum Jungle - Don't Be a Stranger, WSTR - I Hate It Here. Der meistgehörte Song war aber: Illy - Stubborn. Danke, Arjan! Bester Film / beste Serie: Filme: Der Waldmacher . Einen anderen fantastischen Film hab ich sogar zweimal gesehen: Spies in Disguise . Danke, Arjan! / Serie: Snowfall . Beste Bücher: Schon älter, aber dieses Jahr gelesen: Dennis Lehane „Small Mercies“, Rick Rubin „The Creative Act: A Way Of Being“. Comic des Jahres: Clever & Smart Sonderausgabe zu den Olympischen Spielen 1984! Danke, Arjan! Beste Kultur-Momente in Oldenburg: Es ist lahm, weil so unkonkret, aber ich komme zu keinem anderen Schluss: Es waren die vielen Interviews, die ich in diesem Jahr führen durfte - wie z.B. mit Tuan Andrew Nguyen . In unseren Artikeln steht ja immer nur ein Buchteil all der schönen Momente mit den Menschen, die Kultur entstehen lassen. Danke an alle, mit denen ich diskutieren, abschweifen und philosophieren durfte - you made my year! Beste Kultur-Momente im Rest der Welt: Rum Jungle und Absolutely Anytime in der Molotow Sky Bar in Hamburg. Eines dieser Konzerte, bei denen Schweiß von der Decke tropft. Umgehauen haben mich zudem das Centro de Creación Contemporánea de Andalucía ( C3A ) in Cordoba und das Straat Museum in Amsterdam. Wahnsinn! Das Jahr in drei Worten: Mittelprächtig - Wunderschön - Supermies.
- ARTPARK: SLOW MOTION EXIT
Was geht eigentlich in der Oldenburger Musikszene? Kurze Antwort: Viel zu viel, um es hier abzubilden! Deshalb werden wir niemals jede Band, alle Singles und sämtliche Auftritte erwähnen können. Aber: Es gibt ja noch Longplayer. Sie sind nach wie vor etwas Besonderes, jeder Release markiert einen Meilenstein der Bandgeschichte. Das wollen wir feiern - im KULTURSCHNACK SOUNDCHECK! Hier stellen wir euch Alben made in Oldenburg vor und verraten euch, warum ihr sie unbedingt euren Playlists hinzufügen müsst. Die dritte Folge widmet sich den Pop-/Rockern von artPARK. Ganz langsam: artPARK setzen nicht auf Tempo oder Trends, sondern auf handgemachte Musik mit besonderer Atmosphäre. (Bild: artPARK) Kennt ihr das? Man sieht das Cover einer neuen EP oder eines neuen Albums und hat sofort eine Idee im Kopf, wie die Musik wohl klingen könnte. Auch wenn man die Band gar nicht kennt und noch keinen einzigen Ton von ihr gehört hat, formt sich eine Vorstellung davon, was einen erwartet. Genau so ging es uns bei der neuen EP von artPARK . Als wir das äußerst stimmungsvolle Bild auf Cover sahen, formte sich die Vorstellung, dass uns sehr atmosphärische, eher zurückhaltende Rockmusik erwarten könnte. Oft werden wir in solchen Momenten jäh überrascht, weil sich eine LoFi-Garage-Combo einen Scherz erlaubt hat und Tiefe vorgaukelt, die gar nicht da ist. Ganz anders war's aber bei artPARK: In diesem Fall trafen wir mit unserem Gefühl ziemlich ins Schwarze. Tatsächlich bietet „Slow Motion Exit“ ein sehr stimmungsvolles Hörerlebnis mit handgemachter Pop-/Rockmusik. Ob der stimmige Gesamteindruck Absicht war? Warum der Sound so homogen klingt? Und wann das nächste Album kommt? Das haben wir Drummer Mark Höhnlein gefragt. artPARK: Ansgar (Gitarre), Hauke (Bass), Birgit (Keys), Jens (Gesang), Mark (Drums). (Bild: artPARK) Passgenaue Puzzleteile artPARK sind keineswegs Neulinge in der lokalen Musikszene. Im Gegenteil, die Band wurde bereits im Jahr 2005 gegründet. „ Untereinander bestehen teils lange Freundschaften, die Kommunikation ist sehr positiv und offen“, erzählt Mark, der erst 2022 zur Band stieß. „Ich hatte sofort das Gefühl, Teil von etwas Spannendem zu sein, das Potenzial für mehr hat.“ Auf der faulen Haut hat die Band aber auch bisher nicht gelegen: Nachdem in den Jahren 2012 bis 2017 zunächst einige Sessions veröffentlicht wurden, ging es ab 2018 richtig los. Nach den EPs „Quiet“ (2018) und „Next Stop“ (2024) sowie dem Longplayer „On a Friday“ (2020) ist „Slow Motion Exit“ bereits der vierte Release in den letzten sieben Jahren - und vielleicht der bisher ausgereifteste und homogenste von ihnen. Ausgereift und homogen - das sind gleichzeitig gute Stichworte, um den Sound der Band zu beschreiben. artPARK suchen nicht die krassesten Riffs, die härtesten Breaks oder das schrillste Solo. Der Band geht es nicht darum, einzelne Teile stark zu betonen und dann zu Songs zusammenzusetzen. Vielmehr hat man den Eindruck, dass das genaue Gegenteil der Fall ist: Alles dient dem Gesamtkunstwerk, die einzelne Instrumente und Elemente setzen sich passgenau zusammen, um einen bestimmten Klang zu formen, der sowohl die Songs als auch die EP prägt. NEUES FORMAT „SOUNDCHECK“ OLDENBURGER BANDS AUFGEPASST I hr seid Solo-Musiker:in oder spielt in einer Band aus Oldenburg? Ihr seid so ambitioniert, dass ihr eure Musik schon veröffentlicht habt oder genau das demnächst tun werdet? Und zwar nicht nur als eine Single, sondern in Form einer EP oder eines Albums? Mega, dann seid ihr hier richtig! In Zukunft wollen wir hier regelmäßig über den Output Oldenburger Musiker:innen berichten. Ihr habt Interesse im KULTURSCHNACK SOUNDCHECK aufzutauchen? Super, dann lasst es uns - am besten im Vorfeld der Veröffentlichung - wissen. Tickt uns auf Insta an oder schickt uns eine Email , wir kommen auf euch zurück. Super wäre es, wenn ihr schon ein kleines Presskit in petto hättet: Albumcover, Bandfotos, evtl. Link zu einem Video und einigen Soundfiles, die wir für ein Reel nutzen könnten. Es gibt keine Garantien für einen Artikel - aber wir bemühen uns, möglichst alles zu verarbeiten, was uns erreicht. Die Oldenburger Szene ist (noch) bunter und besser als viele denken. Höchste Zeit, dass die Welt davon erfährt! Also: Macht mit beim Kulturschnack SOUNDCHECK! Musik als Mannschaftssport Was heißt das konkret? Es gibt keine ungestümen Zweiminuten-Kracher, es gibt auch keine epischen Progrock-Referenzen. Die Wahrheit liegt dazwischen: Kompakte Pop-/Rock-Songs zwischen dreieinhalb und fünf Minuten, instrumentell fein austariert zwischen Gitarre und Keyboard, Bass und Drums. Darüber thront - man muss es so formulieren - der markante Gesang von Frontmann Jens. Man spürt sofort, dass seine Stimme bereits den einen oder anderen Song gesungen hat. Diese Färbung bekommt man nicht, wenn man mit 16 schnell mal zum Mikro greift, sondern nur, wenn man schon ein paar Lebensjahre samt entsprechender Erfahrung auf dem Buckel hat. Hin und wieder wirkt der Gesang vielleicht etwas überakzentuiert, man vermisst ein wenig Lockerheit. Aber das wiederum passt ins Bild einer EP, die sich durch ein intimes Gefühl der Nähe auszeichnet. Vielleicht kann man diese Beschreibung auch für die Musik nutzen. Sie klingt nach Erfahrung. Danach, als hätten die Bandmitglieder ihren Weg bereits gefunden und müssten sich nicht mehr profilieren. Stattdessen spielen sie „mannschaftsdienlich“, im Sinne der Songs. „ Beim Songwriting spielen unsere vielfältigen Einflüsse eine Rolle, jeder trägt etwas zum Gesamtsound bei“, verrät Mark. Oft brächten Sänger Jens und Gitarrist Ansgar erste Ideen mit, anderes entstehe beim Warmup oder bei einem Jam. Entscheidend sei aber, dass am Ende alle Songs den typischen artPARK-Sound hätten. „Der setzt sich aus mehr zusammen als dem individuellen Spiel und der Stimme. Unser Anspruch ist es, dass ein Gesamtwerk entsteht, das sich für uns richtig anfühlt.“ Dazu gehörten neben den Songs auch die Aufnahmen im Auricher Dickfehler-Studio - die übrigens im One-Take -Verfahren entstanden - und das Cover-Artwork. „All das sorgt dafür, dass ‘Slow Motion Exit‘ nicht nach aneinandergereihten Songs klingt, sondern nach einem gemeinsamen Produkt unseres Wirkens - auf das wir durchaus etwas stolz sind.“ Unaufgeregt, aber unwiderstehlich Kritiker:innen mögen bemängeln, dass es „Slow Motion Exit“ ein wenig an Abwechslung fehlt. Tatsächlich ähneln die Songs einander, es gibt insgesamt wenig Brüche, die einen beim Hören aufhorchen lassen. Aber was die einen stören könnte, schätzen die anderen. Das Hörerlebnis bei artPARK ist in einem positiven Sinne reibungslos: Die Band erzeugt eine bestimmte Atmosphäre, die eine große Ernsthaftigkeit und Emotionalität ausstrahlt. Wir schlagen wieder den Bogen zum Cover: Ein bisschen wirkt es so, als würde man an einem regnerischen Nachmittag im Café an der Ecke sitzen. Ein:e gute:r Freund:in erzählt, was sie oder ihn bewegt. Die Sätze wandern zwischen Eindringlichkeit und Zurückhaltung, zwischen Euphorie und Resignation. Aber eines sind sie immer: ganz nah. Es ist eine Kunst, unaufgeregte aber dennoch unwiderstehliche Songs zu schreiben. Dafür braucht es Melodien und Arrangements, die ohne großen Bombast oder technische Tricks funktionieren - und die auch die Hörgänge nicht derart penetrieren, dass man sie nach einigen Durchgängen schon wieder aus dem Gedächtnis löschen möchte. Genau das gelingt artPARK auf „Slow Motion Exit“. Zwar würde man der Produktion hier und da etwas mehr Kraft wünschen, damit die Songs noch etwas stärker wirken können. Doch eines wird auch so deutlich: dass hier Rocksongs entstanden sind, die mehr sind als nur der Versuch, auf eine kuratierte Playlist zu kommen. Sie stehen für sich: emotional, atmosphärisch, zeitlos - und zurecht selbstbewusst. Verwackelt, aber stimmungsvoll: Ein Video von der EP-Realease-Show in der Oldenburger Buddel Jungs Bar. Die ewige Ungeduld Aber wohin wird die Reise noch gehen? Gibt es Träume und Ziele? Mark bleibt realistisch: „Wir würden gerne regelmäßiger Gigs spielen und unsere Musik einer breiteren Masse präsentieren“, gewährt er einen Einblick. „Leider sind wir allesamt keine Marketing-, Social Media-, oder Booking-Experten und außerhalb der Band beruflich allesamt gut eingebunden.“ Dennoch sei die Band viel mehr als nur ein Hobby: „Bei den letzten Aufnahmen und Konzerten haben wir mehr und mehr gespürt, welches Potenzial noch in der Band stecken könnte.“ So dürfte auch zweite Longplayer nur eine Frage der Zeit sein. Das einzige Problem: „Uns fällt es schwer, Songs zu sammeln und zurückzuhalten. Wir sind viel zu gern im Studio! Deshalb haben wir zuletzt jährlich EPs veröffentlicht.“ Diese Ungeduld ist nichts anderes als: Leidenschaft für Musik. Und wenn dabei Veröffentlichungen wie „Slow Motion Exit“ entstehen, dann können die Fans sicher noch eine Weile auf ein neues Album verzichten. Schließlich gibt es jedes Mal: ein neues Gesamtkunstwerk. ARTPARK SLOW MOTION EXIT 4 Songs, 16 Minuten Alternative Pop/Rock 25. Juli 2025 Spotify | Apple | Amazon | Deezer | Tidal
- PODCAST: HOLGER DENCKMANN
Wir haben einen neuen Kulturdezernenten! Doch Holger Denckmanns Aufgabengebiet umfasst weit mehr als das. Warum genau hierin auch Vorteile für die Kultur liegen, was ein Dezernent überhaupt den ganzen Tag so treibt und wie seine persönliche Vision für die weitere Entwicklung der Kulturszene unserer Stadt aussieht, das erfahrt ihr in dieser frisch aufgebrühten Episode unseres Podcasts! Dabei handelt es sich um ein absolutes Novum beim Kulturschnack! Denn zum ersten Mal in der Geschichte unseres Podcasts haben wir das große Vergnügen, einen Gast ein zweites Mal bei uns begrüßen zu dürfen. Nun könnte sich aus diesem Grund die Frage aufdrängen: "Beginnt etwa bereits die Zeit der Wiederholungen? Ist die Kultur Oldenburgs etwa auserzählt?" Dem möchten wir direkt mit voller Inbrunst entgegnen: "Niemals!" Doch Holger Denckmann ist diesmal in einer völlig neuen aber für die Kulturszene der Stadt umso bedeutenderen Position bei uns zu Gast. 10 Jahre lang, von 2014 bis 2024, lenkte er bereits die Geschicke der Musikschule der Stadt Oldenburg als Fachdienstleiter und war in dieser damaligen Rolle unter anderem dafür mitverantwortlich, den Bundeswettbewerb "Jugend musiziert" , der 2022 hier bei uns in Oldenburg stattfand, zu dem Erfolg zu machen, der es letztlich war. In einer unseren ersten Podcastepisoden durften wir ihn damals in diesem Rahmen, gemeinsam mit Ulrike Lehmann, der Projektleiterin seitens "Jugend musiziert" bei uns begrüßen. Wer sich zurückerinnern möchte, findet die damalige Aufzeichnung übrigens direkt hier: Doch nun, drei Jahre später, ist die Lage eine andere. Holger Denckmann wechselte 2024 als Bundesgeschäftsführer zum Verband deutscher Musikschulen (VdM), war also der wichtigste Interessenvertreter der Musikschulen im Land und kehrte nun, nur ein Jahr später, zurück um hier in Oldenburg das Amt des Stadtrats für Schule, Sport, Kultur und Gebäudewirtschaft zu übernehmen. Eine große und wichtige Aufgabe, die mit vielen Hoffnungen und auch Erwartungen einhergeht, da sie maßgeblich auf die Entwicklung der kulturellen Landschaft einer Stadt wie Oldenburg Einfluss nimmt. Doch wie gestaltet sich der Arbeitsalltag eines Dezernenten tatsächlich und worin sieht er auch persönlich seine Aufgabe innerhalb des Amtes? Wie gelingt es, den vielfältigen Ressorts (eben nicht nur der Kultur) möglichst in gleicher Weise gerecht zu werden und inwiefern profitieren diese Themenfelder vielleicht sogar voneinander? Diesen Fragen gehen wir gemeinsam mit Holger Denckmann in der neuen Ausgabe unseres Podcasts nach. Zur Sprache kommt dabei auch, welches übergeordnete Bild er in den kommenden Jahren, auch hinsichtlich der Kulturförderung, gerne weiterzeichnen möchte und weshalb es dabei auch unser aller Aufgabe bleibt, die schützende Hand über die Institutionen zu halten, die unseren Alltag mit ihrem Mut zur Kreativität bereichern. Wir sind der Überzeugung: dieses Bild sieht vielversprechend aus! Doch am besten überzeugt ihr euch einfach gleich selbst davon - viel Spaß beim Hören!
- ORANGE DAYS: MIT DER KRAFT DER KULTUR
Ob Warnwesten, Verkehrshütchen oder Ampeln: Die Farbe Orange hat seit jeher eine Signalwirkung. Das betrifft aber nicht nur Straße und Baustellen, sondern auch ein bedeutendes gesellschaftliches Thema: sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen. Am 25. November werden einige markante Gebäude in orangefarbenes Licht getaucht, um auf das allgegenwärtige, aber oft unsichtbare Problem aufmerksam zu machen. Bei dieser Symbolik bleibt es aber nicht: Auch die Kultur spielt eine wichtige Rolle. Stop: Sexualisierte Gewalt darf keinen Raum in unserer Gesellschaft haben. Dafür braucht es ein hohes Maß an Aufmerksamkeit - zu dem unter anderem die Orange Days beitragen. (Bild: Shutterstock/Kulturschnack) Es ist ein grausame Wahrheit, aber: Sexualisierte Gewalt ist Teil unseres Alltags. Alle vier Minuten erleidet eine Frau Gewalt durch ihren (Ex-) Partner, allein in Niedersachsen gibt es täglich 250 Fälle. In Deutschland wird fast jeden Tag ein Femizid verübt. Dies führt zu einem allgemeinen Gefühl der Unsicherheit und Unfreiheit. 90 Prozent der jungen Frauen geben an, nachts bei Begegnungen mit unbekannten Männern starke bis extreme Angst zu empfinden. So bedeutsam es auch ist, die meist männlichen Täter zu bestrafen: Noch besser wäre es, wenn es gar nicht erst zu den Taten käme. Wenn übergriffiges Verhalten gesellschaftlich so weit und so konsequent geächtet wäre, dass es allgemeiner Konsens ist, dass es niemals infrage käme - auch nicht in vermeintlich harmlosen Erscheinungsformen. Genau darauf zielen die Orange Days in Oldenburg ab. Sie wollen für Awareness sorgen - also Aufmerksamkeit für die Existenz und die Tragweite des Problems, aber auch für das eigene Verhalten. Dabei nutzen sie nicht nur den Signaleffekt der Farbe, sondern auch die Wirkungsmacht der Kultur. Wie das in Oldenburg im einzelnen aussieht? Darüber haben wir mit Katrin Meilke vom Studierendenwerk Oldenburg gesprochen. ORANGE DAYS OLDENBURG 24. NOVEMBER BIS 10. DEZEMBER 2025 CAMPUS HAARENTOR UHLHORNSWEG 49-55 26129 OLDENBURG PROGRAMM Gegen Gewalt an Frauen Vierunddreißig Jahre. So viel Zeit ist vergangen, seitdem der 25. November von den Vereinten Nationen zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen erklärt wurde. Seither wird alljährlich mit den Orange Days darauf aufmerksam gemacht - und der Plural ist hier kein Tippfehler. Tatsächlich laufen die Aktionen bis zum 10. Dezember, dem Internationalen Tag der Menschenrechte . Ein passender Endpunkt, denn zu ihnen gehört auch: die körperliche Unversehrtheit. Vierunddreißig Jahre sind eine lange Zeit. Und doch hat man den Eindruck, dass manches erst jetzt so langsam in Fahrt kommt - auch in Oldenburg. Zwar gab es auch schon in der Vergangenheit viele Aktionen und jede einzelne von ihnen war wichtig. In diese Jahr jedoch gab es an der Carl von Ossietzky Universität einen neuen Impuls: Ausgehend vom Studierendenwerk schlossen sich viele uninahe Organisationen zusammen, um gemeinsam eine größere Wirkung zu erzielen. Als sich dann auch noch das Staatstheater beteiligte, entstand ein Bündnis, das mit einem starken Programm ein wichtiges Zeichen setzt. „Wir wollten dieses Thema gerne hierher auf den Campus bringen und noch sichtbarer machen als bisher“, berichtet Pressesprecherin Katrin Meilke . Den Anlass dafür hatte ein Theaterstück gegeben, das sie im Vorfeld besucht hatte und das nun auch im Rahmen der Orange Days Oldenburg zu sehen sein wird: „Die Frau, die gegen Türen rannte“ von Booker-Preisträger Roddy Doyle . „Ich war bei der Vorstellung zu Tränen gerührt und dachte nur: Wow!“, erinnert sich Katrin. Bei dem Stück ertränkt die Protagonistin ( Michaela Allendorf ) ihre persönliche Gewalterfahrung in Alkohol - dargestellt in Form eines 60-minütigen Monologs. Eine solch eindringliche Inszenierung hatte auch schon bei Suzie Millers „ Prima Facie “ am Staatstheater überzeugt und bietet auch hier eine intensive Erfahrung: „Meinen größten Respekt! Das hat mich sehr berührt.“ ORANGE DAYS: WEITERE AKTIONEN IN OLDENBURG Den Kern der diesjährigen Aktionen zu den Orange Days bildet zweifellos die Universität. Der Zusammenschluss der dortigen Akteur:innen sorgt für ein abwechslungsreiches, spannendes Programm. Dennoch sind auch andere Kulturinstitutionen aktiv. Hier nennen wir einige weitere Aktionen - ohne Anspruch auf Vollständigkeit. CINE K Film: „In die Sonne schauen“ Weitere Informationen FORUM ST. PETER Kunstausstellung: „Gemeinsam starke Zeichen setzen gegen Gewalt an Mädchen und Frauen Weitere Informationen KULTURETAGE I n formationsmaterial für Betroffene und Angehörige zu Beratung, Beweissicherung und vielem mehr Weitere Informationen LANDESBIBLIOTHEK Inf ormations- und Lesebereich mit Fach- und Sachliteratur, sowie Romanen zum Thema Gewalt gegen Frauen Weitere Informationen Wichtiges Anliegen, starkes Programm Bewegend: Das monologische Theaterstück mit Schauspielerin Michaela Allendorf ist eine intensive Erfahrung. (Bild: Privat) Mit diesem Impuls ging Katrin zusammen mit Kulturreferent Jürgen Boese auf die Suche nach Kooperationspartner:innen - und die beiden rannten nicht etwa gegen Türen, sondern stieß nur auf weit geöffnete. „Ob Universität, ASta, oder Uni-Kino Gegenlicht - alle haben gefragt: Können wir uns anschließen? Können wir mitmachen?“, ist Katrin immer noch beeindruckt von der Resonanz. Als sich schließlich auch noch die Beteiligung des Staatstheaters ergab, war klar: Das Vorhaben, den Orange Days Oldenburg mehr Sichtbarkeit zu verleihen, würde zweifellos gelingen. Dafür sorgt vor allem das starke Programm. Neben „Die Frau, die gegen Türen rannte“ bietet es mit „ Erzähl mir keine Märchen “ vom Jugendclub des Staatstheaters ein weiteres Theaterformat, das in den Social Media bereits hohe Wellen schlug: Auf Instagram erhielt ein Ausschnitt des Stücks über 200.000 Likes. Warum? Das kann das Oldenburger Publikum nun noch zweimal live nachempfinden. Mit „ Nur eine Frau “ hat auch das Unikino Gegenlicht eine ausgezeichnete Wahl getroffen. Der preisgekrönte Film von Sherry Hormann mit der großartigen Almila Bagriacik in der Hauptrolle zeichnet den realen Fall der Deutschtürkin Hatun Aynur Sürücü nach, die 2005 von ihrem Bruder erschossen wurde. Hinzu kommt die Austellung „Gemeinsam gegen Sexismus“, die vom 24. November bis zum 1. Dezember im Mensafoyer am Uhlhornsweg zu sehen ist. Starke Filmauswahl: „Nur eine Frau“ greift verschiedene Nuancen und Kontexte des Themas Gewalt gegenüber Frauen auf. (Trailer: NFP Kino) Aber warum setzt das Studierendenwerk eigentlich nicht auf Vorträge, Flyer und Infotafeln, sondern auf Kulturangebote? „Wir wollten auf künstlerisch-kreative Weise auf das Thema aufmerksam machen“, stellt Katrin klar. Ein Grund dafür sei die Wirkunsgkraft von Gefühlen. „Mit Emotionen erreichen wir die Menschen einfach besser, eindringlicher und nachhaltiger, als wenn wir unsere Besucher:innen nur frontal informieren würden.“ Deshalb sei von Anfang an klar gewesen, dass die Kultur eine tragende Rolle spielen solle. „Mit Kultur kann man viel bewegen. Das wird manchmal unterschätzt. Sie ist in der Lage, Prozesse anzustoßen und zu entwickeln. Das ist wichtig und essentiell.“ Noch mehr Aufmerksamkeit Eine Gefahr ist dabei natürlich, dass man - gerade in einer Universität - letztlich nur „Preaching to the Converted“ betreibt, also nur jene erreicht, die sowieso schon eine Offenheit für das Thema haben. „Das kann man nicht ausschließen“, weiß auch Katrin. Sie setze aber darauf, dass es im Kontext zum Programm zu einem fruchtbaren Austausch kommt - etwa bei er Podiumsdiskussion im Anschluss an den Theatermonolog. „Ich kann natürlich nichts verlangen. Aber ich hoffe einfach, dass unser Programm schon durchaus einen Nachklang hat und dass sich da auch etwas entwickeln kann. Ich bleibe optimistisch.“ Engagiert: Katrin Meilke gab zusammen mit Jürgen Boese den Impuls für die diesjährigen Aktivitäten zu den Orange Days im Umfeld der Universität. (Bild: privat) Dass der Impuls für eine Vernetzung ausgerechnet aus dem Umfeld der Universität kam, will Katrin nicht überbewerten. „Als Vorreiter sehe ich uns nicht unbedingt, das ist ja ein großes Wort“, ist sie bescheiden. „Es war uns einfach ein Anliegen. Und glücklicherweise sind wir auf Partneri:innen gestoßen, bei denen es genauso ist.“ Einer Ausweitung des Netzwerks auf andere Teile der Gesellschaft oder die Einbindung weiterer Kulturakteur:innen schließt Katrin ausdrücklich nicht aus. „ I ch würde das Format sehr gerne beibehalten“, stellt sie zwar fest. Aber: „Ich wünsche mir, dass die Aufmerksamkeit noch größer wird, also dass möglichst viele Interessierte und Besucher vorbeikommen, weil das Thema so wichtig ist.“ Die Zukunft ist orange Wer weiß? Vielleicht erwarten uns - vom Nukleus Universität ausgehend - im kommenden Jahr vielleicht schon eine stadtweit organisierte „Orange Days“ mit einer völlig neuen Strahlkraft. Unabhängig davon hoffen wir, dass dabei auch weiterhin die Kultur eine tragende Rolle spielt. Tatsächlich kann sie die Herzen der Menschen besser erreichen als jede Statistik. Und unser Verhalten verändern wir eben am deutlichsten und nachhaltigsten, wenn es nicht allein rational motiviert ist, sondern emotional. Großer Erfolg: „Erzähl mir keine Märchen“ wurde nicht nur bei Instagram mit Liebe überschüttet, auch die Aufführungen in Oldenburg sind stets ausverkauft. (Bild: Stephan Walzl) Die erschreckenden Zahlen werden so schnell nicht rapide sinken. Unsere gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe ist es dennoch (oder gerade deswegen), weiter an uns zu arbeiten und sexualisierte Gewalt zunehmend zurückzudrängen. Jeder Einzelfall ist einer zu viel, selbst wenn es nur eine Bagatelle zu sein schein - das ist sie für die Betroffenen nämlich nie. Lassen wir uns - und das gilt vor allem für die Männer - von diesen kulturgeprägten Orange Days inspirieren und motivieren. Dann verbinden wir die Farbe künftig hoffentlich nicht nur mit Warnwesten und Verkehrshütchen - sondern auch mit der Vision einer Welt ohne Gewalt an Frauen.
- KOLUMNE: ENDGEGNER SCHWEINEHUND
Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Theaterzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier. Dafür lohnt es sich, den Schweinehund zu überwinden: Das Familienstück zum Jahresende ist ein Klassiker im Spielplan des Staatstheaters. In diesem Jahr ist „Die Schöne und das Biest“ zu sehen. (Bild: Stephan Walzl) Das Wetter ist gut, während ich diese Kolumne schreibe. Naja, zumindest für einen norddeutschen November. Das Thermometer ist auf geradezu subtropische 9 Grad geklettert und statt des tagelang anhaltenden Nieselregens ist die Luft einfach nur nass und neblig. Wie gesagt: Gutes Wetter. Da kann man nicht meckern. Aber man tut es doch, zumindest innerlich. Wenn sich die Tage nach der Zeitumstellung immer weiter verkürzen und gleichzeitig nur noch wenige Sonnenstrahlen durch den milchig-trüben Himmel dringen, während die allgegenwärtige Feuchtigkeit in jede Fuge unserer Häuser und jede Lücke unserer Kleidung kriecht, möchte man eigentlich nur noch eins: sich einkapseln und erst im Frühjahr wieder rausgehen. Einen schönen Winterschlaf? Warum eigentlich nicht! Duell mit dem Superschurken Erst Schweinehund, dann Slam: Thorsten gibt Tipps für den Kampf gegen sich selbst. (Screenshot: Kulturschnack) Schreibe ich an dieser Stelle tatsächlich über das Wetter? Ja, allerdings! Denn seien wir mal ehrlich: Das Wetter ist durchaus ein Faktor, der beeinflusst, wie wir unsere Tage gestalten und wie viel Lust wir haben, etwas zu unternehmen, das außerhalb der eigenen vier Wände stattfindet. Und genau dort, an der Tür zur Außenwelt, lauert im Winter der ultimative Endgegner, ein waschechter Superschurke der allerfiesesten Sorte: Der innere Schweinehund. Je kürzer der Tag, je schlechter das Wetter, desto größer ist seine Macht. Was die Sache noch schlimmer macht: Er ist dann am stärksten, wenn wir am schwächsten sind. Sobald wir nach der Arbeit überlegen, wie wir den Abend gestalten, ist er plötzlich da, um allzu ambitionierten Planungen gleich einen Riegel vorzuschieben. Und selbst wenn wir stark bleiben, wird zeitgleich unsere bessere Hälfte vom Schweinehund besiegt und lockt uns zu sich auf die Couch. Ach, es gibt eine neue Staffel von X oder eine Doku über Y? Auch nicht schlecht. Niemand ist vor dem Schweinehund sicher, auch mich besiegt er immer wieder. Aber: Als unverdrossener Don Quichote nehme den oft aussichtslosen Kampf immer wieder auf. Ich scanne Programme, mache Pläne, kaufe Tickets. Meine Erfahrung: Je konkreter die Vorhaben, desto stärker mein Wille. Klar, den Schweinehund interessiert das nicht, er wartet trotzdem auf einen Moment der Schwäche. Der kommt aber seltener, wenn man sich in seinen Entscheidungen bewusst etwas unfreier macht. Ich kann nur jedem raten, tagsüber an Termine und Tickets zu denken und am besten gleich Nägel mit Köpfen zu machen. Denn wenn man damit bis zum Abend wartet, dann steht man schließlich als tapferer David dem mächtigen Goliath gegenüber – nur dass uns beim besten Willen kein Trick einfallen will, um ihn zu überlisten. Ach, es gibt noch Chips und Schoki? Und einen Drink dazu? Auch nicht schlecht. Bühnenlicht ins Gemütsdunkel Ich erwähne all das nicht, weil mir nichts Besseres einfiele. Auch nicht, um möglicherweise verwaiste Plätze vor den Oldenburger Bühnen zu füllen – obwohl das ein netter Nebeneffekt wäre. Ich erwähne das, weil ich überzeugt davon bin, dass man sich gerade in den dunklen Wintermonaten eben nicht an die eigene Couch fesseln sollte. Natürlich kann uns auch ein Streamingdienst unterhalten, und zwar mehrere Leben lang. Aber es geht mir nicht um reines Entertainment. Wenn schon die Sonne und Wärme fehlen und mit ihnen - neben Vitamin D - auch die Leichtigkeit des Sommers, dann sollten wir dafür sorgen, dass etwas Licht ins Gemütsdunkel fällt. Und das strahlt von den Bühnen deutlich stärker und wärmer als von einem LED-Screen. Wer auf dem Weg ins Theater, Konzert oder Kino durch Nässe, Kälte und Dunkelheit gestiefelt ist, erlebt die Aufführung oft als eine Offenbarung. Die Rezeptoren öffnen sich besonders weit, die Freude ist maximal groß. Vielleicht ist das Bild zu extrem, aber es fühlt sich manchmal an, als stürzt man als emotional Verdurstender in ein Meer voller Gefühle und Eindrücke. Und im Anschluss denkt man tatsächlich jedes Mal: „Mensch, das hat sich jetzt aber gelohnt!“ Doch beim nächsten Mal fällt unser Blick sicher wieder auf diese gemütliche Couch im Wohnzimmer. Ach, ich könnte mich da jetzt einfach hinfläzen und chillen? Auch nicht schlecht. Seien wir nochmal ehrlich: Gute Vorsätze sind verdammt schwer umzusetzen. Jede Ausgehsituation ist neu, der Schweinehund bleibt unser listiger Endgegner. Aber wir sollten diese stets wiederkehrende Erkenntnis, dass es sich eben doch lohnt, den winterlichen Bedingungen zu trotzen, unbedingt im Kopf behalten. Das könnte nämlich dabei helfen, uns selbst Brücken zu bauen und Teppiche auszurollen. Und wenn wir es schließlich zum Kulturereignis unserer Wahl schaffen, spenden wir uns verdientermaßen inneren Applaus. Schließlich haben wir den Endgegner besiegt.
- STAATSAKT #11: DAS ENDE DES WESTENS
Das Oldenburgische Staatstheater ist das Flaggschiff der Oldenburger Kulturlandschaft. Sein Output allein würde unsere Stadt schon zu einer Theatermetropole machen. Um halbwegs den Überblick zu behalten, gibt es nun den Kulturschnack Staatsakt. Hier treffen wir uns mit den Akteur:innen und sprechen mit ihnen über Premieren, Projekte, Persönliches. Das ist Theater - im Rampenlicht und hinter den Kulissen! Sucht die Herausforderung: Regisseur Lukasz Lawicki will unterhalten - doch das allein ist ihm nicht genug.. (Bild: Stephan Walzl) Was will Theater? Was kann Theater? Und was muss es leisten? Fragen wie diese werden gestellt, seitdem der erste Mensch eine Bühne betreten hat - und die Antworten darauf fallen durchaus unterschiedlich aus. Einige der spannendsten gibt Regisseur Lukasz Lawicki, der seit etwa fünf Jahren am Oldenburgischen Staatstheater arbeitet. Er war in den Spielzeiten 22/23 und 23/24 ein Aktivposten des Technical Ballroom, damals die erste feste digital-analoge Bühne Deutschlands. Auch beim Nachfolgeprojekt Digitex ist er eine prägende Figur. Doch ihn macht nicht nur die Affinität für neue technische Möglichkeiten aus, sondern genauso sehr - bzw. noch viel mehr - sein Gespür für aktuelle Themen und sein Anspruch, sie intelligent, mutig und ambitioniert zu inszenieren. Sein Credo: Die Menschen müssen sich begegnen und bewegt werden, sie sollen Denkanstöße mit nach Hause nehmen. Sein Theater soll genau das wollen, können, leisten. Das zeigt auch sein aktuelles Stück „Das Ende des Westens“. Im KULTURSCHNACK STAATSAKT #11 verrät Lukasz, ob es trotz des Titels Hoffnungsschimmer gibt, warum er sich selbst und das Publikum gerne herausfordert und wie Technik und KI das Theater revolutionieren. OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER DAS ENDE DES WESTENS FR 05.12. 20 UHR ENTFÄLLT SO 7.12. 18 UHR KARTEN DO 11.12. 20 UHR KARTEN FR 12.12. 20 UHR KARTEN DI 16.12. 20 UHR RESTKARTEN DO 18.12. 20 UHR KARTEN FR 19.12. 20 UHR KARTEN MO 29.12. 20 UHR KARTEN DI 6.1. 20 UHR KARTEN EXHALLE JOHANNISSTRAßE 6 26122 OLDENBURG E L F T E R S T A A T S A K T E R S T E R A U F T R I T T Eine Theaterbühne am späten Vormittag eines milden Wintertages. Die Sonne kämpft sich mühsam durch eine mitteldichte Wolkendecke, einige Strahlen brechen hindurch und tauchen die Stadt in ein fales, aber stimmungsvolles Licht. Davon ist im Saal jedoch nichts zu spüren: Hier versprüht das Bühnenbild eines Theaterstücks eine technokratisch-kühle Atmosphäre. Zwei Kulturredakteure wählen den idealen Ort für ein Gespräch, der Gast notiert auf seinem Notebook schnell noch einige Gedankenblitze. Mittendrin statt nur dabei: Zum Gespräch über „Das Ende des Westens“ trafen wir Lukasz auf der Bühne in der Exhalle. (Bild: Kulturschnack) THORSTEN Der Titel deines neuen Stücks Das Ende des Westens klingt ja sehr apokalyptisch – zumindest für einen Teil der Welt. Was erwartet denn die Zuschauer? Endzeitstimmung pur? LUKASZ Es ist tatsächlich Endzeitstimmung pur, aber in einem sehr schönen, theatralen Gewand. Und ich sag mal: So wie sich die politische Lage momentan entwickelt, ist Hoffnung nur noch an wenigen Stellen zu finden. THORSTEN Das klingt tough. Worum geht es denn genau? LUKASZ In Das Ende des Westens von Lars Werner geht es darum, den Alltag in einer Trollfabrik zu beschreiben. Die dramaturgische Klammer bildet die Figur Sascha, die immer wieder im Stück auftaucht. Insgesamt ist es ein geschichtlicher Abriss über die Dekonstruktion des Westens und unserer demokratischen Verhältnisse. Das beginnt 1980, führt bis heute und gewährt sogar einen Blick in die Zukunft. THORSTEN Da steckt einiges drin. Was war denn die größte Herausforderung, diesen komplexen Stoff auf die Bühne zu bringen? LUKASZ Tatsächlich ist das Stück sehr komplex und sehr fordernd. Für uns im Team – und für die Zuschauer erst recht. Man braucht viel Konzentration, um dran zu bleiben. Herausfordernd war vor allem, die wichtigen Kerninformationen so zu vermitteln, dass das Publikum nicht verliert, was wesentlich ist. Durch die tägliche Informationsflut, vor allem über Social Media, fällt es schwerer, komplexe Sachverhalte länger zu verfolgen. Das war vermutlich die größte Herausforderung. THORSTEN Es gibt dazu aber auch eine Gegenseite: Das Stück ist inzwischen ein paar Mal gelaufen. Was hat deiner Meinung nach besonders gut funktioniert? Was sagt das Publikum? LUKASZ Besonders gut funktioniert hat die Arbeit des Ensembles – die präzise Art des Spiels, des Sprechens und der sehr konsequente Umgang mit dem Text. Der Titel deutet es an: „Das Ende des Westens“ bietet Endzeitstimmung pur. (Bild: Stephan Walzl) THORSTEN Du hast es schon angedeutet: Technik spielt inhaltlich eine Rolle, aber auch in der Inszenierung. Sind die neuen Möglichkeiten Fluch oder Segen fürs Theater? LUKASZ Ganz klar beides – aber mehr Segen als Fluch. Schon als Projektoren und Beamer damals aufkamen, war das eine Revolution im Theater – unfassbar teuer und kaum zu bezahlen. Erst in den letzten Jahren hat sich gezeigt, was man alles damit machen kann. Und die Technik, die uns hier zur Verfügung steht, wird für viele kommende Theaterarbeiten zur Grundlage werden – in den nächsten fünf bis zehn Jahren. Die Exhalle ist ein riesiges Experimentierfeld. Wir leisten hier Pionierarbeit, geprägt von Erfolgen und Misserfolgen. Aber wir finden immer wieder gute Übersetzungen in den theatralen Raum. Und es lohnt sich, dran zu bleiben, um am Puls der Zeit zu bleiben und vielleicht neue Perspektiven oder neue Theatermagie zu eröffnen. THORSTEN Heißt das, man sieht hier schon ein bisschen die Zukunft des Theaters? LUKASZ Ich vermute ja. Ich behaupte: ja. Ambitioniert: „Das Ende des Westens“ von Lars Werner in der Regie von Lukasz Lawicki ist definitiv mehr als einfache Unterhaltung. (Video: Oldenbugrisches Staatstheater) THORSTEN Der Begriff KI fällt im Stück ja auch. Was glaubst du: Wird KI die Art verändern, wie man Theater macht? Oder bleibt Theater eine Bastion des Analogen? LUKASZ Die KI wird die Theaterwelt definitiv verändern. In Zeiten von Sparzwängen und Kürzungen in der Kultur werden Kunstschaffende immer mehr darauf angewiesen sein, auf KI zurückzugreifen – sei es für einfache Content-Erstellung wie Bild, Video oder Musik oder um Konzepte umsetzen zu können. Ich halte das nicht immer für richtig, aber es wird kommen. Gleichzeitig muss das nicht per se negativ sein, wenn KI als ergänzende Ebene genutzt wird und die künstlerische Arbeit bereichert. Kritisch wird’s bei Texten: Gerade bei moderneren Stücken sieht man, wie viel KI schon jetzt zum Einsatz kommt. Ich vermute, dass wir in fünf bis zehn Jahren von KI-generierten Texten überflutet werden – vielleicht noch mit einem Autorennamen dahinter, aber ohne die „Seele“, die das Analoge ausmacht. Weil solche Texte letztlich aus Annahmen und Algorithmen entstehen. STARKES THEATERPROGRAMM DIE GROßE VIELFALT Mit dem KULTURSCHNACK STAATSAKT starten wir ein regelmäßiges Interview-Format mit dem Oldenburgischen Staatstheater. Ihr fragt euch, warum wir das tun? Nun: Dafür gibt es genau 188 Gründe. Viel drin: Das Spielzeitheft 25/26 des Oldenburgischen Staatstheaters. Das ist nämlich die Zahl der Seiten des aktuellen Spielzeitheftes des Oldenburgischen Staatstheaters. Es ist prall gefüllt mit dem äußerst facetten- und variantenreichen Programm der insgesamt sieben Sparten. So gibt es in der kommenden Spielzeit 3 Uraufführungen und 31 Premieren, dazu 19 Wiederaufnahmen und unzählige weitere Attraktionen. Und selbst das ist noch nicht alles. Zwischen und außerhalb von Oper, Schauspiel oder Konzert finden viele weitere Projekte statt. Das Staatstheater schreibt weiter an seiner eigenen Geschichte - und damit auch jener der Stadt. Angesichts dieser Opulenz haben wir uns dazu entschieden, dem Staatstheater regelmäßig einen Besuch abzustatten. Gemeinsam suchen wir nach spannenden Gästen, Themen und Geschichten für den KULTURSCHNACK STAATSAKT . Was ihr davon habt? Einen spannenden Einblick in die Theaterwelt und mehr Informationen darüber, was die Menschen dort bewegt. THORSTEN Im Stück spielt aber nicht nur die Technik und Digitalität eine Rolle, sondern auch Politik. Und du bist generell ein politischer Regisseur – das hat man zuletzt bei der Piratenrepublik gesehen. Was motiviert dich dazu? LUKASZ Lange Zeit war es Wut auf gesellschaftliche Zustände. Mittlerweile ist es eher die klare Anerkennung von Realitäten. Wenn wir uns diesen Themen nicht stellen, gehen wir unter – auch als Theater, wenn wir nur Wohlfühltheater machen würden. Deshalb ist es großartig, dass wir hier in Oldenburg die Möglichkeit haben, uns mit politischen Inhalten zu beschäftigen. Es geht nicht immer um eindeutige Stellungnahmen, aber zumindest um Impulse, Debattenanstöße. Meine größte Motivation ist simpel: die Ungerechtigkeit auf der Welt. Pathetisch, aber wahr. Ich möchte, dass die Leute den Raum verlassen und sich noch am Abend oder am nächsten Tag mit dem Thema beschäftigen. Wir müssen Dinge ansprechen – wir können nicht alles verschweigen oder ignorieren. The real deal: Für „14 Tgae Krieg“ fuhr Lukasz bis nach Kiew, um authentische Eindrücke der Zustände vor Ort zu bekommen. (Video: Oldenburgisches Staatstheater) THORSTEN Für „ 14 Tage Krieg“ bist du kurz nach Kriegsbeginn zwei Wochen in die Ukraine gereist. Für die „ Piratenrepublik“ hast du gleich einen eigenen Staat ausgerufen. Bist du jemand, der gerne in Extremen denkt? Ist sie einfache Unterhaltung nicht genug? LUKASZ Einfache Unterhaltung kann auch sehr schön sein – und sehr wichtig, gerade in Krisenzeiten. Auch in der Ukraine habe ich gesehen, wie wichtig leichte Stücke für Menschen sein können, damit sie mal loslassen können. Zu deiner Frage: Ja, ich bin jemand, der gerne in Extremen denkt. Aber Regie bedeutet für mich drei Dinge: gute Organisation, Flexibilität im Konzept und im Umgang mit Menschen – und eine Prise Wahnsinn. Ohne ein bisschen Wahnsinn bleibt Kunst oft leer. THORSTEN Sind da zwei widerstreitende Elemente in deinem Kopf – Anspruch und Unterhaltung? LUKASZ Definitiv. In der Konzeptionsphase denkt man sehr wild, sehr groß. Aber im Probenprozess ist immer präsent, dass ein hoch ambitioniertes Konzept nichts bringt , wenn sich die Leute zwei Stunden langweilen. Unterhaltung sollte nicht an erster Stelle stehen, aber das Publikum darf nicht völlig außen vor bleiben. Nur zu sagen „Ich habe mir etwas gedacht, und wenn ihr es nicht versteht, seid ihr zu dumm“, wäre fatal. Intensiver Erzähler: Im Gespräch merkt man Lukasz zu jeder Zeit an, dass Theater für ihn Leidenschaft bedeutet. (Bilder: Kulturschnack) THORSTEN „Das Ende des Westens“ ist Teil der Reihe Gegenübe r. Mit ihr will sich das Oldenburgische Staatstheater aktiv an demokratischen Prozessen beteiligen. Denkst du, Theater ist der richtige Ort, um Denkanstöße zu geben? LUKASZ Definitiv. Theater ist – etwas pathetisch gesagt – genau der Ort, um Menschen zusammenzubringen und zum Nachdenken anzuregen. Würden wir nur klassische Dialogstücke oder schöne Bilder liefern, wäre Theater aus meiner Sicht nicht zukunftsfähig. Gleichzeitig darf man keine Zuschauergruppen ausschließen. Eine gute Mischung ist wichtig: leichte Komödien und politisch anspruchsvolle Stoffe. Wir haben als Theatermachende das Privileg und die Pflicht, komplexe Themen anzuschneiden und Denkprozesse auszulösen – egal ob Wut, Freude, Angst oder Tränen dabei herauskommen. Ohne diese Dinge wird Theater bedeutungslos. THORSTEN Versuchst du dabei neutral zu bleiben? Oder hast du Botschaften, die du vermitteln willst – gerade bei Das Ende des Westens ? LUKASZ Ein klares Jein. Der Text lässt vieles offen und positioniert sich gleichzeitig automatisch – allein dadurch, dass er Zustände in Russland thematisiert. Wir haben versucht, möglichst nah am Text zu bleiben. Aber bei anderen Stücken muss ich nicht unbedingt neutral sein. Meine Aufgabe ist es, Räume fürs Denken und für Gespräche zu öffnen. Und ja, ich bin ein politischer Mensch – das fließt in meine Arbeit ein. Faszinierendes Bühnenbild: Die Digitex in der Exhalle bietet viele technische Möglichkeiten., Lukasz Lawicki weiß sie zu nutzen. (Bild: Stephan Walzl) THORSTEN Du hast ja auch „ Im Osten was Neues“ inszeniert. Denkst du viel über diese globalen Lager nach? LUKASZ Ja, sehr. Ich beschäftige mich viel mit der postsowjetischen Ära, weil ihre Auswirkungen überall spürbar sind – gesellschaftlich wie kulturell. Es gibt viele ungelöste Themen und Vorurteile. Und dieses „ihr gegen uns“ statt „hier liegt die Ungerechtigkeit“ prägt vieles. Das interessiert mich sehr und begleitet mich in vielen Arbeiten. THORSTEN Du bist auch leidenschaftlicher Fotograf. Hilft dir der Blick durch die Linse bei deiner Regiearbeit? LUKASZ Total. Momentan fotografiere ich weniger, aber es geht wieder los. Fotografie hilft mir bei Lichtstimmungen, Figurenfindung, beim Schreiben. Wenn ich am Bahnhof sitze und Menschen fotografiere, entstehen automatisch Geschichten. Ein Foto von einem Menschen, dessen Gesicht 50 Jahre Leben zeigt – und vielleicht kein leichtes –, löst Fragen aus und inspiriert mich. Viel unterwegs: Diese Fotos von Lukasz Lawicki entstanden in Portugal, Griechenland, Frankreich und der Ukraine. Sie sind - wie viele weitere - auf seinem Instagram-Kanal zu sehen. (Bilder: Lukasz Lawicki) THORSTEN Du wirkst ständig inspiriert. Wie entspannst du eigentlich? LUKASZ Ein sensibles Thema! (lacht) Fotografie war lange meine Entspannung. Momentan koche ich wieder – das erste Mal seit fünf Wochen. Mein Kartoffelauflauf war mittelmäßig, aber ich war entspannt. Ansonsten: ganz klassisch eine Arte-Doku. Und los. THORSTEN Du bist jetzt ungefähr fünf Jahre in Oldenburg. Voindeinen Themen und Ambitionenher würdest du aber auch gut in sehr viel größere Städte passen. Warum bleibst du trotzdem für immer hier? LUKASZ Für immer? Was weißt du, was ich nicht weiß? ( lacht ) Ich bin sehr gerne hier. Ich mag das Haus, die Strukturen, die Menschen. Mit der neuen Leitung entsteht gerade eine komplett neue Welt, und dieser Prozess ist spannend. Ich war vorher in Hamburg, in Mecklenburg-Vorpommern, bin viel rumgekommen und habe turbulente Zeiten hinter mir. Oldenburg ist angenehm. Die Stadt ist schön, die Menschen engagiert – das hat nicht jede Stadt dieser Größe. Und die norddeutsche Mentalität liegt mir einfach. THORSTEN Wer weiß, vielleicht bleibst du ja wirklich für immer. Letzte Frage: Ist der Westen am Ende? LUKASZ Noch nicht ganz. Aber wenn wir nicht aufpassen, werden wir vielleicht früher als gedacht viele Teile unserer Freiheit einbüßen. THORSTEN Keine schönen, aber starke Schlussworte. Vielen Dank! Keine leichte Kost: „Das Ende des Westens“ bietet nur wenige Hoffnungsschimmer, dafür aber ein intensives Theatererlebnis und viele Denkanstöße. (Bild. Stephan Walzl) Mehr als Unterhaltung Es gibt gefälliges Theater, das uns gut unterhält und eine schöne Zeit beschert - und es ist nichts falsch daran. Es gibt aber auch Theater, wie Lukasz Lawicki es versteht und in der Exhalle umsetzt: ambitioniert, vielschichtig, konfrontativ. Hier kann das Oldenburger Publikum Experimente erleben, die durchaus mal Momente der Irritation entstehen lassen, die sich aber immer durch Vorstellungskraft und Wagemut auszeichnen. Das sind wahre Theaterlebnisse, die lange nachhallen - eben weil sie einen Versuchscharakter haben, den man bei einer Shakespeare-Inszenierung in der Regel nicht zu sehen bekommt. Wir durften es selbst erleben: Was Lukasz auf die Digitex-Bühne zaubert, löst tatsächlich jene Denkprozesse aus, die er beabsichtigt - ganz egal, worum es dabei geht. „Das Ende des Westens“ setzte die Reihe von Lukasz' bisherigen Arbeiten konsequent fort. Thematik und Tenor sind keine leichte Kost - sie sensibilisieren uns aber für einen Teil unserer gesellschaftlichen Gegenwart, dessen unbequemen Komponenten wir gern ausblenden. Dem Stück gelingt das Paradoxon, für die kalte Welt der Trollfabriken und der künstlichen Intelligenz zu emotionalisieren - und das ist der Handschrift Lukasz Lawickis zu verdanken. Nicht alle Regisseur:innen müssen so leidenschaftlich brennen. Aber es ist wertvoll für Oldenburg, dass er es tut.
- DRAG = KULTUR
Hinter jeder Menge Glitzer und Glamour, verbirgt sich Kultur in all ihren schönsten Facetten: kreativ, überraschend, eindrucksvoll sowie mit jeder Menge Humor und Haltung ausgestattet, fügt sich das Genre nahtlos und bereichernd in Kunst- und Ausstellungskontexte, wie hier in Oldenburg bereits zu erleben war. Nun steht die nächste Gelegenheit bereits unmittelbar vor der Tür. Was es zu erleben gibt, das lest ihr hier bei uns. Foto: Yong Photography / The White Rabbit Mehr Kultur geht nicht! Laut einer Legende schrieb William Shakespeare, eine der berühmtesten und bedeutendsten Figuren der Theaterwelt, an den Rand seiner Bühnenanweisungen immer dann den Begriff Drag, wenn ein Mann als Frau verkleidet auftreten sollte. Wir hätten es in diesem Fall also gar nicht mit einer Referenz an das englische "to drag", sondern mit einem Akronym zu tun, bei dem jeder Buchstabe für ein eigenes Wort steht: " D ressed R esembling A G irl". Ob diese Legende nun am Ende der Wahrheit entspricht, können wir an dieser Stelle natürlich nicht mit letztgültiger Gewissheit bestätigen - Herr Shakespeare stand für Rückfragen aktuell nicht zur Verfügung - doch passen würde sie ganz wunderbar. Foto: Yong Photography / The White Rabbit Denn Kultur und Drag, das geht Hand in Hand. "Für mich ist es sehr wichtig, klarzustellen, dass es dabei weder um die sexuelle Orientierung, noch um Geschlechterfragen geht: Drag ist eine Art der Performance, die von jedem Menschen praktiziert werden kann", erzählt uns hierzu Timo Willen vom White Rabbit Kollektiv , das bereits 2023 mit dem vom Mach:Werk geförderten Projekt " Dress:Code " (wir berichteten) Drag Elemente völlig selbstverständlich in einen Mix aus Kunst, Performance und Fashion integrierte. "Wir konstruierten [unter anderem] eine Runway-Show rund um die Themen Kleidung, Geschlecht und Identität. Themen, die auch Teil der Drag-Szene sind. Einige Zeit zuvor hatte mein bester Freund Deeon damit begonnen, in Berlin zu performen und das junge Drag-Kollektiv Duct Tape gegründet. So schien es uns nur logisch, für diese Show zu kooperieren und wir luden Deeon und Magda von Pfeffer, ebenfalls Teil von Duct Tape, zu uns nach Oldenburg ein." Präsenz zeigen Das Oldenburger Publikum reagierte auf das Projekt und im speziellen die Kooperation mit spürbarem Interesse, weshalb sich das Kollektiv bereits im Folgejahr dazu motiviert sah, eine eigenständige und womöglich eine der ersten wirklichen Drag-Shows in Oldenburg mit dem Titel "MASQUEERADE" auf die Beine zu stellen - erneut in Kooperation mit dem Berliner Team von Duct Tape. Zwar gebe es seiner Wahrnehmung nach im Bremer Umland (womöglich also je näher man sich den jeweiligen Metropolregionen des Landes nähert), tendenziell mehr Anlaufstellen und Präsenzorte als in Oldenburg, so Timo. Dennoch habe auch Oldenburg seine lokalen Queens und feste Instanzen, wie beispielsweise die Oldenburger Sektion der weltweit existierenden " Sisters of Perpetual Indulgence ", die mit der Hilfe von Drag- und Satire-Elementen sowie kirchlicher Symbolik für eine offene, diverse Gesellschaft einstehen und sich in der HIV- und AIDS-Prävention und weiteren Projekten engagieren. Aber auch in der jungen, queeren Szene gebe es Kollektive und Einzelpersonen, die sich der Förderung von Drag-Culture verschreiben. Foto: Yong Photography / The White Rabbit Doch alle, die eine solche Show noch nie selbst besucht haben, schrecken vielleicht vor dem entscheidenden Schritt zurück dem Genre eine Chance zu geben, weil ihnen ein konkretes Bild dessen fehlt, was sie letztlich wirklich bei einem solchen Happening erwarten wird. Natürlich gebe es da die augenscheinlich als essenziell angesehenen Elemente, wie das Make-Up, die Perücken, den klassischen "Lip-Sync" oder auch die allgemeine "Over-the-Top"-Ästhetik, doch für Timo Willen persönlich sei es am Ende vor allem die Authentizität, die mehr zähle als das ganze Drumherum. Er selbst stand bei der Masqueerade sogar zum ersten mal selbst als Drag Queen Betty Bloop auf einer Bühne. "Die vier Queens haben mich direkt in die Familie aufgenommen und auch die Atmosphäre als ich Backstage 'zurechtgetüdelt' wurde war sehr ermutigend und entspannend. [...] Ich kann jedem empfehlen, mal mit Drag Queens zu arbeiten. (lacht)" Für Timo geht es viel weniger darum, nach einer Verbindung von Drag und Kunst zu fragen, sondern die Kunstform selbst zu etablieren - so wie in der Vergangenheit jede neue Kunstform oder Strömung zunächst mit hochgezogener Augenbraue betrachtet wurde. Nur durch die Präsenz im Mainstream der Gesellschaft könne man solche Vorurteile, die meist aus fehlendem Kontakt zur Szene entstehen, letztlich brechen. Mit der Masqueerade sei das bereits gut gelungen. Drag im Kulturzentrum PFL Dafür ist es umso wichtiger, dass auch in Zukunft innerhalb Oldenburgs immer wieder solche Veranstaltungen stattfinden und vorherrschende Klischees tatsächlich gebrochen werden können. Und schon bald, kurz vor Weihnachten, steht die nächste Gelegenheit vor der Tür, sich selbst einen Ruck zu geben und sich dem Kosmos Drag zu öffnen. Denn vom anderen Ende Deutschlands, aus München, verwandelt Vicky Voyage für einen Abend das Kulturzentrum PFL mit ihrer "Shit Show" in einen "sanitären Safe Space", bei dem die Besucherinnen und Besucher lachen, sich ertappt fühlen, nachdenken und am Ende sagen sollen: "Wow, das habe ich so noch nicht gesehen", wie Vicky Voyage selbst erzählt. Plakat: Vicky Voyage Auch hier wird schnell klar, dass es um deutlich mehr als reines Varieté, sondern ebenso sehr um eine klare Haltung geht. Fake News und blindem Hass wird hier der Kampf angesagt und - im metaphorischen Sinne - die Toilette hinunter gespült. Denn " in den letzten Jahren ist das politisch viel drängender geworden. Der Rechtsruck, Fake News, Hetze — das alles ist real und ich kann nicht so tun, als wäre meine Glitzerblase davon unberührt. Deshalb nehme ich diese Themen mit in die „Shit Show“, aber immer so, dass das Publikum nicht gelangweilt wird, sondern mitlachen und nachdenken kann. Das ist Aktivismus, ja — aber mit Herz und einem Schmunzeln, nicht mit der Moralkeule", so Voyage. Auch bei der Wahl des Veranstaltungsortes, fiel die Wahl nicht ohne Grund auf das Kulturzentrum PFL, mitten im Herzen der Stadt, weil der Ort eben nicht das Klischee des klassischen Clubs erfüllt, sondern raus zu den Menschen geht. Das Schönste an Rückmeldung passiere dann eigentlich meist nach der Show im Foyer. "Da kommen Leute auf mich zu [...] und sagen Dinge wie 'Das hat dieser Stadt gefehlt' oder 'Danke, dass du hier ein bisschen Farbe reinbringst.' [...] Menschen, die sagen: 'Ich wusste nicht, was mich erwartet, aber ich hatte einen richtig tollen Abend.' Das sind Momente, in denen ich spüre, dass Drag auch im Kleinen etwas verändert - manchmal reicht ein Farbenklecks, der hängen bleibt", so Voyage. Da können wir nichts als zustimmen!
- CATAPULTS: I HOPE YOU HEAL
Was geht eigentlich in der Oldenburger Musikszene? Kurze Antwort: Viel zu viel, um es hier abzubilden! Deshalb werden wir niemals jede Band, alle Singles und sämtliche Auftritte erwähnen können. Aber: Es gibt ja noch Longplayer. Sie sind nach wie vor etwas Besonderes, jeder Release markiert einen Meilenstein der Bandgeschichte. Das wollen wir feiern - im KULTURSCHNACK SOUNDCHECK! Hier stellen wir euch Alben made in Oldenburg vor und verraten euch, warum ihr sie unbedingt euren Playlists hinzufügen müsst. Die zweite Folge dreht sich um die Emo-/PopPunk-Helden von Catapults. Heilende Kraft? Das neue Album „I hope you heal“ von Catapults mag keine Medizin ersetzen, aber gut tut es auf jeden Fall! (Bild: Catapults/Brian Kramer) Wenn es unsere Aufgabe wäre, ein Album-Review auf nur drei Buchstaben zu reduzieren, dann würde das Ergebnis in diesem Fall lauten: Wow! Eigentlich ist damit schon genug gesagt, denn dieser knappe Ausruf drückt ja in maximal komprimierter Form aus, dass man die Platte, die eben jene Sprachlosigkeit ausgelöst hat, unbedingt anhören sollte. Case closed. Aber zum Glück haben wir hier mehr Raum als nur diese drei Buchstaben und können die Sache etwas ausschmücken. Zum Beispiel können wir verraten, dass Catapults auf ihrem zweiten Longplayer zwar weiterhin Pop-Punk mit dezentem Emo-Einschlag spielen, dass der Mix nun aber so abwechslungsreich ist, dass er zumindest in der Zuhörerschaft die Genre-Grenzen sprengen sollte. „I hope you heal“ ist nicht nur etwas für Fans der ersten Stunde, sondern für alle, die irgendwas mit Gitarrenmusik anfangen können. Denn die Platte ist vor allem eines: extrem gut! Auf dem richtigen Weg: Joost (Gesang, Gitarre), Malte (Drums), Lars (Bass) und Maurice (Gitarre) haben ein starkes neues Album abgeliefert. (Bild: Brian Kramer) In jeder Hinsicht: Besser denn je Dabei hat es Pop-Punk bei der Hörerschaft außerhalb der Kernzielgruppe traditionell nicht leicht. Wer sonst eher Jazz, Klassik oder Charts hört, nimmt den druckvollen und dichten Sound oft nur als Dröhnen wahr. Dabei ist diese Betrachtung sehr oberflächlich. Tatsächlich sind die Bands des Genres zwar unterschiedlich talentiert. Es gibt also welche, für die Abwechslung ein Fremdwort ist. Andere aber zeigen musikalische Tiefe und ein sicheres Gespür für große Melodien. Sie beweisen: Punk und Pop Appeal schließen sich nicht aus, sondern sind im Idealfall zwei Seiten derselben Medaille. Spätestens mit dem neuen Album gehören Catapults zur zweiten Kategorie. „I hope you heal“ bewegt sich zwar nach wie vor im Pop-Punk-Spektrum, ist aber deutlich vielseitiger und einfallsreicher als der Vorgänger und viele vergleichbare Releases. „Wir wussten, dass das neue Material anders ist“, verrät Gitarrist Maurice Gärtner im Gespräch. Ob es aber auch den berühmten Schritt nach vorn darstellen würde? Das vermochte in der Band niemand zu beurteilen „Dafür fehlt uns schlicht die Objektivität.“ Also fragte man einfach jemanden, der es wissen muss: den Gitarristen der bekannten US-Band Hot Mulligan . „Seine Reaktion hat uns Gefühl gegeben, dass das, was wir da machen, zumindest schon mal nicht schlecht sein kann“, lacht Maurice. Auf Augenhöhe mit Neck Deep Diesen Eindruck hat man auch als Hörer:in schon beim ersten Durchlauf. Catapults gehen direkt in die Vollen und liefern schon in den ersten zehn Minuten mehr besondere Momente als manch andere Band auf Albumlänge. Die erste Irritation kommt spätestens beim vierten Track „A-Okay“. Denn wir haben mitgezählt: Es ist der vierte Hit auf der Platte - und es folgen noch viele weitere. Ohne irgendeinen Leistungsabfall galoppiert dass Quartett von einer Pop-Punk-Hymne zur anderen, alles bewegt sich auf höchstem internationalen Niveau. Zu berühmten Genre-Größen wie Neck Deep oder Knuckle Puck muss man nicht ehrfurchtsvoll nach oben schauen, sondern entspannt zur Seite. Eine - vielleicht die größte - Stärke von „I hope you heal“ ist das Gespür für Details. Es gibt unglaublich viel zu entdecken und zu erhören - von Glockenspiel über Pfeif-Einlage bis zum Hardcore-Riff. Immer dann, wenn man glaubt, einen Song zu kennen, kommt doch ein neues Element oder eine Variation, die ihn in eine neue Richtung lenkt. Die Platte klingt so frisch, dass manches fast wirkt wie spontan eingestreut - was hier und da tatsächlich der Fall ist. „Im Normalfall haben wir alle Songs bereits im Home-Studio einmal aufgenommen, mit allem was dazugehört“, gibt Maurice einen Einblick in den Aufnahmeprozess. Diese Demo-Aufnahmen dienten im Studio dann als Schablone oder Blaupause, an der sich die Band orientiere. Raum für Spontanität gebe es dennoch: „Natürlich kommt es aber immer mal vor, dass während der Aufnahme plötzlich eine Idee kommt, die man dann einfach ausprobiert. Ob sie es aufs Album schafft, entscheiden wir ganz demokratisch: Wenn der Großteil die Änderung mag, wird sie übernommen - und wenn nicht, dann nicht!“ Es geht auch unverstärkt: Catapults haben ihre Wandlungsfähigkeit schon mit der EP „Acoustic Adventures“ und bei den Kulturschnack Acoustic Sessions unter Beweis gestellt. (Video: Kulturschnack) NEUES FORMAT „SOUNDCHECK“ OLDENBURGER BANDS AUFGEPASST I hr seid Solo-Musiker:in oder spielt in einer Band aus Oldenburg? Ihr seid so ambitioniert, dass ihr eure Musik schon veröffentlicht habt oder genau das demnächst tun werdet? Und zwar nicht nur als eine Single, sondern in Form einer EP oder eines Albums? Mega, dann seid ihr hier richtig! In Zukunft wollen wir hier regelmäßig über den Output Oldenburger Musiker:innen berichten. Ihr habt Interesse im KULTURSCHNACK SOUNDCHECK aufzutauchen? Super, dann lasst es uns - am besten im Vorfeld der Veröffentlichung - wissen. Tickt uns auf Insta an oder schickt uns eine Email , wir kommen auf euch zurück. Super wäre es, wenn ihr schon ein kleines Presskit in petto hättet: Albumcover, Bandfotos, evtl. Link zu einem Video und einigen Soundfiles, die wir für ein Reel nutzen könnten. Es gibt keine Garantien für einen Artikel - aber wir bemühen uns, möglichst alles zu verarbeiten, was uns erreicht. Die Oldenburger Szene ist (noch) bunter und besser als viele denken. Höchste Zeit, dass die Welt davon erfährt! Also: Macht mit beim Kulturschnack SOUNDCHECK! Der Ohrwurm als Gratmesser Theoretisch hätten Catapults auch weit mehr als jene zwölf Tracks aufnehmen können, die es letztlich auf das Album geschafft haben. An Material mangelte es nicht. „Wir wollten diese Zahl aber nicht überschreiten, damit wir im Studio nicht in zeitlichen Stress geraten“, erklärt Maurice. Bei der Song-Auswahl habe es durchaus Diskussionen gegeben, weil die Bandmitglieder unterschiedliche Favoriten hatten. Bei den meisten Songs sei man sich letztlich aber einig gewesen: „Ein gutes Zeichen ist es, wenn man die Gesangsmelodie oder bestimmte Parts nach der Aufnahme summt, also einen Ohrwurm davon hat.“ Mit hundertprozentiger Sicherheit könne man aber nie sagen, welche Songs den Hörer:innen am Ende am besten gefallen. „Persönliche Favoriten müssen nicht auch zwangsläufig Fan-Favoriten sein, da haben wir uns auch schon mal vertan!“ Auch wenn man sich auf ein Dutzend Songs beschränkt hat, erreicht „I hope you heal“ mit 41 Minuten Spielzeit geradezu epische Dimensionen im Pop-Punk-Genre, wo ein Longplayer auch gerne mal nach 30 Minuten endet. Ist so ein ausgewachsenes Album denn überhaupt noch zeitgemäß? „Für uns ja, auch wenn die heutige Entwicklung der Musikindustrie etwas anderes suggeriert. Wir selbst sind allesamt Alben-Hörer“, gibt Maurice ein klares Bekenntnis ab. „Für uns käme es nicht in Frage, nur noch Singles zu veröffentlichen, um immer die höchste Interaktion zu generieren.“ Die Band verfolge die Entwicklungen in der Branche jedoch gespannt und schaue immer, wie sie bestimmte Neuerungen sinnvoll für sich umsetzen könne. Mit Kreativität und Liebe Bei „I hope you heal“ stellt sich der Album-Kontext als klarer Gewinn dar. Vor allem die beiden letzten Tracks - „Birdsong“ und der Titeltrack „I hope you heal“ - wirken am Ende der LP besonders stark, zumal beide ohne klassische Vers-Chorus-Struktur auskommen und stattdessen auf einen Build-up setzen. Sie gipfeln in großen Momenten, die als Single nicht in dieser Form funktionieren würden. Das Album erzeugt in seiner Gesamtheit eine eigene Stimmung, die nicht etwa zwischen Spielfreude und Ernsthaftigkeit hin und her pendelt, sondern diese beiden Pole miteinander verschmilzt. Entsprechend stolz ist die Band auf das Gesamtergebnis, wie Maurice betont: „Man kann den Moment, in dem man seine Platte fertig gepresst in der Hand hält, mit nichts vergleichen. Man hat so unfassbar viel Zeit, Arbeit, Kreativität und Liebe in dieses Projekt gesteckt.“ Außerdem sei er sehr stolz auf die Entwicklung, die jedes einzelne Bandmitglied in den acht Jahren seit der Gründung durchgemacht habe. „Die Produktion des ersten Albums hat für zehn Songs noch drei Wochen Studiozeit in Anspruch genommen. Beim neuen Album haben wir 12 Songs in zwei Wochen geschafft - mit weniger Diskussionen und viel mehr Sicherheit.“ Höhepunkte am Ende: „Birdsong“ ist ein spätes Highlight des Albums - auch wenn (oder gerade weil) der Song ohne einen klassischen Chorus auskommt. (Video: Catapults/Kavenzmann) Apropos Bandmitglieder: Genau wie das Songwriting zeigt sich auch Sänger Joost variantenreicher als zuvor. Seine Stimmfarbe bleibt zwar über weite Strecken des Albums dieselbe. Die größere Bandbreite und die Ergänzung mit Backing Vocals verleihen den Vocals aber eine größere Dynamik. Sowieso sind sie ein Markenzeichen der Band und zeichnen sich durch eine hohe Wiederkennbarkeit aus. Und wer noch mehr Abwechslung will, höre sich etwa „Digging Deeper / Going Nowhere“ an, das zusammen mit der Kölner Band Still Talk entstand. Ein wunderbar relaxter Midtempo-Song mit einem starken Duett und Singalongs. Für uns steht fest: Der gehört in ein Stadion! Zur Qualität der Scheibe trägt auch die sehr gelungene Produktion bei: ausgewogen und rund, druckvoll und fett. Der einzige Kriitikpunkt könnte sein, dass es hier und da vielleicht zu rund ist. Auch Pop-Punk verträgt hier und da eine scharfe Kante - die aber sind weitgehend weggebügelt. Das allerdings ist zu verschmerzen, denn die Wucht der Produktion sorgt auf andere Weise für Druck. Hometown Show: Catapults spielen alljährlich ihr Jahres-Abschlusskonzert im Oldenburger Cadillac. (Bild: Kulturschnack) Übrigens wurde „I hope you heal“ bereits im letzten Sommer aufgenommen, die Veröffentlichung erfolgte mit etwas Verzögerung. Das heißt: Die Band hat ihre zuletzt rasante Entwicklung nun schon ein Jahr fortgesetzt. Da fragt man sich: Wohin geht die Reise noch? Bewegen sich Catapults weiterhin im Pop-Punk Universum? Oder sprengen sie auf der nächsten Platte die Genre-Grenzen? „Das ist schwer zu sagen“, will Maurice sich nicht festlegen. Nach der Herbst-Tour wolle man sich wieder dem Schreiben widmen. „Ob das neue Material in ganz andere Richtungen gehen wird, kann ich aber noch nicht sagen. Ich bin selber gespannt, was dabei herauskommt!“ All Killer, No Filler Es wirkt stets unreflektiert, wenn man einem Album „nur Hits“ zuschreibt. Während der Counter nun den fünften Hördurchlauf zählt, kommen wir aber nicht umhin, genau das festzustellen: Für „I hope you heal“ gilt tatsächlich die Feststellung „All killer, no filler“. Zwar nimmt sich die Band innerhalb der 41 Minuten durchaus kurze Verschnaufpausen. Die sind aber so geschickt eingestreut, dass sie sich selbst als Highlight erweisen - eben weil der Kontrast stark wirkt. Insofern können wir entspannt in die Zukunft sehen. Entweder bleiben Catapults ihrem Sound weitgehend treu und wir erleben eines Tages eine Fortsetzung von „I hope you heal“ - oder aber es folgt der nächste Schritt nach vorn und der Sound wird noch differenzierter und ausgereifter. Gelingt es der Band, die aktuelle Form zu konservieren, wird das Urteil in beiden Fällen das Gleiche sein: Wow! Und vielleicht belassen wir es beim nächsten Mal dann tatsächlich dabei. Case closed. CATAPULTS I HOPE YOU HEAL 12 Songs, 41 Minuten Pop-Punk/Emo 19. September 2025 Spotify | Apple | Amazon | Deezer Vinyl/Merch
- STAATSAKT #10: ERZÄHL MIR KEINE MÄRCHEN
Das Oldenburgische Staatstheater ist das Flaggschiff der Oldenburger Kulturlandschaft. Sein Output allein würde unsere Stadt schon zu einer Theatermetropole machen. Um halbwegs den Überblick zu behalten, gibt es nun den Kulturschnack Staatsakt. Hier treffen wir uns mit den Akteur:innen und sprechen mit ihnen über Premieren, Projekte, Persönliches. Das ist Theater - im Rampenlicht und hinter den Kulissen! Wichtiges Thema zur richtigen Zeit: „Erzähl mir keine Märchen“ mit Svantje Stein kritisiert das Patriarchat - und stieß damit auf sehr große Aufmerksamkeit. (Bild: Stephan Walzl) Was ist eigentlich Jugendtheater? Nur ein großes Experimentierfeld für den Schauspielnachwuchs, der zwischen ersten Gehversuchen und großen Ambitionen versucht, den richtigen Weg zu finden? Und sind die Ergebnisse deswegen zwangsläufig unausgereift und nur eine Annäherung an „echtes“ Theater? Oder ist es nicht vielleicht viel mehr als das und bietet enorme Mehrwerte - für die jungen Protagonist:innen genauso wie für das Publikum? Eine starke Antwort auf diese Fragen geben die Jugendtheatertage im Oldenburgischen Staatstheater . Dort zeigt sich, wie intensiv, pointiert und thematisch hochaktuell der Nachwuchs bereits agieren kann. Eine andere Antwort gibt Svantje Stein. Wir haben die junge Schauspielerin für den KULTURSCHNACK STAATSAKT NR. 10 getroffen. Dabei hat sie uns verraten, was sie vom Theater fürs Leben mitnimmt, wieso die Bühne genau der richtige Ort für gesellschaftliche Debatten ist - und weshalb sich auch Erwachsene mit Jugendtheater beschäftigen sollten. OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER ERZÄHL MIR KEINE MÄRCHEN MI 19.11. 18 UHR AUSVERKAUFT FR 21.11. 18 UHR AUSVERKAUFT DI 25.11. 18 UHR AUSVERKAUFT MI 26.11. 18 UHR AUSVERKAUFT MO 01.12. 18 UHR DERZEIT AUSVERKAUFT SA 06.12. 20 UHR* KARTEN EXHALLE JOHANNISSTRAßE 6 26122 OLDENBURG * AUFFÜHRUNG FINDET IM KLEINEN HAUS STATT Z E H N T E R S T A A T S A K T E R S T E R A U F T R I T T Ein kleines Foyer im Probenhaus eines Theaters am späten Nachmittag eines größtenteils trüben Herbsttages. Vor den großen Fenstern wechseln sich vereinzelne Sonnenstrahlen und dunkle Wolken ab, gelegentlich fallen Regentropfen. Zwei Kulturredakteure arrangieren aus einem Sammelsurium alter Sitzmöbel eine Interview-Setup für ein Gespräch mit einer jungen Schauspielerin. Die kommt etwas früher als verabredet - und damit genau zur rechten Zeit. Wie ein Profi: Mit ihren 18 Jahren wirkt Svantje, als hätte sie schon Dutzende Interviews gegeben. (Bild: Kulturschnack) THORSTEN Svantje, Du bist Schauspielerin im Jugendclub des Oldenburgischen Staatstheaters. Wie kam es dazu? Was gefällt dir daran? SVANTJE Das war sogar ein bisschen klischeehaft. Ich habe mir ein Stück von einer guten Freundin angeschaut und habe direkt Lust drauf bekommen. Ich hatte vorher schon Schauspieltraining und Schultheater gemacht und hatte Spaß daran. Als ich dann gesehen habe, was in der Exhalle mit Ton und Licht möglich ist und wie frei man dort mit der Inszenierung umgehen kann, hatte ich einfach richtig Bock mitzumachen. THORSTEN Manche sagen ja: Dafür braucht man Mut, das kostet Überwindung. Wie empfindest du das? Musst du eine Schwelle überschreiten, wenn du auf die Bühne gehst? Oder zieht sie dich magisch an? SVANTJE I ch habe das Gefühl, ich muss mich in den Proben mehr überwinden als in den Aufführungen selbst. Dort hat man ja alles festgelegt – den Text, die Aktionen – und das macht man dann. Zudem sieht man das Publikum meistens gar nicht, weil das Licht zu hell ist. Schwieriger ist es, Sachen zu machen, die freier und individueller sind, weil man da Angst haben könnte, negativ bewertet zu werden. Das passiert eher in den Proben, vor allem bei Improvisationen. Da muss man sich wirklich überwinden. Das hängt aber extrem vom Umfeld ab: Es gibt Gruppen, in denen traut man sich mehr, in anderen weniger. Theaterübungen mit Schulklassen finde ich zum Beispiel immer etwas schwierig, weil man sich in der Klassengemeinschaft oft nicht so traut. Deshalb ist es wichtig, mit welchen Leuten man Theater spielt. Und je individueller das Spiel, desto schwieriger wird es. THORSTEN Merkt man eigentlich, ob man an einem Tag gut in Form ist und richtig performen kann, oder ist das eher unklar? SVANTJE Doch, total. Man merkt direkt bei den Aufführungen: Ich bin gerade total in dem Stück, ich weiß genau, was ich mache, und tue das aus Überzeugung – nicht nur, weil ich es auswendig gelernt habe. Oder man merkt eben: Ich ratter das gerade einfach runter. Das kann sich aber auch von der Außenwirkung unterscheiden. Ich hatte schon Aufführungen, bei denen ich dachte: Das war katastrophal! Und dann hieß es hinterher, es war die beste Vorstellung. Man spürt aber auf jeden Fall, ob man selbst mit der Performance zufrieden ist oder nicht. Licht in den Nebel: Das Patriarchat wird auf deutschen Bühnen nicht unbedingt täglich thematisiert. Der Jugendclub des Staatstheaters hat sich rangetraut. (Bild: Stephan Walzl) THORSTEN Hat man da eigentlich zwei Personen im Kopf? Einmal die Figur, die man darstellt, und einmal sich selbst, die das alles reflektiert? SVANTJE I ch glaube, man muss da ein gesundes Maß finden, damit man das nicht zu sehr auf sich selbst bezieht. Gerade im Amateurschauspiel ist es natürlich einfacher, persönliche Dinge mit reinzubringen. In meinem ersten Stück musste ich zum Beispiel in einer Szene weinen, und da ist es leichter, sich an Erfahrungen zu erinnern, die man selbst gemacht hat. Aber es ist wichtig, die eigene Persönlichkeit und die gespielte Figur nicht komplett miteinander zu vermischen. Beim Jugendclub im Staatstheater wird man nicht gezwungen, jemand komplett anderes zu sein. Das macht zwar auch den Reiz des Theaters aus, aber für den Anfang ist es schön, wenn man auch ein bisschen man selbst sein darf. Es ist alles einfach noch nicht so streng – das ist gut. Kurzer Einblick:: In dieser Zusammenstellung sind auch einige Momente aus „Erzähl mir keine Märchen“ zu sehen. (Video: Staatstheater) THORSTEN Lernt man im Jugendclub eigentlich nur Schauspielern oder nimmst du auch etwas fürs Leben mit? SVANTJE Man lernt auf jeden Fall mehr als nur Schauspiel - vor allem, wie man aus sich herauskommt. Und was ich auch total gelernt habe: Wie sehr intensive Arbeit Menschen zusammenschweißt. In der Schule ist man oft auf sich allein gestellt, aber bei den Theaterfahrten, die wir gemacht haben, war ich jedes Mal erstaunt, wie sehr man als Team zurückkommt – auch wenn man sich vorher gar nicht so gut kannte. Man sieht sich ja sonst nur einmal pro Woche. Und nach so einer intensiven Zeit ist eine ganz andere Dynamik da. Beim Theater merkt man richtig, wie sich etwas verändert, wenn alle für dieselbe Sache brennen. Das ist wirklich motivierend. THORSTEN Denkst du, es würde jungen Menschen generell guttun, ihre Komfortzone zu verlassen und sich was zu trauen? Entweder im Theater oder ganz generell? SVANTJE Ich glaube, es ist auf jeden Fall wichtig, aus dem Alltag auszubrechen – gerade im Jugendalter, wo er durch Schule oft sehr vorgegeben ist. Aber man muss sich nicht unbedingt exponieren. Für manche ist der Gedanke, auf einer Bühne zu stehen, einfach abschreckend. Es gibt viele individuelle Wege, aus der Komfortzone zu kommen und sich weiterzuentwickeln – auch ohne im Rampenlicht zu stehen. Ein bisschen aus der Komfortzone rauszugehen, ja – aber man sollte auch auf sich selbst hören. Wer nie das Bedürfnis hatte, auf eine Bühne zu gehen, muss das auch nicht erzwingen. Kontraststark: Das gilt nicht nur für Kostüme und Bühnenbild, sondern auch für die zwei sehr unterschiedlichen Teile des Stücks. (Bild: Stephan Walzl) THORSTEN Du bist zurzeit in „Erzähl mir keine Märchen “ zu sehen. Worum geht es in dem Stück? SVANTJE In „ Erzähl mir keine Märchen “ geht es um das Patriarchat. Wir zeigen zunächst in einem spielerisch-märchenhaften Teil Probleme, die mit patriarchalen Strukturen zusammenhängen. Dann gibt es einen starken Bruch, der das Stück auch prägt. Danach geht es um die harte Realität, der Frauen – und auch Männer – in unserer Gesellschaft ausgesetzt sind. Wir bringen eine große Bandbreite an Themen auf die Bühne: von kleinen Alltagssituationen bis hin zu systemischer Unterdrückung. Es geht darum, Dinge beim Namen zu nennen. THORSTEN Welche Rolle oder welche Aufgabe übernimmst du in dem Stück? SVANTJE Wir haben alle keine festen Rollen, die durch das ganze Stück führen. Ich spiele am Anfang die Königin, weil wir ein Märchen erzählen, aber diese Rolle teile ich mir mit anderen. Es gibt viele Chortexte, Szenen, Monologe – also eher Haltungen als Figuren. Im ersten Teil ist die Stimmung märchenhaft, im zweiten Teil dann ernster und realer. Meine Aufgabe ist es eher, eine emotionale und faktenbasierte Haltung zu transportieren. STARKES THEATERPROGRAMM DIE GROßE VIELFALT Mit dem KULTURSCHNACK STAATSAKT starten wir ein regelmäßiges Interview-Format mit dem Oldenburgischen Staatstheater. Ihr fragt euch, warum wir das tun? Nun: Dafür gibt es genau 188 Gründe. Viel drin: Das Spielzeitheft 25/26 des Oldenburgischen Staatstheaters. Das ist nämlich die Zahl der Seiten des aktuellen Spielzeitheftes des Oldenburgischen Staatstheaters. Es ist prall gefüllt mit dem äußerst facetten- und variantenreichen Programm der insgesamt sieben Sparten. So gibt es in der kommenden Spielzeit 3 Uraufführungen und 31 Premieren, dazu 19 Wiederaufnahmen und unzählige weitere Attraktionen. Und selbst das ist noch nicht alles. Zwischen und außerhalb von Oper, Schauspiel oder Konzert finden viele weitere Projekte statt. Das Staatstheater schreibt weiter an seiner eigenen Geschichte - und damit auch jener der Stadt. Angesichts dieser Opulenz haben wir uns dazu entschieden, dem Staatstheater regelmäßig einen Besuch abzustatten. Gemeinsam suchen wir nach spannenden Gästen, Themen und Geschichten für den KULTURSCHNACK STAATSAKT . Was ihr davon habt? Einen spannenden Einblick in die Theaterwelt und mehr Informationen darüber, was die Menschen dort bewegt. THORSTEN Gehst du an solche gesellschaftlich relevanten Themen anders heran als an andere Rollen? SVANTJE Tatsächlich waren bisher fast alle Stücke, in denen ich mitgewirkt habe, gesellschaftlich relevant – häusliche Gewalt, Social Media usw. Aber ich glaube, bei diesem Stück war es nochmal besonders, weil wir uns vorher so intensiv damit beschäftigt haben. Wir haben viel recherchiert, diskutiert, uns ausgetauscht. Das hat eine Verbindung zum Thema geschaffen und mir ermöglicht, da sehr investiert dranzugehen. Ich denke, das ist die Voraussetzung fürs Schauspiel: sich mit einer Rolle oder einem Thema wirklich auseinandersetzen. Viraler Hit: „Erzähl mir keine Märchen“ schlug via Instagram hohe Wellen in ganz Deutschland. (Bild: Stephan Walzl) THORSTEN Ist es dir persönlich wichtig, zu solchen Themen Position zu beziehen? SVANTJE Ja, auf jeden Fall. Ich bin sehr stolz auf das Stück und darauf, dass es Diskussionen angestoßen hat. Für mich persönlich war die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema sehr bereichernd. Es hat mein Bewusstsein verändert und mir die Dringlichkeit noch mal ganz anders vor Augen geführt. THORSTEN Gibt es ein Element im Stück, das du besonders gelungen findest? SVANTJE Ja, definitiv der Bruch zwischen dem märchenhaften ersten Teil und dem realistischen zweiten Teil. Viele Zuschauer:innen lachen erst viel und werden dann völlig überrascht von der Wendung. Das ist emotional sehr herausfordernd – aber genau das macht es so wirkungsvoll. Vielseitig: Trotz einiger ernster Themen lernen wir Svantje von ganz unterschiedlichen Seiten kennen (Bilder: Kulturschnack) THORSTEN Ihr habt Texte von Nicole Zacharias verwendet. Die Feministin hat dann zusammen mit Wiebke Schenter ein Video von einer euer Proben auf Instagram gepostet, das millionenfach angesehen wurde und knapp 200.000 Likes bekam. Was hast du gedacht, als du das mitbekommen hast? SVANTJE Erst war ich ein bisschen überrascht, weil ich die Szene aus dem Video, die sie genommen hat, gar nicht so eindrücklich fand. Das ist sie zwar inhaltlich, aber sie wirkte ein bisschen verwackelt und der Ton war nicht so gut. Deshalb habe ich gedacht: Wow, vielleicht hat das wirklich nochmal eine Wirkung, die man als Beteiligte gar nicht mehr so bemerkt. Und dann hat mich einfach total berührt, was die Leute gesagt oder kommentiert haben, warum sie das Stück so bewegend finden. Es waren nicht nur Likes, die Leute haben sich wirklich damit auseinandergesetzt. Und es scheint die Menschen richtig bewegt zu haben . THORSTEN Ihr habt wichtige gesellschaftliche Themen, ihr spielt mit viel Herzblut und ihr stoßt auch auf große Resonanz. Aber was würdest du sagen: Wird Jugendtheater insgesamt ernst genug genommen? SVANTJE Es kommt total darauf an. Hier am Staatstheater habe ich das Gefühl, die Stücke werden sehr ernst genommen. Es gibt bei den Jugendtheatertagen aber nicht nur die Clubs vom Staatstheater, sondern auch Gruppen von Schulen, also AGs oder sowas. Und die werden vielleicht manchmal unterschätzt, weil sie nicht die gleichen Möglichkeit haben. Sie können nicht mit professionellen Schauspieler:innen arbeiten und haben vielleicht auch nicht solche Probenräume wie wir. Ich glaube, dass diese Gruppen zum Teil nicht so richtig ernst genommen werden, obwohl da genau so große Talente sind wie überall sonst auch. Aber das ist wie in jeder anderen Branche: Es gibt Diskrepanzen. Trotzdem glaube ich, dass es wirklich toll ist, wie viele junge Leute begeistert sind fürs Theater. Unerfahren? Natürlich sind die Schauspieler:innen beim Jugendtheater relativ jung. Statt Alter und Erfahrung werfen sie aber andere Qualitäten in die Waagschale. (Bild: Stephan Walz) THORSTEN Es gibt ja immer mal wieder vergiftetes Lob, so nach dem Motto: „Das war schon ganz gut – dafür, dass ihr nur Jugendliche seid.“ Aber ich habe mich gefragt, ob es nicht auch Themen gibt, die ihr viel besser darstellen könnt als alle anderen? SVANTJE Auf jeden Fall – wenn es darum geht, Jugendliche anzusprechen. Ich war letztes Jahr oder vorletztes Jahr in einem Stück dabei, in dem es um Social Media ging und wie man das an sich ranlässt. Und ich glaube, dass es von Jugendlichen gespielt wurde, war deutlich wirksamer, als wenn das eine Generation gespielt hätte, die nicht mit Social Media aufgewachsen ist. Beim aktuellen Stück sieht man, dass man nicht erst im Berufsleben als Frau mit Diskriminierung konfrontiert wird. Das ist das Spannende daran: zu sehen, dass es keine Altersgruppe gibt, die davon ausgeschlossen ist, von dieser Unterdrückung. Und genau deswegen war es auch gut, dass das junge Menschen gespielt haben – damit man sieht: Das Bewusstsein ist überall da, oder wird überall geweckt. THORSTEN Das Jugendtheater ist also ein richtiger Zeitpunkt, um mit wichtigen gesellschaftlichen Themen konfrontiert zu werden? SVANTJE Genau. Es ist nicht „zu früh“, weil man ja auch in der Kindheit nicht geschont wird, was solche Themen angeht. Und ich finde, sobald jemand alt genug ist, mit Sexismus konfrontiert zu werden, sollte diese Person auch alt genug sein, sich dazu zu äußern. Es gibt natürlich auch Menschen, denen passieren Dinge, bevor sie überhaupt sprechen können. Aber ich glaube, sobald jemand von etwas betroffen ist, sollte er oder sie auch darüber sprechen dürfen. Und deshalb finde ich es sehr gut, dass das in unserem Alter thematisiert wird – und man nicht sagt: „Wir hören euch erst zu, wenn ihr den Ernst des Lebens erfahren habt.“ Motivierend: „Beim Theater merkt man richtig, wie sich etwas verändert, wenn alle für dieselbe Sache brennen“, erzählt Svantje. (Bild: Staatstheater) THORSTEN Aber wenn euch ein Erwachsener sagt: „Jugendtheater ist nix für mich. Dafür bin schon viel zu alt“, was entgegnest du? SVANTJE Ich muss sagen, das habe ich bisher selten von Erwachsenen gehört. Ich höre das eher von Gleichaltrigen, die sagen, es sei ihnen ein bisschen unangenehm, oder die Fremdscham empfinden. Viele Menschen haben ja das Gefühl, Schauspieler:innen halten sehr viel von sich – weil auf der Bühne eben wichtige Themen verhandelt werden. Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man sich darauf einlassen muss. Wenn jemand – zum Beispiel als ältere Person – nicht bereit ist, sich auf Jugendtheater einzulassen, zeigt das für mich eine gewisse Haltung gegenüber der Jugend. Denn wir präsentieren hier wirklich unsere eigenen Gedanken. Und zu sagen: „Dafür bin ich zu alt“, impliziert für mich nicht nur: „Ich bin zu alt für dieses Theater“, sondern auch: „Ich bin zu alt, mir deine Gedanken anzuhören.“ Und ich glaube, man ist nie zu alt, um sich Gedanken anderer anzuhören. Deshalb würde ich sagen: Du musst dich darauf einlassen, dass es dich auch interessieren kann, was wir zu sagen haben – und dass es dich genauso betrifft. Und die Diskussion ist ja nicht ausgeschlossen, nur weil du zuschaust und nicht mitspielst. Im Gegenteil: Du bist eingeladen. Gute Laune: Svantje sagt während unseres Gesprächs viele kluge Sätze, bleibt aber trotzdem ganz entspannt. (bild: Kulturschnack) THORSTEN Du bist jetzt 18 Jahre alt und seit, drei Jahren beim Jugendclub des Staatstheaters dabei. Da stellt sich ja die Frage: Wohin geht die Reise? Hast du jemals darüber nachgedacht, Schauspiel auch als Karriere anzustreben – oder bleibt das einfach ein schönes Hobby? SVANTJE Wenn es um Traumjobs ging, hab ich schon immer relativ schnell gesagt: Schauspiel! Wenn ich es mir aussuchen könnte – wenn Geld keine Rolle spielen würde – dann hätte ich extrem große Lust darauf. Aber selbst wenn sich für mich keine Tür öffnet, das hauptberuflich zu machen, werde ich das auf jeden Fall beibehalten - wo auch immer man lebt. Ich würde darauf nur sehr ungern verzichten. Auch wenn ich weiß, dass die Chance, das hauptberuflich zu machen, natürlich nicht riesig ist – wie in vielen anderen Branchen auch. Starker Charakter: Yelena Belova ist die Schwester von „Black Widow“. (Bild: Marvel Studios) THORSTEN Man braucht Glück - aber wer weiß? Gibt es eigentlich eine Rolle, die du liebend gerne mal spielen würdest? Für die du dann auch alles stehen und liegen lassen würdest, wenn du die Chance hättest? SVANTJE Oh, darüber hab ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. ( überlegt ) Als ich „ Black Widow “ geguckt habe, fand ich die Rolle von der Schwester richtig stark – da hätte ich richtig Lust drauf gehabt, weil das dieser typische Marvel-Humor ist. Gleichzeitig hätte ich aber auch echt Lust auf Rollen mit richtigem Tiefgang. Immer wenn ich Filme gucke, wo Leute emotional spielen müssen, denke ich: „Boah, da hätte ich richtig Bock drauf!“ ( lacht ) Dann überlege ich: Wie würde ich das jetzt machen? Wie würde ich diese Zwickmühle nur mit Mimik darstellen? Ich glaube, es geht vielen bei uns im Club so: Wenn man einen emotionalen Monolog bekommt, freut man sich. Weil man weiß: Ich kann mich zuhause hinsetzen, annotieren, was das für mich bedeutet, und das dann wirklich fühlen. Das ist für die meisten Schauspielenden richtig cool. THORSTEN Da kann man nur hoffen, dass du eine passende Rolle findest. Guckt man als Schauspielerin eigentlich Theaterstücke oder Filme anders – also mit der Frage: Wie würde ich das machen? SVANTJE Ich glaube, das kommt aufs Level an. Wenn ich im Staatstheater Stücke anschaue, denke ich das eher selten – weil ich weiß, dass das eine ganz andere Ebene ist als das, was ich spiele. Ich traue mich nicht, mich damit zu vergleichen. In den eigenen vier Wänden kommt es aber immer wieder vor, dass man sich denkt: Das hätte ich aber so oder so gemacht. Ich habe noch nie vor Kameras gespielt, deshalb kann man das schwer vergleichen. Trotzdem – wenn man Interesse am Spielen hat und es auch ausprobiert hat, sieht man das auf jeden Fall mit einer anderen Linse, ja. THORSTEN Letzte und schwerste Frage: Wenn dein Leben als Theaterstück inszeniert werden sollte – wer müsste dich spielen? SVANTJE I ch weiß tatsächlich gar nicht, ob es Schauspielerinnen gibt, die aussehen wie ich (lacht). Aber es wäre für mich eine Ehre, wenn Jennifer Lawrence das machen würde. Die finde ich toll, und die mag ich auch als Person einfach sehr gern. Da hätte ich große Lust, das zu sehen. THORSTEN Ich würde sagen: Da fragen wir mal an! (Alle: ab) Ort des Geschehens: In der Exhalle entfachte sich Svantjes Theaterleidenschaft endgültig - und wird sie vielleicht ihr Leben lang begleiten. (Bild: Stephan Walzl) Zurecht selbstbewusst Was ist Jugendtheater? Diese Frage ist nur schwer in wenigen Sätzen zu beantworten. Das Gespräch mit Svantje Stein aber hat uns einen hervorragenden Eindruck davon gegeben, was es leisten kann - für die Akteur:innen auf der Bühne, aber auch für die Besucher:innen im Publikum. Manches mag tatsächlich weniger ausgereift sein als bei den Erwachsenen. Das kann man allerdings auch als Vorteil lesen, weil Authentizität beim Jugendtheater eine sehr große Rolle spielt. Wir begegnen hier nicht nur Stücken und Schauspieler:innen, wir begegnen gleichzeitig den Lebensrealitäten dieser Altersgruppe und - hinter den Rollen - .auch echten Menschen, die immer auch etwas von sich selbst auf die Bühne bringen. Nicht zuletzt das ist es, was Jugendtheater so mitreißend macht: Es bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Fiktion und Realität und vermischt beides zu einem spannenden Blick ins Leben jüngerer Menschen. „Erzähl mir keine Märchen“ ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, dass Jugendtheater einerseits die Sprache seiner jungen Protagonist:innen spricht, andererseits aber trotzdem - oder gerade deswegen - den Nerv des Publikums besser treffen kann als große Projekte professioneller Akteuer:innen. Wer Svantje auf der Bühne sehen und live erleben will, was im Netz schon Hunderttausende bewegt hat, sollte eine der vier Gelegenheiten nutzen, die sich im November - sozusagen als Zugabe - bieten. Und zwar auch dann, wenn man sich bisher nie mit Jugendtheater beschäftigt hat. Denn: „Man ist nie zu alt, die Gedanken anderer anzuhören.“ Danke, Svantje!
- NIEDECKEN: MANN DER LEUTE
Außerhalb des regulären Programms sind immer wieder spannende, prominente Menschen im Oldenburgischen Staatstheater zu Gast. Zu ihnen gehörten in der letzten Spielzeit Harald Schmidt, Charly Hübner, Caren Misoga und Matthias Brandt. Nun setzt Wolfgang Niedecken, Frontmann der legendären Kölsch-Rocker BAP, diese Reihe fort. Was euch bei seinem Gastspiel erwartet? Und warum ihr hingehen solltet, auch wenn BAP am Ende des Jahres nicht in eurem „Spotify Wrapped“ auftaucht? Hat er uns vorab am Telefon verraten! Voll im Element: Wolfgang Niedecken ist Musiker durch und durch, aber auch ein guter Beobachter und kluger Geschichtenerzähler. All diese Facetten gibt es nun im Oldenburgischen Staatstheater zu sehen. (Bild: Tina Niedecken) Wolfgang Niedecken : Bei diesem Namen verläuft eine Schneise durch die Generationen. Für Babyboomer und die Generation X zählt er zu den größten Stars der deutschsprachigen Musik, ein Pop-Held mit Legendenstatus, irgendwo zwischen Grönemeyer, Maffay und Lindenberg. Bei den Millennials hingegen zucken schon einige Schultern, in der GenZ oder GenAlpha weiß schließlich kaum noch jemand, wer das eigentlich ist. Schade, denn schon nach den ersten Sätzen unseres Interviews ist klar: Niedecken ist ein leidenschaftlicher Musiker und Geschichtenerzähler mit einem enormen Erfahrungsschatz - und zusätzlich ein richtig guter Typ, vollkommen frei von Allüren und mit dem Herz am richtigen Fleck. All das sind Zutaten für einen spannungsreichen, unterhaltsamen Bühnen-Abend mit starken Songs, feinen Beobachtungen und klugen Gedanken - für alle Generationen. Und genau das erwartet uns nun im Oldenburgischen Staatstheater. ZU GAST IM STAATSTHEATER WOLFGANG NIEDECKEN - ZWISCHEN START UND ZIEL SONNTAG, 23. NOVEMBER 2025, 19 UHR GROßES HAUS THEATERWALL 28 26122 OLDENBURG DERZEIT AUSVERKAUFT Ikone ohne Allüren „Wolfgang ruft dich an!“, so hatte es Daniela vom PHI/SCH Artist Management vorab mitgeteilt. Hätte irgendjemand meinem Mittachtziger-Ich erzählt, dass dies einmal der Fall sein würde, ich hätte es nicht ansatzweise geglaubt. Wolfgang Niedecken, das war ein Star, den ich mit meinen damals zehn Jahren aus dem Radio und aus der „ Bravo “ kannte, die ich meiner großen Schwester geklaut hatte. Für mich war er sowas wie der deutsche Springsteen : eine Ikone. Mit ihm sprechen? So wahrscheinlich wie Kontakt mit Außerirdischen. Riesig angesagt: Das waren BAP schon 1982 - ebenso wie Schmuse-Ecken in deiner Bude. Ihr könnt die Ausgabe hier kaufen. (Bild: Bravo-Archiv) Vierzig Jahre später ist es so weit. Pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt klingelt das Telefon - und tatsächlich: Wolfgang Niedecken ist dran! Obwohl dies natürlich kein Telefonat ist, auf das er den ganzen Tag hingefiebert hat, sondern eines von vielen Pressegesprächen, ist der Musiker bestens gelaunt. Schnell fühlt es sich so an, als würde man sich schon lange kennen, vermutlich aus einer Kölner Kneipe, in der man zusammen ein Kölsch getrunken hat. Und genau das ist auch ein Teil der Erklärung, warum Wolfgang Niedecken seit fünf Jahrzehnten fester Bestandteil der nationalen Musikszene ist: er ist nicht nur ein sehr guter Musiker, er ist auch ein Mann der Leute - wie auch unser Gespräch zeigen sollte. Wolfgang, Du bist im Staatstheater mit Deiner Soloshow „Zwischen Start und Ziel“ zu Gast. Die besteht einerseits aus deinen Songs, andererseits aber auch aus Geschichten und Erinnerungen. Wird das eine erst durch das andere richtig gut? Nein, so weit würde ich nicht gehen. Ein Song muss für sich selbst bestehen können. Wenn man ihn erst groß erklären muss, hat er irgendwo Defizite. Natürlich gibt es immer eine kleine Anmoderation, aber der Song soll für sich wirken. Bob Dylan wurde ja oft gefragt, worum es in seinen Stücken geht, und er hat sinngemäß gesagt: Wenn man ein Bild malt und es danach erst erklären muss, hat es ein Problem. Riesiges Repertoire: Tatsächlich droht man beim enormen Output von Wolfgang Niedecken und BAP schnell den Überblick zu verlieren. Trotzdem haben wir für euch eine gnadenlos subjektive Playlist zusammengestellt. Hört unbedingt mal rein! Was darf das Publikum denn erwarten? Bei so einem Abend ist es gemütlich. Wir beginnen mit einer langsamen Nummer, dann lese ich eine kurze Passage, danach kommt das nächste Lied. Aus Erfahrung weiß ich: Spätestens nach dem zweiten Song haben wir das Publikum. Dazwischen lese ich aus meinen Büchern – natürlich gekürzt, damit es nicht zu lang wird. Ich habe mir sehr viel Zeit gelassen, das Programm zusammenzustellen; über ein Jahr, bevor wir überhaupt geprobt haben. Es gibt so viele Stücke, die infrage kommen. Ich wollte daraus einen richtigen Bogen formen, eine Geschichte mit Spannung. Erst vor Publikum merkt man dann, wo etwas nicht stimmt oder die Spannung nachlässt. Nach den ersten Auftritten im Frühjahr habe ich einiges umgestellt. Ich bin ja nicht nur Sänger, sondern auch Gastgeber. Ich führe durch den Abend – und das macht großen Spaß. Alles ist unglaublich organisch. Kurzbiografie Wolfgang Niedecken Fünfzig Jahre Musik Wolfgang Niedecken, geboren am 30. März 1951 in Köln, ist Musiker, Liedermacher, Maler und seit Jahrzehnten eine prägende Stimme des deutschsprachigen Rock. Geballte Erfahrung: Wolfgang Niedecken ist seit rund fünfzig Jahren als Musiker aktiv. Manche seiner Kolleg:innen sehen bereits nach fünf Jahren deutlich älter aus. (Bild: Tina Niedecken) Aufgewachsen im Kölner Süden, entdeckte er früh seine Leidenschaft für Kunst und Musik; geprägt von Bob Dylan, der Beat-Generation und dem politischen Geist der späten 1960er-Jahre entwickelte er eine unverwechselbare Mischung aus poetischer Bildsprache und gesellschaftlichem Engagement. Nach kleineren Beat- und Punk-Experimenten gründete er 1976 die Band BAP, die konsequent auf Kölsch sang und damit eine regionale Alltagssprache in den Rock überführte, ohne je provinziell zu wirken. Ihr Sound verband Einflüsse von Folk-, Blues- und Heartland-Rock mit poetischen, oft politischen Texten, die starke Bilder und konkrete Lebensgeschichten erzählten. Diese Mischung traf einen Nerv weit über Köln hinaus. Zu den größten Erfolgen zählen millionenfach verkaufte Alben wie Für Usszeschnigge und Vun drinne noh drusse , ausverkaufte Tourneen sowie mehrere Nummer-eins-Platzierungen, die BAP zu einer der wichtigsten deutschen Rockbands ihrer Zeit machten. Parallel zur Musik blieb Niedecken der Malerei treu und nutzte seine öffentliche Stimme immer wieder für politische und humanitäre Anliegen – etwa im Kampf gegen Rassismus, für Frieden oder in Projekten zur Unterstützung von Kindern in Afrika. 2011 erlitt er einen Schlaganfall, den er dank intensiver Rehabilitation überwand. Bereits 2012 kehrte er auf die Bühne zurück und setzt seitdem seine künstlerische Arbeit fort. Bis heute gilt Wolfgang Niedecken als charismatischer Chronist seiner Heimat und als einer der einflussreichsten Musiker Deutschlands. Wie engagiert Niedecken weiterhin ist, konnte das Fernsehpublikum zuletzt am 10. November 2025 bei der Sendung maischberger sehen, wo er anlässlich des 50-jährigen BAP-Jubiläums zu Gast war. Dort sprach er nämlich keineswegs nur über Karriere und Konzerte, sondern auch über Putin, Trump und AfD. Der Abend ist also dramaturgisch durchkomponiert - von der Geschichte bis in die Gegenwart. Genau - und die Auswahl ist ein echtes Luxusproblem. Das erste Album haben wir 1979 aufgenommen, viele weitere sind hinzugekommen, dazu die Soloalben. Das Repertoire ist riesig. Zudem haben fast alle Songs einen autobiografischen Kern – manchmal näher an mir, manchmal weiter weg –, aber ich erzähle keine ausgedachten Geschichten. Welcher Song stand denn als erstes auf deiner Setlist? Ich wusste, dass ich mit „Alles relativ“ vom „Lebenslänglich“-Album beginnen will. Der Song passt perfekt als Einstieg. Danach lese ich eine Passage über meine Mutter, die mit den Worten beginnt: „Josef Niedecken war ein sparsamer Mann.“ Alles relativ: Das gilt für den Blick auf den Alltag, aber erst Recht für den Blick aufs Leben. Bei einer so langen Karriere sind viele Momente schon „verdamp lang her“. Wie gelingt es dir, die richtigen Erinnerungen hervorzurufen? Hast du Notizen oder greifst du auf deine Bücher zurück? Vieles stammt aus meinen beiden Autobiografien. Viele sind überrascht, dass es zwei sind, aber das hat seinen Grund. Nach meinem Schlaganfall habe ich gemerkt: Wenn ich die Deutungshoheit über meine Geschichte behalten will, muss ich das Buch „ Zugabe - Die Geschichte einer Rückkehr “ schreiben. Ich wollte keine Leidensgeschichte, sondern zeigen, dass ich davongekommen bin. Daneben gibt es noch weitere Bücher, an denen ich mitgearbeitet habe. Daraus habe ich Passagen übernommen, andere neu geschrieben. Über ein Jahr habe ich das Programm so gestaltet, dass ein Spannungsbogen entsteht. Nach Auftritten habe ich weiter verändert – etwa das letzte Lied vor der Pause: Es soll die Leute zum Schmunzeln bringen, nicht runterziehen. Du hast also noch einmal durch dein Leben geblättert – im Songkatalog und in den Büchern. Wenn Du so zurückblickst: Fühlst Du Dich privilegiert, dieses Leben zu führen? Ich bin unglaublich dankbar, die Chancen standen bei eins zu einer Million. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Mein Vater hat sich immer gefragt, was aus mir werden soll, weil das ja alles nur ein Traum war. Aber es hat sich wunderbar gefügt. Ich war nie faul, immer interessiert und habe die Dinge zusammengebracht. Die Band war ursprünglich ein Spaßprojekt. Wir hatten keinen Karriereplan, wir wollten einfach wieder Musik machen. Daraus wurde dann BAP - und nächstes Jahr feiern wir unser 50-jähriges Jubiläum. Zu viel Leben für ein Buch: Nach seinem Schlaganfall 2011 schrieb Wolfgang Niedecken eine zweite Autobiographie - zu viel hatte sich verändert. (Bilder: Hoffman & Campe) Auch hier spürt man eine organische Entwicklung. Heute planen viele Musiker:innen ihre Karrieren wie auf einem Reißbrett und haben große Erwartungen. Ja, und genau das führt oft zum Verkrampfen. Wir haben nie Alben „auf Termin“ abgeliefert, sondern immer erst dann, wenn wir überzeugt waren: Jetzt ist es gut genug. Mittlerweile gilt das Gegenteil, man muss alle paar Wochen Singles veröffentlichen, damit der Algorithmus einen nicht vergisst. Gott sei Dank mussten wir das nicht! Früher hat man einfach die Platte an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk geschickt – ganz ohne Single-Vorgabe - und einfach freundlich darum gebeten, etwas davon zu spielen. Das war eine gute Zeit. Seither hat sich die Medienlandschaft sehr verändert, leider zum Nachteil. Diese ganze Formatierung im Radio ist katastrophal. Wenn ein Song nicht in 30 Sekunden beim Refrain ist, wird er schon aussortiert. Und wie ist es mit dir? Hat sich deine eigene Haltung zur Musik im Laufe der Jahrzehnte verändert? Eigentlich gar nicht. Musik ist immer noch ein großes Glück. Wenn ich im Studio bin oder auf Tournee, merke ich jedes Mal, was für ein privilegiertes Leben ich habe. Das geht aber auch schon los, wenn ich abends noch eine Runde mit dem Hund gehe und danch hier sitze, mit Blick auf den Rhein, und noch auf meiner Gitarre spiele. Dann denke ich: Was habe ich für ein Hammerleben? Bei den Proben für diese Tour haben Maik und ich am Ende auch jedes Mal gesagt: Musik machen ist schon geil! ( lacht ) Man sagt ja auch: Musik ist die Sprache der Engel. Mit ihr erreicht man Menschen auf eine Weise, wie es sonst nichts anderes schafft. Sie kann Mut machen, Empathie wecken, trösten. Energetische Live-Show: Niedecken und BAP beherrschen die gesamte Bandbreite - von leisen, nachdenklichen Tönen bis zur stadiontauglichen Rock-Nummer. (Bild: Tina Niedecken) Und nicht nur das, man kann damit auch eine ganze Region auf die musikalische Landkarte bringen. BAP hat damals Kölsch in den Rock gebracht, obwohl Mundart und Dialekte oft schwierig sind. Ernsthafte Songs auf Platt sind kaum vorstellbar. Warum hat das funktioniert? Kölsch ist eine großartige Sprache zum Singen. Sie ist weich, melodisch – ein bisschen wie Englisch oder Französisch. Es gibt keine harten Konsonanten, und man kann Silben wunderbar verschleifen. Das funktioniert im Hochdeutschen kaum. Als ich damals in den Siebzigern aus Liebeskummer mein erstes Lied auf Kölsch geschrieben und mit in den Proberaum genommen habe, sagten die anderen sofort: Das ist Super, mach mehr davon! Es gab also keinen Plan, es hat einfach gut funktioniert. Außerdem ist Kölsch einfach sympathisch. Und man merkt bei dir: Die Sprache singt fast von selbst. Genau – wir singen schon, wenn wir reden. Und ja, Kölsch hat diesen Charme. Man muss nur aufpassen, dass die Selbstverliebtheit der Kölner in ihre Stadt nicht überhandnimmt.( lacht ) Aber grundsätzlich gilt: Der Kölsche schließt niemanden aus. Jeder darf mitmachen. In einer Kölner Kneipe steht man keine zehn Minuten allein an der Theke – irgendwer kommt immer ins Gespräch. Große Liebe: Wolfgang Niedecken ist ohne Köln nicht wirklich vorstellbar. Umgekehrt ist aber spätestens seit 1976 ganz ähnlich. (Bild: Shutterstock) Auf deiner Tour spielst du aber nicht nur in Metropolen wie Köln, sondern auch - oder vor allem - kleinere Städte. Hat das einen besonderen Reiz? Ja, unbedingt. Mit BAP haben wir uns immer als Band der Leute verstanden. Früher hat mal einer von uns den Satz gesagt: Es wird an jeder Steckdose gespielt. Gut, irgendwann wurden manche Steckdosen dann zu eng. Aber wir haben immer darauf geachtet, dass es nicht zu groß wird, denn dann wird's anyonym. Dieses kleine Format ist jetzt gewissermaßen das Gegenteil von Größe. Damit sind wir sehr flexibel und können auch kleinere Venues spielen - in Gegenden, wo nicht jeder auftritt. Die Menschen sind dort besonders dankbar. Bist du dann noch neugierig auf die Orte oder kennst du sie längst alle? Viele kenne ich schon, aber manches ist immer wieder neu. Ich erinnere mich an Oldenburg – wir haben da früher schon einige Male mit BAP gespielt. An die Namen der Hallen kann ich mich nicht erinnern, aber ich weiß noch wie sie aussahen. Es ist schön, an solche Orte zurückzukehren. Gute Mischung: Die aktuelle Tour führt Wolfgang Niedecken auch in kleinere Orte - wie Oldenburg. (Bild: PHI/SCH) Deine aktuelle Show ist zwangsläufig retrospektiv, aber du lebst ja nicht in der Vergangenheit. Bleibst du bewusst neugierig? Unbedingt. Ich stehe voll im Leben, schaue Nachrichten, interessiere mich für Politik. Es beunruhigt mich, was weltweit passiert: Wieso kommen überall Autokraten an die Macht? Was ist mit den Checks & Balances in den USA? Aber man muss informiert bleiben. Ich versuche, das alles zu verstehen, auch wenn es manchmal frustrierend ist. Zum Glück gibt es immer wieder kleine Lichtblicke, wie zuletzt in den Niederlanden - die muss man mitnehmen. Dass du über den Tellerrand der Musik hinausschaust, hat dich immer ausgezeichnet. Du hast dich positioniert, du hast dich engagiert. Gibt es heute noch solche Typen wie Dich oder deinen Freund Bruce Springsteen – Musiker mit Haltung? Ja, aber sie haben es schwerer. In der heutigen Medienwelt ist es schwierig, sich treu zu bleiben. Trotzdem gibt es viele junge Bands, die das versuchen, auch wenn sie kaum Chancen haben. In den 70ern war das ja auch nicht einfach, und trotzdem habt ihr es geschafft. Genau. Wir hatten keinen Karriereplan, keine Förderung – nur Leidenschaft. Damals haben sich die Punks gegen diese Dinosaurier Bands mit ihrem Bombastrock aufgelehnt. Also hat man es ganz knapp gemacht, mit drei Akkorden immer schön auf die Acht gespielt und dem Musikbusiness den Stinkefinger entgegen gehalten. Eigentlich gab es zu der Zeit auch keine Möglichkeit, in irgendeiner Form auf sich aufmerksam zu machen. Trotzdem haben wir es irgendwie geschafft. Keiner, der uns 1977 oder 1978 irgendwo hat spielen sehen, hätte sich vorstellen können, dass wir irgendwann mal das Müngersdorfer Stadion vollmachen würden. Wenn du auf dein aktuelles Programm schaust: Gibt es etwas, worauf du besonders stolz bist? Ich weiß nicht, ob stolz der richtige Ausdruck ist, aber: Einige Passagen gehen mir selbst sehr nahe. Beim ersten Mal hatte ich bei manchen Stellen tatsächlich einen Kloß im Hals und konnte einen Moment lang nicht weiterlesen. Wenn man seine eigene Geschichte liest, kann das sehr bewegend sein. Ich versuche aber, das nicht zu inszenieren. Op Odysee: Wolfgang Niedeckens Lebensmittelpunkt ist zwar die Kölner Südstadt, doch er kommt nach wie vor viel rum und kennt sich gut aus. Der Titel lautet „Zwischen Start und Ziel“. Das kann man nicht nur auf die Karriere, sondern auch aufs Leben beziehen. Denkst du - auch mit Blick auf deinen Schlaganfall - über Vergänglichkeit nach? Im Alltag kaum. Ich fühle mich fit, treibe Sport, ernähre mich gut, trinke wenig Alkohol. Aber manchmal denke ich: Hoppla, du wirst 75! Die letzten zehn Jahre sind im Flug vergangen. Mein Schlaganfall liegt schon über 14 Jahre zurück. Das Buch „ Zugabe “ hieß nicht umsonst so – und die Zugabe dauert immer noch an. Die Zielgerade kann ja trotzdem noch weit entfernt sein. Genau. Ich will nur ehrlich sagen: Die meisten Shows sind wahrscheinlich schon gespielt. Aber von Abschiedstouren halte ich nichts. Das machen manche regelmäßig und das ist mir peinlich. Für mich steht fest: Solange ich konzentriert und mit Freude dabei bin, mache ich weiter! Größere Hallen: Für die BAP Jubiläumstour reicht selbst das Große Haus des Staatstheaters nicht aus. (Bil d: Travelling Tunes Productions GmbH) Deine nächste große Tour mit BAP wird dann sicher wieder Arenen füllen. Ja, das Jubiläum im nächsten Jahr ist etwas Besonderes. Da spielen wir größere Hallen – aber natürlich hauptsächlich die Songs, die jeder kennt. Und warum sollte ein 18-Jähriger, der BAP gar nicht kennt, zu Deinem Abend im Oldenburgischen Staatstheater kommen? Weil ich Geschichten erzähle, die jeder verstehen kann. Auch wenn nicht jeder Kölsch versteht – die Lieder sind eingebettet in Erzählungen, sodass man den Kern immer begreift. Das Programm ist ausgewogen, kurzweilig und dramaturgisch durchdacht. Und du hast sichtlich Spaß daran. Ja, total! Ich freue mich jedes Mal aufs Neue, wenn es losgeht. Meine Frau und ich managen alles selbst – das ist ein richtiger Familienbetrieb, so wie bei meinen Eltern früher im kleinen Lebensmittelladen. Dann schließt sich ja der Kreis. Vielen Dank für das schöne Gespräch – es hat wirklich Spaß gemacht. Wolfgang Niedecken: Einer von uns Nein, Prominenz allein reicht nicht aus für einen guten Abend. Deshalb sollten wir es nicht uneingeschränkt empfehlen, sich schnell ein Ticket zu besorgen, wenn jemand wie Wolfgang Niedecken nach Oldenburg kommt. Aber wir tun es doch! Denn erstens sind die Gäste des Oldenburgischen Staatstheaters sorgsam kuratiert, es kommen also in der Regel Leute ins Haus, die man gerne live erlebt. Und zweitens gilt dieses Prinzip für Niedecken selbst erst Recht. „ Zwischen Start und Ziel “ ist vielleicht das beste Beispiel dafür, was man von so einem Abend erwarten darf: Nämlich eine Mischung aus Performance und Persönlichkeit, aus Musik und Memoiren. Es spielt letztlich keine Rolle, ob man Babyboomer ist oder GenAlpha: Niemand erreicht einen Status wie Niedecken, wenn sie oder er nicht sehr talentiert wäre und zudem ein enormes Gespür für Menschen und Momente besäße. Und wenn man die Show eines Stars besucht, der all das auf sich vereint, ist ein wunderbarer Abend geradezu garantiert. Auch wenn Oldenburg in schöner Regelmäßigkeit von solchen Menschen besucht wird, sind diese Ereignisse dennoch etwas Besonderes - was nicht zuletzt daran abzulesen ist, dass sie meist ausverkauft sind. Das gilt auch für den Auftritt von Wolfgang Niedecken. Er ist eben: einer von uns, ein Mann der Leute. Aber nehmt das einfach zum Anlass, die Augen offen zu halten und das nächste Mal schnell zu sein. Es lohnt sich.
- WORLD PRESS YEAR
Sie ist längst zu einem alljährlichen Ritual geworden: Die World Press Photo Ausstellung im Oldenburger Schloss. Wir sind gewöhnt daran, dort die besten Pressebilder der Welt zu sehen. Aber wie kommen sie eigentlich dorthin? Was ist dafür nötig? Und wie viel Arbeit steckt dahinter? Wir haben Organisations-Leiterin Lisa Knoll von der Agentur Mediavanti durch ihr „World Press Year“ begleitet - und dabei die Gründe für den Erfolg der WPP erfahren. Versiert: Wenn Lisa in der Ausstellung spricht, ist sie in ihrem Metier. Schließlich arbeitet sie zu diesem Zeitpunkt bereits fast ein Jahr daran. (Bild: Andreas Burmann) Es gibt sie durchaus: Die Phasen im Jahr, in denen Lisa Knoll nichts mit der World Press Photo Ausstellung zu tun hat. „Mit unserem traditionellen Termin befinden wir uns fast am Ende des einjährigen Ausstellungszyklus “, erklärt die Organisationsleiterin. Das habe zur Folge, dass schon bald nach dem Abbau die Gewinner des neuen Jahres bekanntgegeben werden. „Nach dem Ende unserer Ausstellung vergehen ungefähr drei Wochen, in denen die WPP bei mir keine Rolle spielt“, schmunzelt die 33-Jährige - wohl wissend, dass dieser Zeitraum winzig klein ist. Die restlichen 49 Wochen des Jahres? Hat Lisa beinahe durchgehend mit der WPP zu tun. „Mal mehr, mal weniger, aber es gibt ein ständiges Grundrauschen.“ Für diese ganzjährige Allgegenwärtigkeit gibt es gute Gründe. Denn: Wer die weltbesten Pressefotos nicht bloß aufhängen, sondern in einen Kontext stellen will, wer nicht nur die Bilder wirken lassen, sondern auch die Fotograf:innen zu Wort kommen lassen möchte und wer Wert darauf legt, dass die Fotografie als Medium der Kommunikation und der Kunst noch besser verstanden wird, kurzum: wer Erfahrungen bieten will, die bleibenden Eindruck hinterlassen, kann nicht erst am Vorabend der Eröffnung damit anfangen. Können sich sehen lassen: Die bisher zehn Plakate der WPP in Oldenburg. (Fotos: Mediavanti / Montage: Kulturschnack) Aber was gibt es eigentlich alles zu tun? Wann muss es passieren? Und wer spielt dabei eine Rolle? Für die Antworten auf diese Fragen hat Lisa uns mitgenommen auf eine einjährige Reise. Sie hat uns berichtet, wie ihr „World Press Year“ aussieht: Von eben jener kurzen Phase, in der sie nach einer Ausstellung kurz durchatmet, über die vielen Monate der Begegnungen, Gespräche und Vorbereitungen bis zu den adrenalingetränkten Momenten vor der nächsten Eröffnung. Wir tauchen dabei ganz tief ein in die Welt der Pressefotografie, aber auch in Fragen der Ausstellungskonzeption. Wie gelingt es, eine Bildersammlung zu einem spektakulären Publikumserfolg zu machen? Das - und noch viel mehr - erfahrt ihr hier. Verlassen fühlt es sich an, das Dachgeschoss im Oldenburger Schloss . Wo in den letzten Wochen noch dutzende, bisweilen hunderte Menschen gleichzeitig durch die Flure drängelten und sich von etwa 130 spektakulären Bildern bewegen ließen, herrschen am Montag nach dem Ausstellungsende plötzlich Leere und Stille. Genau die spürt Organisations-Leiterin Lisa Knoll auch in sich: „In diesem Moment fehlt durchaus was“, gibt sie zu. „Der Abbau der Ausstellung dauert nur drei bis vier Stunden. Das ist zu wenig Zeit, um damit abzuschließen.“ Dicke Kiste: Die Bilder kommen sicher verpackt in Oldenburg an - und gehen genau so auch wieder auf die Rückreise. (Bild: Andreas Burmann) An den Gedanken, dass sie nun etwas Abstand gewinnen kann und ein paar Wochen ohne die WPP verbringen darf, muss Lisa sich erst gewöhnen. „Wir machen bei Mediavanti normalerweise gar keine Ausstellungen. Und dann wächst plötzlich wieder die Erkenntnis: Mensch, du bist ja eigentlich Redakteurin“, lacht sie. Auch wenn bereits ein Stapel anderer Arbeit auf sie wartet, bedeutet die kurze Verschnaufpause eine große Erleichterung: „Während der Ausstellung bin ich rund um die Uhr ansprechbar. Es tut gut, das Telefon abends einfach mal ausstellen zu können.“ Bereits im April findet alljährlich der Höhepunkt des WPP-Jahres statt. Im niederländischen Amsterdam - dem Sitz der World Press Photo Foundation - werden die besten Pressebilder des Vorjahres verkündet. Alles, was bis zum 31. Dezember eingereicht wurde, ist zu diesem Zeitpunkt von einer Fachjury gesichtet und bewertet worden. In Zahlen ausgedrückt: Über 60.000 Bilder von etwa 3.500 Fotograf:innen aus 130 Ländern. „Wir sitzen an diesem Tag ständig am Rechner und aktualisieren den Tab“, schmunzelt Lisa. Alle im Mediavanti-Team seien gleichermaßen gespannt auf die neuen Motive und hätten nach der Verkündung erstmal Redebedarf: Welche Bilder und Projekte mag man besonders gerne? Wo kommen die Preisträger:innen der drei globalen Kategorien Photo, Story und Long-Term Project? Wäre es realistisch, eine:n von ihnen nach Oldenburg zu holen? „Für uns geht es ab diesem Zeitpunkt richtig los, weil wir gleich Ideen entwickeln.“ Bunte Vielfalt: Neben den Sieger:innen in den vier Hauptkategorien werden im April auch die Regionalen Gewinner:innen verkündet - hier die Auswahl der WPP 2024 (Collage: World Press Photo Foundation) Für die Entscheidung über das Titelmotiv passieren zu diesem Zeitpunkt bereits Weichenstellungen. „Es müssen immer drei Faktoren stimmen: Das Bild, die Geschichte dahinter und die Person, die sie erzählt“, erklärt Lisa. Oft passe beim „Photo of the Year“ alles zusammen, einige Male habe man aber von dem Grundsatz abweichen müssen, es für die Oldenburger Ausstellung zu verwenden. „Die dramatischen Siegerbilder aus der Ukraine (2023) und dem Gaza-Streifen (2024) zu plakatieren, wäre pietätlos gewesen - da waren wir sofort alle einer Meinung.“ In diesen Fällen geht der Blick auf die Sieger:innen der Regionalentscheide - die mit Lee-Ann Olwage und Eddie Jim in den betreffenden Jahren hervorragende Alternativen boten. Während die Verkündung der Gewinner:innen im April die größte Öffentlichkeitswirkung besitzt, ist für das Medavanti-Team ein anderes Ereignis genauso wichtig. Erst im Folgemonat findet nämlich die feierliche Verleihung statt - und um dieses Ereignis stricken sich eine ganze Reihe anderer Veranstaltungen. Dazu gehört unter anderem das Treffen der Ausrichterstädte, von denen es im Jahr 2024 insgesamt 89 gab. „Die kommen natürlich nicht alle“, schränkt Lisa ein, unter anderem weil die Anreise für viele schlicht zu weit ist. Etwa zwanzig Delegationen seien in Amsterdam vertreten - und diejenige aus Oldenburg sei immer dabei. Für Lisa ist der Besuch sogar eine Art Heimspiel: Sie studierte an der Carl von Ossietzky Universität u.a. Niederlandistik. Erstes Bild: De Nieuwe Kerk hat sich als Heimat der World Press Photo Award Ceremony etabliert. Zweites Bild: Die Presträger:innen von 2024 fühlen sich im Inneren sichtlich wohl. (Bilder: Wikipedia Commons / Frank van Beek) Die regelmäßigen Besuche haben verschiedene Vorteile. Zum einen wüchsen auf diese Weise die Foundation und der Ausstellungsort Oldenburg enger zusammen, was die Zusammenarbeit deutlich vereinfache. „Noch wichtiger sind aber die Events mit den Preisträger:innen“, weiß Lisa. Zwar seien sie bei der offiziellen Zeremonie weniger gut ansprechbar, dafür gebe es aber andere Gelegenheiten, die dafür ideal seien: „Alle stellen ihre Projekte in kleineren Kreisen mit kurzen Impulsvorträgen vor. Da kann man sie ganz persönlich erleben, Fragen stellen und erste Kontakte knüpfen.“ So sei es auch beim Ehrengast der World Press Photo Ausstellung 2024 in Oldenburg gewesen. Eddi Jim hat in der De Nieuwe Kerk von seinem Fotoprojekt auf Fidschi erzählt, in dem er den Klimawandel für den Inselstaat im Pazifik thematisiert. „Ich habe sofort so eine Verbindung gespürt und gedacht: Der erzählt mit so viel Herzblut und so viel Leidenschaft, das kann ich mir total gut im Schloss vorstellen .“ Ein durchaus prophetischer Gedanke, wie sich später herausstellen sollte. Starker Storyteller: Eddie Jim gelingen nicht nur visuell besondere Eindrücke, auch verbal können seine Geschichten überzeugen. (Bild: Mediavanti) Nach Lisas Rückkehr wird die Auswahl des Plakatmotivs und des Ehrengastes im Team besprochen. „Ich darf dabei das Zünglein an der Waage sein“, freut sich die Redakteurin. „Schließlich habe ich persönliche Eindrücke gesammelt“. Und manchmal kann sie die Auswahl sogar mit ihrer eigenen Biographie verknüpfen: Eddie Jim lebt nämlich in Melbourne - jener Stadt, in der Lisa acht Jahre zuvor Praktika beim Goethe Institut und beim Radiosender SBS Australia machte. „Oft ist es aber so, dass sich das Bauchgefühl bestätigt, das sich in unseren Vorbesprechungen bereits abgezeichnet hat“, verrät die studierte Anglistikerin. Man kennt sich eben aus bei Mediavanti - nach zehn Jahren World Press Photo in Oldenburg. Bevor es daran geht, die Fotografin oder den Fotografen anzufragen, für die/den man sich entschieden hat, müssen aber noch andere Fragen geklärt werden. „Welches Budget steht uns zur Verfügung? Lässt sich die Anreise des Ehrengasts realisieren? Was haben wir mit der Person vor? Können wir noch etwas anderes drumrum stricken, damit sich der Aufenthalt mehr lohnt? Welche Kooperationen wollen wir noch eingehen? “, nennt Lisa eine ganze Reihe an Themen, die sich zu diesem Zeitpunkt aufdrängen. Drumrum gestrickt: Preisträger Eddie Jim verbindet seinen Besuch in Oldenburg mit einem Vortrag im Klimahaus Bremerhaven. (Bild: Ralph Langer / Klimahaus Bremerhaven) Mit den Entscheidungen konkretisieren sich auch die Tätigkeiten für das Mediavanti-Team, die in drei Bereiche aufgeteilt werden: „Alke zur Mühlen kümmert sich um Social Media und Marketing, Claus Spitzer-Ewersmann strickt das Rahmenprogramm, kümmert sich um Sponsoring und Kooperationen und übernimmt das Programmheft “, erklärt Lisa. Und sie selbst? „Ich bin für die gesamte Organisation verantwortlich, damit am Ende die Ausstellung auch so stattfindet, wie wir uns das vorstellen.“ Beruhigend: Zu diesem Zeitpunkt sind es noch acht Monate bis zur Eröffnung. Nachdem sich das Team intern auf einen Ehrengast geeinigt hat, bei dem die oben erwähnten drei Grundsätze erfüllt sind, folgt nun der entscheidende Schritt: Die offizielle Anfrage. Die ist aber mit weniger Unsicherheiten verbunden als man vermuten könnte: „Die Zusagen kommen immer sehr schnell“, berichtet Lisa. Es gehe an dieser Stelle auch noch nicht um alle Details, sondern vor allem um die Fragen: Zusage - Ja oder Nein? Und welche Honorarvorstellungen gibt es? „Wenn diese Fragen geklärt sind, muss man nicht alles noch schriftlich fixieren“, gewährt Lisa einen Einblick. „Die Branche funktioniert so, dass Worte etwas zählen. Wenn jemand zugesagt hat, kann man sich darauf verlassen.“ Dass die Anfragen so schlank verlaufen, liegt aber auch daran, dass es zu diesem Zeitpunkt noch kein Programm existiert, das man vorstellen könnte. Doch dessen Entstehung startet ebenfalls jetzt. „Wir halten immer die Augen offen, was mögliche Gäste angeht“, erzählt Lisa. Das sei eine ganzjährige Aufgabe, die auf ganz unterschiedlichen Wegen passiere: „Natürlich recherchieren wir viel: Wo arbeiten Fotograf:innen gerade an spannenden Projekten? Wäre es realistisch, sie einzuladen? Wer im Winter eine Fotoreise durch Patagonien macht, kommt nicht für einen Kurzbesuch nach Oldenburg.“ Andere Kandidat:innen fände man über die einschlägigen Instagram-Kanäle, oft seien es aber auch persönliche Tipps: „Es kommt immer wieder vor, dass unsere Gäste befreundete Kolleg:innen empfehlen, die ebenfalls spannende Projekte realisieren.“ Aufsteiger: Bei seinem ersten Besuch war Jonas Kakó noch zur Sonntagsmatinee zu Gast. Nach der Auszeichnung mit einem World Press Photo Award war eine Abendveranstaltung im Schloss die passendere Alternative. (Bild: Kulturschnack) Aus all den Hinweisen wird nun ein Puzzlespiel für das Programm: Wer eignet sich für eine Sonntagsmatinee, wer für einen Vortrag im Schloss? Ergänzen sich die Themen oder gibt es Doppelungen? „ Die Frage ist immer: Kann die Person einen 45-minütigen Vortrag alleine tragen? Oder fühlt sie sich in einem geführten Gespräch wohler? Das entscheiden wir mal so, mal so.“ Und manchmal kommt es sogar zu echten Karrieren: So war der aufstrebende Hannoveraner Fotograf Jonas Kakó zunächst in einer Sonntagsmatinee zu Gast, wo traditionell jüngere Fotograf:innen ihre Heimat haben. Doch dann gewann er den World Press Photo Award für die Region Nordamerika - und kehrte im Folgejahr mit einem Vortrag im Schlosssaal nach Oldenburg zurück. Ebenfalls im Juli beginnen die Vorüberlegungen der Sonderschau „ The Everyday Projects “ und dort vor allem die Frage, welches Thema dargestellt werden soll. Dabei richte man den Fokus - anders als die Hauptausstellung - nicht auf die Brennpunkte des Weltgeschehens, sondern auf Nischen, die sonst übersehen würden. „Durch die Umstellung des World Press Photo Awards auf regionale Entscheidungen sind die Kategorien Sport- und Naturfotos weggefallen. Man hat deshalb wenig Gelegenheit zum durchatmen“, ist sich die 33-Jährige bewusst. Diese Gelegenheit böten nun The Everyday Projects. Zwar würden dort auch Themen wie Klimawandel und bedrohte Tierarten aufgegriffen, jedoch mit anderem Ansatz: Die Bilder stammen von Fotograf:innen aus der jeweiligen Region. „Dadurch tritt der sogenannte 'Western Gaze' in den Hintergrund.“ Im Spätsommer wird es zunehmend konkret für das kleine Team der World Press Photo Ausstellung in Oldenburg. Das Kandidaten:innenfeld für das Rahmenprogramm dünnt sich aus bzw. wird endgültig fixiert. Bis dieser Prozess abgeschlossen ist, wird er insgesamt etwa sechs Wochen gedauert haben. „Man muss immer ein wenig aufpassen, dass man kein Thema auswählt, weil man es selber cool findet . Oldenburg muss es cool finden!“, lacht Lisa. Doch das Gespür trügt meistens nicht. „Wir sind uns in der Regel sicher, das unsere Auswahl gut zum allgemeinen Geschmack passt. Und das war bisher auch immer der Fall.“ Persönlicher Geschmack oder für alle interessant? Bei Xiomara Benders Nordkorea-Projekt gab es dazu Überlegungen. Doch viel spricht dafür, dass auch diese Veranstaltung auf große Resonanz stoßen dürfte. (Bild: Xiomara Bender) In diesen Wochen sind auch die eingeladenen Gäste selbst schon gefragt: Für Programmheft und Social Media müssen sie Projektbeschreibungen, Portraitfotos und Hintergrund-Informationen liefern. Auch Beispielbilder aus ihren Arbeiten sind nötig, um die Veranstaltungen vermarkten zu können. Mit den Entscheidungen und Konkretisierungen können nun auch die Locations gebucht bzw. reserviert werden. Und auch der Ehrengast rückt wieder in den Fokus: Sobald sich das Programm herauskristallisiert hat und seine bzw. ihre Auftritte feststehen, können Flüge gebucht und Hotelzimmer reserviert werden. Eine wichtige Rolle spielt auch das sogenannte „Arrangement & Orders Document“ der World Press Photo Foundation. „ Da trage ich alles ein: An welchem Tag muss die große Speditionskiste mit den Bildern geliefert werden? Wie gelangt die Spedition ins Schloss? Was ist meine Handynummer für Notfälle?“ Es gehe um viel Organisatorisches, auch etliche Detailfragen zur Ausstattung. „Alles, was mit der Foundation geklärt werden muss, läuft über meinen Tisch. Man hat so viel miteinander zu tun, dass man beinahe schon befreundet ist“, lacht Lisa. Maßarbeit: Lisa überprüft die Vorgaben der World Press Photo Foundation. Bevor es so weit ist, steht aber noch viel Arbeit an- (Bild: Andreas Burmann) Dies sind die Wochen der Feinarbeit. Zusätzlich zu weiteren Details für die Gastvorträge finden auch Absprachen mit den lokalen Kooperationspartner:innen statt. Das betrifft zum Beispiel die Workshops, die in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Oldenburg angeboten werden, aber auch die außerordentlich erfolgreichen Schüler:innenführungen . „Die sind inzwischen aber schon so versiert, dass das weitgehend von allein läuft“, freut sich Lisa. Es gehe vor allem um die Abstimmung, welche Vormittage für die Schüler:innenführungen freigehalten werden, damit alles im Programmheft veröffentlicht werden kann und keine weiteren Führungen parallel laufen. Schöner Ort: Die Sonntagsmatineen hatten in der Buchhandlung Isensee ein echtes Stammpublikum. Ob es mit umzieht an den neuen Ort? (Bild: Mediavanti) Manchmal gibt es auch größere Neuerungen zu organisieren. So wanderten die beliebten Sonntagsmatineen zur 10. Ausstellung von der Buchhandlung Isensee zunächst ins Café Woyton , bevor sie im Folgejahr ins Café Extrablatt in der Wallstraße wandern sollten. „Das ist ein Experiment“, ist sich Lisa bewusst. „Wir wollten Kaffee und Croissants anbieten, um es noch etwas gemütlicher zu machen. Zudem haben wir uns gefragt, ob wir noch anderes Publikum erreichen können.“ Dafür sei trotz der angenehmen Atmosphäre am alten Platz ein Ortswechsel nötig gewesen. Wechselnde Orte haben auch die neuen und außergewöhnlichen Formate. Früher gab es mal den Foto-Slam im Polyester Klub , zuletzt den Impro-Slam in einem Hörsaal der Universität. Ins Core geht es dagegen im Jubiläumsjahr für eine neue Improveranstaltung mit SpontanOL -Mastermind Jürgen Boese. Die Vorbereitung für das Event laufen ebenfalls schon zu diesem Zeitpunkt an.. Die Feinarbeit setzt sich fort. Trotz des frühen Starts im August trudeln erst im Laufe des Oktober die letzten Inhalte für das Programmheft ein - darunter manchmal auch Gastbeiträge von Kulturschnackern. Doch auch manche Fotograf:innen kommen aufgrund längerer Reisen erst jetzt dazu, das angefragte Material zu übersenden. Nun wird alles zusammengführt, miteinander kombiniert und in vielen Schritten optimiert. Gut Ding will Weile haben: Bis aus den ersten Ideen das fertige Programmheft der World Press Photo Ausstellung wird, vergehen einige Monate. (Bilder: Mediavanti) Zudem werden in diesen Tagen die Zuständigkeiten innerhalb des Teams geklärt: „Im Herbst legen wir fest, wer von uns die Veranstaltungen moderieren wird und wer sie ansonsten betreut - also ein paar Fotos macht und einfach mal ein Kabel von A nach B trägt.“ Das passiere immer mit einer Vertretung, damit im Notfall ein Backup vorhanden sei. Auch sie selbst übernehme dabei Moderationen - auch wenn sie als Organisationsleiterin sowieso schon viel um die Ohren hat. „Ich mache das einfach gern“, nennt sie die beste aller Begründungen - und nimmt dafür die Mehrbelastung in Kauf, Nachem alle Inhalte angeliefert worden sind, geht es im November an die Feinheiten der Gestaltung des Programmhefts. Auch der eine oder andere Text will noch geschrieben werden, geht aufgrund des spannenden Materials aber in der Regel leicht von der Hand. Obwohl das Programmheft erst Anfang Januar online verfügbar sein wird und erst im Januar im Stadtgebiet ausliegt, muss der Prozess bereits anlaufen, da mit Abstimmungen und Korrekturen stets viel Zeit verstreicht. Doch die routinierte Zeitplanung sorgt dafür, dass bei dieser Frage keine Stressmomente mehr entstehen. Boden der Tatsachen: Für das Layout der „Everyday Projects“ reicht der Schreibtisch nicht aus. (Bild: Mediavanti) Auf Lisa wartet zudem noch eine angenehme Aufgabe: Nämlich die Gestaltung der Sonderschau. „Es macht wirklich Spaß, die Ausstellung selber zu layouten. Die Fotoauswahl übernimmt zwar die Kuratorin. Aber wie das in Oldenburg gehängt wird, das entscheide dann ich“, erklärte die Organisations-Leiterin nicht ohne Stolz. Zwar schicke sie ihre Entwürfe nochmal zur Freigabe an die Everyday Projects, aber in der Regel kämen keine großen Veränderungen. Danach gehe es an das Übersetzen der Texte die allesamt auf Englisch zugliefert würden. „Dabei muss man hier und da etwas kürzen, damit der Inhalt auf unsere zweisprachigen Hinweistafeln passt.“ Nach der zweiten Korrekturschleife sei dann aber immer alles druckreif, ergänzt Lisa schmunzelnd. Während das Jahr langsam ausklingt, nähert sich ein besonderer Moment im Vorfeld der Ausstellungseröffnung: die alljährliche Auftakt-Pressekonferenz. Sie ist ein Kristallisationspunkt für all die Vorarbeiten, die in den letzten Monaten stattgefunden haben. „Bis zu diesem Zeitpunkt müssen alle Deals fix sein, die zuvor vielleicht noch in der Schwebe waren. Schließlich wollen wir hier etwas vorzeigen. Und wenn wir drüber reden, müssen wir wissen: Das ist fix", betont Lisa. Das mediale Interesse ist immer groß und reicht weit über die Stadtgrenzen hinaus. Schließlich gibt es die World Press Photos selbst in der benachbarten Großstadt wie Bremen nicht zu sehen. Handfeste Neuigkeiten: Spätestens wenn die Auftakt-Pressekonferenz stattfindet, sollte alles in trockenen Tüchern sein. (Bild: Andreas Burmann) Wichtig ist zum Jahresende zudem ein organisatorisches Thema, nämlich die Auswahl des Teams für die Ausstellungsbetreuung - also für Garderobe, Infotisch und weitere Aufgaben. „Es ist immer eine Kombination aus alten Hasen, die wiederkommen, und neuen Leuten, die du erst finden musst“, beschreibt Lisa die Mischung. Letzteres geschehe aber oft über das vorhandene Personal, das etwa Mitbewohner:innen weiterempfioehlt. Für die zehn his fünfzehn Personen werden dann Dienstpläne entwickelt und ein Briefing-Treffen organisiert. „Wichtig ist, dass sie gute Arbeit machen, aber auch Bock auf die Ausstellung haben“, betont Lisa. Schließlich seien auch sie die Gesichter der WPP und vermitteln idealerweise eine Begeisterung fürs Thema. Im Januar beginnt schließlich die Phase, in der die World Press Photo Ausstellung auch für die Allgemeinheit sichtbar wird. Zwar tauchen rund um die Auftakt-Pressekonferenz bereits eine Reihe von Presseberichten auf - doch die bleiben vergleichsweise abstrakt. Nun aber taucht an den Litfaßsäulen und Plakatwänden in der Stadt wieder die markante Kombination aus starkem Fotomotiv und viel Weißraum auf. Mit Ausnahme des Siegerbildes von 2021, das als bisher einziges Hochformat eine andere Gestaltung verlangte, hat sich das Design fest etabliert und sorgt für große Aufmerksamkeit. Bei vielen Fans der WPP entwickelt sich die alljährliche Vorfreude, sobald sie das Plakat entdecken. Doch noch sind es einige Wochen bis zum Start. „Mit dem Plakat hätten wir eigentlich anfangen können, sobald der Ehrengast feststeht“, stellt Lisa fest. Doch während Motiv und Design-Vorschriften schnell feststünden, ändere sich bei den Kopperationspartner:innen und Sponsor:innen immer wieder etwas. „Eigentlich fällt nie jemand weg - aber es kommen immer wieder neue dazu.“ Und die wollen natürlich ihr Logo auf dem Plakat sehen. Deshalb passiert auch dieser Arbeitsschritt wie so vieles rund um die Eröffnung einer Ausstellung: Just in time. Leicht zeitversetzt findet auch das kleinformatige Programmheft seinen Weg an die vielen Auslagestellen. Hier macht sich die viele Arbeit bezahlt, die das Mediavanti-Team im vergangenen Herbst hineingesteckt hat. All das, was im Laufe des Jahres erdacht, abgesprochen, konzipiert und organisiert wurde, ist in dieses Ergebnis eingeflossen. Dass man an dieser Stelle bereits einen Blick auf einige Bilder der Ausstellung werfen kann, wertet die Bedeutung sogar noch etwas auf. Das kleine Heft macht neugierung - und erfüllt damit genau seinen Zweck. Die Ruhe vor dem Sturm: Die Aufbauwoche vor der Eröffnung hat es in sich. Lisas Stesslevel liegt trotzdem nur „bei 6 bis 7“ - und es bleibt Zeit für ein Lächeln. (Bild: Andreas Burmann) Mit dem Februar beginnt der intensivste Monat des Jahres. Nicht erst mit dem Ausstellungsbeginn, sondern schon deutlich früher beginnt die „heiße Phase“ der World Press Photo Ausstellung in Oldenburg. Um die Aufbauwoche - also die vier Werktage vor der Vernissage am Freitag - möglichst zu entzerren, finden einige Aufbauarbeiten bereits in der ersten Februarwoche statt: So werden die Sitzmöbel geliefert und auch die Sonderschau „The Everyday Projects“ ist bereits vor Ort und kann gehängt werden. Richtiggehend wild wird es aber erst in der zweiten Woche: „Das ist für mich immer eine 70-Stunden-Woche. Aber eine, die ich sehr gerne mache“, ist sich Lisa der Herausforderung bewusst. Am Montag könne man noch die eine oder andere Besorgung machen. „Von Dienstag bis Sonntag bin ich dann aber gefühlt durchgehend im Schloss.“ Die Termine seien einfach sehr dicht gedrängt und ließen sich teilweise nicht weiter entzerren, weil viele Schritte die Anwesenheit der Kuratorin der World Press Photo Foundation vorsähen - und die käme erst am Mittwoch vor der Ausstellung. Alles nach Plan: Im Schloss hat Lisa das Kommando. Niemand kennt die Abläufe und Erfordernisse so gut wie die Organisationsleiterin. {Bild: Andreas Burmann) Bereits tags zuvor treffen die Bilder ein und müssen ins Dachgeschoss verfrachtet werden. „Eigentlich ist es Routine“, berichtet Lisa, betont dabei aber das erste Wort. Mit einem Schmuzeln ergänzt sie: „Das Landesmuseum ist ein sehr altes Haus. Wir haben nicht die Möglichkeit, die sperrigen, schweren Foto-Kisten in einen riesigen, geräumigen Aufzug zu schieben.“ Der vorhanden Lastenaufzug dürfte nicht schmaler sein und verlange stets Millimeterarbeit. „Wenn wir mit den beiden Kisten die Ausstellungsräume erreicht haben, machen wir schon mal drei Kreuze. Immerhin müssen wir sie sehr vorsichtig behandeln und wollen natürlich auch die Türrahmen im Landesmuseum heil lassen.“ Am Mittwoch erfolgt die gemeinsame Begehung der Räumlichkeiten mit der Kuratorin und das Layout der Ausstellung. „Die Kisten werden dann erst ausgepackt. Wir dürfen sie nicht öffnen, bevor die Kuratorin da ist .“ Noch am selben Tag geht es auch zum Flughafen nach Bremen, um dort den Ehrengast abzuholen und beim Check-in im Hotel zu unterstützen. Anschließend finden erste Warmup-Gespräche statt - gerne bei einem gemütlich Kaffee . Am Donnerstag schließlich begleitet Lisa ihren Ehrengast zu verschiedenen Presseterminen, führt zusammen mit Claus Spitzer-Ewersmann die Oldenburgische Museumsgesellschaft vorab durch die Ausstellung und klärt nebenbei all die offenen Fragen, die kurz vor einem so großen Event auftauchen. Der schönste Lohn: Begeisterte Gäste wie Lee-Ann Olwage, die 2024 in Oldenburg zu Gast war und sowohl die Stadt als auch Lisa ins Herz geschlossen hat. (Bild: Andreas Burmann) Und wie behält man bei alledem den Überblick? „Ich habe eine siebenseitige Dispo-Liste, auf der ich alles abhaken kann“, erzählt Lisa. „Das ist in dieser Phase gewissermaßen mein Hirn, da steht alles drin.“ Schon im August beginne sie damit, diese Liste anzulegen - in der heißen Phase sei sie Gold wert. Wenn am Freitag dann die feierliche Vernissage und am Samstag die große Eröffnung der World Press Photo Ausstellung stattfinden, dann spürt das Publikum von all diesen Vorarbeiten: alles und nichts. Alles - weil es eine Ausstellung erlebt, die Pressebilder tatsächlich nicht nur zeigt, sondern in einen Kontext stellt und die dadurch Erlebnisse bietet, die bleibenden Eindruck hinterlassen. Und dafür war es eben nötig, dass man mit den Planungen ein Jahr vorher beginnt. Gleichzeitig spürt das Publikum nichts von all der Arbeit und dem Aufwand hinter den Kulissen. Es darf ein perfekt vorbereitetes Ereignis genießen und sich voll und ganz darauf konzentrieren. Und Lisa? Sie wird bis zum letzten Tag der Ausstellung jederzeit ansprechbar sein, ihr Telefon niemals ausstellen und sich um unzählige Details kümmern. Danach warten wieder drei Wochen WPP-Pause auf sie - bevor das nächste World Press Year beginnt.











