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  • VOM KINO ZUM KULTURORT

    „Gut Ding will Weile haben“: Sollte dieses alte Sprichwort auch nur einen Funken Wahrheit besitzen, darf Oldenburg sich im Fall des GLOBE auf einen Kulturort der Extraklasse freuen. Immerhin sind acht Jahren vergangen, seitdem eine Kulturgenossenschaft das ehemalige britische Militärkino erwarb, um es zu einem Treffpunkt für den neuen Stadtteil umzugestalten. Doch nun verdichten sich die Anzeichen, dass es seiner Bestimmung bald nachkommen darf. Kurz vorm Ziel: Zwar sind die Umbauarbeiten am GLOBE noch nicht abgeschlossen, doch der Flyer ist schon im Präsens formuliert Der Enthusiasmus war enorm. Als sich im Jahr 2017 die Chance abzeichnete, im Zuge der Konversion der Donnerschwee-Kaserne das alte Militärkino aus dem Jahr 1954 mit seinen 408 Sitzplätzen für einen Betrag von 225.000 Euro erwerben und eigenständig sanieren zu können, fanden sich schnell etliche Begeisterte, die bei dem Projekt mitmischen wollten. Kein Wunder: Schließlich ging es darum, einerseits ein Stück Stadtgeschichte zu bewahren, andererseits aber auch einen kulturellen Impuls für den neuen Stadtteil zu geben. Aus den zunächst elf Gründer:innen der GLOBE Kulturgenossenschaft wurden bald 800 tatkräftige Mitglieder. Doch nach dem Kauf folgte der Reality Check: Die Gemeinschaft musste lernen, was es bedeutet, wenn man eine baufällige Immobilie sanieren möchte, dabei auf öffentliche Fördermittel und private Spenden angewiesen ist und das alles auch noch ehrenamtlich passieren soll. Trotz des erwähnten Enthusiasmus erwies sich das Ziel, das Kino schon ab 2019 wieder für Kulturveranstaltungen zu nutzen, als illusorisch. Aus zwei Jahren wurden bisher acht. Doch die eingeschworene Gruppe arbeitet weiterhin unermüdlich daran, den großen Traum zu verwirklichen - und ist nun schon ganz nah dran, wie Ulrike Pietsch vom Aufsichtsrat der Kulturgenossenschaft verrät. GLOBE PREVIEW FESTIVAL „ EIN TRAUM WIRD WAHR– EINE IDEE FINDET IHREN WEG “ 7. NOVEMBER BIS 9. NOVEMBER 2025 GLOBE BEVERBÄKER WIESEN 4 26123 OLDENBURG PROGRAMM / TICKETS Versuche und Vorahnungen Nah dran - das war man gefühlt schon häufiger. Denn immer wieder haben bereits Veranstaltungen im, am und ums Globe herum stattgefunden. So wurde es schon lange vor der Fertigstellung vielleicht nicht zum Mittel-, immerhin aber zum Bezugspunkt für den neuen Stadtteil. Dabei deutete es immer sein großes Potenzial an. Denn auch wenn viele Veranstaltungen einen Versuchscharakter hatten und nur eine Vorahnung dessen boten, was eines Tages möglich sein würden, stimmte doch immer eines: Die Resonanz. Spannende Einblicke: Im Jahr 2024 warb die GLOBE Kulturgenossenschaft um Spenden zur Schließung einer letzten Finanzierungslücke in Höhe von 170.000 Euro. Das dafür produzierte Video ist auch heute noch sehr interessant. (Video: GLOBE eG) Kein Zweifel: Das GLOBE wurde in Neu-Donnerschwee und darüber hinaus schon ins Herz geschlossen, bevor es sein volles Potenzial entfalten konnte. Großzügig sah man darüber hinweg, dass der Spannungsbogen von der Gründung der Genossenschaft bis zur offiziellen Inbetriebnahme immer weiter und weiter gespannt wurde. „Hätte uns 2017 jemand gesagt, dass wir so lange brauchen, hätten wir wahrscheinlich ungläubig gelächelt – und trotzdem gesagt: Ja, wir machen das!“, ist Ulrike überzeugt. Natürlich habe man beim Start nicht gewusst, wie viel Geduld, Ausdauer und Improvisation das Projekt erfordern würde. Aber: „Der Enthusiasmus und die Unterstützung aus der Stadtgesellschaft haben uns immer wieder getragen. Wir haben so viele Menschen erlebt, die an das GLOBE glauben – das gibt Kraft, auch durch die schwierigen Phasen. Klinker statt Kultur Hinter der Genossenschaft liegt tatsächlich eine ereignisreiche und anstrengende Zeit. Die optimistischen Hoffnungen auf eine reibungslose Sanierung zerschlugen sich schnell, stattdessen entdeckte man immer neue Herausforderungen. Imponierend ist, dass es trotz dieser wiederkehrenden Frustrationsmomete zwar zu einer Verlangsamung kam, nicht aber zu einem Stillstand. Der anfängliche Enthusiasmus mag hier und da mal Anzeichen der Ermüdung gezeigt haben, in seinem Kern hat er aber bis heute Bestand. Denn auch wenn es oft genug nicht ums Anpacken ging, sondern ums Ausfüllen von Formularen und auch wenn statt eines Kulturprogramms eher Dämmung und Dachziegel Thema waren, ist das GLOBE in den Jahren seit 2017 kontinuierlich im Gespräch geblieben - und hat stets alle Möglichkeiten genutzt, die sich boten. Sei es ein improvisiertes Fest vor Ort oder ein Schaufenster in der Innenstadt. Geballtes Programm: Das Preview Festival mit seiner MIschung aus Musik, Film, Schauspiel, modernem Zirkus und Lesung deutet die Vielfalt an, die im GLOBE bald regulär zu erleben ist. (Bilder v.o.l.n.u.r.: Dagmar Thieß, Petia Rousseva, Nils Jöhnk, Kai Hebestreit, Wild Bunch, Julia Bogdanova) „Inzwischen beschäftigen wir uns noch zu etwa 70 Prozent mit dem Bau und zu 30 Prozent mit Kulturplanung“, verrät Ulrike, die sich beim GLOBE um Finanzen und Organisation kümmert. Doch dieses Verhältnis verschiebe sich immer wieder. „Baulich stehen wir kurz vor entscheidenden Schritten: Der Innenausbau läuft, die technische Ausstattung – insbesondere Licht, Ton und Bühnentechnik – ist in Vorbereitung, und auch die Außenanlagen werden bald Gestalt annehmen“, nennt sie die nächsten Meilensteine und weckt mit einer Ergänzung augenblicklich Vorfreude: „Parallel dazu planen wir bereits die erste Spielzeit und die Kooperationen, damit das Haus nach der Fertigstellung sofort mit Leben gefüllt ist. Das Ende eines Marathons Nun wäre es vermessen zu sagen, dass die Vorfreude in der Stadt während der letzten acht Jahre stetig wuchs. Das war ganz sicher nicht der Fall. In manchen Teilen von Bloherfelde, Ofenerdiek oder Bümmerstede geriet das GLOBE womöglich gar in Vergessenheit. Aber wer würde es jemandem verübeln, wenn man über beinahe eine Dekade hinweg nicht ständig am Ball bleibt? Und sowieso hat Quartierskultur es in Oldenburg nicht so leicht. Die Stadt ist nicht nur strukturell, sondern auch kulturell weitgehend monozentristisch aufgebaut. Das heißt: Alle Wege führen in den Kern, die einzelnen Stadtteile haben - von Ausnahmen abgesehen - keine eigenen Theater oder Bühnen. Umso beachtlicher ist es, wenn das GLOBE nach all den Jahren immer noch eine hohe Präsenz genießt. Nicht durchgehend an jedem Tag - doch wenn etwas los ist, hören die Menschen hin und kommen gern. Sollte das ein Vorgeschmack auf die Zukunft sein, dürfen wir einiges erwarten.  Eigentlich nah dran: Mit dem Rad ist man in weniger als einer Viertelstunde von der Innenstadt beim GLOBE. (Karte: OpenStreetMap/Kulturschnack) Nachdem das GLOBE zu den Tagen des offenen Denkmals in den letzten Jahren beinahe schon traditionell seine Pforten öffnete und im Frühjahr 2025 zum Schaucafé eingeladen hatte, steht mit dem Preview-Festival nun der erste größere Programmpunkt im Inneren des alten Kinos an. Und das hat Symbolkraft: Denn das hat nicht nur mit der unangenehmen Novemberwitterung zu tun, sondern vor allem damit, dass die Sanierungsarbeiten weit fortgeschritten sind und erste Nutzungen zulassen. „Wären der Umbau ein Marathonlauf, dann wären wir jetzt in etwa bei Kilometer 36“, ordnet Ulrike ein. Das heißt: Der größte Teil ist bewältigt, die besonders kraftraubenden letzten Kilometer liegen aber noch vor dem GLOBE. „Die großen Etappen sind geschafft, doch jetzt geht es um Feinarbeit, Abstimmungen und um all die kleinen Details, die am Ende dafür sorgen, dass alles wirklich funktioniert und schön wird.“ Wohnzimmer für den Stadtteil Noch sind nicht alle Handgriffe getan. Man braucht noch etwas Fantasie um sich die Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart vorzustellen, die das GLOBE bald auszeichnen wird. Deutlich spürbar ist dagegen eines: Die Fertigstellung des Innenausbaus wird ein Meilenstein für das GLOBE sein - und ihr sind wir nun wieder ein großes Stück näher gekommen. Für die Beteiligten entsteht in diesen Tagen eine Gefühlsmischung aus Erleichterung, Stolz und Vorfreude, verrät Ulrike. „Wir sehen das Haus wachsen, wir hören schon jetzt Stimmen und Musik in Gedanken durch die Halle klingen. Nach Jahren des Planens, Antragschreibens, Bauens und Diskutierens wird der Traum endlich greifbar. Und genau das spürt man auch im Team – diese besondere Energie, die entsteht, wenn Vision Wirklichkeit wird. Baufällig: Der Zustand des GLOBE war zum Zeitpunkt des Kaufs im Jahr 2018 alles andere als gut. Das hat sich inzwischen deutlich verändert. (Bild: Andreas Burmann) Apropos Nutzen: Das Programm des Preview Festivals ist im besten Sinne bunt und bietet sehr viele unterschiedliche Programmpunkte. Da drängt sich die Frage auf, ob es auch im regulären Programm diese Abwechslung geben wird? „Absolut“, betont Ulrike, die einst als direkte Nachbarin Teil des GLOBE Projekts wurde . „Das Preview-Festival ist genau das, was das GLOBE später im Alltag sein soll: ein Ort für Vielfalt, Austausch und kreative Energie.“ Mit dem Programm wolle man zeigen, dass künftig ganz unterschiedliche Formate und Akteur:innen zusammenkommen können – von Theater und Konzerten über Lesungen, Filmabende und Feste bis zu Bildungsprojekten. „Das GLOBE soll ein offenes Wohnzimmer für den Stadtteil werden – ein Ort der Begegnung, an dem sich Kunst, Nachbarschaft und Bildung selbstverständlich mischen. Es wird ein Raum sein, in dem man Neues ausprobieren, voneinander lernen und gemeinsam feiern kann. Wir wollen zeigen, dass Kultur ein verbindendes Element ist – mitten im Leben, nicht abgehoben davon.“ Weiterhin Baustelle: Auch nach acht Jahren ist noch schweres Gerät im Einsatz. Doch die Fertigstellung rückt langsam in greifbare Nähe. (Bild: Kulturschnack) Das GLOBE als Vorbild Was auch immer auf der Bühne geboten wird, eines scheint gewiss: Das Interesse und die Unterstützung der Bevölkerung. Die einen kommen, weil das GLOBE so nah ist - die anderen, weil sie neugierig sind, wie Stadtteilkultur in einem charakterstarken Ambiente aussehen kann. Insofern genießt das alte Kino eine Vorbildfunktion. Zwar wird man nicht überall in Oldenburg historische Gebäude finden, die änliches Potenzial besitzen - das eine oder andere Nachahmerprojekt hätte allerdings Charme. Natürlich wäre zu wünschen, dass eine vergleichbare Sanierung reibungsloser und zügiger abläuft als es bim GLOBE der Fall war. Aber das Ergebnis in Neu-Donnerschwee zeigt, wie wichtig und wertvoll - und vor allem: erfolgreich - der Einsatz der vielen Ehrenamtlichen war. Trotz der Durststrecken bei der Sanierung empfiehlt Ulrike Gleichgesinnten durchaus die Nachahmung. Allerdings: mit offen Augen. „ Ein Projekt wie dieses braucht langen Atem, viel Teamgeist und die Bereitschaft, immer wieder neu zu denken“, gibt sie zu bedenken. „Es ist kein leichter Weg, aber ein unglaublich lohnender. Wenn man eine gemeinsame Vision hat und eine starke Gemeinschaft hinter sich, kann daraus etwas entstehen, das weit über ein einzelnes Gebäude hinaus wirkt." Kinokultur: Der Eingangsbereich wird nach der Sanierung etwas anders aussehen, aber einiges vom unvergleichlichen Charme der 1950er Jahre konnte erhalten werden. (Bilder: Stadtmuseum Oldenburg) Ungebremste Begeisterung Man muss der Kulturgenossenschaft und ihren Mitgliedern dreifach dankbar sein. Erstens haben sie ein Stück Stadtgeschichte bewahrt, das gerade wegen seiner vermeintlichen Alltäglichkeit stellvertretend steht für eine besondere Phase und Facette der Oldenburger Vergangenheit. Zweitens haben sie die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Kultur in Neu-Donnerschwee eine wundervolle Heimat bekommt und dass der Stadtteil im Nukleus GLOBE noch weiter zusammenwachsen kann. Und drittens haben sie gezeigt, wie weit man mit bürgerschaftlichem Engagement kommen kann. Aus einem kühnen Traum oder einer verrückten Idee wurde tatsächlich Realität. Dass die Umsetzung lange andauert, schmälert die Leistung der Beteiligten nicht etwa, sondern erhöht sie noch. Es ist imponierend, wie sie über einen so langen Zeitraum durchgehalten haben und dabei nicht nur immer fleißig blieben, sondern auch kreativ. Wer selbst nur mal eine Wohnung renoviert oder ein Eigenheim saniert hat, weiß vielleicht, viel schnell die anfängliche Begeisterung verloren gehen kann. Etliche Maßnahmen überstehen den Reality Check nicht. Beim GLOBE aber ist jener enorme Enthusiasmus noch spürbar, der das Projekt von Anfang an ausgezeichnet hat. Dieser Spirit wird ganz besonders auch beim Preview Festival im November 2025 spürbar sein. Also: Seid dabei, wenn aus dem Kino endlich ein Kulturort wird.

  • STEUERFREIES VERGNÜGEN

    Was haben Grundbesitz, Hunde und Getränke gemeinsam? Ganz einfach: Kommunen können Steuern auf sie erheben - und das tun sie vielerorts auch. Besonders kurios: Seit dem 19. Jahrhundert wird in Deutschland auch Vergnügen mit einer Zwangsabgabe belegt! Die gleichnamige Steuer betrifft nicht nur Glücksspiele, sondern auch Tanzveranstaltungen oder Filmvorführungen, also kulturell geprägte Ereignisse. Viele Jahre galt das auch in Oldenburg, doch es gibt gute Nachrichten: Ab dem 1. Januar 2026 ist es damit vorbei . Schwer zu unterscheiden: Wann ist ein Konzert eine Tanzveranstaltung - und wieso wird beides unterschiedlich besteuert? Diese Fragen stellen sich mit der Veränderung der Vergnügungssteuer-Satzung nicht mehr. (Bild: Kulturschnack) Wie genau es einst dazu kam, dass die öffentliche Hand es für steuerpflichtig hielt, wenn jemand seinem inneren Tanzdrang nicht mehr widerstehen konnte? Das ist heute schwer zu rekonstruieren. Zumindest sollten mit den Einnahmen keine kaiserlichen Schlachtschiffe refinanziert werden, so wie es im Jahre 1902 bei der Schaumweinsteuer der Fall war. Einiges spricht dafür, dass die „Tanzsteuer“ einst als einfache Einnahmequelle ersonnen wurde. Sie galt bei ihrer Einfühung im 19. Jahrhundert nämlich als Luxussteuer, die nur wenige Privilegierte betraf, die es sich leisten konnten. Warum es sie bis heute gibt? Das ist eine gute Frage, schließlich hat sich der gesellschaftliche Blick auf Tanzveranstaltungen aller Art genauso gewandelt wie sie selbst. Aber wie es mit Steuern so ist: Sind die erstmal da, bleiben sie auch. Schließlich gibt es auch die Schaumweinsteuer noch, obwohl Deutschland weder einen Kaiser hat noch Schlachtschiffe baut. Das reinste Vergnügen: Ein außergewöhnliches Ereignis wäre von der Neuregelung betroffen, macht derzeit aber eine unbefristete Pause. (Bild: Kulturschnack) Doch es kommt Bewegung in die Sache. In den letzten Jahren haben sich mehr und mehr Kommunen dazu entschlossen, die Vergnügungssteuer defferenzierter zu betrachten. Während beispielsweise Spielautomaten weiterhin besteuert werden - nicht zuletzt wegen des hohen Suchtrisikos - wurden in manchen Städten einzelne Bereiche von der Vergnügungssteuer ausgenommen. Und das betrifft in erster Linie die kulturnahen Formate wie Tanzveranstaltungen und Filmvorführungen. Und genau das passiert nun auch in Oldenburg. Besteuerung nicht mehr zeitgemäß Bisher hatte die Stadt Vergnügungssteuer auf die im Stadtgebiet veranstalteten „Vergnügungen gewerblicher Art“ erhoben. Neben der Besteuerung von Geldspielgeräten, Schaustellungen von Personen, Filmvorführungen im Sinne des Jugendschutzgesetzes und „Catcher/-Ringkampfveranstaltungen mit berufs-/gewerbsmäßig Ausführenden“ unterlagen bisher auch Tanzveranstaltungen der Vergnügungssteuer. In einer Pressemitteilung teilte die Stadt nun mit, dass sie künftig auf die Erhebung der Vergnügungssteuer für Tanzveranstaltungen verzichtet. Das hatte der Rat in seiner Sitzung am 29. September 2025 einstimmig beschlossen. Die bestehende Vergnügungs-Steuersatzung soll zum 1. Januar 2026 entsprechend geändert werden. Dazu wird der Begriff „Tanzveranstaltungen“ in der Auflistung der als steuerpflichtig definierten „Vergnügungen gewerblicher Art“ gestrichen. Tanzen für die Zukunft: Der Rave der ravers4future wäre ebenfalls unter die Neuregelung gefallen. (Bild: Kulturschnack) Aus Sicht der Verwaltung kann die „Besteuerung von Tanzveranstaltungen und der damit verbundene ordnungspolitische Lenkungszweck nicht mehr als zeitgemäß eingestuft werden“. Darüber hinaus entfallen mit der Abschaffung der Vergnügungssteuer auf Tanzveranstaltungen Schwierigkeiten in der Abgrenzung zu anderen Kulturveranstaltungen wie etwa Konzerten. Im Text heißt es weiter: „Der Verzicht auf die Besteuerung stärkt zudem die kulturelle Vielfalt und Attraktivität des städtischen Nachtlebens und verbessert die Rahmenbedingungen für Clubs, Veranstalterinnen und Veranstalter sowie Kulturschaffende.“ Nerv des Publikums getroffen Das Echo in der Bevölkerung war eindeutig: 1.500 Likes hagelte es für die Verkündung dieser Nachricht auf den Social Media Kanälen der Stadt und des Kulturschnack. Zwar fragten einige Kommentatoren nach einer Gegenfinanzierung. Angesichts der entfallenden Einnahmen von lediglich 35.000 Euro bei einem Gesamtvolumen des Haushalts von 882 Millionen Euro darf man diese Frage allerdings als eine Marginalie bezeichnen - auch wenn sie grundsätzlich natürlich berechtigt ist. Alles geregelt: Wenn der DJ ans Pult geht, klingelt in Zukunft nicht mehr die Stadtkasse, sondern nur die Ohren der Tanzenden. (Bild: Izabela Mittwollen) Machen wir uns nichts vor: Es wird wohl weiterhin der Normalfall sein, dass uns Steuern dauerhaft erhalten bleiben, wenn sie einmal eingeführt wurden. Deshalb zahlen wir weiterhin einen Obolus, wenn wir Schaumwein trinken, auch wenn sich der Bedarf an Schlachtschiffen heutzutage in Grenzen hält. Es zeichnet eine Demokratie - und die Lokalpolitik - jedoch aus, wenn sie trotzdem genau hinschaut und überprüft, ob alle Einnahmequellen noch so zeitgemäß sind, wie sie vielleicht einst waren. Dass die Parteien in Oldenburg einstimmig für die Veränderung der Vergnügungssteuer zugunsten der Tanzveranstaltungen votierten, macht das Zeichen besonders stark. Denn es ist vor allem eins: Ein positives Signal für die Kultur. Auch wenn die Entlastung nicht sehr hoch erscheint, ist die Botschaft eine wichtige. Denn sie lautet: Kultur - auch im weiteren Sinne - ist wichtig für Oldenburg und soll nicht unnötig belastet werden.

  • SCREEN TIME #3: ERKAN ACAR

    Das 32. Internationale Filmfest Oldenburg hat begonnen - und der Kulturschnack ist mitten drin! Für unser Format SCREEN TIME treffen jeden Tag eine Person aus dem Festivalbetrieb: Regisseur:innen, Schauspieler:innen oder jemand ganz anderen. Mit ihnen sprechen wir über die Filme, das Kino, die Unabhängigkeit und was uns sonst noch einfällt. Das Ergebnis? Findet ihr als Video auf unserem Insta-Kanal - und als Interview hier! Zwischen Leben und Tod: Da muss eine Schlüsselszene geradezu auf einem Friedhof spielen. (Bilder: Mavie Films, Canva, Kulturschnack) Den kenn' ich doch! So oder so ähnlich lautet der erste Gedanke, bei vielen Menschen, wenn sie Erkan Acar begegnen. Bei uns wäre es sicher auch so gewesen, hätten wir nicht schon vorher gewusst, dass wir ihn treffen würden. Wir waren also vorab im Bilde, dass uns ein sehr sympathischer Mensch gegenüber sitzen würde, der in zahlreichen deutschen Komödien und Krimis als Schauspieler mitgewirkt hat und der deshalb vielen Menschen bekannt vorkommt. Hier aber sitzt er uns in anderer Funktion gegenüber. Erkan ist nämlich auch Drehbuchautor, Regisseur und Produzent ( Mavie Films ) . In Oldenburg feiert sein neuer Film „ Ghost Bastard “ seine feierliche Premiere. In SCREEN TIME #3 konnten wir mit Erkan darüber sprechen, warum er sich für eine Vorhölle zwischen Leben und Tod interessiert, ob man von der Arbeit im Filmbusiness auch mal genervt sein kann und von wem seine Tochter womöglich ihr Schauspieltalent geerbt haben könnte. GHOST BASTARD VON ERKAN ACAR SA 19.00 UHR CASABLANCA TICKETS SO 14.30 UHR THEATER HOF/19 TICKETS Erkan, viele kennen dich als Schauspieler. Bei „Ghost Bastard“ hast du zwar eine Nebenrolle, bist aber auch Drehbuchautor und Regisseur. Ein Film, drei Jobs: Brauchst du so viel Abwechslung? Ja, auf jeden Fall! Ich liebe einfach das Medium Film. Ob ich vor der Kamera stehe, Regie führe oder die Geschichte entwickle, das gehört für mich alles dazu und das hat alles seinen Reiz. Ich brauche die Abwechslung auf jeden Fall. In „Ghost Bastard" befindet sich Phillipe Reinhardt als ein Geist in einer Art Zwischenhölle zwischen Leben und Tod. Warum hast du dir Gedanken zu diesem Thema gemach? Ich habe mir ehrlich gesagt als Kind schon Gedanken darüber gemacht, ob wir wirklich auf der Welt sind oder ob wir nicht in so einer Art Limbus stecken. Mit Religion und Gott habe ich mich sehr oft und sehr intensiv beschäftigt und diesen Gedanken fand ich persönlich sehr interessant. Das ist ja so was wie Unendlichkeit. Dann habe ich mir die Frage gestellt, ob es nicht irgendwann mal langweilig wird, wenn man tatsächlich unendlich leben könnte. Und ich denke, wenn die Liebsten nicht mehr da sind, will man irgendwann auch nicht mehr da sein. Hast du Angst vorm Tod? I ch glaube wie jeder andere auch, klar. Man macht sich halt Gedanken. Ich glaube, wenn ich der Letzte auf der Welt wäre, dann hätte ich gar keine Angst, ohne die Liebsten um mich herum. Aber ich glaube, wie jeder andere auch habe ich Respekt, weil man halt nicht weiß, was danach kommt. Der Film ist trotz des Themas nicht sofort tief philosophisch oder gar gruselig, sondern in erster Linie lustig. Kann Tod auch Spaß machen ? Sollten wir lockerer damit umgehen? Oh, das ist eine sehr gute Frage. Darüber habe ich mir ehrlich gesagt nicht viele Gedanken gemacht. Aber ich denke schon, ja. Wenn man die Dinge mit mehr Humor sieht, fällt es einem halt viel leichter. Trauer und Komik: Dei beiden Pole liegen in Erkan Acars neuem Film nah beinander. (Still: Mavie Films) Die Schwere kommt bei „Ghost Bastard“ im Verlauf aber noch. Die zentralen Themen sind Verarbeitung und Vergebung. Was bedeutet der Film denn für dich persönlich? Warum wolltest du ihn drehen? Ich wollte wirklich sehr gerne übermitteln, dass Vergebung eine große Sache für uns alle ist. Man ist ja oft enttäuscht, wenn man bestimmte Erwartungen hat und dann fällt es wirklich schwer zu vergeben. Aber man vergisst meistens die Tatsache, dass man selbst auch mal in die Position kommen kann, um Vergebung bitten zu müssen. Ich persönlich bin überzeugt davon, dass es einem selber auch viel besser geht, wenn man jemandem vergibt. Was gefällt dir denn am besten am Film? Welche deiner Vorhaben und Ideen sind besonders gut rübergekommen? Mein Ziel war es wirklich, Philippe Reinhardt so authentisch wie möglich zu inszenieren und ich denke, dass es uns auch gut gelungen ist. Ganz wichtig ist mir aber auch die Entwicklung von Elli. Wir fangen ja mit ihr an und zu diesem Zeitpunkt ist sie schon sehr grob und zäh, „böse“ oder unsympathisch. Wir sehen im Film aber eine Entwicklung und das hat die Aliyah ( die Elli spielt, Anm. d. Red. ) auch toll gemacht. Darauf bin ich auf jeden Fall stolz. Gut gelaunt: Erkan Acar spricht gern über seinen neuen Film „Ghost Bastard“ und über die Zusammenarbeit mit seiner Tochter und einem guten Freund. (Bilder: Kulturschnack) Ein gutes Stichwort, weil Elli von niemand anderem gespielt wird als deiner eigenen Tochter Aliyah. Wollte sie oder musste sie? Müssen erst mal gar nicht. Sie wollte das wirklich. Ich war natürlich erstmal zurückhaltend und hab meine Partner efragt, aber die fanden die Idee auch super. Wir haben dann auch wirklich ein Casting gemacht und haben festgestellt, dass sie es echt draufhat. Es ist natürlich ein komisches Gefühl, wenn der Papa seine eigene Tochter mitbringt oder vorschlägt. Das kann ja nicht gut gehen, denkt man da. Aber sie hat das wirklich super hinbekommen und das macht mich natürlich unendlich stolz. Und alle meine Partner und alle, die den Film gesehen haben, können das bestätigen und das freut mich umso mehr. Auf jeden Fall war das ihre eigene Entscheidung. Sie hat gesagt, sie hätte schon Lust darauf. Glaubst du, man kann Talent vererben? Oh, super, gute Frage. Aber ich denke ja. Hattest du Angst, dass es zu Spannungen zwischen euch kommt, wenn am Set etwas nicht so funktioniert wie gewünscht? Natürlich hatten wir am Set paar kleine Auseinandersetzungen, aber nichts Außergewöhnliches. Ich war wirklich sehr davon überzeugt. dass es klappt, Schließlich hatten wir zuvor schon Probeaufnahmen gemacht, die Feuerprobe war also schon bestanden. Nervig: tatsächlich versteht es Philippe Reinhardt sehr gut, den Geist von seiner penetranten Seite zu spielen. (Plakat: Mavie Films) Wenn man einen neuen Film beginnt, hat man ja sicher hunderte Gedanken, Vorstellungen und Ideen, Wie viele davon sind im Nachhinein gut und wie viele schlecht? Im Vorfeld kann man es tatsächlich nicht zu hundert Prozent einschätzen. Es ist oft mir persönlich schon passiert, dass ich dachte „Okay, die Idee ist wirklich genial!“ und in der Umsetzung habe ich festgestellt, dass sie es doch nicht war! ( lacht ) Aber im Umkehrschluss denkst du dir auch, dass manche Ideen nicht so geil sind und in der Umsetzung sind die dann viel schöner. Da ist man selbst auch überrascht. Man hat eben nie ausgelernt, man lernt immer was dazu. Unabhängige Produktionen haben ja oft ein relativ begrenztes Budget. Ist das zwangsläufig was Negatives oder kann das auch was Positives sein, weil man dann kreativer sein muss und etwas aus einem herausgekitzelt wird? Man wird da definitiv kreativer, weil man mit den Umständen klarkommen und aus ihnen das Beste machen muss. D as bringt aber auch eine Magie mit sich, denn man weiß ja nicht, was auf einen zukommt, weil man dadurch dann auch experimentiert. Du hast jetzt Ghost Bastard jetzt wahrscheinlich schon zigmal gesehen, einzelne Szenen wahrscheinlich hunderte Male. Kann man irgendwann in einer bestimmten Phase von seinem eigenen Schaffen auch mal genervt sein? Definitiv. Wenn man unter Zeitdruck steht und man immer wieder reinguckt und feststellt „Okay, da funktioniert etwas noch nicht“, dann kann das passieren. Irgendwann denkt man so: „Jetzt kann ich mir mal eine Pause!“ I ch habe ja schon ein paar Filme gemacht und beim vorletzten war es teilweise wirklich schlimm. Aber ich muss sagen, bei diesem Projekt war das schon was anderes, weil meine Tochter mitspielt. Man will sich ja auch irgendwie beweisen und sagen: Sie mal, ich hab da etwas Gutes erschaffen, auch und gerade mit dir. Deshalb war diese Phase bei Ghost Bastard eigentlich wirklich relativ angenehm. Tatsächlich ein Geist: Irgendwann sieht Elli ein, dass ihr neuer Begleiter eine Art Untoter ist. Doch wie wird man ihn wieder los? Und will sie das überhaupt?. (Still: Mavie Films) Ihr feiert mit „Ghost Bastard“ in Oldenburg eure Weltpremiere. Du hast schon einige davon erlebt. Ist es trotzdem noch etwas Besonderes? Bist du noch nervös? Auf jeden Fall. Nicht zuletzt, weil die Konstellation neu für mich ist. Phillipp ist ein guter Freund von mir, wir kennen uns mittlerweile seit ungefähr 17 Jahren und das ist unsere erste Zusammenarbeit. Und dann ist da noch die Kombination mit meiner Tochter! Natürlich ist das aufregend! Du bist Berliner, im Verhleich dazu ist Oldenburg natürlich Provinz. Wie sind deine Eindrücke von der Stadt? Ich finde sie super charmant. Ich bin zum ersten Mal hier und ehrlich gesagt habe ich jetzt nicht wirklich viel gewusst über Oldenburg. Aber die letzten zwei Tage habe ich viel erfahren, bin viel rumgekommen und finde es super schick und freue mich, dass wir unsere Premiere hier auf dem 32. Filmfest Oldenburg feiern können!

  • AMY KURZWEIL: ARTIFICIAL

    Die Geschichte der eigenen Familie, ein wiederkehrendes Thema in der Literatur, das bereits viele Menschen beschäftigt hat und so auch schon auf unterschiedlichste Arten verhandelt wurde. Doch sehr wahrscheinlich taten es wenige auf so interessante und spezielle Weise, wie die amerikanische Cartoonistin und Autorin Amy Kurzweil mit ihrer Graphic Novel "Artificial". Im Rahmen der U.S.A. Begegnungen war Kurzweil für einen Vortrag zu Gast im Schlauen Haus Oldenburg . Wir hatten die Gelegenheit, ihr ein paar Fragen stellen zu können. Eines der vielen Highlights bei den Begegnungen 2025. Foto: Zach Ellis Wenn wir uns für gewöhnlich an Menschen erinnern möchten, die nicht mehr in unserem Leben sein können, doch trotzdem eine wichtige Rolle für uns spielten, schauen wir uns beispielsweise alte Fotos von Ihnen an und schwelgen in Erinnerungen oder Erzählungen über eben diese Personen. Amy und ihr Vater Ray Kurzweil , lange Zeit Leiter der technischen Entwicklung bei Google, ein Futurist und Pionier in der Entwicklung von optischer Texterkennung und Synthesizern ( Kurzweil Music Systems ) , haben sich für einen, nennen wir es, ungewöhnlichen und doch am Ende absolut passenden Ansatz entschieden, der das Ganze auf eine völlig neue Ebene hebt. Denn Amys Großvater, Fritz (später: Fred) Kurzweil, den sie nie selbst persönlich kennenlernen durfte, war dort ein angesehener jüdischer Musiker und Komponist in Wien, dem 1938 eine amerikanische Bewunderin seiner Arbeit das Visum für die Vereinigten Staaten und somit die Flucht vor den Folgen des Nationalsozialismus ermöglichte. Vermutlich auf Basis dieser Fluchterfahrung und der steten Angst vor dem Verschwinden der eigenen Existenz, bewahrte Fred Kurzweil in den folgenden Jahrzehnten Unmengen an Dokumenten und persönlichen Schriften auf, die er nach seinem Tod Ray Kurzweil, seinem Sohn, vermachte, der diese ebenfalls viele Jahre wie einen (Daten-)Schatz hütete. MISSION: UNSTERBLICHKEIT Kunst oder künstlich? Das ist hier die Frage! Credit: Verlagshaus Jacoby & Stuart Aus dieser umfassenden Basis an Informationen rund um sein Leben und seine Gedankenwelt, entwickelte sich irgendwann die, in den Ohren der Meisten wohl unglaublich klingende Idee, den eigenen Groß-(Vater) wieder zum Leben zu erwecken, in der Form eines Chatbots - dem "Fredbot". Für Familie Kurzweil war es hingegen wohl eher ein recht logisch anmutender Prozess. Auf der einen Seite Ray Kurzweil, Erfinder und einer der berühmtesten Vertreter des Transhumanismus. Seine Prognose, die er bereits 2005 traf, also lange bevor das Thema KI für die Gemeinheit relevant wurde: im Jahr 2045 wird die maschinelle Intelligenz, die der Menschheit übertreffen. Ein Momentum, das Kurzweil unter dem Begriff der "Singularität" mitgeprägte. Auf der anderen Seite Amy Kurzweil, die schon ihre erste Graphic Novel " Flying Couch " der eigenen und nicht minder spannenden Familiengeschichte mütterlicherseits widmete. Sie machte es sich parallel zur Aufgabe, auch diesen familieninternen Entwicklungsprozess - diesmal jedoch väterlicherseits - künstlerisch festzuhalten. Und so entstand Stück für Stück nicht nur ein Programm, das es sowohl Ray als auch Amy ermöglichte, einem verloren geglaubten Familienmitglied all die Fragen stellen zu können, die nie gestellt werden konnten. Es entstand ebenso das zugehörige Buch "Artificial - Mit KI zur Unsterblichkeit?". Wir wollten diese einmalige Gelegenheit nutzen, die Autorin persönlich zu dieser Zeit zu befragen und herauszufinden, ob sich hinter dieser vermeintlichen Geschichte rund um die technologische Entwicklung unserer Zeit, im Geheimen doch vielleicht viel eher ein Lobgesang auf die Kraft der Kunst und ihre verbindende Kraft verborgen liegt - vielleicht sogar über den Tod hinaus. Kulturschnack: Erinnerst du dich noch an den Moment, als du erkannt hast, dass das Zeichnen deine Leidenschaft ist? Amy Kurzweil: Das war während meiner Collegezeit. Ich war tatsächlich gar nicht als Künstlerin ausgebildet und hielt mich auch selbst nie für eine besonders gute. Ich war jedoch immer schon am Schreiben interessiert. Aber als ich dann zum ersten Mal nach Europa kam - ich studierte im Ausland, in Großbritannien - und von dort ein wenig durch Europa reiste und all diese Museen besuchte, begann ich, das Zeichnen ernster zu nehmen. Ich ging zu Gemälden, suchte mir kleine Ausschnitte, die mir gefielen und zeichnete sie in mein Notizbuch, ging dann zum nächsten Bild, fand wieder ein Detail, das mir gefiel, und zeichnete es ebenfalls hinein. So entstand nach und nach eine Art Collage aus all diesen verschiedenen großen Kunstwerken. Ich begann, über Komposition und Anordnung nachzudenken, darüber, wie sich einzelne Bildelemente zu einem Ganzen verbinden lassen würden. Dieser Prozess gefiel mir sehr, doch für besonders gut hielt ich mich noch immer nicht so wirklich. Eine Geschichte über 3 Generationen. Credit: Verlagshaus Jacoby & Stuart Am College begann ich dann an meinem ersten Buch "Flying Couch" zu arbeiten. Es ist die Geschichte meiner Großmutter, die aus Polen stammt und den Holocaust überlebt hat. Ich wusste ganz genau, dass das eine wichtige Geschichte ist, die erzählt werden musste. Mir war dabei wichtig, ihre Lebensgeschichte auf nachvollziehbare, lineare Art und Weise zu dokumentieren. Gleichzeitig wollte ich aber auch die Geschichte der drei Generationen von Frauen erzählen (Anm. d. Red.: ihrer Großmutter, ihrer Mutter und Amy Kurzweil selbst): Wie es ist, mit einer solchen Familiengeschichte aufzuwachsen, und warum ihre Relevanz bis zu uns in die Gegenwart reicht. Ich wusste, dass ich all diese Themen, wie jüdische Identität erforschen wollte und zunächst tat ich das über das bloße Schreiben, aber etwas fehlte – Emotion, Humor. Es fühlte sich nicht wirklich inspirierend an, einfach nur dazusitzen und diese Geschichten runterzuschreiben. Aber dann las ich " Maus ", eine berühmte Graphic Novel, die sich ebenfalls um den Holocaust dreht und viele kreative Techniken, wie beispielsweise Symboliken für die einzelnen Figuren nutzt. Ich las dieses Buch jedenfalls und war so beeindruckt, wie viel Bedeutung, Humor und literarische Raffinesse in dieser Form möglich waren. Also begann ich selbst, einen Comic zu zeichnen und als ich ihn anderen zeigte, waren sie begeistert und wollten weiterlesen – ganz im Gegensatz zu meinen bloßen Texten, bei denen die Reaktion viel eher war: „Ich les' es mal bei Gelegenheit.“ (lacht) Meine Emotionen, meinen Humor und mein Inneres so authentisch ausdrücken zu können, ohne dabei dieses Erbe zu verharmlosen, hat mich einfach total in meinem Handeln bestärkt. Es funktioniert mit Comics einfach perfekt – und seitdem zeichne ich Comics. Die Verarbeitung deiner Familiengeschichte ist das prägende Element deiner beiden Hauptwerke. Hat dich diese Geschichte immer schon beschäftigt, noch bevor du wusstest, dass du sie in deinen kreativen Arbeiten thematisieren wirst? Ich denke, für die meisten von uns ist unsere Familiengeschichte und unsere kulturelle Herkunft wie die Luft, die wir atmen – oder wie das Wasser für Fische, das ebenfalls sie nicht bemerken, solange sie darin schwimmen. Man lebt damit, aber man denkt nicht ständig darüber nach. Aber ich denke, wenn sich das eigene Leben verändert – zum Beispiel, als ich das erste Mal von zu Hause wegzog - da wurde mir klar, wie besonders diese Geschichte in meinem kulturellen Kontext war. Ich hatte zwar Freunde mit Eltern, die ebenfalls eingewandert waren und auch jüdische Freunde, aber die Erlebnisse meiner Großeltern waren so dramatisch, dass mir bewusst wurde, dass diese Geschichte etwas besonderes ist und wie ein unsichtbarer, aber zentraler Teil meiner Identität war – etwas, das beeinflusste, wie ich die Welt sah. Es war also nicht so, dass ich ständig über diese Geschichte nachdachte. Aber in bestimmten Momenten des Umbruchs wurde mir klar, wie sehr sie meine Reaktionen auf die Welt prägte. Als klar wurde, dass dein Vater den sogenannten „FredBot“ erschaffen wollen würde – also einen Chatbot der deinem Großvater entsprechen sollte: Wusstest du da sofort, dass das der richtige Moment war, dieses Projekt zu dokumentieren und daraus ein neues Werk entstehen zu lassen? Ja, ich glaube schon. [...] Ich denke, ich wusste, dass ich über dieses Thema schreiben wollte, als ich von den Archiven meines Großvaters erfuhr. Du wusstest von diesem Bestand also vorher gar nichts? Nicht wirklich – zumindest war mir der Umfang nicht bewusst und wie spannend es sein würde, Zeit damit zu verbringen. Vielleicht hatte mein Vater irgendwann in meiner Kindheit mal erwähnt, dass er „all diese Sachen“ von meinem Großvater habe, aber das lag alles irgendwo außerhalb unseres Hauses – also schenkte ich dem keine besondere Beachtung. Wird 2045 die Singularität eintreten? Ray Kurzweil ist fest davon überzeugt. Quelle: YouTube Ich erinnere mich, dass ich dann davon in den Büchern meines Vaters las und eine Dokumentation über ihn sah – "Transcendent Man". Diese Filmaufnahmen waren für mich sehr bedeutsam, weil darin Material von ihm in den besagten Lagerräumlichkeiten gezeigt wird und er dort über seinen eigenen Vater spricht. Es ist faszinierend, wie Kunst manchmal der Auslöser einer Erkenntnis sein kann – etwas, das man zwar schon gehört , aber nie wirklich begriffen hat. Wie bedeutsam dieses Archiv, wie prägend der Verlust seines Vaters für ihn war. Und dann ist man plötzlich 21 Jahre alt, sieht diesen Film - gemeinsam mit ihm - sieht ihn auf der Leinwand, wie er all diese Dinge offenbart und versteht es plötzlich - ich glaube, so ist das manchmal mit der Kunst. Als ich also seine Ambitionen durch den Film wirklich erkannte und das Archiv selbst auf dem Bildschirm sah, da wurde mir klar, dass ich eine Geschichte über die Familie meines Vaters durch seine technologischen Vorhaben erzählen wollte. Etwa 2017 begann er dann an der konkreten Technologie zu arbeiten, die schließlich "FredBot" wurde, bei deren Entstehung ich mithalf und mit der ich dann interagieren konnte. Am Anfang war es also nur das abstrakte Vorhaben meines Vaters, mit der Kraft der Technologie meinen Großvater "wiederauferstehen" zu lassen, was sich dann jedoch zu diesem sehr konkreten Anwendungsfall, einer Art frühem " Large Language Model " entwickelte, das ich mithalf aufzubauen. Das war deshalb eine so spannende Geschichte, weil etwas Theoretisches nun zu etwas ganz Praktischem wurde. Und wenn das passiert, kommen die philosophischen Aspekte rund um Transhumanismus und Untersterblichkeit wirklich zum Tragen und im Angesicht der letztlich entstehenden Sache wirken diese philosophischen Ideen plötzlich anders. Also suchte ich nach neuen Ansätzen, um diese Technologie zu verstehen, denn mir war ziemlich klar, dass es sich nicht wirklich um echte Unsterblichkeit, aber womöglich um etwas anderes handelte. Und genau das versuchte ich mit meinem Buch genauer zu erforschen. Der Titel von "Artificial" führt in der deutschen Übersetzung den Zusatz „Mit KI zur Unsterblichkeit“. Das Buch stellt die Frage in den Raum, ob künstliche Intelligenz – in Gestalt eines Chatbots – die Möglichkeit bietet, sich mit verlorenen, geliebten Menschen wiederzuverbinden. Ist es nicht aber vielleicht eher so, dass der Prozess des Erstellens vom "Fredbot", die Recherche, die gemeinsame Zeit mit deinem Vater in genau diesem Kontext, eine viel stärkere Verbindung zu deinem Großvater geschaffen hat, als es vielleicht der letztliche Chatbot tat? Ganz genau. Das ist eine sehr treffende Lesart meines Buches. Es soll die Möglichkeiten der Technologie und ihre zukünftigen Auswirkungen keineswegs kleinreden, aber bei diesem konkreten Projekt war es für mich persönlich vor allem die Unsterblichkeit der Erinnerungen und des Geistes, die ich mir durch meine eigene Auseinandersetzung mit der Thematik erarbeitet habe. Man bekommt im Leben nichts geschenkt – man muss sich einbringen. In meinem Buch ziehe ich eine Parallele zwischen der Technologie des Chatbots und meinem eigenen künstlerischen Prozess. Oft empfand ich mich beim Arbeiten fast selbst wie ein Algorithmus. In den Zeichnungen des Buches sieht man viel Wiederholung, Dichte und Detail. Ich dachte über mich im Verhältnis zu einem Algorithmus nach und inwiefern dieser sehr körperliche Dokumentationsprozess und all die Zeit, die ich in den Archiven und beim Zeichnen verbrachte, letztlich eine Verbindung zu meinem Großvater schufen. Der Algorithmus kann diese Arbeit nicht für mich übernehmen, weil eine Beziehung immer im menschlichen Bewusstsein stattfinden muss. Es ist natürlich möglich, dass zukünftige Technologien eine dynamischere Erfahrung Verstorbener vermitteln. Aber Bedeutung wird es nur dann wirklich haben, wenn wir auch selbst Mühe in den aktiven Austausch mit der Technologie stecken. Das halte ich für wichtig, denn Chatbots sind nicht passiv. Wann man mit einem solchen interagiert, ist es nicht so als würde man bloß einen Film schauen. Hier liegt viel an interessantem Potenzial, Menschen diese dynamischen Erfahrungen zu ermöglichen, wenn sie sich mit solchen Archiven konfrontiert sehen. Aber ich denke, diese Erfahrung muss dann eine kreative, eine künstlerische sein und ich hoffe, dass diejenigen, die sich für diese Technologien interessieren, über genau diese Aspekte nachdenken, wenn sie versuchen, das Erbe verstorbener Menschen am Leben zu erhalten. Als Cartoonistin macht Amy Kurzweil bereits das Unmögliche möglich. Quelle: YouTube Als Cartoonistin, so beschreibst du es selbst, hast du bereits die Fähigkeit durch Raum & Zeit zu reisen und das Unmögliche möglich werden zu lassen. Mit deinem Buch "Artificial" hast du die Geschichte deines Großvaters, deines Vaters und auch von dir verewigt. Ist es nicht also viel eher die Kraft der Kunst, deiner künstlerischen Arbeiten die letztlich – mindestens im metaphorischen Sinne – deine Familiengeschichte unsterblich werden lässt und nicht die künstliche Intelligenz? Ja. Ich glaube, das ist meine Voreingenommenheit als Künstlerin. Denn eine der Missionen des Buches ist es, KI als Erweiterung menschlicher Kunstfertigkeit zu begreifen. Mit dem Titel "Artificial" (dt.: "künstlich") versuchte ich mich auf sowohl "Kunst" als auch "Künstlichkeit" zu beziehen und über eine Definition des Wortes "künstlich" nachzudenken, welches ja letztlich bedeutet, dass etwas durch menschliche Hand erschaffen wurde. Und natürlich ist mein Buch per Hand gezeichnet. Ich selbst als Künstlerin hänge sehr an den haptischen Werkzeugen, aber das ist nur meine persönliche Präferenz. Ich mag Bleistifte, Füller und Tinte, Aquarell und Bücher und auch mein Vater liebt all diese Dinge. Und was in diesem Kontext KI anbelangt, denke ich, täten wir alle gut daran, sie als Erweiterung menschlicher Kunstfertigkeit zu verstehen. Denn so wird sie nicht immer genutzt oder betrachtet. Ich denke, die Welt wäre vielleicht ein besserer Ort, wenn in KI-Kreationen mehr künstlerischer Geist stecken würde. Dieses Buch ist jedenfalls mein Beitrag dazu. Viele Leute sagen: "Auf dem Cover steht, es gehe um künstliche Intelligenz, aber so ist es gar nicht wirklich." Und dann antworte ich: "Genau, es geht darum, wie künstliche Intelligenz in eine viel umfassendere Geschichte passt, eine Geschichte kreativer Innovation." Dein Vater hat Maschinen entwickelt, die das Leben von Menschen extrem bereichert haben - auch in kreativer Hinsicht. Bei Google hat er jedoch intensiv an der Entwicklung künstlicher Intelligenz gearbeitet und gerade in den letzten Jahren hat es rasante Fortschritte, auch in der Erstellung kreativer Inhalte gegeben, die die Existenz ganzer Berufsgruppen bedroht. Davon wärst du unmittelbar betroffen. Beunruhigt dich das und du sprichst darüber mit deinem Vater? Ich rede ständig mit allen darüber, weil es mir solche Sorgen bereitet. Und auch mit meinem Vater habe ich Gespräche über diese Thematik geführt. In mancher Hinsicht haben wir dabei unterschiedliche, aber ebenso auch ähnliche Ansichten. Ich sehe einen echten Mangel an Kreativität, wenn es darum geht KI als mehr als eine Bedrohung für Arbeitsplätze zu begreifen, die alles tut, was Menschen bisher taten, nur schneller. Das ist grundsätzlich kein besonders kreativer, künstlerischer Ansatz. [...] Denn besser bedeutet lediglich schneller auf dem technokapitalistischen Markt und gerade in den USA sind wir förmlich süchtig nach Effizienz und Produktivität. Nach dieser Logik ist viel menschliche, künstlerische Arbeit bereits bedroht und das ist sehr ärgerlich und schlecht für die Künstlerinnen und Künstler, die versuchen Geld zu verdienen. Allerdings ist das keine zwangsläufige Folge, nur weil diese Werkzeuge existieren. Der kreativere Weg, diese Werkzeuge zu nutzen, wäre, etwas Neues mit ihnen zu schaffen - nicht nur das, was ein ohnehin Mensch kann, sondern das, was ein Mensch eben nicht kann. Lassen wir die KI und den Menschen doch zusammenarbeiten und etwas entstehen, das wirklich einem gemeinsamen Miteinander gleicht. Es gibt bereits digitale Künstlerinnen und Künstler, die meiner Meinung nach diese neuen Formen bereits unter Beweis stellen. Sie nutzen KI, sie programmieren, sie arbeiten generativ, aber dann verändern sie auch etwas. Es entsteht ein sehr dynamischer Prozess, der unglaublich interessante neue Dinge hervorbringt, die wir ohne diese neuen Werkzeuge nicht entstehen lassen könnten. So sollte man sich KI nähern. Man sollte sich fragen: "Was wird dadurch möglich?" Plädiert für einen kreativeren Umgang mit künstlicher Intelligenz. Credit: Privat Ich stelle es mir als eine Art Kunstform vor, die menschliche Daten zu ihrer Farbe werden lässt, was ich für total interessant halte. Was könnte man mit diesem Farbeimer voller menschlicher Daten anstellen? Es ist wie ein Werkzeug, aber eines mit Eigenschaften, die wir bei keinem anderen je zuvor gesehen haben. Ich mag diesen Gedankenrahmen, aber halte es für ebenso wichtig zu erkennen, wie grundlegend anders dieses neue Werkzeug doch ist. Es ist eher wie eine Art Zauberstab. Es gibt jedenfalls keinen Grund, warum wir Menschen ersetzen müssten. Wir alle halten es für selbstverständlich, dass ein Computer eine Aufgabe übernehmen sollte, nur weil er es kann. Ich verstehe überhaupt nicht, warum das so sein sollte. Ich vermute, die Antwort lautet: Effizienz und deshalb müssen über dieses Paradigma für unsere Entscheidungen hinauswachsen. Du hast mit deinen beiden Büchern einmal die mütterliche Seite und einmal die väterliche Seite deine Familie beleuchtet. Ist damit ein Kreis für dich geschlossen und du widmest dich nun künstlerisch etwas neuem oder wirst du weiterhin als Memoir-Cartoonistin arbeiten? Das ist eine gute Frage. Ich mache jetzt erstmal eine Pause, was mich selbst anbelangt. Am College habe ich gelernt, dass man immer zwei Geschichten schreibt. Eine über die eigene Mutter, die andere über den Vater und dann schreibt man diese Geschichten einfach immer und immer wieder für den Rest seines Lebens. (lacht) Das habe ich nun jedenfalls hinter mich gebracht. Aber ich schreibe nun Sachbücher über andere Menschen. Ich nutze das, was ich als Autorin von Memoiren gelernt habe, um mich in die Perspektive anderer Menschen hineinzuversetzen. Geschichten, die ich für aktuell in diesen Zeiten halte. Eine wichtige Geschichte, die ich letztes Jahr veröffentlicht habe, handelte von zwei Friedensaktivisten, einem Israeli und einem Palästinenser. [...] Ein weiteres Stück, das ich gerade erst beendet habe, handelt von meinem Cousin, der eine dramatische Erfahrung machte, als er in Myanmar vom Militär inhaftiert wurde, weil er Journalist ist. Er war politischer Gefangener und wurde dann schlussendlich wieder freigelassen. Ähnliche Arbeiten habe ich bereits in Planung. Im Grunde möchte ich also das anwenden, was ich über das Verstehen von Berichten und Dokumentationen aus erster Hand gelernt habe, um mich so auch weiterhin in die Perspektive anderer Menschen hineinzuversetzen. Ich möchte Geschichten erzählen, die sich für mich relevant anfühlen. Für eine Welt, in der so viel Angst vor Politik und Krieg herrscht. Das hilft auch mir, eine Möglichkeit zu haben, mich mit diesen Thematiken auseinanderzusetzen. Und irgendwann werde ich mich dann der Belletristik zuwenden. Das ist mein Weg in die Fantasie. (lacht) Daran hoffe ich, arbeiten zu können. Ich bin auf dem Weg dorthin. Das klingt fantastisch. Vielen Dank für das Gespräch! Wer noch mehr über die Arbeit von Amy Kurzweil erfahren möchte, findet hier den Link zu ihrem Instagram Account, auf dem ihr unter anderem auch zahlreiche der Cartoon findet, die sie im berühmten New Yorker Magazine veröffentlicht: www.instagram.com/amykurzweil

  • QUEERE FILME FEIERN

    Es gibt Filme, die treffen perfekt den Massengeschmack. Und es gibt andere, die nur für eine bestimmte Nische oder Klientel gemacht zu sein scheinen. Letzteres gilt gemeinhin auch für queere Filme. Doch die Frage ist: Warum eigentlich? Denn im Gegensatz zu Horror-Slashern oder Arthouse-Avantgarde sind diese Werke erzählerisch für alle geeignet. Das große Thema Liebe - und wie man mit ihr umgeht - richtet sich schließlich an alle Menschen. Grund genug, das Queer Film Festival Oldenburg mal genauer anzuschauen. Die Welt ist bunt: Das Queer Film Festival Oldenburg geht in sein 16. Jahr und beweist einmal mehr, dass es starke Filme jenseits des hetero-normativen Mainstreams gibt - wie hier „Drama Queens“. (Bild: Cine k) Es passiert immer wieder. Zwar bleibt es die Ausnahme, aber alle paar Jahre wird ein Film mit queeren* Protagonist:innen zu einem großen Publikumserfolg. „ Brokeback Mountain “ (2005, 3 Oscars), „ Black Swan “ (2010, 1 Oscar) „ Blau ist eine warme Farbe “ (2013), „ Moonlight “ (2016, 3 Oscars), „ Call me by your Name “ (2017, 1 Oscar) sind nur einige Beispiel dafür. Das Publikum spricht dann über diese Filme und ihre zentralen Themen, als wäre das ganz normal. Das ist einerseits erfrischend, andererseits entlarvend. Denn natürlich ist es nichts anderes als das: ganz normal. Und man fragt sich: Warum denn nur dann - und sonst nicht? Was diese Beispiele zeigen: Es ist dem heterosexuellen Publikum durchaus möglich, queere Filme bzw. Filme mit queeren Elementen nicht nur anzusehen, sondern auch zu genießen und wertzuschätzen. Das heißt: Die Besucher:innen lassen sich zwar unterhalten, sie entwickeln aber gleichzeitig ein Verständnis und Mitgefühl für die Situation von queeren Personen. Das sorgt für eine aktive (weil emotionale) Auseinandersetzung mit deren Lebensrealitäten - eine Form der Empathie, die unserer Gesellschaft grundsätzlich gut tut. Warum aber sollte man darauf warten, bis der nächste Blockbuster das Thema aufgreift? Es gibt viel mehr davon - wie das Queer Film Festival Oldenburg zeigt. *Begriffserklärung weiter unten 16. QUEER FILM FESTIVAL OLDENBURG 9. BIS 13. OKTOBER 2025 CINE K BAHNHOFSTRAßE 11 26122 OLDENBURG PROGRAMM Kleines Programm, große Wirkung Beim der Wortkombination „Film Festival“ und „Oldenburg“ denken die meisten Menschen intuitiv an das Internationale Filmfest . Kein Wunder: Mit alljährlich etwa vierzig Langfilmen und zuletzt 13.000 Besucher:innen ist es immerhin ein Mittelgewicht im weltweiten Festivalzirkus - und das bereits seit 32 Jahren. Das Queer Film Festival dagegen ist eher aeine kleinere Nummer. Es ist nur halb so alt, hat lediglich eine Handvoll Filme zu bieten, internationale Stargäste samt Rotemr Teppich und Blitzlichtgewitter sucht man vergeblich. „Natürlich wären wir auch gerne größer, aber das ist mit unserem kleinen Team aus Ehrenamtlichen nicht zu leisten“, erklärt Tommy vom Organisationsteam der Kinogruppe RollenWechsel . Sie ist Teil des Na Und e.V. - seit jeher eine treibende Kraft für die Rechte und Belange von queeren Personen in Oldenburg Völlig normal: Liebende Menschen küssen sich. Nur ist es für die einen komplizierter als für die anderen, wie u.a. „Born for you“ zeigt. (Bild: Cine K) Ein spürbares Manko sind die klieren Dimensionen allerdings nicht. Denn drei wesentliche Dinge haben die ungleichen Geschwister durchaus gemeinsam. Erstens: Den Fokus auf einen bestimmten, oft übersehenen aber überaus spannenden Bereich des Kinos, der viele verborgene Schätz zu bieten hat. Hier Independent-Filme, dort die Queer-Filme .. Zweitens: Ein gutes Gespür, unter den zahllosen Veröffentlichungen eines Jahres jene zu entdecken, die das Publikum in besonderer Weise ansprechen. Und drittens: Gäste und Gesprächsformate, die das Filmerlebnis durch Hintergründe, Kontexte und Einblicke deutlich aufwerten. Letzteres gehört zu den Eckpunkten des Festivals: „Unsere Gäste wie z.B. Regisseur:innen bieten eine andere oder weiterführende Perspektive auf ihren Film“, erläutert Tommy. Außerdem gebe es für die Kinobesucher:innnen die Möglichkeit, im Anschuss an die Vorführung Fragen zu stellen und so vielleicht auch einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Auch die jeweilige Expertise der Menschen, die an den Filmgesprächen teilnehmen, böte gute Möglichkeiten, die Filme besser einordnen zu können. „Auf jeden Fall bieten die Gespräche sowohl den Besucher:innen als auch dem Team einen unglaublich hohen Mehrwert.“ Dass es diese Programmpunkte beim Queer Film Festival zu erleben gibt, ist alles andere als selbstverständlich. Die Organisation wird von einem kleinen Team nämlich rein ehrenamtlich organisiert. Der entscheidende Faktor ist also die Filmleidenschaft. Sie ist es, die alle Beteiligten antreibt - und das spürt man auch bei der Auswahl. Das Queer Film Festival mag letztlich ein Freizeitprojekt sein, qualitative Abstriche muss man deshalb aber nicht machen. Im Gegenteil: Das alljährliche Ergebnis ist umso imposanter, wenn man bedenkt, dass hier niemand seine gesamte Arbeitszeit investieren kann. Prinzipiell können sich alle, die nicht eindeutig in die traditionellen Kategorien von Geschlecht und Sexualität passt, als queer bezeichnen. Dazu gehören zum Beispiel: Menschen, die sich als nicht-binär oder genderqueer identifizieren : Diese Personen sehen sich nicht strikt als männlich oder weiblich, sondern haben ein fließenderes oder flexibleres Verständnis von Geschlecht. Lesben, Schwule und Bisexuelle : Personen, deren sexuelle Orientierung nicht heterosexuell ist, können sich ebenfalls als queer verstehen, um ihre Identität über die klassischen Kategorien von „lesbisch“ oder „schwul“ hinaus zu definieren. Transgender-Personen : Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, können sich ebenfalls als queer bezeichnen. Asexuelle oder aromantische Personen : Auch Menschen, die keine sexuelle oder romantische Anziehung verspüren, können sich als queer verstehen, wenn sie sich nicht mit traditionellen Vorstellungen von Sexualität und Romantik identifizieren. Menschen, die sich außerhalb heteronormativer Beziehungen bewegen : Dies umfasst alle Menschen, die sich in gleichgeschlechtliche oder nicht-monogame Beziehungen begeben und dabei keine traditionellen heterosexuellen Normen anstreben. Es gibt keine festen Regeln, wer sich als queer identifizieren kann, und der Begriff ist immer im Wandel. Es ist ein offenes Konzept, das Raum für Vielfalt und unterschiedliche Erfahrungen lässt. Gewinn für Oldenburg Das Festival mag zwar klein sein und vorerst auch klein bleiben, seine Bedeutung könnte aber kaum größer sein. „ Es ist wichtig, in der Öffentlichkeit die Lebensrealitäten von queeren Menschen zu normalisieren und Identifikation mit den Charakteren zu schaffen“, findet Tommy. Durch das Festival enstehe zudem ein wichtiger Bezugspunkt für die Community, an dem man sich treffen, offen sprechen und natürlich auch gemeinsam Filme gucken könne. Das begrüßt auch Wolfgang Bruch, Leiter des Cine k. „ Queeres Kino war von Anfang an wichtiger Bestandteil im Programm des Cine k.“, betont er. Dabei habe es schon immer eine enge Zusammenarbeit mit der queeren Community gegeben - mit dem Na Und e.V., der queeren Kinogruppe RollenWechsel oder dem CSD. Deshalb sei es für das Cine k eine große Freude, das QFF präsentieren zu dürfen, betont Wolfgang: „Diversität, das Sichtbarmachen von Diskriminierung und der Kampf um gesellschaftliche Teilhabe, aber auch das Feiern von alternativen Lebensentwürfen und gesellschaftlichen Utopien spielen im Programm des Cine k eine zentrale Rolle, weshalb auch das QFF wunderbar in unser Profil passt.“ Zudem freue er sich, dass es seit einigen Jahren auch ein Schulfilmprogramm gebe, indem Schulklassen die Gelegenheit hätten, ausgesuchte Filme zu sehen und mit den Festivalmacher*innen darüber zu diskutieren. Das begrüßt auch die Oldenburger Verwaltung, bei der die Wettschätzung für das kleine Festival ebenfalls groß ist. Das Kulturbüro unterstützt es bereits seit vielen Jahren, auch der Kurzfilmpreis wird von der Stadt finanziert. „ Für Oldenburg ist das diverse Filmprogramm mit Fokus auf geschlechtliche und sexuelle Vielfalt ein Gewinn“, bilanziert auch Oberbürgermeister Krogmann in seinem Grußwort. Intime Atmosphäre: Das „Muvi“ ist der perfekte Ort, um tief in die queere Filmwelt einzutauchen. (Bild: Cine k) Die Qual der Wahl Die Aufgabe, die passenden Werke zu finden, ist gar nicht so einfach. Denn es geht ja nicht darum, wahllos irgendwelche Film zu zeigen, in denen queere Personen auftauchen - oder einfach nur die oben genannten Hollywood-Produktionen noch einmal auf die Leinwand zu bringen. Ihre queeren Elemente sind zwar manchmal ein Zeichen von Haltung, oft genug aber auch nur ein oberflächlicher Tribut an den Zeitgeist. „Es geht um mehr als die Tatsache, dass ein:e queere:r Schauspieler:in in einem FIlm zu sehen ist“, erläutert Tommy. „Es geht auch darum, inwiefern queere Lebensrealitäten im Film überhaupt eine Rolle spielen, in welchem Rahmen diese thematisiert werden und welchen Themenkomplexe noch angesprochen werden.“ Dem Queer Film Festival geht es also um mehr, nämlich um starke Inhalte und Storys, zu denen das Publikum einen Bezug aufbauen kann. Das klappt eben weniger gut, wenn eine Marvel Superheldin mal kurz eine Frau knutscht, umso besser aber, wenn der Junge aus der Nachbarschaft von seinen Gefühlen für den Klassenkameraden irritiert ist. Das erzählerische Feingefühl ist entscheidend - was aber nicht bedeuten muss, dass das Tempo deshalb immer langsam sein müsste. Auch queere Filme bilden die gesamte Bandbreite an Genres, Stilen und Techniken ab. Wie behält man da nur den Überblick? Starkes Programm: Vier Langfilme sind zusehen, dazu die Kurzfilmformate „Best of Shorts“ und „Queerotics“ - letztere mit eplizitem Material. (Bilder: Verleihe)  „Wir sind Teil von Queerscope , einem Netzwerk von 29 verschiedenen queeren Filmfestivals“ weiß Tommy. „Da schauen wir natürlich, was andere Festivals im Programm hatten oder welche Filme infrage gekommen sind, es dann aber aus verschiedenen Gründen nicht ins Programm geschafft haben.“ Aber auch das RollenWechsel-Team halte jederzeit die Augen offen und achte auf spannende Neuerscheinungen und entscheide gemeinsam, welche Filme infrage kämen. „Bei der Auswahl spielen viele Faktoren eine Rolle, z.B. das Alter der FIlme oder die Qualität. Wir überlegen aber auch, welche Themen und Geschichten in den Filmen behandelt oder erzählt werden und welchen Mehrwert das für die Kinobesucher*innen bietet.“ Zwischen Lebenslust und Verunsicherung Natürlich ist das Queer Film Festival in erster Linie für Personen gemacht, die sich zu dieser Gruppe zählen. Und es wäre auch völlig in Ordnung, wenn das kleine Filmfest ausschließlich diesem Kreis vorbehalten bliebe. Angesichts der vielen Fronten und Gräben, die sich derzeit in unserer Gesellschaft aufbauen, ist es für alle anderen aber sicher keine schlechte Idee, einmal die eigene Blase zu verlassen und ein Gefühl für die Situation anderer zu bekommen. Wenn wir die Zielgruppe mal ganz einfach in zwei Teile trennen, dann ergäbe sich folgendes Bild: Diejenigen, die sich als queer bezeichnen, finden beim QFFOL Filme, die ihre Lebensrealitäten abbilden - zwischen Selbstbewusstsein und Verunsicherung, Lebenslust und Verlustangst, Liebe und Hass. Durch das intime Festival entsteht eine Art Safe Space, der ein befreites und tiefes Eintauchen in die Geschichten erlaubt. Und das wäre schon genug, Nackte Haut: Beim zweiten Kurzfilmabend „Queerotics“ gibt es auch expliziteres Material - sprich: queere Pornos - zu sehen. (bild: Cine k) Aber es gibt ja noch die zweite Gruppe Das sind all die anderen, die sich wahrscheinlich als „normal“ bezeichnen würden und damit Heterosexualität, Binarität und CIS meinen. Oft werden sie als Gegensatz zu queeren Personen wahrgenommen. Aber diese klare Grenze ist Quatsch, schließlich sind wir alle Menschen. Das Queer Film Festival ist der ideale Moment, den Beweis dafür anzutreten, denn es bietet wunderbare Möglichkeiten, sich den Gedanken und Gefühlen von queeren Personen anzunähern. Damit leistet das QFFOL einen aktives zu mehr gegenseitigen Verständnis und einem besserem Miteinander. Tommy betont: „Das Queer Film Festival Oldenburg läuft zwar unter dem Motto 'Von der Community für die Community', aber natürlich sollen und dürfen auch heterosexuelle Menschen die Filme besuchen.“ Und auch Kinoleiter Wolfgang hat beobachtet, dass das Publikum durchaus gemischt ist. „ Das QFF ist ein offenes Format und wird entsprechend von verschiedensten Menschen besucht“, stellt er fest. „Hier spielen Alter, Sexualität und Herkunft keine Rolle und wir freuen uns auch ein sehr vielfältiges Publikum zu haben. Bestimmte Formate und Diskussionsgäste richten sich hauptsächlich an ein queeres Publikum, sind aber grundsätzlich ebenfalls offen und werden auch entsprechend angenommen.“ Große Gefühle: Viele queere Filme beschäftigen sich mit essentiellen Frragen oder Problemen - ein Erlebnis auch für Menschen, die sich als heterosexuell einordnen würden. (Bild: Cine k) Gemeinsam queere Filme feiern Von 40 Langfilmen und 13.000 Gästen ist das Queer Film Festival Oldenburg noch weit entfernt. Aber es will dort auch gar nicht hin. Das QFFOL ist ein Kleinod, das nicht zuletzt durch seine intime Atmosphäre überzeugt. Eine andere Zahl ist dagegen deutlich realistischer: Eine 32. Auflage, die das Internationale Filmfest im Jahr 2025 feierte, könnte das QFF ebenfalls erleben. Denn alle Beteiligten haben die dafür nötige Haltung, Überzeugung und Freude an ihrem Tun. Und das Publikum? Weiß die stets gelungene Auswahl sehr zu schätzen. Zwar werden Filme mit queeren Hauptfiguren weiterhin die Ausnahme bleiben und nur hin und wieder die Oscarverleihungen dominieren. Aber das ist vergleichsweise unwichtig, wenn weiterhin so viele gute queere Filme produziert werden und das Team der Kinogruppe RollenWechsel im Na Und e.V. sie für uns entdeckt und beim Queer Film Festival präsentiert. Es ist nichts falsch daran, wenn sich das Publikum in erster Linie aus queeren Personen zusammensetzt, die gemeinsam das intime Filmerlebnis feiern. Wir empfehlen aber auch allen anderen, mit der nötigen Offenheit in das Festival hineinzuschnuppern. Dabei stellt man dann vielleicht fest, dass gute Filme grundsätzlich für alle geeignet sind - unabhängig davon, wen die Hauptfigur liebt.

  • NEUES AUS DER MACH|WERKSTATT

    Zwischen Gehversuch und Geniestreich: MACH|WERK ist der Fonds für innovative Kulturprojekte. Hier bekommen (vor allem, aber nicht ausschließlich) junge Kulturschaffende die Chance, Projekte umzusetzen, die wagemutig, waghalsig oder wunderbar wild sind. Das Ergebnis: Jedes Jahr spannende Kulturinnovationen zwischen Sinn und Spektakel. Nun wurde die Auswahl für 2025 bekanntgegeben. Neue Machwerke: Zwar gab es bei den Bewerbungen im Jahr 2025 einen Minusrekord, dennoch haben die sechs neuen Machwerke wieder einiges zu bieten. (Bild: Canva KI/Kulturschnack) In den vergangenen Jahren sind in Oldenburg Dinge passiert, die in dieser Form für eine Stadt dieser Größe nicht zu erwarten waren. Es gab spektakuläre kreative Zwischennutzungen , es gab kulturelle Fahrradrallyes  und individuelle Theaterformate  für jeweils eine einzige Person. Es gab innovative Filmprojekte , internationale Austauschformate , gigantische Graffiti-Events  und sogar ein mehrtägiges Indoor-Festival . Was das alles miteinander zu tun hat? Erstmal nichts. Über die Jahre verstreut fanden diese Ereignisse statt, ohne dass sich eine Verbindung herstellen ließe. Dennoch gibt es eine: All das wurde nämlich möglich gemacht durch MACH|WERK, dem städtischen Fonds für innovative Kulturprojekte. Er war mal der Impuls, der Steine ins Rollen brachte, mal der entscheidende Anstoß, eine lang durchdachte Idee endlich umzusetzen und mal das fehlende Puzzlestück in der Finanzierung. Unter dem Strich also: ein Möglichmacher. Und Oldenburg profitiert davon.   MACH|WERK OLDENBURGS FONDS FÜR INNOVATIVE KULTURPROJEKTE DURCHGÄNGE: 8 BUDGET P.A.: 50.000 EURO GEFÖRDERTE PROJEKTE: 59 FÖRDERSUMME: 430.000 EURO WERT: UNBEZAHLBAR   Neue Kulturimpulse Nein, großes Tamtam und Trara gibt es nicht. Die Entscheidung darüber, welche Projekte mit dem MACH|WERK-Fonds realisiert werden können, fällt vergleichsweise unspektakulär: Im nichtöffentlichen Teil der September-Sitzung des Kulturausschusses wird über die Anträge abgestimmt. Dabei entwickeln sich immer mal wieder lebhafte Diskussionen über die Projekte - genauso aber über das Umfeld, das sie brauchen, um zu gelingen. Glanzlicht der Mach|Werk-Historie: Das MEMUR Urban Art Festival im August 2022. (Bild: Kulturschnack) In diesem Jahr betraf dies etwa den Zeitpunkt der Ausschreibung, der erstmals vollständig in den Sommerferien lag. Ein Fehler? Womöglich, denn die Resonanz war mit acht Anträgen so gering wie nie, weit entfernt vom letzten Jahr (13) oder gar vom Rekordjahr 2021 (27). Zudem sind in diesem Jahr zwei Antragsteller dabei gewesen, die auch im letzten Jahr erfolgreich waren. Das Mach|Werk-Biotop könnte aktuell also eine gewisse Auffrischung vertragen. Daran - so viel ist sicher - wird im Kulturbüro gearbeitet werden. Bis dahin darf sich Oldenburg über sechs starke Kulturimpulse freuen, die es ohne Mach|Werk nicht gegeben hätte. Über welche genau? Das lest ihr hier: ANNE KAMMER-EVERSBUSCH SHAKESPEARE OHNE RAUM Obwohl schon fast sechzig Projekte bei Mach|Werk gefördert wurden, hat Theater bisher bestensfalls eine Nebenrolle eingenommen. Umso schöner, dass nun Anne Kammer-Eversbusch, Leiterin der Oldenburger Schauspielwerkstatt , einen Akzente in diesem Bereich setzt. Ohne Raum: Shakespeare sucht in Oldenburg nach einer Bleibe. (Bild: Wikipedia Commons) Und es geht gleich um einen ganz Großen: „Shakespeare ohne Raum“ lautet der Titel des Projekts - und den darf man durchaus wörtlich nehmen. Mit Oldenburger Bürger:innen will die Theaterexpertin nämlich Stoffe des berühmten englischen Dichters (1564-1616) inszenieren - allerdings ohne einen festen Proberaum. Es wird also auch darum gehen, sich auf verändernde Gegebenheiten einzustellen. Doch Anne hatte bei ihrer Idee noch mehr im Sinn. Einerseits sieht sie das Projekt als eine Form des „Empowerments“ und des Mutmachens, sich mit klassischen Stoffen auseinanderzusetzen. Etwaige Hemmschwellen sollen abgebaut werden, zumal Passierende zuschauen oder oder sogar spontan mitmachen dürfen. Einfacher geht es nicht! Es gibt aber eine weitere Deutungsebene: Die diplomierte Schauspielerin möchte mit ihrem Projekt auf die Raumknappheit für künstlerische Projekte aufmerksam machen und gleichzeitig einen kreativen Umgang damit anregen. Durch eine filmische Aufbereitung mitsamt Veröffentlichung auf YouTube dürften auch genügend Menschen davon erfahren. OLIVER GODOW A CHANCE - EINE FOTO-SKULPTUR FÜR DAS 91ER-GELÄNDE „ Die üblichen Verdächtigen “ ist ein ein Thriller von Bryan Singer aus dem Jahr 1995. Ganz so alt ist Mach|Werk nicht, aber gäbe es auch hier einen Kreis an typischen Kandidat:innen, dann könnte man Oliver Godow sicher dazuzählen. Mehrfach war er in den vergangenen Jahren schon dabei - und hat auch dieses Jahr ein Projekt eingereicht. Terra incognita: Die Freizeitfläche an der 91er Straße wurde im August eingeweiht. Der neue Ort will aber erst noch entdeckt werden. (Bild: Sascha Stüber) Sein Metier ist dabei die Fotografie und sie steht auch hier wieder im Mittelpunkt. Entstehen soll eine temporäre Fotoskulptur für die Freizeitfläche an der 91er Straße, wo bis vor einigen Jahren das Finanzamt stand. Der fest auf einen Sockel montierte Quader soll mit einer Höhe von 180 cm und einer Breite von 40 cm in etwa so groß sein wie ein Mensch. An seinen Seiten soll eine Fotocollage zu sehen sein, bei der eigens erstellte Bilder aus den beiden Partnerstädten Kingston upon Thames und Cholet in Dialog mit Motiven aus Oldenburg treten. „ Städtepartnerschaften stehen für ein gemeinsames Europa und damit für Chancen“, findet Oliver. Darüber hinaus will der Fotograf mit seinem Werk aber auch einen Impuls für den neuen Stadtraum geben und eine Schnittstelle für das Zusammenleben schaffen. Denn: „Das 91er-Gelände ist eine Chance für Oldenburg.“ MAIKE JEBENS & MARIE-LOUISE GUNST BROT & LOSE KUNST Einen gänzlich neuen Ansatz verfolgen die beiden Schauspielerinnen Maike Jebens und Marie-Louise Gunst . Im Foyer des Theater Hof/19 plant das Duo ein innovatives Veranstaltungsformat, in dem die Kunst zur Impulsgeberin für persönliche Gespräche wird. Der Bezug zur Nahrung im TItel ist dabei kein Zufall: Neben einer Verbindung aus Konzert, Lesung und szenischer Intervention gibt es nämlich auch ein gemeinsames Mahl. Gereicht wird handwerklich gebackenes Brot von der Orto Bistro Bakery mit Öl, Salz und Wasser - einfache und ehrliche Lebensmittel, die als symbolischer wie realer Auftakt zum gemeinsamen Erleben wirken. Ort des Geschehens: Im Foyer des Theater Hof/19 gibt es jetzt „Brot & lose Kunst“ (Bild: Kulturschnack) Der Ort ist ebenfalls kein Zufall: Viele Oldenburger:innen werden Maike und Marie-Louise von ihren Engagements bzw. Gastspielen am Theater Hof/19 kennen. Nun gibt es die Gelegenheit, sie in einem neuen Rahmen zu erleben. Dabei widmet sich jeder Abend einem akuellen oder zeitlosen Thema, für das es künstlerische Impulse gibt, die gemeinsam weitergedacht werden. Nicht zuletzt sind das Zusammenkommen vor Ort und das Gespräch auf Augenhöhe ein Zeichen gegen Einsamkeit als eines unserer drängendnsten, aber auch am häufigsten übersehenen sozialen Probleme. BEKANNTE NAMEN MACH|WERK HALL OF FAME Wie eingangs angedeutet, passieren in Oldenburg viele Dinge, ohne dass man sie miteinander verbinden könnte. Wie viele Veranstaltungen aber die Förderung durch MACH|WERK gemeinsam haben, zeigt die folgende Liste. Sie ist längst nicht vollständig, bietet aber einen guten Eindruck davon, wie viel der Fonds möglich macht. ANNIKA LISA RICHTER - FRAUENSACHE  (2021) DIE LOGE - KILLING LONELINESS  (2020) DIE LOGE - NEUGESTALTUNG DER FRIEDENSSÄULE (2024) EIKE WEINREICH - IM SCHATTEN DER STADT (2021) FELIX FREITAG - LUCA (2022) GESINE GEPPERT - ALTERNATIVE KUNST-KULTUR-KARTE (2021) HIDDEN ART PROJEKT - POPUP GALLERIES (2019) HIDDEN ART PROJEKT - KUNST.STADT.KOMMERZ (2020) JANUSZ KENDEL - PARKLATERNE L20 (2023) JUGENDKULTURARBEIT  - CLARA S. (2019) JUGENDKULTURARBEIT - FREISCHÜTZ (2020) KUNSTKOMPLEX - MISSION MARS (2023) LARS UNGER - I N TOKIO IST ES STILL  (2021) MADLENE OEPPING - PELLE, DER SPÄTI  (2022) MARIANNA MARTENS - METROPOLY FESTIVAL  (2021) MENSO VON EHRENSTEIN - KULTURELLI (2020) MENSO VON EHRENSTEIN - KULTURELLI RACING (2024) METRO CLUB - 40 JAHRE METRO (2023) MORITZ GRENZ - AUDIO POESY - MOVES (2019) OLDENBOOK KOLLEKTIV - READING PARTY (2024) OLDENBURGER KUNSTSCHULE - STADT-UTOPIST*INNEN (2019) PERMANENT AKTIV - LICHTUNG (2020) RENKE HARMS - MEMUR  (2020) SCHWARZSEHER - STADT GESTALTEN (2018) TAKE OLDENBURG - TAKE THE SCREEN FILMFESTIVAL (2022) THE WHITE RABBIT - DRESS:CODE  (2022) TIM PFÖRTNER - KLEISTER-KONZERTE (2018, 2019) ULRIKE LISSNER - LOLDENBURG OPEN MIC COMEDY (2023) VASUDEVA - DER OLDENBURG FILM (2018) WIEBKE HEEREN -   VISIBLE CITIES (2022) HELENE VON OLDENBURG ZUKUNFT_OL+50 Einen außergewöhnlich großen Zeithorizont deckt das Projekt von Helene von Oldenburg ab. „Was wäre, wenn wir heute fünfzig Jahre in die Zukunft schauen können?“, fragt sie sich - und wird natürlich noch konkreter. Blick in die Kristallkugel: Kunst liefert womöglich präzisere Ergebnisse als datenbasierte Projektionen. (Grafik: Helene von Oldenburg) „Wie wird Oldenburg im Jahr 2075 aussehen? Wie geht es der Demokratie? Wie steht es um die Mobilität, die Wohnsituation, die Freizeitgestaltung, die Bildung, die Nahrungsherstellung, die medizinische Versorgung, die Politik? Wie werden sich die Landschaften verändert haben? Die oldenburgische Stadtlandschaft? Die soziale Landschaft? Die politische Landschaft?“ Und die Antworten darauf - geben wir alle. Dafür hat Helene einen Open Call gestartet, also einen Aufruf bei ihrem Projekt mitzumachen. Ausgehend von der Fragestellung, was in fünfzig Jahren sein wird, lädt Helene alle dazu ein, ihre Vorstellungen, Erfindungen, Hoffnungen, Wünschen und Befürchtungen Ausdruck zu geben und sie mit anderen zu teilen. Auf welchem Weg ihr das tut, bleibt euch überlassen: Bilder, Skizzen, Fotos, Filme, Objekte, Texte, Sounds und Töne - alles ist erlaubt. Präsentiert werden die Ergebnisse dieser spannenden Mischung aus Kunstprojekt und Forschungsvorhaben im Landesmuseum Kunst + Kultur . Also: Im Schloss. Zweifellos ein angemessener Rahmen für Oldenburgs Zukunft. MERLE SMALLA DIE ORAKEL-REVUE Man hat keine Wahl: Wer nur den allerersten Satz von Merle Smallas Projektbeschreibung liest, muss einfach neugierig werden: „Die Orakel-Revue soll eine mobile Spielbühne werden, die Figuren- und Objekttheater, bildende Kunst und Wahrsagerei im öffentlichen Raum miteinander verbindet.“ Noch stärker wird dieser Effekt, wenn man beim letzten Projekt der freischaffenden Künstlerin zu Gast war - nämlich bei „ Mitternacht 24/7 “, das sich in den historischen Gemäuern des Baumgartenstraße irgendwo zwischen begehbarer Installation, szenischer Intervention und Figurentheater bewegte. Filigran: Merles Figuren lassen eine eigene Welt entstehen - bei „Mitternacht 24/7“ ebenso wie bei der „Orakel-Revue“. (Bild: Kulturschnack) Nicht weniger als zehn Figuren, die vom Zirkus inspiriert sind, baut Merle für ihr kleines Theater und das Publikum bringt diese selbst ins Spiel. Pro Vorstellung kann eine Person mittels einer Tarotkarte entscheiden, um welche Figur sich das drei- bis fünf-minütige Stück drehen wird. Dialoge oder eine lineare Handlung im engeren Sinne gibt es zwar nicht, aber dafür Musik und jede Menge Assoziationen und Atmosphäre. Merle besitzt nämlich ein ausgeprägtes Gespür dafür, wie man Stimmungen entstehen lässt. Letztlich ist die „Orakel-Revue“ eine Einladung in einer andere Welt, in der Mensch und Figuren einander ganz nah kommen können. Was man draus macht? Hat man selbst in der Hand - und im Kopf. EIKE WEINREICH DER CLOWN UND DIE ZIRKUSREITERIN Das neue Kurzfilm-Projekt von Regisseur und Drehbuchautor Eike Weinreich , der regelmäßig auch für das lineare Fernsehen arbeitet, klingt zunächst nach fantasievollem Erzählkino. Doch wer Eike kennt, hat sofort eine gewisse Vorahnung, dass es ganz anders sein muss. Und so ist es auch: Hinter dem Titel verbirgt sich die wahre Geschichte der Jüdin Irene Bento , die in Zeiten des Zweiten Weltkriegs Zuflucht im Zirkus Althoff fand und dort als Clownesse auftrat. Literarische Vorlage: Eike Weinreich hat sie die Rechte an der Verfilmung gesichert. (Bild: Malik Verlag) Das passt zur thematischen und sozialen Prägung von Eikes Filmen: Bei früheren Projekten hat er bereits mit Obdachlosen, Bewohnerinnen von Frauenhäusern und Mitgliedern der Anonymen Alkoholiker zusammengearbeitet und sie aktiv am Entstehungsprozess teilhaben lassen. Und so entwickelt er auch dieses Projekt nicht im stillen Kämmerlein, sondern zusammen mit Jugendlichen aus Oldenburg, die von Mobbing oder Ausgrenzung betroffen waren bzw. sind. Denn auch bei Irene Bento waren die Anfänge zunächst nur Sticheleien. Drehort für die Szenen in Oldenburg wird die Freizeitstätte Bürgerfelde sein. Der entstehende Film wird schließlich als ein Teaser fungieren, um daraufhin - in Zusammenarbeit mit u.a. Max Giermann und dem Zirkus Roncalli - auch einen vollständigen Spielfilm zu diesem Thema zu produzieren. Die Premiere des Teasers wird natürlich in Oldenburg stattfinden.

  • INSIDE FILMFEST (OR NOT)

    Der rote Teppich ist eingerollt, die Limousinen weggeparkt, die VIP-Bändchen entsorgt: Das 32. Internationale Filmfest Oldenburg ist Geschichte. Während die einen trauern, weil das Ereignis der Jahres nun vorbei ist, zucken andere mit den Schultern. War da was? Wir haben uns gefragt, warum das Festival die Stadt in zwei Lager trennt, wieso die einen es abgöttisch lieben während die anderen vollkommen kalt bleiben. Und wir haben auch Antworten gefunden. Aus und vorbei: Das 32. Internationale Filmfest Oldenburg hinterlässt nach seinem Ende bei den einen eine große Leere, bei anderen hingegen lässt es gar nichts aus. (Bild: Kulturschnack) Am Abend des 14. September fiel der letzte Vorhang. Preise wurde verliehen, bejubelt und begossen, unzählige Fotos geschossen und Reels gefilmt sowie eine letzte Party gefeiert. Das 32. Internationale Filmfest Oldenburg hat es zum Abschluss nochmal richtig krachen lassen. Und danach? Folgte die große Stille auf den lauten Knall und Oldenburg befand sich wieder im Alltag. So war es zumindest für jene 13.000 Menschen, die nachweislich dabei waren. Der Rest der Bevölkerung - und es ist der größere Teil - hat von alledem entweder nichts erfahren, keine Notiz genommen oder es bewusst ignoriert. Denn was die Wahrnehmung des Filmfestes angeht, läuft eine Schneise durch Oldenburg, die klar zwischen Fans und Desinteressierten trennt. Und die Frage ist: Warum? Schließlich können Orte wie Park City, Utah - Heimat des berühmten Sundance Festivals - ihr Glück kaum fassen und feiern ihr Aushängeschild, wo es nur geht. Ist Oldenburg so anders? Oder täuscht die Wahrnehmung? Red Carpet Moments: Die bewusste Inszenierung gehört zur Grundausstattung von Filmfestivals. (Bild: Kulturschnack Ein Fest für Eingeweihte? Zunächst einmal muss man feststellen, dass diese Schneise gar nicht so ungewöhnlich ist. Am besten kann man es vielleicht anhand eines universellen Prinzips erklärten: Je näher man an eine Sache heranrückt, desto besser erkennt man ihren Reiz. Je tiefer man in eine Materie eintaucht, desto besser versteht man sie und desto mehr kann man wertschätzen, was geboten wird. Dies Prinzip betrifft beinahe alle Spielarten der Festivalkultur wie etwa die Internationalen Tanztage , Ein außergewöhnliches Ereignis oder die Internationalen Keramiktage . Auch sie sind für die Eingeweihten ein Fest, für die Außenstehenden dagegen ein großes Rätsel. Doch eines steht fest: Etwas müssen diese Veranstaltungen haben, das fesselt und begeistert, das aber nicht von allen dechiffriert werden kann. Sonst gäbe es all die Hardcore-Fans nicht, die manchmal über Wochen oder sogar Monate auf das Ereignis hinfiebern und anschließend mit leuchtenden Augen davon erzählen. Wie nur, fragt man sich, schafft man den entscheidenden Schritt - von der/dem irritierten Beobachter:in zum begeisterten Insider? Begegnungen: Beim 32. Internatioanlen Filmfest Oldenburg sprachen wir unter anderem mit Brandon Daley, Yun Xie und Erkan Acar. (Bilder: Kulturschnack) Unsere Erkenntnis: Dabei helfen vor allem Begegnungen. Diese Erfahrungen hat Thorsten bei seinen vielen unterschiedlichen Missionen fürs Filmfest schon vielfach gemacht, sie hat sich aber auch beim 32. Internationalen Filmfest Oldenburg wiederholt. Obwohl bereits klar war, dass wir vom Festival berichten würden, hatte sich bis kurz vor dem Beginn der Puls noch nicht erhöht. Das änderte sich aber schlagartig, als es schließlich losging. Die ersten Momente auf der Dachterrasse des Festivalcenters, die ersten Begegnungen im Blitzlichtgewitter der Eröffnung, die ersten Gespräche mit den Festivalgästen: Sofort spürte man, dass man es mit außerordentlich kreativen, interessierten und freundlichen Menschen zu hat, die liebend gerne von der faszinierenden Arbeit des Filmemachens erzählen. Das erzeugt eine ganz eigene Stimmung und kitschig veranlagte Menschen würden gar von Magie sprechen. Wir bezeichnen es aber lieber als einen Sog, der alle in Reichweite in sich hineinzieht. Erhöhter Puls: Spätestens als man auf der Dachterrasse des Festivascenters die ersten Gäste traf, war man tief drin im Sog des Filmfestes. (Bild: Kulturschnack) Vergleichbar ist all das vielleicht mit einer Urlaubsreise, bei der ihr in eine Local Bar eintaucht und den ganzen Abend mit furchtbar netten Einheimischen quatscht, die euch interessante und inspirierende Geschichten aus ihrem Leben erzählen und euch damit zum Teil ihrer Gemeinschaft machen. Das Filmfest bietet im Prinzip dasselbe wie dieser ewige Reisetraum - mit dem Unterschied, dass ihr nicht einmal die Stadt verlassen müsst. Für die internationalen Gäste ist es aber genau so wie gerade beschrieben, denn die Oldenburger:innen sind ja auch für ihre Freundlichkeit bekannt. TIEFER EINBLICK WIE FÜHLT SICH DAS FILMFEST AN? Vor allem Thorsten begeleitet das Filmfest in unterschiedlichen Rollen schon eine ganz Weile. Sohnemann Arjan war im Alter von vier Wochen (!) der jüngste jemals akkreditierte Pressevertreter. In zwei Beiträgen zum 29. Internationalen Filmfest Oldenburg hat er aufgeschrieben, was die Faszination ausmacht. Mauerblümchen? Nein, das Filmfest ist alles andere als das. (Bild: Shutterstock/Kulturschnack) Im großen Portrait „ Weltstar der Nische “ erfahrt ihr vieles über die Geschichte und Hintergründe, vor allem aber über die Philosophie des Filmfestes Oldenburg. Überschriften wie „Pillen, Mett und Zelluloid“ oder „Besser als Berlin“ deuten an, dass das Image des Filmfestes zwischen Selbstironie und Selbstbewusstsein oszilliert. Psst, it's a secret: Das Filmfest ist längst kein Geheimtipp mehr, einige Partys allerdings schon. (Bild: Kulturschnack) Im Erfahrungsbericht „ Typisch Filmfest! “ beschreibt Thorsten, wie es sich anfühlt, wenn man drei völlig unterschiedliche Filme hintereinander schaut und danach noch auf die legendäre Secret Party am Filmfest-Freitag geht. Auch wenn dieser Abend ein Einzelfall ist, steht er doch repräsentativ für die Erlebnisse und bleibenden Eindrücke beim Filmfest.  Anleitung zum Glücklichsein Doch wie gerät man nun in diesen Sog? Wie gelingen Begegnungen und Momente wie wir sie inzwischen vielfach erlebt haben, ohne dass man ein akkreditierter Medienvertreter ist? Die schlechte Nachricht zuerst: Dafür braucht es ein kleines bisschen Mühe. Es gibt aber auch eine gute: Man hart es durchaus selbst in der Hand. Hier kommen fünf einfache Tipps, mit denen der Einstieg gelingen kann. Geht unbedingt zur alljährlichen Trailershow , die etwa zehn Tage vor dem Festival stattfindet ! Den Namen darf man wörtlich nehmen: Es werden Trailer zu den Filmen gezeigt, die beim Festival laufen werden. Dazu gibt es noch etwas Rahmenprogramm, Gewinnspiele und so weiter. Insgesamt: Eine runde Geschichte, die den Einstieg deutlich einfacher macht! Vergesst, dass es beim Filmfest um Independent-Filme  geht! Es macht gar nichts, wenn ihr euch damit nicht auskennt. Dass die Filme unabhängig finanziert sind und deswegen kleinere Budgets haben, führt vor allem zu einem: mehr Kreativität. Im Ergebnis sind die Filme hier und da etwas weniger einfach zu schauen und oft nicht so glattgebügelt wie man es von gängigen Blockbustern kennt. Aber gerade diese Ecken und Kanten machen sie zu etwas Besonderem. Das mündet nicht immer im ultimativen Filmgenuss, aber erstaunlich oft. Erste Eindrücke: Die Trailer sind der beste Einstieg in das jeweils kommende Filmfest. (Bild: Kulturschnack) Schaut euch das Programmheft ganz genau an! Es ist - wenn man so will - der Dreh- und Angelpunkt fürs Festival. Dort wird zwar gelegentlich in opulent formulierten Sätzen von den Filmen geschwärmt, die selbst Hobby-Germanistiker:innen vor Herausforderungen stellen. Aber: Man bekommt noch mehr Gespür für sie. Zudem weiß man nun, wann was läuft, denn der Timetable im Mittelteil ist so eine Art Pinup-Poster für Filmfestfans. Wer einmal vom Virus infiziert ist, bekommt beim Anblick feuchte Hände. Denn das ist das Signal: Jetzt geht's los! Stellt euch eure persönliche Festivaltour zusammen! Das meiste Blitzlicht & Brimborium gibt es bei den speziellen Events, also bei der Eröffnung, der Filmfest-Gala im Staatstheater und der Closing Night mit den Preisverleihungen. Aber auch sonst lohnt es sich, an einem Abend gleich in mehrere Kinos einzutauchen, um zwischendurch ein bisschen vom Vibe aufzunehmen. Kleiner Tipp: Wo das Wörtchen „Premiere“ auftaucht, sind höchstwahrscheinlich gleich mehrere Gäste dabei, die viel zum Film und seiner Entstehung erzählen können und den Kinobesuch dadurch zu einem ganz besonderen Erlebnis machen. Bleibt nach dem Screening also sitzen und wartet ab, was passiert. Bleibt neugierig und sucht das Gespräch ! Dafür ist das Q&A nach dem Film ein sehr guter Moment, denn ihr dürft dort alles fragen, was ihr auf dem Herzen habt. Nichts ist zu blöd, alles wird freundlich beantwortet. Die allermeisten Filmemacher:innen lieben es, über ihre Projekte zu sprechen und Geschichten „from behind the scenes“ auszuplaudern. Das gilt in der Regel sogar auch außerhalb des Saals. Ihr habt euch beim Q&A nicht getraut, seht die Regisseurin danach aber vor dem Kino? Sprecht sie ruhig an! Sie freut sich! Kreative Menschen: Es ist etwas Besonderes, mit den Filmemacher:innen ins Gespräch zu kommen. Und dafür braucht ihr keine Akkreditierung, das könnt ihr auch! (Bild: Ghost Bastard Movie) Genießen was geht Natürlich ist all das nur eine Annäherung. Es bedeutet nicht, dass man dadurch in den Inner Circle der geladenen Gäste gelangt (was allerdings durchaus mal passieren kann). Auch wir waren in diesem Jahr nur ganz nah dran, nicht wirklich mittendrin. Schließlich waren wir zum Arbeiten da, mussten an Videos rumschnibbeln und Interviews transkribieren. Zwangsläufig konnten wir deshlab nicht ganz so tief eintauchen wie wir es gern getan hätten. Deshalb fühlen wir den Schmerz der Außenstehenden, auch wenn wir näher am Epizentrum waren. Doch die Frage ist: Sollte man deswegen Frust schieben? Sollte man Jammern angesichts dessen, was man verpasst hat oder was verwehrt blieb? Unsere Antwort lautet: Nein! Wir haben uns gerne in die Kinowelt gestürzt, haben jeden Moment mit den Filmemacher:innen genossen und hätten an liebsten noch mehr Interviews geführt, hätte die Zeit das zugelassen. Klar: Die dicken Limousinen und die VIP-Kultur polarisieren. Auch hat man bei verschiedenen Partys keine Chance reinzukommen, wenn man nicht auf der Gästeliste steht oder gute Connections hat. Diese Dinge signalisieren natürlich, dass es hier um einen kleinen Kreis geht, der priveligiert ist. Volles Verständnis für alle, die sich davon abschrecken lassen, schließlich wird niemand gern ausgeschlossen. Gleichzeitig sollte man sich aber immer die Frge stellen, ob es nicht in allen Bereichen des Lebens ähnlich ist. In bestimmte Kreise dringen eben nur diejenigen vor, die besonders viel beizutragen haben - und das ist beim Filmfest nicht anders. Deshalb sollte man die Befindlichkeiten über Bord werfen und einfach genießen was geht. Das lohnt sich - denn auch am Rande des Sogs ist das Filmfest schon sehr faszinierend. A Love/Love-Relationship Nein, Sorgen muss man sich keineswegs machen. Das Filmfest hat zwar seine Ecken und Kanten und ist insgesamt ein wilder Zirkus, der Oldenburg einige Tage im September kräftig durchwirbelt. Doch viele Menschen lieben das Spektakel und sind gerne Teil des Festivals. 13.000 Besucher:innen sind jedenfalls eine enorme Zahl in einer Stadt mit 175.000 Einwohner:innen. Und doch ist Luft nach oben, eben weil es immer noch diejenigen gibt, die den Zugag nicht finden oder gar nicht erst suchen. Das ist angesichts der bewussten Inszenierung des Filmfestes als ein Promi-Event durchaus verständlich. Doch es beraubt eben jene Menschen, die sich abkehren, einer ziemlich wundervollen Erfahrung. Unser Rat lautet deshalb: Werft die Vorurteile über Bord, seht über das hinweg, was manchmal etwas abgehoben wirkt. Denn letztlich sind dieser bewusst extrovertierten Elemente das Salz in der Suppe und machen das Festival erst zu diesem wilden Wirbelwind, der es seit 32 Jahren ist. Noch nicht für alle. Aber das kann ja noch werden!

  • KOLUMNE: BLICK ZURÜCK INS JETZT

    Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Theaterzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier. Preisverdächtig: Die Oldenburger Ballettcompagnie bietet Tanz auf höchstem Niveau - wir gleich fünf Nominierungen für die Spielzeit 24/25 bei der Kritiker:innen-Umfrage der Plattform tanznetz zeigen. (Bild: Stephan Walzl) Erinnert sich noch jemand an den letzten Mai? Eigentlich ist er noch gar nicht lange her, nur etwas mehr als vier Monate sind seitdem vergangen. Trotzdem wirkt er unendlich weit weg, liegt doch der gesamte Sommer zwischen ihm und uns - und damit die Phase des Jahres, die häufig für die intensivsten Erinnerungen des Jahres sorgt.   Doch es geht hier nicht um jahreszeitliche Befindlichkeiten. Der Blick zurück lohnt sich aus anderen Gründen. Denn am 23. Mai hat das Oldenburgische Staatstheate r sein Programm für die kommende Spielzeit vorgestellt. Menschen in meinem Umkreis wissen: Ich habe alles andere als ein gutes Gedächtnis. Statt Erinnerungslücken habe ich Erinnerungsinseln. Doch der Eindruck, der sich beim ersten Durchblättern des druckfrischen Spielzeitheftes einstellt, ist jedes Mal noch lange präsent. Ich mag diese Mischung aus Information und Inspiration, aus Andeutung und Ankündigung, denn sie lässt Spielräume für eigene Gedanken. Letztlich kam mir aber auf fast jeder Seite der gleiche Gedanke: Das will ich sehen! Deshalb fühle ich mich dabei manchmal wie das berühmte Kind im Spielzeugladen: vollkommen begeistert, aber hoffnungslos überfordert mit dem üppigen Angebot.     Die Vergangenheit als Gegenwart   Und genau so geht es mir auch jetzt. Denn was damals Versprechungen für die Zukunft waren, sind jetzt die Veranstaltungen der Geg enwart. D ie lange währende Vorfreude wird dann zu etwas, das sogar noch besser ist:  Zum tatsächlichen Erlebnis dessen, was man sich bis dahin nur ausgemalt hat. Ich finde es immer wieder spannend, die eigenen Vorstellungen mit der Realität abzugleichen und jedes Mal aufs Neue festzustellen: Das ist ja vollkommen anders als gedacht! Von Erwartungen und Erlebnissen: Thorstens Kolumne in der Oktober-Ausgabe der Theater-Zeitung.   Das galt auch für die ersten Premieren dieser neuen Spielzeit. Giuseppe Verdis Oper „ La Traviata “ unter der musikalischen Leitung von Carlo Goldstein oder Shakespeares „ Der Sturm “ in der Inszenierung der großartigen Ebru Tahici Borchers bildeten einen starken Auftakt in die Theatersaison 25/26. Die erfolgreiche letzte Spielzeit hat die Latte zwar hoch gelegt, doch momentan scheint es, als könnt das Staatstheater nahtlos anschließen. Noch mehr Theater gibt es übrigens im Rahmen der aktuell laufenden „ USA Begegnungen “ zu sehen. Die Veranstaltungsreihe des Kulturbüros scheint zwar zur Unzeit zu kommen. Immerhin sorgt vieles, was jenseits des Atlantiks passiert, nicht mehr nur für Irritation, sondern für mittelschwere Angstzustände. Aber das ist nicht etwa ein Grund sich abzuwenden, sondern umso genauer hinzusehen. Die Kulturetage etwa hat das mit der „Expedition in die Area X“ getan, die tatsächlich den Theatersaal verlässt und das Publikum in den Stadtraum entführt. Aber auch das Staatstheater beteiligt sich und zeigt mit „ Das Ende des Westens “ ein ambitioniertes Stück unter der Regie von Lukasz Lawicki, der immer für besondere Theatermomente sorgt. Insgesamt zeigen die „USA Begegnungen“, wie eine Kulturszene gemeinsam an einem großen Vorhaben arbeiten kann, das in der Summe mehr ist als die einzelnen Teile. Es lohnt sich, auch jenseits der Theaterprojekte ein Blick auf das Programm zu werfen.     Die Zukunft von gestern   Apropos: Auch die anderen Häuser sind inzwischen in die neue Spielzeit gestartet. Ob Theater Hof/19, Theater Laboratorium, theater werde+, Theater k oder Unikum: Alle haben im Sommer an ihren Programmen gefeilt und bieten einen attraktiven Mix aus Premieren und Wiederaufnahmen, aus Gastspielen und Sonderformaten. Es lohnt sich sehr, die Augen offen zu halten und die jeweiligen Programme anzusehen – so wie es die Theaterfans schon am 23. Mai getan haben, als das Staatstheater den Blick in eine Zukunft warf, die wir jetzt live erleben.   Letztlich ist es aber ganz egal, ob man diesen Termin damals wahrgenommen hat oder ob man tatsächlich die Sommerferien mit Vorfreude auf den Herbst verbracht hat. Wichtig ist vor allem eines: Die Theaterzeit ist da! Das Wetter macht es uns aktuell recht einfach, den Terrassenstuhl gegen den Theatersessel einzutauschen. Und wer weiß? Vielleicht wird ja in diesem Jahr der Herbst die Phase mit den intensivsten Erinnerungen? Die Bühne ist dafür bereitet. In diesem Sinne: Vorhang auf fürs Hier und Jetzt!

  • VOM WERDEN DER KUNST

    Der kreative Prozess. Das ist die stetige Auseinandersetzung mit einer Vielzahl an Fragestellungen und der Suche nach Antworten auf diese. Wann ist ein Werk wirklich beendet? Welche Abzweigung nehmen Künstlerinnen und Künstler auf dem Weg der Entstehung? Eine Ausstellung ist somit letztlich meist die Bündelung all dieser Antworten, versammelt an einem Ort. Hinterfragen tun wir dies meist nicht. Mit seiner aktuellen, thematischen Sammelausstellung "Notes on Becoming" dreht der Oldenburger Kunstverein nun jedoch den Spieß um! Credit: Anna Vogel, Ignifer XIII , 2020, Pigment Print, 30 x 42 cm, Auflage 3/5 + 2 AP, Courtesy the artist & Sammlung Stadler. NOTES ON BECOMING NOCH BIS 09. NOVEMBER '25 OLDENBURGER KUNSTVEREIN DI. - FR. 14:00 - 18:00 UHR SA., SO., FEIERTAGE 11:00 - 18:00 UHR WEITERE INFORMATIONEN UNTER: WWW.OLDENBURGER-KUNSTVEREIN.DE Das verstehe man bitte nicht falsch. Niemanden erwarten dort bei einem Besuch unvollendete Arbeiten, ganz im Gegenteil. Durch die umfangreiche Unterstützung der Münchner Sammlung Stadler war es dem Kunstverein diesmal jedoch möglich, eine thematische Ausstellung zu kuratieren, die eine Vielzahl an künstlerischen Positionen (15 insgesamt!) gegenüberstellt und hierdurch unterschiedliche Ebenen der Entstehung von Kunst offensichtlich werden lässt. Denn für gewöhnlich bleibt uns - so meint man zumindest - nur die letzte, die finale Schicht eines Kunstwerkes vorbehalten während all die Skizzen, Versuche und Entwürfe eine Existenz im Verborgenen fristen. Wer jedoch genauer hinsieht, der wird letztlich, gerade auch durch die Gegenüberstellung, die Spuren entdecken, die der Akt der Entstehung auf den Arbeiten hinterlassen hat. Für den Oldenburger Kunstverein kristallisierten sich dabei drei konkrete Ansätze heraus, unter denen die Arbeiten eingruppiert wurden. Wie der Verein jedoch selbst festhält, sei diese Einteilung weder als starre Ordnung zu verstehen, noch als zwingender Versuch einer Systematisierung, sondern eine Einladung zum Sehen und den Blick nicht nur auf das fertige Objekt, sondern auf das zu richten, was ihm vorausgehe - das Denken, Formen, Zweifeln, Verwerfen und Beginnen. Prozess als Konzept Credit: Karin Sander, Mailed Painting 61. Berlin – New York – München – Siegen – Berlin – Köln – München - Berlin - Wien - Berlin - Köln - München , 2007, Baumwollgewebe auf Keilrahmen in Standardgröße, weiße Universalgrundierung, 50 x 60 cm, Courtesy the artist & Sammlung Stadler. Foto: Studio Karin Sander © VG Bild-Kunst, 2025. Da wäre die Serie "Mailed Paintings" von Karin Sander, in welchen der Prozess als solcher unumgänglicher Bestandteil der letztlichen Arbeit ist. Alles beginnt mit dem Rohling einer blanken Leinwand, der sich auf einen Weg durch die Hände verschiedenster Transportunternehmen, Zustellerinnen und Zusteller begibt und dabei immer und immer wieder durch Städte und Länder reist und dabei tausende an Kilometers zurücklegt. Was am Ende dieser Reisen steht, lässt sich dann ganz wunderbar an den Leinwänden förmlich als Geschichte ablesen, anhand von Versand- und Hinweisaufklebern, Schmutz, Kratzern und zusätzlichen Verpackungen. Vom Malutensil über das Frachtgut unterlaufen ihre Werke eine Transformation hin zum finalen Zustand eines Kunstwerkes. Mit diesem Vorgehen wirft die Künstlerin gezielt und vor allem gekonnt die Frage danach auf, wer oder was eigentlich eine Leinwand aus dem Kunstbedarfshandel zu einem Kunstwerk höchster Güte werden lässt. Ist es die Idee der Künstlerin? Sind es die Hände all der Menschen, die über den Sendeweg hinweg Kontakt mit der Leinwand hatten und sind sie in letzter Konsequenz nicht dann auch vielleicht mindestens an der Urheberschaft des künstlerischen Werkes mitbeteiligt? Was wäre passiert, wenn die Sendungen verloren gegangen wären? Wäre es eine Leinwand oder ein Kunstwerk gewesen, das sein Ziel nicht mehr erreicht hätte? Fest steht, die Arbeiten Karin Sanders provozieren und regen zur intensiven Diskussion an. Und ist es nicht gerade das, worum es geht, wenn wir uns schon die Zeit nehmen, eine Ausstellung zu besuchen? Statt gelangweilt von einer Arbeit zur nächsten zu schreiten, berühren Sanders Arbeiten etwas tief in uns und sei es auch nur das Gefühl von Empörung. Prozess als Materialität Credit: Installationsansicht, Philipp Modersohn, links: Decor Dance (yellow) , 2020, rechts: Decor Dance (red),  2020. Courtesy the artist & Guido W. Baudach. Oldenburger Kunstverein, Notes on Becoming, 29.08. bis 09.11.2025. Foto: Roman März. Glas umgibt uns. Wir blicken durch die Fenster der Räume in denen wir uns befinden, um den Bezug zu unserer Außenwelt nicht zu verlieren. Blicken durch das Glas in unseren Brillengestellen, um die Welt wieder so wahrnehmen zu können wie sie ist. Oder wir werfen einen Blick in den Spiegel, checken unser Outfit, um im nächsten Moment über die Glas-Displays unserer Smartphone zu tickern. Und trotzdem: wer die zwei Arbeiten mit dem Titel "Decor Dance" von Philipp Modersohn entdeckt, würde auf den ersten Blick wohl kaum vermuten, dass der Ursprung der Stücke in eben diesem Material liegt. Noch viel weniger führt man sich wahrscheinlich im Alltag vor Augen, dass der Weg, um Glas zu erhalten, über Sand führt. Einem Material, das man nun wirklich gar nicht mit Transparenz in Verbindung bringt und sich doch, wie durch Zauberhand, bei enormer Hitze von ca. 1600 Grad Celsius in eine amorphe, flüssig anmutende Substanz verwandelt, ihre Atome neu anordnet und langsam die Gestalt von Glas annimmt, wie wir sie kennen. Modersohn verkehrt diesen Prozess mit seinen Werken nun jedoch wieder ins Gegenteil, wenn er Spiegel einem unkontrollierten Schmelzvorgang aussetzt und dabei mit Steinen verschmilzt. Auch hier steht bei dem Wissen um die Entstehung der Arbeiten unweigerlich die Frage im Raum, inwiefern der Künstler überhaupt in den Prozess der Umwandlung des Materials, das die Kunstwerke entstehen lässt, involviert ist. Entscheidend ist vermutlich wohl eher die völlig bewusste Handlung, sich sehenden Auges der persönlichen Kontrolle zu entziehen. Vor allem bei einem Gegenstand wie dem Spiegel, mit dessen Hilfe wir uns und unseren Zustand für gewöhnlich in steter Regelmäßigkeit kontrollieren. Die Aufmerksamkeit gehört nun nicht mehr der Reflexion, die der Spiegel ermöglichte, sondern wieder ganz dem Objekt selbst. Weg von einer Fokussierung auf das Ich. Prozess als Narration Credit: Jürgen Krause, Bleistifte 3601-3636, 2015, Graphit, Zedernholz, je 17,5 x 0,7 x 0,7 cm. Courtesy the artist & Sammlung Stadler. Foto: Wolfgang Günzel. Muss ein künstlerisches Werk oder sein Wert immer zwangsläufig in dem Objekt verborgen liegen, das sich vor uns als Betrachtenden präsentiert? Kann nicht viel mehr auch die Erzählung oder die Handlung hin zu dem am Ende vor uns liegenden Gegenstand zum eigentlichen Kunstwerk werden und somit als die physische Repräsentation dessen dienen? Dieser Eindruck drängt sich zumindest bei der Arbeit "Bleistifte" von Jürgen Krause auf. Was man im ersten Moment und aus der Distanz in den Ausstellungsräumen des Kunstvereins als eine Art Harfe oder Xylophon verwechseln könnte, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als eine präzise Anordnung einer besonderen Art von Bleistiften. Während für gewöhnlich das Holz die Mine umhüllt und nur ein kleines Stück dieser freiliegt, wurde in diesem Fall in präzisester Detailarbeit von Krause das Holz mühevoll bis auf einen winzigen Stumpft abgeschabt. Als sei das Konzept des Bleistifts auf den Kopf gestellt worden. Was vorher ein verlässliches und nützliches Utensil für Zeichnung und Notizen war, ist nun vor allem von Unhandlichkeit und Fragilität geprägt. Während die Stifte vielleicht ihrer Stabilität beraubt wurden, mag man sich kaum das unglaubliche Durchhaltevermögen ebenso wie die unzähligen Stunden ausmalen, die es benötigte all diese Stifte, auf exakt die gleiche Art und Weise zu bearbeiten. Mit dem Wissen um die Entstehung seiner Arbeiten, ist es nicht das Ergebnis sondern der Weg und das Handeln selbst, den Krause zum Kunstobjekt erklärt. Die meditative Geduld und Präzision bildet dabei letztlich auch einen ungemeinen Kontrast und lässt sich als klares Statement zu einer Welt wie der unseren verstehen, die von einer steten Reizüberflutung, dem Gefühl immer etwas verpassen zu können und immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspannen geprägt ist. Der Reiz, eine Ausstellung zu besuchen, liegt also - das wird in "Notes on Becoming" mehr als deutlich - nicht bloß darin, das Ausgestellte zu betrachten, sondern sich ebenso mit seiner Entstehung zu befassen, sie zu hinterfragen und sich ganz persönlich, eigene Gedanken zu machen, inwiefern sich die eigenen Gefühle des Gesehenen gegenüber in den möglichen Intentionen der Künstlerinnen und Künstler in Einklang bringen lassen oder auch eben nicht. Probiert es aus!

  • USA BEGEGNUNGEN: I HAVE A DREAM

    „I have a Dream!“: Diesen einfachen Satz sprach Martin Luther King Jr. bei einer Kundgebung am Lincoln Memorial in Washington am 28, August 1963. Sein Traum handelte von einer Welt ohne Vorurteile und Rassismus, von Freiheit und Gleichheit für alle Menschen. Inhalt und Intonation dieser Rede waren so perfekt auf diesen Moment zugeschnitten, dass sie sich tief ins kollektives Gedächtnis Amerikas einbrannte. Doch auch heute ist sie noch relevant - und zwar auch in Deutschland, wie ihr jetzt in der umBAUbar erleben könnt! Epochaler Moment: Martin Luther King spricht zum Abschluss des „March on Washington“ vor dem Lincoln Memorial vor einer Viertelmillion Menschen. (Bild: Wikipedia Commons) Seien wir ehrlich: Es ist außerordentlich selten, dass die Rede eines Politikers dauerhaft in Erinnerung bleibt. In manchen Fällen ist das schade, in vielen anderen eher nicht. Es muss also etwas bedeuten, wenn ein Wortbeitrag nicht nur über den Tag hinaus, sondern selbst Jahrzehnte später noch hohe Bekanntheit genießt oder sogar Teil der nationalen Identität wird. Man darf dann tatsächlich von einem epochalen Moment sprechen. Genau das war jener 28. August im Jahre 1963, als der Menschenrechtler Martin Luther King Jr. ans Mikrofon trat und seinen 250.000 Zuhörer:innen zurief: „I have a dream!“ Doch auch, wenn dieser Augenblick geradezu ikonisch war, würde man dem späteren Träger des Friedensnobelpreises Unrecht tun, wenn man ihn darauf reduzieren würde. Das Leben von Martin Luther King Jr. ist voller Eindrücke und Erlebnisse, Erniedrigungen und Erfolge. Es steht für vieles, was die USA zur Mitte des letzten Jahrhunderts ausmachte und was sie gesellschaftlich zu bewältigen bzw. zu überwinden hatte. Wie all das in einen einzigen Theaterabend passen soll? Das zeigt das Wuppertaler Basta Theater nun in der umBAUbar - und hat dabei sogar noch Zeit für Musik! USA BEGEGNUNGEN DIE MARTIN LUTHER KING STORY EIN MUSIK-THEATERSTÜCK GEGEN RASSISMUS SONNTAG, 5. OKTOBER 2025, 18 UHR UMBAUBAR STAU 25-27 26122 OLDENBURG TICKETS Vier prall gefüllte Jahrzehnte 864 Seiten. Das ist der Umfang der aktuellsten Biographie über Martin Luther King Jr., geschrieben vom US-Journalisten Jonathan Eig , ausgezeichnet mit dem Pulitzer Preis 2024. Man darf diese Zahl durchaus als Indiz dafür nehmen, dass im Leben des Portraitierten einiges geschehen sein muss, das wiederum eine gewisse gesellschaftliche Relevanz besaß. Und tatsächlich passt all das, was dem Bürger:innenrechtler zwischen seiner Geburt im Jahre 1929 und seiner Ermordung im April 1968 widerfuhr, nur mühsam zwischen zwei Buchdeckel. Ort, Person, Inhalt und Intonation: An der berühmten Rede von Martin Luther King Jr. vor dem Lincoln Memorial in Washington stimmte einfach alles. (Video: Framepool) Umso beachtlicher ist es, dass es dem Basta Theater gelingt, diese vier prall gefüllten Jahrzehnte in etwa einhundert Theaterminuten zu fassen und die szenischen Schlaglichter auf ein Leben mit der passenden Musik zu untermalen. Es ist nämlich keineswegs so, dass sich die Gruppe um Theater-Urgestein Rudi Rhode nur die Geschehnisse um den „ March on Washington for Jobs and Freedom“ oder die Entstehung des „ Civil Rights Act of 1964“ herausgepickt hätte. Nein, in seinem szenischen Musikprogramm zeichnet das Basta Theater den bewegten und bewegenden Weg des Friedens-Nobelpreisträgers beinahe vollständig nach - „von den Anfängen des gewaltfreien Widerstands der Bürgerrechtsbewegung Mitte der fünfziger Jahre bis hin zu Kings Ermordung im Jahre 1968“, wie Rudi betont. Querverweise in die Gegenwart   Weiterhin aktuell: Martin Luther King Jr. kämpfte für Freiheit und gegen Rassismus. Als erliegt kann man diese Aufgaben bis heute nicht betrachten. (Bild: Unsplash) Was hier nach einer unterhaltsamen Geschichtsstunde klingt, ist natürlich viel mehr als das. Zwar lernt das Publikum einiges über die Geschehnisse in den USA des letzten Jahrhunderts. Über die Spannungen und Zerreißproben, die oft genug in Gewalt umschlugen - nur um zu erreichen, was uns heute selbstverständlich erscheint. Doch dabei bleibt es nicht. „Immer wieder  gibt es Querverweise auf die Situation in Deutschland„ in der rechtsradikale Politiker:innen unverhohlen die Deportation von Migranten propagieren und planen“, ordnet Rudi ein Denn hier hört die Selbstverständlichkeit schon wieder auf. Gleiches Recht für alle? Was mühevoll und schmerzhaft erreicht zu sein schien, bröckelt nun bereits wieder dahin. Wobei der subkutane und systemische Rassismus zumindest in Teilen der USA niemals überwunden war, wie die Beispiele von Trayvon Martin (2012) oder George Floyd (2020) zeigten, die zur Gründung der Black Lives Matter -Bewegung führten. Zwar bleiben die Erfolge von Martin Luther King Jr. in den 1960er Jahren davon unberührt und behalten ihre Bedeutung. Jedoch zeigt sich, dass bestimmte Haltungen in der DNA der USA verankert zu sein scheinen. Oder doch nicht? Auch diese Frage streift das Basta Theater in ihrer „Martin Luther King Story“. Dabei arbeitet es mit Originalzitaten, kurzen Szenen, Soundclouds sowie Einspielungen der berühmten Rede „I have a Dream“.  Kommentiert werden die Inhalte durch live gespielte Songs, die von Kings Weggefährt:innen wie Bob Dylan und Joan Baez , aber auch aus der eigenen Feder des Basta-Theaters stammen. USA BEGEGNUNGEN 2025 FEHLENTSCHEIDUNG ODER VOLLTREFFER? Der intensive Blick auf die Vereinigten Staaten von Amerika finden die einen zu diesme Zeitpunkt völlig falsch, die anderen genau richtig. Wer hat denn nun Recht? Voller Klischees: Die USA bieten unzählige kulturelle Anknüpfungs- und Bezugspunkte. Nicht alle treffen unseren Geschmack. (Bild: Pexels) Diese Frage ist natürlich nicht pauschal zu beantworten. Wir haben uns mit Projektleiter Bernd Hubl deshalb ausführlich über das Für und Wider der USA Begegnungen 2025 unterhalten. In unserem Gespräch wurde deutlich, warum Wegsehen und Schweigen niemals eine gute Lösung ist und gerade der Kontakt auf der menschlichen Ebene zu jedem Zeitpunkt ein Gewinn sein kann. Die USA Begegnungen bieten dem Oldenburger Publikum genau diese Gelegenheit. Im Interview verrät Bernd auch einiges über die Planung und Organisation der achtwöchigen Veranstaltungsreihe sowie einige seiner absoluten Lieblings-Events. Lest unseren Artikel hier ! Mehr als eine Geschichtsstunde Der Tenor des Musik-Theaterabends ist aber trotz der aktuell eher negativen Entwicklungen keineswegs melancholisch. Das Gegenteil ist der Fall, wie Rudi betont: „Die 'Martin Luther King Story' macht Mut, den Traum von einer Welt ohne Rassismus und Ausbeutung weiter zu träumen - und immer wieder für die Freiheitsrechte einzutreten.“ Charismatische Person: Martin Luther King Jr. konnte die Menschen mit Worten bewegen. (Bild: Wikipedia Commons) Die „Geschichtsstunde“ ist also sehr viel mehr als dieser Begriff nahelegen würde. Zwar geht es um das Leben von Martin Luther King Jr., es geht aber genauso sehr um seine Haltungen, Überzeugungen und - genau! - Träume, die uns auch in der Gegenwart noch gut täten. Dass es derzeit keine Person gibt, die in ähnlicher Manier wie er die Massen begeistert und für das Entstehen einer Bewegung sorgen könnte, lässt seine Leistungen umso größer erscheinen.   Es bleibt dabei: Viele Reden von Politiker:innen müssen wir nicht zwangsläuf ig in Erinnerung behalten. Jene Worte, die Martin Luther King Jr. am 28. August 1963 sprach, allerdings schon. Und nicht nur sie, sein ganzes Leben sollten wir nicht vergessen. Es steckt nicht nur voller Erlebnisse, sondern ebenso sehr voller Ideen, Gedanken und Äußerungen, die auch heute - fast sechzig Jahre nach seinem Tod - nachhallen. Eine ideale Würdigung der Person wird uns nun auf der Bühne der umBAUbar serviert: Schaut und hört euch die Martin Luther King Story an und begegnet den USA auf ein vollkommen neue Weise. Und wer weiß? Vielleicht sagt ihr euch danach auch: „I have a dream.“

  • PINK POWER!

    Marianna Martens ist kaum zu bremsen. Als Teil des Permanent Aktiv Kollektivs hat sie in ihrer Heimatstadt Oldenburg einige spektakuläre Veranstaltungen auf die Beine gestellt - wie die Sound- und Lichtinstallation „Lichtung“ oder das „Metropoly Klubfestival“. Ihr Studium verschlug sie zwar nach Leipzig, doch nun besucht sie ihre Heimatstadt - mit einem selbstproduzierten Kinofilm im Gepäck! Wie er entstand, was ihn auszeichnet und warum die Premiere nicht nur in der Berliner Kulturbrauerei, sondern auch im Oldenburger Casablanca gefeiert wird? Das lest ihr hier! Das Ziel im Blick behalten: Was für das Drachenboot-Team der Küstenpinkies galt, war auch für die beiden Filmemacherinnen Marianna Martens und Chiara Kempers wichtig. (Bild: Junifilm, Mika Völker) Es gibt Filme, die rauschen einfach so an einem vorbei. Sie sind bunt und laut, manchmal auch anrührend und bewegend, aber in erster Linie sind es fiktive Geschichten, die uns gut unterhalten, anschließend aber auch schnell wieder vergessen sind. All diese Filme haben ihre Existenzberechtigung und sind tief und fest in unserer Feierabend- und Freizeitkultur verankert. Es gibt aber auch andere. Und zwar jene, die nicht in fernen Universen spielen oder die eine sorgfältig choreographierte Storyline inklusive dramatischem Höhe- und Wendepunkt samt Happy End haben. Sie entspringen nämlich nicht der Fantasie von Autor:innen oder einer KI, sondern dem krassesten Element, das man in einen Film integrieren könnte: Der Realität. Und mit dieser haben wir es bei „ Pink Power “ zu tun - einem Film über Zusammenhalt, Zuversicht und Lebensmut. Worum es genau geht, was den Film wichtig macht und warum man ihn unbedingt sehen sollte? Das haben wir uns auch gefragt - und deshalb kurzerhand die Produzentin und gebürtige Oldenburgerin Marianna Martens angerufen. Unser Telefonat wurden zu einem aufschlussreichen Blick hinter die Kulissen des unabhängigen Filmemachens. PINK POWER EIN FILM VON CHIARA KEMPERS UND MARIANNA MARTENS PREMIERE MIT DEM FILMTEAM: 30.09.2005, 19.30 UHR TICKETS CASABLANCA KINO JOHANNISSTRAßE 17 26121 OLDENBURG Kontaktpunkt Küstenkanal Alles begann auf einer Brücke. Genauer gesagt: Auf der Behelfsbrücke über den Küstenkanal, die seit fünf Jahren den Stadtteil Osternburg mit der Oldenburger Innenstadt verbindet. Dort traf Marianna Martens im Frühjahr 2021 die Mutter eines ehemaligen Mitbewohners - und die erzählte ihr eine Geschichte, die lange nachhallen sollte. Sie handelte vom Wilhelmshavener Drachenboot-Team der „ Küsten Pinkies “, das ausschließlich aus Frauen besteht, die an Brustkrebs erkrankt sind oder noch unter den Folgen dieser Erkrankung leiden. (Mehr zu dieser therapeutischen Form des Rudersports lest ihr im Kasten weiter unten.) Starkes Team: Regisseurin Chiara Kempers und Produzentin Marianne Martens. (Bild: Junifilm, Mika Völker) Das Team hatte sich gerade für die 13. Drachenboot-WM in Sarasota, Florida qualifiziert. an der es aus finanziellen Gründen allerdings nicht teilnehmen konnte. „Mein erster Gedanke war: Wie krass ist das denn?“, erinnert sich Marianna.  „Von Anfang an haben mich die Energie und der Ehrgeiz der Frauen beeindruckt – aber auch ihr Humor. Wie sie über ihre Krankheit scherzten, wie sie es geschafft hatten, sich aus dem tiefen Loch der Diagnose herauszukämpfen und zur gleichen Zeit Mütter, Ehefrauen und starke Persönlichkeiten zu sein.“ Schnell entstand der Wunsch, die Geschichte der „Küsten Pinkies“ mit einem Dokumentarfilm zu erzählen. Zumal der Zeitpunkt günstig war, denn bei der kommenden Europameisterschaft im italienischen Ravenna wollte das Team unbedingt dabei sein. Was Marianna zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Die intuitive Begeisterung sollte sie von diesem Zeitpunkt an über vier Jahre begleiten - und über einige Tiefen tragen. Odyssee mit Happy End Für die Regie konnte Marianna zwar schnell Chiara Kempers begeistern, die hauptberuflich für das „ Aspekte “-Team des ZDF arbeitet. Deutlich komplizierter verliefen aber die Gespräche mit potenziellen Geldgeber:innen: „Das war die reinste Odyssee“, blickt Marianna heute zurück auf eine Zeit voller Rückschläge. Die beiden seien mit dem Stoff anderthalb Jahre durch unzählige Redaktionen Deutschlands getingelt, doch keine habe das Projekt mit ihnen realisieren wollen. „An vielen Stellen hätte das Thema ideal gepasst. Aber wir waren zwei junge Filmemacherinnen, beide gerade 26 Jahre alt. Offenbar hat man uns das nicht zugetraut“, kommentiert Marianna. Ans Aufgeben dachten die beiden trotzdem nicht: „Wenn man sich von einer Absage entmutigen lässt, kann man keine Filme machen. Man muss einen extrem langen Atem haben und manchmal mit dem Kopf durch die Wand wollen, sonst wird das nichts. Diese Denkweise zieht sich durch die gesamte Filmbranche.“ Kleiner Vorgeschmack: Der Trailer ist nur eine Andeutung dessen, was das Publikum im Kino erwartet. (Trailer: Junifilm, Mika Völker) Irgendwann jedoch drohte die Zeit knapp zu werden, weil jene Drachenboot-Europameisterschaft anstand, die den Kern der Erzählung bilden sollte. „Wir hatten Angst, dass uns die Geschichte davonpaddelt“, kann die Filmemacherin heute zumindest etwas über diese schwierige Phase schmunzeln. Deutlich zu spüren ist dabei aber auch der Frust darüber, dass kaum eine Redaktion bereit war, ins Risiko zu gehen. Ein generelles Problem in der Filmindustrie, findet die junge Filmemacherin: „Ein Sequel hiervon, ein Prequel davon und dann noch ein Remake. Das ist nichts Neues und das ist auch nichts, was eine Gesellschaft bewegt. Man muss sich auch mal mit originalen Geschichten auseinandersetzen, damit man im Kopf weiterkommt.“ Für „Pink Power“ sollte sich das Blatt aber schließlich im Frühjahr 2023 wenden: Nach dem Einstieg der Produktionsfirma Junifilm aus Hannover konnte auch die nordmedia für eine Förderung gewonnen werden. Ab diesem Moment war auch klar, dass der Film letztlich nicht im TV, sondern in den Kinos anlaufen würde. Durchaus ein zweischneidiges Schwert, wie Marianna einordnet. „Kino bedeutet mehr Aufwand und mehr Kosten, bietet aber natürlich das ultimative Seherlebnis.“ Doch das Risiko sollte sich lohnen: „Wir haben mit imFilm einen tollen Verleih gefunden und starten nun am 2. Oktober 2025 in 25 deutschen Kinos. Für einen Debüt-Dokumentarfilm ist das eine starke Zahl.“ Nebenbei hat sich die 29-Jährige damit einen Traum erfüllt: Nämlich ihren ersten Langfilm fertigzustellen, bevor sie noch in diesem Jahr 30 Jahre alt wird. Wir gratulieren! PROPHYLAXE UND THERAPIE PINK PADDLING Eine Krebsdiagnose erschüttert die Leben der Betroffenen in ihren Grundfesten. Ed ist schwer, diesen Tiefschlag zu vaerbeiten und neuen Lebensmut zu fassen. Umso wichtiger sind Hilfsangebote, die nachweislich wirken. Volle Kraft voraus: Das gemeinsame Paddeln kostet nicht nur Energie, es gibt sie auch zurück. (Bild: Junifilm, Mika Völker) Zu ihnen gehört das Pink Paddling. Es geht zurück auf den kanadischen Sportmediziner Dr. Don Mckenzie, der nachweisen konnte, dass Frauen nach einer Brus tkrebs-Erkrankung mit dem Paddlin g mobil bleiben und dabei Lymphabflusswege, Muskulatur und vor allem ihre Seele trainieren, denn das gemeinsame Training bringt Lebensfreude und macht Spaß. Körperliche Veränderungen, wie zum Beispiel schmerzhafte Schonhaltung nach Operation oder Konditionsverlust, können durch gezieltes Training verbessert werden. In der Nachsorge einer Brustkrebs-Erkrankung kann Sport in den allermeisten Fällen bei der Genesung helfen. Es geht dabei immer um die maßvolle Bewegung, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten. Neben der therapeutischen Wirkung gibt es auch eine prophylaktische: Regelmäßige körperliche Aktivität kann das persönliche Risiko, an bestimmten Krebsarten wie Brustkrebs zu erkranken, deutlich reduzieren. Wichtiges Thema zur richtigen Zeit Insgesamt viereinhalb Jahre liegen zwischen jener Begegnung auf der Behelfsbrücke über den Küstenkanal und dem bundesweiten Kinostart am 2. Oktober 2025. Allein zwei Jahre hat das kleine Team um Marianna und Chiara konkret am Film gearbeitet, also gedreht, geschnitten und postproduziert. Das Ergebnis hilft nun aber nicht nur die beiden Filmemacherinnen, sondern auch - bzw. vor allem - dem Thema Brustkrebs. „Wir haben in Deutschland jedes Jahr rund 75.000 neue Erkrankungen. 18.000 Frauen versterben daran“, weiß Marianna. Krebs sei eine Gesellschaftskrankheit, von der unzählige Menschen mittelbar oder unmittelbar betroffen seien. Daran ändere der Film zwar nichts, er wirke jedoch auf einer anderen Ebene: „Es ist ein Film, der Mut macht“, findet die Produzentin. Nach einer Krebsdiagnose werde den Betroffenen zwar erst einmal der Boden unter den Füßen weggezogen, aber: „Es gibt aber auch ein Leben nach der Diagnose. Das ist natürlich grundlegend verändert. Aber es muss nicht nur zum Schlechten sein, es kann auch etwas Posiitives entstehen. Dafür steht der Film.“ Gemeinsam stark: Bei Drachenbootrennen kommt es auf den Zusammenhalt an - in vielen anderen Bereichen des Lebens auch. (Bild: Junifilm, Mika Völker)    Wer sich entscheidet, „Pink Power“ im Kino zu sehen, wird ein besonderes Erlebnis haben. Zum einen visueller Art, denn „Pink Power“ bietet wunderschöne Aufnahmen unserer norddeutschen Heimat. Zum anderen ist es aber die Erzählung, die gleichzeitig interessant, lehrreich, spannend, bewegend und motivierend ist. „Es ist schön zu sehen, dass die Menschen nach einem Screening in Gespräche miteinander kommen“, nennt Marianna eine Qualität von „Pink Power“. „Im Film geht es darum, dass man gemeinsam stärker ist und ich habe das Gefühl, dass unsere Gesellschaft genau jetzt diese Inhalte braucht.“ Dieser feste Glaube an das gemeinschaftliche Handeln sei es gewesen, der sie neben dem persönlichen Interesse auch politisch motiviert habe, an diesem großen Filmprojekt festzuhalten. Verdientes Lob für harte Arbeit Mit dem Ergebnis ist die durchaus selbstkritische Produzentin mehr als zufrieden: „Das Gesamtprodukt ist zehnmal besser geworden, als ich mir das hätte vorstellen können. Ich bin vom ganzen Team wirklich sehr begeistert. Alle haben alles gegeben - und das sieht man auch.“ Mit der Kamera seien sie oft sehr nah an die Protagonistinnen herangekommen. Es habe viele intime Momente gegeben, immer wieder sei aber auch der wunderbar trockene norddeutsche Humor aufgeblitzt. „Ich hab den Film über hundert Mal gesehen. Trotzdem gibt immer noch Momente, in denen ich gespannt bin, die mich berühren oder in denen ich eine Träne verdrücke. Das schafft der Film selbst nach so vielen Wiederholungen und das beeindruckt mich. Ich bin extrem stolz auf unsere Leistung, weil ich nie gedacht habe, dass wir es soweit bringen.“ Außen gold, innen pink: In der September-Ausgabe des Glow-Magazins findet ihr ein Interview mit den Küstenpinkies. (Bild: Glow Magazin) Tatsächlich erzeugt „Pink Power“ bereits im Vorfeld des Kinostarts ein hohes mediales Interesse: Die beiden Protagonistinnen Jasmin und Konni haben dem Glow Magazin und FÜR SIE große Interviews gegeben und sind am 24. Oktober zu Gast in der NDR Talk Show . Auf den Bildschirmen in den Bahnen der Berliner Verkehrsbetriebe leuchtet das Filmplakat auf, immer mehr Redaktionen werden auf das Paddling und das Filmprojekt aufmerksam. Geradezu logisch erscheint in Anbetracht dieser Entwicklungen der nächste Schritt: „Wir haben 'Pink Power' für den deutschen Filmpreis eingereicht“, verkündet Marianna, schätzt ihre Chancen aber realistisch ein: „Das war eine Art Napoleon-Komplex: Wir haben groß gedacht und schauen jetzt einfach mal, was passiert.“ Wobei etwaige Hoffnungen auch nicht völlig unberechtigt sind. Gerade erst wurde „Pink Power“ nämlich auf dem Stavanger International Film Festival als beste Dokumentation und für die beste Filmmusik (von Robin Albering) ausgezeichnet. Und das ist längst nicht alles, wie Marianna ergänzt: „Wir sind auch auf das Kolkata International Film Festival nach Indien eingeladen worden, das ist eines der größten Filmfestivals der Welt. Außerdem wurden wir fürs Toronto International Women Film Festival nominiert.“ Die Küstenpinkies mögen es einst nicht nach Sarasota, Florida geschafft haben, auf der Leinewand erobern sie nun aber die ganze Welt. Typisch norddeutsch? Das gilt nicht nur für das Wetter und die Kleidung, sondern auch für den oft aufblitzenden Humor der Küstenpinkies. (Bild: Junifilm, Mika Völker) Auch ein Heimatfilm Für all jene, die im Nordwesten zuhause sind, bietet der Film neben seinen inhaltlichen Botschaften und dem sehr gelungenen Spannungsbogen nämlich noch eine weitere Qualität, wie Marianna verrät: „Für mich ist 'Pink Power' ein absoluter Heimat-Film. Wir fahren durch meine Region, wir sind an der Nordseeküste, wir schnacken einen norddeutschen Schnack. Ich fühle mich einfach zuhause, wenn ich den Film sehe. Und das ist eine Sache, von der ich nicht gedacht hätte, dass sie so intensiv sein kann.“ Zu den positiven Eigenschaften ihrer Heimat gehört für die 29-Jährige auch der Mach|Werk -Fonds für innovative Kulturprojekte, von dem auch „Pink Power“ gefördert wurde. Vom Volumen her macht der Zuschuss zwar nur drei Prozent des Budgets aus, das Signal war jedoch umso wichtiger: „ Dass man aus seiner Heimatstadt den Rückenwind bekommt, den man irgendwo anders nicht bekommen würde, war ein ganz starkes Zeichen - vor allen Dingen nach den ganzen Niederlagen, die wir mit dem Stoff hatten. Dann war da plötzlich dieses Vertrauen aus Oldenburg: Das ist ein gutes Projekt, ihr macht das schon. Das war eine ganz wichtige Bestätigung.“ Sympathische Randnotiz: Mit Finn Fredeweß hat ein Oldenburger das Color Grading (also die Farbkorrektur) für den Film übernommen und dazu beigetragen, dass er so hervorragend aussieht. Los geht's: Kurz vor dem Start ist die 71-jährige Konni durchaus entspannt. Ansonsten steht aber der Spaß an der Bewegung und Gemeinschaft im Vordergrund. (Bild: Junifilm, Mika Völker) Pink Power für alle Keine Frage: Marianna Martens ist nach wie vor „permanent aktiv“ - und „Pink Power“ ist ein überaus sehenswertes Ergebnis ihres stetigen Schaffensdrangs. Die wundervolle Dokumentation widmet sich einem wichtigen gesellschaftlichen Thema, das trotz seiner Verbreitung und Bedeutung viel zu wenig besprochen wird; schon gar nicht auf eine zugängliche, sogar unterhaltsame und humorvolle Art. Dem Film gelingt es, starke Persönlichkeiten vor die Kamera zu holen, die man gerne begleitet und die einem ans Herz wachsen. An ihrer Seite erlebt das Publikum, wie sich Wege aus einem persönlichen Tief finden lassen, wie Aktivität und Gemeinschaft neue Perspektiven erzeugen. Das ist inspirierend und lässt sich gut übertragen auf das eigene Leben. Denn selbst wenn man bisher von erschütternden Diagnosen verschont geblieben sein sollte, versuchen viele von uns doch auch, neue Wege zu finden und/oder sich selbst wiederzuentdecken. Unter erschwerten Bedingungen machen die „Küsten Pinkies“ vor, wie so etwas gelingen kann. Allen, die nicht nur den bunten und lauten Geschichten von Hollywoods Drehbuchautor:innen etwas abgewinnen können, sondern sich gerne auch mit der Realität auseinandersetzen, sei diese Dokumentation wärmstens ans Herz gelegt. Besser kann man etwa 70 Minuten gar nicht verbringen. Zumal über den Filmgenuss hinaus ein großer Mehrwert entstehen könnte: Wenn wir alle uns etwas von der Pink Power abschauen würden, dann wäre das für uns sowohl individuell als auch gesellschaftlich ein großer Gewinn. Also: Let's go pinkl!!

  • STAATSAKT #9: DER STURM

    Das Oldenburgische Staatstheater ist das Flaggschiff der Oldenburger Kulturlandschaft. Sein Output allein würde unsere Stadt schon zu einer Theatermetropole machen. Um halbwegs den Überblick zu behalten, gibt es nun den Kulturschnack Staatsakt. Hier treffen wir uns mit den Akteur:innen und sprechen mit ihnen über Premieren, Projekte, Persönliches. Das ist Theater - im Rampenlicht und hinter den Kulissen! Hausregisseurin: Ebru Tartıcı Borchers inszeniert zwar auch an anderen Theatern, Oldenburg wurde aber zu ihrem Fixpunkt, an den sie immer wieder zurückkehrt. (Bild: Stephan Walzl) „Othello“, „Hamlet“, „Macbeth“: Die Theaterstücke von Willam Shakespeare (1564-1616) gehören zu den berühmtesten aller Zeiten. Seit Jahrhunderten feiern sie auf den kleinen und großen Bühnen dieser Welt große Erfolge, auch wenn (oder gerade weil) das Publikum die Texte inzwischen vielfach mitsprechen kann. Die Stoffe sind sogar so berühmt, dass sie nun schon zum zweiten Mal Thema beim Staatsakt sind - der ultimative Ritterschlag für jede Form von Theater. In den Aufzählungen bekannter Werke taucht eines allerdings nur selten auf; und zwar ausgerechnet jenes, das im Jahre 1611 als letztes entstanden sein soll. Sein Titel: „ Der Sturm “. Mit der Qualität des Materials kann das jedoch nichts zu tun haben: Die Geschichte einer Gruppe von adligen Gestrandeten, die auf einer einsamen Insel sogleich wieder um die Macht kämpfen, überzeugt durch eine ebenso kluge wie kunstvolle Verbindung von Politik und Humor. Regisseurin Ebru Tartici Borchers hat uns im KULTURSCHNACK STAATSAKT NR. 9  verraten, welche Herausforderungen es bei der Inszenierung gab, warum sie die Proben liebt und weshalb Regie mutig sein muss, wenn sie Spaß machen soll. OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER DER STURM VON WILLIAM SHAKESPEARE SO 28.9. 18:30 UHR KARTEN MO 29.9. 20:00 UHR KARTEN SO 5.10. 18:30 UHR KARTEN MI 8.10. 20:00 UHR KARTEN MI 15.10. 20:00 UHR KARTEN FR 24.10. 20:00 UHR KARTEN FR 31.10. 18:30 UHR KARTEN FR 7.11. 20:00 UHR KARTEN SO 9.11. 15:30 UHR KARTEN MI 12.11. 20:00 UHR KARTEN FR 14.11. 20:00 UHR KARTEN SA 27.12. 20:00 UHR KARTEN DO 15.1. 20:00 UHR KARTEN SA 17.1. 20:00 UHR KARTEN DO 22.1. 20:00 UHR KARTEN SA 7.2. 20:00 UHR KARTEN SO 22.2. 18:30 UHR KARTEN SO 1.3. 18:30 UHR KARTEN KLEINES HAUS THEATERWALL 28 26122 OLDENBURG N E U N T E R S T A A T S A K T E R S T E R A U F T R I T T Ein Zimmer im Dachgeschoss eines klassizistischen Gebäudes am Theaterwall in Oldenburg, direkt gegenüber jenem Gebäude, nach dem die Straße benannt wurde. Es ist ein trüber Herbsttag mit starker Bewölkung, draußen weht ein kräftiger Wind. Durch die großen Dachfenster fällt dennoch viel Licht in den Raum. Zwei Kulturredakteure gestalten das funktionale Interieur schnell noch etwas wohnlicher, dann kommt auch schon der Gast. Von Stress keine Spur: Ebru befindet sich in der Endphase der Proben für „Der Sturm“. als wir uns zum Staatsakt Nr. 9 treffen. Anzumerken ist es ihr nicht. (Bild: Kulturschnack) THORSTEN Schön, dass du es einrichten konntest! Das war bestimmt nicht einfach, zwei Tage vor der Premiere? EBRU Es gab schon Fälle, da wäre so etwas tatsächlich schwierig gewesen. Aber wir sind jetzt auf einem Stand, wo man sagen kann: Das passt. ( lächelt ) THORSTEN Super, das freut uns sehr. Sind die Kameras schon an, Kevin? KEVIN Yup, sind alle an! THORSTEN Okay, dann geht's los! (Schnell werden noch einige Details zum Format besprochen und die Sitzpositionen leicht angepasst. Dann startet das Gespräch.) THORSTEN Ebru, Du inszenierst am Oldenburger Staatstheater gerade „Der Sturm“. Kannst du in ein paar Sätzen sagen, worum es geht? EBRU Es geht um eine Gruppe von Menschen, die auf beiner Insel strandet. Alle stammen aus königlichen Familien, mit Abenteuern haben sie aber kaum Erfahrung. Das wird sehr schnell spürbar. Denn selbst wenn es um eine Insel geht, auf der es kein Volk gibt, ist die wichtigste Frage erst mal: Wer wird hier König? „Der Sturm“ zeigt sehr deutlich, dass Macht und Einfluss für Menschen oft zu den größten, wichtigsten Dingen gehören – auch wenn es nur wenige andere Menschen gibt, auf die man Einfluss nehmen kann. Ich habe das Gefühl, Shakespeare hat das extrem humorvoll - halb tragisch, halb lustig - erzählt. Farbenfroh: Bühnenbild und Kostüme entführen in „Der Sturm“ auf eine ferne Insel. (Bild: Stephan Walzl) THORSTEN Das Stück soll ja Shakespeares letztes gewesen sein. Abgesehen davon – was macht es für dich besonders? Warum gehört es auf eine Oldenburger Bühne? EBRU Es gibt Wind, es gibt Party, es gibt Liebe, es gibt Politik – was will man mehr? ( lacht ) Es enthält so viele schöne, lustige, aber auch gesellschaftlich relevante Elemente – und das ohne, dass man sich zu sehr auf eine einzige Story fokussieren muss, wie bei „Hamlet“ oder „Macbeth“. „Der Sturm“ hat eine große Leichtigkeit und bietet viel inhaltliches Potenzial. Selbst im schlimmsten Fall kann man immer noch sagen: Das ist einfach nur eine verrückte Geschichte. Man kann Spaß daran haben – auch wenn Shakespeare darin viele wichtige Sätze sprechen lässt. THORSTEN Da können wir gespannt sein, welche Sätze das sind. Was fandest du bei der Adaption denn besonders schwierig? Gab es eine große Herausforderung? EBRU. Was die Bilder und die Vorstellungskraft angeht, war vieles herausfordernd – aber ich mag das. Ich hatte durchgehend Spaß an Fragen wie: „Wie machen wir das jetzt?“ Eine der größten Aufgaben war, mit neun tollen Schauspieler:innen auf der Bühne zu arbeiten und insgesamt elf Figuren gut in Beziehung zueinander zu setzen. Wann steht wer im Fokus? Mit welchem Satz gehen wir wie um? Das war etwas, das wir auch während der Produktion erst lernen durften. THORSTEN Und wenn du zurückblickst – was ist richtig gut gelungen? Worüber freust du dich jedes Mal? EBRU Ich glaube, dass wir es geschafft haben, diese elf Figuren sehr unterschiedlich, mit eigenen Stärken und emotionalen Farben herauszuarbeiten. Ich habe das Gefühl, dass das Ensemble das richtig gut hinbekommen hat. Darauf bin ich auch ein bisschen stolz. ( lacht ) THORSTEN Man kennt den Begriff „Regisseurin“, aber ich glaube, viele wissen gar nicht so genau, was man da eigentlich macht. Was würdest du sagen, ist deine wichtigste Kompetenz? EBRU (überlegt kurz) Ich glaube, die Fähigkeit, eine Gruppe von sehr kreativen und klugen Menschen – mit eigenen tollen Vorstellungen vom Stück – zusammenzubringen und ihre Stärken nebeneinander zu sortieren. Am Ende sollten wir alle dasselbe Stück erzählen – und im besten Fall sogar ein gemeinsames Ziel haben, was wir damit ausdrücken wollen. Ohne Regie gibt es schon viele tolle Spieler:innen, Ausstatter:innen, Choreograph:innen, Musiker:innen, Dramaturg:innen. Der Job der Regie fühlt sich für mich an wie der einer Orchesterdirigentin: Man hält alle zusammen, stellt sie in die richtige Reihenfolge und entscheidet, wann welche Töne lauter oder leiser sein sollten. THORSTEN Sehr schön beschrieben. Ich habe kürzlich mit einer Filmregisseurin gesprochen, die das ähnlich gesehen und ebenfalls die Bedeutung des Zusammenspiels in einer Gruppe betont hat; da gibt es also durchaus Ähnlichkeiten. Was sind denn die schönsten Momente in deinem Beruf? Die Premiere oder etwas anderes? EBRU Ich genieße die Probenzeit am meisten. Und ich liebe die stressigen Zeiten genauso wie die Momente, in denen man denkt: „Wow, das rockt gerade!“ Am liebsten mag ich es, wenn man nach einer Frage oder nach einem Vorschlag etwas ausprobiert hat und dann diesen besonderen Glanz in den Augen der Spieler:innen sieht – dieses: „Ah, jetzt habe ich’s verstanden!“ Dann spürt man Bestätigung oder sogar Begeisterung und hat das Gefühl, dass alle in einem Boot sind. Solche Momente machen mich sehr glücklich – manchmal die ganze Nacht lang. STARKES THEATERPROGRAMM DIE GROßE VIELFALT Mit dem KULTURSCHNACK STAATSAKT starten wir ein regelmäßiges Interview-Format mit dem Oldenburgischen Staatstheater. Ihr fragt euch, warum wir das tun? Nun: Dafür gibt es genau 188 Gründe. Viel drin: Das Spielzeitheft 25/26 des Oldenburgischen Staatstheaters. Das ist nämlich die Zahl der Seiten des aktuellen Spielzeitheftes  des Oldenburgischen Staatstheaters. Es ist prall gefüllt mit dem äußerst facetten- und variantenreichen Programm der insgesamt sieben Sparten. So gibt es in der kommenden Spielzeit 3 Uraufführungen und 31 Premieren, dazu 19 Wiederaufnahmen und unzählige weitere Attraktionen. Und selbst das ist noch nicht alles. Zwischen und außerhalb von Oper, Schauspiel oder Konzert finden viele weitere Projekte statt. Das Staatstheater schreibt weiter an seiner eigenen Geschichte - und damit auch jener der Stadt. Angesichts dieser Opulenz haben wir uns dazu entschieden, dem Staatstheater regelmäßig einen Besuch abzustatten. Gemeinsam suchen wir nach spannenden Gästen, Themen und Geschichten für den KULTURSCHNACK STAATSAKT . Was ihr davon habt? Einen spannenden Einblick in die Theaterwelt und mehr Informationen darüber, was die Menschen dort bewegt.  THORSTEN Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Genau deswegen arbeitet man: weil man sich diese Momente wünscht. Du bringst ja zusätzlich noch eine Besonderheit mit an deinen Arbeitsplatz: Du bist in der Türkei geboren und dort aufgewachsen. Ist dein Background für dich eigentlich ein Vorteil, ein Nachteil – oder gar nichts davon? EBRU Im Arbeitskontext hat es für mich nur Vorteile. Ich arbeite mit einem großartigen Regieteam, in dem viele Kolleginnen aus anderen Ländern kommen. Dadurch entstehen ganz unterschiedliche Perspektiven, was die Kreativität enorm bereichert. Auch bei der Textarbeit mit Spieler:innen gibt es dadurch mehr Interpretationsmöglichkeiten. Natürlich bleibt Deutsch eine Fremdsprache für mich – auch wenn ich sie mittlerweile ganz gut beherrsche. Aber manchmal kann ich mit Körpersprache mehr ausdrücken als mit Worten. Ich habe oft Heimweh und wünsche mir manchmal, auf Türkisch proben zu können. Ich gehe oft zu Vorstellungen in der Türkei, übersetze deutsche Stücke ins Türkische – und hoffe, irgendwann wieder häufiger dort zu inszenieren. Aber ich bin auch sehr dankbar: Ich hatte bisher immer großes Glück mit Kolleg:innen im deutschsprachigen Raum. Niemand hat mir je das Gefühl gegeben, dass ich hier nicht hingehöre. THORSTEN Vielleicht kannst du ja mal ein Stück in türkischer Sprache in Oldenburg inszenieren – mit Übertiteln. Wäre spannend! EBRU Ja, das wäre wirklich schön. ( lacht ) Ansteckende Theaterleidenschaft: Wer mit Ebru Tartici Borchers über ihren Beruf spricht, möchte am liebsten sofort selbst Regie führen. (Bilder: Kulturschnack) THORSTEN Du hast erst in Ankara Schauspiel und später in Wien Regie studiert. Du kennst also das Leben auf der Bühne und an ihrem Rand. Was gefällt dir denn besser? EBRU Ganz klar: Regie! Das war immer mein größter Wunsch. Seitdem ich Regie machen darf, bin ich sehr glücklich – und ich vermisse das Schauspiel überhaupt nicht. Ich habe diesen Bereich erst spät entdeckt. Ich dachte lange, Schauspiel sei mein Lebensziel. Aber als ich während des Studiums Regisseur:innen kennengelernt habe, dachte ich: „Oh mein Gott, es gibt so einen Job, der mich noch mehr begeistert als das Schauspiel!“ Das hätte ich nie geglaubt. Es ist einfach ein Privileg, die Aufgabe zu haben, sich etwas vorstellen und ausdenken zu dürfen - auch wenn die Umsetzung dann natürliche eine große Herausforderung ist. Regie ist mein Herzensberuf. THORSTEN Ich finde es fast schade, dass man dich nicht mehr auf der Bühne sieht. Aber schön, dass du deine Berufung gefunden hast. Wenn ich richtig gerechnet habe, hast du mit 26 Jahren begonnen, Regie zu führen. Jetzt bist du 35. Bist du noch ein junges Küken oder schon ein alter Hase? EBRU Ich glaube, keins von beidem – und das ist auch gut so. Nach jeder Produktion steht man woanders als davor. Im Theater lernt man ständig dazu. Ich bin froh, dass ich mich noch wie am Anfang fühle – dann bleibt es spannend. Aber ich fühle mich auch nicht mehr wie ein Neuling, der alles zum ersten Mal machen muss. Das gibt mir auch Sicherheit. Starkes Ensemble: Gemeinsam mit den Schauspieler:innen konnte Regisseurin Ebru Tartici Borchers ihre Vorsellungen für „Der Sturm“ umsetzen. (Bilder: Stephan Walzl) THORSTEN Du hast in letzter Zeit nicht nur in Oldenburg gearbeitet, sondern auch an vielen anderen Orten wie Gießen, Mainz, Zürich, Wien. Das ist eine eindrucksvolle Liste. Da fragt man sich: Hat dein Jahr mehr als zwölf Monate? EBRU Das frage ich mich auch manchmal! ( lacht ) Wenn wir im Regieteam über unsere Produktionen sprechen, denken wir oft: „War das alles wirklich nur letztes Jahr?“ Die Zeit ist so intensiv. Innerhalb von zwei Monaten passiert im Theater unglaublich viel. Ich liebe die Probenzeit, und zum Glück geht es meinem ganzen Team genauso – deshalb arbeiten wir so viel. THORSTEN Und das auch noch sehr erfolgreich! Für deine Inszenierung von „ Amsterdam “ hier am Oldenburgischen Staatstheater warst du im Jahr 2023 für den Theaterpreis Faust nominiert. Die Jury lobte ausdrücklich deine mutige Regiearbeit. Muss eine Regisseurin mutig sein? Rasant: Unter den Neuankömmlingen bricht sofort ein Wettkampf um die Macht auf dem unbewohnten Eiland aus. (Stephan Walzl) EBRU Ich weiß nicht, ob sie es muss  – aber anders macht es keinen Spaß. Als Zuschauerin will ich überrascht werden. Und um zu überraschen, muss man etwas wagen – auch wenn es schiefgehen kann. Ich hatte großes Glück mit dem Ensemble in Oldenburg, mit allen künstlerischen Abteilungen. Selbst wenn etwas nicht perfekt klappt, war die Qualität da. Und in der Corona-Zeit ( in der das Stück entstand, Anm. d. Red. ), mit halber Probenzeit und ständig wechselnden Konstellationen, war das besonders wertvoll. THORSTEN Für Stücke wie „ Antigone / Schwester von “ oder „ Mascha K. (Tourist Status) “ hast du ebenfalls viel Aufmerksamkeit bekommen. Entsteht durch Erfolg eigentlich auch Druck? Hast du das Gefühl, dass du jetzt immer etwas ganz Besonderes machen musst? EBRU Der Druck entsteht eher dadurch, dass ich niemanden enttäuschen will – vor allem das Team. Sie stecken so viel Herzblut hinein. Ich will nicht, dass jemand mit etwas leben muss, mit dem sie oder er nicht einverstanden ist. Natürlich – alles, was gut oder schlecht läuft, fällt auf die Regisseurin zurück. Aber wenn ich mich vom Druck bremsen lasse, macht der Beruf keinen Spaß mehr. Intensive Theatererlebnisse: Mit „Antigone / Schwester von“ (links) oder „Mascha K. (Tourist Status)“ feierte Ebru in Oldenburg beriets große Erfolge. Wird es mit „Der Sturm“ so weitergehen? (Bilder: Stephan Walzl) THORSTEN Ich habe das Gefühl, du bist eine wirklich leidenschaftliche Theatermacherin. Aber wenn jetzt jemand um die Ecke käme und sagen würde, du sollst den nächsten „Tatort“ inszenieren, was würdest du antworten? „Oh ja“ oder „Bloß nicht“? EBRU ( voller Überzeugung ) Bloß nicht! Ich würde sagen, da hat man mich wahrscheinlich mit einer anderen Ebru verwechselt. Das bin ich auf keinen Fall. Ich bin auch eine sehr bescheidene Film- und Fernsehzuschauerin – ich bin dort leider nur selten unterwegs. Es wäre schön, das etwas öfter zu tun, aber ich gehe stattdessen sehr oft ins Theater. Auch als Zuschauerin sehe ich mir monatlich mindestens vier, fünf Produktionen an. Ich genieße das Theater nicht nur als Macherin, ich liebe es einfach. Ich schaue mir auch unglaublich gerne an, was andere Kolleginnen und Kollegen gemacht haben. Diese Leidenschaft hätte ich nie auch nur ansatzweise für Film oder Fernsehen. THORSTEN Das beruhigt natürlich alle Theaterfans in Oldenburg. Gibt es denn einen Stoff oder ein Stück, das du liebend gern mal inszenieren würdest, wozu es aber bisher noch nicht gekommen ist? EBRU Oh ja, ich weiß nur nicht, ob man so etwas verraten darf. Aber ja, es gibt tatsächlich zwei Stücke. Ich warte nur auf den richtigen Zeitpunkt. THORSTEN Du verrätst sie aber nicht? EBRU Okay, vielleicht verrate ich sie doch. Hoffentlich bereue ich das später nicht. Eins davon ist „ Zement“ , die Theateradaption von Heiner Müller , die auf einem großartigen Roman basiert. Und das andere ist „ Jeder stirbt für sich allein“  von Hans Fallada . Das sind zwei Herzensprojekte von mir, die irgendwo auf mich warten – wenn ich ein bisschen weiter bin. Voller Ideen: Ebru Tartici Borchers kann trotz ihres jungen Alters schon auf viele gelungene Arbeiten zurückblicken. Sie träumt aber bereits von kommenden Projekten. (Bild: Kulturschnack) THORSTEN Wir warten mal ab und schauen, was passiert. Vielleicht ist es eines Tages so weit! Wo wir gerade schon bei Herzensprojekten sind, würde mich noch etwas anderes interessieren. Wenn du eine berühmte Bühnenfigur sein dürftest – welche wärst du gern? EBRU Ich weiß nicht, ob ich gerne jemand Bestimmtes wäre , aber wenn ich mich noch einmal mit einer Figur beschäftigen dürfte – sei es inszenieren oder spielen – dann gäbe es zwei Charaktere, die ich unglaublich spannend und beeindruckend finde. Einer davon ist auf jeden Fall Kreon . Den hat bei uns Caroline Nagel großartig gespielt – ich bin auch ein großer Fan von Caro. Der andere ist Ismene , die bei uns Tobias Schaumann gespielt hat – ebenfalls großartig. Ich glaube, besser geht es nicht nach meinem Geschmack. Aber diese beiden Figuren lassen mich einfach nicht los. Manchmal führe ich nachts im Kopf Gespräche mit ihnen. Sie begleiten mich gedanklich immer wieder. Tatsächlich war es eine große Überraschung, dass ich mich in der letzten Spielzeit bei „Antigone / Schwester von“ mit genau diesen beiden Figuren an einem Abend beschäftigen durfte. Deshalb wird diese Produktion für mich immer eine meiner Lieblingsproduktionen bleiben. Home Sweet Home: Dass Oldenburg Ebrus Zuhause in Deutschland geworden ist, hat natürlich auch mit dem Staatstheater zu tun. (Bild: Stephan Walzl) THORSTEN Sehr schön. Jetzt kommt schon die letzte Frage – oder eher eine Bitte: Vervollständige folgenden Satz: „Oldenburg ist für mich... EBRU ... mein Zuhause in Deutschland.“ Ja, mein Theater-Zuhause. Absolut. Ich fühle mich hier unglaublich wohl und bin wirklich sehr glücklich. Ich hatte bisher in Deutschland überall Glück – nicht, dass es irgendwo nicht schön gewesen wäre. Aber in Oldenburg ist es besonders: Wenn ich am Bahnhof ankomme, fühlt sich alles sofort vertraut an. Ich bin hier gerne unterwegs, gerne draußen auf den Straßen. Und sobald ich das Theatergebäude betrete, kenne ich alle Gesichter und spreche gerne mit allen Kolleg:innen. Das ist ein wunderbares Gefühl. Ich wohne aktuell in Wien, aber falls ich irgendwann in Deutschland mal länger bleiben sollte, dann stünde Oldenburg auf Platz eins meiner Liste. THORSTEN Das ist ein richtig schönes Kompliment. Ein Zuhause bietet man schließlich besonders gern. Vielen Dank – das waren tolle Antworten, du hast wunderbare Geschichten erzählt. EBRU Ich hoffe, die Vorstellung gefällt euch genau so gut! THORSTEN Die Latte liegt hoch, aber wir prüfen das nach! ( beide lachen ) (Alle: ab) In den Sturm segeln Es kommt nicht allzu häufig vor, dass man Stücke aus der Feder William Shakespeares erleben darf, die man nicht schon von irgendwoher kennt. Im Falle von „Der Sturm“ geht es vielen von euch womöglich nicht anders als uns: Dieses Stück war uns vollkommen unbekannt, bevor es nun auf den Spielplan des Oldenburgisches Staatstheaters rückte. Das allein macht den Gang ins Theater beinahe schon zu einer Pflichtveranstaltung. Aber da ist noch mehr. Zusammen? Oder doch lieber allein? Shakespeare widmet sich in „Der Sturm“ ganz grundsätzlichen Fragen des menschlichen Miteinanders. (Bild: Stephan Walzl) Wer mit Ebru Tartici Borchers über Theater spricht, über Regie und Inszenierung oder die Arbeit mit dem Ensemble, hat keine andere Wahl: man muss sich förmlich mitreißen und begeistern lassen. Die 35-Jährige brennt fürs Theater und sie vermag es, ihre Leidenschaft auf andere zu übertragen. Bei wem also der Name Shakespeare allein noch ausreicht, hat damit ein zusätzliches Argument, sich eine Vorstellung von „Der Sturm“ anzusehen. Was sich Ebru für den vierhundert Jahre alten Stoff ausgedacht hat? Wer unter den Gestrandeten letztlich das Rennen um die Macht gewinnt? Und welche Paralleln zur Gegenwart wie (vielleicht) ziehen können? Das erfahrt ihr erst, wenn ihr im Theatersessel sitzt. Und eines ist bei Ebru Tartici Borchers sicher: ihr werdet überrascht sein - und das ist gut so!

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