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  • STAATSAKT #11: DAS ENDE DES WESTENS

    Das Oldenburgische Staatstheater ist das Flaggschiff der Oldenburger Kulturlandschaft. Sein Output allein würde unsere Stadt schon zu einer Theatermetropole machen. Um halbwegs den Überblick zu behalten, gibt es nun den Kulturschnack Staatsakt. Hier treffen wir uns mit den Akteur:innen und sprechen mit ihnen über Premieren, Projekte, Persönliches. Das ist Theater - im Rampenlicht und hinter den Kulissen! Sucht die Herausforderung: Regisseur Lukasz Lawicki will unterhalten - doch das allein ist ihm nicht genug.. (Bild: Stephan Walzl) Was will Theater? Was kann Theater? Und was muss es leisten? Fragen wie diese werden gestellt, seitdem der erste Mensch eine Bühne betreten hat - und die Antworten darauf fallen durchaus unterschiedlich aus. Einige der spannendsten gibt Regisseur Lukasz Lawicki, der seit etwa fünf Jahren am Oldenburgischen Staatstheater arbeitet. Er war in den Spielzeiten 22/23 und 23/24 ein Aktivposten des Technical Ballroom, damals die erste feste digital-analoge Bühne Deutschlands. Auch beim Nachfolgeprojekt Digitex ist er eine prägende Figur. Doch ihn macht nicht nur die Affinität für neue technische Möglichkeiten aus, sondern genauso sehr - bzw. noch viel mehr - sein Gespür für aktuelle Themen und sein Anspruch, sie intelligent, mutig und ambitioniert zu inszenieren. Sein Credo: Die Menschen müssen sich begegnen und bewegt werden, sie sollen Denkanstöße mit nach Hause nehmen. Sein Theater soll genau das wollen, können, leisten. Das zeigt auch sein aktuelles Stück „Das Ende des Westens“. Im KULTURSCHNACK STAATSAKT #11 verrät Lukasz, ob es trotz des Titels Hoffnungsschimmer gibt, warum er sich selbst und das Publikum gerne herausfordert und wie Technik und KI das Theater revolutionieren. OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER DAS ENDE DES WESTENS FR 05.12. 20 UHR ENTFÄLLT SO 7.12. 18 UHR KARTEN DO 11.12. 20 UHR KARTEN FR 12.12. 20 UHR KARTEN DI 16.12. 20 UHR RESTKARTEN DO 18.12. 20 UHR KARTEN FR 19.12. 20 UHR KARTEN MO 29.12. 20 UHR KARTEN DI 6.1. 20 UHR KARTEN EXHALLE JOHANNISSTRAßE 6 26122 OLDENBURG E L F T E R S T A A T S A K T E R S T E R A U F T R I T T Eine Theaterbühne am späten Vormittag eines milden Wintertages. Die Sonne kämpft sich mühsam durch eine mitteldichte Wolkendecke, einige Strahlen brechen hindurch und tauchen die Stadt in ein fales, aber stimmungsvolles Licht. Davon ist im Saal jedoch nichts zu spüren: Hier versprüht das Bühnenbild eines Theaterstücks eine technokratisch-kühle Atmosphäre. Zwei Kulturredakteure wählen den idealen Ort für ein Gespräch, der Gast notiert auf seinem Notebook schnell noch einige Gedankenblitze. Mittendrin statt nur dabei: Zum Gespräch über „Das Ende des Westens“ trafen wir Lukasz auf der Bühne in der Exhalle. (Bild: Kulturschnack) THORSTEN Der Titel deines neuen Stücks Das Ende des Westens klingt ja sehr apokalyptisch – zumindest für einen Teil der Welt. Was erwartet denn die Zuschauer? Endzeitstimmung pur? LUKASZ Es ist tatsächlich Endzeitstimmung pur, aber in einem sehr schönen, theatralen Gewand. Und ich sag mal: So wie sich die politische Lage momentan entwickelt, ist Hoffnung nur noch an wenigen Stellen zu finden. THORSTEN Das klingt tough. Worum geht es denn genau? LUKASZ In Das Ende des Westens von Lars Werner geht es darum, den Alltag in einer Trollfabrik zu beschreiben. Die dramaturgische Klammer bildet die Figur Sascha, die immer wieder im Stück auftaucht. Insgesamt ist es ein geschichtlicher Abriss über die Dekonstruktion des Westens und unserer demokratischen Verhältnisse. Das beginnt 1980, führt bis heute und gewährt sogar einen Blick in die Zukunft. THORSTEN Da steckt einiges drin. Was war denn die größte Herausforderung, diesen komplexen Stoff auf die Bühne zu bringen? LUKASZ Tatsächlich ist das Stück sehr komplex und sehr fordernd. Für uns im Team – und für die Zuschauer erst recht. Man braucht viel Konzentration, um dran zu bleiben. Herausfordernd war vor allem, die wichtigen Kerninformationen so zu vermitteln, dass das Publikum nicht verliert, was wesentlich ist. Durch die tägliche Informationsflut, vor allem über Social Media, fällt es schwerer, komplexe Sachverhalte länger zu verfolgen. Das war vermutlich die größte Herausforderung. THORSTEN Es gibt dazu aber auch eine Gegenseite: Das Stück ist inzwischen ein paar Mal gelaufen. Was hat deiner Meinung nach besonders gut funktioniert? Was sagt das Publikum? LUKASZ Besonders gut funktioniert hat die Arbeit des Ensembles – die präzise Art des Spiels, des Sprechens und der sehr konsequente Umgang mit dem Text. Der Titel deutet es an: „Das Ende des Westens“ bietet Endzeitstimmung pur. (Bild: Stephan Walzl) THORSTEN Du hast es schon angedeutet: Technik spielt inhaltlich eine Rolle, aber auch in der Inszenierung. Sind die neuen Möglichkeiten Fluch oder Segen fürs Theater? LUKASZ Ganz klar beides – aber mehr Segen als Fluch. Schon als Projektoren und Beamer damals aufkamen, war das eine Revolution im Theater – unfassbar teuer und kaum zu bezahlen. Erst in den letzten Jahren hat sich gezeigt, was man alles damit machen kann. Und die Technik, die uns hier zur Verfügung steht, wird für viele kommende Theaterarbeiten zur Grundlage werden – in den nächsten fünf bis zehn Jahren. Die Exhalle ist ein riesiges Experimentierfeld. Wir leisten hier Pionierarbeit, geprägt von Erfolgen und Misserfolgen. Aber wir finden immer wieder gute Übersetzungen in den theatralen Raum. Und es lohnt sich, dran zu bleiben, um am Puls der Zeit zu bleiben und vielleicht neue Perspektiven oder neue Theatermagie zu eröffnen. THORSTEN Heißt das, man sieht hier schon ein bisschen die Zukunft des Theaters? LUKASZ Ich vermute ja. Ich behaupte: ja. Ambitioniert: „Das Ende des Westens“ von Lars Werner in der Regie von Lukasz Lawicki ist definitiv mehr als einfache Unterhaltung. (Video: Oldenbugrisches Staatstheater) THORSTEN Der Begriff KI fällt im Stück ja auch. Was glaubst du: Wird KI die Art verändern, wie man Theater macht? Oder bleibt Theater eine Bastion des Analogen? LUKASZ Die KI wird die Theaterwelt definitiv verändern. In Zeiten von Sparzwängen und Kürzungen in der Kultur werden Kunstschaffende immer mehr darauf angewiesen sein, auf KI zurückzugreifen – sei es für einfache Content-Erstellung wie Bild, Video oder Musik oder um Konzepte umsetzen zu können. Ich halte das nicht immer für richtig, aber es wird kommen. Gleichzeitig muss das nicht per se negativ sein, wenn KI als ergänzende Ebene genutzt wird und die künstlerische Arbeit bereichert. Kritisch wird’s bei Texten: Gerade bei moderneren Stücken sieht man, wie viel KI schon jetzt zum Einsatz kommt. Ich vermute, dass wir in fünf bis zehn Jahren von KI-generierten Texten überflutet werden – vielleicht noch mit einem Autorennamen dahinter, aber ohne die „Seele“, die das Analoge ausmacht. Weil solche Texte letztlich aus Annahmen und Algorithmen entstehen. STARKES THEATERPROGRAMM DIE GROßE VIELFALT Mit dem KULTURSCHNACK STAATSAKT starten wir ein regelmäßiges Interview-Format mit dem Oldenburgischen Staatstheater. Ihr fragt euch, warum wir das tun? Nun: Dafür gibt es genau 188 Gründe. Viel drin: Das Spielzeitheft 25/26 des Oldenburgischen Staatstheaters. Das ist nämlich die Zahl der Seiten des aktuellen Spielzeitheftes  des Oldenburgischen Staatstheaters. Es ist prall gefüllt mit dem äußerst facetten- und variantenreichen Programm der insgesamt sieben Sparten. So gibt es in der kommenden Spielzeit 3 Uraufführungen und 31 Premieren, dazu 19 Wiederaufnahmen und unzählige weitere Attraktionen. Und selbst das ist noch nicht alles. Zwischen und außerhalb von Oper, Schauspiel oder Konzert finden viele weitere Projekte statt. Das Staatstheater schreibt weiter an seiner eigenen Geschichte - und damit auch jener der Stadt. Angesichts dieser Opulenz haben wir uns dazu entschieden, dem Staatstheater regelmäßig einen Besuch abzustatten. Gemeinsam suchen wir nach spannenden Gästen, Themen und Geschichten für den KULTURSCHNACK STAATSAKT . Was ihr davon habt? Einen spannenden Einblick in die Theaterwelt und mehr Informationen darüber, was die Menschen dort bewegt.  THORSTEN Im Stück spielt aber nicht nur die Technik und Digitalität eine Rolle, sondern auch Politik. Und du bist generell ein politischer Regisseur – das hat man zuletzt bei der Piratenrepublik  gesehen. Was motiviert dich dazu? LUKASZ Lange Zeit war es Wut auf gesellschaftliche Zustände. Mittlerweile ist es eher die klare Anerkennung von Realitäten. Wenn wir uns diesen Themen nicht stellen, gehen wir unter – auch als Theater, wenn wir nur Wohlfühltheater machen würden. Deshalb ist es großartig, dass wir hier in Oldenburg die Möglichkeit haben, uns mit politischen Inhalten zu beschäftigen. Es geht nicht immer um eindeutige Stellungnahmen, aber zumindest um Impulse, Debattenanstöße. Meine größte Motivation ist simpel: die Ungerechtigkeit auf der Welt. Pathetisch, aber wahr. Ich möchte, dass die Leute den Raum verlassen und sich noch am Abend oder am nächsten Tag mit dem Thema beschäftigen. Wir müssen Dinge ansprechen – wir können nicht alles verschweigen oder ignorieren. The real deal: Für „14 Tgae Krieg“ fuhr Lukasz bis nach Kiew, um authentische Eindrücke der Zustände vor Ort zu bekommen. (Video: Oldenburgisches Staatstheater) THORSTEN Für „ 14 Tage Krieg“  bist du kurz nach Kriegsbeginn zwei Wochen in die Ukraine gereist. Für die „ Piratenrepublik“  hast du gleich einen eigenen Staat ausgerufen. Bist du jemand, der gerne in Extremen denkt? Ist sie einfache Unterhaltung nicht genug? LUKASZ Einfache Unterhaltung kann auch sehr schön sein – und sehr wichtig, gerade in Krisenzeiten. Auch in der Ukraine habe ich gesehen, wie wichtig leichte Stücke für Menschen sein können, damit sie mal loslassen können. Zu deiner Frage: Ja, ich bin jemand, der gerne in Extremen denkt. Aber Regie bedeutet für mich drei Dinge: gute Organisation, Flexibilität im Konzept und im Umgang mit Menschen – und eine Prise Wahnsinn. Ohne ein bisschen Wahnsinn bleibt Kunst oft leer. THORSTEN Sind da zwei widerstreitende Elemente in deinem Kopf – Anspruch und Unterhaltung? LUKASZ Definitiv. In der Konzeptionsphase denkt man sehr wild, sehr groß. Aber im Probenprozess ist immer präsent, dass ein hoch ambitioniertes Konzept nichts bringt , wenn sich die Leute zwei Stunden langweilen. Unterhaltung sollte nicht an erster Stelle stehen, aber das Publikum darf nicht völlig außen vor bleiben. Nur zu sagen „Ich habe mir etwas gedacht, und wenn ihr es nicht versteht, seid ihr zu dumm“, wäre fatal. Intensiver Erzähler: Im Gespräch merkt man Lukasz zu jeder Zeit an, dass Theater für ihn Leidenschaft bedeutet. (Bilder: Kulturschnack) THORSTEN „Das Ende des Westens“ ist Teil der Reihe Gegenübe r. Mit ihr will sich das Oldenburgische Staatstheater aktiv an demokratischen Prozessen beteiligen. Denkst du, Theater ist der richtige Ort, um Denkanstöße zu geben? LUKASZ Definitiv. Theater ist – etwas pathetisch gesagt – genau der Ort, um Menschen zusammenzubringen und zum Nachdenken anzuregen. Würden wir nur klassische Dialogstücke oder schöne Bilder liefern, wäre Theater aus meiner Sicht nicht zukunftsfähig. Gleichzeitig darf man keine Zuschauergruppen ausschließen. Eine gute Mischung ist wichtig: leichte Komödien und politisch anspruchsvolle Stoffe. Wir haben als Theatermachende das Privileg und die Pflicht, komplexe Themen anzuschneiden und Denkprozesse auszulösen – egal ob Wut, Freude, Angst oder Tränen dabei herauskommen. Ohne diese Dinge wird Theater bedeutungslos. THORSTEN Versuchst du dabei neutral zu bleiben? Oder hast du Botschaften, die du vermitteln willst – gerade bei Das Ende des Westens ? LUKASZ Ein klares Jein. Der Text lässt vieles offen und positioniert sich gleichzeitig automatisch – allein dadurch, dass er Zustände in Russland thematisiert. Wir haben versucht, möglichst nah am Text zu bleiben. Aber bei anderen Stücken muss ich nicht unbedingt neutral sein. Meine Aufgabe ist es, Räume fürs Denken und für Gespräche zu öffnen. Und ja, ich bin ein politischer Mensch – das fließt in meine Arbeit ein. Faszinierendes Bühnenbild: Die Digitex in der Exhalle bietet viele technische Möglichkeiten., Lukasz Lawicki weiß sie zu nutzen. (Bild: Stephan Walzl) THORSTEN Du hast ja auch „ Im Osten was Neues“  inszeniert. Denkst du viel über diese globalen Lager nach? LUKASZ Ja, sehr. Ich beschäftige mich viel mit der postsowjetischen Ära, weil ihre Auswirkungen überall spürbar sind – gesellschaftlich wie kulturell. Es gibt viele ungelöste Themen und Vorurteile. Und dieses „ihr gegen uns“ statt „hier liegt die Ungerechtigkeit“ prägt vieles. Das interessiert mich sehr und begleitet mich in vielen Arbeiten. THORSTEN Du bist auch leidenschaftlicher Fotograf. Hilft dir der Blick durch die Linse bei deiner Regiearbeit? LUKASZ Total. Momentan fotografiere ich weniger, aber es geht wieder los. Fotografie hilft mir bei Lichtstimmungen, Figurenfindung, beim Schreiben. Wenn ich am Bahnhof sitze und Menschen fotografiere, entstehen automatisch Geschichten. Ein Foto von einem Menschen, dessen Gesicht 50 Jahre Leben zeigt – und vielleicht kein leichtes –, löst Fragen aus und inspiriert mich. Viel unterwegs: Diese Fotos von Lukasz Lawicki entstanden in Portugal, Griechenland, Frankreich und der Ukraine. Sie sind - wie viele weitere - auf seinem Instagram-Kanal zu sehen. (Bilder: Lukasz Lawicki) THORSTEN Du wirkst ständig inspiriert. Wie entspannst du eigentlich? LUKASZ Ein sensibles Thema! (lacht) Fotografie war lange meine Entspannung. Momentan koche ich wieder – das erste Mal seit fünf Wochen. Mein Kartoffelauflauf war mittelmäßig, aber ich war entspannt. Ansonsten: ganz klassisch eine Arte-Doku. Und los. THORSTEN Du bist jetzt ungefähr fünf Jahre in Oldenburg. Voindeinen Themen und Ambitionenher würdest du aber auch gut in sehr viel größere Städte passen. Warum bleibst du trotzdem für immer hier? LUKASZ Für immer? Was weißt du, was ich nicht weiß? ( lacht ) Ich bin sehr gerne hier. Ich mag das Haus, die Strukturen, die Menschen. Mit der neuen Leitung entsteht gerade eine komplett neue Welt, und dieser Prozess ist spannend. Ich war vorher in Hamburg, in Mecklenburg-Vorpommern, bin viel rumgekommen und habe turbulente Zeiten hinter mir. Oldenburg ist angenehm. Die Stadt ist schön, die Menschen engagiert – das hat nicht jede Stadt dieser Größe. Und die norddeutsche Mentalität liegt mir einfach. THORSTEN Wer weiß, vielleicht bleibst du ja wirklich für immer. Letzte Frage: Ist der Westen am Ende? LUKASZ Noch nicht ganz. Aber wenn wir nicht aufpassen, werden wir vielleicht früher als gedacht viele Teile unserer Freiheit einbüßen. THORSTEN Keine schönen, aber starke Schlussworte. Vielen Dank! Keine leichte Kost: „Das Ende des Westens“ bietet nur wenige Hoffnungsschimmer, dafür aber ein intensives Theatererlebnis und viele Denkanstöße. (Bild. Stephan Walzl) Mehr als Unterhaltung Es gibt gefälliges Theater, das uns gut unterhält und eine schöne Zeit beschert - und es ist nichts falsch daran. Es gibt aber auch Theater, wie Lukasz Lawicki es versteht und in der Exhalle umsetzt: ambitioniert, vielschichtig, konfrontativ. Hier kann das Oldenburger Publikum Experimente erleben, die durchaus mal Momente der Irritation entstehen lassen, die sich aber immer durch Vorstellungskraft und Wagemut auszeichnen. Das sind wahre Theaterlebnisse, die lange nachhallen - eben weil sie einen Versuchscharakter haben, den man bei einer Shakespeare-Inszenierung in der Regel nicht zu sehen bekommt. Wir durften es selbst erleben: Was Lukasz auf die Digitex-Bühne zaubert, löst tatsächlich jene Denkprozesse aus, die er beabsichtigt - ganz egal, worum es dabei geht. „Das Ende des Westens“ setzte die Reihe von Lukasz' bisherigen Arbeiten konsequent fort. Thematik und Tenor sind keine leichte Kost - sie sensibilisieren uns aber für einen Teil unserer gesellschaftlichen Gegenwart, dessen unbequemen Komponenten wir gern ausblenden. Dem Stück gelingt das Paradoxon, für die kalte Welt der Trollfabriken und der künstlichen Intelligenz zu emotionalisieren - und das ist der Handschrift Lukasz Lawickis zu verdanken. Nicht alle Regisseur:innen müssen so leidenschaftlich brennen. Aber es ist wertvoll für Oldenburg, dass er es tut.

  • DRAG = KULTUR

    Hinter jeder Menge Glitzer und Glamour, verbirgt sich Kultur in all ihren schönsten Facetten: kreativ, überraschend, eindrucksvoll sowie mit jeder Menge Humor und Haltung ausgestattet, fügt sich das Genre nahtlos und bereichernd in Kunst- und Ausstellungskontexte, wie hier in Oldenburg bereits zu erleben war. Nun steht die nächste Gelegenheit bereits unmittelbar vor der Tür. Was es zu erleben gibt, das lest ihr hier bei uns. Foto: Yong Photography / The White Rabbit Mehr Kultur geht nicht! Laut einer Legende schrieb William Shakespeare, eine der berühmtesten und bedeutendsten Figuren der Theaterwelt, an den Rand seiner Bühnenanweisungen immer dann den Begriff Drag, wenn ein Mann als Frau verkleidet auftreten sollte. Wir hätten es in diesem Fall also gar nicht mit einer Referenz an das englische "to drag", sondern mit einem Akronym zu tun, bei dem jeder Buchstabe für ein eigenes Wort steht: " D ressed R esembling A G irl". Ob diese Legende nun am Ende der Wahrheit entspricht, können wir an dieser Stelle natürlich nicht mit letztgültiger Gewissheit bestätigen - Herr Shakespeare stand für Rückfragen aktuell nicht zur Verfügung - doch passen würde sie ganz wunderbar. Foto: Yong Photography / The White Rabbit Denn Kultur und Drag, das geht Hand in Hand. "Für mich ist es sehr wichtig, klarzustellen, dass es dabei weder um die sexuelle Orientierung, noch um Geschlechterfragen geht: Drag ist eine Art der Performance, die von jedem Menschen praktiziert werden kann", erzählt uns hierzu Timo Willen vom White Rabbit Kollektiv , das bereits 2023 mit dem vom Mach:Werk geförderten Projekt " Dress:Code " (wir berichteten) Drag Elemente völlig selbstverständlich in einen Mix aus Kunst, Performance und Fashion integrierte. "Wir konstruierten [unter anderem] eine Runway-Show rund um die Themen Kleidung, Geschlecht und Identität. Themen, die auch Teil der Drag-Szene sind. Einige Zeit zuvor hatte mein bester Freund Deeon damit begonnen, in Berlin zu performen und das junge Drag-Kollektiv Duct Tape gegründet. So schien es uns nur logisch, für diese Show zu kooperieren und wir luden Deeon und Magda von Pfeffer, ebenfalls Teil von Duct Tape, zu uns nach Oldenburg ein." Präsenz zeigen Das Oldenburger Publikum reagierte auf das Projekt und im speziellen die Kooperation mit spürbarem Interesse, weshalb sich das Kollektiv bereits im Folgejahr dazu motiviert sah, eine eigenständige und womöglich eine der ersten wirklichen Drag-Shows in Oldenburg mit dem Titel "MASQUEERADE" auf die Beine zu stellen - erneut in Kooperation mit dem Berliner Team von Duct Tape. Zwar gebe es seiner Wahrnehmung nach im Bremer Umland (womöglich also je näher man sich den jeweiligen Metropolregionen des Landes nähert), tendenziell mehr Anlaufstellen und Präsenzorte als in Oldenburg, so Timo. Dennoch habe auch Oldenburg seine lokalen Queens und feste Instanzen, wie beispielsweise die Oldenburger Sektion der weltweit existierenden " Sisters of Perpetual Indulgence ", die mit der Hilfe von Drag- und Satire-Elementen sowie kirchlicher Symbolik für eine offene, diverse Gesellschaft einstehen und sich in der HIV- und AIDS-Prävention und weiteren Projekten engagieren. Aber auch in der jungen, queeren Szene gebe es Kollektive und Einzelpersonen, die sich der Förderung von Drag-Culture verschreiben. Foto: Yong Photography / The White Rabbit Doch alle, die eine solche Show noch nie selbst besucht haben, schrecken vielleicht vor dem entscheidenden Schritt zurück dem Genre eine Chance zu geben, weil ihnen ein konkretes Bild dessen fehlt, was sie letztlich wirklich bei einem solchen Happening erwarten wird. Natürlich gebe es da die augenscheinlich als essenziell angesehenen Elemente, wie das Make-Up, die Perücken, den klassischen "Lip-Sync" oder auch die allgemeine "Over-the-Top"-Ästhetik, doch für Timo Willen persönlich sei es am Ende vor allem die Authentizität, die mehr zähle als das ganze Drumherum. Er selbst stand bei der Masqueerade sogar zum ersten mal selbst als Drag Queen Betty Bloop auf einer Bühne. "Die vier Queens haben mich direkt in die Familie aufgenommen und auch die Atmosphäre als ich Backstage 'zurechtgetüdelt' wurde war sehr ermutigend und entspannend. [...] Ich kann jedem empfehlen, mal mit Drag Queens zu arbeiten. (lacht)" Für Timo geht es viel weniger darum, nach einer Verbindung von Drag und Kunst zu fragen, sondern die Kunstform selbst zu etablieren - so wie in der Vergangenheit jede neue Kunstform oder Strömung zunächst mit hochgezogener Augenbraue betrachtet wurde. Nur durch die Präsenz im Mainstream der Gesellschaft könne man solche Vorurteile, die meist aus fehlendem Kontakt zur Szene entstehen, letztlich brechen. Mit der Masqueerade sei das bereits gut gelungen. Drag im Kulturzentrum PFL Dafür ist es umso wichtiger, dass auch in Zukunft innerhalb Oldenburgs immer wieder solche Veranstaltungen stattfinden und vorherrschende Klischees tatsächlich gebrochen werden können. Und schon bald, kurz vor Weihnachten, steht die nächste Gelegenheit vor der Tür, sich selbst einen Ruck zu geben und sich dem Kosmos Drag zu öffnen. Denn vom anderen Ende Deutschlands, aus München, verwandelt Vicky Voyage für einen Abend das Kulturzentrum PFL mit ihrer "Shit Show" in einen "sanitären Safe Space", bei dem die Besucherinnen und Besucher lachen, sich ertappt fühlen, nachdenken und am Ende sagen sollen: "Wow, das habe ich so noch nicht gesehen", wie Vicky Voyage selbst erzählt. Plakat: Vicky Voyage Auch hier wird schnell klar, dass es um deutlich mehr als reines Varieté, sondern ebenso sehr um eine klare Haltung geht. Fake News und blindem Hass wird hier der Kampf angesagt und - im metaphorischen Sinne - die Toilette hinunter gespült. Denn " in den letzten Jahren ist das politisch viel drängender geworden. Der Rechtsruck, Fake News, Hetze — das alles ist real und ich kann nicht so tun, als wäre meine Glitzerblase davon unberührt. Deshalb nehme ich diese Themen mit in die „Shit Show“, aber immer so, dass das Publikum nicht gelangweilt wird, sondern mitlachen und nachdenken kann. Das ist Aktivismus, ja — aber mit Herz und einem Schmunzeln, nicht mit der Moralkeule", so Voyage. Auch bei der Wahl des Veranstaltungsortes, fiel die Wahl nicht ohne Grund auf das Kulturzentrum PFL, mitten im Herzen der Stadt, weil der Ort eben nicht das Klischee des klassischen Clubs erfüllt, sondern raus zu den Menschen geht. Das Schönste an Rückmeldung passiere dann eigentlich meist nach der Show im Foyer. "Da kommen Leute auf mich zu [...] und sagen Dinge wie 'Das hat dieser Stadt gefehlt' oder 'Danke, dass du hier ein bisschen Farbe reinbringst.' [...] Menschen, die sagen: 'Ich wusste nicht, was mich erwartet, aber ich hatte einen richtig tollen Abend.' Das sind Momente, in denen ich spüre, dass Drag auch im Kleinen etwas verändert - manchmal reicht ein Farbenklecks, der hängen bleibt", so Voyage. Da können wir nichts als zustimmen!

  • CATAPULTS: I HOPE YOU HEAL

    Was geht eigentlich in der Oldenburger Musikszene? Kurze Antwort: Viel zu viel, um es hier abzubilden! Deshalb werden wir niemals jede Band, alle Singles und sämtliche Auftritte erwähnen können. Aber: Es gibt ja noch Longplayer. Sie sind nach wie vor etwas Besonderes, jeder Release markiert einen Meilenstein der Bandgeschichte. Das wollen wir feiern - im KULTURSCHNACK SOUNDCHECK! Hier stellen wir euch Alben made in Oldenburg vor und verraten euch, warum ihr sie unbedingt euren Playlists hinzufügen müsst. Die zweite Folge dreht sich um die Emo-/PopPunk-Helden von Catapults. Heilende Kraft? Das neue Album „I hope you heal“ von Catapults mag keine Medizin ersetzen, aber gut tut es auf jeden Fall! (Bild: Catapults/Brian Kramer) Wenn es unsere Aufgabe wäre, ein Album-Review auf nur drei Buchstaben zu reduzieren, dann würde das Ergebnis in diesem Fall lauten: Wow! Eigentlich ist damit schon genug gesagt, denn dieser knappe Ausruf drückt ja in maximal komprimierter Form aus, dass man die Platte, die eben jene Sprachlosigkeit ausgelöst hat, unbedingt anhören sollte. Case closed. Aber zum Glück haben wir hier mehr Raum als nur diese drei Buchstaben und können die Sache etwas ausschmücken. Zum Beispiel können wir verraten, dass Catapults auf ihrem zweiten Longplayer zwar weiterhin Pop-Punk mit dezentem Emo-Einschlag spielen, dass der Mix nun aber so abwechslungsreich ist, dass er zumindest in der Zuhörerschaft die Genre-Grenzen sprengen sollte. „I hope you heal“ ist nicht nur etwas für Fans der ersten Stunde, sondern für alle, die irgendwas mit Gitarrenmusik anfangen können. Denn die Platte ist vor allem eines: extrem gut! Auf dem richtigen Weg: Joost (Gesang, Gitarre), Malte (Drums), Lars (Bass) und Maurice (Gitarre) haben ein starkes neues Album abgeliefert. (Bild: Brian Kramer) In jeder Hinsicht: Besser denn je Dabei hat es Pop-Punk bei der Hörerschaft außerhalb der Kernzielgruppe traditionell nicht leicht. Wer sonst eher Jazz, Klassik oder Charts hört, nimmt den druckvollen und dichten Sound oft nur als Dröhnen wahr. Dabei ist diese Betrachtung sehr oberflächlich. Tatsächlich sind die Bands des Genres zwar unterschiedlich talentiert. Es gibt also welche, für die Abwechslung ein Fremdwort ist. Andere aber zeigen musikalische Tiefe und ein sicheres Gespür für große Melodien. Sie beweisen: Punk und Pop Appeal schließen sich nicht aus, sondern sind im Idealfall zwei Seiten derselben Medaille. Spätestens mit dem neuen Album gehören Catapults zur zweiten Kategorie. „I hope you heal“ bewegt sich zwar nach wie vor im Pop-Punk-Spektrum, ist aber deutlich vielseitiger und einfallsreicher als der Vorgänger und viele vergleichbare Releases. „Wir wussten, dass das neue Material anders ist“, verrät Gitarrist Maurice Gärtner im Gespräch. Ob es aber auch den berühmten Schritt nach vorn darstellen würde? Das vermochte in der Band niemand zu beurteilen „Dafür fehlt uns schlicht die Objektivität.“ Also fragte man einfach jemanden, der es wissen muss: den Gitarristen der bekannten US-Band Hot Mulligan . „Seine Reaktion hat uns Gefühl gegeben, dass das, was wir da machen, zumindest schon mal nicht schlecht sein kann“, lacht Maurice. Auf Augenhöhe mit Neck Deep Diesen Eindruck hat man auch als Hörer:in schon beim ersten Durchlauf. Catapults gehen direkt in die Vollen und liefern schon in den ersten zehn Minuten mehr besondere Momente als manch andere Band auf Albumlänge. Die erste Irritation kommt spätestens beim vierten Track „A-Okay“. Denn wir haben mitgezählt: Es ist der vierte Hit auf der Platte - und es folgen noch viele weitere. Ohne irgendeinen Leistungsabfall galoppiert dass Quartett von einer Pop-Punk-Hymne zur anderen, alles bewegt sich auf höchstem internationalen Niveau. Zu berühmten Genre-Größen wie Neck Deep oder Knuckle Puck muss man nicht ehrfurchtsvoll nach oben schauen, sondern entspannt zur Seite. Eine - vielleicht die größte - Stärke von „I hope you heal“ ist das Gespür für Details. Es gibt unglaublich viel zu entdecken und zu erhören - von Glockenspiel über Pfeif-Einlage bis zum Hardcore-Riff. Immer dann, wenn man glaubt, einen Song zu kennen, kommt doch ein neues Element oder eine Variation, die ihn in eine neue Richtung lenkt. Die Platte klingt so frisch, dass manches fast wirkt wie spontan eingestreut - was hier und da tatsächlich der Fall ist. „Im Normalfall haben wir alle Songs bereits im Home-Studio einmal aufgenommen, mit allem was dazugehört“, gibt Maurice einen Einblick in den Aufnahmeprozess. Diese Demo-Aufnahmen dienten im Studio dann als Schablone oder Blaupause, an der sich die Band orientiere. Raum für Spontanität gebe es dennoch: „Natürlich kommt es aber immer mal vor, dass während der Aufnahme plötzlich eine Idee kommt, die man dann einfach ausprobiert. Ob sie es aufs Album schafft, entscheiden wir ganz demokratisch: Wenn der Großteil die Änderung mag, wird sie übernommen - und wenn nicht, dann nicht!“ Es geht auch unverstärkt: Catapults haben ihre Wandlungsfähigkeit schon mit der EP „Acoustic Adventures“ und bei den Kulturschnack Acoustic Sessions unter Beweis gestellt. (Video: Kulturschnack) NEUES FORMAT „SOUNDCHECK“ OLDENBURGER BANDS AUFGEPASST I hr seid Solo-Musiker:in oder spielt in einer Band aus Oldenburg? Ihr seid so ambitioniert, dass ihr eure Musik schon veröffentlicht habt oder genau das demnächst tun werdet? Und zwar nicht nur als eine Single, sondern in Form einer EP oder eines Albums? Mega, dann seid ihr hier richtig! In Zukunft wollen wir hier regelmäßig über den Output Oldenburger Musiker:innen berichten. Ihr habt Interesse im KULTURSCHNACK SOUNDCHECK aufzutauchen? Super, dann lasst es uns - am besten im Vorfeld der Veröffentlichung - wissen. Tickt uns auf Insta an oder schickt uns eine Email , wir kommen auf euch zurück. Super wäre es, wenn ihr schon ein kleines Presskit in petto hättet: Albumcover, Bandfotos, evtl. Link zu einem Video und einigen Soundfiles, die wir für ein Reel nutzen könnten. Es gibt keine Garantien für einen Artikel - aber wir bemühen uns, möglichst alles zu verarbeiten, was uns erreicht. Die Oldenburger Szene ist (noch) bunter und besser als viele denken. Höchste Zeit, dass die Welt davon erfährt! Also: Macht mit beim Kulturschnack SOUNDCHECK!   Der Ohrwurm als Gratmesser Theoretisch hätten Catapults auch weit mehr als jene zwölf Tracks aufnehmen können, die es letztlich auf das Album geschafft haben. An Material mangelte es nicht. „Wir wollten diese Zahl aber nicht überschreiten, damit wir im Studio nicht in zeitlichen Stress geraten“, erklärt Maurice. Bei der Song-Auswahl habe es durchaus Diskussionen gegeben, weil die Bandmitglieder unterschiedliche Favoriten hatten. Bei den meisten Songs sei man sich letztlich aber einig gewesen: „Ein gutes Zeichen ist es, wenn man die Gesangsmelodie oder bestimmte Parts nach der Aufnahme summt, also einen Ohrwurm davon hat.“ Mit hundertprozentiger Sicherheit könne man aber nie sagen, welche Songs den Hörer:innen am Ende am besten gefallen. „Persönliche Favoriten müssen nicht auch zwangsläufig Fan-Favoriten sein, da haben wir uns auch schon mal vertan!“ Auch wenn man sich auf ein Dutzend Songs beschränkt hat, erreicht „I hope you heal“ mit 41 Minuten Spielzeit geradezu epische Dimensionen im Pop-Punk-Genre, wo ein Longplayer auch gerne mal nach 30 Minuten endet. Ist so ein ausgewachsenes Album denn überhaupt noch zeitgemäß? „Für uns ja, auch wenn die heutige Entwicklung der Musikindustrie etwas anderes suggeriert. Wir selbst sind allesamt Alben-Hörer“, gibt Maurice ein klares Bekenntnis ab. „Für uns käme es nicht in Frage, nur noch Singles zu veröffentlichen, um immer die höchste Interaktion zu generieren.“ Die Band verfolge die Entwicklungen in der Branche jedoch gespannt und schaue immer, wie sie bestimmte Neuerungen sinnvoll für sich umsetzen könne. Mit Kreativität und Liebe Bei „I hope you heal“ stellt sich der Album-Kontext als klarer Gewinn dar. Vor allem die beiden letzten Tracks - „Birdsong“ und der Titeltrack „I hope you heal“ - wirken am Ende der LP besonders stark, zumal beide ohne klassische Vers-Chorus-Struktur auskommen und stattdessen auf einen Build-up setzen. Sie gipfeln in großen Momenten, die als Single nicht in dieser Form funktionieren würden. Das Album erzeugt in seiner Gesamtheit eine eigene Stimmung, die nicht etwa zwischen Spielfreude und Ernsthaftigkeit hin und her pendelt, sondern diese beiden Pole miteinander verschmilzt. Entsprechend stolz ist die Band auf das Gesamtergebnis, wie Maurice betont: „Man kann den Moment, in dem man seine Platte fertig gepresst in der Hand hält, mit nichts vergleichen. Man hat so unfassbar viel Zeit, Arbeit, Kreativität und Liebe in dieses Projekt gesteckt.“ Außerdem sei er sehr stolz auf die Entwicklung, die jedes einzelne Bandmitglied in den acht Jahren seit der Gründung durchgemacht habe. „Die Produktion des ersten Albums hat für zehn Songs noch drei Wochen Studiozeit in Anspruch genommen. Beim neuen Album haben wir 12 Songs in zwei Wochen geschafft - mit weniger Diskussionen und viel mehr Sicherheit.“ Höhepunkte am Ende: „Birdsong“ ist ein spätes Highlight des Albums - auch wenn (oder gerade weil) der Song ohne einen klassischen Chorus auskommt. (Video: Catapults/Kavenzmann) Apropos Bandmitglieder: Genau wie das Songwriting zeigt sich auch Sänger Joost variantenreicher als zuvor. Seine Stimmfarbe bleibt zwar über weite Strecken des Albums dieselbe. Die größere Bandbreite und die Ergänzung mit Backing Vocals verleihen den Vocals aber eine größere Dynamik. Sowieso sind sie ein Markenzeichen der Band und zeichnen sich durch eine hohe Wiederkennbarkeit aus. Und wer noch mehr Abwechslung will, höre sich etwa „Digging Deeper / Going Nowhere“ an, das zusammen mit der Kölner Band Still Talk entstand. Ein wunderbar relaxter Midtempo-Song mit einem starken Duett und Singalongs. Für uns steht fest: Der gehört in ein Stadion! Zur Qualität der Scheibe trägt auch die sehr gelungene Produktion bei: ausgewogen und rund, druckvoll und fett. Der einzige Kriitikpunkt könnte sein, dass es hier und da vielleicht zu rund ist. Auch Pop-Punk verträgt hier und da eine scharfe Kante - die aber sind weitgehend weggebügelt. Das allerdings ist zu verschmerzen, denn die Wucht der Produktion sorgt auf andere Weise für Druck. Hometown Show: Catapults spielen alljährlich ihr Jahres-Abschlusskonzert im Oldenburger Cadillac. (Bild: Kulturschnack) Übrigens wurde „I hope you heal“ bereits im letzten Sommer aufgenommen, die Veröffentlichung erfolgte mit etwas Verzögerung. Das heißt: Die Band hat ihre zuletzt rasante Entwicklung nun schon ein Jahr fortgesetzt. Da fragt man sich: Wohin geht die Reise noch? Bewegen sich Catapults weiterhin im Pop-Punk Universum? Oder sprengen sie auf der nächsten Platte die Genre-Grenzen? „Das ist schwer zu sagen“, will Maurice sich nicht festlegen. Nach der Herbst-Tour wolle man sich wieder dem Schreiben widmen. „Ob das neue Material in ganz andere Richtungen gehen wird, kann ich aber noch nicht sagen. Ich bin selber gespannt, was dabei herauskommt!“ All Killer, No Filler Es wirkt stets unreflektiert, wenn man einem Album „nur Hits“ zuschreibt. Während der Counter nun den fünften Hördurchlauf zählt, kommen wir aber nicht umhin, genau das festzustellen: Für „I hope you heal“ gilt tatsächlich die Feststellung „All killer, no filler“. Zwar nimmt sich die Band innerhalb der 41 Minuten durchaus kurze Verschnaufpausen. Die sind aber so geschickt eingestreut, dass sie sich selbst als Highlight erweisen - eben weil der Kontrast stark wirkt. Insofern können wir entspannt in die Zukunft sehen. Entweder bleiben Catapults ihrem Sound weitgehend treu und wir erleben eines Tages eine Fortsetzung von „I hope you heal“ - oder aber es folgt der nächste Schritt nach vorn und der Sound wird noch differenzierter und ausgereifter. Gelingt es der Band, die aktuelle Form zu konservieren, wird das Urteil in beiden Fällen das Gleiche sein: Wow! Und vielleicht belassen wir es beim nächsten Mal dann tatsächlich dabei. Case closed. CATAPULTS I HOPE YOU HEAL 12 Songs, 41 Minuten Pop-Punk/Emo 19. September 2025 Spotify | Apple | Amazon | Deezer Vinyl/Merch

  • STAATSAKT #10: ERZÄHL MIR KEINE MÄRCHEN

    Das Oldenburgische Staatstheater ist das Flaggschiff der Oldenburger Kulturlandschaft. Sein Output allein würde unsere Stadt schon zu einer Theatermetropole machen. Um halbwegs den Überblick zu behalten, gibt es nun den Kulturschnack Staatsakt. Hier treffen wir uns mit den Akteur:innen und sprechen mit ihnen über Premieren, Projekte, Persönliches. Das ist Theater - im Rampenlicht und hinter den Kulissen! Wichtiges Thema zur richtigen Zeit: „Erzähl mir keine Märchen“ mit Svantje Stein kritisiert das Patriarchat - und stieß damit auf sehr große Aufmerksamkeit. (Bild: Stephan Walzl) Was ist eigentlich Jugendtheater? Nur ein großes Experimentierfeld für den Schauspielnachwuchs, der zwischen ersten Gehversuchen und großen Ambitionen versucht, den richtigen Weg zu finden? Und sind die Ergebnisse deswegen zwangsläufig unausgereift und nur eine Annäherung an „echtes“ Theater? Oder ist es nicht vielleicht viel mehr als das und bietet enorme Mehrwerte - für die jungen Protagonist:innen genauso wie für das Publikum? Eine starke Antwort auf diese Fragen geben die Jugendtheatertage im Oldenburgischen Staatstheater . Dort zeigt sich, wie intensiv, pointiert und thematisch hochaktuell der Nachwuchs bereits agieren kann. Eine andere Antwort gibt Svantje Stein. Wir haben die junge Schauspielerin für den KULTURSCHNACK STAATSAKT NR. 10 getroffen. Dabei hat sie uns verraten, was sie vom Theater fürs Leben mitnimmt, wieso die Bühne genau der richtige Ort für gesellschaftliche Debatten ist - und weshalb sich auch Erwachsene mit Jugendtheater beschäftigen sollten. OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER ERZÄHL MIR KEINE MÄRCHEN MI 19.11. 18 UHR AUSVERKAUFT FR 21.11. 18 UHR AUSVERKAUFT DI 25.11. 18 UHR AUSVERKAUFT MI 26.11. 18 UHR AUSVERKAUFT MO 01.12. 18 UHR DERZEIT AUSVERKAUFT SA 06.12. 20 UHR* KARTEN EXHALLE JOHANNISSTRAßE 6 26122 OLDENBURG * AUFFÜHRUNG FINDET IM KLEINEN HAUS STATT Z E H N T E R S T A A T S A K T E R S T E R A U F T R I T T Ein kleines Foyer im Probenhaus eines Theaters am späten Nachmittag eines größtenteils trüben Herbsttages. Vor den großen Fenstern wechseln sich vereinzelne Sonnenstrahlen und dunkle Wolken ab, gelegentlich fallen Regentropfen. Zwei Kulturredakteure arrangieren aus einem Sammelsurium alter Sitzmöbel eine Interview-Setup für ein Gespräch mit einer jungen Schauspielerin. Die kommt etwas früher als verabredet - und damit genau zur rechten Zeit. Wie ein Profi: Mit ihren 18 Jahren wirkt Svantje, als hätte sie schon Dutzende Interviews gegeben. (Bild: Kulturschnack) THORSTEN Svantje, Du bist Schauspielerin im Jugendclub des Oldenburgischen Staatstheaters. Wie kam es dazu? Was gefällt dir daran? SVANTJE Das war sogar ein bisschen klischeehaft. Ich habe mir ein Stück von einer guten Freundin angeschaut und habe direkt Lust drauf bekommen. Ich hatte vorher schon Schauspieltraining und Schultheater gemacht und hatte Spaß daran. Als ich dann gesehen habe, was in der Exhalle mit Ton und Licht möglich ist und wie frei man dort mit der Inszenierung umgehen kann, hatte ich einfach richtig Bock mitzumachen. THORSTEN Manche sagen ja: Dafür braucht man Mut, das kostet Überwindung. Wie empfindest du das? Musst du eine Schwelle überschreiten, wenn du auf die Bühne gehst? Oder zieht sie dich magisch an? SVANTJE I ch habe das Gefühl, ich muss mich in den Proben mehr überwinden als in den Aufführungen selbst. Dort hat man ja alles festgelegt – den Text, die Aktionen – und das macht man dann. Zudem sieht man das Publikum meistens gar nicht, weil das Licht zu hell ist. Schwieriger ist es, Sachen zu machen, die freier und individueller sind, weil man da Angst haben könnte, negativ bewertet zu werden. Das passiert eher in den Proben, vor allem bei Improvisationen. Da muss man sich wirklich überwinden. Das hängt aber extrem vom Umfeld ab: Es gibt Gruppen, in denen traut man sich mehr, in anderen weniger. Theaterübungen mit Schulklassen finde ich zum Beispiel immer etwas schwierig, weil man sich in der Klassengemeinschaft oft nicht so traut. Deshalb ist es wichtig, mit welchen Leuten man Theater spielt. Und je individueller das Spiel, desto schwieriger wird es. THORSTEN Merkt man eigentlich, ob man an einem Tag gut in Form ist und richtig performen kann, oder ist das eher unklar? SVANTJE Doch, total. Man merkt direkt bei den Aufführungen: Ich bin gerade total in dem Stück, ich weiß genau, was ich mache, und tue das aus Überzeugung – nicht nur, weil ich es auswendig gelernt habe. Oder man merkt eben: Ich ratter das gerade einfach runter. Das kann sich aber auch von der Außenwirkung unterscheiden. Ich hatte schon Aufführungen, bei denen ich dachte: Das war katastrophal! Und dann hieß es hinterher, es war die beste Vorstellung. Man spürt aber auf jeden Fall, ob man selbst mit der Performance zufrieden ist oder nicht. Licht in den Nebel: Das Patriarchat wird auf deutschen Bühnen nicht unbedingt täglich thematisiert. Der Jugendclub des Staatstheaters hat sich rangetraut. (Bild: Stephan Walzl) THORSTEN Hat man da eigentlich zwei Personen im Kopf? Einmal die Figur, die man darstellt, und einmal sich selbst, die das alles reflektiert? SVANTJE I ch glaube, man muss da ein gesundes Maß finden, damit man das nicht zu sehr auf sich selbst bezieht. Gerade im Amateurschauspiel ist es natürlich einfacher, persönliche Dinge mit reinzubringen. In meinem ersten Stück musste ich zum Beispiel in einer Szene weinen, und da ist es leichter, sich an Erfahrungen zu erinnern, die man selbst gemacht hat. Aber es ist wichtig, die eigene Persönlichkeit und die gespielte Figur nicht komplett miteinander zu vermischen. Beim Jugendclub im Staatstheater wird man nicht gezwungen, jemand komplett anderes zu sein. Das macht zwar auch den Reiz des Theaters aus, aber für den Anfang ist es schön, wenn man auch ein bisschen man selbst sein darf. Es ist alles einfach noch nicht so streng – das ist gut. Kurzer Einblick:: In dieser Zusammenstellung sind auch einige Momente aus „Erzähl mir keine Märchen“ zu sehen. (Video: Staatstheater) THORSTEN Lernt man im Jugendclub eigentlich nur Schauspielern oder nimmst du auch etwas fürs Leben mit? SVANTJE Man lernt auf jeden Fall mehr als nur Schauspiel - vor allem, wie man aus sich herauskommt. Und was ich auch total gelernt habe: Wie sehr intensive Arbeit Menschen zusammenschweißt. In der Schule ist man oft auf sich allein gestellt, aber bei den Theaterfahrten, die wir gemacht haben, war ich jedes Mal erstaunt, wie sehr man als Team zurückkommt – auch wenn man sich vorher gar nicht so gut kannte. Man sieht sich ja sonst nur einmal pro Woche. Und nach so einer intensiven Zeit ist eine ganz andere Dynamik da. Beim Theater merkt man richtig, wie sich etwas verändert, wenn alle für dieselbe Sache brennen. Das ist wirklich motivierend. THORSTEN Denkst du, es würde jungen Menschen generell guttun, ihre Komfortzone zu verlassen und sich was zu trauen? Entweder im Theater oder ganz generell? SVANTJE Ich glaube, es ist auf jeden Fall wichtig, aus dem Alltag auszubrechen – gerade im Jugendalter, wo er durch Schule oft sehr vorgegeben ist. Aber man muss sich nicht unbedingt exponieren. Für manche ist der Gedanke, auf einer Bühne zu stehen, einfach abschreckend. Es gibt viele individuelle Wege, aus der Komfortzone zu kommen und sich weiterzuentwickeln – auch ohne im Rampenlicht zu stehen. Ein bisschen aus der Komfortzone rauszugehen, ja – aber man sollte auch auf sich selbst hören. Wer nie das Bedürfnis hatte, auf eine Bühne zu gehen, muss das auch nicht erzwingen. Kontraststark: Das gilt nicht nur für Kostüme und Bühnenbild, sondern auch für die zwei sehr unterschiedlichen Teile des Stücks. (Bild: Stephan Walzl) THORSTEN Du bist zurzeit in „Erzähl mir keine Märchen “ zu sehen. Worum geht es in dem Stück? SVANTJE In „ Erzähl mir keine Märchen “ geht es um das Patriarchat. Wir zeigen zunächst in einem spielerisch-märchenhaften Teil Probleme, die mit patriarchalen Strukturen zusammenhängen. Dann gibt es einen starken Bruch, der das Stück auch prägt. Danach geht es um die harte Realität, der Frauen – und auch Männer – in unserer Gesellschaft ausgesetzt sind. Wir bringen eine große Bandbreite an Themen auf die Bühne: von kleinen Alltagssituationen bis hin zu systemischer Unterdrückung. Es geht darum, Dinge beim Namen zu nennen. THORSTEN Welche Rolle oder welche Aufgabe übernimmst du in dem Stück? SVANTJE Wir haben alle keine festen Rollen, die durch das ganze Stück führen. Ich spiele am Anfang die Königin, weil wir ein Märchen erzählen, aber diese Rolle teile ich mir mit anderen. Es gibt viele Chortexte, Szenen, Monologe – also eher Haltungen als Figuren. Im ersten Teil ist die Stimmung märchenhaft, im zweiten Teil dann ernster und realer. Meine Aufgabe ist es eher, eine emotionale und faktenbasierte Haltung zu transportieren. STARKES THEATERPROGRAMM DIE GROßE VIELFALT Mit dem KULTURSCHNACK STAATSAKT starten wir ein regelmäßiges Interview-Format mit dem Oldenburgischen Staatstheater. Ihr fragt euch, warum wir das tun? Nun: Dafür gibt es genau 188 Gründe. Viel drin: Das Spielzeitheft 25/26 des Oldenburgischen Staatstheaters. Das ist nämlich die Zahl der Seiten des aktuellen Spielzeitheftes  des Oldenburgischen Staatstheaters. Es ist prall gefüllt mit dem äußerst facetten- und variantenreichen Programm der insgesamt sieben Sparten. So gibt es in der kommenden Spielzeit 3 Uraufführungen und 31 Premieren, dazu 19 Wiederaufnahmen und unzählige weitere Attraktionen. Und selbst das ist noch nicht alles. Zwischen und außerhalb von Oper, Schauspiel oder Konzert finden viele weitere Projekte statt. Das Staatstheater schreibt weiter an seiner eigenen Geschichte - und damit auch jener der Stadt. Angesichts dieser Opulenz haben wir uns dazu entschieden, dem Staatstheater regelmäßig einen Besuch abzustatten. Gemeinsam suchen wir nach spannenden Gästen, Themen und Geschichten für den KULTURSCHNACK STAATSAKT . Was ihr davon habt? Einen spannenden Einblick in die Theaterwelt und mehr Informationen darüber, was die Menschen dort bewegt.  THORSTEN Gehst du an solche gesellschaftlich relevanten Themen anders heran als an andere Rollen? SVANTJE Tatsächlich waren bisher fast alle Stücke, in denen ich mitgewirkt habe, gesellschaftlich relevant – häusliche Gewalt, Social Media usw. Aber ich glaube, bei diesem Stück war es nochmal besonders, weil wir uns vorher so intensiv damit beschäftigt haben. Wir haben viel recherchiert, diskutiert, uns ausgetauscht. Das hat eine Verbindung zum Thema geschaffen und mir ermöglicht, da sehr investiert dranzugehen. Ich denke, das ist die Voraussetzung fürs Schauspiel: sich mit einer Rolle oder einem Thema wirklich auseinandersetzen. Viraler Hit: „Erzähl mir keine Märchen“ schlug via Instagram hohe Wellen in ganz Deutschland. (Bild: Stephan Walzl) THORSTEN Ist es dir persönlich wichtig, zu solchen Themen Position zu beziehen? SVANTJE Ja, auf jeden Fall. Ich bin sehr stolz auf das Stück und darauf, dass es Diskussionen angestoßen hat. Für mich persönlich war die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema sehr bereichernd. Es hat mein Bewusstsein verändert und mir die Dringlichkeit noch mal ganz anders vor Augen geführt. THORSTEN Gibt es ein Element im Stück, das du besonders gelungen findest? SVANTJE Ja, definitiv der Bruch zwischen dem märchenhaften ersten Teil und dem realistischen zweiten Teil. Viele Zuschauer:innen lachen erst viel und werden dann völlig überrascht von der Wendung. Das ist emotional sehr herausfordernd – aber genau das macht es so wirkungsvoll. Vielseitig: Trotz einiger ernster Themen lernen wir Svantje von ganz unterschiedlichen Seiten kennen (Bilder: Kulturschnack) THORSTEN Ihr habt Texte von Nicole Zacharias verwendet. Die Feministin hat dann zusammen mit Wiebke Schenter ein Video von einer euer Proben auf Instagram gepostet, das millionenfach angesehen wurde und knapp 200.000 Likes bekam. Was hast du gedacht, als du das mitbekommen hast? SVANTJE Erst war ich ein bisschen überrascht, weil ich die Szene aus dem Video, die sie genommen hat, gar nicht so eindrücklich fand. Das ist sie zwar inhaltlich, aber sie wirkte ein bisschen verwackelt und der Ton war nicht so gut. Deshalb habe ich gedacht: Wow, vielleicht hat das wirklich nochmal eine Wirkung, die man als Beteiligte gar nicht mehr so bemerkt. Und dann hat mich einfach total berührt, was die Leute gesagt oder kommentiert haben, warum sie das Stück so bewegend finden. Es waren nicht nur Likes, die Leute haben sich wirklich damit auseinandergesetzt. Und es scheint die Menschen richtig bewegt zu haben . THORSTEN Ihr habt wichtige gesellschaftliche Themen, ihr spielt mit viel Herzblut und ihr stoßt auch auf große Resonanz. Aber was würdest du sagen: Wird Jugendtheater insgesamt ernst genug genommen? SVANTJE Es kommt total darauf an. Hier am Staatstheater habe ich das Gefühl, die Stücke werden sehr ernst genommen. Es gibt bei den Jugendtheatertagen aber nicht nur die Clubs vom Staatstheater, sondern auch Gruppen von Schulen, also AGs oder sowas. Und die werden vielleicht manchmal unterschätzt, weil sie nicht die gleichen Möglichkeit haben. Sie können nicht mit professionellen Schauspieler:innen arbeiten und haben vielleicht auch nicht solche Probenräume wie wir. Ich glaube, dass diese Gruppen zum Teil nicht so richtig ernst genommen werden, obwohl da genau so große Talente sind wie überall sonst auch. Aber das ist wie in jeder anderen Branche: Es gibt Diskrepanzen. Trotzdem glaube ich, dass es wirklich toll ist, wie viele junge Leute begeistert sind fürs Theater. Unerfahren? Natürlich sind die Schauspieler:innen beim Jugendtheater relativ jung. Statt Alter und Erfahrung werfen sie aber andere Qualitäten in die Waagschale. (Bild: Stephan Walz) THORSTEN Es gibt ja immer mal wieder vergiftetes Lob, so nach dem Motto: „Das war schon ganz gut – dafür, dass ihr nur Jugendliche seid.“ Aber ich habe mich gefragt, ob es nicht auch Themen gibt, die ihr viel besser darstellen könnt als alle anderen? SVANTJE Auf jeden Fall – wenn es darum geht, Jugendliche anzusprechen. Ich war letztes Jahr oder vorletztes Jahr in einem Stück dabei, in dem es um Social Media ging und wie man das an sich ranlässt. Und ich glaube, dass es von Jugendlichen gespielt wurde, war deutlich wirksamer, als wenn das eine Generation gespielt hätte, die nicht mit Social Media aufgewachsen ist. Beim aktuellen Stück sieht man, dass man nicht erst im Berufsleben als Frau mit Diskriminierung konfrontiert wird. Das ist das Spannende daran: zu sehen, dass es keine Altersgruppe gibt, die davon ausgeschlossen ist, von dieser Unterdrückung. Und genau deswegen war es auch gut, dass das junge Menschen gespielt haben – damit man sieht: Das Bewusstsein ist überall da, oder wird überall geweckt. THORSTEN Das Jugendtheater ist also ein richtiger Zeitpunkt, um mit wichtigen gesellschaftlichen Themen konfrontiert zu werden? SVANTJE Genau. Es ist nicht „zu früh“, weil man ja auch in der Kindheit nicht geschont wird, was solche Themen angeht. Und ich finde, sobald jemand alt genug ist, mit Sexismus konfrontiert zu werden, sollte diese Person auch alt genug sein, sich dazu zu äußern. Es gibt natürlich auch Menschen, denen passieren Dinge, bevor sie überhaupt sprechen können. Aber ich glaube, sobald jemand von etwas betroffen ist, sollte er oder sie auch darüber sprechen dürfen. Und deshalb finde ich es sehr gut, dass das in unserem Alter thematisiert wird – und man nicht sagt: „Wir hören euch erst zu, wenn ihr den Ernst des Lebens erfahren habt.“ Motivierend: „Beim Theater merkt man richtig, wie sich etwas verändert, wenn alle für dieselbe Sache brennen“, erzählt Svantje. (Bild: Staatstheater) THORSTEN Aber wenn euch ein Erwachsener sagt: „Jugendtheater ist nix für mich. Dafür bin schon viel zu alt“, was entgegnest du? SVANTJE Ich muss sagen, das habe ich bisher selten von Erwachsenen gehört. Ich höre das eher von Gleichaltrigen, die sagen, es sei ihnen ein bisschen unangenehm, oder die Fremdscham empfinden. Viele Menschen haben ja das Gefühl, Schauspieler:innen halten sehr viel von sich – weil auf der Bühne eben wichtige Themen verhandelt werden. Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man sich darauf einlassen muss. Wenn jemand – zum Beispiel als ältere Person – nicht bereit ist, sich auf Jugendtheater einzulassen, zeigt das für mich eine gewisse Haltung gegenüber der Jugend. Denn wir präsentieren hier wirklich unsere eigenen Gedanken. Und zu sagen: „Dafür bin ich zu alt“, impliziert für mich nicht nur: „Ich bin zu alt für dieses Theater“, sondern auch: „Ich bin zu alt, mir deine Gedanken anzuhören.“ Und ich glaube, man ist nie zu alt, um sich Gedanken anderer anzuhören. Deshalb würde ich sagen: Du musst dich darauf einlassen, dass es dich auch interessieren kann, was wir zu sagen haben – und dass es dich genauso betrifft. Und die Diskussion ist ja nicht ausgeschlossen, nur weil du zuschaust und nicht mitspielst. Im Gegenteil: Du bist eingeladen. Gute Laune: Svantje sagt während unseres Gesprächs viele kluge Sätze, bleibt aber trotzdem ganz entspannt. (bild: Kulturschnack) THORSTEN Du bist jetzt 18 Jahre alt und seit, drei Jahren beim Jugendclub des Staatstheaters dabei. Da stellt sich ja die Frage: Wohin geht die Reise? Hast du jemals darüber nachgedacht, Schauspiel auch als Karriere anzustreben – oder bleibt das einfach ein schönes Hobby? SVANTJE Wenn es um Traumjobs ging, hab ich schon immer relativ schnell gesagt: Schauspiel! Wenn ich es mir aussuchen könnte – wenn Geld keine Rolle spielen würde – dann hätte ich extrem große Lust darauf. Aber selbst wenn sich für mich keine Tür öffnet, das hauptberuflich zu machen, werde ich das auf jeden Fall beibehalten - wo auch immer man lebt. Ich würde darauf nur sehr ungern verzichten. Auch wenn ich weiß, dass die Chance, das hauptberuflich zu machen, natürlich nicht riesig ist – wie in vielen anderen Branchen auch. Starker Charakter: Yelena Belova ist die Schwester von „Black Widow“. (Bild: Marvel Studios) THORSTEN Man braucht Glück - aber wer weiß? Gibt es eigentlich eine Rolle, die du liebend gerne mal spielen würdest? Für die du dann auch alles stehen und liegen lassen würdest, wenn du die Chance hättest? SVANTJE Oh, darüber hab ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. ( überlegt ) Als ich „ Black Widow “ geguckt habe, fand ich die Rolle von der Schwester richtig stark – da hätte ich richtig Lust drauf gehabt, weil das dieser typische Marvel-Humor ist. Gleichzeitig hätte ich aber auch echt Lust auf Rollen mit richtigem Tiefgang. Immer wenn ich Filme gucke, wo Leute emotional spielen müssen, denke ich: „Boah, da hätte ich richtig Bock drauf!“ ( lacht ) Dann überlege ich: Wie würde ich das jetzt machen? Wie würde ich diese Zwickmühle nur mit Mimik darstellen? Ich glaube, es geht vielen bei uns im Club so: Wenn man einen emotionalen Monolog bekommt, freut man sich. Weil man weiß: Ich kann mich zuhause hinsetzen, annotieren, was das für mich bedeutet, und das dann wirklich fühlen. Das ist für die meisten Schauspielenden richtig cool. THORSTEN Da kann man nur hoffen, dass du eine passende Rolle findest. Guckt man als Schauspielerin eigentlich Theaterstücke oder Filme anders – also mit der Frage: Wie würde ich das machen? SVANTJE Ich glaube, das kommt aufs Level an. Wenn ich im Staatstheater Stücke anschaue, denke ich das eher selten – weil ich weiß, dass das eine ganz andere Ebene ist als das, was ich spiele. Ich traue mich nicht, mich damit zu vergleichen. In den eigenen vier Wänden kommt es aber immer wieder vor, dass man sich denkt: Das hätte ich aber so oder so gemacht. Ich habe noch nie vor Kameras gespielt, deshalb kann man das schwer vergleichen. Trotzdem – wenn man Interesse am Spielen hat und es auch ausprobiert hat, sieht man das auf jeden Fall mit einer anderen Linse, ja. THORSTEN Letzte und schwerste Frage: Wenn dein Leben als Theaterstück inszeniert werden sollte – wer müsste dich spielen? SVANTJE I ch weiß tatsächlich gar nicht, ob es Schauspielerinnen gibt, die aussehen wie ich (lacht). Aber es wäre für mich eine Ehre, wenn Jennifer Lawrence das machen würde. Die finde ich toll, und die mag ich auch als Person einfach sehr gern. Da hätte ich große Lust, das zu sehen. THORSTEN Ich würde sagen: Da fragen wir mal an! (Alle: ab) Ort des Geschehens: In der Exhalle entfachte sich Svantjes Theaterleidenschaft endgültig - und wird sie vielleicht ihr Leben lang begleiten. (Bild: Stephan Walzl) Zurecht selbstbewusst Was ist Jugendtheater? Diese Frage ist nur schwer in wenigen Sätzen zu beantworten. Das Gespräch mit Svantje Stein aber hat uns einen hervorragenden Eindruck davon gegeben, was es leisten kann - für die Akteur:innen auf der Bühne, aber auch für die Besucher:innen im Publikum. Manches mag tatsächlich weniger ausgereift sein als bei den Erwachsenen. Das kann man allerdings auch als Vorteil lesen, weil Authentizität beim Jugendtheater eine sehr große Rolle spielt. Wir begegnen hier nicht nur Stücken und Schauspieler:innen, wir begegnen gleichzeitig den Lebensrealitäten dieser Altersgruppe und - hinter den Rollen - .auch echten Menschen, die immer auch etwas von sich selbst auf die Bühne bringen. Nicht zuletzt das ist es, was Jugendtheater so mitreißend macht: Es bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Fiktion und Realität und vermischt beides zu einem spannenden Blick ins Leben jüngerer Menschen. „Erzähl mir keine Märchen“ ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, dass Jugendtheater einerseits die Sprache seiner jungen Protagonist:innen spricht, andererseits aber trotzdem - oder gerade deswegen - den Nerv des Publikums besser treffen kann als große Projekte professioneller Akteuer:innen. Wer Svantje auf der Bühne sehen und live erleben will, was im Netz schon Hunderttausende bewegt hat, sollte eine der vier Gelegenheiten nutzen, die sich im November - sozusagen als Zugabe - bieten. Und zwar auch dann, wenn man sich bisher nie mit Jugendtheater beschäftigt hat. Denn: „Man ist nie zu alt, die Gedanken anderer anzuhören.“ Danke, Svantje!

  • NIEDECKEN: MANN DER LEUTE

    Außerhalb des regulären Programms sind immer wieder spannende, prominente Menschen im Oldenburgischen Staatstheater zu Gast. Zu ihnen gehörten in der letzten Spielzeit Harald Schmidt, Charly Hübner, Caren Misoga und Matthias Brandt. Nun setzt Wolfgang Niedecken, Frontmann der legendären Kölsch-Rocker BAP, diese Reihe fort. Was euch bei seinem Gastspiel erwartet? Und warum ihr hingehen solltet, auch wenn BAP am Ende des Jahres nicht in eurem „Spotify Wrapped“ auftaucht? Hat er uns vorab am Telefon verraten! Voll im Element: Wolfgang Niedecken ist Musiker durch und durch, aber auch ein guter Beobachter und kluger Geschichtenerzähler. All diese Facetten gibt es nun im Oldenburgischen Staatstheater zu sehen. (Bild: Tina Niedecken) Wolfgang Niedecken : Bei diesem Namen verläuft eine Schneise durch die Generationen. Für Babyboomer und die Generation X zählt er zu den größten Stars der deutschsprachigen Musik, ein Pop-Held mit Legendenstatus, irgendwo zwischen Grönemeyer, Maffay und Lindenberg. Bei den Millennials hingegen zucken schon einige Schultern, in der GenZ oder GenAlpha weiß schließlich kaum noch jemand, wer das eigentlich ist. Schade, denn schon nach den ersten Sätzen unseres Interviews ist klar: Niedecken ist ein leidenschaftlicher Musiker und Geschichtenerzähler mit einem enormen Erfahrungsschatz - und zusätzlich ein richtig guter Typ, vollkommen frei von Allüren und mit dem Herz am richtigen Fleck. All das sind Zutaten für einen spannungsreichen, unterhaltsamen Bühnen-Abend mit starken Songs, feinen Beobachtungen und klugen Gedanken - für alle Generationen. Und genau das erwartet uns nun im Oldenburgischen Staatstheater. ZU GAST IM STAATSTHEATER WOLFGANG NIEDECKEN - ZWISCHEN START UND ZIEL SONNTAG, 23. NOVEMBER 2025, 19 UHR GROßES HAUS THEATERWALL 28 26122 OLDENBURG DERZEIT AUSVERKAUFT Ikone ohne Allüren „Wolfgang ruft dich an!“, so hatte es Daniela vom PHI/SCH Artist Management vorab mitgeteilt. Hätte irgendjemand meinem Mittachtziger-Ich erzählt, dass dies einmal der Fall sein würde, ich hätte es nicht ansatzweise geglaubt. Wolfgang Niedecken, das war ein Star, den ich mit meinen damals zehn Jahren aus dem Radio und aus der „ Bravo “ kannte, die ich meiner großen Schwester geklaut hatte. Für mich war er sowas wie der deutsche Springsteen : eine Ikone. Mit ihm sprechen? So wahrscheinlich wie Kontakt mit Außerirdischen. Riesig angesagt: Das waren BAP schon 1982 - ebenso wie Schmuse-Ecken in deiner Bude. Ihr könnt die Ausgabe hier kaufen. (Bild: Bravo-Archiv) Vierzig Jahre später ist es so weit. Pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt klingelt das Telefon - und tatsächlich: Wolfgang Niedecken ist dran! Obwohl dies natürlich kein Telefonat ist, auf das er den ganzen Tag hingefiebert hat, sondern eines von vielen Pressegesprächen, ist der Musiker bestens gelaunt. Schnell fühlt es sich so an, als würde man sich schon lange kennen, vermutlich aus einer Kölner Kneipe, in der man zusammen ein Kölsch getrunken hat. Und genau das ist auch ein Teil der Erklärung, warum Wolfgang Niedecken seit fünf Jahrzehnten fester Bestandteil der nationalen Musikszene ist: er ist nicht nur ein sehr guter Musiker, er ist auch ein Mann der Leute - wie auch unser Gespräch zeigen sollte. Wolfgang, Du bist im Staatstheater mit Deiner Soloshow „Zwischen Start und Ziel“ zu Gast. Die besteht einerseits aus deinen Songs, andererseits aber auch aus Geschichten und Erinnerungen. Wird das eine erst durch das andere richtig gut? Nein, so weit würde ich nicht gehen. Ein Song muss für sich selbst bestehen können. Wenn man ihn erst groß erklären muss, hat er irgendwo Defizite. Natürlich gibt es immer eine kleine Anmoderation, aber der Song soll für sich wirken. Bob Dylan wurde ja oft gefragt, worum es in seinen Stücken geht, und er hat sinngemäß gesagt: Wenn man ein Bild malt und es danach erst erklären muss, hat es ein Problem. Riesiges Repertoire: Tatsächlich droht man beim enormen Output von Wolfgang Niedecken und BAP schnell den Überblick zu verlieren. Trotzdem haben wir für euch eine gnadenlos subjektive Playlist zusammengestellt. Hört unbedingt mal rein! Was darf das Publikum denn erwarten? Bei so einem Abend ist es gemütlich. Wir beginnen mit einer langsamen Nummer, dann lese ich eine kurze Passage, danach kommt das nächste Lied. Aus Erfahrung weiß ich: Spätestens nach dem zweiten Song haben wir das Publikum. Dazwischen lese ich aus meinen Büchern – natürlich gekürzt, damit es nicht zu lang wird. Ich habe mir sehr viel Zeit gelassen, das Programm zusammenzustellen; über ein Jahr, bevor wir überhaupt geprobt haben. Es gibt so viele Stücke, die infrage kommen. Ich wollte daraus einen richtigen Bogen formen, eine Geschichte mit Spannung. Erst vor Publikum merkt man dann, wo etwas nicht stimmt oder die Spannung nachlässt. Nach den ersten Auftritten im Frühjahr habe ich einiges umgestellt. Ich bin ja nicht nur Sänger, sondern auch Gastgeber. Ich führe durch den Abend – und das macht großen Spaß. Alles ist unglaublich organisch. Kurzbiografie Wolfgang Niedecken Fünfzig Jahre Musik Wolfgang Niedecken, geboren am 30. März 1951 in Köln, ist Musiker, Liedermacher, Maler und seit Jahrzehnten eine prägende Stimme des deutschsprachigen Rock. Geballte Erfahrung: Wolfgang Niedecken ist seit rund fünfzig Jahren als Musiker aktiv. Manche seiner Kolleg:innen sehen bereits nach fünf Jahren deutlich älter aus. (Bild: Tina Niedecken) Aufgewachsen im Kölner Süden, entdeckte er früh seine Leidenschaft für Kunst und Musik; geprägt von Bob Dylan, der Beat-Generation und dem politischen Geist der späten 1960er-Jahre entwickelte er eine unverwechselbare Mischung aus poetischer Bildsprache und gesellschaftlichem Engagement. Nach kleineren Beat- und Punk-Experimenten gründete er 1976 die Band BAP, die konsequent auf Kölsch sang und damit eine regionale Alltagssprache in den Rock überführte, ohne je provinziell zu wirken. Ihr Sound verband Einflüsse von Folk-, Blues- und Heartland-Rock mit poetischen, oft politischen Texten, die starke Bilder und konkrete Lebensgeschichten erzählten. Diese Mischung traf einen Nerv weit über Köln hinaus. Zu den größten Erfolgen zählen millionenfach verkaufte Alben wie Für Usszeschnigge und Vun drinne noh drusse , ausverkaufte Tourneen sowie mehrere Nummer-eins-Platzierungen, die BAP zu einer der wichtigsten deutschen Rockbands ihrer Zeit machten. Parallel zur Musik blieb Niedecken der Malerei treu und nutzte seine öffentliche Stimme immer wieder für politische und humanitäre Anliegen – etwa im Kampf gegen Rassismus, für Frieden oder in Projekten zur Unterstützung von Kindern in Afrika. 2011 erlitt er einen Schlaganfall, den er dank intensiver Rehabilitation überwand. Bereits 2012 kehrte er auf die Bühne zurück und setzt seitdem seine künstlerische Arbeit fort. Bis heute gilt Wolfgang Niedecken als charismatischer Chronist seiner Heimat und als einer der einflussreichsten Musiker Deutschlands. Wie engagiert Niedecken weiterhin ist, konnte das Fernsehpublikum zuletzt am 10. November 2025 bei der Sendung maischberger sehen, wo er anlässlich des 50-jährigen BAP-Jubiläums zu Gast war. Dort sprach er nämlich keineswegs nur über Karriere und Konzerte, sondern auch über Putin, Trump und AfD. Der Abend ist also dramaturgisch durchkomponiert - von der Geschichte bis in die Gegenwart. Genau - und die Auswahl ist ein echtes Luxusproblem. Das erste Album haben wir 1979 aufgenommen, viele weitere sind hinzugekommen, dazu die Soloalben. Das Repertoire ist riesig. Zudem haben fast alle Songs einen autobiografischen Kern – manchmal näher an mir, manchmal weiter weg –, aber ich erzähle keine ausgedachten Geschichten. Welcher Song stand denn als erstes auf deiner Setlist? Ich wusste, dass ich mit „Alles relativ“ vom „Lebenslänglich“-Album beginnen will. Der Song passt perfekt als Einstieg. Danach lese ich eine Passage über meine Mutter, die mit den Worten beginnt: „Josef Niedecken war ein sparsamer Mann.“ Alles relativ: Das gilt für den Blick auf den Alltag, aber erst Recht für den Blick aufs Leben. Bei einer so langen Karriere sind viele Momente schon „verdamp lang her“. Wie gelingt es dir, die richtigen Erinnerungen hervorzurufen? Hast du Notizen oder greifst du auf deine Bücher zurück? Vieles stammt aus meinen beiden Autobiografien. Viele sind überrascht, dass es zwei sind, aber das hat seinen Grund. Nach meinem Schlaganfall habe ich gemerkt: Wenn ich die Deutungshoheit über meine Geschichte behalten will, muss ich das Buch „ Zugabe - Die Geschichte einer Rückkehr “ schreiben. Ich wollte keine Leidensgeschichte, sondern zeigen, dass ich davongekommen bin. Daneben gibt es noch weitere Bücher, an denen ich mitgearbeitet habe. Daraus habe ich Passagen übernommen, andere neu geschrieben. Über ein Jahr habe ich das Programm so gestaltet, dass ein Spannungsbogen entsteht. Nach Auftritten habe ich weiter verändert – etwa das letzte Lied vor der Pause: Es soll die Leute zum Schmunzeln bringen, nicht runterziehen. Du hast also noch einmal durch dein Leben geblättert – im Songkatalog und in den Büchern. Wenn Du so zurückblickst: Fühlst Du Dich privilegiert, dieses Leben zu führen? Ich bin unglaublich dankbar, die Chancen standen bei eins zu einer Million. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Mein Vater hat sich immer gefragt, was aus mir werden soll, weil das ja alles nur ein Traum war. Aber es hat sich wunderbar gefügt. Ich war nie faul, immer interessiert und habe die Dinge zusammengebracht. Die Band war ursprünglich ein Spaßprojekt. Wir hatten keinen Karriereplan, wir wollten einfach wieder Musik machen. Daraus wurde dann BAP - und nächstes Jahr feiern wir unser 50-jähriges Jubiläum. Zu viel Leben für ein Buch: Nach seinem Schlaganfall 2011 schrieb Wolfgang Niedecken eine zweite Autobiographie - zu viel hatte sich verändert. (Bilder: Hoffman & Campe) Auch hier spürt man eine organische Entwicklung. Heute planen viele Musiker:innen ihre Karrieren wie auf einem Reißbrett und haben große Erwartungen. Ja, und genau das führt oft zum Verkrampfen. Wir haben nie Alben „auf Termin“ abgeliefert, sondern immer erst dann, wenn wir überzeugt waren: Jetzt ist es gut genug. Mittlerweile gilt das Gegenteil, man muss alle paar Wochen Singles veröffentlichen, damit der Algorithmus einen nicht vergisst. Gott sei Dank mussten wir das nicht! Früher hat man einfach die Platte an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk geschickt – ganz ohne Single-Vorgabe - und einfach freundlich darum gebeten, etwas davon zu spielen. Das war eine gute Zeit. Seither hat sich die Medienlandschaft sehr verändert, leider zum Nachteil. Diese ganze Formatierung im Radio ist katastrophal. Wenn ein Song nicht in 30 Sekunden beim Refrain ist, wird er schon aussortiert. Und wie ist es mit dir? Hat sich deine eigene Haltung zur Musik im Laufe der Jahrzehnte verändert? Eigentlich gar nicht. Musik ist immer noch ein großes Glück. Wenn ich im Studio bin oder auf Tournee, merke ich jedes Mal, was für ein privilegiertes Leben ich habe. Das geht aber auch schon los, wenn ich abends noch eine Runde mit dem Hund gehe und danch hier sitze, mit Blick auf den Rhein, und noch auf meiner Gitarre spiele. Dann denke ich: Was habe ich für ein Hammerleben? Bei den Proben für diese Tour haben Maik und ich am Ende auch jedes Mal gesagt: Musik machen ist schon geil! ( lacht ) Man sagt ja auch: Musik ist die Sprache der Engel. Mit ihr erreicht man Menschen auf eine Weise, wie es sonst nichts anderes schafft. Sie kann Mut machen, Empathie wecken, trösten. Energetische Live-Show: Niedecken und BAP beherrschen die gesamte Bandbreite - von leisen, nachdenklichen Tönen bis zur stadiontauglichen Rock-Nummer. (Bild: Tina Niedecken) Und nicht nur das, man kann damit auch eine ganze Region auf die musikalische Landkarte bringen. BAP hat damals Kölsch in den Rock gebracht, obwohl Mundart und Dialekte oft schwierig sind. Ernsthafte Songs auf Platt sind kaum vorstellbar. Warum hat das funktioniert? Kölsch ist eine großartige Sprache zum Singen. Sie ist weich, melodisch – ein bisschen wie Englisch oder Französisch. Es gibt keine harten Konsonanten, und man kann Silben wunderbar verschleifen. Das funktioniert im Hochdeutschen kaum. Als ich damals in den Siebzigern aus Liebeskummer mein erstes Lied auf Kölsch geschrieben und mit in den Proberaum genommen habe, sagten die anderen sofort: Das ist Super, mach mehr davon! Es gab also keinen Plan, es hat einfach gut funktioniert. Außerdem ist Kölsch einfach sympathisch. Und man merkt bei dir: Die Sprache singt fast von selbst. Genau – wir singen schon, wenn wir reden. Und ja, Kölsch hat diesen Charme. Man muss nur aufpassen, dass die Selbstverliebtheit der Kölner in ihre Stadt nicht überhandnimmt.( lacht ) Aber grundsätzlich gilt: Der Kölsche schließt niemanden aus. Jeder darf mitmachen. In einer Kölner Kneipe steht man keine zehn Minuten allein an der Theke – irgendwer kommt immer ins Gespräch. Große Liebe: Wolfgang Niedecken ist ohne Köln nicht wirklich vorstellbar. Umgekehrt ist aber spätestens seit 1976 ganz ähnlich. (Bild: Shutterstock) Auf deiner Tour spielst du aber nicht nur in Metropolen wie Köln, sondern auch - oder vor allem - kleinere Städte. Hat das einen besonderen Reiz? Ja, unbedingt. Mit BAP haben wir uns immer als Band der Leute verstanden. Früher hat mal einer von uns den Satz gesagt: Es wird an jeder Steckdose gespielt. Gut, irgendwann wurden manche Steckdosen dann zu eng. Aber wir haben immer darauf geachtet, dass es nicht zu groß wird, denn dann wird's anyonym. Dieses kleine Format ist jetzt gewissermaßen das Gegenteil von Größe. Damit sind wir sehr flexibel und können auch kleinere Venues spielen - in Gegenden, wo nicht jeder auftritt. Die Menschen sind dort besonders dankbar. Bist du dann noch neugierig auf die Orte oder kennst du sie längst alle? Viele kenne ich schon, aber manches ist immer wieder neu. Ich erinnere mich an Oldenburg – wir haben da früher schon einige Male mit BAP gespielt. An die Namen der Hallen kann ich mich nicht erinnern, aber ich weiß noch wie sie aussahen. Es ist schön, an solche Orte zurückzukehren. Gute Mischung: Die aktuelle Tour führt Wolfgang Niedecken auch in kleinere Orte - wie Oldenburg. (Bild: PHI/SCH) Deine aktuelle Show ist zwangsläufig retrospektiv, aber du lebst ja nicht in der Vergangenheit. Bleibst du bewusst neugierig? Unbedingt. Ich stehe voll im Leben, schaue Nachrichten, interessiere mich für Politik. Es beunruhigt mich, was weltweit passiert: Wieso kommen überall Autokraten an die Macht? Was ist mit den Checks & Balances in den USA? Aber man muss informiert bleiben. Ich versuche, das alles zu verstehen, auch wenn es manchmal frustrierend ist. Zum Glück gibt es immer wieder kleine Lichtblicke, wie zuletzt in den Niederlanden - die muss man mitnehmen. Dass du über den Tellerrand der Musik hinausschaust, hat dich immer ausgezeichnet. Du hast dich positioniert, du hast dich engagiert. Gibt es heute noch solche Typen wie Dich oder deinen Freund Bruce Springsteen – Musiker mit Haltung? Ja, aber sie haben es schwerer. In der heutigen Medienwelt ist es schwierig, sich treu zu bleiben. Trotzdem gibt es viele junge Bands, die das versuchen, auch wenn sie kaum Chancen haben. In den 70ern war das ja auch nicht einfach, und trotzdem habt ihr es geschafft. Genau. Wir hatten keinen Karriereplan, keine Förderung – nur Leidenschaft. Damals haben sich die Punks gegen diese Dinosaurier Bands mit ihrem Bombastrock aufgelehnt. Also hat man es ganz knapp gemacht, mit drei Akkorden immer schön auf die Acht gespielt und dem Musikbusiness den Stinkefinger entgegen gehalten. Eigentlich gab es zu der Zeit auch keine Möglichkeit, in irgendeiner Form auf sich aufmerksam zu machen. Trotzdem haben wir es irgendwie geschafft. Keiner, der uns 1977 oder 1978 irgendwo hat spielen sehen, hätte sich vorstellen können, dass wir irgendwann mal das Müngersdorfer Stadion vollmachen würden. Wenn du auf dein aktuelles Programm schaust: Gibt es etwas, worauf du besonders stolz bist? Ich weiß nicht, ob stolz der richtige Ausdruck ist, aber: Einige Passagen gehen mir selbst sehr nahe. Beim ersten Mal hatte ich bei manchen Stellen tatsächlich einen Kloß im Hals und konnte einen Moment lang nicht weiterlesen. Wenn man seine eigene Geschichte liest, kann das sehr bewegend sein. Ich versuche aber, das nicht zu inszenieren. Op Odysee: Wolfgang Niedeckens Lebensmittelpunkt ist zwar die Kölner Südstadt, doch er kommt nach wie vor viel rum und kennt sich gut aus. Der Titel lautet „Zwischen Start und Ziel“. Das kann man nicht nur auf die Karriere, sondern auch aufs Leben beziehen. Denkst du - auch mit Blick auf deinen Schlaganfall - über Vergänglichkeit nach? Im Alltag kaum. Ich fühle mich fit, treibe Sport, ernähre mich gut, trinke wenig Alkohol. Aber manchmal denke ich: Hoppla, du wirst 75! Die letzten zehn Jahre sind im Flug vergangen. Mein Schlaganfall liegt schon über 14 Jahre zurück. Das Buch „ Zugabe “ hieß nicht umsonst so – und die Zugabe dauert immer noch an. Die Zielgerade kann ja trotzdem noch weit entfernt sein. Genau. Ich will nur ehrlich sagen: Die meisten Shows sind wahrscheinlich schon gespielt. Aber von Abschiedstouren halte ich nichts. Das machen manche regelmäßig und das ist mir peinlich. Für mich steht fest: Solange ich konzentriert und mit Freude dabei bin, mache ich weiter! Größere Hallen: Für die BAP Jubiläumstour reicht selbst das Große Haus des Staatstheaters nicht aus. (Bil d: Travelling Tunes Productions GmbH) Deine nächste große Tour mit BAP wird dann sicher wieder Arenen füllen. Ja, das Jubiläum im nächsten Jahr ist etwas Besonderes. Da spielen wir größere Hallen – aber natürlich hauptsächlich die Songs, die jeder kennt. Und warum sollte ein 18-Jähriger, der BAP gar nicht kennt, zu Deinem Abend im Oldenburgischen Staatstheater kommen? Weil ich Geschichten erzähle, die jeder verstehen kann. Auch wenn nicht jeder Kölsch versteht – die Lieder sind eingebettet in Erzählungen, sodass man den Kern immer begreift. Das Programm ist ausgewogen, kurzweilig und dramaturgisch durchdacht. Und du hast sichtlich Spaß daran. Ja, total! Ich freue mich jedes Mal aufs Neue, wenn es losgeht. Meine Frau und ich managen alles selbst – das ist ein richtiger Familienbetrieb, so wie bei meinen Eltern früher im kleinen Lebensmittelladen. Dann schließt sich ja der Kreis. Vielen Dank für das schöne Gespräch – es hat wirklich Spaß gemacht. Wolfgang Niedecken: Einer von uns Nein, Prominenz allein reicht nicht aus für einen guten Abend. Deshalb sollten wir es nicht uneingeschränkt empfehlen, sich schnell ein Ticket zu besorgen, wenn jemand wie Wolfgang Niedecken nach Oldenburg kommt. Aber wir tun es doch! Denn erstens sind die Gäste des Oldenburgischen Staatstheaters sorgsam kuratiert, es kommen also in der Regel Leute ins Haus, die man gerne live erlebt. Und zweitens gilt dieses Prinzip für Niedecken selbst erst Recht. „ Zwischen Start und Ziel “ ist vielleicht das beste Beispiel dafür, was man von so einem Abend erwarten darf: Nämlich eine Mischung aus Performance und Persönlichkeit, aus Musik und Memoiren. Es spielt letztlich keine Rolle, ob man Babyboomer ist oder GenAlpha: Niemand erreicht einen Status wie Niedecken, wenn sie oder er nicht sehr talentiert wäre und zudem ein enormes Gespür für Menschen und Momente besäße. Und wenn man die Show eines Stars besucht, der all das auf sich vereint, ist ein wunderbarer Abend geradezu garantiert. Auch wenn Oldenburg in schöner Regelmäßigkeit von solchen Menschen besucht wird, sind diese Ereignisse dennoch etwas Besonderes - was nicht zuletzt daran abzulesen ist, dass sie meist ausverkauft sind. Das gilt auch für den Auftritt von Wolfgang Niedecken. Er ist eben: einer von uns, ein Mann der Leute. Aber nehmt das einfach zum Anlass, die Augen offen zu halten und das nächste Mal schnell zu sein. Es lohnt sich.

  • WORLD PRESS YEAR

    Sie ist längst zu einem alljährlichen Ritual geworden: Die World Press Photo Ausstellung im Oldenburger Schloss. Wir sind gewöhnt daran, dort die besten Pressebilder der Welt zu sehen. Aber wie kommen sie eigentlich dorthin? Was ist dafür nötig? Und wie viel Arbeit steckt dahinter? Wir haben Organisations-Leiterin Lisa Knoll von der Agentur Mediavanti durch ihr „World Press Year“ begleitet - und dabei die Gründe für den Erfolg der WPP erfahren. Versiert: Wenn Lisa in der Ausstellung spricht, ist sie in ihrem Metier. Schließlich arbeitet sie zu diesem Zeitpunkt bereits fast ein Jahr daran. (Bild: Andreas Burmann) Es gibt sie durchaus: Die Phasen im Jahr, in denen Lisa Knoll nichts mit der World Press Photo Ausstellung zu tun hat. „Mit unserem traditionellen Termin befinden wir uns fast am Ende des einjährigen Ausstellungszyklus “, erklärt die Organisationsleiterin. Das habe zur Folge, dass schon bald nach dem Abbau die Gewinner des neuen Jahres bekanntgegeben werden. „Nach dem Ende unserer Ausstellung vergehen ungefähr drei Wochen, in denen die WPP bei mir keine Rolle spielt“, schmunzelt die 33-Jährige - wohl wissend, dass dieser Zeitraum winzig klein ist. Die restlichen 49 Wochen des Jahres? Hat Lisa beinahe durchgehend mit der WPP zu tun. „Mal mehr, mal weniger, aber es gibt ein ständiges Grundrauschen.“ Für diese ganzjährige Allgegenwärtigkeit gibt es gute Gründe. Denn: Wer die weltbesten Pressefotos nicht bloß aufhängen, sondern in einen Kontext stellen will, wer nicht nur die Bilder wirken lassen, sondern auch die Fotograf:innen zu Wort kommen lassen möchte und wer Wert darauf legt, dass die Fotografie als Medium der Kommunikation und der Kunst noch besser verstanden wird, kurzum: wer Erfahrungen bieten will, die bleibenden Eindruck hinterlassen, kann nicht erst am Vorabend der Eröffnung damit anfangen. Können sich sehen lassen: Die bisher zehn Plakate der WPP in Oldenburg. (Fotos: Mediavanti / Montage: Kulturschnack) Aber was gibt es eigentlich alles zu tun? Wann muss es passieren? Und wer spielt dabei eine Rolle? Für die Antworten auf diese Fragen hat Lisa uns mitgenommen auf eine einjährige Reise. Sie hat uns berichtet, wie ihr „World Press Year“ aussieht: Von eben jener kurzen Phase, in der sie nach einer Ausstellung kurz durchatmet, über die vielen Monate der Begegnungen, Gespräche und Vorbereitungen bis zu den adrenalingetränkten Momenten vor der nächsten Eröffnung. Wir tauchen dabei ganz tief ein in die Welt der Pressefotografie, aber auch in Fragen der Ausstellungskonzeption. Wie gelingt es, eine Bildersammlung zu einem spektakulären Publikumserfolg zu machen? Das - und noch viel mehr - erfahrt ihr hier. Verlassen fühlt es sich an, das Dachgeschoss im Oldenburger Schloss . Wo in den letzten Wochen noch dutzende, bisweilen hunderte Menschen gleichzeitig durch die Flure drängelten und sich von etwa 130 spektakulären Bildern bewegen ließen, herrschen am Montag nach dem Ausstellungsende plötzlich Leere und Stille. Genau die spürt Organisations-Leiterin Lisa Knoll auch in sich: „In diesem Moment fehlt durchaus was“, gibt sie zu. „Der Abbau der Ausstellung dauert nur drei bis vier Stunden. Das ist zu wenig Zeit, um damit abzuschließen.“ Dicke Kiste: Die Bilder kommen sicher verpackt in Oldenburg an - und gehen genau so auch wieder auf die Rückreise. (Bild: Andreas Burmann) An den Gedanken, dass sie nun etwas Abstand gewinnen kann und ein paar Wochen ohne die WPP verbringen darf, muss Lisa sich erst gewöhnen. „Wir machen bei Mediavanti normalerweise gar keine Ausstellungen. Und dann wächst plötzlich wieder die Erkenntnis: Mensch, du bist ja eigentlich Redakteurin“, lacht sie. Auch wenn bereits ein Stapel anderer Arbeit auf sie wartet, bedeutet die kurze Verschnaufpause eine große Erleichterung: „Während der Ausstellung bin ich rund um die Uhr ansprechbar. Es tut gut, das Telefon abends einfach mal ausstellen zu können.“ Bereits im April findet alljährlich der Höhepunkt des WPP-Jahres statt. Im niederländischen Amsterdam - dem Sitz der World Press Photo Foundation - werden die besten Pressebilder des Vorjahres verkündet. Alles, was bis zum 31. Dezember eingereicht wurde, ist zu diesem Zeitpunkt von einer Fachjury gesichtet und bewertet worden. In Zahlen ausgedrückt: Über 60.000 Bilder von etwa 3.500 Fotograf:innen aus 130 Ländern. „Wir sitzen an diesem Tag ständig am Rechner und aktualisieren den Tab“, schmunzelt Lisa. Alle im Mediavanti-Team seien gleichermaßen gespannt auf die neuen Motive und hätten nach der Verkündung erstmal Redebedarf: Welche Bilder und Projekte mag man besonders gerne? Wo kommen die Preisträger:innen der drei globalen Kategorien Photo, Story und Long-Term Project? Wäre es realistisch, eine:n von ihnen nach Oldenburg zu holen? „Für uns geht es ab diesem Zeitpunkt richtig los, weil wir gleich Ideen entwickeln.“ Bunte Vielfalt: Neben den Sieger:innen in den vier Hauptkategorien werden im April auch die Regionalen Gewinner:innen verkündet - hier die Auswahl der WPP 2024 (Collage: World Press Photo Foundation) Für die Entscheidung über das Titelmotiv passieren zu diesem Zeitpunkt bereits Weichenstellungen. „Es müssen immer drei Faktoren stimmen: Das Bild, die Geschichte dahinter und die Person, die sie erzählt“, erklärt Lisa. Oft passe beim „Photo of the Year“ alles zusammen, einige Male habe man aber von dem Grundsatz abweichen müssen, es für die Oldenburger Ausstellung zu verwenden. „Die dramatischen Siegerbilder aus der Ukraine (2023) und dem Gaza-Streifen (2024) zu plakatieren, wäre pietätlos gewesen - da waren wir sofort alle einer Meinung.“ In diesen Fällen geht der Blick auf die Sieger:innen der Regionalentscheide - die mit Lee-Ann Olwage und Eddie Jim in den betreffenden Jahren hervorragende Alternativen boten. Während die Verkündung der Gewinner:innen im April die größte Öffentlichkeitswirkung besitzt, ist für das Medavanti-Team ein anderes Ereignis genauso wichtig. Erst im Folgemonat findet nämlich die feierliche Verleihung statt - und um dieses Ereignis stricken sich eine ganze Reihe anderer Veranstaltungen. Dazu gehört unter anderem das Treffen der Ausrichterstädte, von denen es im Jahr 2024 insgesamt 89 gab. „Die kommen natürlich nicht alle“, schränkt Lisa ein, unter anderem weil die Anreise für viele schlicht zu weit ist. Etwa zwanzig Delegationen seien in Amsterdam vertreten - und diejenige aus Oldenburg sei immer dabei. Für Lisa ist der Besuch sogar eine Art Heimspiel: Sie studierte an der Carl von Ossietzky Universität u.a. Niederlandistik. Erstes Bild: De Nieuwe Kerk hat sich als Heimat der World Press Photo Award Ceremony etabliert. Zweites Bild: Die Presträger:innen von 2024 fühlen sich im Inneren sichtlich wohl. (Bilder: Wikipedia Commons / Frank van Beek) Die regelmäßigen Besuche haben verschiedene Vorteile. Zum einen wüchsen auf diese Weise die Foundation und der Ausstellungsort Oldenburg enger zusammen, was die Zusammenarbeit deutlich vereinfache. „Noch wichtiger sind aber die Events mit den Preisträger:innen“, weiß Lisa. Zwar seien sie bei der offiziellen Zeremonie weniger gut ansprechbar, dafür gebe es aber andere Gelegenheiten, die dafür ideal seien: „Alle stellen ihre Projekte in kleineren Kreisen mit kurzen Impulsvorträgen vor. Da kann man sie ganz persönlich erleben, Fragen stellen und erste Kontakte knüpfen.“ So sei es auch beim Ehrengast der World Press Photo Ausstellung 2024 in Oldenburg gewesen. Eddi Jim hat in der De Nieuwe Kerk von seinem Fotoprojekt auf Fidschi erzählt, in dem er den Klimawandel für den Inselstaat im Pazifik thematisiert. „Ich habe sofort so eine Verbindung gespürt und gedacht: Der erzählt mit so viel Herzblut und so viel Leidenschaft, das kann ich mir total gut im Schloss vorstellen .“ Ein durchaus prophetischer Gedanke, wie sich später herausstellen sollte. Starker Storyteller: Eddie Jim gelingen nicht nur visuell besondere Eindrücke, auch verbal können seine Geschichten überzeugen. (Bild: Mediavanti) Nach Lisas Rückkehr wird die Auswahl des Plakatmotivs und des Ehrengastes im Team besprochen. „Ich darf dabei das Zünglein an der Waage sein“, freut sich die Redakteurin. „Schließlich habe ich persönliche Eindrücke gesammelt“. Und manchmal kann sie die Auswahl sogar mit ihrer eigenen Biographie verknüpfen: Eddie Jim lebt nämlich in Melbourne - jener Stadt, in der Lisa acht Jahre zuvor Praktika beim Goethe Institut und beim Radiosender SBS Australia machte. „Oft ist es aber so, dass sich das Bauchgefühl bestätigt, das sich in unseren Vorbesprechungen bereits abgezeichnet hat“, verrät die studierte Anglistikerin. Man kennt sich eben aus bei Mediavanti - nach zehn Jahren World Press Photo in Oldenburg. Bevor es daran geht, die Fotografin oder den Fotografen anzufragen, für die/den man sich entschieden hat, müssen aber noch andere Fragen geklärt werden. „Welches Budget steht uns zur Verfügung? Lässt sich die Anreise des Ehrengasts realisieren? Was haben wir mit der Person vor? Können wir noch etwas anderes drumrum stricken, damit sich der Aufenthalt mehr lohnt? Welche Kooperationen wollen wir noch eingehen? “, nennt Lisa eine ganze Reihe an Themen, die sich zu diesem Zeitpunkt aufdrängen. Drumrum gestrickt: Preisträger Eddie Jim verbindet seinen Besuch in Oldenburg mit einem Vortrag im Klimahaus Bremerhaven. (Bild: Ralph Langer / Klimahaus Bremerhaven) Mit den Entscheidungen konkretisieren sich auch die Tätigkeiten für das Mediavanti-Team, die in drei Bereiche aufgeteilt werden: „Alke zur Mühlen kümmert sich um Social Media und Marketing, Claus Spitzer-Ewersmann strickt das Rahmenprogramm, kümmert sich um Sponsoring und Kooperationen und übernimmt das Programmheft “, erklärt Lisa. Und sie selbst? „Ich bin für die gesamte Organisation verantwortlich, damit am Ende die Ausstellung auch so stattfindet, wie wir uns das vorstellen.“ Beruhigend: Zu diesem Zeitpunkt sind es noch acht Monate bis zur Eröffnung. Nachdem sich das Team intern auf einen Ehrengast geeinigt hat, bei dem die oben erwähnten drei Grundsätze erfüllt sind, folgt nun der entscheidende Schritt: Die offizielle Anfrage. Die ist aber mit weniger Unsicherheiten verbunden als man vermuten könnte: „Die Zusagen kommen immer sehr schnell“, berichtet Lisa. Es gehe an dieser Stelle auch noch nicht um alle Details, sondern vor allem um die Fragen: Zusage - Ja oder Nein? Und welche Honorarvorstellungen gibt es? „Wenn diese Fragen geklärt sind, muss man nicht alles noch schriftlich fixieren“, gewährt Lisa einen Einblick. „Die Branche funktioniert so, dass Worte etwas zählen. Wenn jemand zugesagt hat, kann man sich darauf verlassen.“ Dass die Anfragen so schlank verlaufen, liegt aber auch daran, dass es zu diesem Zeitpunkt noch kein Programm existiert, das man vorstellen könnte. Doch dessen Entstehung startet ebenfalls jetzt. „Wir halten immer die Augen offen, was mögliche Gäste angeht“, erzählt Lisa. Das sei eine ganzjährige Aufgabe, die auf ganz unterschiedlichen Wegen passiere: „Natürlich recherchieren wir viel: Wo arbeiten Fotograf:innen gerade an spannenden Projekten? Wäre es realistisch, sie einzuladen? Wer im Winter eine Fotoreise durch Patagonien macht, kommt nicht für einen Kurzbesuch nach Oldenburg.“ Andere Kandidat:innen fände man über die einschlägigen Instagram-Kanäle, oft seien es aber auch persönliche Tipps: „Es kommt immer wieder vor, dass unsere Gäste befreundete Kolleg:innen empfehlen, die ebenfalls spannende Projekte realisieren.“ Aufsteiger: Bei seinem ersten Besuch war Jonas Kakó noch zur Sonntagsmatinee zu Gast. Nach der Auszeichnung mit einem World Press Photo Award war eine Abendveranstaltung im Schloss die passendere Alternative. (Bild: Kulturschnack) Aus all den Hinweisen wird nun ein Puzzlespiel für das Programm: Wer eignet sich für eine Sonntagsmatinee, wer für einen Vortrag im Schloss? Ergänzen sich die Themen oder gibt es Doppelungen? „ Die Frage ist immer: Kann die Person einen 45-minütigen Vortrag alleine tragen? Oder fühlt sie sich in einem geführten Gespräch wohler? Das entscheiden wir mal so, mal so.“ Und manchmal kommt es sogar zu echten Karrieren: So war der aufstrebende Hannoveraner Fotograf Jonas Kakó zunächst in einer Sonntagsmatinee zu Gast, wo traditionell jüngere Fotograf:innen ihre Heimat haben. Doch dann gewann er den World Press Photo Award für die Region Nordamerika - und kehrte im Folgejahr mit einem Vortrag im Schlosssaal nach Oldenburg zurück. Ebenfalls im Juli beginnen die Vorüberlegungen der Sonderschau „ The Everyday Projects “ und dort vor allem die Frage, welches Thema dargestellt werden soll. Dabei richte man den Fokus - anders als die Hauptausstellung - nicht auf die Brennpunkte des Weltgeschehens, sondern auf Nischen, die sonst übersehen würden. „Durch die Umstellung des World Press Photo Awards auf regionale Entscheidungen sind die Kategorien Sport- und Naturfotos weggefallen. Man hat deshalb wenig Gelegenheit zum durchatmen“, ist sich die 33-Jährige bewusst. Diese Gelegenheit böten nun The Everyday Projects. Zwar würden dort auch Themen wie Klimawandel und bedrohte Tierarten aufgegriffen, jedoch mit anderem Ansatz: Die Bilder stammen von Fotograf:innen aus der jeweiligen Region. „Dadurch tritt der sogenannte 'Western Gaze' in den Hintergrund.“ Im Spätsommer wird es zunehmend konkret für das kleine Team der World Press Photo Ausstellung in Oldenburg. Das Kandidaten:innenfeld für das Rahmenprogramm dünnt sich aus bzw. wird endgültig fixiert. Bis dieser Prozess abgeschlossen ist, wird er insgesamt etwa sechs Wochen gedauert haben. „Man muss immer ein wenig aufpassen, dass man kein Thema auswählt, weil man es selber cool findet . Oldenburg muss es cool finden!“, lacht Lisa. Doch das Gespür trügt meistens nicht. „Wir sind uns in der Regel sicher, das unsere Auswahl gut zum allgemeinen Geschmack passt. Und das war bisher auch immer der Fall.“ Persönlicher Geschmack oder für alle interessant? Bei Xiomara Benders Nordkorea-Projekt gab es dazu Überlegungen. Doch viel spricht dafür, dass auch diese Veranstaltung auf große Resonanz stoßen dürfte. (Bild: Xiomara Bender) In diesen Wochen sind auch die eingeladenen Gäste selbst schon gefragt: Für Programmheft und Social Media müssen sie Projektbeschreibungen, Portraitfotos und Hintergrund-Informationen liefern. Auch Beispielbilder aus ihren Arbeiten sind nötig, um die Veranstaltungen vermarkten zu können. Mit den Entscheidungen und Konkretisierungen können nun auch die Locations gebucht bzw. reserviert werden. Und auch der Ehrengast rückt wieder in den Fokus: Sobald sich das Programm herauskristallisiert hat und seine bzw. ihre Auftritte feststehen, können Flüge gebucht und Hotelzimmer reserviert werden. Eine wichtige Rolle spielt auch das sogenannte „Arrangement & Orders Document“ der World Press Photo Foundation. „ Da trage ich alles ein: An welchem Tag muss die große Speditionskiste mit den Bildern geliefert werden? Wie gelangt die Spedition ins Schloss? Was ist meine Handynummer für Notfälle?“ Es gehe um viel Organisatorisches, auch etliche Detailfragen zur Ausstattung. „Alles, was mit der Foundation geklärt werden muss, läuft über meinen Tisch. Man hat so viel miteinander zu tun, dass man beinahe schon befreundet ist“, lacht Lisa. Maßarbeit: Lisa überprüft die Vorgaben der World Press Photo Foundation. Bevor es so weit ist, steht aber noch viel Arbeit an- (Bild: Andreas Burmann) Dies sind die Wochen der Feinarbeit. Zusätzlich zu weiteren Details für die Gastvorträge finden auch Absprachen mit den lokalen Kooperationspartner:innen statt. Das betrifft zum Beispiel die Workshops, die in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Oldenburg angeboten werden, aber auch die außerordentlich erfolgreichen Schüler:innenführungen . „Die sind inzwischen aber schon so versiert, dass das weitgehend von allein läuft“, freut sich Lisa. Es gehe vor allem um die Abstimmung, welche Vormittage für die Schüler:innenführungen freigehalten werden, damit alles im Programmheft veröffentlicht werden kann und keine weiteren Führungen parallel laufen. Schöner Ort: Die Sonntagsmatineen hatten in der Buchhandlung Isensee ein echtes Stammpublikum. Ob es mit umzieht an den neuen Ort? (Bild: Mediavanti) Manchmal gibt es auch größere Neuerungen zu organisieren. So wanderten die beliebten Sonntagsmatineen zur 10. Ausstellung von der Buchhandlung Isensee zunächst ins Café Woyton , bevor sie im Folgejahr ins Café Extrablatt in der Wallstraße wandern sollten. „Das ist ein Experiment“, ist sich Lisa bewusst. „Wir wollten Kaffee und Croissants anbieten, um es noch etwas gemütlicher zu machen. Zudem haben wir uns gefragt, ob wir noch anderes Publikum erreichen können.“ Dafür sei trotz der angenehmen Atmosphäre am alten Platz ein Ortswechsel nötig gewesen. Wechselnde Orte haben auch die neuen und außergewöhnlichen Formate. Früher gab es mal den Foto-Slam im Polyester Klub , zuletzt den Impro-Slam in einem Hörsaal der Universität. Ins Core geht es dagegen im Jubiläumsjahr für eine neue Improveranstaltung mit SpontanOL -Mastermind Jürgen Boese. Die Vorbereitung für das Event laufen ebenfalls schon zu diesem Zeitpunkt an.. Die Feinarbeit setzt sich fort. Trotz des frühen Starts im August trudeln erst im Laufe des Oktober die letzten Inhalte für das Programmheft ein - darunter manchmal auch Gastbeiträge von Kulturschnackern. Doch auch manche Fotograf:innen kommen aufgrund längerer Reisen erst jetzt dazu, das angefragte Material zu übersenden. Nun wird alles zusammengführt, miteinander kombiniert und in vielen Schritten optimiert. Gut Ding will Weile haben: Bis aus den ersten Ideen das fertige Programmheft der World Press Photo Ausstellung wird, vergehen einige Monate. (Bilder: Mediavanti) Zudem werden in diesen Tagen die Zuständigkeiten innerhalb des Teams geklärt: „Im Herbst legen wir fest, wer von uns die Veranstaltungen moderieren wird und wer sie ansonsten betreut - also ein paar Fotos macht und einfach mal ein Kabel von A nach B trägt.“ Das passiere immer mit einer Vertretung, damit im Notfall ein Backup vorhanden sei. Auch sie selbst übernehme dabei Moderationen - auch wenn sie als Organisationsleiterin sowieso schon viel um die Ohren hat. „Ich mache das einfach gern“, nennt sie die beste aller Begründungen - und nimmt dafür die Mehrbelastung in Kauf, Nachem alle Inhalte angeliefert worden sind, geht es im November an die Feinheiten der Gestaltung des Programmhefts. Auch der eine oder andere Text will noch geschrieben werden, geht aufgrund des spannenden Materials aber in der Regel leicht von der Hand. Obwohl das Programmheft erst Anfang Januar online verfügbar sein wird und erst im Januar im Stadtgebiet ausliegt, muss der Prozess bereits anlaufen, da mit Abstimmungen und Korrekturen stets viel Zeit verstreicht. Doch die routinierte Zeitplanung sorgt dafür, dass bei dieser Frage keine Stressmomente mehr entstehen. Boden der Tatsachen: Für das Layout der „Everyday Projects“ reicht der Schreibtisch nicht aus. (Bild: Mediavanti) Auf Lisa wartet zudem noch eine angenehme Aufgabe: Nämlich die Gestaltung der Sonderschau. „Es macht wirklich Spaß, die Ausstellung selber zu layouten. Die Fotoauswahl übernimmt zwar die Kuratorin. Aber wie das in Oldenburg gehängt wird, das entscheide dann ich“, erklärte die Organisations-Leiterin nicht ohne Stolz. Zwar schicke sie ihre Entwürfe nochmal zur Freigabe an die Everyday Projects, aber in der Regel kämen keine großen Veränderungen. Danach gehe es an das Übersetzen der Texte die allesamt auf Englisch zugliefert würden. „Dabei muss man hier und da etwas kürzen, damit der Inhalt auf unsere zweisprachigen Hinweistafeln passt.“ Nach der zweiten Korrekturschleife sei dann aber immer alles druckreif, ergänzt Lisa schmunzelnd. Während das Jahr langsam ausklingt, nähert sich ein besonderer Moment im Vorfeld der Ausstellungseröffnung: die alljährliche Auftakt-Pressekonferenz. Sie ist ein Kristallisationspunkt für all die Vorarbeiten, die in den letzten Monaten stattgefunden haben. „Bis zu diesem Zeitpunkt müssen alle Deals fix sein, die zuvor vielleicht noch in der Schwebe waren. Schließlich wollen wir hier etwas vorzeigen. Und wenn wir drüber reden, müssen wir wissen: Das ist fix", betont Lisa. Das mediale Interesse ist immer groß und reicht weit über die Stadtgrenzen hinaus. Schließlich gibt es die World Press Photos selbst in der benachbarten Großstadt wie Bremen nicht zu sehen. Handfeste Neuigkeiten: Spätestens wenn die Auftakt-Pressekonferenz stattfindet, sollte alles in trockenen Tüchern sein. (Bild: Andreas Burmann) Wichtig ist zum Jahresende zudem ein organisatorisches Thema, nämlich die Auswahl des Teams für die Ausstellungsbetreuung - also für Garderobe, Infotisch und weitere Aufgaben. „Es ist immer eine Kombination aus alten Hasen, die wiederkommen, und neuen Leuten, die du erst finden musst“, beschreibt Lisa die Mischung. Letzteres geschehe aber oft über das vorhandene Personal, das etwa Mitbewohner:innen weiterempfioehlt. Für die zehn his fünfzehn Personen werden dann Dienstpläne entwickelt und ein Briefing-Treffen organisiert. „Wichtig ist, dass sie gute Arbeit machen, aber auch Bock auf die Ausstellung haben“, betont Lisa. Schließlich seien auch sie die Gesichter der WPP und vermitteln idealerweise eine Begeisterung fürs Thema. Im Januar beginnt schließlich die Phase, in der die World Press Photo Ausstellung auch für die Allgemeinheit sichtbar wird. Zwar tauchen rund um die Auftakt-Pressekonferenz bereits eine Reihe von Presseberichten auf - doch die bleiben vergleichsweise abstrakt. Nun aber taucht an den Litfaßsäulen und Plakatwänden in der Stadt wieder die markante Kombination aus starkem Fotomotiv und viel Weißraum auf. Mit Ausnahme des Siegerbildes von 2021, das als bisher einziges Hochformat eine andere Gestaltung verlangte, hat sich das Design fest etabliert und sorgt für große Aufmerksamkeit. Bei vielen Fans der WPP entwickelt sich die alljährliche Vorfreude, sobald sie das Plakat entdecken. Doch noch sind es einige Wochen bis zum Start. „Mit dem Plakat hätten wir eigentlich anfangen können, sobald der Ehrengast feststeht“, stellt Lisa fest. Doch während Motiv und Design-Vorschriften schnell feststünden, ändere sich bei den Kopperationspartner:innen und Sponsor:innen immer wieder etwas. „Eigentlich fällt nie jemand weg - aber es kommen immer wieder neue dazu.“ Und die wollen natürlich ihr Logo auf dem Plakat sehen. Deshalb passiert auch dieser Arbeitsschritt wie so vieles rund um die Eröffnung einer Ausstellung: Just in time. Leicht zeitversetzt findet auch das kleinformatige Programmheft seinen Weg an die vielen Auslagestellen. Hier macht sich die viele Arbeit bezahlt, die das Mediavanti-Team im vergangenen Herbst hineingesteckt hat. All das, was im Laufe des Jahres erdacht, abgesprochen, konzipiert und organisiert wurde, ist in dieses Ergebnis eingeflossen. Dass man an dieser Stelle bereits einen Blick auf einige Bilder der Ausstellung werfen kann, wertet die Bedeutung sogar noch etwas auf. Das kleine Heft macht neugierung - und erfüllt damit genau seinen Zweck. Die Ruhe vor dem Sturm: Die Aufbauwoche vor der Eröffnung hat es in sich. Lisas Stesslevel liegt trotzdem nur „bei 6 bis 7“ - und es bleibt Zeit für ein Lächeln. (Bild: Andreas Burmann) Mit dem Februar beginnt der intensivste Monat des Jahres. Nicht erst mit dem Ausstellungsbeginn, sondern schon deutlich früher beginnt die „heiße Phase“ der World Press Photo Ausstellung in Oldenburg. Um die Aufbauwoche - also die vier Werktage vor der Vernissage am Freitag - möglichst zu entzerren, finden einige Aufbauarbeiten bereits in der ersten Februarwoche statt: So werden die Sitzmöbel geliefert und auch die Sonderschau „The Everyday Projects“ ist bereits vor Ort und kann gehängt werden. Richtiggehend wild wird es aber erst in der zweiten Woche: „Das ist für mich immer eine 70-Stunden-Woche. Aber eine, die ich sehr gerne mache“, ist sich Lisa der Herausforderung bewusst. Am Montag könne man noch die eine oder andere Besorgung machen. „Von Dienstag bis Sonntag bin ich dann aber gefühlt durchgehend im Schloss.“ Die Termine seien einfach sehr dicht gedrängt und ließen sich teilweise nicht weiter entzerren, weil viele Schritte die Anwesenheit der Kuratorin der World Press Photo Foundation vorsähen - und die käme erst am Mittwoch vor der Ausstellung. Alles nach Plan: Im Schloss hat Lisa das Kommando. Niemand kennt die Abläufe und Erfordernisse so gut wie die Organisationsleiterin. {Bild: Andreas Burmann) Bereits tags zuvor treffen die Bilder ein und müssen ins Dachgeschoss verfrachtet werden. „Eigentlich ist es Routine“, berichtet Lisa, betont dabei aber das erste Wort. Mit einem Schmuzeln ergänzt sie: „Das Landesmuseum ist ein sehr altes Haus. Wir haben nicht die Möglichkeit, die sperrigen, schweren Foto-Kisten in einen riesigen, geräumigen Aufzug zu schieben.“ Der vorhanden Lastenaufzug dürfte nicht schmaler sein und verlange stets Millimeterarbeit. „Wenn wir mit den beiden Kisten die Ausstellungsräume erreicht haben, machen wir schon mal drei Kreuze. Immerhin müssen wir sie sehr vorsichtig behandeln und wollen natürlich auch die Türrahmen im Landesmuseum heil lassen.“ Am Mittwoch erfolgt die gemeinsame Begehung der Räumlichkeiten mit der Kuratorin und das Layout der Ausstellung. „Die Kisten werden dann erst ausgepackt. Wir dürfen sie nicht öffnen, bevor die Kuratorin da ist .“ Noch am selben Tag geht es auch zum Flughafen nach Bremen, um dort den Ehrengast abzuholen und beim Check-in im Hotel zu unterstützen. Anschließend finden erste Warmup-Gespräche statt - gerne bei einem gemütlich Kaffee . Am Donnerstag schließlich begleitet Lisa ihren Ehrengast zu verschiedenen Presseterminen, führt zusammen mit Claus Spitzer-Ewersmann die Oldenburgische Museumsgesellschaft vorab durch die Ausstellung und klärt nebenbei all die offenen Fragen, die kurz vor einem so großen Event auftauchen. Der schönste Lohn: Begeisterte Gäste wie Lee-Ann Olwage, die 2024 in Oldenburg zu Gast war und sowohl die Stadt als auch Lisa ins Herz geschlossen hat. (Bild: Andreas Burmann) Und wie behält man bei alledem den Überblick? „Ich habe eine siebenseitige Dispo-Liste, auf der ich alles abhaken kann“, erzählt Lisa. „Das ist in dieser Phase gewissermaßen mein Hirn, da steht alles drin.“ Schon im August beginne sie damit, diese Liste anzulegen - in der heißen Phase sei sie Gold wert. Wenn am Freitag dann die feierliche Vernissage und am Samstag die große Eröffnung der World Press Photo Ausstellung stattfinden, dann spürt das Publikum von all diesen Vorarbeiten: alles und nichts. Alles - weil es eine Ausstellung erlebt, die Pressebilder tatsächlich nicht nur zeigt, sondern in einen Kontext stellt und die dadurch Erlebnisse bietet, die bleibenden Eindruck hinterlassen. Und dafür war es eben nötig, dass man mit den Planungen ein Jahr vorher beginnt. Gleichzeitig spürt das Publikum nichts von all der Arbeit und dem Aufwand hinter den Kulissen. Es darf ein perfekt vorbereitetes Ereignis genießen und sich voll und ganz darauf konzentrieren. Und Lisa? Sie wird bis zum letzten Tag der Ausstellung jederzeit ansprechbar sein, ihr Telefon niemals ausstellen und sich um unzählige Details kümmern. Danach warten wieder drei Wochen WPP-Pause auf sie - bevor das nächste World Press Year beginnt.

  • SPITZE ALS STANDARD

    Lesungen sind eine feine Sache. Es gibt perfekt vorgetragene Texte, mal gnadenlos spannend, mal gesellschaftlich relevant mal hinreißend poetisch, hin und wieder alles auf einmal, Dazu gibt es spannende „Behind the Scenes“-Einblicke oder informativen Kontext. Eine sichere Sache? Ja, allerdings nur mit den richtigen Autor:innen. Wie man diese findet, weiß Monika Eden, Leiterin des Literaturhauses Oldenburg. In ihren feinen Programm sind die Gewinner:innen des Deutschen Buchpreises Stammgäste - auch in diesem Herbst. Von Frankfurt nach Oldenburg: Wenn die Nominierten erwartungsvoll auf die Verkündung des Jury-Votums warten, steht Oldenburg manchmal schon auf ihren Lesereiseplan. (Bild: Christof Jakob) Der 13. Oktober 2025 wird Dorothee Elmiger für immer in Erinnerung bleiben. An jenem Montag verkündete die Jury des Deutschen Buchpreises im Rahmen einer feierlichen Zeremonie die diesjährige Gewinnerin. Zwar hatte die Schweizer Autorin zuvor schon auf der Shortlist gestanden und wurde als Favoritin gehandelt. Doch wahr wurde das Ganze erst, als im Kaisersaal des Frankfurter Römers schließlich ihr Name fiel. In Oldenburg hielt sich die Überraschung derweil in Grenzen - zumindest bei Monika Eden . Die Literaturexpertin ist in der Branche und unter den „Booklovers“ im Oldenburger Land bekannt für ihr gutes Gespür - und das hatte sie auch dieses Mal nicht getrogen. Denn als Dorothee Elmiger die gute Nachricht vernahm, hatten Monika und ihr Projektteam ihre Arbeit längst getan. Sie hatten die Autorin nämlich schon zu einer Lesung eingeladen, bevor das ausgezeichnete Buch überhaupt erschienen war. Großer Moment: Dorothee Elmiger erhält den Deutschen Buchpreis 2025 - nachdem sie zuletzt 2020 schon auf der Shortlist gestanden hatte, letztlich aber leer ausging. (Bild: Christof Jakob) Ein Einzelfall ist das nicht. Erst am 17. September war mit Antje Rávik Strubel die Gewinnerin von 2021 zu Gast in Oldenburg, im September 2024 mit Saša Stanišić der Sieger von 2019. Die zeitliche Nähe zur Verleihung ist dieses mal allerdings enorm und bedeutet für die bereits gut nachgefragte Veranstaltung zusätzlichen Rückenwind. Warum dieser Coup mit Glück nichts zu tun hat? Das hat uns Monika im Interview verraten. LITERATURHAUS OLDENBURG DOROTHEE ELMIGER - DIE HOLLÄNDERINNEN MODERATION: SABINE KYORA SONNTAG, 23. NOVEMBER 2025, 11 UHR CAR VON OSSIETZKY UNIVERSITÄT BIS-SAAL UHLHORNSWEG 49-55 26129 OLDENBURG AUSVERKAUFT Monika, am 13. Oktober ist Dorothee Elmiger mit dem Deutschen Buchpreis 2025 ausgezeichnet worden. Bereits am 23. November liest sie in Oldenburg. Eigentlich war das intime Wilhelm13 als Veranstaltungsort vorgesehen. Steht jetzt ein Wechsel ins große PFL an? Geballte Expertise: Monika Eden vom Literaturhaus Oldenburg kennt sich aus. (Bild: Kulturschnack) Ich würde sofort den Umzug der Lesung ins PFL organisieren, so wie ich es kürzlich erst für die Eröffnungslesung der LiteraTour Nord mit Nora Gomringer am 26. Oktober getan habe - wenn dort im November nicht die KIBUM beheimatet wäre. Das PFL fällt damit als möglicher Veranstaltungsort ausgerechnet für diese Lesung der LiteraTour Nord aus. Ich habe aber gleich am Tag nach der Preisverleihung, die ich abends im Livestream verfolgt habe, Sabine Kyora angeschrieben, meine Projektpartnerin an der Universität. So konnten wir schnell in den dortigen Bibliothekssaal wechseln. Er bietet immerhin doppelt so viele Plätze wie das Wilhelm13. Wer dabei sein will, sollte sich aber dennoch beeilen - die Veranstaltung wird am Ende sicher ausverkauft sein. Aus welchen Gründen Hast du Dorothee Elmiger ins Programm des Literaturhauses aufgenommen worden. Was hat dich an „Die Holländerinnen“ überzeugt? Ich habe gemeinsam mit allen Partnerinnen und Partnern schon im Mai beschlossen, Dorothee Elmiger mit dem Roman in die aktuelle LiteraTour Nord einzuladen. Wegen der vielen Menschen, die in sieben Orten an dem Literaturprojekt beteiligt sind, brauchen wir so einen großen Planungsvorlauf. Der Vorschlag kam aber tatsächlich aus unserem Oldenburger Projektteam, das aus Prof. Dr. Sabine Kyora (für die Carl von Ossietzky Universität) Andreas Barth (für Buch Brader) und mir (für das Oldenburger Literaturhaus) besteht. Erschienen ist der Roman erst im August. Wir haben deshalb auf der Grundlage der Verlagsankündigung für die Schriftstellerin plädiert, und weil wir ihre bisherigen Veröffentlichungen kennen und schätzen. Gleich im August habe ich den Roman dann gelesen. WORUM ES GEHT DOROTHEE ELMIGER - DIE HOLLÄNDERINNEN Dor othee Elmigers  neuer, bildgewaltiger Roman – eine mitreißende Erfahrung. Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter Theatermacher, der sie für sein neuestes Vorhaben zu gewinnen versucht – ein in den Tropen angesiedeltes Stück, die Rekonstruktion eines Falls. Düsteres Dickicht: Das Buchcover nimmt ein Stück weit vorweg, wohin die Reise geht. (Bild: Hanser Verlag) Wenige Wochen später bricht sie auf, um sich der Theatergruppe auf ihrem Gang ins tiefe Innere des Urwalds anzuschließen. Dorothee Elmiger erzählt eine beunruhigende Geschichte von Menschen und Monstren, von Furcht und Gewalt, von der Verlorenheit im Universum und vom Versagen der Erzählungen. „Die Holländerinnen“ wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2025 ausgezeichnet, was die Jury wie folgt begründete: „ Dieser Roman ist ein Ereignis. Eine Schriftstellerin berichtet von ihrer Reise in den südamerikanischen Urwald mit einer Theatergruppe auf den Spuren zweier Holländerinnen, die vor Jahren dort verschwunden sind. Auf dieser Wanderung erzählt sich die Gruppe verstörende Geschichten. Je tiefer sie sich im Dickicht und Morast verläuft, desto mehr reißt Elmiger die Leser:innen in einen Sog der Angst. Ihr Roman erzählt von Menschen, die in ihr ‚dunkelstes Gegenteil‘ verfallen. Indirekt ist dabei nicht nur Elmigers Sprache, sondern auch ihr Verweis auf unsere Gegenwart, die Schritt für Schritt in Selbstüberhebung versinkt. Elmigers Stil ist gleichzeitig distanziert und doch fesselnd. Die Holländerinnen - Ein faszinierender Trip ins Herz der Finsternis. “ Dorothee Elmiger , 1985 in der Schweiz geboren, lebt als freie Autorin und Übersetzerin in New York. Sie studierte Literatur am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig sowie Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft an der Universität Luzern und der Freien Universität Berlin. Ihre Bücher Einladung an die Waghalsigen  (2010), Schlafgänger  (2014) und Aus der Zuckerfabrik  (2020) wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, für die Bühne adaptiert und vielfach ausgezeichnet. Zuletzt erhielt die Autorin 2022 den Nicolas-Born-Preis des Landes Niedersachsen. LESEPROBE   Spürt man beim ersten Lesen: Das könnte was für den Buchpreis sein? Ich denke bei meinen Programmentscheidungen nicht daran, ob die Bücher für Preise infrage kommen könnten. Ich wähle sie aus, weil sie mich literarisch überzeugen. Dorothee Elmiger sagt zu ihrem Roman, dass am Anfang des Schreibprozesses die Überlegung gestanden habe, wie sie etwas erzählen dürfe, das sie nicht selbst erlebt habe. Sie fand eine großartige literarische Lösung dafür, indem sie sich für ein vielfach gebrochenes Erzählen entschied, das sprachliche Zwischenebenen einzieht, um Distanz zu schaffen. Ihr Roman formuliert über weite Strecken im Konjunktiv. Was dabei vordergründig kühl und sachlich berichtet wird, traf mich bei der Lektüre mit so einer Wucht, dass ich mich dem Gelesenen nicht entziehen konnte. Denn je tiefer ihre Figuren in den südamerikanischen Urwald vordringen, umso intensiver schauen alle in die eigenen Abgründe und Dunkelheiten, und erzählen sich nach und nach ihre verstörenden Geschichten. Als die Shortlist bekanntgegeben wurde, war sie ganz klar meine Favoritin auf den Preis. Volles Programm: Die weiteren Termine des Literaturhauses im zweiten Halbjahr 2025 haben wir euch wie gewohnt in einem eigenen Artikel zusammengestellt. Klickt einfach auf das Bild - oder hier . (Grafik: Canva KI/Kulturaschnack) Die Träger des Buchpreises sind erfreulich oft in Oldenburg zu sehen. Was ist dafür die wichtigste Voraussetzung: Literarisches Gespürt – oder gute Connections? Natürlich ist meine Expertise - also die Fähigkeit, die Qualität von Literatur zu beurteilen - für die Programmentscheidungen des Literaturhauses unverzichtbar. Vo n meinen guten Kontakten profitiere ich dann bei den Einladungen in das doch etwas abseits gelegene Oldenburg. In aller Regeln folgen die Autorinnen und Autoren ihnen, weil meine Arbeit einen guten Ruf genießt. Was erwartest du dir von der Lesung? Ich freue mich besonders auf das Gespräch mit der Autorin, das bei dieser Lesung von Sabine Kyora geführt wird. Sie bietet das begleitende Seminar zur LiteraTour Nord an der Universität an und ist bei dem Projekt meine Verbindung zu den Studierenden, die unsere Lesungen kostenlos besuchen dürfen.     Mit Akribie und Herzblut Man gewöhnt sich allzu schnell daran, wenn man in einem Veranstaltungsbereich durchgehend höchstes Niveau serviert bekommt. Hin und wieder sollte man sich allerdings bewusst machen, dass diese Qualität nicht vom Himmel fällt, sondern akribische Arbeit, fachliches Know-how und viel Herzblut voraussetzt. Wenn also die aktuelle Gewinnerin des Deutschen Buchpreises nur wenige Wochen nach der Auszeichnung in Oldenburg zu Gast ist, ist das keineswegs der Normal-, sondern ein Glücksfall fürs Publikum. Medienrummel: Wer den Deutschen Buchpreis gewinnt, darf sich einer großen Aufmerksamkeit sicher sein. Das deutlich gewachsene Interesse gilt aber auch für die Lesungen. (Bild: Christof Jakob) Das Lob dafür gebührt nicht Monika Eden allein, sondern ebenso ihren Projektteam mit Prof. Dr. Sabine Kyora und Andreas Barth sowie all ihren Unterstützer:innen. Sie ist es jedoch, die alle Fäden zusammenführt und die sich bis zum sprichwörtlichen Umfallen dafür einsetzt, dass Oldenburg ein starkes Literaturprogramm erleben darf, in dem wir perfekt vorgetragene Texte erleben dürfen, mal gnadenlos spannend, mal gesellschaftlich relevant mal hinreißend poetisch, hin und wieder alles auf einmal. Die Spitze als Standard: Das sollte man nicht verpassen - erst Recht nicht, wenn die frisch gekürte Buchpreisträgeirn zu Gast ist.

  • LOST IN TRANSITION

    Diese Gleichung konnte nur aufgehen. Ein Gebäude, das sich mitten im Übergang befindet - zwischen strikter Verwaltung und zukünftig kultureller Institution - trifft auf 33 Studierende, die sowohl durch Fotografie als auch skulpturales Arbeiten eben genau diese Zwischenwelten künstlerisch erforschen und dabei sowohl auf gesellschaftliche, als auch ganz persönliche Antworten stoßen. Kennen wir das Gefühl nicht alle? Credit: Landesmuseum Natur & Mensch LOST IN TRANSITION Künstlerische Annäherungen an ein Leben im Übergang NOCH BIS 13. NOVEMBER DO 18 - 21 Uhr / SA & SO 13 - 17 Uhr DAMM 46 26135 OLDENBURG EINGANG AUF DER HINTERSEITE DES GEBÄUDES Der Putz bröckelt von den Wänden, es riecht förmlich nach Leerstand, aber ebenso liegt da dieser gewisse Duft der Veränderung in der Luft. Die ehemaligen Räumlichkeiten des Niedersächsischen Landesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit am Damm 46 in Oldenburg stecken mitten in einem unsanierten Zwischenzustand aus Vergangenem und "Noch-nicht-Seiendem". Denn in Zukunft wird hier der Geist der Kultur durch die Flure gespült werden, in Form des unmittelbar angrenzenden Landesmuseums Natur & Mensch , das das Gebäude übernahm und einen Wandlungsprozess in die Wege leitete, der nun bevorzustehen scheint. Doch auch schon in dieser besagten Zwischenphase ermöglichte das Landesmuseum bereits zahlreichen Akteuren den Leerstand mit Aktionen und Ausstellungen zu bespielen. Dass das Natur & Mensch dabei für genau solche Möglichkeiten den richtigen Riecher hat, wissen wir nicht erst seitdem sie auch dem Team rund um Pelle die Chance boten, den Platz neben ihrem Haus mit ihrem Kultur-Späti und den zugehörigen Veranstaltungen, wie beispielsweise Comedy-Open Mics oder Lesungen, zu beleben. Fotografien, die mit dem Raum arbeiten. Foto: Kulturschnack Diese (vielleicht vorerst letzte?) Ausstellung in diesem bisherigen Zustand des Gebäudes hätte, wie der Zufall es will, vermutlich nicht passender sein können, weil sie sowohl den Raum als auch die gezeigte Kunst auf inhaltlicher Ebene miteinander verschmelzen lässt. "Lost in Transition" - ein Projekt der Lehrgebiete Skulptur und Fotografie am Institut für Kunst und visuelle Kultur der Carl von Ossietzky Universität, versammelt die Arbeiten von insgesamt 33 Studierenden, die sich allesamt in einen fluiden Raum begeben, der brüchig wird, ohne dass das Neue schon festen Boden gefunden hat. Einen Raum, mit dem wir uns eigentlich alltäglich konfrontiert sehen - sei es im großen Ganzen, oder im "KleinKlein" des Alltags. Das kann flüchtig, widersprüchlich - ja, auch schmerzhaft sein - ist aber vor allem eines: absolut empfehlenswert! DIE WELT & DAS ICH Denn auch unsere Welt als solche befindet sich inmitten einer solchen allumfassenden Wandlung, die die sicher geglaubten Grundfesten unserer Gesellschaft aufrüttelt. Kriege rücken an die Ränder Europas, ganze geopolitische Machtachsen verschieben sich und setzen zunehmend Demokratien unter Druck. Gleichzeitig wird es eine Bedrohung wie die Klimakrise zwangsläufig erfordern, unser Handeln und unser Verhältnis zur Natur völlig neu zu ordnen. Diese Umwälzungen spüren wir alle als Verunsicherungen unmittelbar im eigenen Alltag, direkt vor unseren Haustüren und fühlen uns im wahrsten Sinne "lost" und suchen nach Halt. Und so schweben wir zwischen Gewissheiten, die vor unser aller Augen zerbröckeln und Szenarien einer Zukunft, getrieben durch künstliche Intelligenz, die sich erst noch ausformen muss und dabei ebenfalls einem gesellschaftlichen Aushandlungsprozess unterliegt. Wer bin ich? Wohin gehöre ich? Prägende Fragen eines Lebens. Foto: Kulturschnack Genau in diese Gefühlswelten hinein arbeiten die Studierenden für sich auf ganz persönlichen und oftmals wunderbar greifbaren Ebenen. "Für mich ist der Übergang tatsächlich ein Grenzübergang. Ich bin die dritte Generation mit Migrationshintergrund, also genau die, die sich sehr an das, wo sie nicht lebt klammert", erzählt Leon Branko Čolić, einer der ausstellenden Studierenden. "Ich gehe hier mit meiner Arbeit der Frage nach, inwiefern mein Großvater diesen Übergang anders gespürt hat [...] als meine Generation, die sich immer ein bisschen verloren und unsicher fühlt, wozu sie nun eigentlich gehört." Die eigene Identität wird zum fragilen Raum zwischen Herkunft und Zugehörigkeit, die nie wirklich fixiert sondern immer in Bewegung zu bleiben scheint. Doch diese Fragen verhallen nicht im luftleeren Raum, sondern werden auch an die Betrachtenden zur Selbstreflexion weitergegeben. "Ich habe explizit den Aufruf in meiner Arbeit: 'Schau' in den Spiegel!' und für mich ist das als Einladung zu verstehen in sich selbst hineinzublicken und zu überlegen, welche Überschneidungen man vielleicht mit diesem Thema hat. Wo verbirgt sich die "Transition" und auch "Lostsein" im eigenen Leben?", führt Čolić weiter aus. KUNSTFORMEN VERSCHMELZEN Andere Studierende, wie Sarah Kaltofen, lenken den Blick auf unseren Umgang, den wir als Menschen wählen, wenn wir uns mit solchen Situationen konfrontiert sehen. "Was machen wir, wenn wir das Gefühl haben, irgendetwas stimmt nicht? Da gibt eine total starke Normalisierung zum Rausch oder Konsum zu greifen", stellt sie dabei fest. Eskapismus wie er im Buche steht. "Ich habe mich dann mit Beratungsstellen und generell Krisen verschiedener Art auseinandergesetzt, bevor ich das Thema dann sehr auf mich zurück bezogen und es total persönlich gemacht habe. Ich habe mich in meiner Arbeit sehr viel mit meiner eigenen Biografie beschäftigt und dem, was sich im Endeffekt in meinem digitalen Archiv finden ließ", blickt Kaltofen auf den Entstehungsprozess zurück. So entstand eine vielschichtige Arbeit rund um das Thema Alkoholkonsum auf Basis zahlreicher Fotografien, die zeigt wie eng das Private mit dem Strukturellen verbunden sein kann. Für das Begleitheft zur gesamten Ausstellung einfach auf das Bild klicken! Inwiefern ausgerechnet Skulptur und Fotografie als Bereiche für die Ausstellung zusammenpassen, erschließt sich einem dabei erst umfänglich, wenn man selbst durch die Räume schreitet. "Ich glaube, viele Arbeiten haben eine installative Natur bekommen, schon allein dadurch, dass sie mit dem Raum arbeiten", erklärt Kaltofen, wobei auch das Gebäude und sein aktueller Zustand diese Arbeitsweise befürworte und neue Möglichkeiten schaffe. „Wenn wir jetzt von einem White Cube sprechen würden, dann könnte mit dem Gebäude gar nicht so gearbeitet werden. Hier ist es jetzt aber wirklich so gewesen: Erst streiche ich etwas, dann tapeziere ich alles (mit Fotodrucken Anm. d. Red.) voll, als nächstes hänge eine Lampe ab oder baue etwas Neues hinein. Das wäre in einem musealen Kontext nicht in der Form möglich.“ EIN BERUHIGENDER GEDANKE Vielleicht liegt das Tröstliche von "Lost in Transition" gerade darin, dass uns die Ausstellung aus unterschiedlichsten Blickwinkeln einen bestimmten Gedanken mit auf den Weg gibt, den wir sonst nur zu gerne immer wieder vergessen: nämlich, dass der Wandel kein Ausnahmezustand, sondern unser stetiger Begleiter und Grundtenor ist. Nichts ist je so geblieben, wie es schon immer war - und vermutlich ist das auch gut so. Der Wandel, die Veränderung und das Ungewisse mögen aufregend, aufreibend und manches mal auch wehtun, doch wenn wir sie akzeptieren und uns der Ungewissheit mutig stellen, liegt darin vielleicht ebenso das Potenzial vergraben daran zu wachsen - sei es ganz persönlich oder als Gesellschaft. Der unentwegte Versuch an etwas festzuhalten, das wir ohnehin nicht aufhalten können, wird uns jedenfalls nur Kraft rauben, die wir anderweitig allesamt gut gebrauchen könnten für die guten Dinge im Leben. Wenn wir also die Räumlichkeiten am Damm 46 nach dem Besuch der Ausstellung wieder verlassen, sollten wir ihr künstlerisches Angebot als eine Einladung zum Perspektivwechsel begreifen. Dass wir dem Unbekannten zukünftig lieber mit Neugier statt sorgenvoller Mine begegnen. Finden statt Verlorengehen.

  • EIN GANG ZURÜCK

    Was in der Vergangenheit liegt, ist unwiderruflich vorbei. Das ist schade, wenn man an glückliche Momente zurückdenkt. Das ist aber sehr erfreulich, wenn man sich die vielen dunklen Kapitel der Geschichte in Erinnerung ruft. Und obwohl man derzeit angesichts der globalen Nachrichtenlage meist den Drang verspürt, sich ausgiebig positiven Dingen zu widmen, ist es doch besonders wichtig, sich auch die negativen zu vergegenwärtigen. Und das geht am allerbesten mit einer Mischung aus kognitiver und körperlicher Erfahrung. Zum Beispiel: Beim Erinnerungsgang. Historisches Dokument: Das Bild zeigt Erniedrigung, aber auch Haltung (Bild: Arbeitskreis Erinnerung) Was das überhaupt ist? Natürlich: Kein beliebiger Spaziergang. Vielmehr handelt es sich um einen Weg, dessen Verlauf eine historische Bedeutung besitzt. In diesem Fall: eine, die mehr als unbequem ist. Denn der alljährlich am 10. November stattfindende Érinnerungsgang vollzieht jenen Weg nach, den die jüdischen Männer im Jahre 1938 gehen mussten, bevor sie am Folgetag ins Konzentrationslager deportiert wurden. 9. November 1938 Die Oldenburger Synagoge wird durch ein Feuer zerstört. SA-Truppen stürmen die Wohnungen jüdischen Familien und nehmen die Männer fest. Dreiundvierzig mal Achtunddreißig Seit 1982 bietet der Erinnerungsgang eine Geschichtserfahrung, wie sie eindringlicher und körperlich spürbarer kaum sein könnte. Vor dreiundvierzig Jahren entwickelte er sich aus einer privaten Initiative heraus. Von einst kleinen Gruppen mit 30 Teilnehmenden stiegt deren Zahl auf mittlerweile in den vierstelligen Bereich. Im Jahr 2024 waren nicht weniger als 2.500 Menschen jeden Alterrs dabei. Von Gefängnis zu Gefängnis: Diese Weg mussten die etwa vierzig jüdischen Männer am 10. November 1938 gehen (Grafik: Arbeitskreis Erinnerung) Seit 2005 wird der Gang jedes Jahr von einer Oldenburger Schule in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Erinnerung und der Landesbibliothek Oldenburg organisiert. Dazu gehört auch ein Rahmenprogramm, das die konsequente Einbindung von Kultureinrichtungen vorsieht - wie etwa das Medienbüro/Cine k , den Lokalsender Oeins , die Jugendkulturarbeit und das Oldenburgische Staatstheater. Empfohlen seien in diesem Jahr zum Beispiel die Ausstellung der Schüler:innen der Paulus-Schule. Nun ist ein Gang erstmal nur ein Gang, auch wenn er die Vorsilbe "Erinnerung" trägt. Es braucht Kontext, um seine Bedeutung zu erfassen. In diesem Fall: Das historische Ereignis, auf das er sich bezieht. Also: der 10. November 1938. Hobbyhistoriker:innen horchen auf: Wieso eigentlich der 10. November? Ist nicht der 9. November der sogenannte Schicksalstag der Deutschen? An dem wir 1989 den Mauerfall feierten und an dem 1918 die deutsche Republik ausgerufen wurde, an dem dazwischen aber auch Fürchterliches und Fatales passierte? ERINNERUNGSGANG OLDENBURG 10. NOVEMBER, 15 UHR LANDESBIBLIOTHEK OLDENBURG INNENHOF 26122 OLDENBURG PROGRAMM Ein tiefschwarzer Tag Richtig. Am 9. November 1938 brannten im gesamten Deutschen Reich die Synagogen. Die widerwärtige „Reichspogromnacht“ führte auch den letzten Optimist:innen vor Augen, mit wem sie es bei der NSDAP zu tun hatten: Massenmörder:innen unter dem Deckmantel einer politischen Bewegung. Denn auch, wenn die NS-Propaganda die Ereignisse als „Volkszorn“ instrumentalisierte, war klar, dass es sich um eine konzertierte Aktion handeln musste. Starke Beteiligung: Aus einst 30 Teilnehmenden ist längst eine riesige Gruppe geworden. (Bild: Arbeitskreis Erinnerung) Oldenburg macht leider keine rühmliche Ausnahme. Auch hier wurde die Synagoge in der Peterstraße zerstört. Es gab eifrige Handlanger:innen der Nazis und willige Unterstützer:innen, vor allem aber gab es etliche Claqueure, zudem manch schweigende Zustimmung oder stille Duldung. Die Presse schloss sich dem Narrativ der Partei nahtlos an. Empörung? Fehlanzeige. 10. November 1938 Die Inhaftierten werden von der Polizeikaserne am Pferdemarkt durch die Innenstadt zum Gerichtsgefängnis getrieben. Und damit nicht genug. Die Drangsalierungen fanden am Folgetag - dem 10. November - ihre Fortsetzung: Die Juden wurden im Innenhof der damaligen Polizeikaserne zusammengetrieben und mussten sich in einem demütigenden Marsch zum Gefängnis im Gerichtsviertel begeben. Man muss sich das in seiner Gesamtheit nochmal vor Augen führen: Der Bezugspunkt der Gemeinde zerstört, den Familien entrissen, der Öffentlichkeit vorgeführt, Schmerz und Tod vor Augen. Diese etwa vierzig Männer hatten tatsächlich alles verloren. ​ BERECHTIGTE FRAGE IST DAS KULTUR? Absolut. Nicht umsonst gibt es den Begriff der Erinnerungskultur. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie wir mit Geschichte umgehen. Und der Erinnerungsgang gibt darauf eine gute, weil intensive Antwort. Zwar ist der Gang selbst Gedenken pur. Er widmet sich ganz der unvorstellbaren Situation im Jahre 1938 und erinnert an die Opfer. Es gibt dabei keine künstlerischen Elemente. Aber die Art und Weise, wie wir diesen Tag begehen - und dass wir ihn begehen - ist sehr wohl Teil der Kultur. Hinzu kommt noch das Rahmenprogramm. Nicht nur in den Schulen werden Nationalsozialismus und Holocaust thematisiert, auch in den Theatern und Kinos laufen Stücke und Filme dazu. All das ist ausdrücklich nicht nur was für Schüler:innen. Diese Generation mag ab weitesten entfernt sein von den historischen Ereignissen. Mit Blick auf Trends in der Gesellschaft wird die Auseinandersetzung mit den großen Fehlern der Geschichte aber immer wichtiger. Nutzt diese einzigartige Gelegenheit und begebt euch zurück in die Zeit. Eine kontinuierliche Konfrontation Kein Zweifel: Dieser Tag ist einer der schwärzesten und mit Sicherheit der unrühmlichste der Oldenburger Geschichte. Und genau deswegen sollt man ihn nicht vergessen, sondern das Gegenteil tun: immer wieder daran erinnern. Denn nur wer sich mit seiner Vergangenheit konfrontiert, kann daraus lernen. Das ist in diesem Fall die letzten Jahrzehnte gut gelungen. Aber damit es so bleibt und sich nicht ein Schleier der Gleichgültigkeit darüberlegt, müssen wir aktiv bleiben. Das macht das Engagement rund um den Erinnerungsgang so unglaublich wertvoll. 11. November 1938 Die Deportation in das Konzentrationslager Sachsenhausen beginnt. Viele jüdische Männer aus Oldenburg werden dort ermordet. Man kann sich heute nicht vorstellen, wie es sich angefühlt haben muss: Nicht nur durch Propaganda diffamiert zu werden, nicht nur durch die „Judengesetze“ zu Untermenschen degradiert zu werden, sondern letztlich auch noch in der Öffentlichkeit vorgeführt zu werden und um Leib und Leben fürchten zu müssen. Dieses Maß an Erniedrigung sprengt unsere Fantasie. Doch immerhin können wir versuchen, uns in die Situation einzufühlen, indem wir sie, so weit es irgendwie geht, nachahmen. Und zwar: Mit einem Erinnerungsgang. Große Resonanz: Der Erinnerungsgang ist im Laufe der Jahr(zehnt)e zu einer Großveranstaltung herangewachsen. (Bilder: Arbeitskreis Erinnerung) Eine bleibende Erfahrung Wir finden: Jede:r Oldenburger:in sollte diesen Gang einmal gemacht haben. Und zwar nicht als sorgenfreies Lustwandeln, sondern als bewusste Auseinandersetzung mit der Geschichte. Es geht dabei nicht nur darum, sich der kollektiven Schuld Oldenburgs am 10. November 1938 bewusst zu machen. Es geht auch darum, diese menschenverachtende Entwürdigung nie wieder geschehen lassen. Denn wo ein Mensch seines Wesens beraubt wird, ist sein Leben nichts mehr wert. Und wozu das geführt hat, wissen wir alle. Uns ist vollkommen bewusst, dass tausend Dinge gegen die Teilnehmer an einer Veranstaltung an einem Montag um 15 Uhr sprechen können. Deshalb an dieser Stelle: unser Plädoyer dafür, andere Prioritäten zu setzen. Schaltet einen Gang zurück und macht den Gang zurück in die Geschichte. Das wird eine Erfahrung, die bleibt. Hinweis : Dieser Artikel wurde erstmals im November 2022 veröffentlicht. Wir haben ihn für dieses Jahr lediglich angepasst. Keine Rolle spielen deshalb aktuelle zeitgeschichtliche Geschehnisse.

  • EINFACH MAL UPDREIHN

    Weitgehend unbemerkt von der breiten Masse der Bevölkerung hat sich in Oldenburg ein Musikfestival etabliert, das seit dem Start im Jahr 2017 immer wieder durch starke Line-Ups überzeugt und folgerichtig immer ausverkauft ist. Woran es liegt, dass die große Mehrheit keine Notiz davon nimmt? Vielleicht weil es um Punk, Ska und Rock'n'Roll geht? Doch was die einen abschreckt, lieben die anderen heiß und innig - und so wurde das Festival zu einem wichtigen Bestandteil der lokalen Musikszene. Wir haben uns die Sache mal genauer angeschaut. Sold out ohne Sellout: Das Updreihn Festival ist jedes Jahr ausverkauft, doch es ist sich selbst stets treu geblieben. Das soll auch so bleiben. (Bild: Matthias Probst/Kulturschnack) Wie entsteht eigentlich ein Festival? Und wie wird es erfolgreich? Auf diese Fragen gibt es höchst unterschiedliche Antworten. Zwar werben fast alle Veranstaltungen unabhängig von ihrer Größe mit Authentizität, Unverfälschtheit und Einmaligkeit. Nicht wenige Festivals sind aber in erster Linie deshalb entstanden bzw. wurden von großen Entertainment-Firmen initiiert, weil es mit Live-Erlebnissen und Emotionen viel Geld zu verdienen gibt. So ehrlich muss man sein. Doch es gibt auch andere Beispiele. Nämlich jene Festivals, bei denen sich anfangs nur einige Freund:innen zusammenfanden, um etwas eigenes auf die Beine zu stellen - vielleicht, weil es nichts Vergleichbares in Reichweite gab. Das bekannteste Beispiel für dieses Prinzip dürfte das Wacken Open Air , das im Jahre 1990 für 22 Mark fünf Bands bot und 800 Leute anlocken konnte - gerade einmal ein Hundertstel der heutigen Resonanz. Ein anderes Beispiel ist das Updreihn Festival in Oldenburg-Bürgerfelde , das jedes Jahr am ersten Samstag im November stattfindet. Es ist zwar einige Nummern kleiner als der große Bruder aus Schleswig Holstein, doch hier wie dort steht am Ende immer: Ausverkauft. Wie hat es das Updreihn geschafft, seine Nische zu besetzen? Wie erklärt sich der Erfolg? Und wohin geht die Reise? Das haben wir Cathrin Winkler und Sven Blendermann gefragt. Die beiden sind seit 2017 bzw. 2021 Teil des Updreihn-Teams - und ihre Antworten zeigen, warum es auch Festivals abseits des Mainstreams geben muss. 7. UPDREIHN FESTIVAL MIT THE DROWNS, THE GUILT, POMMESPANZER, DAMAGED LIFE, ZEMENTKRAETZE SAMSTAG, 8. NOVEMBER 2025 JFS BÜRGERFELDE ALEXANDERSTRAßE 207 26127 OLDENBURG AUSVERKAUFT Schöner Abend, nette Menschen Viele Menschen gehen gerne auf Konzerte oder Festivals. Die wenigsten nehmen das aber zum Anlass, selbst so etwas zu organisieren. Wie kam es dazu, dass ihr eines Tages euer eigenes Festival auf die Beine stellen wolltet? Cathrin Das Updreihn Festival ist aus einem Freundeskreis heraus entstanden, in dem einige in der Gastroszene, andere in der Musik tätig sind. Größtenteils haben wir Verbindungen zum VfB Oldenburg und der Fanszene. Bei der Jugendfreizeitstätte wurde 2017 das VfB Sommerfest veranstaltet. Einige Personen, die in die Planung involviert waren, kamen auf die Idee, anschließend ein Abendprogramm mit Livemusik anzubieten. Wir gaben dem ganzen einen Namen und das erste „Updreihn an de Utfahrt“ fand dann abends in der JFS Bürgerfelde statt. Dadurch, dass viele von uns Expertise in Bereichen der Veranstaltungsdurchführung haben, war es uns möglich, ein Festival in Eigenregie zu planen und durchzuführen. Eingeschworene Gemeinschaft: Die vielen ehrenamtlichen Arbeitsstunden fallen leichter, wenn man sich gut versteht - wie das Team des Updreihn Festivals. (Bild: Valentin Oeckinghaus )   Ihr habt damit definitiv einen Nerv getroffen: Die Resonanz auf die Premiere war positiv, die Nachfrage in den Folgejahre sehr groß. Habt ihr damit gerechnet? Cathrin Aus eigener Erfahrung wussten wir, dass die Musikrichtung, die wir anbieten, in Oldenburg unterrepräsentiert ist und eine Nachfrage besteht. Trotzdem sind wir nicht von dem Erfolg ausgegangen. Für uns ist es jedes Mal aufs Neue aufregend zu sehen, ob wir wieder ausverkauft sind. Bei der Entstehung des Festivals stand ein schöner Abend mit netten Menschen definitiv im Vordergrund der Planung. Genau das soll bei jeder Veranstaltung auch vermittelt werden. Die Leute sollen sich einfach wohl fühlen und einen tollen Abend haben. Vermutlich macht das für viele Besuchende auch den Charme aus. Gewinnmaximierung stand nie im Vordergrund bei diesem Festival. Einfach mal updreihn: Die ultimative Playlist mit fast allen Bands aus sieben Festivals - beginnend mit den Headlinern von 2025 und endend mit 2017.   Die meisten Bands, die in der Vergangenheit bei euch gespeilt haben, lassen sich mehr oder weniger eindeutig der Punkszene zuordnen. Was bedeutet Punk für euch persönlich – und wie spiegelt sich das im Festival wider? Sven Auch wenn sich von uns niemand selbst als "klassischen Punk" bezeichnen würde, kommen viele von uns aus der Szene bzw. sind in der Szene auf Konzerten unterwegs. Im Punk dreht sich ja immer viel darum, dass man nicht darauf wartet, dass Dinge passieren, sondern man es selbst in die Hand nimmt. Insofern bedeutet Punk im Bezug auf unser Festival wohl hauptsächlich, dass wir irgendwann feststellten, dass es in Oldenburg schon länger kein Angebot in diese Richtung gab und wir dies einfach ändern wollten. Im Endeffekt also der klassische DIY-Gedanke. Das Line-up schwankt zwischen kleinen Bands und durchaus auch größeren Namen. Wie entdeckt ihr erstere – und wie kommt ihr an letztere? Sven Das ist pauschal gar nicht so einfach zu beantworten. Bei den lokalen Bands sind es natürlich die persönlichen Kontakte von uns, da man sich in Oldenburg und Umgebung aufgrund der überschaubaren Szene einfach zwangsläufig über den Weg läuft. Mittlerweile bewerben sich auch viele Bands bei uns direkt, was wir supercool finden, und auch so sind schon Auftritte beim Updreihn zustande gekommen. Zu guter Letzt sind es natürlich unsere eigenen musikalischen Vorlieben, die bei der Bandauswahl eine große Rolle spielen, ganz egal ob es sich dabei um vermeintlich kleinere oder auch größere Bands handelt. Da entstehen durchaus interessante Diskussionen untereinander, die einfach dazugehören und irgendwie auch Spaß machen. Wir buchen die Bands auch hauptsächlich für uns selbst bzw. weil wir sie cool finden und wenn das andere auch so sehen und deswegen zum Updreihn kommen, freut uns das natürlich umso mehr. Voll im Moment: Viele Bands der Updreihn-Lineups mögen der Masse unbekannt sein, die Fans lieben sie aber heiß und innig. (Bild: Matthias Probst)   Wie wichtig ist euch der lokale Bezug – also Bands und Publikum aus Oldenburg und Umgebung? Cathrin Wir möchten etwas für die Kulturszene in Oldenburg tun und dementsprechend ist es uns sehr wichtig, lokalen Bands eine Bühne zu geben. Für uns ist klar, dass mindestens eine lokale Band pro Jahr im Lineup vertreten ist. Auch das Publikum aus Oldenburg und Umgebung ist uns wichtig. Hier wählen wir Veranstaltungsorte, die gut zu erreichen sind, und Preise, die den Zugang für möglichst viele Menschen ermöglichen. Die Geschichte des Updreihn Festivals Kurz, aber bewegt Das Updreihn Festival, startete im Jahr 2017, es feiert im November 2025 aber erst seine 7. Auflage. Ein Rechenfehler? Nein, natürlich nicht. In den Jahren 2020 und 2021 musste es ausfallen, da die Corona Pandemie auch um das damals noch blutjunge Festival keinen Bogen machen wollte. Der Neubeginn in 2022 wurde zu einer Mutprobe: „Die anfängliche Zurückhaltung im Vorverkauf und die extremen Kostensteigerungen in vielen Bereichen war sehr herausfordernd und für einen kleinen gemeinnützigen Verein wie den unseren nicht ohne Risiko“ erinnert sich David Albrecht, der ebenso wie Cathrin und Sven zum Organisationsteam gehört. Beste Stimmung: Beim Updreihn Festival ist seit 2017 auf und vor der Bühne immer einiges los. (Bild: Matthias Probst/Kulturschnack) Was das frühe Ende hätte bedeuten können, war dann aber das genaue Gegenteil: Das Line-Up mit Rantanplan , Marathonmann und The Sensitives war zu stark, um übersehen zu werden. Und noch etwas anderes spielte eine Rolle: „Da wir im Gegensatz zu vielen kommerziellen Festivals rein vom Idealismus und der Lust auf die Sache leben, war es essentiell wichtig, das alle Beteiligten nach wie vor mit Spaß und Begeisterung dabei sind“, betont David. Das war sofort wieder der Fall und der Funke sprang schließlich auch aufs Publikum über. Trotz der Unsicherheiten hieß es am Ende wieder: Ausverkauft! In den Folgejahren 2023 und 2024 wagte das Updreihn Festival dann einige Experimente: Erst fand es in der Umbaubar statt, danach im Cadillac . „Das liegt hauptsächlich daran, dass die Organisation in der Jugendfreizeitstätte immer mit sehr viel Aufwand verbunden ist“, verrät Wenzel, ebenfalls Mitglied im Updreihn-Team. Man habe deshalb einfach mal andere Dinge ausprobieren wollen, da in der Umbaubar und im Cadillac andere räumliche und technische Voraussetzungen gegeben seien. „2025 hatten wir das Gefühl, dass wir lieber wieder alles selbst in der Hand haben wollen und sind deswegen wieder in der JFS gelandet.“ Wohin die Reise für das kleine Festival geht? Das kann niemand genau sagen, auch die Beteilligten nicht. „Wir halten uns immer alle Türen offen“, verrät Wenzel. Und wahrscheinlich ist es genau richtig so. Denn egal, ob die JFS jetzt dauerhaft die Heimat bleibt oder das Updreihn eines Tages doch ein Wacken des Punkrock wird: Hauptsache, alle haben Spaß. Und genau scheint der Fall zu sein - unabhängig von Zeit, Ort und Umständen. Wie erlebt ihr die Oldenburger Punkszene aktuell – wächst sie, verändert sie sich, schrumpft sie? Sven Also „die“ Punkszene an sich ist natürlich ein sehr weit gefächerter Begriff. In Oldenburg findet ja seit jeher nicht so viel statt, wie z.B. in Bremen oder Hamburg. Es gibt immer wieder Bands, welche sich neu gründen, oder auch Veranstaltende, welche sich bemühen, Konzerte aus diesem Bereich zu organisieren. Einen Trend, in welche Richtung auch immer, sehen wir da aktuell nicht. Da das Updreihn auch dieses Jahr wieder ausverkauft ist, gibt es auf jeden Fall genügend Menschen in Oldenburg, die gute Musik mögen. : ) Gute Musik: Dafür stehen in diesem Jahr mit The Drowns erstmals eine Band aus den USA, außerdem The Guilt aus Schweden, die „Dorfpunks“ von Pommespanzer, Damaged Life aus Bischofswerda sowie die Oldenburger Zementkraetze, letztere ohne Bild. (Bilder: Bands) Punk ist ja sehr politisch, manchmal steht die Haltung beinah gleichberechtigt neben der Musik. Spielt das bei euch eine Rolle? Cathrin Das Updreihn Festival findet seit 2017 regelmäßig in Oldenburg statt und richtet seinen Fokus insbesondere auch auf die Aufklärung/Sensibilisierung für sozial-gesellschaftliche Themen wie Inklusion, Integration, Rassismus und Sexismus . Seit 2019 wird das Festival vom gemeinnützigen Updreihn e.V. veranstaltet, der eine klare politische Haltung vertritt und besonders Wert darauf legt, eine Veranstaltung durchzuführen, bei der alle Teilnehmenden in einem sicheren Umfeld feiern können.   Ihr wart in den letzten Jahren regelmäßig ausverkauft. Da könnte man denken, so langsam wäre das Updreihn reif für eine größere Location. Wie seht ihr vor diesem Hintergrund die Zukunft des Festivals – soll es größer werden oder lieber im DIY-Geist klein bleiben? Cathrin Das Updreihn Festival wird komplett ehrenamtlich veranstaltet. Daher sind wir mit der Größe, die wir aktuell erreicht haben, zunächst an unserer realistisch zu stemmenden Grenze angekommen. Mit ca. 25 Personen im Verein die am Festivalwochenende sämtliche Tätigkeiten erledigen, sowie einer deutlich kleineren Gruppe, die die unterjährige Planung durchführt, ist eine größere Location aktuell nicht machbar. Was die Zukunft bringt, können wir nicht sagen, aber wir wünschen uns weiter viele kleine DIY-Veranstaltungen, bei denen wir und unsere Gäste eine wunderbare Zeit haben. Beste Stimmung: Die niederländische Band March mit Sängerin Fleur van Zuilen brachte im Jahr 2024 den Saal zum kochen. (Bild: Matthias Probst) Sven Als gemeinnütziger Verein sind wir auf Förderungen angewiesen. Ohne die Stadt Oldenburg, die uns seit Jahren unterstützt, würde das Festival in dem Rahmen nicht funktionieren. Auch unseren kleinen Förderern sind wir sehr dankbar. Ohne diese Unterstützungen wären wir nicht in der Lage, eine schwarze Null zu erreichen und trotzdem ein niedrigschwelliges Angebot zu schaffen. Der Grundgedanke unseres Festivals lässt sich nur durch die Unterstützungsbereitschaft weitertragen und finanzieren. Hier hoffen wir, für zukünftige Veranstaltungen weiter Unterstützung in Oldenburg zu finden. Ansonsten würde es sehr schwer bis unmöglich, das Festival nach unseren Ansprüchen weiterzuführen. Unser Fokus liegt also darauf, dass Festival so wie es aktuell ist zu erhalten. Eine Vergrößerung übersteigt zur jetzigen Zeit unsere Möglichkeiten.   Die Nische als Erfolgsgarant Keine Frage: Punk, Ska und Rock'n'Roll sind nicht für jeden etwas - und das wird auch so bleiben. Und das heißt auch, dass in Oldenburg-Bürgerfelde kein zweites Deichbrand entsteht. Dennoch ist dieser Fokus auf eine Nische entscheidend für den Erfolg des Updreihn Festivals. Denn eine Antwort auf die eingangs gestellten Fragen lautet: Indem sich Gleichgesinnte zusammenfinden, eine gemeinsame Idee entwickeln und viel Herzblut in die Umsetzung stecken, weil sie die Musik lieben, um die es geht. So entstehen Festivals, so werden sie erfolgreich - auch wenn es bedeutet, dass sie dauerhaft in kleinen Dimensionen agieren. Der „Erfolg“ definiert sich hier nicht über die Masse, sondern über die Erfahrung vor Ort. Richtig: mit Live-Erlebnissen und Emotionen lässt sich viel Geld verdienen. Am schönsten ist es aber doch, wenn das gar keine Rolle spielt und sich alles um die Musik und einen gute Zeit dreht - wie beim Updreihn Festival. Deshalb sollten vielleicht auch diejenigen ein Ohr riskieren, die mit den genannten Musikrichtungen bisher wenig anfangen konnten oder den Selbstversuch noch gar nicht gewagt haben. Also: Einfach mal updreihn - und im kommenden Herbst aufmerksam sein. Denn sonst heißt es wieder: Ausverkauft.

  • LETTERBOX SALVATION: DEMONS

    Was geht eigentlich in der Oldenburger Musikszene? Kurze Antwort: Viel zu viel, um es hier abzubilden! Deshalb werden wir niemals jede Band, alle Singles und sämtliche Auftritte erwähnen können. Aber: Es gibt ja noch Longplayer. Sie sind nach wie vor etwas Besonderes, jeder Release markiert einen Meilenstein der Bandgeschichte. Das wollen wir feiern - im KULTURSCHNACK SOUNDCHECK! Hier stellen wir euch Alben made in Oldenburg vor und verraten euch, warum ihr sie unbedingt euren Playlists hinzufügen müsst. Den Anfang machen die beiden Szene-Veteranen von Letterbox Salvation. Von Dämonen besessen? „Demons“ hat auf jeden Fall einen düsteren Touch, überzeugt aber dennoch - oder gerade deswegen? - mit seiner besonderen Stimmung. (Bild: Letterbox Salvation) Atmosphäre. Dieses Wort gehört zu den ersten Assoziationen, wenn man die ersten Klänge der neuen EP „ Demons “ von Letterbox Salvation hört. Schon nach der ersten von insgesamt 24 Minuten ist klar: Hier hören wir nicht den kürzesten Weg von der Idee zum Charterfolg. Der Song ist nicht auf das Nötigste reduziert, der Refrain erklingt nicht schon nach zehn Sekunden, damit die Hookline sich sofort in die Hirnwindungen brennt. Nein, der Opening Track baut sich langsam auf und zieht uns hinein in die akustische Welt von Letterbox Salvation. Und dort darf man sich wohlfühlen. Statt Reduktion jetzt Opulenz Früher einmal - die Älteren werden sich erinnern - standen Daniel Bremer und Alex Schlüter für eine sehr rohe Form des Indie-Pops. Mehr als eine Akustikgitarre und dezente Percussion brauchte es nicht, im Mittelpunkt stand Daniels markante Stimme - irgendwo zwischen Bruce Springsteen und Sam Fender . Mit dieser Reduktion auf das Nötigste feierte das Duo einige Erfolge und veröffentlichte mehrere Platten . Starkes Team: Daniel und Alex haben ihren Sound über Jahre hinweg weiter entwickelt. (Bild: Letterbox Salvation) Doch diese Zeit ist lange her - etwa zehn Jahre, um genau zu sein. Inzwischen haben die beiden eine Vorliebe für synthetische Klänge entdeckt, wie schon ihre 2021er EP „The Best Is Yet To Come“ zeigte. Ihre Songs wurden erwachsener und elaborierter, an die Stelle von Reduktion rückte eine gewisse Opulenz. „ Wir lieben es, neue Sachen zu erfinden oder neue Sounds zu erschaffen“, erklärt Daniel. „Die Fundamente aller Songs sind allerdings auch heute noch im klassischen Singer/Songwriter-Stil und funktionieren auch runter gestrippt.“ Dennoch sind die schroffen Stahlseiten nur noch ein Klang unter vielen, drei der sechs Songs auf „Demons“ überschreiten zudem die 4-Minuten-Marke. Gibt es gar keine Befürchtungen, deswegen von den Algorithmen der Streamingdienste übersehen zu werden? „ Nö“, stellt Daniel klar. „Algorithmen haben unserer Meinung nach rein gar nichts mit guter Kunst und Musik zu tun. Ein Song braucht die Zeit, die er eben braucht.“  Deswegen nimmt sich das Duo den Raum für etliche akustischen Feinheiten, die inzwischen vielfach aus dem Keyboard stammen. Sie sorgen für das, was uns beim Hören als erstes in den Kopf kam: eine unglaublich dichte, charakterstarke Atmosphäre. „ Die neue Platte ist ein bisschen wie die dunkle Seite unserer letzten EP“, ordnet der leidenschaftliche Musiker in. Der Sound ähnele zwar dem Vorgänger, er sei aber weiterentwickelt und verfeinert worden. „Wir haben dieses Mal auch viele weirde Sachen und Sounds ausprobiert und mit reingebracht, dass war schon ein bisschen aufregend.“ NEUES FORMAT „SOUNDCHECK“ OLDENBURGER BANDS AUFGEPASST I hr seid Solo-Musiker:in oder spielt in einer Band aus Oldenburg? Ihr seid so ambitioniert, dass ihr eure Musik schon veröffentlicht habt oder genau das demnächst tun werdet? Und zwar nicht nur als eine Single, sondern in Form einer EP oder eines Albums? Mega, dann seid ihr hier richtig! In Zukunft wollen wir hier regelmäßig über den Output Oldenburger Musiker:innen berichten. Ihr habt Interesse im KULTURSCHNACK SOUNDCHECK aufzutauchen? Super, dann lasst es uns - am besten im Vorfeld der Veröffentlichung - wissen. Tickt uns auf Insta an oder schickt uns eine Email , wir kommen auf euch zurück. Super wäre es, wenn ihr schon ein kleines Presskit in petto hättet: Albumcover, Bandfotos, evtl. Link zu einem Video und einigen Soundfiles, die wir für ein Reel nutzen könnten. Die Oldenburger Szene ist (noch) bunter und besser als viele denken. Höchste Zeit, dass die Welt davon erfährt! Also: Macht mit beim Kulturschnack SOUNDCHECK !   Ohne Umwege ins Ohr Und doch sind sich Letterbox Salvation treu geblieben. Daniels raues, durchaus stadiontaugliches Organ ist nach wie vor unter Tausenden wiederzuerkennen. Ihr einzigartiger Charakter bleibt ein wichtiges Markenzeichen der Band. Und auch die Songs sind in ihrem Kern sehr zugänglich geblieben. Dass Letterbox Salvation instrumentell zugelegt haben, bedeutet nämlich nicht, dass sie sich verkomplizieren. Die Songs transportieren einfach mehr als frühere Kompositionen, bleiben dabei aber eingängig. Das Ergebnis: Stimmungsvolle Musik mit hohem Suchtpotenzial. Alte Bekannte: Letterbox Salvation waren bei der ersten Staffel unserer Acoustic Sessions im Jahr 2024 dabei und performten „Fingers Crossed“ von ihrer EP „The Best is yet to come“. Diese Entwicklungen waren schon auf der letzten EP zu hören - etwa beim Hit „ Fingers Crossed “. Sie zeigen sich aber auch auf dem neuesten Release. „Demons“ enthält sechs poppige, aber keineswegs seichte Nummern, die man grob dem Indie Rock bzw. Singer/Songwriter-Sektor zuordnen kann. Und Letterbox Salvation gelingt dabei ein erstaunlicher Spagat: Obwohl sie ihre Songs immer stärker ausdifferenziert und vielschichtiger aufgebaut haben, gehen die Melodien ohne Umwege ins Ohr. Die Zeile „The Demons are close / so turn the lights down“ aus dem Chorus des Titeltracks wird man jedenfalls nicht so schnell wieder los. Ebenso stark stellt sich dieses Gefühl beim zweiten Track „Lie“ und erst Recht beim vorab als Single veröffentlichten, beinahe hymnischen „HexFF000“ ein. Auffällig sind bei den meisten Songs aber auch eine gewisse Ernsthaftigkeit und Eindringlichkeit. Das hat seine Gründe .„Einige Songs haben wichtige politische Messages oder behandeln traurige bis ernsthafte Themen“, gewährt Daniel einen Blick in die Lyrics. „Diese Themen liegen uns sehr am Herzen, was man wahrscheinlich auch im Arrangement und Songwriting hört.“ Das gelte aber nicht für alle Tracks auf „Demons“. Andere Songs auf der EP seien leicht und dürften auch genau so empfunden werden. Live in Oldenburg: Im August 2025 stellten Letterbox Salvation - mit Verstärkung an der Gitarre - ihre neue EÜ in ihrer Heimatstadt vor. (Bild: Letterbox Salvation) Das im Vergleich zu früher deutlich variantenreichere Songwriting stellt sich also nicht als Problem dar, sondern als Teil der Lösung. Die erwähnte dichte Atmosphäre der EP verleiht ihr - und auch den einzelnen Songs - hohe Wiedererkennbarkeit. Daniel und Alex haben es also nicht allzu offensichtlich auf kurze Klicks abgesehen, aber trotzdem Songs mit Hit-Potenzial veröffentlicht. Das ist absolut hörenswert! Von Dämonen besessen Wenn man irgendetwas an „Demons“ aussetzen wollte, dann wäre es - paradoxerweise - die Perfektion. Man merkt einigen Songs an, dass viele Ideen und Klang-Experimente eingeflossen sind und dass lange an ihnen gefeilt wurde. „ Wir haben einfach auch oft auf die Songs selbst gehört und geschaut was möglich ist und/oder was den Songs gut tut“, erklärt Daniel. Deshalb sind sie nun zwar perfekt - aber hier und da fehlt vielleicht jene Flüchtigkeit, die aus dem spontanen Ausprobieren entsteht. Doch auch dafür gibt es einen Trost: Die EP endet mit „Favourite Shirt“: Ein gnadenlos guter, treibender Rocksong. Er wurde bereits 2024 veröffentlicht, ist nun aber verdientermaßen auch Teil dieser starken EP. Er ist vielleicht das beste Beispoiel dafür, wie man einen vielschichtigen, charakterstarken Sound absolut playlisttauglich macht. Der Titel ihrer letzten EP „ The Best Is Yet to Come “ hat sich als prophetisch erwiesen: Tatsächlich sollten einige der besten Songs von Letterbox Salvation erst noch kommen und vier Jahre später unter dem Titel „Demons“ veröffentlicht werden. Daniel und Alex mögen von Dämonen besessen sein - sicher keine angenehme Erfahrung. Aber wenn dadurch solche Songs entstehen, werden sie diese Plage hoffentlich noch lange nicht los. LETTERBOX SALVATION DEMONS 6 Songs, 24 Minuten Indie Rock/Pop 14. August 2025 Spotify | Apple | Amazon | Deezer | Tidal | Bandcamp Vinyl/CD/Tape

  • KOLUMNE: BÜHNENLUFT IST RÜCKENWIND

    Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Theaterzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier. Doppelt wertvoll: Die Bühne lässt ein Bewusstsein für die eigenen Fähigkeiten entstehen und ist gleichzeitig der richtige Ort, um sie auszuleben - wie hier bei der Oper „Hoffmanns Erzählungen“. (Bild: Stephan Walzl) Ich habe großes Glück. Zu meinem Job gehört es, dass ich viele spannende Gespräche mit Menschen führen darf, die besonders klug und kreativ, engagiert und leidenschaftlich oder ein kleines bisschen verrückt sind – oft genug aber alles gleichzeitig. Wenn mir an manchen Tagen mal wieder alles zu viel wird, weil nichts zusammenpassen will und die Klammer der Routine den Alltag nicht mehr zusammenhält, dann sage ich mir immer wieder: Diese Gespräche sind es wert!   Gerade durfte ich wieder zwei von ihnen führen, die theoretisch höchst unterschiedlich hätten ausfallen können, letztlich aber große Schnittmengen aufwiesen. Zunächst habe ich ausführlich mit der wunderbaren Annie Heger gesprochen, die ihre Karriere einst am Staatstheater begann, die aber längst auf allen Bühnen Deutschlands zuhause ist. Die Sängerin, Schauspielerin, Kabarettistin und Moderatorin hat – trotz ihrer erst 42 Lebensjahre - beinahe alles erlebt , was man im Showgeschäft erleben kann. Niemand würde es ihr übelnehmen, wenn sie ein Interview routiniert abspulen würde. Aber das Gegenteil war der Fall: Authentisch enthusiastisch erzählte sie davon, was die Bühne ihr bedeutet und wie sie von ihr geprägt wurde. Das Theater sei für sie Raum zur Entfaltung gewesen, es habe ihr Möglichkeiten eröffnet, die andere Lebensbereiche nicht geboten hatten. Das klang so mitreißend und schön, dass ich die ganze Zeit nur dachte: Wieso nur habe ich es damals nicht zum Theater geschafft? Da habe ich was verpasst.     Erstaunliche Überschneidungen   Nur einen Tag danach saß mir Svantje Stein gegenüber. Die 18-Jährige ist Teil des Jugendclubs am Oldenburgischen Staatstheater und im November mit „ Erzähl mir keine Märchen “ in der Exhalle zu sehen. Das gesellschaftskritische Stück über das Patriarchat wurde deutschlandweit bekannt, nachdem die Feministin Nicole Zacharias ein kurzes Video davon auf ihrem Instagram-Kanal veröffentlichte. Es wurde über eine Million Mal aufgerufen und bekam fast 200.000 Likes, vor allem aber löste es wichtige Debatten aus. Keine Märchen: In der Kolumne geht es um das reale (Bühnen-)Leben. (Screenshot: Kulturschnack/NWZ) Svantje ist nicht einmal halb so alt wie Annie und hat nur einen Bruchteil ihrer Bühnenerfahrung gesammelt. Theoretisch müsste sie also etwas ganz anderes über das Theater erzählen als die bekannte Entertainerin. Das aber war nicht der Fall. Auch sie hat festgestellt, wie wertvoll ihre Theatererfahrungen sind, wie sehr die Bühne ihr Leben bereichert und wie wichtig ihr es ist, dort ihre Gedanken und Gefühle einzubringen. Das klang so mitreißend und schön, dass ich die ganze Zeit nur dachte: Wieso nur habe ich es damals nicht zum Theater geschafft? Da habe ich was verpasst.   Aber jetzt frage ich mich: Stimmt das eigentlich? Und die Antwort lautet: Jein. Verpasst habe ich zwar die Gelegenheit, im jungen Alter Theatererfahrungen zu sammeln. Schade! Aber: Auch für Erwachsene gibt es in Oldenburg viele Möglichkeiten, als Spätberufene die Bühne zu entern. Da sind zum Beispiel die Erwachsenclubs oder das Stadt:Ensemble des Staatstheaters, die unter professioneller Anleitung erstaunlich elaborierte Ergebnisse liefern. Auch die Niederdeutsche Bühne bietet gute Einstiegsmöglichkeiten für Menschen, die noch keine großen Vorkenntnisse im Schauspiel haben. Darüber hinaus bietet auch das Theater k eine Bürger:innenbühne an, bei der die Beteiligten intensiv in die Stückentwicklung eingebunden sind und die in dieser Spielzeit sogar das Theater verlässt und einen Raum am Bahnhof bespielt. Man könnte also sagen: Die Zahl der Angebote ist größer als die Zahl der Ausreden.     Keine Garantien, aber eine Sicherheit   Wie gesagt: Ich habe großes Glück. Ich darf Theaterluft schnuppern, obwohl ich mein Schauspieltalent seit der 4.Klasse nicht mehr unter Beweis gestellt habe (und vielleicht auch keines besitze). Und immer wieder erlebe ich, was die Bühne mit Menschen macht, wie sie von ihr tief bewegt oder gar verändert werden – manchmal sogar zweimal innerhalb kürzester Zeit. Das wirkt auf mich jedes Mal inspirierend, erst Recht, weil die Theaterliebe vollkommen altersunabhängig ist.   Es gibt zwar keine Garantie, dass Bühnenluft das Leben zum Besseren verändert – ganz sicher aber nicht zum Schlechteren. Denn auch wenn Annie oder Svantje durchaus mal Stressmomente erleben, habe ich in den Gesprächen eines nicht von ihnen gehört: etwas Negatives. Wer also Mitreißendes und Schönes erleben möchte, anstatt damit zu hadern, etwas nicht geschafft zu haben, sollte vielleicht einfach Theater spielen und selbst die Freiheit der Bühne spüren. Möglicherweise sitzen wir uns dann eines Tages gegenüber und sprechen über ein neues Stück. Und ich denke wieder einmal: Diese Gespräche sind es wert!

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