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  • PODCAST: FOLGE 11

    Kulturschnack goes Großherzogtum - zumindest ein bisschen! Denn im ehemaligen Ballsaal des Prinzenpalais, inklusive meterhoher sowie stuckbestückter Decken, sprachen wir mit Dr. Anna Heinze, Kuratorin und stellvertretende Direktorin des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte über ihre und die Arbeit des Landesmuseums. Unter anderem sprechen wir dabei über die Herausforderungen, die es mit sich bringt ein Museum zu sein, das aus drei einzelnen Häusern besteht und auch darüber inwiefern sich die Ansprüche, die Besucherinnen und Besucher heute an ein Museum stellen, mit den Gegebenheiten einer so historischen Architektur vereinbaren lassen. Und überhaupt: wie landet man eigentlich in einem Museum? Hat man diesen Wunsch schon von Beginn an? Und wie definiert man seine Position in einer bestehenden Landschaft von Museen und zeigt, was einen besonders und den Besuch wert macht? Für all' diese Fragen und viele weitere hatte Dr. Anna Heinze klärende Antworten für uns parat. Zudem erwartet uns schon sehr bald ein besonderes Jubiliäum! Seid gespannt und hört am besten direkt rein. Viel Spaß! Mehr Informationen zu den einzelnen Häusern und den einzelnen Ausstellungen findet ihr unter: www.landesmuseum-ol.de

  • WELTSTAR DER NISCHE

    Das Internationale Filmfest Oldenburg findet in diesem Jahr zum 29. Mal statt. Viel hat sich verändert seit den Anfängen in den frühen Neunzigern. Das Festival ist professioneller geworden, ein wenig vernünftiger und vielleicht sogar etwas angepasster. Eines ist aber geblieben: Die einzigartige Fähigkeit, vermeintliche Widersprüche aufzulösen. Zum Beispiel jenen zwischen anspruchsvollem und unterhaltsamem Kino. Oder jenen zwischen der glamourösen Filmwelt und dem norddeutschen Oldenburg. Am Anfang war da eine Idee. Sie wuchs dort, wo sie niemand erwartet hat, in einer Nische ohne günstige Bedingungen, im Schatten des globalen Alltags. Doch trotz dieser schwierigen Ausgangslage gedieh dieses zarte Pflänzchen, bis zunehmend mehr Menschen seinen Reiz entdeckten. Für andere blieb es zwar Unkraut und sie hätten es gern gejätet. Doch inzwischen gilt es als wertvolle heimische Flora, gerade weil es nicht ordentlich neben allen anderen wächst, sondern an seinem ungewöhnlichen Ort verbleibt: trotzig, selbstbewusst, unangepasst. Zugegeben: diese kleine Geschichte klingt nicht nach Hollywood oder ganz großem Kino. Es ist vielmehr die Story eines Außenseiters, der sich gegen Widrigkeiten durchsetzt. Doch damit sind wir schon beim Thema – nämlich bei der wunderbaren Kohärenz des Internationalen Filmfestes Oldenburg. Denn es begann als dieses Pflänzchen, das sich seit mittlerweile 29 Jahren gegen allerlei Ungunst durchzusetzen wusste. Und es hatte dabei genau jene Attitüde und jenes Image, das auch die Filme haben, die dort gezeigt werden: sie sind authentisch und unabhängig, kompromisslos und in-your-face. Kein Wunder: Bei Independent-Filmen ist das Budget immer knapp, deshalb zählen Ideen und Spontanität. Die Ergebnisse sind manchmal gewöhnungsbedürftig, doch wer sich auf sie einlässt, wird meist mit einem Erlebnis belohnt. Und was hier nun für die Filme steht, lässt sich unverändert auf das Fest übertragen. Wie gesagt: wunderbar kohärent. Pillen, Mett und Zelluloid Wie treffen Festivalleiter Torsten Neumann im neuen Filmfest-Büro mitten in der Oldenburger Innenstadt. Nach Ratsapotheke und Edelmetzgerei residiert am Markt 18 nun also das Kino. Nicht gerade eine erwartbare Reihenfolge - aber eine, mit der sich wunderbar spielen lässt, denn alle drei Generationen der Nutzung sind in den Räumlichkeiten noch klar zu erkennen. Quasi: Ein Mashup aus Pillen, Mett und Zelluloid. Das ist ein Umfeld, in dem sich der 56-jährige Festivaldirektor sichtlich wohl wühlt. Er liebt es, mit solchen Gegensätzen zu spielen. Zum Beispiel mit jenem, die internationalen Gäste in luxuriösen Limousinen durch die Stadt zu kutschieren - um sie dann zu einer Party in einem abbruchreifen Haus abzusetzen. Glamour und Abgrund liegen beim Filmfest immer nah beinander, auch hier in der neuen Bleibe. Definiert wird das Festival aber in erster Linie durch sein Programm. Und was das betrifft, besitzt es ein klares Profil: „Wir zeigen hier Filme, die sich ein bisschen was trauen“, erklärt Torsten. „Das Kino, das wir beim Filmfest feiern wollen, ist ein Kino, das es auf dem Markt schwer hat. Und das liegt blöderweise - oder interessanterweise - nicht daran, dass es besser oder schlechter oder nicht so zugänglich ist. Das liegt einfach daran, dass es sich nicht in die üblichen Kategorien oder Schablonen des Films begeben hat.“ Bei den meist amerikanischen Filmemacher:innen handele sich um Menschen, die unbedingt ihre Geschichte erzählen wollten und all ihre Leidenschaft in ihre Projekte investierten. Das Ergebnis sei dabei keineswegs immer sperrig oder schwierig, räumt Torsten ein Vorurteil aus: „Ehrlich gesagt sind das manchmal Filme, die viel mehr Spaß machen und viel unterhaltsamer sind als das, was uns das übliche Blockbuster-Kino oder das Fernsehen bieten können.“ In der Tat liefen beim Filmfest bereits Beiträge wie „Tangerine“ von Sean Baker, die zwar komplett auf einem iPhone gedreht wurden, die aber geradezu mitreißend waren. Solche Limitierungen haben den entscheidenden Vorteil, dass die Regisseur:innen besonders kreativ werden und ihre Geschichten ein wenig anders erzählen als üblich. Als Zuschauer:in muss man vielleicht ein Stück weit mit Sehgewohnheiten brechen, die man von teuren Produktionen gewohnt ist. Aber dafür erfährt man viele andere Reize. Und genau das macht diesen Indie Spirit aus: mit weniger mehr zu erreichen. Torsten:„Es geht um die Menschen, nicht um Special Effects und CGI und irgendwelche Explosionen oder so was. Menschen sind der Kern des Geschichtenerzählens.“ Und dafür braucht man nicht zwangsläufig große Budgets. Ausnahmezustand: Als 2016 Nicolas Cage nach Oldenburg kam, stand die Stadt Kopf. Auch Keira Knightley gehörte schon zu den Gästen. (Bilder: Filmfest Oldenburg) Der Störenfried Nun gibt es Menschen in Oldenburg – und manche sagen, es seien nicht wenige – die soliden Durchschnitt mögen, gewissermaßen das lebensphilosophische Äquivalent zur Mittelspur auf der Autobahn. Dagegen ist nichts einzuwenden, kommt man so doch einigermaßen unbeschadet durchs Leben. Gleichzeitig muss man sich jedoch eingestehen: Außergewöhnliches erreicht man mit dieser Haltung eher selten. Und vielleicht eckt das Filmfest auch deswegen gelegentlich an oder wird missverstanden: Weil es immer auf die Überholspur will - und damit an der norddeutschen Beschaulichkeit rüttelt. Keine Frage: Das Internationale Filmfest Oldenburg polarisiert. Gar nicht so sehr wegen der ambitionierten Filmauswahl, sondern eher wegen seiner Attitüde. Unvergessen sind die politischen Scharmützel um Kürzungen und Erhöhungen der städtischen Zuschüsse, in deren Verlauf eine enorme Bandbreite an Einschätzungen zum Filmfest geäußert wurden – nicht immer mit profundem Sachverstand. Im Gegenzug verkürzte das Team um Torsten Neumann komplexe politische Entscheidungen auf die Frage: Was will Oldenburg, Froschteich oder Filmfest? Für die einen ist der Filmfest-Tross mit Blitzlichtgewitter, VIP-Bändchen und Limousinen befremdlich, für andere faszinierend. Einige stellen sich die Frage: Warum Oldenburg? Wie passt das hierher? Andere fragen zurück: Warum nicht? Denn die richtige Frage ist ja: Muss etwas zum Standort passen, um ein Gewinn zu sein? Dann würden wir heute noch um Jagdhornbläser und Shanty-Chöre kreisen. Kann nicht im Gegenteil etwas eine Bereicherung sein, das eben nicht die bestehende Geschichte weitererzählt, sondern einen neuen Handlungsstrang aufmacht und andere Facetten freilegt? Unsere Antwort ist klar: Ja, und ob. Das Filmfest ist nicht das einzige, aber ein sehr gutes Beispiel dafür. Besser als Berlin Torsten Neumann hat an Oldenburg sowieso nie gezweifelt. Für ihn war die Stadt immer der ideale Standort für das Internationale Filmfest, obwohl er zum Zeitpunkt der Gründung noch in Berlin studierte, das für viele eine näherliegende Wahl gewesen wäre. „Oldenburg ist eine super Stadt für ein Filmfestival“, ist sich der Filmexperte bewusst. „Eigentlich viel besser als Berlin, weil es schon groß genug ist, um international was zu bieten – aber klein genug, um sich nicht aus den Augen zu verlieren.“ Alles sei nah genug zusammen und gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen. „Es gibt so einen engen Zusammenhalt in den Hotels, Kinos, Restaurants, Locations für Partys. Das ist in einer Großstadt gar nicht so leicht zu erreichen. Das ist immer ein Vorteil.“ Legendär: Zum Festival de Cannes kreiert das Filmfest alljährlich eine mehrteilige Plakatkampagne, die jedes Mal mit Spannung erwartet wird. (Bilder: Filmfest Oldenburg) Für die bekannteren Gäste ist Oldenburg eine willkommene Abwechslung zu Metropolen wie Los Angeles oder New York. Torsten erinnert sich an die mehrfachen Besuche von Matthew Modine zurück: „Für ihn war Oldenburg komplette Freiheit. Da konnte er durch die Gegend radeln und mit Leuten reden.“ Die Oldenburger:innen seien ja ein höfliches Volk, nordisch zurückhaltend, deshalb habe Modine die Gespräche als sehr angenehm empfunden. „Nur bei Nicolas Cage sind ein paar Dämme gebrochen. Da musste das Team dann etwas besser aufpassen als üblich“, schmunzelt der Festivalleiter. Insgesamt seien die Kontakte zwischen Gästen und Publikum aber sehr erwünscht und durchweg angenehm. “Diejenigen, die das Festival ein paar Mal mitgemacht haben als Zuschauer, die wissen das auch. Das sind ganz niedrige Schwellen hier“, nennt Torsten einen großen Vorzug des Oldenburger Filmfestes. „Selbst Nicolas Cage ist hier durch die Stadt gelaufen und bei der Brückenwirtin eingekehrt. Der hat ne Menge Leute kennengelernt und ist auch bei uns in die Gäste Lounge gekommen und hat sich mit den anderen Filmemacher:innen unterhalten. Für die war das natürlich das allergrößte.“ Schlüsselwort Kontext Fest steht: Das Filmfest lässt sich nicht ad hoc erfassen, es braucht Zeit. Das betrifft einerseits den Schwerpunkt Independent-Kino, das betrifft andererseits aber auch das Festival selbst. Was passiert wann und wo? Darf ich da hin und wie verhalte ich mich dann? All das bedeutet gewisse Unsicherheiten. Doch wer sich die Zeit nimmt, wird auch belohnt. Sowohl mit den Filmen, die manche positive Überraschung bieten, wenn man sich an sie herantraut - aber auch bei den Veranstaltungen, bei denen man mit den internationalen Gästen erstaunlich einfach ins Gespräch kommt. Wann und wo sich Treffpunkte ergeben, kann man auch dem Programmheft entnehmen, das eigentlich überall ausliegt, das man aber auch hier runterladen kann. So sehr Veranstaltungen auch zum Festival gehören, das Rückgrat bilden die Filme selbst. Würde ihre Qualität nicht stimmen, wäre alles andere obsolet. Zwar gehen die Meinungen in den Einzelfällen durchaus auseinander. Was für die einen Kunst ist, werten die anderen als Trash. Wo die einen Referenzen an Kinoklassiker erkennen, sehen andere nur cineastische Irrlichterei. Das aber ist keineswegs ein Manko, sondern Kernprinzip von Filmen, die nicht aus kapitalistischen Kalkül produziert wurden: Sie wollen gar nicht von allen gemocht werden, sondern idealerweise von den einen geliebt, von den anderen gehasst. Eben: alles andere als Mittelmaß. Wichtig ist aber auch die persönliche Präsenz der Filmemacher:innen. Der Schlüsselbegriff ist hierbei: Kontext. Wie in beinahe allen Lebensbereichen helfen auch bei Filmen Informationen und Erzählungen über die Entstehung bei der Einordnung und beim Verständnis. Oft erscheint dadurch das Ergebnis sogar in einem ganz neuen Licht, Aha-Effekte gehören schließlich zu den intensivsten kognitiven Erfahrungen. Und genau das ist ein Kernprinzip des Filmfestes: Nicht nur die Filme müssen hierher, auch die Filmemacher:innen. Sie nehmen uns mit hinter die Kulissen. Durch oft humorvolle, manchmal unglaubliche, aber immer interessante Einblicke sehen und verstehen wir viel mehr als sonst. Einzigartig: Nach wie vor ist das Filmfest das einzige der Welt, das Filme in einem Gefängnis zeigt. Das ist auch für Top-Stars wie Butch Walker (rechts) spannend, der in der JVA sogar ein legendäres Akustik-Set spielte. (Bilder: Filmfest Oldenburg) No risk, no fun Für das Filmfest braucht man also das richtige Mindset aus Offenheit, Neugier und Unerschrockenheit. Bringt man es mit, sitzt man plötzlich in einen kasachischen Film mit englischen Untertiteln, etwas das man sich im linearen Fernsehen niemals anschauen würde, und ist trotzdem hin und weg. Beziehungsweise: gerade deswegen. Denn auch wenn der Zugang manchmal schwieriger wird, erhöht gerade diese nötige Konzentration das Filmerlebnis. „Für Außenstehende ist es wirklich spannend, dass aus allen möglichen Ländern exzellente Filme kommen. Kasachstan, Iran, oder Mongolei: hochwertiges Kino wird überall gemacht", weiß Torsten. Es gehöre zu den spannendsten Entdeckungen, wenn man feststellt, dass einem Kino aus diesen cineastisch eher unbekannten Ländern gefalle. Das verändere in den Köpfen häufig mehr als Weltspiegel und Auslandsjournal. Überhaupt gibt Torsten Entwarnung für fremdsprachige Produktionen: „Wenn ein Film englischsprachig ist, können wir eigentlich alles bis zu einem gewissen Grad verstehen. Und ein guter Film erlaubt es uns auch, dass wir mit 80 Prozent wunderbar durchkommen.“ Wie das? Ganz einfach: Weil gute Filme viele Dinge nicht nur durch die Sprache erzählen, sondern auch visuell. “Man muss nur die Schwelle überwinden, irgendwo reinzugehen, wo man am Anfang vielleicht noch denkt ‘Oh Gott, ich weiß gar nicht, ob ich genug verstehe‘. Tut man am Ende nämlich doch. Das schafft Film, das schafft Kino“, freut sich Torsten über diese Qualitäten. Feste Bestandteile: Die Partys - wie hier im Marvin's - gehören zur Filmfest-DNA. In manche kommt man auch als Zaungast rein, in andere nicht. (Bilder: Filmfest Oldenburg) Das gleiche Prinzip gelte auch für Filme in einer Drittsprache, beispielsweise Kasachisch, die englisch untertitelt werden. „Das ist sogar noch viel einfacher, als Englisch nur in der Sprache zu verstehen. Das darf man durchaus versuchen und das soll man auch versuchen.“ Die Zukunft des Kinos Aber ist es nicht anachronistisch, gerade jetzt - in diesen Zeiten - ins Kino zu gehen? Immerhin wächst die Zahl der Streaming-Anbieter kontinuierlich und mit ihnen die Zahl der produzierten und jederzeit verfügbaren Serien und Filme. Chips und Couch sind harte Konkurrenz für Popcorn und Loge. Ist das Kino also in Gefahr? Nicht unbedingt, Und vielleicht muss man sogar sagen: keineswegs. Denn wir leben nicht nur in Zeiten des Streaming, wie leben auch in Zeiten dessen Grenzen. Erste Anzeichen einer Marktsättigung sind vorhanden, vielleicht liegt es an der Binge-Überdosis während der Pandemie, vielleicht am Überangebot in den Portalen, vielleicht sind wir grundlegend mit dem ständigen Rauschen um uns überfordert. Wie auch immer: Das Filmerlebnis in einem abgedunkelten Raum, ohne Second Screen, ohne Gang zum Kühlschrank, ohne Bügeln nebenher – das ist nicht am Ende, das ist vielleicht sogar an einem Neuanfang. Erst Recht, wenn drumherum eine Geschichte erzählt wird. Schlüsselwort: Kontext. Dann nämlich, wenn Regisseur:innen und Schauspielerr:innen Hintergründe erzählen oder wenn sie uns Einblicke in ihre Arbeit geben - dann wird der Film wieder das, was er ursprünglich immer sein sollte: ein Erlebnis, das uns aus dem Alltag holt und anschließend bereichert wieder in ihn entlässt. Torsten sieht sich und sein Festival letztlich auch in der Pflicht. „Wir Menschen sind ja per se eine träge Masse und man möchte gerne bedudelt werden. Und manchmal möchte ich das auch“, gibt er zu. Man brauche aber hin und wieder Stupser zum Aufwachen. Für die werde er sich immer sein einsetzen. „Manchmal ist ein sperriger Genrefilm, der einen so richtig erschreckt, deswegen wichtig: Eben weil er mich erschreckt und weil ich reagiere und nicht einfach im wohligen Wattebausch-Dämmerzustand bleibe.“ Kino als Erweckungsmoment? Vielleicht ein hoher Anspruch, aber warum nicht? Immerhin provoziert es uns zu neuen Gedanken und Reaktionen auf Themen, die wir sonst vielleicht vermeiden hätten. Keine Midlifecrisis Nun also das 29. Internationale Filmfest Oldenburg. Ist nach so langer Zeit eigentlich alles Routine und läuft vollkommen entspannt ab? Immerhin biegt man mit fast 30 ja auf die Landstraße des Lebens ein, wo alles etwas gesitteter und vernünftiger abläuft. Torsten muss schmunzeln, als er darüber nachdenkt. Denn das Filmfest sitzt immer noch dort, wo es zwar unbequem ist, wo es sich aber am wohlsten fühlt: Zwischen den Stühlen. „Dieses Festival erzeugt eine Atmosphäre in diesen fünf Tagen, die man auf anderen Festivals nicht kennt“, ist sich der Cineast bewusst. Das habe Oldenburg weltweit bekannt, beliebt und bedeutend gemacht. Es wurde gewissermaßen zu einem Weltstar der Nische. „Trotzdem machen wir nach wie vor unser eigenes Ding“, betont Torsten. „Wir sind sind und bleiben unabhängig.“ Im Laufe der Jahre hat sich das Internationale Filmfest Oldenburg also ein Standing erarbeitet, das vieles einfacher macht. Dennoch ist man weit davon entfernt, dass überall rote Teppiche ausgerollt würden, sobald man sich ankündigt: „Wir müssen immer wieder die Leute dafür begeistern, hierher zu kommen oder uns zu unterstützen“, berichtet Torsten. „Anfangs hat man mal gedacht, das wird sich irgendwann mal verfestigen. Aber nach jetzt 29 Jahren kann man sagen: Das ist Träumerei. Man muss sich das immer wieder neu erkämpfen. Alles.“ Ohne dass er es ausspricht, ist in diesem Moment völlig klar: Das ist genau das, was er weiterhin vor hat. Prädikat: Besonders wertvoll Was ist nun das Filmfest? Ein Störenfried für die Oldenburger Gemütlichkeit? Ein Gernegroß, der sich bedeutender fühlt als er ist? Oder tatsächlich ein Zentrum des unabhängigen Kinos, das Filme, Erlebnisse und Menschen in unsere Stadt holt, die wir sonst mit Sicherheit verpasst hätten? Wer es ganz neutral betrachtet und persönliche Sehgewohnheiten beiseite lässt, kann eigentlich nur zu einem Urteil kommen: Es ist eine Bereicherung für die Stadt. Eben weil es nonkonform und unbequem ist und weil dort Dinge geschehen, die nicht jeder sofort versteht oder goutiert. Denn das sind häufig diejenigen, die uns am meisten weiterbringen. Die Stadt Oldenburg fördert das Filmfest pro Jahr mit etwa 100.000 Euro. Das ist nicht übertrieben viel für so ein Festival, aber dennoch ein klares Bekenntnis: Wir wollen das! Politik und Verwaltung haben sich also längst entschieden. Und die Bevölkerung? Etwa 15.000 Besucher:innen kommen Jahr für Jahr, womit das Filmfest auch zu den größten Kulturveranstaltungen in Oldenburg gehört. Beinahe fragt man sich: Warum muss es dann immer noch um Anerkennung kämpfen? Doch dann fällt es einem wieder ein: Es ist und bleibt – ganz bewusst und gewollt – ein Mauerblümchen und ein Schattengewächs. Und das ist für die einen eben ein Kleinod, für die anderen aber Unkraut. Doch eines wissen wir: Das vergeht nicht. Jeder Podcast-Gast darf sich am Ende des Gesprächs einen Song für unsere „Die Mische“-Playlist wünschen. So entsteht nach und nach eine Collage des Musikgeschmacks der Oldenburger Kulturszene. Torsten hat sich den Titelsong des aktuellen Trailers ausgesucht: „Don't fence me in“ von Bing Crosby. Gemünzt war er zunächst auf die Tiere in Andreas Horvaths Dokumentation „Zoo Lock Down“. Er steht aber natürlich auch für den freigeistigen Indie-Spirit, für Kreativität und Unangepasstheit. Echtes Filmfest-Material also.

  • POPSTAR WIDER WILLEN

    Das Staatstheater lässt mit seinem eigenen Programm eigentlich kaum noch Wünsche offen. Alle Sparten werden auf höchstem Niveau bespielt. Dennoch finden dort immer wieder Gastspiele statt, die unsere Oldenburger Kulturlandschaft noch entscheidend bereichern. Zum Beispiel: Eine Lesung von Erfolgsautor Ferdinand von Schirach am 15. September! Es gibt unendlich viele Autor:innen auf der Welt. Nimmt man nur die guten, wird die Zahl bereits drastisch kleiner. Sucht man nun nach denjenigen, die ein untrügliches Gespür für die großen Themen ihrer Zeit haben und gleichzeitig in der Lage sind, sie verdichtet, erhellend und unterhaltend zu erzählen, kommt man plötzlich nur noch auf eine Handvoll Namen. Zu ihnen gehört zweifellos Ferdinand von Schirach. Der studierte Jurist nähert sich seinen Themen gern über Rechtsfragen an und gelangt dadurch zu den - häufig einhergehenden - moralischen und philosophischen Dimensionen des Falles. Was hier staubtrocken klingt, ist tatsächlich fesselnd und mitreißend. Von Schirach gelingt es auf einzigartige Weise das Große mit dem Kleinen zu verquicken und dadurch eine hohe Zugänglichkeit herzustellen. FERDINAND VON SCHIRACH „NACHMITTAGE“ LESUNG DONNERSTAG, 15. SEPTEMBER 2022 19:30 UHR OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER THEATERWALL 28 26122 OLDENBURG KARTEN Bescheidener Intellektueller Wäre er kein so zurückhaltender Mensch und wäre ihm Personenkult nicht so fremd, könnte man Ferdinand von Schirach als einen Popstar der deutschen Literaturszene bezeichnen. Denn genau das ist er, und zwar im Wortsinne. Seine Werke sind extrem populär, es handelt sich dabei fast ausnahmslos um millionenfach verkaufte Bestseller. Dabei setzt er aber nicht auf offensive Massentauglichkeit, sprich: Seichtigkeit. Seien Bücher haben eine große Tiefe, eben weil sie stets große Themen behandeln und von Schirach sie intellektuell durchdringt. Wobei er genau dies stets von sich weist. Seiner Ansicht nach habe er immer nur Gedanken zu Papier gebracht, die ihm durch den Kopf gingen. Kleines Paradoxon: Falls dem tatsächlich so ist, würde es umso mehr bedeuten, dass er ein Intellektueller ist. Wie sonst sollte es möglich sein, komplexe Sachverhalte gerade soweit zu reduzieren, dass sie nicht nur korrekt und verständlich zugleich sind, sondern auch noch unterhaltsam? Selbst wenn man in den letzten Jahren keine Bücher des gebürtigen Müncheners gelesen hat, dürfte man Ferdinand von Schirach einige Male begegnet sein. Zumindest dann, wenn man zu den treuen Besucher:innen des Staatstheaters gehört. Dort nämlich wurden seine beiden interaktiven Theater-Erfolge „Terror“ und „Gott“ inszeniert und feierten große Erfolge. Aber auch im Kino und Fernsehen gab es bereits zahlreiche erfolgreiche Verfilmungen seiner Stoffe zu sehen, so etwa „Der Fall Collini“ mit Elias M'Barek in der Hauptrolle. Nachmittage am Abend Nun also hat Oldenburg die rare Gelegenheit, Ferdinand von Schirach ein wenig besser kennenzulernen als bisher. Am Donnerstag, dem 15. September 2022, wird er aus seinem neuesten Buch „Nachmittage“ lesen, das vor gerade erst drei Wochen erschienen ist und - natürlich! - seit dem Verkaufsstart auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste steht. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von Erzählungen; der Autor spannt dieses Mal also keinen großen Bogen, sondern erzählt anekdotisch. Für eine Lesung ist diese Systematik ideal. Sie eröffnet Spielraum für kleine Erzählungen - zu den Geschichten, zu ihren Themen, zu ihren Entstehungen. Das heißt: Die Chancen, etwas von und über Ferdinand von Schirach er erfahren, das nicht bereits allseits bekannt ist, stehen gut. Wobei die Lesung selbst natürlich Grund genug wäre, die Veranstaltung zu besuchen. Alles andere ist ein Bonus. Aber: Ein sehr attraktiver. Gelegenheiten nutzen Lesungen wie diese können unterhaltsam sein, informativ, erhellend, lustig oder traurig. Doch ganz egal, wie man sie empfindet, eines beuten sie immer: Kontext. Man lernt die Autor:innen und Werkle besser kennen und damit auch: besser verstehen. Es eröffnen sich neue Perspektiven und Momente der Erkenntnis. Wer am besagtem Donnerstagabend noch nichts vorhat, sollte unbedingt das Oldenburgische Staatstheater ansteuern. Gelegenheiten wie diese ergeben sich selten und sind umso kostbarer. Erst Recht, wenn ein Popstar der Literatur sich die Ehre gibt - auch wenn er keiner sein will.

  • TATSÄCHLICH EIN EREIGNIS

    Am Wochenende vom 2. bis 4. September fand die zweite Auflage von „Ein außergewöhnliches Ereignis“ - kurz: EAE - statt. Würde das Elektro-Festival an den Erfolg der Premiere anknüpfen können? Gab es Schwierigkeiten oder lief alles glatt? Wir haben uns das für euch angeschaut - und Gesine vom Freizeitlärm e.V. im Videointerview befragt. Im Grunde fing alles schon an, als man noch über die Holler Landstraße durch die laue Sommernacht stadtauswärts fuhr: Deutlich mehr Menschen als sonst waren unterwegs, meist jung, aber manchmal auch schon etwas älter. Es lag ein gewisses Kribbeln in der Luft, dass ich immer (und nur) dann einstellt, wenn etwas Besonderes stattfindet. Und das war derer Fall, denn alle hatten dieselbe Richtung: raus zum Alten Klärwerk - einem Ort, den vor einem Jahr noch keiner kannte und den nun alle lieben, die einmal dort waren. Zurecht, wie sich an diesen drei Tagen im September einmal mehr herausstellt. Das Team vom Freizeitlärm e.V. hat das Areal des OOWV, das einst tatsächlich als Klärwerk diente, stimmungsvoll umgestaltet und in neue Farbwelten getaucht. Von der Nüchternheit der einstigen Funktionalität: nichts mehr zu spüren. Stattdessen eine überaus entspannte Atmosphäre, aber auch eine spürbare Lust der Menschen, bei einem - nun ja - außergewöhnlichem Ereignis dabei zu sein. Kein Wunder, dass der Samstag wegen der enormen Nachfrage gleich mehrfach hätte ausverkauft werden können. Das Limit lag jedoch bei 1.000 Personen - das auch am Freitag knapp erreicht wurde. Ein Ereignis war es tatsächlich. Großartige Künstler:innen legten bisweilen harte, meist aber auch für „Gelegenheits-Elektros“ gut tanzbare Sets hin. Sowohl hinter als auch vor den Turntables herrschte ausgelassene, aber vollkommen friedliche Stimmung. Dazu beigetragen haben dürfte auch das Awareness-Konzept der Veranstaltung, das eine gleichermaßen angenehme Erfahrung für alle möglich machen sollte. Das ist weniger selbstverständlich als viele von uns denken und deswegen umso wichtiger. Spannend war zudem, dass ein Elektro-Festival keineswegs nur in dunkler Club-Atmosphäre funktioniert. Klar: Nachts war es am vollsten, nachts passierte am meisten. Die Light-Show konnte voll wirken, die fantastischen Projektionen von Künstler:innen wie Die goldene Inge und Menso von Ehrenstein auf dem Agravis-Silo nördlich der Hunte waren dann erst möglich. Deshalb fanden die gefühlten Höhepunkte tatsächlich in der Dunkelheit statt. Aber auch bei Tageslicht waren Stimmung und Sound einen Besuch absolut wert. Das war sogar beim traditionell (falls man dieses Wort nach zwei Auflagen schon verwenden kann) schwächer besuchten Sonntag sichtbar. Die Sets waren deutlich entspannter und passten sich der wunderbaren Stimmung an diesem 26 Grad heißen Septembertag an. Der Kontrast zur Nacht war zwar enorm - aber der Tag ist auf andere Weise cool. Tipp fürs nächste Jahr: Vergesst das nicht und nehmt den Sonntag mit. Und wie fällt die Bilanz der Veranstalter:innen aus? Wir haben uns mit Gesine vom Freizeitlärm e.V. zusammengesetzt und sie gefragt. Stellvertretend fürs gesamte Team war sie zwar leicht übernächtigt, aber auch sehr zufrieden mit dem Verlauf. Es gab tatsächlich keinerlei Zwischenfälle und anders als im letzten Jahr war das Wetter geradezu perfekt. Dank der enormen Resonanz dürfte zudem eines klar sein: Oldenburg will dieses Festival. Drücken wir also die Daumen, dass die tollen Menschen hinter dem EAE auch im kommenden Jahr Lust haben, uns ein außergewöhnliches Ereignis zu bescheren.

  • WER VISIONEN HAT...

    ...sollte zum Arzt gehen, lautete der Rat vom Altkanzler Helmut Schmidt an alle Menschen mit großen Ideen. Er orientierte sich eben lieber am Machbaren. Dabei ist der weite Blick nach vorn lebensnotwendig für uns. Das demonstriert in diesem September auch die Kulturetage mit ihrem passend betitelten Theaterstück „Visionen“. Warum man dafür nach Bookholzberg muss und warum sich die Anreise lohnt? Das erklären wir hier! Eines ist von Anfang an klar: Alles ist anders. Normalerweise spielt das theater k seine Stück auf der eigenen Bühne in der Oldenburger Kulturetage. Doch dieses Mal könnte man dort lange warten, bis der Vorhang sich hebt. Nicht im urbanen Bahnhofsviertel finden die Aufführungen des Stücks „Visionen“ statt, sondern im beschaulichen Bookholzberg, etwa 25 Kilometer weiter östlich. Was führt die Kulturetage ausgerechnet an diesen Ort? Es ist die Vergangenheit. Genauer gesagt: Das, was dort in den Jahren ab 1934 passierte. Das Gelände diente den Nationalsozialisten damals nämlich als sogenannte Thingstätte. Die Nazis schufen große Versammlungsorte, um dort massenwirksame Schauspiele aufzuführen, die den Zusammenhalt des deutschen Volkes beschwören sollte. Mit anderen Worten: Sie dienten der Propaganda. Und sie funktionierte hervorragend: 10.000 Personen schauten zu, wenn rund 300 Akteure auf einem eigens erbauten Dorfplatz samt Kirche und Bauernhäuschen agierten. Die Geschichte des Geländes ist dadurch hoch belastet. Schließlich dienten die Aufführungen allein dem Ziel, die Bevölkerung im Kriegsfall moralisch wehrfähiger zu machen. Bekannt wurde dieser Ansatz als die Blut & Boden-Ideologie. Dennoch - oder deswegen? - ist es hoch interessant, dass sich so ein Ort in unmittelbarer Nachbarschaft befindet. Er ist gewissermaßen eine östliche Entsprechung zum ehemaligen Konzentrationslager Esterwegen, das keine 50 Kilometer westlich von Oldenburg entfernt liegt. Beide Orte provozieren Gedanken und Gefühle, die nicht gerade angenehm sind. Doch gerade das macht sie umso interessanter und wichtiger. Gras über der Sache Die Stedingsehre befindet sich unweit des Bookholzbergers Bahnhofs am Ende einer unauffälligen Anliegerstraße ohne jegliche Beschilderung. Wenn die Existenz des Areals bislang ein Geheimnis war, dann aber ein ziemlich offenes: Das benachbarte Bildungswerk nutzt das Areal für Seminare, es gab Atelier- und Praxis-Nutzungen, auch kulturelle Veranstaltungen fanden dort statt. Worüber allerdings durchaus - im wahrsten Sinne des Wortes - Gras wuchs, war die Geschichte der Stedingsehre. Erst ab 1992 fanden Interessengemeinschaften zusammen, um die Erinnerung zu bewahren. Inzwischen gibt es auch ein Informations- und Dokumentationszentrum, doch außerhalb Bookholzbergs ist die Existenz dieses Ortes nach wie vor weitgehend unbekannt - und ohne weiteres erschließt er sich vor Ort ebenfalls nicht. Wenn man das Gelände betritt, muss man förmlich darauf reagieren. Und die ersten Reaktion ist überraschend, denn sie ist: positiv!? Man überquert eine kleine Brücke, sieht linker Hand einen Wasserlauf und geradeaus einige reetgedeckte Bauernhäuschen zwischen großen Bäumen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man die langgezogenen Tribünen, die einst Platz für Tausende boten, auf denen nun aber Ziegen weiden. Ob man will oder nicht stellt man fest, dass dieser Ort einen romantischen Reiz hat. Es ist in einem traditionellen Sinne schön. Und sofort drängt sich eine Frage auf: Darf das so sein? Ist das okay? Genau diese zweite, zusätzliche Ebene ist wichtig. Denn sie bedeutet eine aktive und intuitive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Und so viel sei verraten: Von solchen Momenten wird es auch bei den Aufführungen der „Visionen“ einige geben. Doch bereits an dieser Stelle kristallisiert sich das enorme Potenzial solcher Orte heraus. Keine theoretische Abhandlung und keine noch so gut gemachte Dokumentation erreichen das, was sie können: All unsere Sinne berühren. Und genau das erreicht auch die Kulturetage mit ihrem Theaterstück. VISIONEN EINE REISE IN DIE ALBTRÄUME DEUTSCHER LEID(T)KULTUR 1. SEPTEMBER BIS 18. SEPTEMBER 2022 DO, FR, SA - 19 UHR SO - 18 UHR STEDINGSEHRE BOOKHOLZBERG JASMINSTRAßE 30 27777 GANDERKESEE TICKETS Zwischen Genuss und Gänsehaut Wir treffen Malin Gloistein. Die 23-jährige Studentin der Medienpädagogik ist bereits seit 2018 für die Kulturetage aktiv und in diesem Jahr Produktionsleiterin der „Visionen“. Sie erinnert sich noch gut an ihre erste Begegnung mit dem Areal. „Es ist schon spooky. Es sieht auch wie ein Lost Place: Da sind alte, ungenutzte Gebäude, alles ist überwuchert.“ Gleichzeitig wirke es auf gewisse Weise verwunschen. „Die Bauernhäuser auf der Bühne haben durchaus etwas märchenhaftes. Sie sind ja nicht authentisch, es ist ein Kulissendorf.“ Deshalb werde es - frei von Kontexten - auch für Spaziergänge oder sogar Foto-Shootings genutzt. Richtig genießen kann Malin all das aber nicht. Schließlich ließe sich der Hintergrund nicht einfach wegdenken: „Man ist sich immer bewusst: Hier wurden Theaterstücke aufgeführt, die ideologisiert wurden und der Nazi-Propaganda dienten. Das macht es definitiv spooky - aber eben auch interessant und beeindruckend.“ Die Idee, etwas mit dem Gelände zu machen, kursiere schon länger, erinnert sich Malin. Der Impuls sei damals vom künstlerischen Leiter Bernt Wach und Bühnenbildner Bernhard Weber-Meinardus gekommen, die das Gelände bei einem sonntäglichen Spaziergang entdeckten. Die Kulturetage hatte immer schon ein Faible für besondere Orte, etwa das ehemalige Krankenhaus unterhalb des Flötenteichs. Auch in diesem Fall war schnell klar, dass hier eine theatralische Aufarbeitung förmlich passieren musste. So viel zum Potenzial gezielter Kontemplation! Zurück in die Zukunft Das Schwierige bei der Umsetzung: Alles an diesem Ort ist besonders. Dass er zunächst künstlich erschaffen wurde, also ein zweckmäßiges Konstrukt ist. Dass er genau dadurch aber zu einem „echten“ Ort mit eigener Geschichte wurde, nämlich zur historischen Thingstätte. Dass die Nationalsozialisten dort massenwirksam ihre Blut & Boden-Ideologie verankern wollten. Dass die Natur ihn zudem in einen parkähnlichen Lost Place verwandelte. Mit einem simplen Schauspiel könne man alledem nicht gerecht werden, befand das Team der Kulturetage. Genau wie der Ort sollte auch die künstlerische Aufarbeitung mit den verschiedenen Ebenen spielen. Und ebenso wie die Realität sollte das Ende nicht der Abschluss sein, sondern der Anfang von etwas Neuem. Idylle mit Patina und Ballast: Die Stedingsehre heute (Bilder: Kulturschnack) Wichtig war dem Team um die Regisseure Markus Weiß und Ulf Georges dabei auch die faktische Ebene. Es gibt jetzt zwar das kleine Informationszentrum am Rande des Geländes, aber das Areal selbst ist nicht vollständig geschichtswissenschaftlich aufbereitet. Es ist solches gar nicht erkennbar. Springt die Kultur etwa für die Historiker:innen in die Bresche? In gewisser Weise schon, wie sich herausstellt: „Es ist nicht einfach ein Stück, das wir an diesem Ort aufführen. Es dreht sich sehr um diesen Ort und um den Fakt, dass seine Geschichte jahrzehntelang in Vergessenheit geraten ist“, beschreibt Malin den Inhalt, ohne dabei zu viel verraten zu wollen. Die Vergangenheit werde deshalb in Erinnerung gerufen und lasse dabei historische Personen auftreten - etwa den damaligen GAU-Leiters Carl Röver, einem vehementen Befürworter des Projekts. Gedanken provozieren Die andere Komponente des Stücks wechselt die Blickrichtung: „Dabei schauen wir in die Zukunft und stellen die Frage, was man mit so einem Gelände machen kann. Was kann gefährlich daran sein, dass es so eine Vergangenheit hat? Welche Rolle spielt das?“ Daher käme auch der Titel: Visionen. Es gehe auch darum, welche verrückte, wilde, spektakulären Ideen es geben könnte. Dabei würden die Linien zwischen Realität und Fiktion durchaus verwischt: „Die Zuschauer:innen dürfen - und müssen - selber entscheiden, was davon realistisch ist und was nicht, was kritisch sein könnte und was man als Gesellschaft tun muss, damit Geschichte sich nicht wiederholt.“ Es gehe also nicht nur um Unterhaltung, sondern auch um eine gewisse Provokation. „Das hat im letzten Jahr wunderbar funktioniert. Es ist ein tolles Gefühl, wenn unser Ansatz wirkt und ankommt. “ Dabei spiele auch ein Rolle, dass man während der Vorstellung übers Gelände geht und verschiedene Häuser betritt, so dass die Erfahrung noch intensiver wird. Bei den zwölf Aufführungen können jeweils etwa hundert Zuschauer:innen teilnehmen. Die Gruppe wird jedoch phasenweise aufgeteilt, da in den kleinen Häuschen bestenfalls 25 Personen Platz finden. Später führen die Wege wieder zueinander. Letzte Chance? Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, zwischen Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen im Laufe des Theaterabends. Was ist echt, was nicht? Die Antwort auf diese Frage wird nicht leichtfertig preisgegeben - und so kam es zum Ende bereits zu intensiven Reaktionen. „Von Bravo- bis Buh-Rufen war alles dabei", berichtet Malin. „Es ist eben kein Stoff, den man einfach nur konsumiert. Wir wollen die Reaktionen provozieren. Und die kommen auch.“ Wobei das „Buh!“ doch recht selten erschallt. Die allermeisten Gäste seien überrascht, bewegt, begeistert - und dankbar. „Tatsächlich kommen viele nach der Vorstellung zu uns und bedanken sich, dass wir die Geschichte dieses Ortes sichtbar(er) gemacht haben“, erzählt Malin. Eine zusätzliche Dramatik bekommen die Aufführungen durch eine unvorhergesehene Entwicklung: Es könnten nämlich die letzten sein. Es gibt Gerüchte, das Gelände solle im kommenden Jahr an einen privaten Investor verkauft werden. Wer das ist und was er damit anfangen will? Unbekannt. Wie immer in solchen Fällen gibt es Befürchtungen, es könne sich um einen Strohmann für Akteure aus dem rechten Milieu handeln, doch über die Identität ist bisher nichts öffentlich bekannt. „Wir rechnen damit, dass nach der aktuellen Spielzeit Schluss ist“ erklärt Malin. Derzeit spräche viel dafür, dass der Verkauf tatsächlich stattfinde oder bereits stattgefunden habe. Bis dahin hätten immerhin zwanzig Vorstellungen stattgefunden - acht im letzten und zwölf in diesem Jahr. „Natürlich würden wir uns wünschen, dass es weitergeht mit diesem Ort. So ist es bei Erinnerungsarbeit ja eigentlich immer.“ Wie genau das aussehen könne, müsse sich noch zeigen, vielleicht in Form einer größeren Bildungsstätte „Wir würden uns freuen, wenn die Besucher:innen nach dem Stück der gleichen Überzeugung sind wie wir: dass mit dem Gelände etwas Besonderes passieren muss und es der Allgemeinheit nicht entzogen werden darf!“ Wertvolle Visionen Eines steht nach einem Besuch der Stedingsehre in Bookholzberg fest: Wer Visionen hat, sollte nicht zum Arzt gehen, sondern unter Leute - und mit ihnen diskutieren, interagieren, weiterdenken. Denn auch wenn das Machbare keine falsche Orientierung ist, brauchen wir auch große Ideen und Würfe. Deshalb sollten wir hin und wieder auch das Unerreichbare wagen - um entweder glorreich zu scheitern oder um zu entdecken, dass es eben doch erreichbar ist. Auch davon erzählen die „Visionen“ der Kulturetage. Sie deuten an, welche Rolle die Kultur bei der Beantwortung gesellschaftlicher Fragestellungen - bzw. bei der Aufarbeitung historischer Kontexte - spielen kann. Geschichte erlebbar und spürbar zu machen, und dabei geographische und emotionale Bezüge herzustellen, ist eine Kunst für sich - die das Team des theater k offenbar bestens beherrscht. Wir widersprechen Altkanzlern nur ungern, aber diese Visionen sind kein Fall für den Arzt, sondern für die Allgemeinheit. Unbedingt hingehen!

  • PODCAST: FOLGE 12

    Der rote Teppich wurde bereits aus dem Schrank geholt, ordentlich abgeklopft und bereit gemacht für's große Ausrollen! Denn das Internationale Filmfest Oldenburg steht in den Startlöchern & es wird großartig! Vom 14.09. - 18.09.2022 wird unsere Stadt wieder zu einem der Anlaufpunkte überhaupt für all' diejenigen von uns, die eine Leidenschaft für Film, Kinokultur im Allgemeinen hegen und bei denen der Begriff "Independent" das Herz höher schlagen lässt. Gründer und Mastermind hinter dem Spektakel, Torsten Neumann, nahm sich aus diesem Grund für uns Zeit und wir konnten in der diesjährigen Zentrale des Festivals unter anderem über die Ursprünge des Filmfests sprechen, natürlich über das diesjährige Programm aber auch über die Geheimzutat, die das Fest zu etwas besonderem, ja einzigartigem in der Landschaft aller Filmfestivals macht. Achtung: Bereits am 5.September gibt es schon einen Vorgeschmack auf das bevorstehende Programm mit der Trailer-Show in der alten Fleiwa. Weitere Informationen zum Festival und Programm, damit ihr auf keinen Fall den einen Film verpasst, den ihr eigentlich unbedingt sehen wollen würdet, die findet ihr hier: https://www.filmfest-oldenburg.de

  • BESSER ALS DIE REALITÄT

    Ja, das können Illustrationen sein! Den Beweis findet man aktuell und noch bis zum 04.09. in der alten Maschinenhalle direkt am Pferdemarkt bei der inzwischen schon 6. Auflage des Festivals der Illustratoren! FESTIVAL DER ILLUSTRATOREN BIS 04. SEPTEMBER 2022 ALTE MASCHINENHALLE PFERDEMARKT 8A 26121 OLDENBURG Es herrscht reges Treiben in der alten Maschinenhalle am Pferdemarkt, als wir diese für unseren vereinbarten Termin betreten. Überall wird aufgebaut, werden Bilder an die Wände gebracht, obwohl die Wände eigentlich schon gut gefüllt aussehen und Technik eingerichtet. Man merkt: Hier wird der sogenannte Feinschliff vollzogen, nachjustiert und optimiert! Trotzdem: nicht das kleinste Anzeichen von Stress. Dieses Gefühl, dass hier eine Gemeinschaft, Gleichgesinnte zusammenkommen, das hat man irgendwie sofort. Es herrscht eine entspannte Stimmung, denn der Grund zur Freude ist groß. Bis zum Sonntag, den 04. September kommt hier die Gemeinschaft der Illustratorinnen und Illustratoren zusammen und präsentiert ihre Kunst, ihr Handwerk, die Kraft und ihre Möglichkeiten. Eine Kunst in all' ihren Facetten Wie beeindruckend und vielfältig diese Möglichkeiten sind, das sieht man unter anderem an dem reichhaltigen Programm, das Besucherinnen und Besucher hier erwarten dürfen in den kommenden Tagen und Wochen. Denn abseits der Ausstellung gibt es immer wieder Highlights die herausstechen! Angefangen bei Cartoon-Lesungen, über Konzerte bis hin zu Filmvorführungen ist hier wirklich alles dabei. Sogar beim gezeigten Film bleibt man irgendwie dem Anlass des Festivals treu. Klar, ein Animationsfilm, das würden wahrscheinlich viele an dieser Stelle vermuten. Doch dieser Film hat es schon im Titel in sich: „Willkommen in Siegheilkirchen“ spielt an einem Ort im erzkatholisch geprägten Hinterland der Alpenrepublik, wo der von allen nur Rotzbub genannte Sohn braver Wirtsleute mit der spießigen Enge seiner Heimat in den 1960er Jahren hadert. Der Stil und die Zeichnungen basieren auf dem Figurenkosmos des 2016 verstorbenen österreichischen Karikaturisten, Grafiker und Cartoonisten Manfred Deix, die Geschichte ist inspiriert von seiner Biografie und seinem Blick auf die Welt. Mit bissigem Humor und politischer Brisanz erzählt der Film vom Mut, enge Wertesysteme zu hinterfragen und seine Träume zu leben. Derb, lustig, bitterböse und vor allem: fernab vom lieblichen Disney-Standard. Ein Festival, eine Gemeinschaft Vor Ort konnten wir auch mit einigen der Beteiligten und Verantwortlichen des Festivals sprechen und ihnen ein paar Fragen stellen. Ganz dem Anlass entsprechend, haben wir vom Kulturschnack das Interviewszenario dann noch einfach direkt komplett in die Welt der Illustration verlegt (starkes Augenzwinkern), wie ihr nachfolgend sehen werdet: Hi Norbert! Der Begriff der Illustration, wie würdest du den einer Person erklären, die ihn zum ersten mal hört und keine Ahnung hat worum es geht? Norbert Egdorf ... und was würdest du als das Besondere einer Illustration bezeichnen? Was zeichnet sie in deinen Augen aus? Norbert Egdorf Bei vielen der Künstlerinnen und Künstler scheint man immer einen eigenen Stil, ein Alleinstellungsmerkmal erkennen zu können, doch wie entsteht ein solcher Stil, der immer wieder dafür sorgt, dass man sofort weiß, dass das Künstlerin/Künstler XY sein muss, Ulli? Ulrich Bohmann Und was macht das Festival der Illustratoren, jetzt in seiner inzwischen sechsten Auflage für dich aus, Carsten? Worauf freust du dich immer am meisten oder gibt es in diesem Jahr Sachen auf die du dich besonders freust? Carsten Fuhrmann Das vollständige Programm des Festivals findet ihr unter: https://illustratoren-oldenburg.de/programm-2022/ Das Team hinter dem Festival freut sich schon jetzt auf euren Besuch:

  • FEIERTAGE DES FILMS

    Deutschlands Filmtheater feiern das erste bundesweite KINOFEST. Am 10. und 11. September gibt es das Erlebnis auf der großen Leinwand zum kleinen Preis. Das ist viel mehr als nur ein Lockmittel. Das ist eine konzertierte Erinnerung daran, welche Magie das Medium Film entwickeln kann - und wie sehr er ein Erlebnis ist, wenn er richtig inszeniert wird. So wie an diesem Wochenende. Unter der Pandemie haben alle gelitten, aber die Kinos gehörten sicherlich zu den am stärksten betroffenen Gesellschaftsbereichen. Als Teil der Kultur waren sie ebenso von den Lockdowns, Regeln und Vorschriften betroffen wie alle anderen Spielarten der Kultur. Gleichzeitig aber stehen die Kinobetreiber selten so sehr im Rampenlicht wie Akteure aus den Theatern oder der Musikszene. Dem Drama um die Kinos fehlte daher ein wenig die menschliche Komponente. Und noch dazu verstärkte sich während der Pandemie der Trend zum Streaming. Das Kinoerlebnis schien man deutlich besser ersetzen zu können als eine Theateraufführung oder ein Live-Konzert. Eine hoffnungslos Situation? Ganz und gar nicht! Diese Erkenntnis war bereits Gegenstand unseres Podcasts mit Torsten Neumann, Leiter des Internationalen Filmfestes Oldenburg. Denn Kino ist etwas anderes als Fernsehen mit einer maximalen Bildschirmdiagonale. Kino ist einen ganzheitliche sinnliche Erfahrung. Audiovisuell bietet es natürlich allerhöchste Qualität, aber das ist noch mehr. Die spezielle Atmosphäre, die absolute Konzentration, die emotionale Dichte. Film kann erst dann so wirken, wie er gedacht ist, wenn die Ablenkung auf ein Minimum reduziert ist. Und Hand aufs Herz: Wer würde das von seinem eigenen Zuhause behaupten, zwischen Second Screen und Bügelbrett? DAS KINOFEST IN OLDENBURG Keine Überraschung: In Oldenburg nehmen die Programmkinos Casablanca und Cine k am bundesweiten KINOFEST teil. Beide zeigen exklusive Vorpremieren von Filmen, die regulär erst in den kommenden Wochen in den Kinos anlaufen - und zwar allesamt für nur 5 Euro! Hier das Programm der beiden Häuser im einzelnen. CASABLANCA CINE K Etwas anderes kommt noch hinzu. Das KINOFEST feiert das Kino nämlich als „Ort der Begegnung“ - und das ist tatsächlich etwas, das noch zu wenig thematisiert wird. Denn das gemeinsame Filmerlebnis ist ja mehr als nur das Anschauen des Films, es ist auch die anschließende Diskussion darüber. Dabei entsteht etwas in - und mit - uns, das man sonst kaum kreieren könnte. Das Streaming entzieht dem Sehen diese Form der Reflexion. Jeder schaut etwas anderes - bei Serien ist jeder auf einem anderen Stand - und all das bietet keine Basis für gute Gespräche. Kino ist also auch eine Art Gegenpol zur fortschreitenden Individualisierung. Gelungene Kampagne: Die Plakate zum KINOFEST überzeugen visuell. Optimismus? Warum nicht? Immer wieder stimmt irgendjemand den Abgesang aufs Kino an. Die Streamingportale hätten die Dinosaurier der Unterhaltung längst abgelöst, die Sehgewohnheiten der Menschen hätten sich eben verändert, keine Chance auf ein Comeback, die Zeit sei vorbei. Diese Nachrufe sind allerdings mehr als verfrüht, nämlich grundfalsch. Das beginnt bereits mit der Annahme, dass die heimische Couch den Kinosessel komplett ersetzen könnte. Beides ähnelt sich zwar, sie sind aber nicht identisch. Wäre dem so, dürfte keine einzige Schallplatte verkauft werden, schließlich gibt es MP3. Das Vinyl erfreut sich aber allergrößter Beliebtheit - weil es Musik sinnlicher erzählt als digitale Formate. Und so dürfen auch die Kinos Hoffnung schöpfen, erst Recht, wenn es sich dabei um cineastische Aktivposten wie das cine k und das Casablanca Kino handelt. Ihr Produkt ist keineswegs altmodisch und outdated. Im Gegenteil: Die Oldenburger Häuser haben früh erkannt, dass Kino mehr ist als das Abspielen von Filmen. Sie zelebrieren eine Kultur, die das Drumherum miterzählt und wichtigen Kontext bietet. So auch an diesem Wochenende. Feiert den Film! Gleichzeitig kann man diese Tage als Warm-up für das Internationale Filmfest nutzen, das am Mittwoch, den 14. September ab 19 Uhr mit der großen Eröffnung in der Kongresshalle beginnt. beginnt. Vor Oldenburg liegen also wunderbare Feiertage des Films. Damit kann keine Couch der Welt konkurrieren. Also: Hoch den Mors! Netflix kann warten, das KINOFEST gibt es aber nur an diesem Wochenende. Zeigt den Kinos, dass wir sie keineswegs vergessen haben - und genießt Filme so, wie sie gedacht sind!

  • ES WERDE KUNST

    Schluss, Aus, Ende! Wer sich fest vorgenommen hatte, das MEMUR Urban Art Festival zu besuchen, am Wochenende dann aber doch lieber am See war, hat unser Verständnis, aber definitiv was verpasst. Den Künstler:innen bei ihrer Arbeit und den Werken beim Entstehen zusehen zu können, war ein Erlebnis. Das ist unwiederbringlich vorbei, doch ein Trost bleibt: Oldenburg hat eine neue Open Air Urban Art Galerie! Eine eigene Ästhetik: Die Kunst aus der Dose (Video: Kulturschnack) Als wir unseren Vorbericht zum MEMUR Festival mit „Drei Tage Metropole“ betitelten, gab es auch Kritik. Oldenburg solle sich nicht so klein machen, hieß es. Wir seien doch viel öfter bzw. länger Metropole als nur an drei Tagen im August. So sehr wir diese Äußerung verstehen und so sehr wir die Haltung dahinter auch begrüßen: Der Titel war genau richtig. Denn damit machen wir nichts klein, damit machen wir nur etwas groß. Und das zu Recht, wie sich herausstellen sollte. Plötzlich woanders Wer etwa am 14. August in den Bundesbahnweg unweit des Hauptbahnhofs einbog, tauchte ein in eine andere Welt. Ringsum sommerferienleere Hauptverkehrsstraßen, ein hitzeverschlafenes Oldenburg, in dem nur noch umherrollende Präriegrasballen fehlten, um die Stille zu dokumentieren. Und dann, wie aus dem Nichts, ein knallbunter Gegensatz dazu: Großdimensionale Wandbilder in allen denkbaren Entstehungsphasen - und überall der Soundtrack der Straßenkunst. Nein, nicht der Hip Hop, auch wenn der natürlich auch zu hören war. Im Vordergrund aber: Das Klickern der Metallkugel in den Spraydosen und das Zischen der Düse beim Sprayen selbst. Dazu gesellte sich ein Stimmengewirr aus Englisch, Portugiesisch und Norddeutsch in sämtlichen Schattierungen, eine Mischung aus fachlichem Geplänkel und laienhaftem Rätselraten, und durchweg: gute Laune, entspannte Stimmung und viel erstaunte Faszination. Überraschend war zudem die Durchmischung des Publikums. Es war keineswegs so, dass sich nur das Who-is-who der Oldenburger Subkultur getroffen hätte. Im Gegenteil: aus allen Alters- und Gesellschaftsgruppen waren Menschen vor Ort. Mal ganz bewusst, mal rein zufällig, aber immer beeindruckt. Warum? Das seht ihr hier: Nicht in Worte zu fassen: Das MEMUR Urban Art Festival 2022 (Bilder: Kulturschnack) Die Bilder zeigen übrigens nicht nur das Urban Art Festival selbst, sondern auch eine Veranstaltung weiterer Graffiti-Künstler:innen auf der gegenüberliegenden Seite des Bahndamms. Dort, an der „Hall am Pferdemarkt“, wurden vor allem Tags gesprüht, die sich genauso sehen lassen können wie die bildlicheren Motive am Bundesbahnweg. Das ist doch der Wahnsinn: Oldenburg hat plötzlich nicht nur eine Fläche mit Hall/Wall of Fame-Charakter - sondern zwei! Ganz am Ende seht ihr übrigens zwei Bilder von den Graffiti Workshops, die vor allem bei den Kids mega ankamen. Es kann also durchaus sein, dass an diesen drei Tagen im August nicht nur der Grundstein für eine dauerhafte Galerie gelegt wurde, sondern auch für die nächste Künstler:innen-Generation. Das Auge des Betrachters Klar: Graffiti, Street und Urban Art sind Bereiche der Kultur, die nicht alle sofort als Kunst erkennen. Sie bleiben rau, unangepasst, provokant und das soll auch so sein. Dank der Open Air Galerie am Bundesbahnweg werden aber noch mehr Menschen begreifen, dass die Attitüde längst nicht alles ist und dass es hier sehr wohl um Kunst geht, die für alle faszinierend sein kann, nicht nur für Eingeweihte. Sowieso ist Urban Art gekommen, um zu bleiben. Überall auf der Welt wird sie als Bereicherung begriffen, manchmal leider auch im Rahmen groß angelegter Gentrifizierungs-Prozesse. Denn die Kultur wertet in vielen Metropolen industrielle Areale auf, bevor sie dadurch zu teuer für die Künstler:innen selbst werden. Doch das spielt in Oldenburg keine Rolle, zumindest nicht am Bundesbahnweg. Hier kann man ohne schlechtes Gewissen in die Welt der Urban Art eintauchen hin und die neu entstandenen Kunstwerke genießen - und zwar auf Dauer. Insofern stimmt die Kritik an unserem Titel irgendwo doch: Weil die Werke bleiben, fühlt sich Oldenburg tatsächlich länger als nur drei Tage wie eine Metropole an. Allerdings mit Abstrichen. Denn vorbei ist die Chance, live dabei zu sein, wenn eine Betonwand zum Kunstwerk wird. Was das angeht. heißt es: Schluss, Aus, Ende! Aber wer weiß? Vielleicht heißt es auch bald: Fortsetzung folgt. Dann titeln wir einfach wieder: Drei Tage Metropole. Weil es sich genau so anfühlt.

  • TATSÄCHLICH AUSSERGEWÖHNLICH

    Es war eine der großen Überraschungen des letzten Jahres: „Ein außergewöhnliches Ereignis“. Das dreitägige Festival für elektronische Tanzmusik wurde weit über die Region hinaus als spektakuläres Event wahrgenommen und lockte viele Elektro-Fans nach Oldenburg. Dabei spielten nicht nur die Acts eine wichtige Rolle, sondern auch die Atmosphäre und der besondere Ort. Nun folgt die zweite Auflage. Ortstermin im Oldenburger Hafen. Wir stehen auf dem Gelände der alten Kläranlage zwischen überwucherten Industrieanlagen. In der Umgebung ragen mächtige Silos in den Himmel und bilden eine Skyline nach Oldenburger Art. An der gemächlich dahinfließenden Hunte ankern Binnenschiffe und werden mit Schüttgut beladen. Unter ohrenbetäubendem Lärm kommt plötzlich ein Güterzug angerumpelt, um auf dem benachbarten Areal von Rhein Umschlag beladen zu werden. Kein Zweifel: industrieller als hier wird Oldenburg nicht mehr. Was hat das nur mit Kultur zu tun? So einiges, wie sich schnell herausstellt. Nicht etwa, weil einige hundert Meter weiter in Richtung Innenstadt vor einigen Jahren der Theaterhafen stattfand. Nein, hier geht es um etwas anderes. Denn ausgerechnet an diesem „Unort“, fand im vergangenen Jahr ein außergewöhnliches Ereignis statt, nämlich ein dreitägiges Festival für elektronische Tanzmusik. Mehr als 500 Menschen feierten damals ein großes Fest - das sich sogar bis nach Leipzig und Berlin rumsprach, so dass der MDR es in seinem Podcast „Raveland“ featurete - was wiederum zu einem der ersten Kulturschnack-Artikel führte. EIN AUSSERGEWÖHNLICHES EREIGNIS FESTIVAL FÜR ELEKTRONISCHE TANZMUSIK 2. BIS 4. SEPTEMBER 2022 15 UHR - 5 UHR ALTES KLÄRWERK HOLLER LANDSTRASSE 15 26135 OLDENBURG TAGESTICKETS AB 22 EURO Abenteuer Wasserkante Verantwortlich für diese Ereignis war nicht etwa eine große Berliner Agentur, sondern der Freizeitlärm e.V. aus Oldenburg. „Es gab schon länger den Gedanken, gemeinsam einer Outdoor-Veranstaltung auf die Beine zu stellen“, erzählt Gründungsmitglied Gesine Geppert, die sich ansonsten um die Sparte 7 des Staatstheaters kümmert. Anstatt darüber zu lamentieren, dass etwas in Oldenburg fehlt, wollte der Verein diese Leerstelle selbst mit Leben füllen. Doch wie entdeckt man solchen einen Ort? Sitzt man tagelang vor Google Earth und sucht den Screen Pixel für Pixel nach Brachland ab? Nein, die Wahrheit ist analoger und abenteuerlicher: „Auf der Suche nach einem Ort sind drei von uns eines Tages stadtauswärts die Wasserkante der Hunte runtermarschiert. Und dabei stießen sie irgendwann auf dieses Gelände.“ Dabei handelt es sich um die ehemalige Oldenburger Kläranlage auf der Südseite des Flusses: Mitten in der Hafenlogistik, dabei aber erstaunlich grün und mit parkähnlichen Ausmaßen. Aufgedrängt hat es sich damals allerdings nicht: Die Anlagen waren völlig überwuchert mit einer Spontanvegetation aus Moos, Gräsern und Brombeerhecken. Dennoch sah das Freizeitlärm-Trio genügend Potenzial, um große Teil ihrer - nun ja - Freizeit in die Realisierung eines außergewöhnlichen Ereignisses zu investieren. „Als dann noch Rückenwind durch eine Förderung von Neustart Kultur kam und auch die Stadt Oldenburg Unterstützung signalisierte, ging es richtig los“, erinnert sich Gesine an das letzte Jahr zurück. Überhaupt kann sich der Verein über mangelnde Unterstützung nicht beklagen. Nicht nur gab es finanzielle und organisatorische Unterstützung von Staat und Stadt, auch der OOWV als Eigentümer des Geländes stand der Idee des Elektro-Festivals sehr offen gegenüber. und sorgte sogar für die gärtnerische Deeskalation auf dem Gelände. Gleiches galt für die benachbarten Unternehmen, die ebenfalls Unterstützung signalisierten und das Festival zum Teil selbst besuchten. Und so ergeben sich ausgerechnet an diesem ungewöhnlichen Ort mit so unterschiedlichen Beteiligten neue Allianzen, die man in dieser Form vorab niemals erwartet hätte. Entwarnung, Entspannung, Experiment Diese ungemein positive Resonanz ist fast schon überraschend. Schließlich winken manche Menschen bei den Stichworten Elektro, Techno und Rave intuitiv ab: Sie empfinden die Dauerbeschallung als zu anstrengend. Gesine gibt jedoch Entwarnung: „Bei uns läuft irgendwie schöner, entspannter Elektro. Es ist nicht das, was man in den Neunzigern auf einer richtig krassen Techno-Party gehört hat und dabei fast vom Stuhl geflogen ist.“ Für die Expert:innen: Das Ganze bewegt sich zwischen 100 und 140 bpm. Für alle anderen: Niemand muss sich fürchten, auch wenn zuhause meist was anderes läuft. Weil der Weg nicht weit ist, sollte man einfach ein Selbstexperiment wagen. Näher kann uns ein Event solcher Qualität jedenfalls nicht mehr kommen. Ihr wollt vorab was hören? Kein Problem: Unter dem Artikel findet ihr eine Playlist! Ruhe vor dem Sturm: Das Festivalgelände ohne Festival (Bilder: Kulturschnack) Bei den Acts wurde darauf geachtet, dass Stile und Sets zusammenpassen, damit - sozusagen - eine zusammenhängende Geschichte erzählt wird. Und das ist noch nicht alles: „Wir haben auch versucht, möglichst paritätisch zu buchen“, betont Gesine. Auch in der elektronischen Musik sei es so, dass mehr Männer gebucht würden und dass die viele bekannte DJs Männer seien. Damit will der Verein bewusst umgehen - und vielleicht auch etwas verändern. Damit schlägt er in eine ähnliche Kerbe wie das kreativ:LABOR mit seiner Sommer-Reihe „N!CE“, bei der dieses Thema ebenfalls zum Programm gehörte. Es ist wichtig und wunderbar, dass solche Signale von Oldenburg ausgehen. Mehr als Musik Wer sich auf dem Gelände des ehemaligen Klärwerkes umschaut und wer sich ein wenig mit den Veranstaltern unterhält, spürt sehr schnell: Hier geht es um mehr als „nur“ Musik. Wichtig sind auch Werte, die in einer Szene - sei es Techno, Punk oder Hochkultur - nicht immer auf der Tagesordnung stehen: Toleranz, Integration, Respekt, Sensibilität, Empathie, Awareness. Das Ereignis soll für alle Besucher:innen außergewöhnlich sein. Deshalb wurden zwar national bekannte DJs verpflichtet, doch sie werden nicht auf ein Podest gestellt, die Stars werden nicht besonders hervorgehoben. „Bei uns geht es nicht um Namen und Personen. Wir wollen alle gemeinsam auf Augenhöhe feiern“, erklärt Gesine den Hintergrund. Wichtig ist ihr auch ein anderes Element des außergewöhnlichen Ereignisses: Auf die umliegenden Silos werden an den Veranstaltungstagen Kunstwerke projiziert, die von lokalen Künstler:innen eigens für das EAE entworfen wurden. Es geht also um eine ganzheitliche Erfahrung. Im Mittelpunkt steht zwar die elektronische Musik, um die herum ist aber ein Gesamtkunstwerk entstanden, das alle Sinne anspricht. Moment der Veränderung Auffällig: Das außergewöhnliche Ereignis ist eine von mehreren aktuellen Kulturveranstaltungen, die sich irgendwo zwischen den Attributen jung, cool, urban, zeitgemäß einordnen lassen. Oft sind dabei relativ neue Akteure involviert, wie z.B. das Institut für Verknüpfung oder eben Freizeitlärm. Kommt da etwa Größeres in Bewegung? „Ja, da tut sich was“, stimmt Gesine zu. „Da wird gerade eine neue Generation aktiv, deshalb verändert sich in Oldenburg etwas. Es finden Sachen statt, die es so vorher nicht gab und die nicht aus einer bestehenden Institution oder Struktur heraus entstehen, sondern wirklich neu dazukommen.“ Genau das erleben die Oldenburger:innen ganz direkt: Plötzlich ist der Sommer keine kulturelle Ruhephase mehr, sondern das genaue Gegenteil: Eine Zeit neuer Erfahrungen und Erlebnisse. „Momente der Veränderung gab es schon immer“, stellt Gesine fest. Die aktuelle Situation nach den zahlreichen Corona-Lockdowns sei aber eine besondere. Das Bewusstsein für die Bedeutung der Kultur sei spürbar gewachsen. „Vielleicht haben wir jetzt die Chance, die Veränderung ein bisschen weiter oder ein bisschen schneller voranzutreiben“, hofft Gesine. Wenn sie so aussieht wie hier, dann kann das nur gut für Oldenburg sein. Und dann wäre der alte Ausspruch des Schriftstellers Max Frisch wieder einmal bestätigt: „Die Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“ Blick zurück: So stimmungsvoll war es letztes Jahr (Bilder: Ulf Duda, Marjan Grabowski) Schon wieder Metropole Den Vergleich zu den großen Metropolen haben wir schon beim MEMUR Festival gezogen. Wir wollen das nicht abnutzen, doch beim EAE stellt sich ein ähnliches Gefühl ein. Vom Setting über Setlist wird man das Gefühl nicht los, dass dieses Ereignis nicht nur in Oldenburg außergewöhnlich wäre, sondern auch in größeren Städten. Den lieben Menschen vom Freizeitlärm e.V. ist es gelungen, ein Format zu schaffen, das für die Kernklientel attraktiv ist und weit über die Stadtgrenzen nach außen strahlt - das aber auch Menschen vor Ort neugierig machen dürfte, die mit elektronischer Musik bisher nichts am Hut hatten. Dass die Abstände zwischen herausragenden Kulturveranstaltungen nun so kurz werden, könnte ein Zeichen größerer Veränderungen sein. Oldenburg scheint Neues zu gewinnen, ohne Altes zu verlieren. Unabhängig davon darf man die Momentaufnahme einfach genießen: Veranstaltungen wie MEMUR und EAE sind eine riesige Bereicherung für die Stadt. Und nein, sie richten sich eben nicht nur an eine bestimmte Klientel. Ob man zur Zielgruppe gehört oder nicht, entscheiden nämlich nicht die Veranstalter, sondern die eigene Neugier. Unser Tipp: Lasst ihr freien Lauf, auch wenn ihr sonst zu Death Metal mosht oder bei Roland Kaiser mitgröhlt. Wir sind alle massiv untertanzt. Lasst uns das ändern - an einem tatsächlich außergewöhnlichen Ort, bei einem tatsächlich außergewöhnlichen Ereignis.

  • AUS CHAOS WERDE KUNST

    In der BBK-Galerie gibt es noch bis zum 02. Oktober eine neue Ausstellung zu sehen und die könnte auf den ersten Blick thematisch nicht passender für den aktuellen Zustand vieler Bereiche unserer Welt sein. Doch es ist anders als man denkt ... Irgendwie fühlt es sich über die letzten Jahre hinweg leider nur allzu vertraut an. Erst bricht eine Pandemie, dann ein Krieg aus, die unseren bisher vertrauten Alltag völlig umkrempeln und aus den und in teilweise neue Fugen werfen. Letztendlich entsteht: Chaos. Eine bisherige Ordnung, unsere Gesellschaft gerät ins Wanken und gerät immer mehr in Unordnung und Verwirrung. Die Vermutung lag also nah, dass sich der BBK Oldenburg genau aus diesem Grund dazu entschlossen hatte, dieses Thema für die neue Ausstellung in der Peterstraße 1 zu wählen. Doch im Gespräch mit Lioba Müller und Petra Timmas vom BBK wird schnell klar, dass der Fall eigentlich ganz anders liegt. Hoffnung statt Verzweiflung Denn weniger die negativen, destruktiven Kräfte spielen hier eine Rolle, sondern das, was aus einer vermeintlichen Unordnung, einer Unklarheit schon in den nächsten weiteren Schritten entstehen kann. Das Stichwort ist hierbei die sogenannte Chaostheorie. Sie besagt, sehr verkürzt und runtergebrochen, dass geringfügige Änderungen der Anfangsbedingungen dramatische Auswirkungen auf den weiteren Verlauf von Ereignissen haben können sodass auch aus der Unordnung wieder geordnete Strukturen hervorgebracht werden können. Irgendwie klingt das deutlich hoffnungsvoller! Chaotische Systeme in der Natur sind zum Beispiel Wetterphänomene: Turbulente Strömungen von Wind oder Wasser verändern in Sekunden die Strukturen der Wolken, der Sandformationen in der Wüste oder der Strukturen im Watt. Entsprechend funktioniert es in der Kunst, da durch Übermalen oder Bekritzeln eines Untergrundes ein Moment isoliert wird, der im nächsten Schritt ein ganz anderes Erscheinungsbild hervorbringen kann. Und so kann man in der aktuellen Themenausstellung Werke von 67 Künstlerinnen und Künstlern begutachten, die alle völlig unterschiedliche Ansätze zur Thematik gewählt haben und diese für sich ganz individuell interpretieren. Alle Mitglieder des BBK hatten dabei die Chance Werke zur Ausstellung einzureichen. Ausstellung BBK Oldenburg - "Chaos" Peterstraße 1 26121 Oldenburg Öffnungszeiten Galerie Dienstag, Mittwoch & Donnerstag: 14:00 - 17:00 Sonntag: 11:00 - 14:00 Für alle, die vielleicht noch nie die Peterstraße 1 besucht haben (dort gibt es auch noch einiges mehr zu entdecken: Kinderbibliothek, Artothek ... ) und eine ganz kleine Orientierungshilfe benötigen - für euch haben wir hier noch eine Kleinigkeit: Weitere Informationen findet ihr unter: https://bbk-oldenburg.de/

  • KOLUMNE: WELCHE SOMMERPAUSE?

    Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die Spielzeitung des Staatstheaters. Digital findet ihr sie unter www.staatstheater.de. Oder: hier. Es gab mal eine Zeit, die Älteren werden sich erinnern, da gab es in den Oldenburger Sommern genau eine Veranstaltung. Zunächst in Eigenregie der Stadt und später in Verantwortung der Kulturetage fand der Kultursommer statt. Der teilte die Bevölkerung in zwei Gruppen: Die einen fuhren in den Urlaub und verpassten ihn – die anderen blieben hier und genossen ihn. Nicht selten schmerzt es die Urlauber:innen mehr, den KuSo zu verpassen als die Daheimgebliebenen, die italienische Riviera mal wieder nicht gesehen zu haben. Ob das heute immer noch so ist? Ich kann es nicht genau sagen. Aber theoretisch müsste der Effekt noch stärker sein als damals. Denn zum einen gibt es den KuSo immer noch; und zwar nach wie vor in hoher Qualität. Zum anderen sind neben den Kultursommer so viele andere attraktive Veranstaltungen gerückt, dass es technisch völlig unmöglich wäre, in den Urlaub zu fahren, ohne etwas Wesentliches zu verpassen. Hochsaison statt Sommerpause Im Grunde geht dieses Phänomen schon los, bevor die großen Ferien überhaupt begonnen haben. Sobald die Bedingungen es zulassen, finden so viele Veranstaltungen statt, dass man sie kaum noch sortiert bekommt. In diesem Jahr war der Juni absolute Hochsaison, da einerseits bereits alles nach draußen strömte, um Kultur unter freiem Himmel zu erleben, andererseits aber drinnen nach wie vor exzellentes Programm stattfand. So fand die letzte Premiere des Staatstheaters in der Spielzeit 21/22 am 25. Juni statt – bei 27 Grad Außentemperatur und zeitgleich stattfindenden Events wie der Langen Nacht der Musik oder dem Re:Claim Kulturfestival. Die Gründe für diese Verdichtung sind schnell identifiziert. Da ist vor allem der Megatrend Open Air. Unsere traditionelle norddeutsche Häuslichkeit brach dank der extremen Sommer in den letzten Jahren schon etwas auf. Corona gab dann weiteren Schub, denn in Zeiten der Pandemie war draußen das neue drinnen: Man konnte dort sicherer kalkulieren als in den Sälen. Frei nach dem Motto: Besser schlechtes Wetter als positive Tests! Das betraf auch viele Akteure und Institutionen, deren natürliches Habitat eher innen liegt, etwa die Theater oder die Kneipen mit Konzertprogramm. Die Szene in Szene Parallel dazu nahm der Generationenwechsel im Kultursektor Fahrt auf. Und jüngere Menschen wollen, was jüngere Menschen immer wollen: Dinge anders machen, Neues ausprobieren. Dabei half ihnen das städtische Kulturbüro unter anderem dadurch, dass es die Zwischennutzungs-Agentur „Raum auf Zeit“ finanziert. Zudem wurde mit MACH|WERK ein Förderinstrument explizit für junge Kulturakteure eingeführt. Das Ergebnis: eine lebendige und vielfältige Kulturszene – mit entsprechend vielen Angeboten. Nach Stand der Dinge geht damit aber etwas einher, nämlich eine leichte Überforderung des Publikums. Fest steht zwar, dass in Oldenburg genügend Menschen leben, um sämtliche Kulturveranstaltungen ständig auszuverkaufen. Fakt ist aber auch, dass viele Bürger:innen bisher nicht wirklich erreicht wurden – und dass einige auch noch eine postpandemische Zurückhaltung pflegen. Auch hier versucht das Kulturbüro entgegenzuwirken, indem es mit dem Online-Magazin/Podcast „Kulturschnack“ die Kulturszene in Szene setzt und für alle noch interessanter macht. Die Zeiten, in denen es immer Sommer in Oldenburg genau eine Kulturveranstaltung stattfand, sind definitiv vorbei. Gut so! Jetzt müssen wir als Publikum nachziehen und all das genießen, was uns geboten wird. Und wenn es dann wieder so ist, dass nichts mehr schmerzt als die Kultur daheim zu verpassen – dann nehmen wir das dankend in Kauf.

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